Tochter der Flammen (Preisaktion: Zum halben Preis) - A.L. Knorr - E-Book
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Tochter der Flammen (Preisaktion: Zum halben Preis) E-Book

A.L. Knorr

4,0

Beschreibung

Band zwei der preisgekrönten Urban Fantasy Serie aus Kanada endlich auf Deutsch - Kann unabhängig von Band 1 gelesen werden Ein Kind des Feuers Ganz allein reist die abenteuerlustige Saxony den Sommer über nach Venedig. Sie soll sich dort als Au-pair um den kleinen Isaia kümmern. Allerdings hat ihre Gastfamilie Saxony verschwiegen, dass der Junge an einer mysteriösen Krankheit leidet: Isaias Stirn wird in Stresssituationen heiß wie Kohle und in seinen Augen strahlt eine unheimliche Glut. Doch Isaia ist nicht das einzige Mysterium, dem Saxony in Venedig begegnet. Sie trifft den undurchschaubaren Dante, den Sohn eines Mafiabosses. Doch was als aufregende Liebschaft beginnt, wird bald gefährlich. In größter Not eilt ausgerechnet der kranke Isaia Saxony zu Hilfe und überträgt eine einzigartige Fähigkeit auf sie. Mit ihren neuen Kräften muss Saxony Dante und entgegentreten. Doch sie fürchtet sich nicht mehr vor ihm. Denn sie ist eine Tochter des Feuers. Die Tochter der Flammen.

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Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Nachwort

TOCHTER DER FLAMMEN

Die Töchter der Elemente – Band II

von A.L. Knorr

Impresssum:

Titel: Tochter der Flammen

Originaltitel: Born of Fire

Autor: Abby L. Knorr

Verlag: VVM

Cover: Damonza

Deutsche Erstveröffentlichung: Berlin 2020

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Nachwort

Prolog

Nicodemo stabilisierte das Stativ und nahm ein paar letzte Anpassungen am Ton des Aufnahmegerätes vor. Dann drückte er auf Play.

Er war es immer noch nicht gewohnt, vor der Kamera zu stehen, und fühlte sich unwohl in seiner Haut. Was für eine Ironie, dass er in seinem Leben unzählige kaltblütige Straftaten begangen hatte, vor dem kalten, toten Blick einer Maschine aber seine Handflächen zu schwitzen begannen.

Er räusperte sich und begann zu sprechen. Seine Stimme war ruhig und warm. Dieses Video würde hoffentlich niemals gesehen werden. Es war eine Sicherheitsvorkehrung, nur für den Fall, dass ... Er schob den Gedanken beiseite. Er wollte nicht an ›den Fall‹ denken.

Es dauerte weniger als drei Minuten, um den letzten Clip der Serie aufzunehmen. Er beugte sich vor und stoppte die Aufnahme zufrieden. Das sollte reichen.

Er holte tief Luft und ließ den Kopf für einen Moment hängen. Hinter geschlossenen Augen sah er ihr liebevolles Gesicht vor sich. Sein Herz klopfte schmerzhaft. Er schüttelte das Bild ab. Anstatt weiter in seinen Erinnerungen zu verharren, startete er seinen Laptop und lud den Videoclip herunter. Er verschlüsselte ihn und steckte ihn mit dem ganzen Rest in eine Zip-Datei, die er an seinen Anwalt schickte: Die Letzte. Nochmals vielen Dank. Nic.

Ein Klopfen an der Tür seiner Zelle brachte ihn dazu, sich umzudrehen. Das glatte, bartlose Gesicht von Dante tauchte im Türspalt auf. Nic erinnerte sich an die Zeit, als er in Dantes Alter gewesen war. Damals schien die Welt voller Möglichkeiten zu sein. Mittlerweile wusste er es besser.

„Da bist du ja“, sagte Dante. „Du hast es dir doch nicht anders überlegt, oder?“

Nicodemo erlaubte sich ein Lächeln. „Nein. Du?“

Dante wirkte aufgeregt. „Auf keinen Fall.“ Sein Blick fiel auf das Stativ und dann auf den Laptop. „Was machst du da? Nimmst du deine Memoiren auf? Unnötig. Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas passiert.“

Nicodemo schaltete seinen Computer aus. „Du weißt, dein Vater würde mich wahrscheinlich feuern und dich für immer in deinem Zimmer einsperren, wenn er wüsste, was wir vorhaben.“

„Bis er es herausfindet, wird alles vorbei sein. Du wirst stärker sein als je zuvor und vor allem ohne Schmerzen.“

Nicodemo seufzte. Das war der Plan. Aber das Risiko ... Er sah zu Dante. Er vertraute diesem Burschen sein Leben an. Doch jetzt war es zu spät für Zweifel.

Dante stampfte auf. Nicodemo versuchte, dem Jungen seine Aufregung nicht übel zu nehmen. Sobald alles vorbei war, würde er Dante einiges dafür schulden, dass er ihn aus dem Feuer zurückgeholt hatte.

„Sollen wir den Plan noch einmal durchgehen?“, fragte Nicodemo, während er das Stativ auseinandernahm und seinen Laptop in seine Tasche packte.

„Nic, wir sind den Plan schon ein Dutzendmal durchgegangen“, antwortete Dante. „Heute ist niemand zu Hause, die Villa ist leer. Es ist der perfekte Zeitpunkt. Alles wird gut.“

Nicodemo nickte und stellte den Stuhl an die Wand. Er reichte Dante die Laptoptasche. „Würdest du den bitte in meine Suite bringen?“

„Natürlich“, sagte Dante und nahm die Tasche.

Die beiden verließen das Zimmer und gingen den langen dunklen Flur hinunter. Der Steinboden führte nach unten und die Decken senkten sich auf sie herab. Schließlich erreichten sie eine mittelalterlichere Zelle, vor der zahlreiche mit Wasser gefüllte Eimer standen. Nicodemo beäugte sie grimmig.

Der Eingang zur Zelle war so niedrig, dass sie sich zusammenkauern mussten, um hindurchzugehen. Die Metalltür gab ein Knirschen von sich, als Nicodemo sie aufstieß. Der Raum roch nach altem Urin und schimmeliger Erde. Nicodemo betrachtete die Stahltür.

Dante stellte den Koffer an die Wand vor der Tür. „Was ist los? Glaubst du nicht, dass sie dich aufhalten kann?“

„Das spielt keine Rolle. Ich habe nicht vor sie anzugreifen.“

Er musterte die schmuddelige Zelle. Sein Blick fiel auf ein flauschiges, weißes Kissen, das auf der Holzplattform lag, die als Bett diente. Er hob es auf und schnüffelte daran. Lavendel. Er zog eine Augenbraue hoch.

„Beschwer dich nicht“, sagte Dante. „Ich denke nur an dich. Es stinkt hier drinnen.“ Dante nahm Nicodemo bei den Schultern und erschreckte den älteren Mann, indem er zuerst seine rechte und dann seine linke Wange küsste.

„Ich bin stolz auf dich“, sagte Dante. Er nahm eine Stoppuhr aus seiner Tasche und zeigte sie Nicodemo. „Sechzehn Stunden. Wenn die Zeit abgelaufen ist, werde ich wiederkommen, um nach dir zu sehen.“

Nicodemo nickte. „Lass es uns einfach hinter uns bringen.“

Kapitel 1

Ich schloss meine Augen, lehnte meinen Kopf gegen das Flugzeugfenster und stieß einen tiefen Seufzer aus. Endlich flogen wir! Es war das Ende einer Woche voller Schwierigkeiten und ich war überglücklich, mein altes Leben hinter mir zu lassen.

„Das erste Mal in einem Flugzeug?“, fragte die Frau neben mir.

Ich drehte mich um und betrachtete meine Sitznachbarin. Die Frau hatte kurzes, graues Haar, ein offenes Buch auf ihrem Schoß aufgeschlagen und schaute mich über ihre Brille hinweg mütterlich an.

„Mein erster transatlantischer Flug, ja. Aber das macht mir nichts aus.“

„Nein?“

„Vorsicht“, warnte ich. „Wenn Sie mich zum Reden bringen, bin ich nicht mehr aufzuhalten.“ Ich drehte mich zum Fenster zurück, zu meinem verzerrten Spiegelbild. „Ich rede zu viel. Sagt man mir jedenfalls.“

Die Dame war für einen Moment still. „Der Flug ist lange genug. Was treibt dich nach Italien?“

„Ich habe eine Au-pair-Stelle bekommen. Zwei kleine Jungen. Ich werde den ganzen Sommer dort sein und mich um sie kümmern.“

„Ah“, sagte sie. „Das klingt nach der perfekten Erfahrung für jemanden in deinem Alter.“

„Ja, ich bin wirklich froh“, antwortete ich.

