Tod auf der Trauminsel - Thomas Bornhauser - E-Book

Tod auf der Trauminsel E-Book

Thomas Bornhauser

0,0

Beschreibung

Véronique von Greifenbach, Chefin einer grossen Schweizer Supermarktkette, erhält ein attraktives berufliches Angebot. Sie bittet um Bedenkzeit und reist allein nach Mauritius. Dort kommt sie unter fraglichen Umständen ums Leben. In Tod auf der Trauminsel geht es um den Schweizer Detailhandel, die Freimaurerei, den Fleischschmuggel aus dem ehemaligen Ostblock - und um die berühmteste aller Briefmarken: die Blaue Mauritius. Das Team der Berner Kantonspolizei um Joseph "J.R." Ritter, bekannt aus Bornhausers Kriminalromanen Fehlschuss und Die Schneefrau, ermittelt global und gewohnt routiniert. Autor Thomas Bornhauser erzählt einmal mehr eine faszinierend fiktive Geschichte mit aufregend wahren und aktuellen Aspekten.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



TOD AUF DER TRAUMINSEL

KRIMINALGESCHICHTE

ERKLÄRUNG

Die in diesem Kriminalroman beschriebenen Schauplätze sind originalgetreu wiedergegeben. Die Handlung der Geschichte ist eine Fiktion. Dies gilt insbesondere für die Namensnennung der Akteure, Unternehmungen und Organisationen. Um die Verbindung zwischen Fiktion und Handlungsschauplatz sicherzustellen, sind juristische Personen zum Teil namentlich genannt. Die auf diese Weise beschriebenen Personen haben real mit der fiktiven Geschichte nichts zu tun. Ihre im Roman beschriebenen Tätigkeiten sind frei erfunden, ein Zusammenhang mit der realen Welt ist nicht gegeben. Wenn sich aus dem Zusammenhang sichtbare Parallelen zu real existierenden Personen ergeben, so ist dies rein zufällig, weder beabsichtigt noch gewollt.

IMPRESSUM

Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.

© 2017 Werd & Weber Verlag AG, CH-3645 Thun/Gwatt

TEXT

Thomas Bornhauser, CH-3033 Wohlen, www.bosaugenblicke.ch

FOTOS

Die Fotos stammen von Thomas Bornhauser.

GESTALTUNG TITELBILD

Sonja Berger, Werd & Weber Verlag AG

GESTALTUNG/SATZ

Manuela Krebs, Werd & Weber Verlag AG

LEKTORAT

Madeleine Hadorn, Werd & Weber Verlag AG

KORREKTORAT

Lars Wyss und Romina Del Principe, Werd & Weber Verlag AG

E-BOOK-HERSTELLUNG UND AUSLIEFERUNG Brockhaus Commission, Kornwestheimwww.brocom.de

E-Book ISBN 978-3-03818-278-8

www.werdverlag.ch

www.weberverlag.ch

Inhalt

Die Protagonisten

Prolog

Zwei Wochen zuvor

Die Familie von Greifenbach – und die Firmengeschichte von DBD

Die Reise nach Mauritius

Die Ermittlungen auf Mauritius

Pretoria – Port Louis – Muri – Münsingen

Von Tadalafil, Sildenafil, Cardenafil und Avanafil

Massnahmen auf Mauritius

Vom Gift des Kugelfisches

Von Härdöpfle, Erdapfeln und Kartoffeln

Von der Berner Freimaurerloge

Von Komodowaranen und Agruminalex

Wer schoss auf J. R. Ewing?

Eines Rätsels Lösung

Befragungen bei DBD

Die falsche Villa

Fakten über Fakten – unerwartete und kompromittierende

Die Beisetzung der Véronique von Greifenbach

HNVT, WSIA, HSHG

Le Bois de Vincennes

Morgens um fünf, wenn die Welt nicht in Ordnung ist

Vom Coca-Cola zu Zyan-Cola

Egészségedre!

In eigener Sache: Einige Intermezzi zum Making-of

Zum Schluss noch dies …

Thomas Bornhauser

Die Protagonisten

Joseph Ritter, Leiter des Dezernats Leib und Leben bei der Kantonspolizei Bern

Ein echter Berner, 1960 im Länggassquartier geboren. Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten in einem Sportgeschäft in Bern, Weiterbildung zum Fitnesstrainer, danach im Bereich Security tätig. Anstellung bei der US-Botschaft in Bern, anschliessend im Pentagon/Washington D.C., wo er seine spätere Frau Cheryl Boyle kennenlernt. Ritter und Boyle ziehen nach New York, beide arbeiten in der Vermögensverwaltung von Boyles Vater Ed. 1999, zum zehnten Hochzeitstag, Reise nach Hawaii. Auf dem Rückweg machen sie einen Zwischenhalt bei Freunden in San Francisco, wo sie schuldlos in eine Schiesserei rivalisierender Banden geraten. Cheryl Boyle wird von einem Querschläger getroffen und stirbt. Ritter geht für drei Jahre nach Südkorea, findet eine Anstellung im Sicherheitsbereich der US Air Force. Er kehrt 2003 nach Bern zurück, wird Quereinsteiger beim Kriminaltechnischen Dienst KTD der Kantonspolizei Bern und ist seit einigen Jahren Leiter des Dezernats Leib und Leben. Ritter wird, seiner Initialen wegen, nur J. R. (Tschei Ahr) genannt, wie einst J. R. Ewing in der legendären US-amerikanischen TV-Serie Dallas aus den Achtzigerjahren.

Regula Wälchli

Die Frau im Ritter-Quartett: Gstaaderin, 33 Jahre alt. Wälchli war zuerst bei der uniformierten Polizei, bevor sie zum Dezernat Leib und Leben wechselte. Sportlerin, sehr gute Skifahrerin und Tennisspielerin. Lebt seit einiger Zeit mit Elias Brunner zusammen am Seidenweg in der Berner Länggasse.

