Tod in Deauville - James Holin - E-Book
  • Herausgeber: Dryas Verlag
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2017
Beschreibung

Im August herrscht in dem normannischen Badeort Deauville gelöste Stimmung: Das Filmfestival steht bevor, der malerische Küstenort erwartet Promis aus aller Welt. Plötzlich bricht Monsieur Bougival, der Buchhalter des Museums für zeitgenössische Kunst, während einer Vernissage zusammen und stirbt. Kommissar Serano, Frauenschwarm und leidenschaftlicher Surfer, ermittelt. An seine Seite gesellt sich die clevere Eglantine de Tournevire. Gemeinsam mit der blaublütigen Rechnungsprüferin merkt Serano schnell: Bougival war nicht nur in einer unglücklichen Ehe gefangen, sondern auch dunklen Machenschaften auf der Spur.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl:395

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Sammlungen



TOD IN DEAUVILLE

Ein Normandie-Krimi

von James Holin

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Impressum

Lesetipp

Kapitel 1

Der Auftrag

Pierre de Vos, der Vorsitzende des Rechnungshofs der Normandie, strahlte eine besonnene Autorität aus. Er hatte eine tiefe Stimme, die er mit Bedacht einsetzte. In seiner Art erinnerte er an die dumpfe Ruhe niederländischer Flusslandschaften.

Als Beamter des Rechnungshofs war er nun seit bereits drei Jahren für das Finanzgericht in Rouen zuständig. Dort waren zwanzig Beamte und ebenso viele Assisteten und Verwaltungsangestellte beschäftigt. De Vos kümmerte sich um die Überprüfung der Konten sowie der Verwaltung der Gebietskörperschaften und öffentlichen Einrichtungen der Region Basse et Haute Normandie.

Der Vorsitzende empfing in seinem Büro den Ersten Rat Jean-François Lacroix, einen kahlköpfigen Fünfzigjährigen, der Flanellhemden mit Strickpullis trug und dessen Augen hinter seiner Hornbrille funkelten.

»Monsieur Lacroix, Sie wissen, dass uns Hervé in wenigen Monaten verlässt, um in den wohlverdienten Ruhestand zu treten. Für das Amt des Vorsitzenden der ersten Sektion habe ich an Sie gedacht.«

Der Erste Rat Lacroix spürte Freude in sich emporsteigen. Insgeheim hatte er es seit Jahren auf diesen Posten abgesehen. Der Form halber wollte er aber nicht sofort zusagen und ließ sich mit seiner Antwort etwas Zeit. »Um ehrlich zu sein, Monsieur Vorsitzender, bin ich mit meiner derzeitigen Situation in der zweiten Sektion sehr zufrieden.«

»Lassen Sie sich nicht zu sehr bitten, Monsieur Erster Rat. Ich weiß, dass Sie ein Auge auf den Posten geworfen haben.«

Lacroix errötete. Er wollte das von sich weisen, aber seine innere Freude war einfach zu groß.

»Dann ist es abgemacht«, sagte de Vos.

Der Erste Rat konnte ein breites Grinsen nicht unterdrücken. Nach dem Start seiner Karriere im Finanzministerium war er über eine Ausschreibung zum regionalen Rechnungshof gekommen. Dort arbeitete er nun seit fünfzehn Jahren.

Der Vorsitzende fuhr fort: »Lacroix, ich möchte Sie bitten, noch eine kleinere Überprüfung vorzunehmen, bevor Sie Ihren Posten als Chef der Sektion antreten. Es geht um das Museum für zeitgenössische Bildende Kunst in Deauville. Ein etwas ungewöhnliches Freilichtmuseum.«

»Freilichtmuseum?«

»Ja, es ist eine Art Skulpturengarten. Die Werke werden in einem wunderschönen Park ausgestellt. Bei dieser Hitze könnte das ganz angenehm sein. Außerdem sind Deauville und seine Promenade sowieso angenehm bei der Hitzewelle.«

Der Erste Rat Lacroix mochte das Meer nicht. Er war ein eher häuslicher Typ, reiste so wenig wie möglich und arbeitete so oft, wie es sich einrichten ließ, von zu Hause aus. »Ah!«, sagte er.

»Diese Kontrolle ist Teil einer landesweiten Überprüfung der Verwaltung der Museen in Frankreich, die vom nationalen Rechnungshof veranlasst wurde. Zehn regionale Rechnungshöfe sind davon betroffen.«

Lacroix war wenig begeistert. Er hatte unglaublich viel mit der Kontrolle der Krankenhausgruppe in Le Havre zu tun. Nach der Ankündigung seiner baldigen Beförderung sah er jedoch keine Möglichkeit, das abzulehnen.

Der Vorsitzende de Vos machte eine Pause, legte einen Finger an sein Kinn und blickte zu einem Bild, auf dem rote Krebse auf einem silbernen Teller zu sehen waren. »Ich möchte gerne, dass Sie diese Kontrolle gemeinsam mit Églantine de Tournevire durchführen.«

Lacroix, der gerade noch seinen fehlenden Enthusiasmus für die Aufgabe hatte verbergen können, schaffte es jetzt nicht mehr, seine Reaktion auf den Namen seiner jungen Kollegin unter Kontrolle zu bekommen. Er wurde bleich.

