Tochter des Himmels (Preisaktion: Zum halben Preis) - A.L. Knorr - E-Book
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Tochter des Himmels (Preisaktion: Zum halben Preis) E-Book

A.L. Knorr

5,0

Beschreibung

Die Töchter der Elemente - Die preisgekrönte Urban Fantasy Serie aus Kanada jetzt auf Deutsch! Ein Vogel im Käfig Eigentlich sollte Akiko ihre Zeit damit verbringen in der Gestalt eines Vogels nach Dämonen zu jagen. Stattdessen lebt sie in Gefangenschaft. Ihr Großvater zwingt sie, sich als normales Schulmädchen auszugeben, während sie ihm bedingungslos zu Diensten sein muss. Akiko brennt darauf ihren Freundinnen von ihrem Schicksal zu erzählen, aber die Wahrheit zu sagen ist ihr verboten. Unfähig irgendjemanden um Hilfe zu bitten erscheint Freiheit Akiko wie ein ferner Traum. Doch dann bietet sich ihr unerwartet eine Chance: Akiko kann ihrer Gefangenschaft entkommen, wenn sie nach Japan zurückkehrt und dort ein altes Samuraischwert stielt. Konfrontiert mit dem Land ihrer Herkunft muss Akiko sich schlimmeren Dingen als Dämonen und den Besitzern des Schwertes stellen.Akikos größter Gegner ist zugleich ihre größte Furcht - ihre Vergangenheit. Erst wenn sie sich ihrer Vergangenheit stellt und herausfindet, warum sie überhaupt erst gefangen wurde, kann Akiko die werden, die sie immer sein sollte. Die Tochter des Himmels.

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•Prolog
•Kapitel 1
•Kapitel 2
•Kapitel 3
•Kapitel 4
•Kapitel 5
•Kapitel 6
•Kapitel 7
•Kapitel 8
•Kapitel 9
•Kapitel 10
•Kapitel 11
•Kapitel 12
•Kapitel 13
•Kapitel 14
•Kapitel 15
•Kapitel 16
•Kapitel 17
•Kapitel 18
•Kapitel 19
•Kapitel 20
•Kapitel 21
•Kapitel 22
•Kapitel 23
•Kapitel 24
•Kapitel 25
•Kapitel 26
•Kapitel 27
•Kapitel 28
•Epilog

•Prolog

Das Stöhnen der Sterbenden erfüllte das Tal. Wer konnte, hatte sich längst vom Schlachtfeld geschleppt. Nur der Vollmond war als Zeuge des Elends geblieben und malte mit seinem kalten blauen Licht den Pfeilen und Speeren, die aus dem Schlamm ragten, lange Schatten. Krähen sammelten sich in den Bäumen und ihre kehligen Schreie lockten andere Aasfresser an. Ein paar mutige Vögel staksten bereits zwischen den Leichen umher, um sich ihr Abendessen zu suchen und ihren Beitrag am Zyklus des Lebens zu leisten.

Der dunkle, kleine Umriss einer Füchsin huschte am Waldrand entlang. Sie witterte die Luft, erregt vom Geruch des heißen Bluts, das immer noch aus den Adern der Sterbenden strömte. Als ein Stöhnen erklang, floh sie so flink in den Schatten der Bäume. Sie spannte ihre Ohren in Richtung des Geräuschs und trippelte dann auf lautlosen Füßen näher.

Ein sterbender Krieger wandte das Gesicht dem Mond zu. Flache Atemzüge hoben seine gepanzerte Brust. Unaufhaltsam strömte das Blut aus einer Wunde unter seiner Achselhöhle und versickerte in der Erde.

Die Füchsin hielt inne, um seinen letzten Atemzügen zu lauschen. Dann näherte sie sich mit gesenktem Kopf und nach vorne gerichteten Ohren der noch warmen und duftenden Blutlache. Als dem Samurai ein langer, letzter Seufzer entfuhr, stürzte ihre rosa Zunge vor, um die Flüssigkeit zu kosten und das Leben des Menschen in sich aufzunehmen. Denn dies war der Ruf der Natur. Ein Ruf so alt wie die Erde selbst.

Nachdem sie sich gesättigt hatte, huschte die Füchsin davon. Sie war alt. Acht Würfe hatte sie großgezogen und tausende Nagetiere erlegt; sie war wieder und wieder größeren Raubtieren entkommen und oftmals in Schnee und Regen geraten. Nun kroch sie zum letzten Mal in ihre vertraute Höhle unter dem Wacholderstrauch. Die Erinnerung an das Schlachtfeld verblasste in ihrem Fuchsgedächtnis, ein fast bedeutungsloses Ereignis in ihrem Leben. Es gab nur noch Platz für den gegenwärtigen Augenblick, für den Tod, der in ihren Knochen nistete und sie zittern ließ. Sie wickelte ihren dicken Schwanz über ihre Pfoten und verkroch die Schnauze darunter. Durch die dicken Nadeln des Wacholders beobachtete sie den Vollmond, so wie der Krieger in seinen letzten Momenten. Ihr Atem wurde flach und kurz. Sie spürte, was kommen würde, und sie stellte sich dem großen Unbekannten allein, ohne Angst und ohne Selbstmitleid. Sie war müde. Sie stieß einen Seufzer aus, und ihre Rippen sanken, als sie sich ergab.