Elias Brunner

Solothurner, 36 Jahre alt. Sportler, spielt Fussball beim FC Bern. Ähnliche Karriere wie Freundin Regula Wälchli, ist aber etwas länger bei der Kriminalpolizei, im Dezernat Leib und Leben. Elias Brunner ist der ruhende Pol in der Abteilung, ihn kann offenbar nichts aus der Fassung bringen – ausser seine Freundin Regula Wälchli, die ihn ab und an gerne provoziert.

Stephan Moser

37 Jahre alt, seit Jahren Mitarbeiter von Joseph Ritter. Er lebt in Hinterkappelen, einem Vorort von Bern, zusammen mit der Spanierin Dolores Ruiz, die auf der Handelsabteilung der Spanischen Botschaft in Bern angestellt ist. Im Team gilt er als Bürokalb, immer zu einem Spässchen aufgelegt. Verzweifelter Fan des BSC Young Boys, wartet seit seiner Kindheit auf einen Titel für YB.

Eugen Binggeli und Georges Kellerhals

Zwei Spezialisten vom Kriminaltechnischen Dienst KTD, die eng mit dem Team von Joseph Ritter zusammenarbeiten. Binggeli wird mit Vornamen in der US-Version, «Iutschiin», gerufen, Kellerhals mit «Schöre», Berndeutsch für Georges.

Veronika Schuler

Rechtsmedizinerin am Institut für Rechtsmedizin IRM Bern. Schuler ist Thurgauerin, mit unverkennbarem Dialekt und durch und durch Fachfrau, die auch Fehler zugeben kann. Wird von Ritter & Co. enorm geschätzt.

Max Knüsel

Brillanter Staatsanwalt Bern-Mittelland, allerdings mit wenig feinfühliger Art. Knüsel spricht jeden und jede konsequent nur mit dem Familiennamen an.

Christine Horat

Staatsanwältin Berner Oberland. Brillantes Auftreten in der Kriminalgeschichte Die Schneefrau (2016).

Prolog

«In einem Mediencommuniqué teilt DBD Suisse SA Thun mit, dass Véronique von Greifenbach, CEO von DBD Suisse SA, während eines Ferienaufenthaltes leblos aufgefunden wurde. Verwaltungsrat und Geschäftsleitung von DBD Suisse SA zeigen sich ob dem Ableben von Frau von Greifenbach bestürzt.»

Meldung in verschiedenen elektronischen Medien am Samstag, 4. Juli.

Zwei Wochen zuvor

Das Angebot aus den USA am 19. Juni kam für Véronique von Greifenbach völlig überraschend. Zwar war es nicht ungewöhnlich, dass sie von der Konzernzentrale in Palo Alto angerufen wurde. Doch dieses Mal wurde sie völlig überrumpelt, und dies nicht etwa, weil sie sprachlich nicht auf der Höhe gewesen wäre. Englisch beherrschte sie perfekt, auch dank eines früheren Sprachaufenthaltes in den USA. Überrascht war von Greifenbach erstens, weil Consumer’s-Best-Konzernchef Jonathan B. Crooks persönlich am Apparat war – und überdies ohne Zwischenverbindung über seine Sekretärin –, zum Zweiten, weil er nach einigen Höflichkeitssätzen geradewegs auf den Punkt kam. Es war 9.10 Uhr, in Kalifornien also knapp nach Mitternacht. Véronique von Greifenbach indes, routiniert und gewandt genug, liess sich ihre Verwunderung nicht anmerken.

«Véronique», sagte Crooks mit ernsthafter Stimme, «Eduard muss die Verantwortung für unser Europageschäft definitiv abgeben, weshalb wir auf der Suche nach einem Nachfolger sind.»

«Hat sich sein Gesundheitszustand noch immer nicht gebessert?»

«Leider nein. Er hat mich gestern angerufen, nach der letzten Untersuchung durch die Spezialisten. Sie machen ihm keine Hoffnungen, weshalb er sich so schnell als möglich aus dem Berufsleben zurückziehen will, um die Zeit, die ihm noch verbleibt, mit seiner Familie verbringen zu können. Und deshalb …» Crooks legte nach diesen Worten eine kleine Pause ein.

«… und deshalb?»

«Véronique, es ist wichtig, dass die Führung des Europageschäftes gewährleistet bleibt. Mit dem heutigen Management ist das für ein paar Wochen kein Problem, aber spätestens zum zweiten Semester hin will ich jemanden, der die Zügel fest im Griff hält. Ich habe dabei an Sie gedacht.»

«Jonathan, ich werde dieses Jahr 60!»

«Das weiss ich sehr wohl, meine Liebe, obwohl man Ihnen das weder ansieht noch anmerkt», entgegnete Crooks lächelnd, «aber ich bin ganz ehrlich mit Ihnen: Es geht auch nicht um einen Posten für die nächsten zehn Jahre.»

Véronique von Greifenbach schien immer noch nicht zu begreifen, worauf Crooks genau hinauswollte.

«Ich habe jemanden für den Job im Auge, aber der Mann ist noch zu wenig lange bei uns. Ein, zwei Jahre braucht er noch, bis er unser gesamtes Räderwerk versteht, ich will ihn anständig an die Aufgabe heranführen, anschliessend kommt ungefähr ein Jahr Einführung in Hamburg dazu. Wie komplex das Europageschäft ist, muss ich Ihnen ja nicht erst erklären.»

«Also wird er sozusagen rechtzeitig zu meiner vorzeitigen Pensionierung auf der Kommandobrücke stehen.»

In den «Tanzenden Türmen» in Hamburg hätte Véronique von Greifenbach ein neues Büro vorgefunden.

«Ich wusste, dass Sie meine Absichten sofort durchschauen. Danke, dass Sie mitmachen.»

«One moment, my dear! Sit down, lay back, relax and hold on your shoes. Ich habe Ihnen überhaupt noch nicht geantwortet. Gar nichts habe ich gesagt. Von einer Zusage bin ich ungefähr so weit entfernt wie Palo Alto von Thun!»

«Aber Sie machen mit, nicht wahr? Sie werden mich doch nicht enttäuschen …» «Jonathan …», begann Véronique von Greifenbach und musste unvermittelt lachen. Ihr Blick schweifte von ihrem Büro im 7. Stock auf dem Selve-Areal in Thun aus Richtung Eiger, Mönch und Jungfrau – eine Aussicht, die sie unter gar keinen Umständen mit der Sicht auf den Hamburger Hafen zu tauschen gedachte. «Sie legen mir Wörter zurecht», fuhr sie fort, «die ich nicht ausgesprochen habe.»

