Beschreibung

Der deutsche Honorarkonsul in China bricht am Hallstätter Beinhaus vor den Augen seiner Lebensgefährtin und seines hilflosen Leibwächters tot zusammen. BND-Agent Michael Schröck ermittelt und stößt auf unschöne Machenschaften des Konsuls aus dessen Zeit im Nahen Osten. Als weitere Morde geschehen, muss Schröck es nicht nur mit den Eigenheiten der Bewohner des Salzkammerguts aufnehmen – sondern auch erkennen, dass nichts so ist, wie es scheint. Internationale Verwicklungen, hintergründiger Humor und ein hoch spannender Fall in der besonderen Atmosphäre des Salzkammerguts.

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Edwin Haberfellner wurde 1957 im oberösterreichischen Steyr geboren. Nach langjähriger Tätigkeit im Krankenhaus und einem Jura- und Datentechnikstudium ist er heute Beamter und Autor.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

©2016 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: tepic/Depositphotos.com Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch Lektorat: Susanne Bartel eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-995-0 Originalausgabe

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Prolog

Eigentlich hätte man etwas spüren müssen, wenn man sich mit den Händen abzustützen versuchte, sie aber dann einknickten und erst das Kinn und dann Stirn und Nase auf dem Schotterweg aufschlugen und sich dabei besonders vorwitzige Steinchen in die weiche Haut bohrten. Diese glänzenden Kiesel, die Kinder gerne mit zwei Fingern gegen die Sonne halten, um Einschlüsse und Äderchen besser erkennen zu können. Es war Splitt aus Feldspat, den man auf dem schmalen Friedhofsweg ausgebracht hatte und der sich jetzt tiefer und tiefer in sein Gesicht grub. Silikate, vornehm glänzend, passend zu dem heiligen Ort, an dem er sich befand. Man hatte die weißen Steinchen gestreut, um dem Platz ein wenig von der Würde zurückzugeben, die ihm schon längst abhandengekommen war.

Viele suchten ihn nicht wegen des Gedenkens an ihre Toten auf, sondern weil er zu einer Attraktion mutiert war, gruselig schön, da hier eine seltsam anmutende Nähe zum Tod greifbar zu sein schien. Der Gottesacker, eine Sehenswürdigkeit, die in jedem Reiseführer der Region stand. Nur wenige Besucher waren sich bewusst, dass der kleine Platz vor der Kirche ein Friedhof war. Aber auch die wenigen anderen, die mit stiller Ehrfurcht ihre Umgebung wahrnahmen und sich Gedanken darüber machten, dass sie gleich Gebeine von ehemals lebenden Menschen besichtigen würden, ließen sich von der Aufgeregtheit der anderen Touristen mitreißen und vergaßen alsbald genauso wie sie, dass sie auf den sterblichen Überresten von Menschen herumtrampelten. Ihre anfängliche Unsicherheit wich bald schon einer institutionalisierten Sensationslust. Sie bezahlten die paar Cent an dem Verschlag vor dem Eingang, betraten die Höhle der bleichen Gebeine, erblickten die bemalten Schädel und fotografierten, während ihnen schaurige Kälte über den Rücken kroch.

Bechstein sollte das Innere des Beinhauses zu Hallstatt nie zu Gesicht bekommen. Als er plötzlich von einem Schwächeanfall übermannt zu Boden stürzte, durchdrangen die feinen Kiesel jäh seine Epidermis, jene Grenze zur Umwelt, die Schutz gegen die Sonne und das Austrocknen bieten sollte. Die kleinen Steinchen, nach der Mohsschen Härteskala nur noch mit einer Stahlfeile ritzbar und sogar dafür geeignet, in Glas tiefe Kratzer zu hinterlassen, rissen seine Haut auf, drangen tief in sein Fleisch und färbten seine Wangen rot. Sie stachen durch die Lederhaut, ließen Gefäße explodieren und machten auch vor seinem Unterhautfettgewebe nicht halt. Bechstein erwartete den Schmerz, wollte je nach dessen Stärke den Mund öffnen, um einen Fluch oder den passenden Klagelaut auszustoßen. Aber der Schmerz kam nicht. Sogar die Übelkeit war verflogen, die ihn das erste Mal am vorangegangenen Abend überkommen hatte. Gestern, als er im Hotel, nachdem sie an der Bar noch einen Cocktail getrunken hatten, schon gespürt hatte, dass etwas mit ihm nicht in Ordnung war. Alina hatte geglaubt, er wolle mit dem Vorschlag, nach dem Abendessen noch an die Bar zu gehen, einen romantischen Abend einleiten. Aber Bechstein stand der Sinn nicht nach Romantik, ihm war nur kotzübel. Er gab dem einheimischen Fisch, den sie angeblich aus dem See vor dem Hotel gezogen hatten, die Schuld und kippte in kürzester Zeit drei klare Schnäpse hinunter, während ihm seine Freundin auffordernde Blicke zuwarf. Danach gingen sie aufs Zimmer. Bechstein wusste, was die mehr als zehn Jahre jüngere Frau von ihm erwartete. Nachdem er mit Alina geschlafen hatte, war ihm noch viel übler als zuvor, und er fiel in eine tiefe, traumlose Bewusstlosigkeit.