Bei einem normalen Fuchs hätten sich ihre Rippen nicht wieder gehoben.

Doch als die irdische Füchsin starb, erwachte der Geist des Samuraikriegers in ihr.

•Kapitel 1

Gibt es eine Obergrenze dafür, wie viele Lügen eine Person erzählen kann?

Ich glaubte nicht. Denn mein Leben war so voll von Lügen, dass ich Angst hatte, den Mund zu öffnen. Angst, mich in eine von Großvaters Unwahrheiten zu verstricken.

Manche Menschen sagen, dass wenn man lange genug lügt, man seine Worte irgendwann selbst glaubt. Aber das würde mir nicht passieren. Das konnte mir nicht passieren. Ich würde nie vergessen, wer ich war, woher ich kam und was ich erlebt hatte. Es spielte keine Rolle, wie viele Lügen Großvater mich erzählen ließ. Ich würde die Wahrheit kennen und niemals vergessen. Die Wahrheit.

Wegen solcher Gedanken mochte ich es nicht, nach der Schule allein nach Hause zu gehen. Normalerweise ging ich mit Saxony nach Hause. Aber heute hatte meine beste Freundin ein Telefoninterview mit der Au-pair-Agentur, bei der sie sich beworben hatte, und so hielt mich nichts von meinen finsteren Grübeleien ab.

Nachdem ich mich von meinen Freundinnen Targa und Georjayna verabschiedet hatte, verließ ich die Saltford High allein. Obwohl schon April war, lagen immer noch Schnee und Eis auf den Straßen, und kahle Äste reckten sich theatralisch in den bewölkten Himmel. Der Vorort, in dem wir lebten, war heute noch ruhiger als sonst. Nur sehr wenige Autos fuhren an mir vorbei, und niemand außer mir ging auf dem Bürgersteig. Draußen war es einfach zu ungemütlich, selbst für Kinder; der Spielplatz, an dem ich vorbeikam, war verlassen.

Unser Bungalow war das vorletzte Haus in unserer Straße. Schon von weitem sah es wenig einladend aus. Die Fenster waren dunkel und die Vorhänge zugezogen. Ich durchquerte unseren Vorgarten, trat auf unsere kleine Terrasse, schloss die Tür auf und kam in unsere Garderobe.

„Ich bin zu Hause“, rief ich auf Japanisch, als ich meine Stiefel auszog. Ich schlüpfte in meine Hausschuhe und hängte meinen Parka an den Haken.

„Akiko“, drang Großvaters Stimme aus dem kleinen Wohnzimmer. Ich steckte meinen Kopf um die Ecke.

„Ich bin hier“, wiederholte ich. „Brauchst du etwas?“

„Setz dich“, sagte Großvater und deutete auf die Couch gegenüber seines Stuhls. Sein Laptop war geöffnet und hüllte sein Gesicht in blaues Licht.

Ich runzelte die Stirn. Wenn Großvater mich bat, mich zu setzen, bedeutete das für gewöhnlich, dass wir ein längeres Gespräch führen würden. Er hatte mich seit Jahren nicht mehr gebeten, mich zu setzen. Wenn wir miteinander sprachen, ging es normalerweise um bloße Besorgungen – Lebensmittel einkaufen, etwas für ihn übersetzen, Abendessen kochen, Wäsche waschen, das Haus putzen.

Ich setzte mich und wartete.

Er streckte seine verdorrten Hände aus und starrte mich von der anderen Seite des Couchtisches an. „Mein Name ist Daichi Hotaka“, sagte er.

Mein Mund klappte auf. Ich starrte ihn an. Daichi Hotaka. Nach all der Zeit nannte er mir endlich seinen Namen. Aber warum? Warum jetzt? Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also wartete ich.

„Ich habe nach etwas gesucht, das mir vor vielen Jahren gestohlen wurde.“ Seine Miene änderte sich nicht, aber ich spürte eine Schwingung der Erregung von ihm ausgehen, wie ich sie noch nie zuvor gespürt hatte. „Ich habe es endlich gefunden.“

Er drehte den Laptop zu mir um. Mein Blick fiel auf den Bildschirm. Er zeigte ein Video mit dem Titel Ryozen-Museum zur Ausstellung von Artefakten aus der Bakamatsu-Periode. Frühsommer.

Daichi hatte den Videoclip bei der Nahaufnahme von vier Samuraischwertern auf einem Holzgestell gestoppt. Drei von ihnen steckten in schwarzen Scheiden, das letzte in einer blauen Scheide. Daichi zeigte mit einem knotigen Finger auf das Schwert in der blauen Scheide. Das Muster wirkte, als könnte es Bäume darstellen, aber der Bildschirm war zu verschwommen, um es genau zu erkennen.

„Bring mir dieses Wakizashi“, sagte er.

Ich schluckte hart. Dutzende Fragen fluteten durch meinen Verstand. Dies war mehr als nur eine Besorgung. Dies war eine Mission, und wahrscheinlich eine illegale.