Der Vorsitzende machte eine kurze Pause und genoss die Wirkung, die seine Ankündigung hatte.

»Kann ich das nicht allein machen?«, fragte Lacroix. »Das sollte doch eine recht einfache Kontrolle sein, oder?«

»Ja, natürlich könnten Sie es allein machen. Technisch ist das tatsächlich ganz einfach, aber ich hätte gerne, dass Sie es zu zweit durchführen. Die Direktorin des Museums, Isabelle Bokor, ist politisch sehr engagiert. Daher ist das Ganze eine heikle Angelegenheit.«

»Politisch engagiert?«

»Ja, sie ist Kandidatin für die Regionalwahlen auf der Liste des Bürgermeisters von Deauville, dem ehemaligen Staatssekretär für Wohnungswesen, Henri Koutousov.«

Also einigte man sich und das Gespräch endete mit einer kurzen Übersicht über die laufenden Projekte. Der Vorsitzende verabschiedete sich, denn er hatte einen Sitzungstermin.

Lacroix kehrte nachdenklich in sein Büro zurück. Auf dem Flur traf er Lothaire Baron. Der Mann aus Guadeloupe in seinem blauen Blazer mit Krawatte schob einen leeren Wagen vor sich her.

»Lothaire, haben Sie Madame de Tournevire gesehen?«

»Noch nicht«, sagte der oberste Gerichtsschreiber mit einem verschmitzten Lächeln. »Sie wissen doch, sie hat flexible Arbeitszeiten.«

»Ja, ich weiß«, erwiderte Lacroix verärgert und öffnete die Tür zu seinem Büro.

»Übrigens habe ich Ihnen die Papiere gebracht, um die Sie mich gebeten hatten.«

Lacroix sah ihn fragend an.

»Ja«, meinte Lothaire, »die vom Krankenhaus in Le Havre.«

»Es gibt noch mehr!«

»Ganze Kartons voll«, bestätigte Lothaire und setzte gemütlich seinen Weg in Richtung Aufzug fort. Das mit Deauville kam gerade wirklich ungelegen. Und dann noch gemeinsam mit Tournevire! Die junge Frau ärgerte ihn. Er war zwar ihrem Charme gegenüber nicht unempfänglich, aber sie ging ihm auf die Nerven. Ihre Lässigkeit, ihr exzentrisches Gehabe, ihre Brille, ihr großes Anwesen an der Seine, ihr Pferd, ihr roter Sportwagen … Außerdem – und das machte es nicht besser – gehörten sie nicht zur selben Verwaltungseinheit. Sie war Beamtin des nationalen Rechnungshofs, während er nur Beamter des regionalen Rechnungshofs war.

Jean-François Lacroix griff nach seinem Telefon. Sie ging nicht ran. Natürlich nicht.

Églantine de Tournevire öffnete ein Auge. Zehn Uhr. Sonne durchflutete ihr Schlafzimmer. Sie hatte keine Lust zu arbeiten, daher zwang sie sich auch nicht dazu. Die Arbeit für die Kammer erlaubte ihr diesen Luxus. Ihr Vertrag verpflichtete sie, die Berichte in der entsprechenden Qualität innerhalb der gesetzten Fristen abzugeben. Sie konnte nachts arbeiten, tagsüber, während ihrer Ferien oder am Wochenende, das ging den Vorsitzenden de Vos nichts an.

Sie stand auf, frühstückte und lief hinunter zum Pferdestall. Balzac, ihr Angloaraber, wieherte vor Freude, als er sie kommen sah. Die junge Frau liebte ihren Rotfuchs mit seinen drei weißen und dem einen rotbraunen Bein.

Mit seinem Maul suchte Balzac nach ihrer Hand und scharrte mit den Hufen. Sie sattelte ihn. Gemeinsam brachen sie zu einem Ritt in den Wald von Brotonne oberhalb der Seine auf.

Schritt, Trott, Galopp, Trott, Schritt. Die Reiterin ließ ihr Pferd, das so empfindlich war wie ein Formel-1-Wagen, im Schutz des Blätterdaches arbeiten. Nach einer Stunde dampfte es. Die Hitze half ihm leider nicht dabei, sich zu erholen.

Églantine streichelte Balzac über die Seite und ließ die Zügel locker. Mit geblähten Nüstern senkte der Rotfuchs den Kopf und holte Luft.

Sie ritten zurück zum Haus. Églantine wohnte auf dem großen Anwesen ihres Vaters im Dorf Aizier. Sie lebte hier allein, ihre Eltern waren nach Brasilien gezogen.

In dem kleinen, von Wald umgebenen Dorf, das in der vorletzten Biegung der Seine lag, nannte jeder das Anwesen nur »Schloss«. Was ein wenig übertrieben war, denn es handelte sich lediglich um ein Herrenhaus aus Backsteinen. Zwar war es nicht klein, aber es konnte sich weder mit Versailles noch mit Sanssouci messen. Zu dem Anwesen gehörten ein Pferdestall und ein kleiner Wald, der sich bis zu den Ufern der Seine hinzog. Der Blick auf den Fluss vom Haus aus war hinreißend.

