Töchter des Mondes - Cate - Jessica Spotswood - E-Book

Töchter des Mondes - Cate E-Book

Jessica Spotswood

4,5
7,99 €

Beschreibung

Cate und ihre Schwestern Maura und Tess sind Hexen. Niemand darf davon erfahren, denn Hexen drohen Verbannung und Tod. Die Gefahr, aufzufliegen, lastet schwer auf Cate. Vor allem seit Finn aufgetaucht ist, dieser Junge mit den Zimtsommersprossen und dem kupferroten zerzausten Haar. Verzweifelt sucht Cate nach einem Ausweg und stößt im Tagebuch ihrer toten Mutter auf eine rätselhafte Prophezeiung, die besagt, dass drei Schwestern mit magischen Kräften die Hexen zurück an die Macht führen werden. Handelt es sich dabei um Cate, Maura und Tess? Und kann es überhaupt eine gemeinsame Zukunft für Cate und Finn geben?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 478




Inhalt

Titel

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Danksagung

Über die Autorin

Impressum

Aus dem Englischen von Stefanie Lemke

In Erinnerung an meine Großmutter, Helen Emanuel,

die mir immer das Gefühl gegeben hat, dass alle meine

Geschichten großartig sind.

Kapitel 1

Unsere Mutter ist auch eine Hexe gewesen, aber sie wusste es besser zu verstecken.

Sie fehlt mir.

Es vergeht nicht ein einziger Tag, an dem ich mir nicht wünsche, sie könnte mir helfen. Besonders, was meine Schwestern angeht.

Tess läuft vor mir her auf den Rosengarten zu – unseren Zufluchtsort. Nur dort fühlen wir uns wirklich sicher. Ihre Schuhe gleiten über die Pflastersteine, die Kapuze des grauen Mantels rutscht ihr vom Kopf, und ihre blonden Locken kommen zum Vorschein. Ich blicke zurück zum Haus. Es ist gegen die Vorschriften der Bruderschaft, dass Mädchen draußen ohne Kopfbedeckung herumlaufen. Und Laufen an sich wird als nicht damenhaft angesehen. Doch hinter den hohen Hecken sind wir vor dem Haus verborgen. Tess ist sicher. Noch.

Sie bleibt stehen und wartet auf mich. Sie tritt nach dem heruntergefallenen Laub unter einem Ahornbaum. »Ich mag den Herbst nicht«, klagt sie und beißt sich mit ihren ebenmäßigen Zähnen auf die Unterlippe. »Alles ist so deprimierend.«

»Ich mag den Herbst.« Ich fühle mich belebt durch die Frische der klaren Septemberluft, den strahlend blauen Himmel und das Zusammenspiel von Orange-, Rot- und Goldtönen. Die Bruderschaft würde den Herbst wahrscheinlich verbieten, wenn sie es könnte. Der Herbst ist einfach zu schön. Zu sinnlich.

Tess zeigt auf die Clematis am Rankgitter, deren Blüten braun und verwelkt sind und müde nach unten hängen.

»Sieh nur, alles ist tot«, sagt sie mit Grabesstimme.

Da begreife ich erst, was sie vorhat. »Tess!«, rufe ich.

Doch zu spät. Sie blinzelt mit ihren grauen Augen, und eine Sekunde später ist es Sommer.

Tess ist für ihre zwölf Jahre schon sehr weit, viel weiter als ich in ihrem Alter war. Die verwelkten Blüten richten sich auf. Plötzlich sind sie wieder ganz weiß und üppig. Die Eichen sind voller frischer grüner Blätter. Prachtvolle Pfingstrosen und Lilien neigen sich der Sonne entgegen und scheinen über ihr Wiedererwachen zu jubilieren.

»Teresa Elizabeth Cahill«, zische ich. »Mach das sofort rückgängig!«

Sie lächelt gefällig, als sie sich vorbeugt, um den Duft der gelbroten Taglilien einzuatmen. »Nur für ein paar Minuten. Es ist viel schöner so.«

»Tess.« Der Ton meiner Stimme verrät, dass ich keinen Widerspruch dulde.

»Wozu soll dies alles denn gut sein, wenn wir es nicht nutzen können, um die Welt schöner zu machen?«

Soweit ich es beurteilen kann, ist »dies alles« zu ziemlich wenig gut. Ich ignoriere Tess’ Frage. »Tess, du machst das jetzt sofort wieder rückgängig! Bevor Mrs O’Hare oder John rauskommen!«

Tess murmelt lautlos einen Reverto-Zauberspruch vor sich hin. Was wahrscheinlich unser Glück ist. Im Gegensatz zu mir braucht sie einen Zauberspruch nicht laut auszusprechen.

Die Clematis verwelkt wieder in ihren Reben, das Springkraut zerfällt, die Blätter rascheln unter unseren Füßen. Tess sieht nicht besonders glücklich aus, aber wenigstens hört sie auf mich. Was ich von Maura nicht gerade behaupten kann.

Auf den Pflastersteinen hinter uns sind Schritte zu hören. Der schnelle, schwere Gang eines Mannes. Blitzartig drehe ich mich zu dem Eindringling um. Tess rückt näher an mich heran, und ich widerstehe dem Drang, den Arm um sie zu legen. Sie ist klein für ihr Alter, aber ich würde sie für immer so behalten wollen, wenn ich könnte. Ein seltsames, hübsches Kind ist weniger gefährdet als eine seltsame, hübsche Frau.

John O’Hare, unser Kutscher und Mädchen für alles, kommt um die Ecke getrampelt. »Ihr Vater erwartet Sie, Miss Cate«, schnaubt er. Seine bärtigen Wangen sind gerötet. »Im Arbeitszimmer.«

Ich lächele höflich und stecke eine widerspenstige Haarsträhne zurück unter die Kapuze. »Danke.«

Ich warte, bis er wieder verschwunden ist. Dann drehe ich mich zu Tess um, ziehe ihr die Kapuze über die widerspenstigen Locken und beuge mich hinunter, um den Staub von ihrem zerlumpten Spitzensaum zu klopfen. Mein Herz schlägt wie verrückt. Wenn er zwei Minuten eher gekommen wäre – oder wenn es Vater gewesen wäre oder die Bruderschaft uns einen unerwarteten Besuch abgestattet hätte –, wie hätten wir erklären sollen, dass dieser Teil des Gartens in voller Blüte stand?

Wir hätten es nicht gekonnt. Es war Magie, schlicht und ergreifend.

»Dann gehe ich mal besser. Ich bin gespannt, was Vater zu besprechen hat.« Ich bemühe mich um einen freudigen Tonfall, aber so unerwartet von ihm gerufen zu werden, beunruhigt mich doch. Er ist gerade erst seit ein paar Tagen aus New London zurück. Wird er uns bald schon wieder verlassen? Die Zeit, die er zu Hause verbringt, wird von Jahr zu Jahr kürzer.

Tess schaut sehnsüchtig zum Rosengarten am Ende des Weges. »Dann gibt es heute keine Übungsstunde?«

»Nach der Vorstellung gerade? Nein.« Ich schüttele den Kopf. »Das weißt du doch genau.«

»Es konnte uns niemand vom Haus aus sehen, Cate. Wir waren hinter der Hecke. Wir hätten es gehört, wenn jemand gekommen wäre, genauso wie wir John gehört haben.«

Ich ziehe die Stirn in Falten. »Keine Zauberei außerhalb des Rosengartens. Mutter hat die Regeln aufgestellt, um uns zu schützen«, gebe ich zurück.

»Ja,wahrscheinlich«,seufztTess.SielässtdieschmalenSchulternhängen,undestutmirunendlichleid,ihrdiesekleineFreudegenommenzuhaben.Alsichsoaltwarwiesie,liebteiches,durchdieGärtenzulaufen,undichwarbestimmtgenausounvorsichtigbeimZauberngewesen.AberichhatteMuttergehabt,dieaufmichaufpasste.JetztmussichfürTessundMauradieMutterspielenunddaswildeMädchen,dasimmernochinmirstecktundherauswill,ignorieren.

Den Weg zurück zum Haus gehe ich voran. In der Küche angekommen, hängen wir unsere Mäntel an die hölzernen Haken an der Innenseite der Tür. Mrs O’Hare steht über einen brodelnden Topf mit ihrer furchtbaren Fischsuppe gebeugt. Dabei summt sie Bruchstücke eines alten Kirchenliedes und nickt mit ihrem grauen Lockenkopf im Takt. Sie lächelt uns an und zeigt auf einen Haufen Möhren auf dem Küchentisch. Tess macht sich sogleich an die Arbeit und fängt an, die gewaschenen Möhren zu schneiden. Sie hilft gern in der Küche. Sie liebt es, Zutaten abzumessen, miteinander zu vermengen und zu würzen. Es geziemt sich eigentlich nicht für Mädchen unseres Ranges, aber Mrs O’Hare hat es schon lange aufgegeben, uns beizubringen, was sich geziemt und was nicht.