Alina hatte ihn am nächsten Morgen geweckt. Normalerweise war immer er es, der als Erster wach wurde, während sie noch mit der Decke bis zum Kinn tief und fest schlief. Diesmal jedoch bekam sie ihn kaum wach, und als er schließlich die Augen öffnete und sie nach der Uhrzeit fragte, war es schon halb acht. Bechstein schleppte sich unter die Dusche. Während er sich das heiße Wasser auf Kopf und Nacken spritzen ließ, musste er sich an der Wand abstützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Nach der ersten Tasse Kaffee wurde es ein wenig besser, und Bechstein hatte sogar Appetit auf das pochierte Ei, das ihm eine Kellnerin in Leinentracht servierte. Doch als er einen Löffel davon aß, fühlte es sich so an, als würde das Stückchen Ei in seinem Mund zu wachsen beginnen und so groß werden, dass er es nicht mehr hinunterschlucken konnte. Alles schmeckte nach Erde.

Der Bodyguard, den seine Sekretärin auf sein Geheiß engagiert hatte, wartete derweil schon mit einem einheimischen Führer hinter der Glastür des Frühstücksraums. Ein ungleiches Gespann, der junge Mann mit seinem kahl rasierten Kopf im schwarzen Anzug und neben ihm der Einheimische in kurzen Lederhosen, mit spitzen, knochigen Knien, die beide nach außen zeigten. Der Fremdenführer sollte sie zu den Sehenswürdigkeiten der Marktgemeinde begleiten.

Als sie schließlich das Hotel verließen und sich in den Strom der vorwiegend asiatischen Touristen einreihten, redete der Mann in einer Mischung aus Hochdeutsch und Dialekt auf Bechstein und Alina ein, als gelte es, in fünf Minuten zu erklären, was in mehr als über viertausend Jahren an diesem besonderen Ort entstanden war. Die selbstzufriedene Art des Mannes war Bechstein zuwider, er hegte eine grundsätzliche Abneigung gegen Menschen, die sich mit etwas zufrieden zeigten. Für ihn musste es immer weitergehen. Herausforderungen waren zu bewältigen, Siege zu erringen. Erst bist du zufrieden, dann bist du tot: Das war die Philosophie, nach der Bechstein lebte. Sie sollte sich nicht bewahrheiten.

Ihr Führer zeigte den steilen Felsen hinauf. »Da oben ist die Kirche. Erst gehen wir zum katholischen Friedhof hinauf, und später werden wir zu den Salzwelten fahren«, sagte er und suchte in den Augen seiner Gäste nach Zustimmung.

Bechstein, dem der Schweiß auf der Stirn stand, obwohl es an diesem Frühsommertag angenehm warm war, nickte abwesend, der Bodyguard fühlte sich nicht angesprochen, stand stumm da und musterte die Leute, die an ihnen vorbeigingen, also musste Alina die Situation retten. Sie klatschte in die Hände wie ein kleines Mädchen und rief: »Wunderbar! Das wird phantastisch, so machen wir das. Nicht wahr, Goofy?«

Wenn sie unter sich waren, nannte sie Gottlieb Bechstein immer Goofy, aber auch in der Öffentlichkeit rutschte ihr der Kosename manchmal heraus. Er hatte es ihr schon tausendmal verboten, ihn vor anderen Leuten so zu nennen– vergeblich.

Sie schlugen den steilen Weg hinauf zur katholischen Pfarrkirche ein. Eine seltsam anmutende Prozession: Voran ging der Fremdenführer in kurzen Lederhosen, es folgten Bechstein im leichten Sommeranzug und seine Lebensgefährtin Alina im bunten Designerkleid, das Schlusslicht bildete der junge Bodyguard im schwarzen Anzug.

Sie hatten den Friedhof gerade durch einen Torbogen betreten, da stürzte Bechstein zu Boden. Der junge Mann im schwarzen Anzug lief zu ihm, fasste ihn unter dem Arm und wollte ihn auf die Füße ziehen, aber Bechstein entglitt ihm. Als der Bodyguard seinen Schutzbefohlenen umdrehte, starrte der ihn unverwandt aus weit geöffneten Augen an.

Wie aus der Ferne hörte Bechstein Alinas Schreie, sah ein Gesicht wie aus dem Nebel über sich auftauchen. Die schmalen Lippen bewegten sich, aber Bechstein konnte nicht verstehen, was sie sagten– es war ihm auch nicht wichtig. Plötzlich fühlte er sich schwerelos, auch das leichte Brennen, das er seit Tagen im Magen verspürt hatte, war endlich verschwunden.

Dann wurde es dunkel um ihn herum, so als setzte die Dämmerung ein. Er war erstaunt. War es nicht erst früher Vormittag? Doch selbst das nahm er mit stoischer Gelassenheit hin, mit einer Ruhe, die ihm, dem ständig planenden und taktierenden Bechstein, bislang in seinem Leben unbekannt gewesen war. Wären seine Gesichtsmuskeln nicht schon längst gelähmt gewesen, hätte in diesem Moment ein Lächeln seinen Mund umspielt. Kein herablassendes Grinsen, das man sonst von ihm kannte, sondern ein sanftes, weises Lächeln.