„Das Schwert ist in Kyoto, Großvater“, sagte ich. „Du willst, dass ich nach Japan zurückkehre?“ Nach all dieser Zeit wollte er mich unser Heimatland besuchen lassen? Ganz allein? Wir waren seit unserer Abreise vor einer Ewigkeit nicht mehr in Japan gewesen. Großvater hatte nie den Wunsch geäußert, zurückzukehren, aber andererseits äußerte er selten Wünsche, die komplexer waren als Appetit auf irgendetwas Essbares. Ich hatte schon lange die Hoffnung aufgegeben, Japan jemals wiederzusehen.

Er nickte. „Das Schwert wird bald ausgestellt, und nicht für sehr lange.“ Er legte seine Hände flach auf seine Oberschenkel und beugte sich vor. „Jetzt haben wir die Chance, es zu holen. Ich habe Jahre damit verbracht, nach diesem Schwert zu suchen. Vielleicht ist das unsere letzte Gelegenheit.“

„Ich soll …“ Ich hielt inne. „… es stehlen?“

Seine Augen schimmerten. „Bring mir dieses Wakizashi. Und ich gebe dir deine Freiheit zurück.“

In dieser Nacht fand ich kaum Schlaf. Wieder und wieder fragte ich mich, ob Großvater mir irgendeinen Streich spielte oder ob er sich wirklich an die Vereinbarung halten würde. Ob er wirklich Daichi Hotaka hieß …

Tagsüber saß ich wie betäubt im Schulunterricht und gab während der Pause vor, noch Hausaufgaben machen zu müssen, damit meine Freundinnen nicht merkten, dass etwas nicht stimmte. Vor allem Georjayna hatte praktisch einen sechsten Sinn dafür, und Targa schien mir oft anzusehen, was in mir vorging, auch wenn sie nichts sagte. Saxony war von den dreien am wenigsten sensibel für die Gemütszustände anderer, weshalb wir am besten zusammenpassten. Doch heute würde selbst sie meine innere Abwesenheit bemerken.

Nach der letzten Stunde verabschiedete ich mich rasch von ihr, Georjayna und Targa und entschied, auch heute allein nach Hause zu gehen, damit ich nachdenken konnte. Ich schrammte mit meinen Füßen über den Bürgersteig und kickte Eissplitter vor mir her. Morgen musste ich mich wieder zusammenreißen und mehr Zeit mit meinen Freundinnen verbringen, oder jemand würde Verdacht schöpfen.

Daichi bellte mich aus der Küche an, sobald ich das Haus betrat. „Akiko?“

„Hier“, rief ich und zog Jacke und Stiefel aus. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, und ich versuchte, meine Furcht zu unterdrücken. Nur weil er etwas zu sagen hatte, bedeutete das nicht, dass er sein Angebot zurückziehen würde. Ich holte tief Luft, steckte meinen Hut und meine Handschuhe in den Holzkasten unter der Garderobe und zog meine Hausschuhe an. Auf dem Weg den Flur hinunter in die Küche fing ich sofort an, mich aufzuwärmen. Daichi hielt die Heizung immer aufgedreht, egal zu welcher Jahreszeit.

Er saß am Küchentisch und starrte hinaus in unseren schneebedeckten Garten. Ein kleiner Pappkarton lag vor ihm auf dem Tisch. Er sah mich an, als ich eintrat. „Setz dich.“

Mein Puls pochte in meinen Ohren. Bitte, flehte ich in Gedanken. Bitte überleg es dir nicht anders.

Er schob den Karton quer über den Tisch zu mir. „Das hier wirst du brauchen.“

Ich atmete schwer aus, zog den Karton heran und öffnete ihn. Beim Auffalten des Seidenpapiers kam schwarzer Stoff zum Vorschein. Verwirrt hielt ich ihn hoch. Er war so weich und dünn, dass er mir wie Luft durch die Finger glitt. Es war ein so kurzes Kleid, dass ich bezweifelte, dass es überhaupt bis zur Mitte meiner Schenkel reichen würde.

„Ein Bademantel, Großvater?“ Bei Georjayna würde er nicht einmal ihren Hintern bedecken. Zugegebenermaßen war meine Freundin aber auch praktisch doppelt so groß wie ich. „Äh ... vielen Dank.“

Ich entdeckte eine kleine Wölbung in der Tasche auf der Vorderseite. Ich fischte ein Paar dünne Hausschuhe aus dem gleichen Material heraus. Als Schuhwerk würden sie innerhalb weniger Tage auseinanderfallen.

„Sie sind zu hundert Prozent aus Seide“, sagte Daichi. Er nahm mir das Gewand aus den Händen und kam steif auf die Beine. Dann legte er das Gewand flach auf den Tisch, steckte die Hausschuhe wieder in die Vordertasche und begann, den Bademantel von unten nach oben zu rollen. Zuletzt faltete er ihn zu einem Streifen und schlang ihn um meinen Hals. So eng, dass ich kaum noch Luft bekam. Er band die Enden zu einem Knoten zusammen und trat zurück.

Ich blickte zu ihm auf und befühlte das seltsame Tuch. Verlor der alte Mann allmählich den Verstand? Ich schluckte und fühlte, wie sich die Seide spannte.

„Großvater“, begann ich. „Ich bin verwirrt.“

„Verwandle dich in einen Vogel“, sagte er.