Die schwere Eichenholztür zu Vaters Arbeitszimmer steht einen Spaltbreit offen. Ich kann ihn am Schreibtisch sitzen sehen, sein Rücken ist ganz krumm vor Erschöpfung, so als würde er am liebsten ein Nickerchen machen. Aber vor ihm liegt ein Stapel in Leder gebundener Bücher, und ich habe keinen Zweifel daran, dasser sich nach unserem Gespräch weiter mit ihnen beschäftigen wird. Und wenn er mit diesen Büchern fertig ist, warten noch Dutzende andere im Regal darauf, ihren Platz einzunehmen. Er ist zwar Geschäftsmann, aber in allererster Linie ist er doch ein Gelehrter.

Ich klopfe an und warte darauf, dass er mich hereinbittet. »John sagt, du wolltest mich sprechen?«

»Komm herein, Cate. Mrs Corbett und ich dachten, wir sollten dich mit einbeziehen, was unser neues Vorhaben angeht, denn es betrifft euch Mädchen.« Vater zeigt in die Zimmerecke, wo Mrs Corbett wie eine dicke Spinne auf dem vornehmen roten Sofa sitzt und ihre hilfreichen Pläne spinnt.

»EinneuesVorhaben?«,wiederholeichundtretenäherandenSchreibtischheran.ZuMuttersLebzeitenhatteMrsCorbettdenkbarwenigInteresseanunsgezeigt,aberseitMuttergestorbenist,hatsieimmerdiebestenRatschlägefürihreNachbarn.Zuletzthatsievorgeschlagen,michaufdieKlosterschulederSchwesternzuschicken.Esbliebmirnichtsanderesübrig,alsVatersEntscheidungdagegenzuerzwingenundseineErinnerungdaranauszulöschen.Erweißjetztnurnoch,dasserzudemSchlussgekommenist,dassesnichtgutgewesenwäre,michsoschnellnachMuttersTodfortzuschicken.

In seine Gedanken einzudringen ist das Schlimmste, was ich jemals getan habe. Aber es war einfach notwendig. Wie hätte ich sonst mein Versprechen halten können, mich um meine Schwestern zu kümmern? New London liegt zwei Tagesreisen entfernt.

»Ich denke – beziehungsweise Mrs Corbett hat angeregt …« Vater druckst herum, bis er endlich auf den Punkt kommt. »Eine Gouvernante! Eine Gouvernante wäre genau das Richtige!«

Oh nein.

Ich recke mein Kinn vor. »Das Richtige wofür?«

Vaters schmales Gesicht errötet. »Für eure Ausbildung. Ich gehe nächste Woche zurück nach New London, und ich werde den größten Teil des Herbstes fort sein. Das ist eine viel zu lange Zeit ohne Unterricht für euch Mädchen.«

Das Herz wird mir schwer. Ein paar Stunden hier und da, um unsere französische Aussprache und unsere Lateinübersetzungen zu korrigieren, das ist die einzige Zeit, die wir noch mit Vater gemeinsam verbringen. Jetzt werden wir auch darauf verzichten müssen. Ich habe schon vor Jahren gelernt, dass ich nicht auf Vater zählen kann, aber Tess? Es wird ihr das Herz brechen.

IchwischedenStaubvonderSchreibtischlampe.»MauraundichkönnenTessunterrichten,wennduwegbist.Esmachtmirnichtsaus.«

Vater geht taktvoll darüber hinweg, dass Tess’ Latein um Längen besser ist als meins. »Wenn das das Einzige wäre – ich meine – du bist jetzt sechzehn, Cate, und –« Hilfe suchend blickt er zu Mrs Corbett, die ihm nur allzu bereitwillig zur Seite springt.

»Eine junge Dame hat noch mehr zu lernen als Fremdsprachen. Eine Gouvernante würde euch Mädchen etwas Schliff beibringen«, bemerkt sie und mustert mich von oben bis unten.

Ich balle meine Hände zu Fäusten. Ich weiß, wie ich aussehe: Ich trage ein hochgeschlossenes, marineblaues Kleid ohne Rüschen oder irgendeinen Firlefanz und dazu die abgewetzten Stiefel, die ich zur Gartenarbeit angezogen habe. Die Haare liegen mir in einem ordentlichen Zopf auf dem Rücken. Ich weiß, dass mir dieser Aufzug nicht besonders schmeichelt. Aber es ist besser, für nachlässig gehalten zu werden, als zu viel Aufmerksamkeit zu erregen.

»Wir haben jede Woche Klavierunterricht in der Stadt«, erinnere ich Vater.

Mrs Corbett fängt an zu grinsen, und dabei verschwinden ihre Augen fast in den Falten ihres dicken Gesichts. »Ich glaube, Ihr Vater hat dabei an etwas anderes als Klavierunterricht gedacht, Liebes.«

Ich sollte meinen Blick senken, wie es sich für ein braves Mädchen gehört, aber ich tue es nicht. Dieses süße, übertrieben vertraute »Liebes« geht mir gehörig auf die Nerven. Ich straffe meine Schultern, hebe mein Kinn und starre direkt in ihre braunen Knopfaugen. »Als da wären?«

»Darf ich offen mit Ihnen sein, Miss Cate?«

»Ich bitte darum.« Meine Stimme ist zuckersüß.

»Sie sind in einem Alter, in dem Sie langsam über Ihre Zukunft nachdenken sollten, über Ihre und Miss Mauras. Ihre Absichtsbekundung steht kurz bevor. Sie müssen sich schon sehr bald entscheiden, ob Sie heiraten und – so Gott es will – eine Familie gründen oder der Schwesternschaft beitreten.«

Ich spiele mit den Goldfäden des Lampenschirms und spüre, wie ich rot werde. »Ich bin mir meiner Möglichkeiten durchaus bewusst.« Als ob ich das vergessen könnte. Ich verbringe gefühlt den halben Tag damit, meine Angst niederzukämpfen, um von der aufsteigenden Panik nicht erdrückt zu werden.

»Nun, es ist Ihnen aber vielleicht nicht bewusst, dass Sie und Ihre Schwestern inzwischen einen gewissen Ruf haben. Als – Sonderlinge. Blaustrümpfe. Miss Maura noch mehr als Sie – Mauras Nase steckt ständig in einem Buch, nicht wahr? Sie geht im Buchladen ein und aus. Sie beide erhalten keinen Besuch, und Sie werden von niemandem eingeladen. Es ist ja verständlich, da Sie keine Mutter haben, die Ihnen hilft –«, Mrs Corbett sieht meinen Vater mitleidig an, »aber bedauerlich. Als Ihre Nachbarin hielt ich es für meine Pflicht, Ihrem Vater mitzuteilen, was mir zu Ohren gekommen ist.«

Natürlich tut sie nur ihre Pflicht, diese aufdringliche Schnüfflerin.

Sonderlinge, hat sie gesagt. Haben die alten Kühe im Ort etwa über uns getratscht? Und wenn die Bruderschaft etwas davon erfahren hat? Vater genießt als ehemaliger Lateinlehrer bei den Brüdern großes Ansehen, denn bevor Mutter gestorben ist und ehe er das Reedereigeschäft seines Onkels in New London erbte, unterrichtete er an der hiesigen Jungenschule. Aber das reicht bei Weitem nicht aus, um seine Töchter von jeglichem Verdacht fernzuhalten. Heutzutage ist jeder verdächtig.

Ich dachte, wir wären sicherer, wenn wir zurückgezogen lebten. Vielleicht lag ich damit jedoch falsch.

Ich mache ein langes Gesicht, aber Vater nimmt mein Schweigen als Zustimmung. »Mrs Corbett kennt eine geeignete junge Dame. Sie ist sehr gut im Französischen – Malen, Musizieren –« Er brummt weiter vor sich hin, aber ich höre gar nicht mehr zu. Unsere Gouvernante wird sich in all den schönen, nutzlosen Dingen auskennen, die von jungen Damen unseres Standes erwartet werden.

Und sie wird hier bei uns wohnen. Hier bei uns im Haus.

Ich beiße die Zähne zusammen. »Dann hast du sie bereits eingestellt?«

»Schwester Elena wird Montag früh anfangen.« Mrs Corbett lächelt.

Schwester? Es ist noch schlimmer, als ich dachte. Die Schwestern sind der weibliche Teil der Bruderschaft, nur sind sie im Gegensatz zu den Brüdern absolut machtlos. Sie haben weder einen Vorsitz bei Rechtsstreitigkeiten noch schreiben sie Addenden zum Moralkodex oder urteilen über der Hexerei angeklagte Mädchen. Sie leben abgeschieden in Stadtklöstern und opfern ihr Leben im Dienste des Herrn, indem sie Mädchen an ihren Eliteinternaten unterrichten und manchmal auch als Gouvernante arbeiten. Ich habe noch nie ein Mitglied des Ordens getroffen, aber ich habe schon oft gesehen, wie sie ganz in Schwarz in ihren geschlossenen Kutschen durch den Ort fahren. Sie wirkten immer verhärmt und freudlos. Regina, die Tochter von Mrs Corbett, hatte eine Schwester zur Gouvernante, bevor sie heiratete.