Und mit einem Mal waren sie alle da, sahen noch genauso aus wie früher. Langsam kamen sie näher, hockten sich zu ihm. Sie sprachen nicht, sie schauten ihn nur schweigend an. Der kleine Jobst streckte eines seiner Ärmchen aus, als versuchte er, nach ihm zu fassen. In diesem Moment wurde Bechstein bewusst, dass er gleich sterben würde. Oder war er vielleicht sogar schon tot? Jobst war lange schon kein kleiner Junge mehr, er war beinahe dreißig. Vor siebenundzwanzig Jahren hatte Bechstein sich für seine Karriere und gegen seine Familie entschieden. Seine frühere Frau, Elke, saß ebenfalls neben ihm. Vor zwei Jahren hatte ihr immer schon schwaches Herz aufgehört zu schlagen. Sie warf Bechstein einen vorwurfsvollen Blick zu, nahm dann seinen kleinen Sohn, der sich in ihren Armen wand, weil er immer noch zu seinem Vater wollte, auf den Arm und ging auf das Licht zu, das gleißende Licht, von dem Bechstein wusste, dass es auch ihn zu sich rief, dass er ihm folgen musste. Gleichsam ein finaler Termin, den er, der er doch immer nach Terminen gelebt hatte, nicht versäumen durfte. Er drehte sich um, um wieder auf die Beine zu kommen. Die Bewegung war seltsam mühelos, so als wöge er nur noch ein Drittel seines wahren Gewichts.

1

Um halb elf Uhr klingelte es an der Tür. Es war der Postbote. Schröck kritzelte mit einem Plastikstift, der Karikatur eines Kugelschreibers, seinen Namen auf das Display eines elektronischen Geräts, unleserlich und nicht nachvollziehbar, trotzdem war damit der Ordnung Genüge getan.

Er riss den Umschlag auf– Absender war das Bundesministerium des Innern– und überflog die Zeilen. Den Grund des Schreibens kannte er bereits. Der Brief war nur der finale bürokratische Akt. In ihm wurde ihm mitgeteilt, dass er mit sofortiger Wirkung aus dem Polizeidienst entlassen sei, sein beamteter Status jedoch aufrechterhalten bliebe, desgleichen auch sein Pensionsstichtag. Er sei nun in die BesoldungsgruppeA13, Stufe8, übernommen worden und berechtigt, in Zukunft den Amtstitel Regierungsoberamtsrat zu führen. Mit seinem Ausscheiden aus dem Polizeidienst erlösche jedoch die Berechtigung, die Dienstbezeichnung Kriminalhauptkommissar zu führen. Die gemäß der Verordnung über die Laufbahn, Ausbildung und Prüfung für den gehobenen Dienst im Bundesnachrichtendienst vom 5.Dezember 2006 (BGBl.IS.2767), zuletzt geändert durch Artikel3Absatz15 der Verordnung vom 12.Februar 2009 (BGBl.IS.320), abzulegende Prüfung werde ihm aufgrund seines Dienstalters erlassen. Und so weiter und so fort.

Schröck faltete das Papier wieder zusammen und legte es auf den Küchentisch.

Das war es also gewesen. Nach beinahe dreißig Jahren im Polizeidienst jetzt das Aus. Natürlich war es lächerlich, sich darüber Gedanken zu machen, er verblieb ja im Bundesdienst, und die offizielle Aufnahme in den Bundesnachrichtendienst besiegelte eigentlich nur, was er in den letzten Jahren ohnehin schon gemacht hatte. Allerdings nur inoffiziell, denn alle hatten gedacht, er leide an depressiven Erschöpfungszuständen, an Burn-out. Dennoch hatte dieser Abschied einen fahlen Beigeschmack.

Alles um ihn herum veränderte sich. Nach der Zeit bei der Polizei, die keinesfalls langweilig gewesen war, aber in der trotzdem eine gewisse Kontinuität vorgeherrscht hatte, waren die letzten Jahre dadurch bestimmt gewesen, dass er oftmals wochenlang unterwegs und so auch von Silvia getrennt gewesen war, die sich immer häufiger darüber beschwerte.

Bislang hatte sie sich stets geweigert, ihre Stadtwohnung in München aufzugeben und zu Schröck nach Schönbergmoos zu ziehen. Das war gewesen, lange bevor ihn sein alter Freund Klaus Heinrich, den er noch von der Polizeischule kannte, für den BND angeworben hatte. Damals hatte Silvia die meisten Wochenenden bei Schröck auf dem Land verbracht. Das Haus hatte seinen Großeltern gehört, nach deren Tod es seine Schwester Gisela geerbt und liebevoll renoviert hatte. Gisela war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Er war erst widerstrebend in den kleinen Ort vor den Toren Münchens gezogen, aber mittlerweile froh darüber, der hektischen Großstadt entkommen zu sein. Silvias Wohnung hatte Schröck in all der Zeit ihrer Beziehung nur selten zu sehen bekommen. Sie sei ihr persönliches Refugium, sagte sie immer, deshalb wolle sie ihre eigenen vier Wände haben und diese auch keinesfalls mit jemandem teilen.