„Warum dann so mürrisch?“

Ich kaute auf meiner Lippe herum. Scham erhitzte meine Wangen und zu meinem Entsetzen konnte ich spüren, dass meine Augen feucht wurden. Ich wusste, ich hätte jetzt schweigen sollen. Ich hätte sagen sollen, dass ich müde war. Aber aus irgendeinem Grund tat ich es nicht.

„Ich habe alles vermasselt“, sprach ich den Gedanken aus, der mich schon die ganze Woche über quälte.

„Das ist menschlich.“

„Aber ich hasse es, stereotypisch zu sein.“

„Stereotypisch?“

Ich zerrte am Ende meines feuerroten Pferdeschwanzes. „Ich bin rothaarig.“

„Ja, und?“

„Ich bin eine temperamentvolle, emotionale Rothaarige“, fügte ich hinzu. „Glauben Sie, dass das Klischee stimmt? Dass rote Haare emotional machen?“

Die Frau dachte einen Augenblick lang nach. „Es heißt, Stereotypen existieren aus einem Grund. Der Grund ist, dass in ihnen immer ein Körnchen Wahrheit steckt. Ein Haar Wahrheit, wenn du willst.“ Sie wackelte mit den Augenbrauen.

„Sehr witzig.“

„Ich danke dir. Aber nein, ich glaube, unter der Oberfläche sind wir alle temperamentvoll und emotional. Vielleicht ist unser Temperament für einige von uns schwerer zu kontrollieren, aber das ist eine Frage der Übung. Und der Atmung.“ Sie hielt einen Finger hoch. „Atmen hilft.“ Sie schloss ihr Buch und steckte es in die Sitztasche vor ihr. „Was hast du denn vermasselt?“

Ich wickelte mein Kopfhörerkabel um meinen Daumen. „Ich habe zwei Brüder. R.J. und Jack. Normalerweise verstehen wir uns ziemlich gut. Aber Jack – er ist ein paar Jahre jünger als ich – regt mich schon die ganze Woche auf. Er hat den Verschluss an meinem Gepäck aufgebrochen und dann meinen Pass versteckt und gelacht, während ich drei Tage lang verzweifelt nach ihm gesucht habe.“

„Wie frustrierend.“

Ich nickte. „Das war es. Und dann vor drei Nächten, nach dem Abendessen, sagte Dad zu Jack, dass er mit dem Abwasch dran sei, aber er ging stattdessen sein Videospiel spielen. Ich habe es zuerst nicht bemerkt, weil ich packen musste. Aber dann kam ich in die Küche und alles war immer noch ein Desaster. Meine Mutter war mit Kopfschmerzen ins Bett gegangen und Dad war mit R.J. in der Garage. Ich hatte es so satt, dass ich explodierte.“ Ich hielt inne, und mein Herz klopfte, als ich den Moment noch einmal durchlebte.

„Was hast du getan?“

„Ich stürmte in sein Zimmer und ...“ Ich holte tief Luft und legte meine Hände an meine Wangen. Mein Gesicht fühlte sich an, als würde es verbrennen. Meine Stimme schwankte. „Ich trat ihm seinen Controller aus den Händen und packte ihn am Nacken, ziemlich hart. Ich hob ihn auf und schob ihn zur Tür und schrie ihn an.“ Ich verstummte und schloss meine Augen wegen der schrecklichen Erinnerung an das, was als Nächstes kam.

Die Dame wartete.

„Ich wollte das nicht ...“ Ich räusperte mich. „Er rutschte aus. Sein Zimmer ist immer eine solche Müllhalde. Er fiel hin. Ich meine, wir sind beide gefallen. Aber er schlug gegen den Türpfosten. Das Knacken ...“ Ich schauderte.

„Ist er in Ordnung?“

„Er schlug mit dem Gesicht dagegen.“

Sie zog eine Grimasse.

„Er brach sich den Vorderzahn ab und bekam ein blaues Auge.“ Ich rieb mir das Gesicht und versuchte, die Erinnerung auszulöschen. „Da war eine Menge Blut. Ich dachte, ich würde krank werden. Nicht von dem Blut, na ja, vielleicht teilweise, aber ich ...“

„Du hast dich schrecklich gefühlt.“

Ich nickte und schaute aus dem Fenster in das schwarze Nichts. „Das tue ich immer noch. Meine Eltern sind ausgerastet. Sie haben mir befohlen, Venedig abzusagen.“

„Aber du bist hier. Also, was ist passiert?“

Ich drehte mich wieder zu ihrem freundlichen Gesicht um. „Jack. Er wusste, dass es mir leidtat. Ich saß zwei Tage in meinem Zimmer und konnte nichts essen. Also brachte er meine Eltern dazu, ihre Meinung zu ändern. Er gab sogar zu, mich die ganze Woche über terrorisiert zu haben.“

„Klingt nach einem lieben Jungen, tief drinnen.“

„Ja, das ist er. Besser als ich.“

„Ich bin mir sicher, dass das nicht wahr ist.“

„Wie lieb kann ich sein, wenn ich meine Emotionen nicht zügeln kann und am Ende Leute verletze?“

„Jack vergibt dir. Klingt, als würden deine Eltern das auch tun. Warum vergibst du dir nicht selbst? Du bist jetzt ein Au-pair. Eine perfekte Gelegenheit, Geduld und Kontrolle zu üben, nicht wahr?“

„Stimmt. Theoretisch.“

„Lass die Vergangenheit hinter dir. Lerne aus ihr, aber lass dich nicht festhalten. Wir alle machen Fehler. Lass sie los, um besser zu werden.“

Mein Magen zog sich bei der Erinnerung an Jacks blutiges Gesicht zusammen. Ich verschränkte die Arme und atmete langsam aus. „Das werde ich.“

Kapitel 2

Sechsjährige Jungen sollten nicht aussehen, als wären sie erst vier. Sie sollten keine schmerzerfüllten Augen haben. Keine so blasse Haut, keine schütteren Haare, keine schlaffen Glieder und kein hervorstehendes Rückgrat. Vor allem sollten sie keine violetten Flecken im Gesicht haben. Doch Isaia hatte all diese Dinge.

Ich war keine Expertin, aber ich konnte ein krankes Kind erkennen, wenn ich eines sah, und Isaia war ein krankes Kind.

Mein Magen hatte sich noch nicht vollständig beruhigt und meine Augen fühlten sich seltsam an. Aber der Jetlag verschwand, als Isaia sich näherte. Sein Vater Pietro trug ihn wie ein Kleinkind auf dem Arm. Meine Gedanken kehrten zurück zu dem Brief, den ich von meiner Gastfamilie und ihren Söhnen erhalten hatte. Cristiano Baseggio – neun Jahre alt, ein Fußballfreund mit einem Talent für Mathematik. Isaia Baseggio – sechs, ein süßes, schüchternes Kind mit einer Vorliebe für Gute-Nacht-Geschichten und Lego. Von einer Krankheit hatte da nichts gestanden. Warum hatte man mir nicht gesagt, dass es einem der Kinder, die sich den Sommer über in meiner Obhut befinden würden, nicht gut ging?

Doch meine Entrüstung löste sich auf, als Isaia seinen Kopf umdrehte und unsere Blicke sich trafen. Seine Augen waren schwarz wie Kohle und überwältigend tief und ausdrucksstark.

Pietro beugte sich über Isaia und küsste die blonde Haarpracht seines Sohnes. Die zärtliche Liebe, die der Vater zum Ausdruck brachte, rührte mich.

Seine Mutter Elda saß neben mir auf der Couch und sagte: „Liebling, begrüße dein Au-pair-Mädchen.“ Sie hatte einen sanften Akzent, eine noch sanftere Stimme und müde Augen.

Isaia, dessen Blick sich nicht von meinem gelöst hatte, streckte mir eine Hand entgegen. Er lehnte sich aus den Armen seines Vaters.

„Madonna“, sagte Pietro, der Vater, als er merkte, dass sein Sohn nach mir griff.