Ist das Vaters Plan? Ist diese Gouvernante darauf spezialisiert, hoffnungslose Fälle wie Maura und mich unter die Haube zu bringen?

Ich wende mich Vater zu. Der Vorwurf liegt mir schon auf der Zunge. Er wollte doch meine Meinung hören, oder nicht? Dabei hat er seine Entscheidung schon längst getroffen! Oder hat sie vielmehr von jemand anderem treffen lassen.

Er sieht mir meine Verärgerung an und lässt den Kopf hängen wie die Clematis draußen im Garten ihre Blüten.

Verdammt. Ich kann nicht mit ihm streiten. Seit Mutter gestorben ist, ist nicht mehr genug von ihm übrig, um eine Auseinandersetzung mit ihm zu führen.

»Wenn es bereits entschieden ist, werden wir das Beste daraus machen. Sie ist bestimmt großartig. Danke, dass du dir solche Gedanken um uns machst, Vater.« Ich werfe ihm mein bezauberndstes Lächeln zu, ganz die hingebungsvolle Tochter. Nicht wahr? Wenn ich will, kann ich so süß sein wie Tess’ Erdbeerkuchen.

»Aber selbstverständlich will ich nur das Beste für euch Mädchen.« Vater lächelt unsicher zurück. »Möchtest du deinen Schwestern die Nachricht überbringen oder soll ich es ihnen beim Abendessen sagen?«

Ah, deswegen hat er mich also kommen lassen. Er hatte niemals vor, mich nach meiner Meinung zu fragen. Es war nur ein Vorwand, weil er nicht den Mut hat, es ihnen selbst zu erzählen! Und wenn Maura einen Wutanfall bekommt und Tess schmollt, kann er sich damit trösten, dass Cate zugestimmt hat, dass es das Beste wäre. Als wennich in der Angelegenheit irgendetwas mitzureden gehabt hätte.

»Nein, schon gut. Ich werde es ihnen sagen.« Besser sie werden mir gegenüber unverschämt als Vater gegenüber. »Ich werde es jetzt gleich tun. Noch einen guten Tag, Mrs Corbett.«

Mrs Corbett streicht unsichtbare Fusseln von ihrem schweren Wollrock. »Guten Tag, Miss Cate.«

Ich mache einen Knicks und ziehe die Tür hinter mir zu. Insgeheim verfluche ich ihre schwarze Seele. Sie hat ja keine Vorstellung davon, welcher Gefahr sie uns damit ausgesetzt hat.

Maura sitzt zusammengekauert mit einer Patchworkdecke um die Schultern auf ihrer Fensterbank und liest einen ihrer Schauerromane. Die sind zwar verboten, aber sie hat einen ganzen Stapel davon unter einem losen Brett in ihrem Schrankboden versteckt. Sie gehörten einmal Mutter.

Als ich, ohne anzuklopfen, in ihr Zimmer rausche, legt sie einen Finger als Lesezeichen in das Buch und funkelt mich mit ihren saphirblauen Augen an.

»Schon mal was von Anklopfen gehört?«, fragt sie. »Ist gerade sehr in Mode bei Leuten mit Manieren.«

»Oh, ja. Ich weiß, was für eine Verfechterin von guten Manieren du bist«, lache ich.

»Was gibt es?« Sie richtet sich auf, und ein nackter Fuß kommt unter ihrem blauen Rock zum Vorschein. »Sag schnell. Ich muss herausfinden, was mit diesem armen Mädchen passiert. Sie ist kurz davor, von diesem Herzog geschändet zu werden.«

Ich verdrehe die Augen. Ausgezeichnete Lektüre für eine junge Dame. Wenn Vater sie erwischen würde, hätte sogar er Einwände dagegen. Aber ich habe gerade andere Sorgen.

»Vater hat sich entschieden, eine Gouvernante einzustellen. Eine der Schwestern.«

Maura macht ein Eselsohr in die Seite und legt das Buch aus der Hand.

Eine Gouvernante bedeutet nicht unbedingt unseren Untergang. Aber sie wird die Dinge sehr viel schwieriger machen, besonders wenn sie von der frommen, redseligen Art ist. Es ist schon nicht leicht, unser Geheimnis vor Vater, den O’Hares und Lily, unserem Dienstmädchen, zu bewahren. Noch eine weitere Person dem Haushalt hinzuzufügen – noch dazu eine Person, die all ihre Zeit damit verbringen wird, über unser Betragen zu urteilen –, wird alles nur noch komplizierter machen.

»Vater hat das entschieden? Als ob er den Mumm dazu hätte, sich so etwas auszudenken.« Maura tippt ans Fenster. Draußen steigt Mrs Corbett gerade in ihre Kutsche, ihr Mantel flattert im Wind. Sie sieht aus wie eine große, fette Krähe.

Ich hatte das Gleiche über Vater gedacht, aber es aus Mauras Mund zu hören, ist etwas anderes.

»Um Himmels willen, du guckst ja, als hättest du in eine Zitrone gebissen. Du weißt doch, wie es ist.« Sie schiebt die Kattunvorhänge beiseite, damit wir besser sehen können. »Meinst du, sie will ihn heiraten?«

»Ihn heiraten?« Vater würde niemals wieder heiraten.

»Witwer tun das, Cate. Vor allem Witwer, die drei Töchter haben. Das passiert in meinen Büchern ständig. Sie wäre eine Satansbraut, nicht wahr?«

Maura rückt zur Seite, um mir Platz zu machen. Zweifelnd schauen wir zu Mrs Corbett hinaus.

»Ich finde, Vater macht nicht den Eindruck, als wenn er auch nur das geringste Interesse an ihr hätte«, bemerke ich.

»Natürlich nicht. Vater interessiert sich für nichts anderes als für seine Bücher und das Geschäft. Er ist ja auch nie hier. Wir wären diejenigen, die sich mit ihr abgeben müssten. Wie mit dieser Gouvernante.« Maura zieht die Nase kraus.

Ich warte auf die bevorstehende Explosion. Tess und ich, wir sind beide Wasserfarben, verglichen mit dem satten Ölgemälde, das Maura mit ihren feuerroten Haaren und dem entsprechenden Temperament darstellt. Sie ist ungestüm. Eigensinnig. Und schnell verärgert.

»Vielleicht ist es gar nicht so schlecht. Eine Gouvernante könnte etwas Leben in die Bude bringen«, sagt sie schließlich.

Ich springe auf und starre sie an, als wäre ihr ein zweiter Kopf gewachsen. »Du willst eine Gouvernante? Die hier bei uns wohnt? Mir wäre es lieber, du würdest weiter Klavier üben und mit mir zanken, und du möchtest eine Fremde im Haus, deren einzige Aufgabe es ist, uns herumzukommandieren?«

»Jedenfalls habe ich es satt, von dir herumkommandiert zu werden«, brummt Maura. »Ich bin jetzt fünfzehn, Cate. Du musst nicht mehr auf mich aufpassen wie auf ein kleines Kind. Und Tess ist auch kein Kleinkind mehr.«

Ich hebe die blauen Samtschuhe auf, die sie neben ihrem Bett fallen gelassen hat. »Das weiß ich.«

»Wirklich?Soverhältstdudichabernicht.«Mauraknurrtlautlosetwasvorsichhin,undaufeinmalverwandeltsichderPantoffelinmeinerHandineineSpinne.SieläuftmirüberdasHandgelenkunddenArmhoch.FüreinenkurzenMomentversteifeichmich.

Ich bin kein zimperliches Mädchen, das sich vor Dingen fürchtet, die im Dunkeln vorbeihuschen.

Das hat Maura mir abgewöhnt. Meine magischen Kräfte kamen zum Vorschein, als ich elf war, ihre dagegen zeigten sich erst mit zwölf, doch dann explodierten sie regelrecht über Nacht. Maura war nicht gerade vorsichtig damit. Nachdem Mutter gestorben war, war sie unmöglich. Wir trauerten und gingen so gut wie nie hinaus außer zum Gottesdienst, aber Maura war auch zu Hause nicht nur halbwegs achtsam. Ich lebte in ständiger Angst, dass die Bediensteten oder, Gott bewahre, Vater sie ertappen würden. Wir lagen uns ständig wegen ihrer Gleichgültigkeit in den Haaren. Nach unseren Streitereien kamen dann immer abscheuliche Ungeheuer aus meinem Schrank, Spinnen krabbelten über mein Bett und webten ihre Netze in meinem Haar. Schlangen wanden sich um meine Knöchel und leckten mit ihren gespaltenen Zungen an meinen Füßen.

Ich lernte schnell, mich aus solchen Situationen hinauszudenken. Und niemals meine Angst zu zeigen. Mutter hatte uns gelehrt, dass die Kraft einer Hexe allein in ihrem Geist liegt. Wir können die Dinge nicht ändern. Wir können nur ändern, wie die Leute sie wahrnehmen. Und, in sehr seltenen Fällen, wie sie sich daran erinnern.

»Commuto«, sage ich, und die Spinne verwandelt sich wieder zurück in einen Schuh. Ich werfe ihn auf einen Haufen anderer vor Mauras Schrank.