Wenn er mir einen Befehl gab, war ich gezwungen ihn auszuführen. Ich verwandelte mich also augenblicklich in ein kleines graues Huhn, wobei meine Kleidung an meinem gefiederten Körper abfiel und zu Boden glitt. Ich hüpfte auf die Kante meines Stuhls, rutschte fast von dem glatten Holz ab, krächzte und flatterte. Die Seide löste sich um meinen Hals, aber sie blieb um meine Hühnerschultern drapiert.

„Werde ein Vogel, der fliegen kann“, befahl Daichi.

Ich verwandelte mich in eine Krähe, sprang auf den Tisch und neigte meinen Kopf. Das seidene Gewand hing an meinem Hals, aber ich konnte sein Gewicht kaum spüren.

Daichi öffnete unsere Gartentür und kalte Luft fegte durch die Küche. „Flieg zum Meer und kehre wieder zurück“, befahl er. „Verlier die Seide nicht!“

Ich sprang an die Tischkante, stieß mich ab und flatterte durch die offene Tür. Ein Windstoß nahm mich auf und ich schwebte nach oben. Die Seide hing von meinem Hals wie ein langer dritter Flügel. Als Vogel fühlte ich die Kälte nicht annähernd so stark wie als Mensch. Ich flog mit kräftigen Flügelschlägen Richtung Meer. Zu fliegen hatte mir schon immer ein trügerisches Gefühl von Freiheit gegeben, aber ich erlaubte mir, es zu genießen.

Der Wind nahm zu, als ich mich dem Atlantik näherte. Ich fegte über den Strand hinweg und krächzte heiser vor Vergnügen. Ausgelassen kreiste ich über den Wellen, ehe ich mich auf den Weg zurückmachte. Gepflegte, mit Schnee bedeckte Gärten zogen unter mir vorbei, als ich unseren Vorort überquerte. Die Hintertür zu unserer Küche öffnete sich, und ich flog hinein.

„Geh in dein Zimmer und werde menschlich“, befahl Daichi.

Ich sauste an ihm vorbei, landete im Flur und hüpfte in mein Schlafzimmer. Langsam und mit großer geistiger Anstrengung kehrte ich in meine menschliche Gestalt zurück. Als ich aufblickte, stand ich schwer atmend und nackt vor dem Spiegel. Das seidene Gewand war wieder eng um meine Kehle geknotet. Daichi hatte meine Kleider auf mein Bett gelegt. Ich zog sie an und ging zurück in die Küche, wo er am Tisch saß und wartete.

„Du hast das Gewand nicht verloren“, sagte er.

„Nein.“

„Immer noch verwirrt?“, fragte er und beugte sich vor.

„Ein wenig.“ Ich setzte mich ihm gegenüber. „Ich verstehe, dass ich Kleidung für meine Ankunft in Japan haben muss, aber ...“

„Es wird nicht verloren gehen“, schnitt er mir das Wort ab. „Im Äther.“

Ich runzelte die Stirn. Ich wollte ihn fragen, wie er das wissen konnte, aber er würde mir nur dieselbe Nicht-Antwort geben, die er mir immer gab.

Daichi strich über meine Hände. Ich sah ihn überrascht an. Er berührte mich sonst nie. Er stand auf und ging auf seine langsame, tapsige Art ins Wohnzimmer, wo er warten würde, bis ich unser Abendessen zubereitet hatte.

„Was möchtest du essen, Großvater?“, fragte ich.

Er hielt inne und schaute zurück. Sein Gesicht war eine ausdruckslose Maske, aber ich kannte sie so gut, dass mir das winzige, belustigte Mundzucken nicht entging. „Hühnchen.“ Er verschwand um die Ecke.

Ich lächelte und löste den Seidenknoten an meiner Kehle. Komisch, wie es nach so vielen Jahren meiner Gefangenschaft immer noch eine Art Humor zwischen uns geben konnte.

•Kapitel 2

Saxony schloss ihren Spind und zog die Kapuze über ihre wilden, roten Locken. Dann hakte sie sich bei mir ein. „Komm, ich bringe dich nach Hause. Es ist zu lange her.“ Wir verließen die Schule und Saxony blickte zum düsteren Himmel auf. „Warum habe ich meine Wintersachen weggeräumt? Letzte Woche war es so schön.“

„Du packst sie immer zu früh weg“, sagte ich lächelnd. Jedes Jahr war es dasselbe. „Wir leben in der Nähe des Atlantiks. Wie kann dich Regen überraschen?“

„Ich bin eben Optimistin“, sagte sie und zog ein gefaltetes gelbes Dokument aus ihrer Tasche. „Schau, was heute kam.“ Sie hielt es vor mein Gesicht.

„Eine Vorladung?“

„Neeeeeeeeeiiiiin!“

„Ein Strafzettel?“

„Nein. Hör auf damit.“

Ich keuchte übertrieben. „Geschworenenpflicht?“

Ihre Augen wurden groß und sie keuchte auch. „Woher wusstest du das?“

Ich gaffte Saxony an.

Sie schlug mir auf die Schulter. „Nein. Halt die Klappe und hör zu, ja?“

„Ein Liebesbrief?“, unternahm ich einen letzten Versuch lustig zu sein.

„Ja!“, rief Saxony und hüpfte auf und ab. „Von der Au-pair-Agentur in Toronto. Sie haben eine Wohnung für mich in Venedig. Rate mal, wer den Sommer in bella Italia verbringen wird!“

„Unglaublich!“ Ich freute mich aufrichtig für sie.