Schröck hatte ihre Meinung akzeptiert, aber immer gehofft, dass sie es sich irgendwann anders überlegen würde. Später dann, als er schon für den BND arbeitete und Silvia ihm immer öfter damit in den Ohren lag, dass er nun nicht einmal mehr an den Wochenenden für sie Zeit habe, war ihm klar, dass sie niemals zusammenziehen würden. Schröck hatte Verständnis dafür. Sollte sie denn die Abende mit seiner alten Haushälterin Liba verbringen? Würde Silvia alleine in Schönbergmoos herumsitzen, würde sie versauern. Sämtliche ihrer Freunde lebten in München, und sie war das Stadtleben gewohnt.

Schröck hatte wahrgenommen, dass Silvias Gefühle für ihn in den letzten Monaten abgekühlt waren. Wenn er nach seinen Aufträgen wieder da war und sie anrief, um sich mit ihr zu verabreden, sagte sie immer öfter mit der Begründung ab, sie sei hundemüde und total erledigt und müsse endlich einmal ausschlafen, weil im gerichtsmedizinischen Institut die ganze Woche über die Hölle los gewesen sei. Und wenn Schröck ehrlich zu sich selbst war, musste er sich auch eingestehen, dass er darüber nicht wirklich traurig war. Denn sosehr er sich auch immer wieder nach Sylvias Nähe gesehnt hatte, so genau wusste er, dass sie sich schon seit geraumer Zeit auseinandergelebt hatten und ihnen die Liebe zueinander abhandenkam.

Schröck sah die Schuld vorwiegend bei sich und seinem Beruf. So war es auch in seiner Ehe gewesen, sie war langsam zerfallen, ausgelöst durch seine Arbeit. Polizisten sollten keine festen Beziehungen haben und BND-Agenten schon gar nicht.

Nun war es also offiziell. Liba schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als Schröck es ihr erzählte. »Der Herr Hauptkommissar ist jetzt also ein richtiger Agent? Da müssen Sie aber gut Obacht auf sich geben, wenn alles so ist wie in den Filmen im Fernsehen. Die schau ich mir manchmal an, obwohl sie mich immer sehr aufregen tun. Hoffentlich passiert Ihnen nur nichts.«

Silvia hatte ihm bereits gratuliert und mit hörbarer Resignation in der Stimme gesagt, der Wechsel sei ja nur mehr eine Formalität gewesen und wahrscheinlich würde er von nun an noch häufiger weg sein als in der Vergangenheit.

Erst als sein Handy läutete, bemerkte Schröck, dass er den Briefumschlag noch immer in Händen hielt und ihn zerknüllt hatte. Er nahm den Anruf an.

Es war Klaus Heinrich. Wie gewohnt hielt sich sein Führungsoffizier nicht lange mit Höflichkeitsfloskeln auf. »Ich habe was Neues für dich, Michael. Du musst sofort ins Salzkammergut fahren, nach Österreich.«

»Wohin?«, fragte Schröck nach. »Nach Salzburg?«

»Nein, ins Salzkammergut, in einen Ort namens Hallstatt. Weltkulturerbe oder so was, jedenfalls gibt es da jede Menge Touristen. Scheint ziemlich idyllisch zu sein, mit Bergen, einem See, malerischen Häuschen und einer langen Geschichte als Salzabbaugegend. Die Chinesen haben den Ort kurzerhand als Attraktion in ihrem Land nachgebaut. In Hallstatt wurde auch der berühmte ›Mann im Salz‹ gefunden, wenn dir der was sagt.«

»Okay«, sagte Schröck gedehnt, »und was soll ich da? Wie es sich anhört, ist der Salzmann schon einige Zeit tot, und wenn es sich nicht um Fremdverschulden gehandelt hat–«

»Quatsch«, sagte Heinrich. »Die Sache ist ein wenig heikler. Am vorigen Wochenende ist in Hallstatt einer von unseren Leuten, Honorarkonsul Dr.Gottlieb Bechstein, zu Tode gekommen. Er hat eine Zeit lang für die Firma gearbeitet und hatte immer noch großen Einfluss. Bechstein gehörte 1990, während des Zweiten Golfkriegs, zum Krisenstab des Auswärtigen Amtes und war ein sehr geschätzter Vertrauter des verstorbenen saudi-arabischen Königs Abdullah. Er hat ihn von Zeit zu Zeit sogar als Berater herangezogen. Für Berlin hat Bechstein in einigen heiklen Angelegenheiten als Vermittler fungiert. Aus Dankbarkeit und weil man sich absichern wollte, dass er nicht ausplaudert, was er damals gehört und gesehen hat, hat man ihn zum Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland in China gemacht.«

»Ein Herzinfarkt?«, fragte Schröck scheinheilig.