Reflexartig streckte ich meine Arme aus und der Junge beugte sich so weit vor, dass Pietro keine andere Wahl hatte, als ihn mir zu übergeben. Mein Herz schmolz, als sich der winzige, warme Körper in meinen Schoß legte. Er drückte seinen Kopf an meine Schulter, so wie es bei Pietro der Fall gewesen war, und seine kleine Hand berührte mein Gesicht, bevor er sie unter sein Kinn steckte.

„Hallo, Isaia“, sagte ich leise. Ich hatte lauter Fragen, aber ausnahmsweise sprangen sie nicht aus meinem Mund hervor. Isaia war heiß und schlaff in meinen Armen, wie ein warmer Sack mit Knochen.

Elda und Pietro schienen beinah erschrocken.

Ich sah zu den beiden auf. „Macht er das bei jedem?“

„Ganz im Gegenteil“, sagte Elda. „Er lässt sich normalerweise von niemandem berühren außer seiner Familie.“ Sie sprach mit Pietro in ehrfürchtigem Ton auf Italienisch, und er setzte sich auf den Hocker neben ihr und antwortete genauso erstaunt.

Isaia hob den Blick zu mir und das Leid in seinen schwarzen Augen legte sich wie ein Schraubstock um mein Herz. Worunter litt er? Warum hatte er nach mir gegriffen? Einer Fremden. Und was hatte dieser kleine Kerl mit mir gemacht? Noch nie zuvor hatte ich so schnell eine Beziehung zu einem Kind entwickelt.

Ich schluckte. Wahrscheinlich war ich einfach nur erschöpft von dem langen Flug. Ich hatte überreagiert. Ich merkte, dass Elda und Pietro mich anstarrten. Die Stille im Raum fühlte sich erdrückend an.

„Ich denke, wir werden gut miteinander auskommen, nicht wahr?“, fragte ich Isaia.

Elda räusperte sich.

„Isaia spricht nicht“, sagte Pietro.

„Oh!“ Ich konnte meine Überraschung nicht verbergen. War er stumm? Eine weitere wichtige Information, die sie ausgelassen hatten. Es kam mir in den Sinn, dass ich mich bei der Vermittlungsagentur darüber beschweren könnte. Aber als ich von einem verlegenen Elternteil zum anderen und dann zu Isaia blickte, verwarf ich den Gedanken.

„Zumindest nicht mehr“, fügte Pietro hinzu.

Elda starrte zu Boden.

„Er sprach früher?“ Das wurde immer seltsamer. „Was ist passiert?“

Pietro kratzte sich am Kopf. „Wir wissen es nicht. Die Ärzte können es nicht erklären. Wir haben ihn zu drei verschiedenen Spezialisten gebracht. Er ist nie kräftig gewesen, aber er sprach immer sehr gut. Dann, eines Tages“, er schnippte mit den Fingern, „hörte er einfach auf.“

Elda starrte noch immer auf den Boden. Wollte sie mir oder ihrem Mann nicht in die Augen sehen?

„Wann ist das passiert?“ Ich legte meine Hand auf Isaias Rücken und fühlte die heiße, holprige Wirbelsäule unter meiner Handfläche.

„Er war drei.“

„Dreieinhalb“, korrigierte Elda. Ihr Blick traf meinen, aber nicht den ihres Mannes. Ich hatte das seltsame Gefühl, dass sie etwas über den Zustand des Jungen vor ihrem Mann verbarg. Oder kam ich zu voreiligen Schlüssen? Ich war gerade erst eingetroffen und stellte schon Vermutungen an.

„Das Beste für ihn“, fuhr Elda fort, während ihre braunen Augen auf meine gerichtet waren, „ist es, dafür zu sorgen, dass er viel Wasser trinkt. Er wird sehr schnell durstig. Ich kann das gar nicht genug betonen. Er muss viel trinken. Ansonsten ist er ziemlich pflegeleicht. Pflegeleichter als man erwarten würde, wenn man ihn ansieht.“

Ich nickte. „In Ordnung. Eine Menge Wasser. Hab’s verstanden.“

Pietro schaute auf seine Uhr. „Wir können uns später unterhalten, aber jetzt muss ich erst einmal beide Jungs an der Schule absetzen und dann zurück ins Büro fahren.“ Er stand auf und rief nach Cristiano.

Schritte hallten aus dem Flur und ein geschmeidiger, gebräunter Junge mit einem Mini-Fußball in den Händen erschien. Er sprach schnelles Italienisch, das sein Vater ebenso schnell erwiderte.

„Cristiano, komm und lerne dein neues Au-pair-Mädchen kennen“, sagte Elda.

Cristiano und ich begrüßten einander. Ich konnte nicht anders, als über sein breites Grinsen mit den Grübchen zu lächeln. Er war schön, drahtig und voller Energie, genau das Gegenteil seines kleinen Bruders und seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, nur dass Pietros Augen blau waren. Mit seinem braunen Haar, seinen braunen Augen und seiner braunen Haut erinnerte Cristiano mich an einen Schokokeks. Ich vermutete auch, dass er wahrscheinlich für den Hurrikan verantwortlich war, der durch das Haus gefegt zu sein schien. Die Villa war groß und schön, doch überall lag Spielzeug verstreut: Buntstifte, Filzstifte, Spielzeugautos und fußballbezogene Utensilien bedeckten jede Oberfläche. Genug Spielzeug für zehn Kinder – nicht nur für zwei.

„Das ist Saxony. Du musst dein Englisch benutzen, wenn du mit ihr sprichst, ok?“, sagte Elda zu Cristiano.

Er nickte und winkte mir zu. „Hallo.“ Seine Stimme drang in jede Ecke des Raumes und jede Bewegung, die er machte, war schnell. Er ließ den Fußball fallen und kickte ihn den Flur hinunter. Mit einem letzten Blick auf mich drehte er sich um und lief ihm nach.

„Hol deinen Rucksack“, rief Elda ihm nach. „Daddy bringt dich in zehn Minuten zur Schule.“

„Zur Schule?“, fragte ich. „Haben die zwei denn keine Sommerferien?“ Ich war überrascht, dass Isaia überhaupt irgendwo anders hinging als ins Bett.

„Nur noch ein paar Tage“, sagte Elda. „Sie sind in einer Privatschule.“

„Andiamo“, sagte Pietro zu Isaia und streckte Isaia die Hand entgegen.

Zum ersten Mal, seit er sich auf meinem Schoß niedergelassen hatte, rührte sich Isaia und kletterte hinunter. Wieder war ich erschrocken über seine winzige Statur. Er sah mir direkt ins Gesicht. Seine Augen waren so ... gespenstisch. Er durchquerte den Raum und nahm die Hand seines Vaters.

Ich war in der Lage, Isaia und seinen Bruder Seite an Seite zu beobachten. Die beiden Jungen nebeneinander sahen kaum verwandt aus. Cristiano klopfte Isaia geistesabwesend auf den Scheitel, als er mit seinem Vater sprach. Elda stand auf und verabschiedete sich von ihren Söhnen. Sie küsste die beiden, kniete dann nieder und sprach in einem beruhigenden Ton mit Isaia. Er nickte.

Kurz bevor die Jungen die Treppe hinunter verschwanden, sah Isaia zu mir zurück. Das Sonnenlicht, das durch das Fenster schräg eindrang, reflektierte sein rechtes Auge und nur für den Bruchteil einer Sekunde dachte ich, dass es rot glühte. Ich blinzelte.

Als die Jungen fort waren, drehte sich Elda zu mir um. „Du bist wahrscheinlich erschöpft.“

„Ein bisschen“, log ich, denn in Wahrheit wollte ich nichts sehnlicher, als mich auf den Teppich unter unseren Füßen zu legen und zu schlafen.

„Ich werde dir deine Wohnung zeigen.“

Die Gästewohnung war winzig, aber charmant und beinhaltete meine eigene kleine Küche und ein Fenster mit Blick auf den Kanal. Elda und ich kamen überein, den Zeitplan und die Bedürfnisse der Jungs später am Abend durchzugehen. Sie verabschiedete sich und überließ mich mir selbst.

Obwohl ich todmüde war, fischte ich zuerst mein Handy aus meiner Handtasche und schrieb eine Nachricht an meine drei besten Freundinnen Akiko Susumu, Targa MacAuley und Georjayna Sutherland: Gelandet! Familie getroffen. Ich habe schon gelernt, dass „Straße“ calle heißt, und Venedig soll diesen Sommer so heiß wie deuce sein. Wie geht's euch, Mädels?