Églantine wusch Balzacs Beine und Schultern, um ihn abzukühlen. Mit einem nassen Schwamm fuhr sie sorgfältig die Konturen seiner Augen und seiner Nüstern nach. Als sie über die weiße Zeichnung in Form eines Halbmondes auf seiner Stirn strich, hielt sie kurz inne. Danach striegelte und bürstete sie ihn und kümmerte sich um seine Hufe. Schließlich brachte sie ihr Pferd wieder zurück in seine Box. Es stürzte sofort zu seiner Futterkrippe und Églantine holte ihm einen Ballen Heu.

Frisch geduscht sonnte sich die junge Frau in einem klatschmohnfarbenen Sommerkleid am Rand ihres Swimmingpools und aß ein paar Kirschtomaten. Mit dem Blick folgte sie einem Frachtschiff unter der Flagge der Kaiman-Inseln, das aus Rouen kam und in Richtung Le Havre fuhr. Dank der ausgehobenen Fahrrinne konnten selbst große Schiffe bis zum Hafen von Grand-Couronne fahren. Seit sie ein kleines Kind gewesen war, sah sie ihnen nach und träumte von den exotischen Zielen, die sie ansteuerten.

Ihre Katze Skippy rieb ihren rotweißen Kopf an ihrem Fußknöchel. Églantine streichelte sie. Skippy machte einen Buckel und bewegte sich auf ihren leeren Napf zu. Seit einem Unfall in der Nähe des Hauses hatte das zweifarbige Tier nur noch drei Beine. Es hüpfte daher wie ein Känguru und sein wohlgenährter Bauch ließ es erst recht wie ein Beuteltier aussehen. Das gefräßige Tier futterte gerne für zwei und strengte sich so wenig an wie möglich.

Majestätisch floss die Seine dahin. Ihr Anblick entspannte Églantine. Das Fließen des Wassers war Balsam für ihr verwundetes Herz. Zwei Jahre war es nun her. Sie konnte sich zu nichts aufraffen und wollte niemanden mehr kennenlernen. Nach außen hin trat sie lächelnd, dynamisch und zupackend auf, aber im Inneren litt sie. Der Schock war zu brutal gewesen.

Ihr Mann Stephan hatte sie von einem Tag auf den anderen verlassen. Für eine andere. Eine geheime Affäre, die aber nicht lange geheim geblieben war. Es war eine Blonde mit einem lächerlichen Vornamen gewesen, die in der gleichen Kanzlei wie Stephan arbeitete. Églantine hatte nicht damit gerechnet, hatte auch die Anzeichen nicht bemerkt. Sie verstand nicht, was an dieser Frau besser war als an ihr. Die Blonde war, so fand Églantine, ganz objektiv gesehen weniger hübsch und weniger intelligent.

Die Scheidung hatte Églantine in eine tiefe Depression gestürzt. Um dagegen anzukämpfen, hatte sie um ihre Versetzung zum regionalen Rechnungshof nach Rouen gebeten. Weg von Paris und in der Nähe von Balzac erholte sie sich langsam in der Natur.

Plötzlich riss ein Gedanke die junge Frau aus ihren bittersüßen Erinnerungen. Sie musste morgen ihren Bericht über den Verband des regionalen Komitees für Tourismus der Haute Normandie abgeben. Dieser war fertig, aber sie wollte ihn noch ein letztes Mal durchlesen, denn der Vorsitzende war sehr genau, was Rechtschreibung betraf. Also ging sie in ihr Zimmer.

Aber der verflixte USB-Stick war unauffindbar. Weder war er in ihrem Büro noch in ihrer Handtasche oder in ihrem Portemonnaie. Sie würde zum Rechnungshof fahren müssen, um ihn zu holen. Daher stieg sie in ihr rotes Cabrio. Der Morgan war das Lieblingsauto ihres Vaters. Und weil er seiner Tochter keinen Wunsch abschlagen konnte, hatte er ihr natürlich erlaubt, ihn zu fahren. Aber nur, wenn sie sich an die Geschwindigkeitsvorgaben hielt. Das wiederum war etwas, was der jungen Staatsdienerin schwerfiel.

Die fünfzig Kilometer nach Rouen hatte Églantine schnell zurückgelegt. Sie parkte ihren Sportwagen im Parkhaus in der Nähe der Rue Bouquet, dem Sitz des Justizministeriums, und stieg die vier Stufen zum Eingangsportal empor, das mit einer Steinfratze verziert war, die aussah, als wollte sie hineingelassen werden.

Églantines Büro befand sich im dritten Stock des Gebäudes aus grauem Marmor.

»Guten Tag, Lothaire«, rief sie dem obersten Gerichtsschreiber zu, der gerade die Post verteilte.

»Guten Tag, Mademoiselle. Übrigens, Monsieur Lacroix sucht Sie. Er möchte …« Lothaire konnte seinen Satz nicht beenden, denn Églantine war schon in ihrem Büro verschwunden.