Jonathan B. Crooks wusste nur zu gut, dass er nun zu allgemeineren Themen übergehen musste, um nicht von seiner gestrengen Schweizer Managerin in den Senkel gestellt und frühzeitig enttäuscht zu werden. In den nächsten fünf Minuten ging es deshalb um Grundsätzliches, um ein vorsichtiges Abtasten.

«Sie müssen Thun als Arbeitsort nicht aufgeben, obwohl die Aussicht von den ‹Tanzenden Türmen› auf den Michel, die Speicherstadt und die Elbphilharmonie auch nicht zu verachten ist. Ich denke, dass in dieser Situation zwei Tage pro Woche in Hamburg ausreichen, um das Europageschäft zu führen. Von Thun aus können Sie ja auch online Einfluss nehmen. Und sollten Sie zusagen, hätte ich ein interessantes Angebot.»

«Nämlich?»

«Selbstverständlich behalten Sie die Führung des Schweizer Geschäfts, bis zu Ihrer selber zu bestimmenden Pensionierung. Zudem würden Sie Einsitz in den Verwaltungsrat in Palo Alto nehmen.»

«Das tönt in der Tat verlockend. Danke, Jonathan, für dieses Vertrauen.»

«Darf ich das als Zusage betrachten?»

«Nein, Jonathan, das dürfen Sie nicht, so schnell geht das nicht. Ich möchte zuerst mit Philippe darüber sprechen.»

«Ja, selbstverständlich, tun Sie das.»

«Wie lange habe ich Bedenkzeit?»

«Véronique, reicht der 10. Juli? Sollten Sie mein Angebot ablehnen, wäre ich jedoch um eine sofortige Mitteilung dankbar. 10. Juli als Deadline, ist das für Sie in Ordnung?»

«Ja, das scheint mir fair. Ich halte mich an Ihre Vorgaben. Danke, Jonathan. Und jetzt: Sleep well.»

«Und Ihnen wünsche ich einen schönen Tag, Véronique.»

Véronique von Greifenbach strich sich entspannt die langen hellbraunen, leicht gewellten Haare aus dem schmalen, schönen Gesicht. Sie war nicht unglücklich darüber, dass der Freitag als «office day» in ihrem Terminkalender eingetragen war, was nichts anderes hiess, als dass fest anberaumte Sitzungen heute tabu waren. Und obwohl sie diese als Leiterin aller terminierten Sitzungen fest im Griff hatte, ärgerte sie sich insgeheim regelmässig darüber, dass solche Treffen nur selten zu ihrer vollen Zufriedenheit zu Ende gingen, weil der eine oder die andere – die Geschäftsleitung von DBD Suisse umfasste nur sieben Mitglieder, vier davon waren Frauen – von Zeit zu Zeit nicht immer das Unternehmen als Ganzes im Auge hatte, sondern in erster Linie das eigene Departement. Allerdings wusste sie auch, dass diese nur selten offen ausgetragenen Konflikte durchaus positive Auswirkungen auf DBD haben konnten, weil sich daraufhin vielfach Optimierungsmöglichkeiten ergaben. Wie auch immer: Dank ihrer Erfahrung durchschaute sie solche Manöver relativ rasch, mit einem nicht zur Schau getragenen inneren Lächeln, und beendete die Diskussion jeweils souverän mit dem Standardsatz «Ich danke euch beiden, dass ihr diese Herausforderung bilateral angeht».

Kurz nach dem Gespräch mit Jonathan B. Crooks liess sie ihren Generalsekretär, Wolfgang Uebersax, zu sich kommen, um einige Pendenzen zu bereden. Uebersax, 55 Jahre alt, hatte seine ganze berufliche Laufbahn bei DBD verbracht, seit seiner kaufmännischen Ausbildung 1977. Vor fünf Jahren wurde er zum Generalsekretär ernannt. Uebersax war geschieden und lebte allein in einer Eigentumswohnung oberhalb von Oberhofen am Thunersee, mit atemberaubendem Blick auf See und Berge.

«Ist alles klar mit dir, Véronique? Du machst einen etwas zerstreuten Eindruck auf mich», sagte Uebersax, als er seiner Chefin wie üblich einen schwarzen Kaffee – nicht zu heiss – auf den Tisch stellte.

«Ja, danke, alles im grünen Bereich. Wolf, ich möchte noch das eine oder andere mit dir besprechen. Vor allem würde mich interessieren, was an den Gerüchten dran ist, wonach ein grosser Konkurrent Pläne in der Region Kloten haben soll. Du weisst schon.»

«Ich kenne dort per Zufall den Stadtpräsidenten vom Militär her, habe ihn kürzlich getroffen, mehr, als in den Zeitungen steht, war aus ihm nicht herauszubekommen. Es ist ja von einem riesigen Supermarkt mit Fachmärkten und weiteren Mietern die Rede, ein kleines Einkaufszentrum, in Richtung Bassersdorf. Ich bleibe dran.»

In den folgenden 30 Minuten besprachen Véronique von Greifenbach und Wolfgang Uebersax vor allem Fragen rund um Marketing und Personelles.

«Sag mal, Wolf, ich hätte Lust, demnächst zwei Wochen Ferien einzuschieben, was glaubst du, liegt das drin?»

«Véronique, you’re the boss, weshalb die Frage?»

«Hast du selber keine Ferien eingeplant, in nächster Zeit?»

Auch wenn Uebersax nicht der Geschäftsleitung angehörte – jedoch die Protokolle des Gremiums verfasste und somit über fast alles im Bild war, was sich bei DBD tat –, legte die Chefin Wert auf seine Meinung.

«Ich kann mich einrichten, verschieben, kein Problem. Zudem sind Sommerferien, da wird sich nicht sehr viel bewegen, was wir an geschäftlichem Knowhow nicht bereits intus hätten. Wohin willst du?»