Ich legte das Telefon auf den Nachttisch. Ihre Antworten würden eine Weile auf sich warten lassen. Meine Freundinnen und ich waren diesen Sommer auf verschiedene Zeitzonen verteilt.

Ich sank aufs Bett, schloss meine Augen und seufzte vor Erschöpfung und Erleichterung darüber, mich endlich ausruhen zu können. Doch die Aufregung ließ mich nicht schlafen. Oder war es die Erinnerung an Isaias Augen?

Kapitel 3

„Du musst eine Art Zauberin sein“, sagte Elda eines Morgens, als sie sah, dass das Wohnzimmer, die Küche und der Essbereich aufgeräumt waren. „Ich hatte vergessen, wie meine Böden aussehen.“

„Danke, aber der wahre Zauber wird darin bestehen, Cristiano beizubringen, seine Sachen selbst wegzuräumen“, sagte ich, während ich ihre Espressotasse unter die Kaffeemaschine stellte.

Elda und ich hatten oft ein paar Minuten allein in der Küche, bevor sie zur Arbeit ging.

„Ja, wenn du das schaffst, bist du mit Sicherheit eine Zauberin“, sagte sie lächelnd und bückte sich, um die Schnallen an ihren roten Lederschuhen zu befestigen.

„Du trägst immer so tolle Schuhe“, sagte ich. „Woher hast du die?“

„Willkommen in Italien, dem Land der schönen Schuhe. Irgendwann werde ich dir meine Lieblingsläden zeigen. Natürlich befinden sich die besten in Mailand, aber wir haben auch ein paar schöne hier in Venedig.“

Elda und ich unterhielten uns, bis sie wegmusste, dann fing ich an, das schmutzige Geschirr zu spülen. Heute hatte Isaia keine Kurse, also würden wir den Tag zusammen verbringen. Es war mein letzter Arbeitstag vor dem Wochenende. Ich überlegte, was ich mit Isaia machen sollte. Es war immer schwer abzuschätzen, wofür er Energie haben würde.

„Buongiorno“, lächelte ich, als Pietro mit Isaia in die Küche kam, und reichte ihm einen Espresso.

Er nahm die Tasse und dankte mir.

„Guten Morgen, Isaia“, wandte ich mich dem Jungen zu. Ich war immer noch nicht an den Blick seiner Augen gewöhnt. Auch wenn er nicht sprechen konnte oder wollte, nahm ich an, dass er das meiste von dem, was ich sagte, verstand. In den wenigen Tagen, die seit meiner Ankunft vergangen waren, war ich zu der Überzeugung gelangt, dass Isaia deutlich mehr Englisch verstand als sein älterer Bruder.

Isaia griff nach mir. Pietro übergab mir den Jungen, der jetzt an unsere Morgenroutine gewöhnt war. Ich küsste seinen Scheitel und fühlte die Wärme, die von ihm ausging, mit meinen Lippen. Ich glaubte nicht, dass er Fieber hatte, aber irgendwie wirkte er trotzdem immer kränklich.

„Ich wollte fragen, ob es ok ist, wenn ich Isaia heute zu einer Glasbläservorführung auf Murano mitnehme. Elda hat mir einen Geschenkgutschein für eine Vorführung gegeben. Er läuft nächste Woche ab. Ich dachte, so etwas könnte ihm gefallen.“

„Das ist eine schöne Idee“, sagte Pietro. „Bitte tu das.“ Er fischte in seiner Brieftasche und zog eine Visitenkarte heraus. „Ruf Giovanni an, er wird dich fahren“, sagte er und gab sie mir. „Und bezahl ihn nicht“, fügte er hinzu und hob einen Finger. „Ich habe eine Vereinbarung mit ihm.“

„Grazie! Vielen Dank.“

Pietro und Cristiano verabschiedeten sich und ich wandte mich an Isaia: „Jetzt sind nur noch du und ich übrig, kleiner Mann. Bist du hungrig?“

Er schüttelte den Kopf.

„Möchtest du heute nach Murano gehen?“

Er zuckte zuerst mit den Achseln, schien dann darüber nachzudenken und nickte schließlich.

„Ok, aber wir müssen vorher noch ein paar Stunden hier verbringen. Ich werde die Küche aufräumen, und du kannst spielen gehen.“

Er nickte und stapfte langsam den Flur hinunter in Richtung seines Zimmers. Ich runzelte die Stirn. Der Junge schien überhaupt keine Energie zu haben. Cristiano war von morgens bis abends nicht zu stoppen. Aber ich hatte Isaia noch nie rennen oder einen Ball kicken oder etwas Anstrengenderes tun sehen, als mit Lego oder Farbe zu spielen. Ich fragte mich zum millionsten Mal, warum er aufgehört hatte zu sprechen.

Am Abend nach meiner Ankunft hatte ich ein paar Stunden lang recherchiert und allerlei Webseiten gefunden, auf denen davon die Rede war, dass Kinder nach einem traumatischen Ereignis ihre Sprache verlieren konnten. Viele erlangten ihre Sprachfähigkeiten nach einer Therapie wieder. Aber Pietro und Elda sagten beide, dass Isaia nie ein traumatisches Ereignis durchgemacht hatte, nicht einmal einen schmerzhaften Zahnarztbesuch. Er hatte ein behütetes und geschütztes Leben geführt. Er war einfach nie ein lebhaftes Kind gewesen, nicht einmal im Mutterleib.

Das Zwitschern meines Telefons unterbrach mich beim Abwasch. Neue Nachrichten aus dem Gruppenchat mit meinen Freundinnen:

Targa: Wir sind endlich in Polen angekommen! Erinnert mich daran, meine Mutter nie wieder in ein Flugzeug zu lassen. Nie wieder!

Ich: Warum? Ist sie ok?

Es überraschte mich, dass Targas Mutter Mira Höhenangst haben sollte. Sie war die stärkste, resoluteste Frau, die ich je getroffen hatte. Sie schüchterte mich entsetzlich ein.

Targa: Sie kann mit der Höhe nicht umgehen, denke ich. Sieh dir das an ...

Sie schickte mir ein Foto von einer riesigen Villa mit unzähligen efeuverhangenen Fenstern. Meine Augen wurden groß.

Ich: Dort lebst du den Sommer über?

Targa: Verrückt, nicht wahr? Es ist auch von oben bis unten vollgestopft mit Meerjungfraustatuen und Gemälden. Dieser reiche polnische Kerl ist eine Art Sammler.

Ich: Hast du ihn schon getroffen? Wie ist er so?

Targa: Noch nicht. Heute Abend beim Abendessen. Zeit für ein Nickerchen. Bis später!

Ich: Hast du von Akiko oder Georjayna gehört?

Targa: Negativ. Erwarte nicht, viel von Akiko zu hören, erinnerst du dich? Georjie ist wahrscheinlich gerade in der Luft.

Ich: Stimmt.

Ich runzelte die Stirn. Meine beste Freundin Akiko hatte uns bei unserem Abschiedsessen gewarnt, dass sie kaum erreichbar sein würde. Ihr Großvater wollte sie für den Sommer in ein abgelegenes Bergdorf in Japan schicken. Ich hatte ihren Großvater noch nie getroffen. Irgendwie hatte sie sich immer davor gedrückt, uns vorzustellen, und ich hatte irgendwann aufgehört zu fragen. Es war offensichtlich, dass sie nicht wollte, dass wir uns kennenlernen. So oder so, ich mochte den Typen aus Prinzip nicht. Wenn er sagte ›spring‹, fragte Akiko ›wie hoch?‹ Außerdem, wer schickte ein siebzehnjähriges Mädchen in ein Dorf am Ende der Welt?

Etwas aufgebracht spülte ich das Geschirr ab.

Als ich fertig war, ging ich in Isaias Zimmer und schaute hinein. Er saß auf dem Boden, mit dem Rücken gegen die Kommode gelehnt, ein offenes Buch auf seinem Schoß. Als er mich entdeckte, hielt er mir das Buch entgegen.

„Willst du zusammen lesen?“, fragte ich.

Er nickte und ging zu dem kindergroßen Sofa unter seinem Fenster. Ich setzte mich neben ihn und er kroch unter meinen Arm und rollte sich an meine Seite. Mein Körper wurde augenblicklich warm.

„Du willst, dass ich laut vorlese?“

Er nickte.