Der verflixte USB-Stick lag auf einem Stapel Briefe. Ihr Telefon klingelte. Sie wühlte in ihrer Handtasche, um danach zu suchen. Auf dem Display wurde Jean-François Lacroix als Anrufer angezeigt. Sie hob ab.

»Guten Tag, Jean-François … Die Prüfung des Museums für zeitgenössische Bildende Kunst in Deauville … Ja, ich erinnere mich, der Vorsitzende hatte davon gesprochen. Im Club … in fünf Minuten … kein Problem … bis gleich.«

Seit fünfzehn Minuten wartete Lacroix im Club. Tournevire war immer noch nicht da. Er hatte in einem Sessel Platz genommen, trank Tee und las in der Le Monde. Etwas abseits saß der Staatsanwalt hinter einer Satirezeitschrift und strich sich über den Bart. Er trug einen altmodischen Dreiteiler mit einer roten Schleife im Knopfloch. Ihm gegenüber saß ein Praktikant von der ENA, der Hochschule für Verwaltung, der ebenfalls eine Zeitung, die Bulletin quotidien, durchblätterte, die über die aktuellen Veränderungen in der obersten Verwaltungsebene berichtete.

Églantine kam herein. Genau richtig, denn Lacroix leerte eben seine zweite Tasse. Die Leinensandalen mit Keilabsatz machten die ein Meter achtzig große Frau gleich noch mal gute fünf Zentimeter größer. Der in die Jahre gekommene Staatsanwalt senkte, als er sie kommen sah, ganz unschuldig seine Zeitung und verschlang über die Lesebrille hinweg seine junge Kollegin mit den Augen.

Églantine grüßte ihre Kollegen, dann kam sie zu Lacroix. Rasch stand der Erste Rat auf und begrüßte sie ungeschickt. Dann erkundigte er sich, was sie trinken wolle, und bat sie, sich zu setzen.

Diese Frau sah umwerfend aus und war unglaublich kultiviert, was ihn immer wieder aus der Fassung brachte. Ihr grauer, intensiver, fast schon inquisitorischer Blick wurde durch ihre großen, weit auseinanderstehenden Augen etwas abgemildert. Das Lächeln, das sie zur Schau stellte, war meist großzügig, aber auch ein wenig ironisch. Ihre kräftige, warme Stimme war leicht gebrochen und ihren schwarzen, kurz geschnittenen Haaren entkamen immer einige rebellische Strähnen.

Während der Erste Rat davoneilte – seine englischen Schuhe quietschten auf dem Parkett –, setzte sich Églantine auf die Polsterbank und schlug ihre langen Beine übereinander. Dabei fing sie den interessierten Blick des Staatsanwalts auf. Ertappt vertiefte sich dieser wieder in die kleinen Intrigen in seiner Zeitung.

Unterdessen kam Lacroix mit einer Teekanne und zwei Tassen zurück. »Églantine, ich möchte mit Ihnen über die anstehende Überprüfung sprechen.«

»Ja, die hatte ich völlig vergessen!« Sie tauchte ihren Teebeutel in ihre Tasse. »Haben Sie Zucker mitgebracht?«

»Nein, Entschuldigung, bitte warten Sie …«

»Machen Sie sich keine Umstände, ich gehe selbst«, erwiderte sie und kam kurze Zeit später mit zwei Zuckertütchen zurück. Eines davon reichte sie Lacroix.

»Nein, danke, ich nehme keinen.«

»Hören Sie, Jean-François, ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber man hat mir diese zusätzliche Überprüfung aufgedrückt, obwohl ich bis über beide Ohren in Arbeit stecke. Deshalb würde ich es gerne rasch hinter mich bringen. Vor allem weil die Summen, um die es geht, lächerlich gering sind und es bisher keine Probleme gab.«

»Ich sehe das genauso, Églantine. Ich selbst bin gerade mit der Überprüfung der Krankenhauskette in Le Havre beschäftigt und muss bald die von Dieppe übernehmen. Aber wir können es nicht verschieben. Die Überprüfung findet im Rahmen einer allgemeinen Untersuchung des nationalen Rechnungshofs statt.«

»Die gehen einem wirklich auf die Nerven mit ihren allgemeinen Untersuchungen!«, meinte Tournevire. »Als ob wir nicht genug zu tun hätten.«

Lacroix, der vorsichtig war, wenn es um die Chefetage des Finanzministeriums in der Rue Cambon ging, zeigte keine Regung. »Ich schlage vor, dass wir Mitte nächster Woche nach Deauville fahren. Dort bleiben wir dann ein paar Tage.«

»Ist der Vorsitzende über die Überprüfung informiert?«, fragte Églantine.