«Ich hatte schon länger vor, nach Mauritius zu reisen. Ich werde mich mal schlau machen.»

«Weshalb ausgerechnet Mauritius?»

«Freunde, die dort waren, schwärmen davon. Das ist alles.»

Dieses scheinbar belanglos angehängte «Das ist alles» vermochte Uebersax nicht wirklich zu überzeugen. Dennoch unterliess er es, weitere Fragen zu stellen und sagte stattdessen: «Ich würde Business Class bei Emirates buchen, die haben ein tolles Oberdeck im A380, mit ein, zwei Tagen Stopover in Dubai, für eine Citytour und Shopping. Gehst du mit Philippe?»

«Nein, er ist beruflich im Juli stark beschäftigt, meistens in Paris, da fällt meine Abwesenheit nicht einmal gross auf.»

«Geh du nur, teil mir einfach den Flugplan mit und in welchem Hotel du bleiben willst, für alle Fälle. Apropos: Das Paradis Beachcomber soll ein Hotel der absoluten Luxusklasse sein, habe ich von Freunden gehört. Wie lange gedenkst du zu bleiben?»

«Eine oder zwei Wochen, das weiss ich noch nicht, ich informiere dich.»

Obwohl immer noch vom Gespräch mit Crooks abgelenkt, gelang es von Greifenbach nach der Besprechung mit Wolfgang Uebersax, sich erfolgreich durch ihren Pendenzenberg durchzuarbeiten. Ihr Motto lautete «Für Pendenzen habe ich keine Zeit», weshalb einmal die Woche, eben freitags, stur «office day» eingetragen war, auf Monate hinaus.

Véronique von Greifenbach wohnte in Muri bei Bern, im Elternhaus, 1814 gebaut, in einer grossartigen Villa mit einem kleinen Park an der Elfenaustrasse, inmitten vieler Prominenter, mit direktem Autobahnanschluss in Richtung Bern und Thun. Autofahren war eine ihrer Leidenschaften. Ihr Maserati Ghibli S stand in der kleinen Einstellhalle für die Freizeit bereit, ins Büro fuhr sie mit einem neuen Range Rover Evoque. Vor 20 Jahren heiratete von Greifenbach, aus einer altehrwürdigen Berner Patrizierfamilie stammend, den sieben Jahre jüngeren Philippe de Lattre de Tassigny, Anlageberater bei einer grossen französischen Bank mit Sitz in Bern. Er war nach wie vor sehr attraktiv, Freunde foppten ihn, seiner herben und verwegenen Schönheit wegen, jeweils mit dem Übernamen Bébel, in Anlehnung an den französischen Filmschauspieler Jean-Paul Belmondo zu dessen besten Zeiten. Philippe war übrigens kein Nachkomme von Jean Joseph-Marie Gabriel de Lattre de Tassigny, Oberkommandierender General der 1. Französischen Armee, die zu Ende des Zweiten Weltkrieges den Süden Deutschlands eroberte. Ihren Namen behielt Véronique von Greifenbach nach der Heirat, das Konstrukt Véronique de Lattre de Tassignyvon Greifenbach war ihr ein Gräuel. Die Ehe blieb kinderlos, bewusst.

Nach dem Nachtessen – das Ehepaar beschäftigte Gärtner, Haushälterin und Koch für das Anwesen – blieb gerade noch genügend Wein, ein edler Château Duhart-Milon, um draussen auf der Terrasse standesgemäss ein Gespräch über den Telefonanruf aus Palo Alto zu führen. Véronique erzählte ihrem Mann die Umstände.

«Woran leidet Eduard eigentlich?»

«Man sagt, es sei Pankreaskrebs …»

«Bauchspeicheldrüsenkrebs, schlimm.»

«Philippe, was meinst du zum Vorschlag? Soll ich annehmen?»

«Sagen wir es einmal so: Ich würde mehr als nur einmal darüber schlafen.»

«Jonathan lässt mir bis am 10. Juli Zeit. Da du im Juli sowieso oft nicht da bist, habe ich mir überlegt, nach Mauritius zu fliegen, du weisst ja, auch wegen ‹Bordeaux›, um das einmal abzuklären.»

«Ja, und ich finde das eine gute Idee. Zufälligerweise hat mir ein Bekannter von einem guten Hotel an der Ostküste erzählt, warte mal, ich rufe ihn schnell an.»

Philippe schritt zum Telefonieren – mit dem Glas in der Hand – zurück in den Salon, da die Eheleute schon vor langer Zeit abgemacht hatten, dass Handys und Tablets nicht auf die Terrasse gehörten. Der Koch hatte kurz zuvor seinen Arbeitstag beendet, man war also «unter sich».

«Crystals Beach heisst das Hotel, in Belle Mare», sagte Philippe wenig später, als er wieder Platz auf der Terrasse nahm, «mein Bekannter war jedenfalls sehr zufrieden, kein Luxuskasten, aber ideal für eine Retraite. Das Hotel gehört zur Maritim-Gruppe. Dort kenne ich die Besitzerin, soll ich dir ein schönes Zimmer reservieren lassen?»

«Notfalls, gerne ja, aber vorher will ich die Flüge buchen, das hat Priorität. In Mauritius ist zurzeit ja nicht Hochsaison, da finde ich bestimmt etwas Passendes», sagte Véronique. «Vielleicht», entfuhr es ihr beschwingt, «brauche ich nicht einmal dein Vitamin B.»

Sekunden später – und eigentlich entgegen allen häuslichen Abmachungen – holte sie ihren Laptop auf die Terrasse, um bei Emirates nach Flügen in Richtung Dubai und Mauritius zu suchen.

«Nur im Sinne der Ausnahme …», sagte sie, als sie den Laptop auf den Tisch stellte und Philippe ein Bisou auf die Wangen drückte, «Wolf hat mir Emirates empfohlen, mit einem ein- oder zweitägigen Zwischenhalt in Dubai.»

«Gute Idee, das Burj Al Arab ist fantastisch, mit Blick aufs Meer, samt der Palm Jumeirah, diesen palmenförmig angelegten Luxusvillen mit künstlichem Sandstrand. Ich war ja letztes Jahr kurz dort, mit Investoren aus Frankreich.»