„Ich kann nicht früh genug dort ankommen“, sagte Saxony und zog sich den Kragen um die Ohren hoch. „Niemand sollte hier wohnen. Brrrrrrrrrrrrrrrr.“ Sie zitterte. „Wirst du mich besuchen kommen?“

„Äh ...“ Die Vorstellung, mit Saxony den Sommer in Italien zu verbringen, war himmlisch. Allerdings: „Großvater …“, sagte ich.

„Ich weiß, ich weiß“, unterbrach sie. „Er wird dich nie nach Europa gehen lassen. Ich war völlig schockiert, als er dich letztes Jahr an Georjies Geburtstag bei ihr übernachten ließ. Das ist das Einzige, was er dir je erlaubt hat. Habe ich dir jemals gesagt, dass ich deinen Großvater nicht besonders nett finde?“

Ich lächelte, als wir vom Schulgelände auf die Straße abbogen. „Du hast es bei manchen Gelegenheiten erwähnt. Auch wenn du ihn nie kennengelernt hast.“

„Ah“, sagte sie und hielt einen langen Finger hoch, „und wessen Schuld ist das?“ Sie hielt einen zweiten Finger hoch. „Ich mag ihn aus Prinzip nicht. Er lässt dich nie etwas Lustiges tun. Es ist, als hielte er dich an einer unsichtbaren Leine.“

Ich musste über ihre Beschreibung lächeln. Denn leider traf sie zu. Die Wahrheit war natürlich schlimmer als eine Leine. Ich fragte mich, was sie sagen würde, wenn sie wüsste, dass er mein Tamashī gestohlen hatte. Ich räusperte mich. Ich war verpflichtet, nichts dergleichen jemals zu verraten. Stattdessen sagte ich: „Dann dürfte es dich überraschen, dass er mich nach Japan schickt.“

„Er hat mich nicht einmal zu sich eingeladen, dein ...“, fuhr Saxony fort, hielt dann aber inne und starrte mich an. „Warte. Warte! Was?“ Ihr Gesicht war noch blasser geworden, eine ziemliche Leistung für eine Rothaarige mit Porzellan-Teint.

„Nicht für immer“, versicherte ich schnell. „Nur den Sommer über.“

„Wirklich? Ich nehme alles zurück. Wie kam es dazu?“

Ich erzählte Saxony die Lüge, die Daichi mir zu erzählen aufgetragen hatte: „Er will, dass ich den Sommer bei der japanischen Seite meiner Familie verbringe. Sie leben in einem kleinen Dorf in den Bergen. Es soll dort wunderschön sein.“

Saxony schmälerte die Augen und studierte mein Gesicht.

„Was?“, fragte ich. Ich zerrte an ihrem Arm, damit wir weitergehen konnten.

„Ich versuche nur herauszufinden, ob du dich darüber freust.“ Sie packte meinen Ellbogen und versuchte weiter in meinem Gesicht zu lesen.

Mein Herz beschleunigte sich, wie immer, wenn ich unter Beobachtung stand, sogar von denen, denen ich vertraute. Zu viele Lügen waren mir über die Lippen gekommen, als dass ich mich jemals mit jemandem, der nach mehr Informationen grub, wohl fühlen könnte. Die Ironie der Situation war, dass ich darauf brannte, meinen Freundinnen meine Geschichte zu erzählen. Was für eine Erleichterung wäre es, das Leid und den Verlust, den ich erlitten hatte, endlich jemandem anzuvertrauen. Ich war schon so lange damit allein.

Ich machte große Augen. „Und?“

Sie seufzte. „Ich habe wie immer keine Ahnung.“ Sie lockerte ihren Griff. „Also bist du glücklich darüber? Willst du überhaupt gehen?“

Ich zuckte die Schultern. Ich war zu einer Meisterin im Verbergen meiner Gefühle geworden. Einer der Gründe dafür, dass ich gerne Zeit mit Saxony verbrachte, war, dass sie normalerweise nicht allzu viel über mich wissen wollte. Sie war die Extrovertierte, hinter der ich mich sicher versteckte. Aber je älter sie wurde, desto besser war sie im Fragenstellen geworden.

„Es ist, was es ist“, sagte ich schließlich.

Sie stöhnte. „Ich hasse es, wenn du das sagst. Aber gut, wie du willst.“ Sie trat um eine Eisfläche herum und zog ihren Kragen wieder bis zum Kinn hoch. „Habe ich dir erzählt, dass Jack gestern Abend die Toilette mit Plastik umwickelt hat? War ich mit fünfzehn auch so hirngeschädigt?“

Während Saxony von ihrem kleinen Bruder redete, entspannte ich mich und verlor mich in ihrer Welt. Ihre Familie war so normal, so liebevoll. Ihr Leben war ein Leben, das ich von außen mit Neid beobachten konnte. Georjayna kämpfte mit einer Mutter, die sich kaum um sie kümmerte, und Targa kämpfte mit einer Mutter, für die sie selbst die Mutterrolle übernommen zu haben schien. Nur Saxony hatte die Stabilität einer intakten Familie. Ich fragte mich, ob sie ihr Weltvertrauen und ihr Selbstbewusstsein daraus schöpfte. Ich hatte gesehen, wie sie auf eine Party ging, auf der sie niemanden kannte, und innerhalb einer Stunde den Namen von jedem wusste, Freundschaft mit Mädchen geschlossen hatte und die meisten Jungs hinter sich herdackeln ließ wie Welpen. Sie ärgerte auch einige Leute, weil sie immer redete, lachte und im Mittelpunkt stand. Sie war die perfekte Begleiterin, um den Blick von mir abzulenken. Sie, Georjie und Targa waren mein Anker geworden und das einzig Gute in meiner Gefangenschaft. Während Saxony weiter plapperte, wanderten meine Gedanken zurück zu Daichis Worten.