Ich schaute auf den Umschlag. Das Buch hieß La Fenice – der Phönix. Auf dem Umschlag war eine Illustration eines wunderschönen Feuervogels, der aus grauer Asche aufstieg, abgebildet.

„Das ist eine coole Geschichte, Kleiner, aber ich kann sie dir nicht vorlesen. Sie ist auf Italienisch, und ich habe deinen Eltern versprochen, dass ich nur auf Englisch mit dir sprechen werde. Hast du irgendwelche englischen Geschichten?“

Er sah nachdenklich aus, dann verließ er den Raum und ich hörte, wie er Cristianos Tür aufstieß. Einen Augenblick später tauchte er mit einem anderen Buch wieder auf. Eine Märchensammlung. Ich öffnete das Buch und wollte mit der ersten Geschichte beginnen, aber Isaia schüttelte den Kopf und nahm das Buch zurück.

„Was, das gefällt dir nicht?“

Er blätterte es durch und gab es mir zurück. Er schien eine ganz bestimmte Geschichte hören zu wollen.

„Der Feuervogel, ein slawisches Märchen“, las ich vor und lachte. „Ich sehe schon, du willst unbedingt eine Phönixgeschichte.“

Er nickte und ließ sich unter meinem Arm nieder.

Ich las langsam und gab mir Mühe jede Silbe zu betonen. Als der junge Fürst Ivan den glühenden Vogel im Obstgarten sah, schlief Isaia bereits. Ich schloss das Buch und dachte darüber nach, ihn zu wecken, aber ich wollte ihn nicht bewegen. Ich schaute auf seinen blassen Kopf, die dünnen blauen Adern, die sich an den Seiten seines Gesichtes entlang zogen, seine zarten blonden Wimpern. Mein Herz schmerzte.

Seine Atmung war langsam und ein wenig schwerfällig. Sein warmer Körper lullte mich in einen gedankenlosen Zustand des Halbschlafs. Als meine Wange seinen Scheitel berührte, schlossen sich meine Augenlider.

Kapitel 4

Nach unserem Mittagsschlaf bereitete ich unseren Ausflug vor. Ich steckte zwei Äpfel, eine Flasche Wasser und Sonnencreme ein. Isaia beobachtete all dies schweigend. Ich bemerkte seinen neugierigen Blick, als ich auch noch eine Flasche Aloe-Vera-Lotion einpackte. „Blasse Mädchen wie ich kennen alle Tricks“, zwinkerte ich ihm zu. „Aloe ist fabelhaft bei Sonnenbrand, und Gespenster wie ich können nicht vorsichtig genug sein.“

Isaia und ich traten gerade aus dem Haus, als das Wassertaxi am privaten Dock der Familie ankam. Ein großer, schlanker Mann in einem gestreiften Hemd lächelte mich hinter dem Steuer an und zog seinen Kapitänshut ab.

„Ciao!“, rief er. „Ich bin Giovanni. Hast du deine erste Woche in Venedig genossen?“ Er machte das Boot fest und streckte Isaia die Hand entgegen. „Giorno, Isaia.“

„Habe ich, danke“, sagte ich. „Obwohl dies mein erster Ausflug als Touristin ist.“

Ich stieg ins Boot und legte eine Hand auf Isaias Kopf. Bei der Berührung seiner blonden Locken merkte ich, dass ich vergessen hatte, ihm einen Hut aufzusetzen. Ich wühlte in meiner Tasche und zog meinen eigenen Baumwollfilzhut heraus. Ich legte ihn auf Isaias Kopf, als wir das Dock verließen.

Wir fuhren unter einer kleinen Bogenbrücke hindurch und in die Sonne. Touristen schossen Fotos von unserem hübschen Teakholzboot. Wäsche hing vor vielen Fenstern und Glyzinien und Efeu krochen über die Wände der Häuser. Algenbedeckte Stufen verschwanden im trüben Wasser. Elda hatte erklärt, dass vor langer Zeit Familien die Kanäle zum Baden, Schwimmen und Wäschewaschen benutzten, aber jetzt war es verboten, in den Kanälen zu schwimmen.

Ich staunte nicht schlecht und sog all den Trubel um mich herum begeistert auf.

„Was wollt ihr in Murano?“, fragte Giovanni.

„Wir haben Karten für eine Glasbläservorführung“, erklärte ich.

Isaia rückte näher zu mir und legte seine kleine Hand in meine. Giovanni starrte den Jungen einen Moment lang an, der Mund leicht angewinkelt.

„Ich kenne die Familie Baseggio schon lange“, sagte er ernst. „Ich habe Isaia noch nie so glücklich mit einer Fremden gesehen. Zumindest nicht, seit er aufgehört hat zu sprechen.“

Die Adria eröffnete sich vor uns, der Horizont war mit Inseln übersät. Wir erhöhten unsere Geschwindigkeit, als wir die Wasserfläche in Richtung Murano überquerten. Ich schaute auf Isaia hinunter und lächelte, als ich sah, wie er seine Augen schloss und die kühle Brise genoss.

„Das sagen auch Pietro und Elda. Weißt du noch, wie Isaia war, als er sprechen konnte?“ Ich musste laut gegen den Wind anreden.

„Certo, certo“, sagte er und nickte. „Ich kenne die beiden Jungen seit ihrer Geburt.“ Er verlangsamte das Boot. Bunte Gebäude erhoben sich vor uns. „Es geschah ganz plötzlich. An einem Tag plapperte er und am nächsten ...“ Er schlitzte mit der Hand durch die Luft.

„War er immer so zierlich für sein Alter?“

„Oh, ja“, nickte Giovanni. „Er war schon immer klein und schwach.“

Ich spürte plötzlich den Drang Isaia die Ohren zuzuhalten. Ich fühlte mich schuldig so über ihn zu reden. Ich schaute auf ihn hinunter, aber er blickte nur auf den Ozean hinaus.

„Sorry, Kumpel“, sagte ich lautlos und legte einen Arm um seine dünnen Schultern.

Giovanni steuerte eine Andockstation in Murano an. Das Dock selbst war eine Sackgasse, aber es öffnete sich zu einem Gang voller flanierender Touristen. Ein hoher Steinbrunnen in der Form eines Löwenkopfes zierte den Rand des Docks. Giovanni und ich einigten uns auf eine Zeit, zu der er uns abholen sollte, dann fuhr er rückwärts mit dem Taxi aus dem Dock und winkte, während er wegfuhr.

„Wie geht’s dir, Kumpel?“ Ich streichelte Isaias Wange. Er fühlte sich warm an, kein Wunder – die Sonne strahlte hell. Doch obwohl ich schwitzte, blieb Isaias Haut trocken.

„Du solltest etwas trinken.“ Ich drehte die Kappe von der Wasserflasche ab und gab sie ihm. Er schluckte gierig und leerte sie bald komplett. Ich rückte seinen Hut zurecht und nahm seine Hand. Wir gingen an Läden vorbei, die mit jeder nur erdenklichen Art von farbigen Glaskreationen gefüllt waren. Kronleuchter, Vasen, Tiere, Weingläser und Becher, Schmuck, Bilderrahmen und Essgeschirr.

Schließlich fand ich den Ort der Vorführung. Die Schaufensterauslage des kleinen Ladens enthielt die aufwendigsten Glasarbeiten, die ich bisher gesehen hatte. Ich zog an der roten Glastürklinke, nur um festzustellen, dass der Eingang verschlossen war. Ich runzelte die Stirn und holte meinen Gutschein hervor, um die angegebene Uhrzeit zu überprüfen. Wir waren pünktlich gekommen. Ich drückte den Knopf auf der kleinen Messingplatte neben der Tür.

„Prego“, antwortete eine angenehme Männerstimme.

„Buongiorno, ich habe Karten für eine Glasbläservorführung. Sind wir hier am richtigen Ort?“

„Ah, si, si. Bitte, kommen Sie rein, ich bin gleich bei Ihnen“, antwortete die Stimme.

Die Tür summte. Ich hielt sie für Isaia auf. Der kalte Wind einer Klimaanlage fegte über uns hinweg und wir seufzten beide erleichtert auf. Der vordere Raum war menschenleer, also begnügten wir uns damit, die ausgestellten Glasarbeiten zu begutachten. Der Raum war mit Spiegeln ausgekleidet. Ich machte ein albernes Gesicht, als ich Isaia dabei erwischte, wie er mich im Spiegel ansah, und wurde mit einem Lächeln belohnt.