»Ja, er weiß Bescheid. Wir müssen nur noch dem Museum unsere Ankunft ankündigen.«

»Welchen rechtlichen Status hat das Museum denn?«

Lacroix zögerte kurz. »Eine öffentliche Einrichtung zur kulturellen Zusammenarbeit.«

»Also ein Sonderstatus! Soweit ich mich erinnere, muss es in dem Fall einen Buchhalter geben. Das macht die Sache einfacher. Alle Rechnungsbücher sind dann vor Ort und wir müssen uns nicht an die Finanzverwaltung wenden.«

»Ja, das stimmt«, antwortete Lacroix, den das Fachwissen seiner jungen Kollegin beeindruckte. »Der Buchhalter heißt Jean-Guy Bougival und die Museumsdirektorin ist eine gewisse Madame Bokor.«

»Den Namen habe ich noch nie gehört!«

»Eine Mitarbeiterin des Kultusministeriums.«

»Hat sie an der ENA studiert?«

»Nein, sie wurde intern befördert und gilt als ein Schützling des Bürgermeisters Henri Koutousov. Madame Bokor war Teil seines Kabinetts, als er Staatssekretär für Wohnungswesen war. Sie ist die Nummer zwei auf seiner Liste für die nächsten Regionalwahlen.«

»Gut zu wissen.«

»Ja, ich werde sie anrufen und sie über unser Kommen informieren. Anfang nächster Woche, ist das in Ordnung?«

»Perfekt. Ich werde mit dem Auto hinfahren. Möchten Sie mitkommen?«

»Das ist sehr nett von Ihnen, aber ich nehme den Zug«, antwortete Lacroix, der Autos nicht mochte, vor allem keine Sportwagen und Cabrios.

»Was das Hotel angeht, so würde ich mir ein Zimmer im Hotel Manoir de Benerville nehmen. Dort ist es wunderschön.«

»Mal sehen«, sagte Lacroix, der vermutete, dass der luxuriöse Geschmack seiner Kollegen sich nicht mit der Bemessungsgrundlage der Spesen für den Auftrag des Rechnungshofes deckte. »Am einfachsten wird es sein, wenn jeder für sich reserviert.«

Die beiden Beamten verabredeten sich also für den nächsten Montag direkt in Deauville.

Kapitel 2

Ankunft in Deauville

Églantine de Tournevire verließ Aizier gegen einundzwanzig Uhr, aber nicht ohne vorher Balzac noch einmal umarmt und Skippys Napf aufgefüllt zu haben. Es war immer noch sehr warm, die Hitzewelle ließ nicht nach. Sie hatte Duval, den Gärtner und Mann für alles im Haus, darum gebeten, das Pferd jeden Tag auszuführen und darauf zu achten, dass es genug trank.

Es waren fast fünfundzwanzig Grad und kein erfrischendes Lüftchen regte sich. Die junge Frau saß am Steuer ihres Morgan in Richtung Deauville. Sie raste die Bundesstraße hinunter, die im Schutze der Bäume an der Seine entlangführte. Als sie durch Vieux-Port kam, grüßte sie mit einem kurzen Hupen ihre britischen Freunde Roy und Linda, die vor ihrem reetgedeckten Häuschen saßen. Unterdessen versank die Sonne in einem Ozean aus Rosa.

Auf der Autobahn angelangt, beschleunigte sie den Wagen und vergaß das Versprechen, das sie ihrem Vater gegeben hatte. Sie hatte zwar schon die Hälfte der maximalen Punktzahl auf ihrem Führerschein erreicht, aber Églantine liebte die Geschwindigkeit. Die wunderbare rote Karosserie des Morgan durchschnitt die von der Sonne gelb gefärbten Felder. Die junge Frau trug einen anthrazitfarbenen Wickelrock, eine weit geöffnete Jeansbluse, aus der die Spitze ihres BHs hervorlugte, und Ohrringe in der Form von Margeriten. Ihre Leinenschuhe mit Plateausohle drückten das Gaspedal herunter. Sie war müde und wollte sich vor dem morgigen Treffen noch etwas entspannen. Blitzer waren ihr in diesem Moment egal!

Sie erreichte Deauville um einundzwanzig Uhr dreißig. Fünfundsechzig Kilometer in einer halben Stunde! Nicht schlecht. Bestimmt würde sie irgendwann versuchen, auch diesen Rekord zu brechen.

Das Hotel Manoir de Benerville befand sich im Westen der Stadt auf der Anhöhe des Mont Canisy. Um es zu erreichen, muss man durch die engen Gassen von Mare-à-Touques den Golf entlangfahren. Die von Bäumen umsäumte Straße führte mitten durch ein Viertel mit schönen Fachwerkhäusern. Mächtige Pinien hoben sich vom blauen Horizont ab.

Das Hotel war bereits zu sehen. Das große, grauweiße Fachwerk-Herrenhaus im anglonormannischen Stil mit rotem Ziegeldach thronte majestätisch in seinem Garten, der sich hoch über dem Meer erstreckte.

Églantine liebte diesen Ort. Sie war oft mit ihren Eltern hier gewesen, später dann mit Stephan. Abgesehen davon lag das Hotel direkt neben dem Museum.