»Istdirnichtauchsterbenslangweilig,Cate?Mirschon.WennichdieRomanenichthätte,würdeichmichdirektindenFlusswerfen.«Sieblitztmichan,stehtaufundstrecktsich.DerStoffüberihremMiederistgespannt.SiebrauchtdringendneueKleidungfürihreneuenKurven.»WasistdenndasschonfüreinLeben,wieGeisterimHausumherzuwandeln?HastduniedasBedürfnisnachmehr?«

Habe ich das? Es ist Jahre her, seit ich das letzte Mal darüber nachgedacht habe, was ich will. Und es ist ja eigentlich auch ziemlich egal. Ich wollte jedenfalls nicht, dass Mutter stirbt. Ich wollte nicht, dass Vater nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Ich wollte nicht die Verantwortung für meine Schwestern übernehmen. Und ganz sicher wollte ich nie eine Hexe sein.

Das Universum sollte langsam mal meine Wünsche in Betracht ziehen.

Maura dagegen denkt immer noch, dass sie die Welt nach ihrem Willen formen kann. Sie wird noch viel lernen müssen.

Da kommt auf einmal eine Erinnerung wieder hoch – wie ich durch den Garten renne und von einem hellblonden Jungen mit schelmischen grünen Augen gejagt werde. Wie ich mich von ihm fangen und durchkitzeln lasse, bis ich keine Luft mehr bekomme. Wie er mich ansieht, seine sonnengebräunte Stirn beinahe meine berührt, während er mich ins Gras drückt. Wie er lacht und sich von mir rollt, mit Wangen so rot wie Mauras Haare, und es auf einmal klar war, dass wir zu alt für solche Spiele waren.

Ich beiße mir auf die Unterlippe – eine nicht gerade damenhafte Angewohnheit, ich weiß, und eine, die Tess mir abgeguckt hat. »Was willst du denn machen? Wovon halte ich dich denn ab? Nachmittagstees bei Mrs Ishida? Einkaufsbummel mit Rose Collier und Cristina Winfield?«

»Nein. Ich weiß nicht. Vielleicht!« Maura fängt an, auf und ab zu gehen.

Ach du meine Güte. Wenn das verlockende Alternativen sein sollen, fühlt sie sich wirklich einsamer, als ich dachte. »Niemand hält dich davon ab, Freundschaften zu schließen. Du könntest, wann immer du willst, die Mädchen aus dem Ort zum Tee einladen.«

»Als ob sie hierherkommen würden! Die Mädchen aus dem Ort kennen uns doch kaum, und wir rennen rum wie Vogelscheuchen. Außerdem bist du die Älteste; du müsstest die Gastgeberin sein, doch du würdest ja lieber als Einsiedlerin leben.«

Ich lasse mich auf Mauras Bett sinken und streiche die gelbe Tagesdecke glatt, die Mutter während einer ihrer langen Genesungszeiten genäht hatte. Maura hat recht, ich würde keinen Gefallen daran finden, oberflächliche Konversation mit den Klatschweibern aus dem Ort zu betreiben. Aber ich würde es tun. Für sie. Um uns zu schützen. »Möchtest du das wirklich?«

Sie dreht den alten Globus, den Vater ihr zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt hat. »Ich weiß nicht. Ich will jedenfalls mehr als das hier, und wir müssen langsam anfangen, an unsere Zukunft zu denken, oder nicht? Wie sollen wir jemals jemanden finden, der uns heiratet, wenn wir nie das Haus verlassen?«

»Du tust ja geradezu so, als wären wir ans Haus gefesselt«, wende ich ein. »Wir gehen doch aus.«

»Zum Gottesdienst und zum Klavierunterricht.« Maura dreht den Globus schneller, bis er eine blaugrüne verschwommene Masse von Orten ist, die wir niemals sehen werden. »Für dich ist ja alles schön und gut. Du wirst Paul heiraten und Kinder von ihm bekommen und für immer nebenan wohnen. Wie du dabei vor lauter Langeweile nicht umkommen wirst, ist mir schleierhaft, aber zumindest ist das schon mal abgemacht. Doch was ist mit mir?«

Ich ignoriere die Stichelei. »Es ist noch gar nichts abgemacht. Er hat es ja nicht einmal für nötig gehalten, auch nur ein einziges Mal nach Hause zu kommen, um mich zu besuchen.« Ich arrangiere ihre Kissen in einer ordentlichen Reihe und plustere sie dabei mit mehr Kraft als notwendig auf. »Wahrscheinlich hat er sich schon längst in ein Mädchen aus der Großstadt verliebt.«

»Hat er nicht.« Maura lächelt mich schief an. »Das hätten wir mitbekommen. Mrs McLeod hätte es jedem im Ort erzählt.«

Da Mr McLeod krank und bettlägerig ist, hat Paul als Einzelkind das Los gezogen, die einzige Freude seiner Mutter zu sein. Ihre Hätschelei macht ihn wahnsinnig. Es überraschte mich zunächst, dass er zur Universität ging, denn er war in der Schule nie besonders gut gewesen. Vater musste ihm sogar Förderunterricht geben. Doch inzwischen denke ich, dass er einfach seinem trostlosen Zuhause entkommen wollte. Trotzdem ist das keine Entschuldigung, nie zu Besuch zu kommen. Er ist seit vier Jahren nicht mehr hier gewesen, nicht einmal zu Weihnachten. Noch nicht einmal zu Mutters Beerdigung.

»Nun, du wirst es nächste Woche herausfinden, nicht wahr?« Maura steht vor dem Spiegel und fährt sich mit Mutters altem Schildpattkamm durch die Locken. »Bist du nervös?«

»Nein«, lüge ich. »Es ist doch bloß Paul. Außerdem bin ich sauer auf ihn.«

»Nun, das musst du wohl verwinden. Es ist ja nicht so, als ob die Männer Schlange stehen würden, um dich zu heiraten.« Maura betrachtet mich, wie ich ausgestreckt auf ihrem unordentlichen Bett liege. »Du solltest die Gouvernante überreden, dir ein neues Kleid zu bestellen. Etwas Modisches. So kannst du dich ihm jedenfalls nicht präsentieren.«

»Paul wäre das egal.« Wäre es das? Dem Jungen, mit dem ich aufgewachsen bin, schon.

Aber wahrscheinlich sollte ich meinen Stolz ablegen und mir Mühe geben, ihm zu gefallen. Wie es ein gutes, praktisch denkendes Mädchen tun würde.

»Sieh dich doch mal an.« Maura zieht mich hoch, sodass ich neben ihr vor dem Spiegel zum Stehen komme. Mein Haar löst sich aus demZopf, und ich habe einen Tintenfleck am Ärmel. Aber auch wenn ich mich noch so sehr bemühen würde, ich könnte mich nie mit Maura vergleichen. Maura war schon immer die Familienschönheit. Sie hat prachtvolle, leuchtende Locken, ich dagegen habe glattes blondes Haar mit einem winzigen Rotstich und langweilige graue Augen wie Vater. Doch am Schlimmsten ist mein spitzes Kinn, das meine Eigensinnigkeit verrät. Es ist ein schlecht gehütetes Geheimnis – jeder, der auch nur fünf Minuten mit mir spricht, kommt gleich dahinter.

»Du siehst furchtbar aus«, sagt Maura rundheraus. »Aber du wärst hübsch, wenn du dir nur ein bisschen Mühe geben würdest. Du solltest etwas mehr auf dein Äußeres achten, Cate. Noch sechs Monate und dann musst du irgendjemanden heiraten. Du kannst nicht für immer hierbleiben und auf uns aufpassen.«

Noch sechs Monate, bis ich siebzehn werde. Aber nur noch drei, bis ich eine Verlobung verkünden muss. Der Gedanke macht mir langsam zu schaffen.

Maura hat recht. Sie sagt das Gleiche wie Mrs Corbett. Nicht auf die gleiche Art und nicht aus den gleichen Gründen. Aber wenn Mutter noch am Leben wäre, würden Maura und ich zum Tee eingeladen werden, selbst Gäste empfangen und uns als heiratswürdige junge Damen präsentieren. Ich habe es bisher hinausgezögert, aus Angst, es irgendwie zu vermasseln, aus Angst, die Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Doch jetzt habe ich zu lange gewartet und damit genau das bewirkt, was ich verhindern wollte.

Wir dürfen den Brüdern nicht den geringsten Anlass geben, uns zu verdächtigen.

»Ich denke, wir sollten der Gouvernante eine Chance geben. Wir werden vorsichtig sein«, verspricht Maura.