Wenige Augenblicke später erschien der Besitzer der Stimme hinter der Kasse. Er und ich blinzelten einander zu. Er war niedlich. Sehr niedlich. Groß und breitschultrig blickte er mit haselnussbraunen Augen auf mich und Isaia herab. Er hatte kurzes, lockiges Haar, das schon leicht zurückging, obwohl ich bezweifelte, dass er viel älter als zwanzig sein konnte. Seine Grübchen ließen meine Knie weich werden.

„Buongiorno“, sagte ich mit einem breiten Grinsen.

Er lächelte noch breiter zurück. Ein warmes Gefühl sickerte durch meinen Magen. „Du bist Amerikanerin?“

„Ist mein Akzent so stark? Ich bin Kanadierin.“

„Ah, Kanada. Und nein, dein Akzent klingt hervorragend.“ Er reichte mir eine Hand und ich schüttelte sie. Er musste vor dem Ofen gearbeitet haben, denn seine Hand war viel wärmer als sie sein sollte.

„Ich bin Rafaele Dimaro. Willkommen in unserem kleinen Laden. Du musst ...“, er blickte auf ein Papier, das an die Theke geklebt worden war, „Elda Bassegio sein?“

„Nein, ich bin Saxony, Signora Bassegios Au-pair. Sie hat mir ihr Ticket geschenkt. Ist das in Ordnung?“

„Aber natürlich. Und wer ist der Prachtkerl hier?“ Er blickte auf Isaia herab, der friedlich an meiner Seite gestanden hatte.

„Das ist Isaia.“ Ich nahm den Hut von seinem Kopf und runzelte die Stirn über die lila Flecken unter seinen Augen. Ich hätte schwören können, dass sie vor einer Minute noch nicht da gewesen waren.

„Willkommen, Saxony und Isaia“, sagte Rafaele und legte die Hände zusammen. „Seid ihr bereit für eine Vorführung der althergebrachten Kunst des Glasblasens? Bereit, ein Geheimnis zu entdecken, das jahrtausendelang geschützt war?“

Isaia starrte ihn neugierig an.

„Wir sind bereit, nicht wahr?“ Ich nahm Isaias Hand und er nickte eifrig. Endlich zeigte er etwas Energie.

„Dann folgt mir bitte“, sagte Rafaele. Er schwang einen Arm über sein Gesicht wie ein Zauberer hinter einem Umhang. Isaias Mund hob sich an den Ecken.

Die Hitze im Inneren der Werkstatt überraschte mich. Ein heißer Luftstoß blies mein Haar zurück. Meine Augen wurden trocken und meine Oberlippe fühlte sich plötzlich feucht an. Kein Wunder, dass Rafaeles Hände so warm gewesen waren.

Ein kurzer Flur, gesäumt von Regalen voller Glasarbeiten, führte zu einem Arbeitsraum. Zwei Öfen standen von einer Steinmauer. Ein roter Schein ging von einem Ofen aus, während der andere dunkel und kalt war. Metallische Blasrohre lehnten in einer Reihe an der Wand. Werkzeuge übersäten einen Metalltisch und in sicherer Entfernung von der Hitze gab es Sitzgelegenheiten.

„Prego.“ Rafaele deutete auf die Sitze.

Isaia und ich nahmen je einen Stuhl in der ersten Reihe.

„Bevor wir beginnen, werde ich ein wenig über die Geschichte von ...“ Es läutete und Rafaele brach ab. „Oh. Entschuldigung, ich habe vergessen, die Haustür abzuschließen. Ich werde den Besuchern schnell helfen und dann zurückkehren. Verzeiht mir bitte.“

Er verschwand hastig. Weil es so heiß war, fächerte ich mir und Isaia Luft zu. Als die Minuten vergingen, wurde Isaia unruhig. Er starrte in den feurigen Ofen und atmete plötzlich tief ein. Es war ein seltsames keuchendes Geräusch.

„Isaia?“

Er drehte sich um und sah mich an. Seine kohlschwarzen Augen waren von einem Schmerz erfüllt, der wenige Augenblicke zuvor noch nicht da gewesen war.

„Was ist los, Schatz?“ Ich kauerte vor ihm. „Isaia?“

Er legte seine Hände auf meine Schultern, um sich festzuhalten. Der gleiche rote Schimmer, den ich am ersten Tag gesehen hatte, trat in seine Augen. Sämtliche Härchen an meinen Armen richteten sich auf. Das Glühen kam und verschwand wieder wie ein Flackern.

Aber ich hatte es mir nicht eingebildet. Aus einem Instinkt heraus legte ich meine Hände an die Seiten seines Gesichts. Sofort überwältigte mich Panik. Er war brodelnd heiß! Er verbrannte regelrecht und sein Atem ging immer mühsamer. Ich legte meine Lippen an seine Stirn. Das war mehr als nur Fieber. Elda hatte mir erklärt, dass er manchmal plötzlich Fieber bekam. Aber sie hatte nichts davon gesagt, dass seine Stirn so heiß wurde, dass sie einen Topf mit Wasser zum Kochen bringen konnte!

Isaia atmete keuchend ein. Er hob sein T-Shirt hoch und entblößte seinen mageren, weißen Bauch. Ein rotes Leuchten erhellte seinen Bauch von innen, als ob er ein Stück heiße Kohle verschluckt hätte. Die dunklen Schatten seiner Rippen traten durch seine Haut hervor. Ich glaubte sogar sein Herz in seiner Brust flackern zu sehen.

„I-Isaia“, stotterte ich, aber mir fehlten die Worte. Ich musste mich an einem Regal festhalten. Die Welt drehte sich. War es möglich, dass ich Halluzinationen hatte? Ich betete, dass es an mir lag, kniff die Augen zu und öffnete sie wieder.

Die Glut war immer noch da.

Stimmen drangen aus dem anderen Raum. Ich nahm einen tiefen Atemzug. „Ich bringe dich nach Hause. Alles wird gut.“

Ich zog sein Hemd runter. Das Leuchten war durch den Stoff noch schwach zu sehen. Was für eine Krankheit war das? Was konnte ein Kind von innen heraus glühen lassen und zugleich verhindern, dass es auf der Stelle tot war?

Rafaele betrat die Werkstatt. „Ich entschuldige mich für ... woah!“

Ich stand auf und trat vor Isaia, um das Glühen zu verbergen.

„Ist alles in Ordnung?“ Sein Lächeln war verschwunden.

„Nein, tut mir leid.“ Ich nahm Isaia bei der Hand, hielt ihn aber ein wenig hinter mir. Isaia ließ den Kopf hängen, als ob er sich schämte. Sein Atem pfiff in seiner Brust. „Isaia fühlt sich nicht wohl. Ich muss ihn nach Hause bringen.“

„Natürlich, natürlich, natürlich. Es tut mir leid.“ Rafaele stolperte beinahe, um uns aus dem Weg zu gehen. Er folgte uns bis zum Laden und fragte immer wieder, ob er irgendwie helfen könne.

Ich suchte nach meinem Telefon und schickte Giovanni eine Nachricht, dass er bitte zurückkommen sollte, ein Notfall. Er antwortete sofort und sagte, er würde uns in zehn Minuten treffen.

„Gibt es wirklich nichts, was ich tun kann?“, fragte Rafaele wieder.

„Hast du Wasser?“, fragte ich und war wütend auf mich selbst. Ich hätte mehr mitbringen sollen. War ich nachlässig gewesen? Hatte ich das herbeigeführt?

„Ja, natürlich.“ Er duckte sich hinter der Kasse und öffnete einen kleinen Kühlschrank. „Hier wird es so heiß, dass wir immer einen großen Vorrat haben.“ Er reichte mir eine kalte Flasche Wasser.

„Danke.“ Ich öffnete sie und reichte sie Isaia. Er begann zu trinken. Er zuckte zusammen, als ob er zu viel schlucken würde. „Nicht so schnell, Liebling“, sagte ich.

Ich versicherte Rafaele, dass es Isaia gut gehen würde, aber er musste den Zweifel in meinem Gesicht lesen. Isaia ging es offensichtlich nicht gut. Warum hatte Elda mich nicht besser vorbereitet? War es möglich, dass das noch nie zuvor passiert war?