Bringen mir dieses Wakizashi und ich schenke dir deine Freiheit.

Meine Freiheit.

Ich hatte mich schon beinahe damit abgefunden, ein endloses Leben in Unfreiheit zu führen. Dienerin der Launen eines alten japanischen Mannes, der seit hundert Jahren tot sein sollte und der die Beweggründe für seine Entscheidungen nie mit mir teilte. Der mir nie gesagt hatte, warum er mich hierhergebracht hatte, was er wollte oder wie ich eines Tages mit meinem Leben weitermachen könnte. Bis jetzt.

Es gab keine Möglichkeit, wie Daichi mit unserem Leben glücklich sein konnte. Ich hatte ihn nie wirklich lachen gesehen. Warum jemand, der so griesgrämig war wie Daichi, überhaupt unsterblich sein wollte, war mir unbegreiflich. Er verschwendete die Ewigkeit und das machte mich krank. Jahrzehntelang hatte Daichi mich jede Nacht in einen Vogel verwandeln lassen und tagsüber in einen Käfig gesperrt. Alles, was ich damals wollte, war, ein Mensch zu sein, wieder menschliche Träume zu haben und in einem weichen, warmen Bett zu schlafen. Als er mich dann endlich menschlich bleiben ließ, begannen die Albträume. Also begann ich von selbst wieder in meinen Käfig zu gehen. Das Vergehen der Zeit war als Vogel leichter zu ertragen, und ich hatte keine Albträume. Jetzt war es ein bisschen besser. Manchmal verbrachte ich die Nacht in meinem Käfig, manchmal in meinem Bett, je nach Stimmung.

Als er mich in der Schule einschrieb und mich zwang, stundenlang Englisch zu lernen, diente das zwei Zwecken. Er rüstete mich dafür, sein Vermittler an dem fremden Ort zu sein, an den er uns versetzt hatte, und er beschäftigte mich so sehr, dass ich erschöpft ins Bett fiel und von Grammatik träumte, anstatt von jenem verhängnisvollen Tag im Wald, an dem meine Schwester mich verraten hatte.

Als ich die High School auf der Südseite von Saltford beendete, verlegte er mich auf eine Schule im Norden und ließ mich von vorne anfangen. Ich war mehr als drei Jahre in meinem Zyklus an der Saltford High School, und diesmal war es unmöglich, nicht in jeder Klasse eine Eins zu bekommen. Ich hatte keine Spur mehr von einem japanischen Akzent, und die nordamerikanische Lebensweise war zu meiner eigenen Lebensweise geworden. Ich konnte mir nicht erlauben, davon zu träumen, was ich tun würde, wenn ich mein Leben zurückhätte. Ich fragte mich, ob Daichi auch nur einen Hauch von Schuldgefühlen verspürte, weil er eine so mächtige Kreatur wie mich für seinen eigenen erbärmlichen Egoismus gefangen hielt ...

Eine alte Wut stieg in mir hoch und schlug mir von innen in die Rippen, als ich darüber nachdachte.

„Hey.“ Saxony drückte meinen Arm.

„Was? Entschuldigung.“ Ich blinzelte. Wir standen vor meinem Haus.

„Ich fragte, wann du gehst.“

„Wir haben mein Ticket noch nicht gebucht, aber es wird wohl direkt nach Ende des Schuljahres sein.“

Saxony nickte. „Zur selben Zeit wie ich. Lass uns sicherstellen, dass wir vier uns treffen, bevor wir verschwinden.“

„Klar, das wäre toll.“

Wir verabschiedeten uns und ich wanderte die Blockstufen hinauf zu unserem Bungalow. Ein Schauer der Vorfreude durchzog mich, als ich an meinen bevorstehenden Flug dachte. Ein Flugticket würde ich allerdings nicht benötigen. Ich würde diese Reise auf meinen eigenen Flügeln unternehmen, den Flügeln eines der wenigen Vögel, die hoch genug fliegen konnten, um den Äther zu erreichen. Dreißigtausend Meter hoch, irgendwo in der Nähe der Ozonschicht der Erde, lag die Heimat aller spirituellen Energie und der Kraft, die meine Schwester und mich zu dem gemacht hatte, was wir waren.