»Sie wird hier bei uns wohnen. Dann wirst du keine Romane mehr lesen können. Tess wird nicht mehr studieren dürfen und ich nicht mehr den ganzen Tag in der Erde graben.« Bei dem Gedanken wird mein Herz ganz schwer. Gärtnern ist die einzige Freiheit, die ich mir selbst zugestanden habe. Wenn die Gouvernante darauf besteht, dass ich den ganzen Tag im Haus bleibe und Stillleben mit Obst male, werde ich verrückt. »Wenn sie mitbekommt, was wir sind –«

Maura grinst und dreht sich die Locken im Nacken zu einem Knoten zusammen. »Wenn sie Ärger macht, löschen wir ihre Erinnerung. Das ist es doch, was böse Hexen tun?«

Ich fahre herum und sehe sie an. »Das ist nicht lustig.« Meine Schwestern wissen nichts von meiner Fähigkeit. Gedankenmagie ist äußerst selten und wird als die dunkelste Art von Magie überhaupt angesehen. Mutter war die Einzige, die davon wusste, und sogar sie war entsetzt, als sie es erfuhr.

Maura steckt sich die Haare mit Nadeln fest. »War ja nur Spaß.«

»Darüber macht man keine Späße. Es ist nicht in Ordnung, in die Gedanken von Leuten einzudringen und sie zu verwirren! Es greift zu sehr in die Privatsphäre ein. Es ist –« Ich unterbreche mich selbst, bevor ich eine Sünde sage.

Aber Maura schaut mich im Spiegel an, als ob sie wüsste, was ich denke. »Wir sind Hexen, Cate. Wir wurden so geboren. Magie ist nichts, wofür man sich schämen muss, was auch immer die Brüder uns glauben machen wollen. Es ist ein Geschenk. Ich wünschte, du könntest das akzeptieren.«

Kapitel 2

Ich weiß, was die Brüder sagen würden: Magie ist kein Geschenk Gottes, sondern ein Werk des Teufels. Und Frauen, die magische Kräfte besitzen, sind entweder verrückt oder vom Teufel besessen. Auf sie wartet bestenfalls das Irrenhaus. Oder ein Gefängnisschiff oder ein früher Tod.

»Es fühlt sich jedenfalls mehr an wie ein Fluch«, seufze ich, während ich die Haarnadeln auf Mauras Frisierkommode ordentlich nebeneinanderlege.

»Für dich vielleicht!« Maura schlägt so heftig mit der Hand auf die Kommode, dass die Glasflaschen klirren und die Haarnadeln wieder alle durcheinanderfliegen. Mauras blaue Augen leuchten in ihrem blassen Gesicht. »Weil du versuchst, so zu tun, als würde unsere Magie nicht existieren. Wenn es nach dir ginge, würden wir sie überhaupt nicht mehr benutzen. Dabei sollten wir so viel wie möglich üben, um alles zu lernen, was es gibt. Es ist unser Geburtsrecht.«

»Du würdest also vormittags zaubern üben und nachmittags die Frauen und Töchter der Bruderschaft zum Tee einladen? Meinst du nicht, dass sich die zwei Sachen ein bisschen widersprechen?«

»Warum? Warum können wir nicht beides haben?« Maura stützt die Hände in die Hüften. »Es ist nicht die Bruderschaft, die uns davon abhält, Cate. Du bist es.«

Getroffen taumele ich zurück und werfe dabei beinahe den Globus um. Ich greife mit beiden Händen danach und stelle ihn wieder an seinen Platz. »Ich beschütze euch.«

»Nein, du erstickst uns.«

»Denkst du etwa, mir macht das Spaß?«, frage ich und werfe die Hände in die Luft. »Ich versuche doch nur, euch vor Gefahren zu bewahren. Ich versuche, euch davor zu bewahren, so zu enden wie Brenna Elliott!«

Maura lässt sich auf die Fensterbank sinken. Ihre Haare sind so rot wie die Ahornbäume, die die Einfahrt säumen. »Brenna Elliott war eine Närrin.«

Aber so einfach ist es nicht, und das weiß Maura. »War sie das? Oder war sie einfach nur unvorsichtig? Sie haben sie auf jeden Fall zugrunde gerichtet.«

Maura zieht skeptisch eine Augenbraue hoch. »Sie war schon vorher merkwürdig.«

»Merkwürdig oder nicht, sie hat auf jeden Fall nicht verdient, was man ihr dort angetan hat«, blaffe ich sie an.

Brenna Elliott bereitet mir Albträume. Sie ist ein Mädchen aus der Stadt und genauso alt wie ich. Wir haben sie schon oft, im Selbstgespräch leise vor sich hin brummelnd, auf der Straße angetroffen. Früher einmal war sie ein hübsches Mädchen, und weil sie die Enkelin von Bruder Elliott ist, sah man ihr ihre Verschrobenheit nach – bis sie versuchte, ihren Onkel Jack vor seinem Tod zu warnen, einen Tag bevor er bei einem Unfall mit einer Kutsche ums Leben kam. Nachdem er – wie von ihr vorhergesagt – gestorben war, lieferte ihr eigener Vater sie aus. Sie wurde der Hexerei angeklagt und nach Harwood gebracht. Weniger als ein Jahr später hatte sie sich die Pulsadern aufgeschnitten. Als ihr Großvater das mitbekam, behauptete er, dass sie schon ihr Leben lang einfältig gewesen und dass eine Krankheit für ihr wirres Reden verantwortlich sei, nicht Hexerei. Er holte sie nach Hause, damit sie wieder gesund werden konnte. Die ersten Wochen musste sie wie ein Säugling gefüttert werden, und sie sprach mit niemandem. Auch jetzt verlässt sie kaum das Haus.

Ich fasse Maura am Arm. »Ich kommandiere euch doch nicht zum Spaß herum. Ich versuche, euch zu beschützen. Ich will nicht zusehen müssen, wie ihr nach Harwood gebracht werdet. Ich will nicht dastehen und sehen, wie Tess mit leblosen Augen und Narben an den Handgelenken zurückkommt!«

»Pst!«, zischt Maura und schüttelt mich ab. »Vater hört uns noch.«

Ich kann nichts dagegen tun. Der Gedanke daran, dass meine Schwestern weggebracht werden könnten, um Gott weiß was für Leid zu erfahren, weil ich nicht gewissenhaft genug auf sie aufgepasst habe – der Gedanke verfolgt mich.

Lieber sollen sie mich für einen Hausdrachen halten.

»Ich gehe raus«, verkünde ich. »Wenn du von der Idee so begeistert bist, kannst du Tess ja von der Gouvernante erzählen.«

Ich poltere die breite Holztreppe hinunter. Die Sorge schnürt mir die Kehle zu. Ich hoffe, Tess wird sich dessen bewusst sein, welche Bedrohung diese Person für uns darstellt. Wenn ich doch nur darauf vertrauen könnte, dass meine Schwestern vorsichtiger sind, achtsamer gegenüber dem, was uns zustoßen könnte …

Ich habe Mutter versprochen, auf sie aufzupassen. Ich war diejenige, der sie vertraut hat – nicht Mrs Corbett, nicht Mrs O’Hare, noch nicht einmal Vater. Tess’ und Mauras Sicherheit ist jetzt meine Verantwortung. Aber sie machen es mir nicht gerade leicht. Sie zaubern, sobald ich ihnen den Rücken zudrehe, sobald sie sich unbeobachtet fühlen. Sie finden Gefallen an eigenwilligen Beschäftigungen und eigenwilligen Büchern. In letzter Zeit lehnt Maura sich ständig gegen mich und meine Regeln auf und bekämpft mich, wo es nur geht.

Ich tue, was ich kann, aber irgendwie ist es immer zu viel oder nicht genug oder komplett falsch.

In der Küche riecht es nach Äpfeln und Zimt. Auf dem Fensterbrett steht ein Kuchen. Das Glas dahinter ist ganz beschlagen von dem Dampf, der aus dem Kreuz, das in die Mitte der goldenen Kruste geschnitten ist, aufsteigt.

Ich nehme meinen Mantel vom Türhaken und eile hinaus. Die Luft riecht süßlich und scharf zugleich, eine Mischung aus dem Rauch von den Schornsteinen und dem Laub, das den Boden bedeckt. Mein Lieblingsplatz ist nicht weit: eine Bank im Rosengarten unter der Statue der Athene. Im Schutze der hohen Hecken können wir dort vom Haus aus nicht gesehen werden – mit Ausnahme von dem Fenster an der Ostseite meines Zimmers.

Ich weiß es, ich habe es überprüft.

Ich lasse mich auf den kalten Marmor fallen und werfe die Kapuze zurück. Mein Blick fällt auf eine Rose, deren Stiel braun und angeknabbert ist, die Blütenblätter liegen verstreut auf dem Boden. Ich fixiere die Rose.

Novo, denke ich. Novo.

Doch sie erwacht nicht wieder zum Leben. Sie verändert sich kein bisschen.

Aber ich kann die Magie in mir spüren. Sie ist in meinem Atem, und mit jedem wütenden Herzschlag pulsieren ihre hauchdünnen Fäden und lassen meine Brust enger werden. Sie neckt mich und bittet und bettelt, freigelassen zu werden. So ist es immer, wenn ich von starken Gefühlen überwältigt werde. Vor allem, wenn ich mir seit Tagen nicht erlaubt habe, zu zaubern.

Ich versuche es noch einmal: Novo.