»Sehr witzig. Natürlich nicht. Die Österreicher haben nach einem Tipp von seinem Leibwächter Experten aus Wien hingeschickt, die bei der gerichtsmedizinischen Untersuchung einen Mix aus Aconitin, das Gift des Eisenhuts, und– jetzt halt dich fest– Polonium-210 gefunden haben. Wie du weißt, kann man dieses Teufelszeug nicht gerade an jeder Ecke kaufen. Angeblich war die Dosis ziemlich hoch, Bechstein soll strahlen wie ein Weihnachtsbaum. Nachdem feststand, dass er damit kontaminiert war, sind die Kollegen aus Wien wieder abgezogen und haben uns verständigt. Offiziell, weil alle Fakten auf eine internationale Beteiligung hinweisen. Na ja, ich denke, in Wirklichkeit wollen die sich bloß raushalten, deshalb haben sie uns den Fall überlassen. Die Chinesen machen auch schon Druck, weiß der Teufel, wieso. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass gemunkelt wird, Bechstein habe sich unter anderem einen Namen beim Einfädeln von Waffengeschäften gemacht. Je früher du vor Ort bist und dich darum kümmerst, desto besser, Michael.«

Schröck runzelte die Stirn. »Na klasse! Ich hatte mal einen Fall in Schwabing, bei dem eine Ehefrau ihren Gatten mit Eisenhut kaltgemacht hat. Aber Polonium-210? Das passt doch nicht zusammen.«

»Polonium wurde schon öfter eingesetzt, um sich unbeliebter Leute zu entledigen. Seine Verwendung ist relativ ungefährlich. Bei der Strahlung, die es beim Zerfall abgibt, handelt es sich um Alphastrahlung. Sie ist harmlos, wenn sie von außen auf den Körper trifft. Die menschliche Haut genügt als Barriere, um die inneren Organe zu schützen. Selbst wenn man es in einem ganz gewöhnlichen Glasfläschchen transportiert, besteht keine Gefahr für den, der das Zeug einsetzt. Aber wenn Polonium-210 in den Körper gelangt, entweder über das Essen, über Getränke oder über die Atmung, dann geht es richtig zur Sache. Sobald du es runterschluckst, entfaltet die Strahlung ihre zerstörerische Wirkung. Zwar wird ein großer Teil des aufgenommenen Poloniums direkt wieder ausgeschieden, aber der Rest erreicht über den Blutstrom das Gewebe und die Organe. Die Energie der Alphastrahlung ist gewaltig, sie zerstört Zellstrukturen und die DNA. Wenn das Erbgut dann zu schwer beschädigt ist, stirbt die Zelle ab. Gemeinerweise sind gerade jene Zellen davon betroffen, die sich schnell teilen, etwa die Knochenmarks- und die Darmzellen. Je nach Dosis dauert es Wochen oder auch nur wenige Tage, bis dem Betroffenen die Haare ausfallen und es zu inneren Blutungen kommt. Rettung gibt es keine. Man kann nur die Schmerzen lindern und dabei zusehen, wie das Opfer elendig zugrunde geht.«

»Das ist ja irre. Haben wir das Zeug auch schon mal eingesetzt?«, fragte Schröck.

»Du, Michael, ich verstehe dich gerade nicht so gut. Ich glaube, unsere Verbindung ist irgendwie gestört.«

»Schon recht. Ich sag ja gar nichts mehr. Aber war es nicht auch Polonium-210, das sie bei Arafat gefunden haben?«

»Genau.«

»Und wie passt dann dieses andere Gift dazu?«

»Der Eisenhut, das Aconitin, meinst du? Entweder hat der Mörder es plötzlich eilig gehabt, oder er wollte Bechsteins Leiden verkürzen. An Letzteres glaube ich allerdings nicht. Und jetzt genug der Fragen. Mach dich lieber sofort auf den Weg. Ich werde dir die Namen und Adressen von ein paar Ansprechpersonen vor Ort schicken.«

Nachdem sie aufgelegt hatten, fuhr Schröck den Laptop hoch. Heinrichs Mail war schon eingegangen. Schröck ließ sie durch das Entschlüsselungsprogramm laufen. Das Verfahren, mit dem die Nachricht zuvor in ein unleserliches Gewirr von Zeichen und Zahlen verwandelt worden war, nannte sich Transposition. Die Zeichen des Textes waren umsortiert, die Anordnung von Buchstaben und Silbenketten mittels Permutation verändert worden. Schröck hatte dem Kollegen aus der Informationstechnik nur mit einem Ohr zugehört, als dieser ihm das Verfahren bei der Schulung erklärt hatte. Nur bei dem Teil, der die Bedienung der Entschlüsselungssoftware zum Thema hatte, hatte er aufgepasst.

Das Buchstabenchaos auf dem Bildschirm begann sich zu ordnen, und nach kurzer Zeit erschienen eine Liste mit Namen und einige Fotos. Schröck zog die Dateien in eine Mail und schickte sie sich auf sein Handy.