•Kapitel 3

„Sie sind im Hinterhof“, sagte Liz und hielt die Haustür für Saxony und mich auf. Das blonde Haar von Georjies Mutter war immer noch perfekt frisiert, selbst am Ende eines langen Tages, aber die dunklen Schatten unter ihren Augen verrieten ihre Erschöpfung selbst durch ihre Prada-Bifokalbrille. Liz war vor einigen Jahren Partnerin in ihrer Anwaltskanzlei geworden. Seitdem hatte ich sie nicht mehr ohne Augenringe gesehen. „Geht einfach durch. Es ist der wärmste Abend, den wir bisher hatten“, sagte Liz. „Aber es ist immer noch kühl. In der Feuergrube findet ihr Decken für euch.“

„Danke, Mrs. Sheehan“, sagte Saxony, als wir den massiven, mit Marmor ausgelegten Flur betraten. Vier große Paneele mit verspiegelten Schiebetüren verbargen ihren Garderobenschrank, und eine breite geschwungene Treppe führte hinunter zu ihrem Hallenbad und dem Spielzimmer, wo ich Saxony und Georjayna zum ersten Mal getroffen hatte.

„Nennt mich Liz“, antwortete Georjies Mutter und schloss die Tür hinter uns. „Viel Spaß.“ Sie schenkte uns ein steifes Lächeln und verschwand durch den Flur in Richtung ihres Büros.

Ich folgte Saxony an der riesigen Küche vorbei und durch die Schiebetüren in Georjies Garten. Ein paar Sterne waren im Mantel der Dunkelheit über Saltford zu sehen, und eine sanfte Brise küsste meine Haut, als wir die Terrasse überquerten. Georjaynas Haus war auf einer Klippe mit Blick auf das Meer errichtet worden, und die Lichter unserer kleinen Stadt lagen unter uns. Dahinter erstreckte sich das Meer schwarz und endlos bis zum dämmrigen Horizont.

„Hey!“, rief Targa von ihrem Platz am Feuer, die Arme weit ausgebreitet. Sie hatte eine Tüte Marshmallows in einer Hand. „Da seid ihr ja!“

„Ja, wir haben gehört, dass es hier noch ein paar Marshmallows gibt“, sagte Saxony, als wir das Gras überquerten. Das Feuer knisterte fröhlich und schickte Funken in Richtung des sich verdunkelnden Himmels. Targa und Georjayna wurden vom tanzenden Feuerschein erleuchtet, und beide hatten Decken über ihre Beine gelegt. Wenn ich mich nicht irrte, ging von beiden eine Aufregung aus, die ich in der Schule noch nicht an ihnen gespürt hatte.

„Kommt und setzt euch.“ Georjie klopfte auf den Adirondack-Stuhl neben ihr. „Eistee?“

„Unbedingt“, sagte ich.

Saxony und ich setzten uns in unsere Stühle, während Georjayna uns Getränke einschenkte. „Targa hat Neuigkeiten“, sagte Georjie.

„Lass mich raten“, sagte Saxony. „Du hast dich in den Neuen verknallt, den sie in der Karosseriewerkstatt eingestellt haben?“ Sie nahm ihren Eistee von Georjayna und stupste mit ihrem Strohhalm an den Eiswürfeln.

„Es gibt einen Neuen in der Karosseriewerkstatt?“, fragte Georjie. „Woher weißt du solche Dinge immer?“

„RJ“, sagte Saxony und nahm einen Schluck von ihrem Drink. RJ war ihr großer Bruder. „Ich war bei ihm, als er gestern ein Teil für sein Auto abgeholt hat. Der Kerl ist süß. Der neue Typ, nicht mein Bruder“, stellte sie klar.

„RJ ist auch ziemlich süß“, lachte Georjie. ‚Ziemlich süß‘ wurde ihm nicht gerecht, der Typ war ein dunkelhaariger Adonis.

Saxony rollte mit den Augen. „Dieser neue Typ hat dieses gequälte Mechanikerding drauf.“ Saxony griff nach zwei Bratstäbchen, die an Georjies Stuhl lehnten, und reichte mir eines.

„Ah, ja“, lächelte Georjie. „Der gequälte Mechaniker. Targas Traumtyp.“

Targa lachte. „Gut geraten. Aber nein, das sind nicht meine Neuigkeiten“, sagte sie und reichte die Tüte Marshmallows weiter. „Ich gehe nach Polen.“

„Das wäre meine nächste Vermutung gewesen“, sagte Saxony sarkastisch. „Wohin?“

„Danzig“, sagten Targa und Georjie zusammen.

„Und Danzig ist ein ...?“ Saxonys Augen waren groß wie Teller.

„Das ist eine Hafenstadt“, sagte ich. „An der Ostsee.“

Es war leicht, superschlau auszusehen, wenn man hundert Jahre alt war.

„Kein Wunder, dass du alles darüber weißt, Jeopardy.“ Saxony warf einen Marshmallow nach mir. Ich fing ihn auf, durchbohrte ihn mit meinem eigenen Spieß und hielt ihn über die Flammen. „Warum gehst du da hin, T?“

„Die Blue Jackets führen dort einen Bergungsauftrag durch. Meine Mutter sagte Simon, sie würde nur mitkommen, wenn sie mich mitnehmen darf.“ Targa zuckte die Achseln und grinste. „Wir brechen in ein paar Tagen auf.“

„Das ist unglaublich, Targa“, lächelte ich meine Freundin über das Feuer hinweg an. Sie lächelte zurück. „Danke, Akiko.“ Ihr Blick wanderte zu Georjayna. „Georjie hat auch Neuigkeiten.“

„Du gehst doch nach Irland?“, fragte ich.