Nichts. Ich sacke zusammen und stütze mein Kinn in die Hände, die Ellbogen auf die Knie. Ich bin eine nutzlose Hexe. Tess ist kaum zwölf, und sie kann ohne ein Wort den gesamten Garten verzaubern. Könnte es wahrscheinlich mit geschlossenen Augen. Und ich bin sechzehn und kann noch nicht einmal einen einfachen stillen Zauber.

Ich will keine Hexe sein. Ich würde vollkommen mit der Hexerei aufhören, wenn ich könnte, aber das ist unmöglich. Ich habe es vor zwei Jahren einmal probiert.

Es war der Winter, nachdem Mutter gestorben war, und Mrs Corbett und einige der Brüder kamen zu Besuch. Sie klagten die ganze Zeit, wie leid es ihnen um meine gute, arme Mutter täte. Es hat mich zur Weißglut gebracht. Sie kannten Mutter überhaupt nicht; und sie hatte niemanden von ihnen ausstehen können. Sie waren einfach bloß neugierige, lärmende Schafe.

Ich dachte an Schafe, und die Magie schaukelte sich hoch, und da war es: ein großes Wollknäuel in der Ecke des Wohnzimmers, direkt neben Mrs Corbett. Es schnüffelte sogar an ihrem Ärmel. Sie fuhr zusammen, und ich war mir sicher, dass sie es gesehen hatte. Ich war schon auf das Geschrei gefasst – darauf gefasst, verhaftet und nach Harwood gebracht zu werden.

Doch Maura rettete mich mit einem Evanesco-Zauber. Sie hat das Schaf einfach wieder weggezaubert.

Mrs Corbett hatte es überhaupt nicht gesehen. Keiner von ihnen hatte es gesehen.

Seitdem habe ich nie wieder versucht, die Magie zu unterdrücken. Ich zaubere selten und auch nur widerwillig, aber ich tue es, damit ich nicht noch einmal die Kontrolle verliere. Und ich befolge die Regeln, die Mutter für uns aufgestellt hat: Wir dürfen nur im Rosengarten zaubern. Wir dürfen nur leise darüber reden und nur hinter verschlossenen Türen. Wir dürfen niemals vergessen, wie gefährlich Magie sein kann – oder wie böse, wenn sie in die Hände derer gerät, die keinerlei Skrupel kennen. Mutter hat mir diese Dinge eingebläut, hat sie mir eindringlich und oft gesagt, als sie hier auf dieser Bank gesessen hat, auf der ich jetzt sitze, während ich zu ihren Füßen im Gras hockte.

Ich wünschte, Mutter wäre hier. Ich brauche sie. Nicht nur, um uns zu sagen, wie wir die Magie vor Vater und der Bruderschaft und der Gouvernante und all unseren Nachbarn geheim halten können. Sondern auch um uns beizubringen, wie wir gleichzeitig Hexen sein und zu jungen Damen heranwachsen können, ohne den besten und wesentlichen Teil von uns zu verlieren.

Doch Mutter ist nicht hier, aber ich bin es. Ich muss einen Weg finden, unseren Ruf in der Stadt zu verbessern. Ich werde die Frauen der Bruderschaft besuchen. Modernere Kleider kaufen. Lächeln und nicken und lachen. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um sicherzustellen, dass die neue Gouvernante denkt, wir wären ganz gewöhnliche, strohdumme Mädchen, die für niemanden eine Bedrohung darstellen.

Ich bin nicht verzweifelt, als Mutter gestorben ist. Und ich werde auch jetzt nicht verzweifeln.

»Novo«, flüstere ich und gucke zwischen meinen Fingern hindurch. Dieses Mal verwandelt sich die Rose in eine prächtige Blüte.

Die Statuen zeichnen sich geisterhaft hinter mir ab, während der Garten langsam dunkel wird. Widerwillig stehe ich auf und gehe auf das Haus zu. Es ist ein altes Bauernhaus, das von Vaters Großeltern gebaut wurde, als sie sich hier niederließen. Maura würde lieber in einem der neuen Häuser in der Stadt wohnen, in so einem mit einem Türmchen und einer Dachterrasse und Verzierungen über den Türen, aber ich mag unser Haus, so wie es ist: massiv und sicher. Auch wenn die weiße Farbe etwas abblättert, einer der Fensterläden im ersten Stock schief hängt und dem steilen Schrägdach seit dem letzten Sturm ein paar Ziegeln fehlen – nun, John ist beschäftigt. Der Junge von den Carruthers hat im Sommer gekündigt. Wen stört es schon, wenn das Haus etwas marode aussieht? Uns kommt eh niemand besuchen.

Als ich um die Ecke in den richtigen Garten abbiege, stoße ich mit jemandem zusammen, der gerade den Weg entlanggeht.

Überrascht taumele ich einen Schritt zurück. Es kommt selten vor, dass ich hier jemand anderem als John, unserem Handwerker, begegne. Und das gefällt mir. Tess fühlt sich in der Küche am wohlsten, Maura zieht die Gesellschaft von Büchern vor, und Vater verlässt außer zum Abendessen oder um schlafen zu gehen selten das Arbeitszimmer. Der Garten gehört mir.

Ich verspüre eine gewisse Verärgerung diesem Eindringling gegenüber.

Als er die Arme nach mir ausstreckt, um mir Halt zu geben, lässt er ein Buch fallen, und daran erkenne ich ihn: Finn Belastra. Natürlich hatte er seine Nase in einem Buch, obwohl ich nicht weiß, wie er bei der Dunkelheit lesen kann. Er muss Katzenaugen haben.

»Entschuldigen Sie bitte, Miss Cahill.« Finn schiebt sich mit dem Zeigefinger die Brille hoch. Er hat Sommersprossen wie Zimt über das ganze Gesicht verteilt. Und sein Gesicht – er hat sich ganz schön gemacht, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Früher war er eine Bohnenstange. Jetzt ist er – nun, jetzt ist er es nicht mehr.

»Was machen Sie hier?«, frage ich schroff. Und in dem Aufzug? Ich halte wirklich nicht viel von förmlicher Kleidung, aber er trägt eine zerlumpte braune Cordhose, die von Hosenträgern gehalten wird, und ein Arbeitshemd, das er bis zu den Ellbogen aufgerollt hat.

Finn nimmt seinen Schlapphut ab. Seine kupferroten Haare zeigen in alle möglichen Richtungen. »Ich bin Ihr neuer Gärtner.«

Das muss ein Witz sein. Nur hat er tatsächlich einen Eimer voller Unkraut in der Hand.

»Oh«, sage ich schließlich. Ich weiß nicht, was sonst angemessen wäre. Herzlich willkommen wäre gelogen. Wir brauchen nicht noch mehr Fremde bei uns. Nachdem Mutter gestorben war, hatte ich Vater davon überzeugt, dass wir mit Mrs O’Hare, John und Lily vollkommen auskommen würden. Vater stimmte zu, die Entscheidungen rund ums Haus mir zu überlassen, aber er bestand darauf, eine Reihe von Gärtnern anzustellen. Sein neues Vorhaben ist, einen Pavillon beim Teich zu bauen, von dem aus man den Friedhof überblicken kann.

»Können Sie gärtnern?«, frage ich, ohne den Zweifel in meiner Stimme zu verbergen. Ich kann mir wirklich niemanden vorstellen, der dafür weniger geeignet wäre. Die anderen Gärtner waren kräftige Jungen von den umliegenden Bauernhöfen gewesen, keine blassen, gelehrten Buchhändlersöhne.

»Ich lerne es gerade«, sagt Finn und zeigt mir das Buch, das ihm bei unserem Zusammenstoß hinuntergefallen ist. Es ist eine Pflanzenenzyklopädie.

Das weckt nicht gerade mein Vertrauen. Ich habe die Erde umgegraben, Unkraut gejätet, Blumenzwiebeln gepflanzt. Es macht mir Spaß. Und ich brauche dafür kein Buch. Ich habe Mutter und John jahrelang zugesehen. Ich hoffe nur, Finn wird nicht umherlaufen und über neue Bewässerungsmethoden und optimale Wachstumsbedingungen dozieren. Früher in der Sonntagsschule war er ein unerträglicher Schlaumeier.

Finn schwenkt den Eimer. Seine Unterarme sind schlank und drahtig. »Ihr Vater hat gehört, dass ich Arbeit suche, und war so nett, mir eine Anstellung anzubieten. Wir hatten in letzter Zeit etwas Schwierigkeiten mit dem Laden.«

Klar, dass Vater da weich wird – zumindest, wenn es um seine Bücher geht. Ich habe noch nie gehört, dass er ein böses Wort gegen die Hexenjagd der Bruderschaft gesagt hat, aber sobald es um ihre Zensur von Büchern geht, kann er richtig wütend werden.

Ich vergrabe die Hände in den Taschen meines Mantels. »Müssen Sie – Sie müssen den Laden doch nicht etwa schließen, oder?«

»Noch nicht.« Finn strafft die Schultern – die sehr viel kräftiger geworden sind, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Jedenfalls seit ich ihn das letzte Mal angesehen habe. Wie lange ist es her, dass ich wirklich richtig hingesehen habe? Er ist unglaublich attraktiv geworden; das kann nicht über Nacht passiert sein.