Als sie ausstieg, kam ihr die Hotelbesitzerin entgegen. »Églantine, wie geht es Ihnen? Wie schön, Sie wiederzusehen.«

»Guten Abend, Frau Beaumont. Mir geht es gut, und Ihnen? Ich freue mich wirklich, hier zu sein.«

»Das letzte Mal, als wir uns gesehen haben, waren Sie mit …«

Ein Schatten huschte über Églantines Gesicht.

»Tut mir leid«, entschuldigte sich die Hotelbesitzerin. »Ich habe von Ihrer Scheidung gehört. Das war wirklich taktlos von mir.«

»Das macht nichts. Es ist jetzt zwei Jahre her.«

»Kommen Sie, Églantine, ich bringe Sie zu Ihrem Zimmer. Ich habe das Connemara für Sie vorbereiten lassen, das Lieblingszimmer Ihrer Eltern.«

Das große, in Pastelltönen eingerichtete Zimmer strahlte eine tiefe Ruhe aus. Außerdem bot es einen wunderbaren Blick auf den Garten. Églantine öffnete das Fenster. Obwohl es schon spät war, war die Luft noch warm. Grillen zirpten. Die Blumen und Sträucher im Garten waren eben gegossen worden. Der Geruch von Feuchtigkeit stieg auf und die Erde dampfte wie der Hals eines Pferdes. Sie blieb einige Zeit am Fenster stehen und betrachtete den Garten im goldenen Licht der untergehenden Sonne.

Dann legte sie sich auf das Bett. Morgen würde sie Lacroix vor dem Rathaus von Deauville treffen. Sie würden direkt zum Park »Des Enclos« fahren, dem Sitz des Museums. So sparte sich der Erste Rat, der sich nur ungern von seinem Geld trennte, das Taxi.

Trotz seiner Knausrigkeit schätzte Églantine Jean-François. Er war etwas Besonderes. Einer von der alten Schule, aber mit einem ironischen und nüchternen Einschlag. Mit Komplexen, weil er nicht auf der ENA gewesen war. Aber auf jeden Fall bemerkenswert professionell, mit gutem Gespür und viel Erfahrung. Ein Beamter, der die Kunst der Überprüfung meisterhaft beherrschte.

Lacroix nahm am Nachmittag den Zug vom Bahnhof Rouen-Rive-Droite nach Lisieux. Der Regionalexpress war beinahe leer. Er zückte sein Notizbuch und erstellte eine Liste mit Punkten, die bei der Überprüfung zu beachten waren.

Ein Mann stieg ein, vermutlich älter als siebzig, mit Adlernase, einem halb geschlossenen und einem offenen Auge, aber wachem Blick und mit fast unsichtbaren Lippen, die leicht ironisch lächelten. Trotz der Hitze trug er einen Hut mit breiter Krempe, einen Schal mit Tartanmuster und einen zerknitterten Gummimantel. Er hielt eine Plastiktüte in der Hand. »Ist das der Zug nach Lisieux?«

»Ja«, antwortete der Erste Rat.

»Ah, fantastisch!«, sagte der Unbekannte und setzte sich. »Ich hatte schon befürchtet, ihn verpasst zu haben. Auf dem Bahnsteig ist niemand, den man fragen kann. Früher gab es dort immer jemanden von der Bahn.« Der Mann stellte seine Tasche in den Fußbereich und nahm dem Ersten Rat so Platz weg.

Der Zug setzte sich in Bewegung.

»Das stört Sie doch nicht?«, fragte der Mann, wobei er auf seine Tasche blickte. »Ich habe sie lieber bei meinen Füßen.«

»Nein, nein!«, antwortete Lacroix, der seinen linken Fuß angehoben hatte, um die Tasche etwas zur Seite zu schieben.

»Gehen Sie zur Basilika Sainte-Thérèse?«

Lacroix blickte den Mann fragend an. »Nein, weshalb?«

Der lächelte. »Sie erinnern mich an einen Priester«, murmelte er, während er ein kariertes Taschentuch hervorzog und es auf sein Gesicht legte.

Lacroix stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Doch es stank. Das Taschentuch verbreitete einen durchdringenden, medizinischen Geruch.

»Das ist japanische Pfefferminze. Das befreit die Nebenhöhlen und hilft bei Kopfschmerzen. Möchten Sie es versuchen?«, sagte der Mann und wedelte mit seinem Taschentuch vor Lacroixs Nase.

»Nein, danke«, sagte der Erste Rat. »Das ist sehr nett von Ihnen.«

»Ich vergesse es nie. Ich habe es immer dabei.« Er legte das Taschentuch wieder über seine Nase. »Es gibt nur zwei Dinge, von denen ich mich niemals trenne: mein Pfefferminz-Taschentuch und meine Jeanstasche.«

»Ihre Jeanstasche?«

»Ja, sehen Sie«, sagte er und zog aus seiner Regenjacke die hintere Tasche einer Jeans, die mit einer Schere herausgetrennt worden war. »Sie stammt aus dem Jahr 1950. Mit ihr bin ich schon überall gewesen.« Der Mann holte nun auch sein Portemonnaie hervor. Daraus zog er einige Schwarz-Weiß-Fotos und hielt sie Lacroix unter die Nase. »Sehen Sie, da, das bin ich 1955. Damals hatte ich noch mehr Haare. Ich war zu der Zeit in Köln. Und da bin ich das Jahr drauf in Rom. Sie sehen die Jeans. Da, das bin ich mit Mama in Orléans.«

»Ich sehe es.« Lacroix nickte.