«Das Burj Al Arab ist doch jenes Hotel, das wie ein riesiges Segelschiff aussieht, nicht wahr?»

«Exakt. Und damit es klappt, buchen wir auch gleich eine Besichtigung des Burj Khalifa, dem höchsten Gebäude der Welt.»

«Chéri, das mit dem höchsten Gebäude der Welt weiss ich. Ich lese Zeitungen …»

Die folgende Stunde verbrachte das Ehepaar damit, Flüge, die Hotels und die Besichtigung des Wolkenkratzers Burj Khalifa in Dubai zu buchen: Hinflug am Samstag, 27. Juni ab Zürich nach Dubai mit einem A380 in der Businessclass der Emirates mit Abflug in Zürich um 15.35 Uhr und Ankunft in Dubai kurz vor Mitternacht Ortszeit, zwei Übernachtungen im Burj Al Arab, Besichtigung des Burj Khalifa am Sonntag, Weiterflug wiederum mit A380 in der Businessclass ab Dubai am frühen Montagmorgen, 29. Juni um 3.20 Uhr mit Emirates EK 701 nach Mauritius, elf Übernachtungen in einer Junior-Suite zur Alleinbenutzung im Crystals Beach Hotel in Belle Mare, Rückflüge Mauritius – Dubai – Zürich am Freitag, 10. Juli. Die Transfers vom/zum Flughafen waren in den Preisen für die beiden Hotelaufenthalte inbegriffen.

«Eigentlich würde ich am liebsten sofort packen und morgen schon fliegen, das Angebot von Jonathan gehört so schnell als möglich beantwortet. Irgendwie reizt es mich wirklich, so zum Schluss der Karriere.»

«Und wieso reist du erst in einer Woche?»

«Chéri», sagte sie lächelnd und hob ihr Glas, um mit Philippe anzustossen, «ich bin doch keine Chaotin, ich möchte das Büro comme il faut hinterlassen, man weiss schliesslich nie, was passieren kann.»

«Also, von einem Tiger wirst du bestimmt nicht angefallen, die gibt’s in ganz Afrika nämlich nicht, hat es nie gegeben, auch auf Mauritius nicht. .»

«Auch das ist mir bekannt, aber Wolf ist möglicherweise in den Ferien und einige Mitglieder der Geschäftsleitung ebenso.»

«Wirst du wegen ‹Bordeaux› Erkundigungen anstellen?»

«Gewiss, das ist mit ein Grund, weshalb ich dorthin fliege, aber das braucht ja niemand zu wissen. Ich bin ja gespannt …»

Den Rest des Abends verbrachten sie mit Philosophieren über Gott und die Welt. Gegen Mitternacht verabschiedete sich Philippe von seiner Frau: «Ich habe morgen viel zu tun», sagte er und ging in sein eigenes Schlafzimmer. Bevor auch sie zu Bett ging, führte Véronique von Greifenbach noch ein kurzes Telefongespräch, am Rand des Parks spazierend.

Die Familie von Greifenbach – und die Firmengeschichte von DBD

Véronique von Greifenbach interessierte ihre Ahnengalerie nicht. Sie konnte mit befreundeten oder verwandten Berner Patrizierfamilien – den von Tscharners, den von Graffenrieds, den von Stockars, den de Meurons, den von Erlachs, den von Diesbachs – nichts anfangen, schon gar nicht mit den Stammbäumen samt ihrer «Kreuzungen», die zum Teil Jahrhunderte zurückreichten.

Véroniques Vater, Rudolphe von Greifenbach, 1920 geboren, ehelichte die zehn Jahre jüngere Henriette Du Roy de Blicquy, eine belgische Adelige, deren Familienname in den Sechzigerjahren in der Sportwelt aufhorchen liess, weil eine Patricia Du Roy de Blicquy als belgische (!) Slalomfahrerin auf sich aufmerksam machte und sogar Weltcuprennen gewann. Rudolphe und Henriette wählten wegen schwerer Krankheiten 2004 gemeinsam den Freitod.

Véronique Juliette von Greifenbach (1957), wie sie mit vollständigem Namen hiess, hatte zwei jüngere Geschwister, Charles (1960) und Antoinette (1970).

Charles, in Weinfelden TG wohnhaft, hatte 1990 die Schwedin Karolina Gustafsson geheiratet, eine Schönheitschirurgin mit eigener Klinik in Islikon, in der Nähe von Frauenfeld. Charles seinerseits arbeitete in der sogenannten Teppichetage einer Privatbank im Herzen von Zürich. Wie seine beiden Schwestern Véronique und Antoinette war auch Charles Mitglied des Verwaltungsrats der DBD Suisse SA, der aus sechs Mitgliedern bestand und von Karl Wegmüller, einem Cousin ersten Grades der von Greifenbachs, präsidiert wurde, sodass im Zweifelsfall die Familie sich mit vier beziehungsweise mit einer Stimme einbringen konnte. Die beiden übrigen Verwaltungsräte waren Franz Grütter, FDP-Nationalrat aus Zürich und Cornelius Weber, Bankier aus Genf.

Antoinette war eine Nachzüglerin, von der man nicht wusste, ob sie nun ein Wunschkind oder eher ein «Betriebsunfall» war. Sicher war indes, dass sie in hervorragender Weise das Enfant terrible der Familie zu spielen wusste, wohnhaft abwechslungsweise in Gstaad, Monte Carlo und Beverly Hills. Ihren Luxus finanzierte sie sich dabei nicht aus der Familienschatulle, sondern – trotz ihrer 47 Jahre – als gefragtes It-Girl, das sich entsprechende Auftritte bei Galas, Premieren oder Firmenfesten fürstlich honorieren liess. Hinter der Hand wurde von gar sechsstelligen Summen gemunkelt. Entsprechend gestaltete sich auch ihr eher kompliziertes Liebesleben, das eng von den Hochglanzheftli und dem Boulevard begleitet wurde: Einmal war sie mit einem ehemaligen Formel-1-Fahrer liiert, kurz darauf mit einem wesentlich älteren Adeligen, um sich nur wenig später auf der Jacht eines russischen Oligarchen ablichten zu lassen. Es hiess, die vielen gespeicherten Telefonnummern von Paparazzi in ihrem Handy seien ihr eigentliches Kapital.