»Gut! Das ist gut!«, sage ich. Finn sieht überrascht aus, dass mich das überhaupt interessiert, aber Mutter liebte den Buchladen sehr. Sie war eine große Leserin, so wie Maura und Tess. Und Vater.

Ich zögere, irgendwie sollte ich noch etwas sagen.

»Na schön, bringen Sie meine Blumen nicht um«, murmele ich und streiche beschützend mit einer Hand über einen Strauch rosaroter Teerosen.

Finn lacht. »Ich werde mein Bestes geben. Guten Tag, Miss Cahill.«

Ich mache ein finsteres Gesicht. »Guten Tag, Mr Belastra.«

* * *

Meine Laune wird beim Abendessen nicht unbedingt besser.

Mrs O’Hares Fischsuppe schmeckt genauso furchtbar wie erwartet: versalzen und schlecht gewürzt. Mrs O’Hare ist eine ausgezeichnete Haushälterin, aber eine lausige Köchin. Ich schmiere frische Butter auf dicke Scheiben Sauerteigbrot und ignoriere die Suppentasse vor mir. Tess fixiert Vaters Tasse, und einen Augenblick später erklärt er die Suppe für ein Gedicht.

Ich sehe Tess finster an, bis Maura mich unter dem Tisch tritt.

Ich trete noch fester zurück, und sie zuckt zusammen. Das Brot in meinem Mund verwandelt sich in gepfefferte Asche. Ich würge und greife nach meinem Wasserglas.

»Alles in Ordnung, Cate?«, fragt Vater und sieht von seiner wunderbaren Fischsuppe auf.

»Ja«, keuche ich. Maura setzt ein Unschuldslächeln auf. Sie weiß, dass ich mich nicht mit Magie zur Wehr setze, denn das tue ich nie, aber ich bin nah daran, mich über den Tisch zu beugen und ihr eine Ohrfeige zu geben.

»Ich denke, ihr habt alle von der neuen Gouvernante gehört?« Vater sitzt an der Stirnseite des Mahagonitisches mit Tess und Maura auf der einen und mir auf der anderen Seite. Rechtmäßig bin ich jetzt die Dame des Hauses und müsste am Fuße des Tisches sitzen, aber für mich ist das immer noch Mutters Platz.

Tess und Maura nicken, und Vater fährt fort. »Sie reist am Montag an. Ich bleibe bis Donnerstag, bis sie sich überall zurechtfindet, aber dann werde ich für ein paar Wochen unterwegs sein. Es kann sein, dass ich erst zu Allerseelen zurück bin.«

Tess lässt scheppernd ihren Löffel fallen. »Das ist über ein Monat! Und was ist mit Ovid?« Sie haben gerade begonnen, die Metamorphosen zu lesen. Das Buch ist von der Bruderschaft verboten – zu viele seltsame Götter und Vorkommnisse –, aber Vater hat heimlich ein Exemplar beiseitegeschafft.

Mir wird schwer ums Herz. Nach Mutters Tod, als klar war, dass er keine Söhne haben würde, begann Vater, mit Tess zu lesen und sie in den von ihm so geliebten toten Sprachen zu unterrichten. Sie verschlingt die Lektionen wie ein verhungerndes Kätzchen und nimmt begeistert jedes Stückchen Wissen und jedes Überbleibsel von Zuneigung, das er ihr zuwirft, auf.

Vater starrt auf einen leeren Fleck an der Wand. »Es tut mir leid, aber ich muss unsere Stunden verschieben.«

Doch es tut ihm nicht leid, nicht wirklich. Maura hat recht; das Einzige, was Vater wichtig ist, sind seine Bücher und sein Geschäft. Wut steigt in mir auf. Bemerkt er denn überhaupt nicht, wie sehr Tess ihn bewundert? Aber er ist ja nicht da und bekommt nicht mit, wenn sie wieder Trübsal bläst, sobald er abgereist ist. Ich bin diejenige, die sie dann wieder aufheitern darf und die versuchen kann, sie mit Improvisationstheater und Unterricht in Magie im Garten zu unterhalten.

»Wird die Gouvernante uns irgendetwas Interessantes beibringen?«, fragt Tess. »Oder nur so langweilige Sachen wie Zeichnen und Französisch?«

Vater räuspert sich. »Ähm … ich denke, eher Letzteres. Euer Lehrplan wird nichts enthalten, was nicht von der Bruderschaft vorgesehen ist. Ich weiß, ihr seid etwas anderes gewöhnt, aber Zeichnen und Französisch – das sind nützliche Fertigkeiten für eine junge Dame, Teresa.«

Tess seufzt und spielt mit ihrem Löffel. Sie spricht bereits fließend Französisch, Latein und Griechisch. Vater hat ihr versprochen, ihr als Nächstes Deutsch beizubringen.

»Wirst du dich nicht einsam fühlen?« Maura geht zur Anrichte und schenkt Vater ein Glas Portwein aus der Kristallkaraffe ein. »Wenn du so lange von zu Hause weg bist?«

Vater hustet. Kann es sein, dass er in letzter Zeit mehr hustet als sonst? Er sagt, es liegt bloß an dem Wetterumschwung, aber ich finde, er sieht ziemlich müde um die Augen herum aus. »Ich werde sehr beschäftigt sein. Den ganzen Tag lang Termine.«

»Aber hättest du nicht gerne Gesellschaft? Jemanden, mit dem du zusammen essen kannst?« Maura schenkt ihm ein bezauberndes Lächeln. Sie sieht aus wie Mutter, wenn sie lächelt. »Du arbeitest viel zu viel. Ich könnte mitkommen und mich um dich kümmern. Ich würde so gerne mal nach New London.«

Tess und ich drehen uns auf unseren Stühlen herum. Maura muss doch wissen, dass er dem niemals zustimmen würde. Er weiß schon nicht, was er zu Hause mit uns anfangen soll, und würde es in New London erst recht nicht wissen.

»Nein, nein, ich komme schon allein klar. Und ich hätte auch gar keine Zeit, auf dich aufzupassen. New London ist kein Ort für eine junge Dame ohne eine Begleitperson. Du bist hier bei deinen Schwestern viel besser aufgehoben.« Vater isst noch einen Löffel Suppe und bemerkt gar nicht, wie enttäuscht Maura ist. »Nun, was diese Gouvernante angeht: Schwester Elena wurde uns wärmstens von Mrs Corbett empfohlen. Sie war die Gouvernante von Regina.«

Und Regina hat eine sehr gute Partie gemacht. Vater sagt es nicht, aber es hängt in der Luft, so schwer wie der Abendnebel. Ist es das, was er für uns will? Regina Corbett ist eine alberne Idiotin, und ihr Ehemann ist fromm und reich und angesehen. Er wird mit Sicherheit beim nächsten Mal berücksichtigt, wenn die Bruderschaft eine Stelle zu besetzen hat. Der Regionalrat besteht aus zwölf Mitgliedern, deren Alter vom alten Bruder Elliott, Brennas Großvater, bis zu dem zwanzigjährigen, gut aussehenden Bruder Malcolm reicht, der erst letzten Herbst geheiratet hat.

Bruder Ishida, der Ratsvorsitzende, berichtet zweimal im Jahr an den Nationalrat in New London. Der Nationalrat mischt sich üblicherweise aber nicht in Kleinstadtangelegenheiten ein, sondern beschäftigt sich mehr mit der sich anbahnenden Bedrohung durch einen neuen Krieg mit Indochina, das die Westhälfte Amerikas besetzt hat, oder mit Spanien, das den Süden kolonialisiert hat. Es sind Bruder Ishida und der Rat von Chatham, vor denen wir uns in Acht nehmen müssen. Wenn sie wüssten, was wir sind, wäre all ihre väterliche Güte mit einem Wimpernschlag verflogen. Ob jung oder alt, sie sind sich einig in ihrem Eifer, Neuengland von Hexen zu befreien.

Für kein Geld der Welt würde ich ein Mitglied der Bruderschaft heiraten.

»Ich kann mich noch gut an Reginas Gouvernante erinnern«, sagt Maura. Sie zerreißt ihr Brot in Stücke, anstatt es zu essen. »Sie ist jung. Und sehr hübsch.«

Ich kann mich beim besten Willen nicht an sie erinnern. Dabei müssen wir sie beim Gottesdienst gesehen haben und ihr gelegentlich auf der Straße begegnet sein, aber sie war schließlich auch nur für drei Monate in der Stadt, bis Regina geheiratet hat.