2

Kurz vor Irschenberg hatte sich ein kilometerlanger Stau gebildet. Wahrscheinlich ein Unfall, dachte Schröck und auch, dass er auf das kühle Bier, das er an der Autobahnraststätte hatte trinken wollen, nun wohl verzichten musste. Sein Wagen hatte schon bald zwanzig Jahre auf dem Buckel. Würde sich nicht sein Nachbar in Schönbergmoos, der in einer Scheune ohne behördliche Genehmigung eine Autowerkstatt betrieb, aus purer Nostalgie oder weil er fürchtete, der Polizist würde ihn ansonsten beim Finanzamt verpfeifen, um den alten Passat kümmern, hätte sich Schröck schon längst einen neuen fahrbaren Untersatz zulegen müssen.

Die Sonne brannte beinahe den Lack vom Blech und verwandelte Schröcks Auto in einen Backofen. Der Zeiger der Temperaturanzeige bewegte sich langsam, aber stetig auf den roten Bereich zu. Schröck hoffte das Beste und beschloss, nicht untätig herumzusitzen. Er nahm sein Handy, holte sich Heinrichs Dokumente aufs Display und öffnete den knapp gehaltenen Bericht des Beamten, der als Erster bei Bechstein gewesen war.

Der Polizist hatte die Personalien der Anwesenden aufgenommen und die erfolglosen Versuche, den Konsul wiederzubeleben, dokumentiert. Demnach waren außer dem Opfer, Dr.Bechstein, und dessen Lebensgefährtin, Alina Soukup, noch ein einheimischer Fremdenführer und der Leibwächter einer Wiener Personenschutzfirma mit auf dem Kirchenhügel gewesen. Alina Soukup war die Tochter eines Diplomaten der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik, der nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in Amerika geblieben war und seine Verbindungen genutzt hatte, um von dort aus mit Hilfe seines Insiderwissens gutes Geld mit dem Verscherbeln von ehemals sozialistischen Firmen zu machen.

Der Konsul war auf dem alten Friedhof, nur ein paar Meter vor dem Eingang des Beinhauses, plötzlich zusammengebrochen und kurz darauf verstorben. Der Notarzt war sofort verständigt worden und hatte anstandshalber noch zehn Minuten lang versucht, Bechstein zu reanimieren.

»Beinhaus«, murmelte Schröck. »Was zur Hölle ist ein Beinhaus?« Er rief eine Suchmaschine auf dem Mobiltelefon auf und gab »Hallstatt Beinhaus« in die Maske ein. Auf dem Display erschienen Fotos von einem kleinen Raum, unter dessen gewölbter weiß getünchter Decke fein säuberlich Hunderte von Totenschädeln aufgeschichtet lagen.

Schröck klickte auf eines der Bilder und wurde auf eine Website der Marktgemeinde mit folgender Erklärung weitergeleitet:

»Im weltberühmten Hallstätter Beinhaus, der Michaelskapelle neben der katholischen Kirche, auch Karner oder Ossuarium genannt, befinden sich etwa tausendzweihundert Schädel von Verstorbenen vom Friedhof in Hallstatt. An die siebenhundert davon sind bemalt. Der Brauch der Schädelmalerei nahm in Hallstatt etwa um 1720 seinen Anfang, aber schon seit dem 17.Jahrhundert werden im Beinhaus Totenköpfe als Art der zweiten Bestattung aufbewahrt. Irrtümlich glaubte man, dass der Platzmangel auf dem Friedhof Grund für den Brauch sei, Forschungen zeigen jedoch, dass diese Art der Totenwürdigung der Tradition der einzelnen Hallstätter Familien entstammt.«

Schröck fand die Vorstellung, dass Tote erst zehn bis zwanzig Jahre im Grab lagen, bevor sie vom Totengräber wieder ausgebuddelt wurden, nicht besonders angenehm. Bei der Prozedur wurden die Schädel zusammen mit ein paar anderen Knochen dem Grab entnommen, gereinigt und anschließend zum Bleichen in die Sonne gelegt. Erst dann wurden sie bemalt. Auf besonderen Wunsch, so las er weiter, konnte man sich nach seinem eigenen Tod auch heute noch im Beinhaus einlagern lassen.

Schröck schüttelte kurz den Kopf, um die gedankliche Verbindung zwischen aufgeschichteten Totenköpfen und dem großelterlichen Obstkeller, in dem rötliche Winteräpfel lagerten, zu verdrängen.

Dr.Bechstein war also vor der Kirche auf dem Friedhof verstorben, weil man ihn gleich zweimal vergiftet hatte. Vielleicht hatte jemand auf Nummer sicher gehen wollen, oder es hatte diesem Jemand mit dem Polonium-210 zu lange gedauert, sodass er die Geduld verlor und nachhalf. Interessant war, dass der Mitarbeiter der Wiener Personenschutzfirma aus der Gegend um den Hallstätter See zu stammen schien. Schröck hatte den Namen des Ortes gelesen, als er sich über die geografische Lage des Salzkammerguts schlaugemacht hatte. Der Mann hieß Johann Zahler, sein Geburtsort war mit Bad Goisern angegeben, und er war dem Polizeibeamten, der den Bericht verfasst hatte, persönlich bekannt.