Vater Rudolphe von Greifenbach, ein Bewunderer von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler, eröffnete 1960 seinen ersten Supermarkt in Bern-Bethlehem, im Wissen, dass dieses Quartier später schweizweit bekannt werden würde, mit Hochhäusern im Tscharnergut, im Gäbelbach und im Holenacker. Es gab denn auch Sonntage in den Sechzigerjahren, da man aus der ganzen Schweiz mit der Familie in den Westen von Bern pilgerte, nur um einen persönlichen Augenschein von diesem damals fortschrittlichen Wohnungsbau zu erhaschen.

Lange hatte Rudolphe von Greifenbach am Namen für seinen ersten Laden herumstudiert und war schliesslich auf «Day by Day» gekommen, für den täglichen Einkauf – und das in englischer Sprache. Zwei Generationen später sprachen die Kunden nur noch von «DiBiDi», die Abkürzung DBD indes wurde zum Markenzeichen der Läden, auch das Firmenlogo, das seit 1960 unverändert blieb, sieht man von ein paar kosmetischen Anpassungen an den jeweiligen Zeitgeist ab. Unter den Grossbuchstaben DBD war zu lesen, wofür das Unternehmen stand: «Täglich frisch. Täglich Qualität. Täglich günstig. Täglich Neues.»

Etwas war Rudolphe von Greifenbach von Anfang an wichtig: Er legte Wert auf eine schlanke Struktur in der Verwaltung, von Hochschulabgängern hielt er nicht sehr viel. Er wollte Praktiker am Werk sehen, begeisterte Pragmatiker, «Leute, die den Detailhandel im Blut haben und ihre Entscheide auch aus dem Bauchgefühl heraus treffen, sofort, ohne Arbeitsgruppen. Eigenverantwortung ist das A und O für motivierte Menschen», schrieb er in seinen Memoiren mit dem Titel «Erinnerungen». Dieser Philosophie blieb man bis heute treu, niemand hätte nämlich im modernen, mehrstöckigen Bürohaus auf dem ehemaligen Selve-Areal in Thun einen national tätigen Detailhändler vermutet. Und auch heute noch galt für DBD «Der Mensch als Mittelpunkt», nicht «Der Mensch als Mittel. Punkt». Davon profitierten Kundschaft und Mitarbeitende gleichermassen, Letztere zum Beispiel mit einem erstklassig geführten Personalrestaurant und einem Fitnesszentrum im obersten Stockwerk, also über der Direktionsetage gelegen. Die Firmentreue war entsprechend hoch, die Fluktuationsrate beim Personal im Vergleich zu anderen Grossverteilern und Discountern entsprechend tiefer.

In der Zeit zwischen 1960 und 1995 expandierte DBD in der ganzen Schweiz, praktisch jeden Monat wurde mindestens eine neue Verkaufsstelle eröffnet.

Im Bild links: Das Hochhaus, in dem sich der Konzernsitz von DBD in Thun befindet.

Und trotz vieler Verlockungen zu Sortimentserweiterungen vorab in den Bereichen des sogenannten Nonfood blieb von Greifenbach mit seinem bewusst eingeschränkten Sortiment zum Erstaunen der Konkurrenz konsequent, auch wenn ihn viele Leute als stur bezeichneten. Programme für Effizienzsteigerung oder Kostenreduktion waren unbekannt. Diese Bestrebungen wurden täglich gelebt und vorgelebt. Das Unternehmen hatte zum Beispiel den guten Riecher für frisch gebackenes Brot auf der Verkaufsfläche – lange bevor die Konkurrenz auf den sprichwörtlichen Geschmack kam. Die Firma als Aktiengesellschaft gehörte zu 100 Prozent der Familie, die zwar ihren Mitarbeitenden im Branchenvergleich überdurchschnittliche Löhne bezahlte, aber dennoch anständig vom Gewinn leben konnte. «Ich bezahle meinen Mitarbeitenden lieber zehn Prozent mehr Lohn als andere Arbeitgeber, aber deren überdurchschnittliche Motivation lässt es zu, dass ich mit weniger Leuten auskomme, auf den Verkaufsflächen und in der Verwaltung», schrieb von Greifenbach.

Einer seiner wohl wichtigsten Erfolgsfaktoren: eine straffe Organisation im Bereich der Transporte, die vollständig ausgelagert wurden, von Anfang an, und von Greifenbach somit den grösstmöglichen Spielraum für jeweilige Anpassungen erlaubte: «Ich bin Lebensmittelhändler, kein Garagist», erklärte er in seinen Memoiren. Das grösste Warenlager befand sich Richtung Waffenplatz Thun. Und eigentlich handelte es sich – wie bei weiteren regionalen DBD-Verteilzentren in der Schweiz – nur um einen Warenumschlagplatz, denn die Lieferanten hatten ihre Produkte nach dem «Just in time»-Prinzip anzuliefern, so dass die Frische stets gewährleistet wurde. In der Nähe des Autobahnkreuzes Egerkingen befand sich das nationale DBD-Warenlager mit länger haltbaren Lebensmitteln wie Konserven oder Tiefkühlprodukten, die verschiedene Transportunternehmen mehrmals wöchentlich in die Verkaufsstellen der ganzen Schweiz feinverteilten. Wie gesagt: ein ausgeklügeltes System, von Beginn an.

1995 war für Rudolphe von Greifenbach, inzwischen 75, ein entscheidendes Jahr, ging es doch darum, die längst eingeleitete Nachfolge zu regeln. Antoinette kam aus naheliegenden Gründen nicht in Frage, Charles hatte bereits frühzeitig – fast zehn Jahre zuvor, bei einer ersten Kontaktnahme – Forfait erklärt, zu sehr war er in der Bankenwelt zu Hause. Blieb aus der unmittelbaren Familie also noch Véronique, die ältere der beiden Töchter, damals 38-jährig. Sie – die sie sich auch durch Auslandaufenthalte im Bereich der Betriebswirtschaft im Detailhandel weitergebildet hatte, unter anderem bei der Supermarktkette Publix in den USA – hatte allerdings ziemlich klare Vorstellungen, was DBD betraf, auch wenn diese ihren Vater alles andere als zu begeistern vermochten. Davon zeugte der (hier gekürzte) Dialog zwischen Vater und Tochter, in von Greifenbachs Erinnerungen zu lesen.