»Ich habe vorhin den anderen neuen Angestellten getroffen«, verkünde ich. »Finn Belastra?«

»Ach, ja.« Vater schüttelt den Kopf. »Als ich neulich im Buchladen war, habe ich mit seiner Mutter gesprochen. Marianne sagt, die Bruderschaft hat ihnen die halbe Kundschaft verschreckt. In der Hoffnung, etwas Verbotenes zu finden und den Laden zu schließen, nehme ich an. Was für eine Schande, wenn es so weit kommt, dass die Leute Angst vor Büchern haben!«

Ganz zu schweigen davon, dass sie Angst vor Mädchen haben. Ich unterbreche ihn, bevor er richtig loslegen kann. »Ja, aber versteht Finn denn überhaupt etwas vom Gärtnern?«

»Er ist ein sehr intelligenter junger Mann. Wäre ein feiner Gelehrter geworden«, sagt Vater, womit er nicht wirklich meine Frage beantwortet. Er redet weiter davon, dass Finn ursprünglich zur Universität gehen sollte, bevor sein Vater starb, und wie unglaublich schade es ist, und ich bin mir sicher, dass Finn bestimmt begeistert wäre, wenn er wüsste, dass seine Mutter im ganzen Ort über ihn geredet hat.

Ich antworte ihm höflich, als Vater dazu übergeht, zu betonen, wie wichtig es ist, zu lernen. Wahrscheinlich will er uns die Gouvernante schmackhaft machen, aber ich bin sowieso die Einzige, die ihm zuhört. Maura hat einen Roman auf ihrem Schoß versteckt, und Tess macht sich einen Spaß daraus, eine der Kerzen in den Wandleuchtern aufflackern zu lassen. Als ich sie eindringlich ansehe, hört sie damit auf und lächelt entschuldigend. Ich schüttele den Kopf und schiebe mein Stück Apfelkuchen von mir weg. Der Appetit ist mir inzwischen vergangen.

Nach dem Abendessen können wir machen, was uns gefällt. Wenn Vater nicht da ist, überreden wir Mrs O’Hare manchmal, etwas mit uns zu spielen. Wir spielen oft Schach oder Dame, obwohl Tess immer bei beidem gewinnt und Maura eine schlechte Verliererin ist. An diesem Abend zieht Vater sich in sein Arbeitszimmer zurück, und Maura geht ohne ein Wort die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Bleiben Tess und ich.

Ich folge meiner kleinen Schwester ins Wohnzimmer. Sie setzt sich ans Klavier, und kurz darauf gleiten ihre Finger anmutig über die Tasten. Sie ist die Einzige von uns, die geduldig genug ist, wirkliches Geschick zu entwickeln.

Ich streife meine Schuhe ab, lehne mich auf dem cremefarbenen Steppsofa zurück und lasse mich von Tess’ Sonate treiben. Früher spielte Tess beschwingte alte Volksballaden, und Maura begleitete sie auf der Mandoline und sang dazu. Wir schoben die Möbel an die Wände, und Mrs O’Hare kam herein und tanzte mit mir durchs Zimmer. Aber die alten Lieder wurden vor Jahren verboten, genau wie Tanz und Theater und alles, was an die alten Zeiten erinnert, als die Hexen noch an der Macht waren. Die Brüder sind in letzter Zeit immer strenger geworden, und Tanzen ist das Risiko nicht wert.

Tess’ Finger stocken, dann hört sie auf zu spielen. »Bist du immer noch böse auf mich?«, fragt sie.

»Nein. Ja.« Wenn ich ihr keine Disziplin beibringe, wer dann? Vater weiß nichts von unseren magischen Kräften, und er darf es auch nicht herausfinden. Mutter war davon überzeugt, dass er nicht stark genug dafür ist, damit umzugehen. Sie führte seine schwache Brust an, den Husten, der ihn Jahr um Jahr etwas zerbrechlicher erscheinen lässt. Aber es ist mehr als das, auch wenn sie es nicht übers Herz brachte, es auszusprechen. Vater murrt zwar wegen der Zensur der Bruderschaft und versteckt überall im Haus Bücher, aber das ist eine einfache Art der Auflehnung. Ich denke, Mutter glaubte nicht, dass er stark genug wäre, sich gegen die Brüder aufzulehnen, wenn es um etwas geht, das wirklich zählt. Uns zum Beispiel.

Sie hat Vater trotzdem geliebt, aber ich kann ehrlich gesagt nicht verstehen, warum die beiden verheiratet waren.

Ich setze mich auf und ziehe die Knie an die Brust. »Du kannst nicht einfach überall zaubern, wie es dir gefällt, Tess. Das weißt du doch. Ich könnte es nicht ertragen, wenn dir etwas zustoßen sollte.«

Tess sieht sehr jung aus in ihrem rosafarbenen Kleiderrock, die Haare in zwei geflochtenen Zöpfen, die ihr bis zur Taille gehen. Seit sie zwölf ist, liegt sie mir ständig in den Ohren, dass sie sich die Haare hochstecken und längere Röcke tragen will. Ich schätze, die Gouvernante wird mir raten, es ihr zu erlauben. Ich kann sie nicht daran hindern, älter zu werden. »Ich weiß«, sagt sie. »Ich auch nicht. Wenn dir etwas zustoßen sollte, meine ich.«

Ich sehe zu den Porträts über dem Kamin. Auf einem davon ist Vater mit seinen Eltern zu sehen, als er noch ein Kind war. Zu seinen Füßen liegt ein Labradorwelpe. Daneben hängt ein Gemälde von uns fünf – Vater, Mutter, Maura, Tess und ich. Tess war noch ein Säugling mit blassblondem Haar, das wie Pusteblumen auf ihrem Kopf wuchs. Mutter schaut liebevoll zu ihr herunter, wie eine Madonna wiegt sie das Kind in ihren Armen. Sie hatte zwischen Maura und Tess ein Kind verloren – das erste von fünf, die auf dem Familienfriedhof begraben wurden.

»Diese Gouvernante – sie wird hier wohnen, mit uns essen, uns auf Schritt und Tritt beobachten. Und auch wenn du denkst, dass es irgendjemandem helfen könnte – Vater oder mir oder Maura –«

Tess dreht sich zu mir um und sieht mich an. »Spielst du darauf an, was letzte Woche beim Gottesdienst passiert ist?«

»Nein, aber das ist ein gutes Beispiel.« Als wir letzten Sonntag die Kirche verlassen haben, trat jemand auf Mauras Rock. Ihr Kleid zerriss – genau über der Mitte ihres zugegebenermaßen knappen Mieders – und ihr Unterhemd war zu sehen. Es wäre furchtbar peinlich für sie gewesen, wenn Tess nicht schnell reagiert und lautlos einen Renovo-Zauber gesprochen hätte.

»Maura wäre sehr beschämt gewesen«, argumentiert Tess.

»Ein bisschen öffentliche Erniedrigung hätte sie nicht umgebracht. Wir hätten sie in die Kutsche und außer Sicht gebracht, und ein paar Tage später hätte sich niemand mehr daran erinnert. Aber wenn irgendjemand gesehen hätte, was du getan hast –«

»Die Leute hätten gedacht, es wäre überhaupt gar nicht gerissen gewesen«, entgegnet Tess. »Es ging so schnell. Sie hätten gedacht, dass sie sich verguckt hätten.«

»Hätten sie das?« Ich bin mir da nicht so sicher. »Die Brüder stürzen sich doch auf alles, was nur im Entferntesten nach Magie aussieht. Und sie würden nicht dich verdächtigen, sondern sie würden denken, es wäre Maura gewesen. Du wolltest ihr helfen, ich weiß, aber es hätte auch sehr schlimm ausgehen können.«

Tess spielt mit der Spitzenborte an ihrem Ärmel. »Ich weiß«, flüstert sie.

»Brenna Elliott. Gwen Foucart. Betsy Reed. Marguerite Dolamore.«

Ich spule die Namen herunter wie das große Einmaleins, das wir von Vater gelernt haben. Es sind die Namen der vier Mädchen, die im letzten Jahr von der Bruderschaft verhaftet wurden. Gwen und Betsy wurden zu Strafarbeit auf dem Gefängnisschiff vor New London verurteilt. Auf dem Schiff herrschen entsetzliche Zustände – harte Knochenarbeit und kaum etwas zu essen. Es gibt dort Ratten, habe ich gehört, und Krankheiten, und oft überleben die Mädchen das Ganze nicht. Was mit Marguerite passiert ist, weiß allerdings niemand. Sie ist vor ihrer Verhandlung einfach verschwunden, mitten in der Nacht abgeholt worden.

»Wäre es dir lieber, Maura würde verdächtigt? Oder du?« Ich bin erbarmungslos. Ich muss es sein.

»Nein. Nein, niemals.« Tess’ rosige Wangen verlieren alle Farbe. »Es wird nicht wieder vorkommen.«

»Und du wirst zu Hause auch vorsichtiger sein? Keine Magie mehr beim Abendessen?«

»In Ordnung. Ich wünschte nur, wir könnten Vater die Wahrheit sagen. Vielleicht würde er dann mehr zu Hause bleiben. Sich mehr um uns kümmern. So werde ich niemals mit meinem Unterricht vorankommen.«

Ich starre die Goldblumen auf dem Teppich an. Es liegt so viel Hoffnung in Tess’ Stimme. Sie wünscht sich einen normalen Vater, einen, bei dem sie sich darauf verlassen kann, dass er sie beschützt.