Der Mann steckte seine Fotos und seine Jeanstasche wieder ein und Lacroix griff erneut nach seinem Notizbuch.

»Sie haben eine kleine, gerade und runde Schrift, Sie sind wohl ein ganz guter Kerl. Jemand, der ehrlich ist. Allerdings hat man Mühe, Ihre Schrift zu lesen.«

»Sind sie Graphologe?«, fragte Lacroix.

»Nein! Aber ich habe schon viele Schriften gesehen. Ich war jahrelang Professor. Jetzt bin ich im Ruhestand. Wer seine eigene Schrift nicht lesen kann, ist ein Dummkopf«, verkündete er plötzlich und brach in hämisches Gekicher aus.

Der Erste Rat war pikiert und wusste nicht, was er davon halten sollte.

Der Mann fuhr fort: »Ich war Professor für Kunstgeschichte und habe an der Hochschule des Louvre und an der Sorbonne unterrichtet.«

»Wie meine Cousine«, sagte Lacroix.

»Sie haben eine Cousine, die Professorin für Kunstgeschichte ist?«, fragte der Mann, wobei sich seine Augenbrauen beinahe in der Mitte trafen und das Kinn einen Ruck nach oben machte.

»Professorin für Geografie, aber sie unterrichtet auch an der Sorbonne.«

»Frauen haben keine Ahnung von Geografie.«

»Ah!«

»Um Geografie zu verstehen, muss man ein Mann sein.«

»Ah!«

»Frauen können nicht im Stehen pinkeln.«

»Wie bitte?«

Der Professor sprach laut. Die Hälfte des Wagens hörte ihm zu. Lacroix war verwirrt.

»Man muss auf einen Sandhaufen pinkeln können, um zu sehen, wie sich Reliefs formen. Wenn man das nicht kann, ist es unmöglich zu verstehen. Darum sind Frauen in Geografie schlecht. Abgesehen davon ist heutzutage sowieso jeder darin schlecht. Die Leute wissen nichts mehr. Sie haben jedes Grundwissen verloren. Daran ist nur das Internet schuld. Das ist so ein Blödsinn, das Internet. Das hilft nur, wenn man weiß, was man sucht, sonst … Ich weiß mehr als jeder Geografie-Dozent, auch wenn es nicht mein Fachgebiet ist. Dazu eine Frage: Aus welchem Département kommen Sie?«

»Ich bin in Eure geboren«, sagte Lacroix.

»Gut, und welches ist der höchste Punkt des Départements?«

Lacroix dachte nach.

»Nun?«

»Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht«, gestand der Erste Rat.

»Eben! Genau das habe ich gemeint! Zweihundertfünfundvierzig Meter, Saint-Antonin-de-Sommaire«, rief der Professor aus.

Lacroix wäre am liebsten im Erdboden versunken. Alle Blicke waren jetzt auf ihn und den Mann gerichtet. Er versuchte sich wieder in sein Notizbuch zu vertiefen, doch der Professor ließ nicht mehr locker.

»Sie sind mir sympathisch. Ich rezitiere Ihnen daher jetzt ein paar Verse von Rimbaud.«

Lacroix hatte keine Möglichkeit, dieses Angebot abzulehnen, denn der Mann trug bereits unter den Blicken der verwirrten Reisenden die ersten zwei Verse des Gedichts »Das Gestohlene Herz« vor.

»Mon triste cœur bave à la poupe … Mon cœur est plein de caporal! Ils y lancent des jets de soupe. Mon triste cœur bave à la poupe … »Am Heck mein trübes Herz muss speien, Mein Herz mit Knaster zugedeckt: Dort schmeißen sie es mit ihren Breien, Am Heck mein trübes Herz muss speien.«

»Bravo«, sagte Lacroix, der glücklich war, dass der Professor endlich aufhörte. »Wissen Sie, dass Rimbaud dieses Gedicht geschrieben hat, als er der Pariser Kommune beigetreten war und er sich …«

Der Professor blickte auf seine Uhr.

»Es tut mir leid, aber ich muss mich jetzt etwas ausruhen. Ich bin müde.« Wenige Minuten später schnarchte er bereits.

Der Erste Rat widmete sich wieder seinem Notizbuch, während ihm die blonde Frau mit Dutt in der Nachbarreihe ein mitfühlendes Lächeln schenkte.

Als sie in Lisieux ankamen, erwachte der Professor ganz plötzlich. »Fahren Sie nach Deauville?«

»Ja«, antwortete Lacroix.

»Ah, sehr gut, dann kommen Sie.« Der Mann griff nach seiner Plastiktüte, setzte seinen Hut auf und band sich seinen Schal um. Rasch lief er den Gang hinunter, wobei er sich mit dem Ellbogen einen Weg bahnte, um als Erster aussteigen zu können. Lacroix folgte ihm mehr schlecht als recht, wobei er den angerempelten Mitreisenden ein entschuldigendes Lächeln zuwarf.