«Papa, ich weiss, was dir die Firma bedeutet, ich bin damit aufgewachsen und habe mich in den letzten Jahren als Mitglied der Geschäftsleitung intensiv damit beschäftigt. Aber ich sehe DBD in der Zukunft nicht als Einzelkämpferin gegen die grossen Player, auch wenn wir erfolgreich sind. Die Zeiten werden sich verändern, ‹Handel ist Wandel›, das sagst du selber. Ausländische Discounter werden sich in der Schweiz einnisten, heute noch selbständige Firmen ‹unfriendly› übernommen. Wir brauchen einen Partner. Einen starken Partner, auf den wir uns verlassen können und der uns Selbständigkeit garantiert. Alles andere interessiert mich nicht.»

«Jetzt machst du aber auf Wunschkonzert. Wer wird sich denn um Himmelswillen auf deine Vorgaben einlassen?»

«Wir sind wir. DBD ist DBD. Du hast ein erfolgreiches und einzigartiges Geschäftsmodell aufgebaut, das an Sturheit grenzt. Papa, für einen grossen Partner sind wir ein Juwel, vielleicht der noch fehlende Mosaikstein in seinem Firmenbild. Es gibt genügend Beispiele, dass grosse Unternehmen ihre erfolgreichen Töchter autonom weiterarbeiten lassen, sie am Markt jedoch zusätzlich durch Synergien stärken, ohne ständig auf sie einzuschwatzen. So etwas stelle ich mir vor. Etwas anderes kommt für mich nicht in Frage.»

«Was sagt die Geschäftsleitung zu deinen Plänen?»

«Papa! Jetzt enttäuscht du mich aber. Ich bin doch kein Plappermaul, nicht einmal Charles oder Antoinette wissen von dieser Idee, ich bitte dich…»

«Denkst du an ein Schweizer Unternehmen, willst du DBD gar verkaufen?»

«Der Reihe nach, Papa. Wir haben Erfolg, sind Trendsetterin in vielen Bereichen, dank unseren straffen Sortimenten und unserer Kostenstruktur. Nein, ein Schweizer Unternehmen kommt für mich nicht in Frage, ich mag mich nicht mit Migros & Co. herumschlagen. Aber du stellst Fragen, die ich noch nicht beantworten kann, bis jetzt war das ja kein Thema.»

Der Erfolg von DBD blieb auch im Ausland nicht unbeachtet, was regelmässig dazu führte, dass grössere Unternehmen ihre Fühler nach Thun ausstreckten, wo Rudolphe inzwischen – konsequent wie er schon immer war – die Führung seiner Tochter übergeben hatte.

2007, drei Jahre nach dem Ableben von Henriette und Rudolphe von Greifenbach, kam es nach einstimmiger Zustimmung des Verwaltungsrats zur 51-prozentigen Übernahme von DBD durch die amerikanische Consumer’s Best, die weltweit einen hervorragenden Namen im Detailhandel hatte, weil ihre Tochtergesellschaften in 46 Ländern alle autonom und unter ihrem ursprünglichen Namen am Markt agierten. Das galt auch für die Schweiz, wo DBD ihr erfolgreiches Geschäftsmodell ohne Wenn und Aber weiterführen konnte, als wäre, salopp ausgedrückt, nichts passiert. Einzig Roger P. Newman von Consumer’s Best stiess zusätzlich in den Verwaltungsrat, der somit neu sieben Personen umfasste. DBD Suisse SA wurde weiterhin von Karl Wegmüller präsidiert, Véronique von Greifenbach leitete das Unternehmen als CEO, alle sieben Mitglieder der Geschäftsleitung, vier Frauen, drei Männer, blieben im Amt.

Die Reise nach Mauritius

Die Woche vor der Abreise nach Mauritius erwies sich dank umsichtiger Planung als weniger hektisch wie befürchtet. Auf der Traktandenliste der Geschäftsleitungssitzung vom Montagmorgen waren wie üblich nur jene Punkte aufgeführt, die für alle wichtig waren, alles andere liess sich meist bilateral oder zu dritt besprechen, selbstverständlich mit kurzer Information an die Kolleginnen und Kollegen der Geschäftsleitung. Dies funktionierte nach einem genau festgelegten Raster per Mail, an den sich alle hielten, mit entsprechendem Erfolg. Einzig «wichtig zu wissen» war entscheidend, nicht «nett zu wissen», CCs bei Mails deshalb tabu, Blindkopien ohnehin.

Am Samstag, 27. Juni, liess sich Véronique von Philippe an den Flughafen Kloten fahren und zwar bewusst ohne ihren Laptop mitzunehmen. Auf dem Weg nach Zürich gab es erwartungsgemäss fast nur ein Thema: das Angebot von Jonathan B. Cooks.

«So wie ich meine Frau kenne – und ich kenne sie gut –, hat sie ihre Meinung zur Sache gemacht, die Ferienreise nach Mauritius zur Meinungsbildung ist nur ein Vorwand.»

Véronique musste herzhaft lachen.

«Und hier irrt mein Gatte, mon cher Philippe, ich habe lediglich die Plus- und die Minuspunkte im Kopf, die Meinung ist überhaupt nicht gemacht.» «Wirklich nicht?»

«Nein, wirklich nicht.»

«Hat Jonathan schon etwas zum Finanziellen angedeutet?»

«Chéri, du weisst, dass ich Sachen, die mich interessieren, auch zum Nulltarif mache, Geld steht nicht im Fokus, das weiss Jonathan auch, deshalb vorerst nur das Angebot als Member of The Board.»

«Wegen ‹Bordeaux›, wirst du dich umhören?»