„Bitte“, sagte Rafaele, als ich die Tür öffnete. „Hier ist meine Nummer. Ich mache mir Sorgen. Schick mir später eine Nachricht, dass alles in Ordnung ist. Ja?“ Seine Bitte war so aufrichtig und süß, dass ich innehielt. Ich nahm seine Nummer entgegen und gab ihm meine.

Dann hob ich Isaia auf und ging in Richtung des Docks. Sein Atem kam mir viel zu schwach vor. Wir kamen am Dock an, ich setzte Isaia ab und rief Elda an. Ich fühlte mich mittlerweile selbst so, als bekäme ich nicht genug Luft. Fühlte sich so eine Panikattacke an?

Reiß dich zusammen, Saxony.

„Saxony?“ Eldas sanfte Stimme ließ mich vor Erleichterung seufzen.

Ich versuchte, nicht völlig panisch zu klingen. „Elda, kannst du uns zu Hause treffen? Es ist Isaia, er hat Fieber.“

„Wo bist du?“ Ihre Stimme klang scharf und geradezu geschäftlich.

„Auf Murano. Wir waren bei der Glasbläserdemonstration, sind aber früh gegangen, weil Isaia ...“ Ich hielt inne, das Bild seines glühenden Bauches kam mir in den Sinn. „Er wurde richtig heiß. Giovanni holt uns ab.“

„Ich bin auf dem Weg nach Hause. Bring ihm kaltes Wasser und wenn du etwas hast, das du nass machen kannst, leg es auf seinen Kopf, um ihn abzukühlen.“

„Ja, ok. Bis bald.“

Sie legte auf. Ich ging zu einem Brunnen mit Löwenkopf, tauchte meine Hände ins Wasser und legte sie Isaia auf die Stirn. Er sah mir in die Augen. Er litt offensichtlich unter starken Schmerzen, aber er verhielt sich so ruhig … So als wäre er es gewohnt.

Ich sah mich um, um sicher zu gehen, dass wir allein waren, dann ging ich vor ihm in die Hocke. „Darf ich?“ Ich nahm den Saum seines T-Shirts. Er nickte und ich hob es an. Ich kniff die Augen zusammen. Das rote Glühen war nicht mehr zu sehen.

Ich stand auf und hielt Ausschau nach Giovannis Boot. Was ging hier nur vor?

Kapitel 5

Giovanni fuhr uns so schnell nach Hause, wie er sich traute. Ich tauchte immer wieder eine Hand in die Wellen und kühlte damit Isaias Kopf. Isaia saß wieder einmal auf meinem Schoß, matt und reglos wie eine Puppe. Wie sollte ich Elda und Pietro erzählen, was ich gesehen hatte? Das Glühen ... Ich konnte es nicht vergessen. Es war echt gewesen.

Wir kehrten in ein leeres Haus zurück. Ich legte Isaia ins Bett, aber ließ die Decken weg. Nachdem ich ihm einen kühlen Waschlappen auf die Stirn gelegt hatte, nahm ich das digitale Thermometer aus dem Erste-Hilfe-Kasten im Badezimmer. Während das Thermometer seine Arbeit verrichtete, setzte ich mich neben ihn und beobachtete, wie seine schmale Brust sich hob und senkte.

Ich drehte den Waschlappen um, erschrocken darüber, wie warm er sich anfühlte. Zeit, ihn aufzufrischen. Als ich vom Badezimmer zurückkam, nahm ich das Thermometer aus seinem Mund. Es zeigte 72 Grad Celsius an. Die Zahl überraschte mich, doch ich war es gewohnt, Körpertemperaturen in Fahrenheit zu lesen. Ich benutzte mein Telefon, um die Zahl umzurechnen. Als ich die Umrechnung sah, hätte ich fast mein Telefon fallen lassen. Meine Hände zitterten.

„Ich glaube, dieses Thermometer ist kaputt“, sagte ich nervös zu Isaia. „Andernfalls wärst du heiß genug, um Muffins zu backen.“ Ich legte das Thermometer auf den Nachttisch. Wenn die Temperatur stimmen würde, wäre er längst tot.

Ich sah auf meinem Telefon nach, was man gegen Fieber tun konnte. „Lass ein lauwarmes Bad einlaufen“, las ich laut vor. Ich ging ins Badezimmer und drehte an den Wasserhähnen. Meine Hände zitterten so sehr, dass ich dachte, vielleicht auch krank zu sein.

Ich ging zurück, um Isaia zu holen, und nahm mir einen Moment Zeit, um ihn zu beobachten. Seine Augen waren glasig, aber ohne jeden Hauch von Rot. Kein Weinen, kein Wutanfall, kein Strampeln. Er war komplett lethargisch.

„Hoch mit dir, Kumpel. Zeit für ein kleines Bad, ok? Dann solltest du dich besser fühlen.“ Er lag schlaff in meinen Armen. Starb er? Wo war Elda? Warum brauchte sie so lange?

Ich saß auf der Toilette und hielt ihn auf meinem Knie. Ich zog ihm das Hemd aus und sah mit grimmiger Genugtuung, dass das Glühen jetzt weg war. Ich zog ihm auch seine Jeans-Shorts aus und senkte ihn in seiner Unterhose ins Wasser. Ich schnappte mir ein ausgestopftes Badespielzeug und schob es unter seinen Kopf, um es ihm bequem zu machen. „Ist das in Ordnung?“

Er nickte und das schreckliche Fiepsen seines Atems schien etwas besser zu werden.

Schnelle Schritte ertönten von der Treppe.

„Wir sind im Badezimmer“, rief ich erleichtert.

Elda stürmte herein. „Mama ist hier.“ Sie kniete sich an die Wanne, ihre Hand berührte seine Stirn. Sie warf mir einen dankbaren Blick zu. „Bravo, Saxony.“

Ich konnte mich nicht dazu bringen zu lächeln. Mein Herz hatte endlich aufgehört, wie wild gegen meine Brust zu schlagen, aber mein Verstand tobte immer noch. Was war mit diesem Kind los?

Wir holten ihn aus der Wanne und zogen ihm einen Schlafanzug an. Ich beobachtete, wie sie an seinem Bett saß und all die mütterlichen Dinge machte, die ich schon getan hatte – eine Hand auf seine Stirn legen, ihn streicheln, seine Temperatur messen. Er ertrug alles ohne Protest. Das Thermometer zeigte jetzt einen normalen Wert an. Ich musste es falsch gelesen haben. Oder vielleicht hatte ich die Kalkulation in Fahrenheit durcheinandergebracht.

Ich erklärte Elda, dass er vor der Vorführung krank geworden war. Ich stammelte und stotterte, ohne mich dazu durchringen zu können, das Glühen zu erwähnen. Es klang zu verrückt. War ich verrückt? Ich hatte bereits angefangen, an dem zu zweifeln, was ich gesehen hatte.

Elda hörte still zu. Sie gab nicht zu erkennen, was sie dachte. Dreimal öffnete ich meinen Mund, um etwas über das Glühen zu sagen, und dreimal blieben mir die Worte im Hals stecken.

Würde sie denken, dass ich log? Ich kannte sie noch nicht gut genug. Wenn sie das Leuchten vorher gesehen hätte, hätte sie mir davon erzählt?

Ich beendete meinen Bericht und ließ den kritischen Teil aus.

„Armes Ding, ich kann sehen, dass es dich wirklich mitnimmt“, sagte Elda schließlich. „Mach dir nicht zu viele Sorgen, Saxony – so etwas ist normal für Isaia. Ich habe dir gesagt, dass er manchmal Fieberanfälle bekommt, und dass sie innerhalb eines Tages vorbeigehen. Du hast alles richtig gemacht, und ich bin dir dankbar.“

Wir ließen Isaia schlafen. Ich wünschte, ich hätte daran gedacht, ein Foto oder ein Video von dem Leuchten seines Bauches und seiner Augen zu machen. Wenn es wieder passierte, würde ich das tun. Dann hätte ich zumindest einen Beweis.

Elda beobachtete mich. „Du bist wirklich erschüttert, nicht wahr?“

Die Art und Weise, wie sie es sagte, brachte mich zu der Überzeugung, dass sie das Glühen noch nie zuvor gesehen hatte. Meine Angst musste deswegen seltsam auf sie wirken.

„Sicher, ich war ... Ich mache mir Sorgen um ihn“, antwortete ich. „Wie heiß wird er denn normalerweise?“

Sie hielt inne, nur für einen Moment. „Vielleicht 38,5, 39 Grad.“

Sie log.