„Auf keinen Fall!“, sagte Saxony. „Wirklich, Georjie?“

„Wirklich“, sagte Georjie. „Ich habe es Liz noch nicht gesagt, aber ...“

„Sie wird begeistert sein“, sagte Saxony und verdrehte die Augen. „Endlich hat sie das Haus für sich allein.“

„Saxony“, sagte Targa leise.

„Was?“ Saxony setzte sich aufrechter hin. „Es stimmt doch.“ Sie drehte sich zu Georjie um. „Sagtest du nicht, dass deine Mutter dich für den Sommer loswerden will?“

„Es ist eine Sache, wenn Georjie es sagt“, mischte ich mich ein. „Es ist eine andere Sache, wenn jemand anderes es sagt.“

„Entschuldigung.“ Saxony presste die Lippen zusammen.

Georjie seufzte. „Nein, es ist schon gut. Wir nennen die Dinge beim Namen, ja?“

„Irland ist grün und wunderschön. Wie schlimm kann es schon sein?“, sagte Targa. „Ich liebe den irischen Akzent.“

„Abgesehen von Akiko werden wir alle in Europa sein“, sagte Saxony und hüpfte auf ihrem Sitz. „Wir müssen versprechen, einander zu schreiben, in Ordnung?“

Georjayna und Targa stimmten sofort zu. Aber ich runzelte die Stirn. Ich wusste noch nicht, was mich in Japan erwarten würde.

„Ich werde es versuchen“, sagte ich. „Ich bin mir nur nicht sicher, wie gut das Signal dort sein wird. Soweit ich weiß, lebt meine Familie ziemlich abgelegen.“

„Wer hat denn heutzutage kein W-Lan?“, fragte Georjayna mit einem entsetzten Blick. „Besonders in Japan. Im Ernst, wo schickt dich dein Großvater hin, in eine Höhle im Berg?“

Ich lächelte, um die Angst zu verdecken, die in meinem Bauch brodelte. „Wer weiß. Seine Fähigkeit, Orte und Leute zu beschreiben, ist eher gering ausgeprägt.“

„Wie kommt es eigentlich, dass dein Großvater nicht mitkommt?“, fragte Targa. „Will er seine Verwandten zu Hause nicht besuchen?“

Mein Gesicht versteinerte sich. Am besten wäre es, so schnell wie möglich vom Thema meiner Reise nach Japan und Daichi wegzukommen. „Er ist zu alt für diese Art von Reisen“, sagte ich und warf meinen Blick ins Feuer, um weitere Fragen abzuwehren. Wir verfielen in eine kameradschaftliche Stille, aber ich spürte mehrere Minuten lang Targas und Georjaynas Blicke auf mir. Ich wusste, dass sie mehr Fragen stellen wollten, aber sie wussten längst, dass sie von mir selten Antworten erwarten durften.

Saxony brach schließlich das Schweigen: „Lasst uns alle zusammen übernachten, wenn jede von uns zurück ist.“ Ihr Blick schweifte zu mir, der einzigen, die Gefahr lief, vielleicht keine Erlaubnis zu bekommen.

Ich lächelte ihr zu und dachte daran, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr um Daichis Erlaubnis würde bitten müssen. Ich würde eine freie Frau sein.

Alle stimmten zu. Ich auch.

„Woher weißt du, dass der Äther mich nach Japan bringen wird?“, fragte ich Daichi, als ich meinen Rucksack auf den Küchentisch stellte. „Ich habe ihn noch nie für Reisen genutzt.“

„Vertrau mir“, sagte Daichi. Er hatte eine Handvoll japanische Yen auf den Tisch gelegt. Er stapelte die Scheine und steckte sie in einen Umschlag. „Präg dir diese Adresse ein“, sagte er und schob mir einen Zettel mit einer handgeschriebenen Adresse in Kyoto zu. „Die untenstehende Zahl ist die Kombination zum Öffnen einer Lagereinheit.“ Daichi legte ein weißes Blatt Papier und ein Stempelkissen auf den Tisch. Er öffnete es und streckte seine Hand aus. „Gib mir deinen Daumen“, sagte er.

Ich ließ ihn meinen Daumen in die Tinte drücken und stempelte dann mit meinem Daumenabdruck das Papier.

„Soll ich das einscannen?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. „Ich kenne mich mit technischen Geräten mittlerweile besser aus als du.“

Ich lächelte nur halb, als ich mir den Daumen am Waschbecken abwusch. Da hatte er wahrscheinlich Recht. Wer hätte es je für möglich gehalten, dass ein Mann, der im 18. Jahrhundert geboren worden war, so gut mit Computern umgehen konnte?

„Hast du alles Nötige gepackt?“

Ich nickte. „Ich glaube schon. Zwei Outfits, ein Paar Turnschuhe, eine kleine Geldbörse mit meinem Ausweis, eine Bankkarte, mein Reisepass, mein Mobiltelefon und mein Ladegerät.“ Ich warf einen letzten Blick in meinen Rucksack und runzelte die Stirn. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass es illegal ist, einen Pass und Bargeld per Kurier zu schicken, es sei denn, man ist die Regierung. Was, wenn sie im Zoll stecken bleiben?“ Ich schauderte bei dem Gedanken daran, die Lagereinheit in Japan zu öffnen, sie leer vorzufinden und zu versuchen, meinen Befehl auszuführen, während ich nur einen seidenen Bademantel und nutzlose Hausschuhe besaß.