«Ja, klar, ich habe mir die Adresse in Port Louis notiert. Mal sehen …»

Zu reden gaben auch Äusserungen von Véronique, die in letzter Zeit festgestellt hatte, dass ihr Puls aus unerklärlichen Gründen in unregelmässigen Intervallen vorübergehend rasch und heftig anstieg. Der Besuch bei einem Kardiologen, sagte sie nun zu ihrem Mann, habe allerdings «keinen Grund zur Beunruhigung» ergeben, eine genaue Diagnose blieb indes aus.

Wie bei den von Greifenbachs jeweils üblich, traf man zu früh am vereinbarten Ort ein.

«Philippe, fahr du ruhig wieder nach Hause, ich werde in aller Ruhe einchecken und mich dann im Transit umschauen, Dubai ist ja im Bereich Tax-Free inzwischen zum Teil teurer als die Schweiz.»

Philippe fuhr den Maserati von Véronique vor die Abflughalle und besorgte ihr einen Handwagen für die Koffer, worauf sich die Eheleute nach einer langen Umarmung voneinander verabschiedeten. Véronique lief gelangweilt zum mit «Business Class» angeschriebenen Check-In-Schalter von Emirates.

«Möchten Sie die Zeit bis zum Abflug in unserer Emirates Lounge verbringen?», fragte die Mitarbeiterin am Schalter umgehend.

«Nein, danke, ich werde mich in den Geschäften des Transits noch ein bisschen umsehen.»

«Lassen Sie es uns wissen, wenn wir etwas für Sie tun können.»

«Danke, es ist alles arrangiert, der Transfer in Dubai ins Hotel wird vom Burj Al Arab organisiert.»

«Ich werde zur Sicherheit kurz beim Burj Al Arab checken, damit das klappt. Und jetzt wünsche ich einen guten Flug nach Dubai, die Maschine wird pünktlich hier sein und deshalb auch wieder wie vorgesehen abfliegen, um 15.35 Uhr. Geniessen Sie Ihre Zeit in Dubai und dann auf Mauritius.»

Der über sechsstündige Flug nach Dubai kam Véronique gar nicht derart lang vor, vor allem dank der echten Stehbar im hinteren Bereich des Upper Decks, wo sie zweimal für einen Orangensaft vorbeischaute – Alkohol war für sie während einer Flugreise tabu – und wo sie ein längeres Gespräch mit einem etwa 50-jährigen britischen Juristen über die Rolle von Abu Dhabi in Dubai führte.

«Wie gross der Einfluss von Abu Dhabi ist, zeigt sich am heutigen Wahrzeichen von Dubai.»

«Wie ist das zu verstehen?»

«Nun, ursprünglich war vorgesehen, den über 800 Meter hohen Wolkenkratzer Burj Dubai zu nennen, doch jetzt heisst er bekanntlich Burj Khalifa.»

«Und weshalb das?»

«Er ist nach dem Herrscher Abu Dhabis benannt, Scheich Khalifa. Und eben dieser Scheich Khalifa rettete seinerzeit mit einem Kredit von über 25 Milliarden Dollar den benachbarten Staat vor dem finanziellen Kollaps. Scheich Khalifa hat sich den Namen des Turms jedoch nicht mit diesem Geld erkauft – Dubais Herrscher Scheich Mohammad musste den Kredit zurückbezahlen.»

Noch mehr als die Äusserungen des Mannes erstaunte es Véronique von Greifenbach, sonst von Komplimenten verwöhnt, dass der Gutaussehende – ohne Ehering am Finger – absolut keine Anstalten machte, mit ihr zu flirten. Doch ihr konnte das nur recht sein. Sie war mit ihren Gedanken längst anderswo.

Bei der Ankunft in Dubai – und einem 15 Minuten langen Transfer vom Flugzeug zum Terminal, derart gross präsentierte sich der Airport, der im Hinblick auf die Weltausstellung EXPO 2020 zusätzlich ausgebaut wurde (und noch wird) – klappte alles reibungslos, auch der Transfer ins Hotel.

Zwischenhalt in Dubai. Bei Wettbewerben winkt kein VW Golf GTI als Hauptpreis …

Nach einem Kurzaufenthalt in Dubai sass Véronique von Greifenbach keine 30 Stunden später wieder an Bord eines Airbus 380, dieses Mal Richtung Mauritius. Die Reisedauer war praktisch identisch wie jene zwischen Zürich und Dubai. Die Pass- und Zollformalitäten am Internationalen Flughafen – genauer am Sir Seewoosagur Ramgoolam, International Airport of Mauritius – erwiesen sich als effizient und zeitsparend, im Vergleich zu anderen Flughäfen auf dieser Welt, durchaus auch in den USA. Als Véronique von Greifenbach in die Ankunftshalle trat, sah sie schon von weitem einen Herrn mit einer grossen Tafel in der Hand, mit der Aufschrift «Greifenback», was sie jedoch keineswegs störte. Der Chauffeur – er stellte sich als Anthony oder Antoine vor – nahm sich des Gepäcks an und führte sie zu einem schwarzen Mercedes neuerer Bauart.

Unterwegs telefonierte Véronique von Greifenbach, um Philippe ihre Ankunft auf der Insel mitzuteilen, anschliessend führte sie ein zweites Gespräch, wobei Anthony sie regelmässig im Rückspiegel beobachtete. Mit ihren dunkelblonden langen Haaren fiel sie inmitten der Einheimischen, Nachkommen von Einwanderern aus Indien und ehemaligen Sklaven aus Afrika und Madagaskar, auf. Sie hatte sich auf ihren Aufenthalt gut vorbereitet und wunderte sich deshalb, dass Anthony Richtung Hauptstadt fuhr, nach Port Louis, an der Westküste der Insel gelegen.

«Entschuldigung, Anthony, liegt das Crystals Beach Hotel in Belle Mare nicht an der Ostküste?»

«Oui, Madame.»

«Sie aber fahren an die Westküste.»

«Ja, dort liegt das Maritim Hotel.»

«Ich habe aber im Crystals Beach Hotel gebucht, in Belle Mare.»

«Nein, ich muss Sie ins Maritim fahren.»

«Das Crystals Beach ist auch ein Maritim Hotel …»