Zahler war sechsunddreißig Jahre alt, hatte nach dem Abitur eine Zeit lang Sport- und Ernährungswissenschaften studiert und nach Abbruch seines Studiums bei einer Personenschutzfirma in Wien angeheuert. Mit dem Auftrag, Bechstein während seines gesamten Österreich-Aufenthalts zur Verfügung zu stehen, war er dem Konsul exklusiv zugeteilt worden.

Schröck beschloss, falls die Autoschlange sich irgendwann einmal weiterbewegen und er wider Erwarten doch noch in Hallstatt eintreffen würde, gleich mit Zahler Verbindung aufzunehmen.

Etwa um halb zwei Uhr nachmittags und nach einem Temperaturanstieg von gefühlten zwanzig Grad hatte sich der Stau aufgelöst. Schröck verließ die Autobahn und kam die letzten fünfzig Kilometer bis nach Hallstatt zügig voran.

Die Straße schlängelte sich zwischen malerischen grünen Hügeln hindurch, hinter denen ein Bergmassiv durchschimmerte. Das musste der berühmte Dachstein sein, dachte Schröck und nahm sich vor, eine Panoramakarte zu besorgen. Wenn er schon einmal hier war… Die letzten Kilometer führte die Straße ihn am Ufer des Hallstätter Sees entlang.

Dreieinhalb Stunden nachdem er in Schönbergmoos aufgebrochen war, lenkte Schröck den Wagen aus dem Tunnel der Umgehungsstraße. Auf dem Platz vor der Schiffsanlegestelle tummelten sich Touristen. Souvenirstände, an denen kitschige Plüschfiguren, pseudo-urige Miniaturbierkrüge und Austria-Sticker angeboten wurden, säumten die schmale Straße. Ein paar Meter weiter versperrte ihm eine automatische Schrankenanlage den Weg. Die Einfahrt in den Ort war nur Anwohnern gestattet. Schröck erinnerte sich, davon gelesen zu haben. Er hielt an und kramte die Buchungsbestätigung heraus, die ihm Klaus Heinrich gemailt und die er in letzter Sekunde ausgedruckt hatte. Im Nu war er umringt von einem Strom zumeist asiatischer Menschen. Sie trippelten wie eine Straße von Ameisen dahin, alle in dieselbe Richtung, schwitzend und gut gelaunt plappernd. Schröck fand die Stelle auf dem Ausdruck, wo stand, dass das Zentrum des UNESCO-Weltkulturerbe-Ortes Hallstatt verkehrsberuhigt sei und man Gäste ersuche, die öffentliche ParkgarageP1 zu benutzen. Dort könnten sie vergünstigt parken. Die Telefonnummer des hoteleigenen Shuttlebusses war auch aufgeführt. Schröck tippte die angegebene Adresse des Parkhauses ins Navi und wendete den Wagen vorsichtig, um keine Asiaten zu rammen.

Er musste nicht lange warten. Wenige Minuten nachdem er in seiner Unterkunft angerufen hatte, bog ein dunkelblauer Kleinbus mit Hotelaufschrift auf den Platz vor der Parkgarage. Ein freundlicher junger Mann hieß Schröck mit Handschlag willkommen und lud das Gepäck in den Van. Es dauerte nur knappe fünf Minuten, dann hielten sie auf einem Parkplatz am See unweit der evangelischen Kirche. Gegenüber vom Gotteshaus lag der Zugang zum Hotel.

Der Fahrer, dem die Hitze nichts auszumachen schien, griff sich Schröcks Tasche und den Koffer, klemmte sich den Laptop unter die Achsel und bedeutete dem neuen Gast, ihm zu folgen. Auf einer Schiefertafel vor dem Hoteleingang, einer Mischung aus Holzverkleidung, Glas und dezentem Rot mit goldenem Krönchen-Emblem, wurde mitgeteilt– alles von Hand mit Kreide geschrieben–, dass das Restaurant »open from11:00 am to 9:45pm« sei und es außerdem noch »ICECREAM& delicious cakes« gäbe.

Die junge Frau an der Rezeption händigte Schröck seinen Zimmerschlüssel aus, bat ihn, die Angaben auf dem Anmeldezettel zu überprüfen und diesen, falls alles in Ordnung sei, zu unterzeichnen. Mit geübter Sicherheit, ohne richtig hinzusehen, legte sie ihren Zeigefinger auf die Stelle des Papiers, an die Schröck seine Unterschrift setzen sollte. Es schien, als sei man hier internationale Gäste gewöhnt– kein Wunder bei den Massen, die sich in dem kleinen Ort am See herumtrieben.

Schröck ging auf sein Zimmer und war begeistert. Vom Fenster aus hatte er einen atemberaubenden Ausblick auf das Wasser und die grünen Hügel am gegenüberliegenden Ufer.