Ich schob den Gedanken weg. Natürlich log sie nicht. Sie war seine Mutter. Sie liebte ihn, und sie würde mich – sein Au-pair – mit all dem Wissen ausstatten, das ich brauchte, um für ihn zu sorgen. Es ging schließlich um die Gesundheit ihres Sohnes.

Unruhig ging ich zurück in meine kleine Wohnung. Gerade als ich die Tür hinter mir schloss, vibrierte mein Telefon. Es war eine Nachricht von Rafaele:

Ist alles in Ordnung?

Ich lächelte trotz meiner Sorgen. Diese Nachricht war sehr aufmerksam von ihm.

Ich: Es geht ihm gut. Er hatte Fieber, aber es ist schon abgeklungen. Danke, dass du gefragt hast.

Rafaele: Ja, natürlich. Armer Kerl. Vielleicht können wir die Vorführung ein anderes Mal nachholen. Ich gebe dir einen Gutschein.

Ich: Danke, Rafaele.

Rafaele: Gerne. Und nenn mich Raf.

Ich: Ok, aber wenn du mich Sax nennst, muss ich dich töten.

Er hörte auf zu schreiben und begann von vorne. Ich hoffte, dass er über meinen Witz lachte.

Raf: Abgemacht.

Ich rieb mir über die Augen. Noch nicht einmal meine erste Woche war um und schon erlebte ich ein verrücktes Drama und begegnete einem süßen Jungen. Jetzt hatte ich etwas, wovon ich zu Hause erzählen konnte. Doch die Sache mit Isaia würden meine Freundinnen mir auf keinen Fall glauben. Ich war ohnehin schon die Drama-Queen in unserer Gruppe. Als ich jünger gewesen war, hatte ich dazu geneigt, zu übertreiben, und diese schlechte Angewohnheit rächte sich seitdem. Ich wollte, dass andere mich ernst nahmen und mich für vernünftig hielten. Das konnte ich nicht erreichen, indem ich verrückte Geschichten über einen kleinen Jungen erzählte, dessen Augen und Bauch rot glühten.

Ehe ich zu Bett ging, fing ich an im Internet über glühende Augen und glühende Haut zu recherchieren. Ich bekam eine ganze Reihe von Links zu Grafikdesignwebseiten, Fantasy-Geschichten, Filmen und Fernsehsendungen mit dämonischen und engelsgleichen Charakteren. Nichts entfernt Medizinisches oder Hilfreiches tauchte auf.

Ich schaltete mein Telefon aus und starrte an die Wand. Doch alles, was ich sehen konnte, waren Isaias glühender Bauch und die Schatten seiner Rippen, die sich gegen seine Haut wölbten. Ich zitterte.

Wurde ich verrückt?

Kapitel 6

Der nächste Tag war ein Samstag. An den Wochenenden hatte ich frei. Ich fühlte mich seltsam unruhig und entschied, dass ein Bummel durch Venedig die perfekte Ablenkung für mich wäre. Ich steckte eine Karte in meine Handtasche, entschlossen sie nur zu benutzen, wenn es absolut notwendig war. Ich wusste, wo wir uns ungefähr befanden und in welche Richtung ich gehen musste, um den Markusplatz zu finden.

Es war auch nicht schwer, das Zentrum Venedigs zu finden. Je näher ich dem Markusplatz kam, desto mehr Touristen bevölkerten die Straße und desto langsamer kam ich voran.

Ich passierte ein niedliches Café, das so aussah, als wäre es einmal der Wagon einer Dampflokomotive gewesen. Das halbkreisförmige Fenster offenbarte knackig aussehende Salate, Mozzarellakugeln, geröstete Bruschetta, frittierte Meeresfrüchte und eine Menge Gebäck. Ich trat aus dem Fluss der Touristen heraus und schlüpfte durch die enge Tür.

„Prego“, sagte die kraushaarige Kellnerin hinter der Theke.

„Un Cappuccino, per favore“, nuschelte ich. Fast jeder Italiener, der in Venedig arbeitete, sprach Englisch, aber ich wollte wenigstens etwas Italienisch lernen.

„Si, due minuti.“

Die Kellnerin brachte mir Kaffee und ich quetschte mich hinter einen Tisch. Ich zog mein Handy heraus und sah mir ein zweites Mal die Fotos an, die Targa und Georjayna geschickt hatten. Targa hatte eine Sammlung von Bildern des Anwesens an der Ostsee geschickt, wo sie den Sommer verbrachte, ein paar Selfies vor Kunstwerken und eines von einem hübschen jungen Mann, der die Skulptur eines Ritters betrachtete. Er sah aus wie ein Marineoffizier – kurze blonde Haare, schlank und sportlich. Ich fragte mich, ob Targa sich für diesen Kerl – Antoni – interessierte. Soweit ich wusste, hatte sie nie einen echten Schwarm gehabt.

Georjaynas Bilder zeigten einen atemberaubend schönen Garten und ein viktorianisches Haus. Aber auch hier interessierte mich mehr die Aufnahme ihres Stiefcousins. Er trug einen Haufen zerbrochener Fensterrahmen. Ich zoomte heran und schüttelte den Kopf. Er war umwerfend schön. Schade, dass er nicht sehr freundlich zu sein schien.

„Tutto bene?“, fragte die Kellnerin. Offensichtlich war es an der Zeit, den Tisch für jemand anderen zu verlassen.

„Si, grazie.“ Ich ließ mein Handy in meine Tasche fallen. „Wo geht's zur Basilika?“ Sie musste in der Nähe sein.

„Nach rechts und wieder nach rechts. Du bist nur ein paar Schritte entfernt“, antwortete sie.

Nachdem ich ihr gedankt hatte, schloss ich mich wieder dem Gedränge der Leute auf der Straße an. Wenig später trat ich auf die ikonische Piazza San Marco.

Ich war überwältigt. Tausende von weißen Säulen säumten den Platz. Auf der Piazza wimmelte es von Menschen – sie fotografierten, verkauften billigen Plunder oder standen in langen Schlangen. Die Basilika überragte das alles mit vier prächtigen marmornen Pferden, die aussahen, als würden sie direkt vom Dach galoppieren. Ein Orchester spielte auf der anderen Seite des Platzes und tausende Tauben flogen durch die Luft.

Langsam bewegte ich mich durch die Menge und erreichte das Meer. Der Anblick raubte mir den Atem. Ich nahm mein Telefon heraus und schoss ein Foto nach dem anderen. Ich genoss den Blick auf den Kanal, obwohl er von Gondeln, Wasserbussen und Booten überfüllt war. Als ich mich mit meinen Ellbogen an das dicke Geländer lehnte und eine Gondel unter der Brücke schweben sah, nahm ich eine Bewegung hinter mir wahr.

Ich drehte mich um und sah eine junge Frau mit kurzen braunen Haaren. Sie hatte ein paar Münzen in der Hand und einen flehenden Gesichtsausdruck. Sie sprach schnell und auf Italienisch auf mich ein.

„Non parle Italiano“, sagte ich.

„Ah, Amerika?“

„Kanada“, antwortete ich.

„Bellissima“, sagte sie. „Bitte, hast du achtzig Cent?“

Ich musterte die junge Frau. Sie sah überhaupt nicht wie eine Bettlerin aus. Sie trug saubere Kleidung, einen frischen Haarschnitt und geschickt aufgetragenes Make-up. Ihr blauer Eyeliner umrahmte ihre grünen Augen perfekt. Ihre Ballerinaschuhe sahen brandneu aus. Sie war definitiv nicht mittellos. Es war seltsam, dass sie mich um achtzig Cent bat.

„Vielleicht“, sagte ich. „Geht es dir gut?“

„Tut es, ich habe nur meine Brieftasche verloren“, erklärte sie. „Ich glaube, ich weiß, wo ich sie gelassen habe, aber ich habe ein Vorstellungsgespräch in der Nähe des Piazzale Roma und ich habe keine Zeit, zurückzugehen. Ich muss den nächsten Wasserbus nehmen oder ich verpasse meine Chance.“ Sie zeigte auf den Wasserbus, der eben am Dock anlegte.

„Das ist wirklich blöd.“ Ich griff in meine Tasche und zog einen Euro heraus. „Viel Glück mit deinem Vorstellungsgespräch, ich hoffe, du schaffst es.“

„Oh, vielen Dank! Grazie mille!“, rief sie und nahm die Münze entgegen. „Wie ist dein Name?“