Nun konnte er auch endlich sein durchgeschwitztes Hemd loswerden. Das Zimmer war geräumig und mit Geschmack eingerichtet, das Badezimmer modern und sowohl mit Dusche als auch mit Wanne ausgestattet. Sogar den Rasierspiegel hatte man nicht vergessen. Schröck drehte die Klimaanlage hoch, ging unter die Dusche und ließ sich abwechselnd warmes und kühles Wasser über den Nacken laufen. Falls die Ermordung Bechsteins mit seinem Amt als Honorarkonsul in China zu tun hatte, rechnete sich Schröck keine besonders großen Chancen aus, den Fall aufklären zu können, geschweige denn die Drahtzieher oder gar die Täter zu finden. Vermutlich waren die schon längst über alle Berge– im wahrsten Sinne des Wortes.

Und sollte es ein Asiate gewesen sein– von denen wimmelte es hier nur so. Die kleine Marktgemeinde schien zum Pilgerort für Chinesen geworden zu sein, seit diese, wie ihm Heinrich erzählt hatte, Hallstatt in ihrem Reich der Mitte nachgebaut hatten. Es gab offenbar eine ganze Menge reicher Chinesen, jemand mit Normalverdienst könnte sich die Reise nach Europa doch gar nicht leisten.

Während er sich abtrocknete, dachte Schröck an sein eigenes Zuhause und überlegte kurz, ob er Silvia anrufen sollte. Schnell verwarf er den Gedanken wieder. Wahrscheinlich war sie noch im Institut und, wie in letzter Zeit immer, viel zu beschäftigt, um ein Gespräch zu führen, das bei ihm keinen faden Geschmack hinterlassen würde, weil es ihm vorkam, als würde er sie stören.

Schröck schickte Silvia nur eine kurze SMS: »Bin gut angekommen. Hdl, Michael«. Damit war der äußeren Form Genüge getan.

3

Drei Tage waren seit Bechsteins Tod verstrichen. Zahler stand vor der Eingangstür zum Gasthof Scheffler. Das alte Wirtshaus war schon seit Jahren nicht mehr im Besitz der Familie, eine Gastro-GmbH hatte es übernommen. Niemand wusste, wer die eigentlichen Eigentümer waren, Bad Goiserer waren es jedenfalls keine. Das alte Haus, das– zugegeben– schon ein wenig heruntergekommen war, war neu renoviert worden. Südseitig war ein Wintergarten angebaut worden, damit die Besucher auch in der kühleren Jahreszeit das Gefühl hatten, draußen zu sitzen. Ob die knallgrünen Fensterrahmen noch aus Holz waren oder praktischeren Alu- oder Plastikprofilen hatten weichen müssen, war nicht zu erkennen. Alles, selbst die neue Hausfassade, war grell eingefärbt. Das helle Gelb blendete einen geradezu, vom ursprünglich ländlichen Bauerngasthof war kaum noch etwas übrig geblieben. Puppenhausarchitektur. Man stellte sich eben auf die Erwartungen seiner Gäste ein.

Johann Zahler war unschlüssig, ob er wirklich hineingehen sollte. Er überlegte, ob er nicht ins Auto steigen und wieder wegfahren sollte. Das Wirtshaus rief alte Erinnerungen in ihm wach. Er und seine fünf Jahre ältere Schwester hatten die Eltern manchmal anlässlich einer der wenigen Familienfeiern hierher begleiten dürfen. Seine Erinnerungen daran waren allerdings schon sehr verschwommen.

Aber was er noch genau wusste, als hätte es sich in sein Hirn eingebrannt, war, wie ihn der Großvater damals am nächsten Morgen nach einer dieser Feiern– er war mit den Großeltern schon früher heimgefahren– angewiesen hatte, sich ruhig hinzusetzen, weil er ihm etwas sagen müsse. Lange herumzureden bringe nichts, hatte er gemeint. Die Eltern und auch Rosa, Joes Schwester, seien verunglückt und würden nicht mehr heimkommen. Alle drei hätten bei dem Autounfall ihr Leben verloren, Joe würde ab jetzt bei ihm wohnen müssen, weil ihn sonst niemand aus der Familie haben wolle, etwas anderes käme aber sowieso nicht in Frage, er sei schließlich ein Zahler.

Joe war damals erst sechs Jahre alt gewesen. Er hatte einige Zeit gebraucht, bis er begriff, dass er seine Eltern und seine Schwester niemals wiedersehen würde. Der Großvater hatte den Kontakt mit den Verwandten von Joes Mutter vermieden und tat es immer noch. Wie Joe später erfuhr, weil diese ihn wegen seiner Einstellungen ablehnten. Es hieß, er sei ein alter Nazi. Zu jener Zeit lebte Joes Großmutter schon lange nicht mehr. Er hatte sie nie zu Gesicht bekommen. Der Großvater versorgte ihn gut und erzog ihn, war jedoch kein emotionaler Mensch. Kinder ertragen viel, aber wann immer der kleine Joe traurig war, weil ihm die liebevolle Zuneigung seiner Eltern fehlte, saß er stundenlang drüben am See und ließ flache Steine– Plattler, wie sie genannt wurden– übers Wasser tanzen.