»Schneller, schneller«, sagte der Mann, »wir werden ihn verpassen!«

»Aber nicht doch«, rief Lacroix aus. »Wir haben genug Zeit. Der Zug geht um vierzig nach.«

»Fünfunddreißig. Der Regionalexpress Nummer 52481 fährt ab Lisieux um sechzehn Uhr fünfunddreißig.«

»Schlimmstenfalls nehmen wir den nächsten Zug«, rief Lacroix verärgert aus und verließ nach dem Professor den Zug.

»Der Intercity 3383 fährt um siebzehn Uhr achtundzwanzig. Das ist zu spät für mich. Los, machen Sie schnell und hören Sie auf zu diskutieren!«

Die beiden Männer eilten zum Gleis, von dem der Regionalexpress nach Deauville in Kürze abfuhr. Der Professor ließ sich im ersten Wagen nieder.

Außer Atem nahm Lacroix ihm gegenüber Platz. »Sind Sie Deauvilloiser?«, fragte er.

»Deauvillaiser, nicht Deauvilloiser.«

Lacroix errötete ertappt. »Entschuldigung, ich wusste nicht …«

»Nein, ich bin aus Vienne«, sagte der Professor. »Und welcher Landkreis ist das?«

»Limoges!«, antwortete der Erste Rat, der sich immer noch ärgerte, dass er den höchsten Punkt des Départements Eure nicht gekannt hatte.

»Bravo! Ich habe eine kleine Wohnung in Deauville. Ich fahre dorthin, um mich zu erholen. Die Meeresluft tut mir gut. Und Sie, was wollen Sie in Deauville?«

»Ich muss eine öffentliche Einrichtung überprüfen«, verkündete Lacroix stolz.

»Na so was auch! Welche denn?«

»Das Museum für zeitgenössische Bildende Kunst.«

»Sieh mal einer an! Ich bin auch bald dort, und zwar zur Einweihung einer Statue. Schund, den der Vater des Bürgermeisters geschaffen hat. Ein Jockey aus Bronze, glaube ich. Der Bürgermeister hat mich eingeladen. Ich will da eigentlich gar nicht hin, aber es gibt dort ein Buffet, das heißt, das ist ein Essen weniger, das ich mir selbst kochen muss.« Der Professor suchte in seiner Tasche nach dem Taschentuch mit Pfefferminzgeruch und legte es sich übers Gesicht. Durch die Luft zog wieder der beißende, medizinische Geruch.

Schließlich kamen sie in Deauville an. Bei der Einfahrt in den Bahnhof wurde der Zug langsamer.

Der Professor sprang auf und zog sich rasch an. »Einen Guten Tag noch«, sagte er. »Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt in Deauville. Ich muss mich beeilen. Heute Abend esse ich im Restaurant Dauphin. Die haben Miesmuscheln in Sahnesoße – ein Gedicht, sage ich Ihnen!«

»Ich habe Sie nicht einmal nach Ihrem Namen gefragt«, stellte Lacroix fest.

»Wozu wäre das gut?«

Lacroix war perplex. Der Professor war wirklich unmöglich.

»Aber Sie scheinen ein guter Kerl zu sein, daher sage ich ihn Ihnen trotzdem. Philippe Chambray mit einem y. So, ich muss los!« Er eilte davon, ohne Lacroix nach seinem Namen gefragt zu haben.

Helligkeit umfing den Beamten, als er den Bahnhof verließ. Der Himmel hatte einen perfekten Blauton. Fast schon so sanft wie am Mittelmeer. Es war warm. Dieser September war wirklich ungewöhnlich. Der heißeste September seit fünfzig Jahren. Lacroix ging den Quai de la Marine hinunter und dann den Boulevard Eugène-Cornuche entlang. Er erreichte das Meer, setzte sich auf die Terrasse eines Lokals und bestellte ein Perrier. Trotz der Uhrzeit war viel los am Strand. Die weißen Badehäuschen glänzten in der Sonne. Die grünen und blauen Sonnenschirme waren geöffnet. Viele Badende planschten im klaren Wasser.

Kapitel 3

Das Treffen vor der Überprüfung

Es war zwar erst neun Uhr, aber am Place Morny versprach der Tag bereits jetzt, heiß zu werden. Der Erste Rat trank einen Darjeeling und wartete auf seine junge Kollegin. Sie war wie üblich zu spät. Da er das schon geahnt hatte, las er, um sich die Zeit zu vertreiben.

Plötzlich hörte er den Motor ihres Autos. Alle Gäste des Cafés sahen hinüber zu dem Sportwagen. Églantine parkte im Halteverbot direkt vor dem Café. Lacroix, inzwischen so rot wie das Auto selbst, wusste nicht, wo er hinsehen sollte.

»Guten Tag, Jean-François«, sagte sie zu ihm, als sie vor ihm stand. »Haben Sie gut geschlafen? Bestellen Sie mir bitte einen Kaffee und ein Croissant, ja? Ich gehe mir eine Zeitung kaufen.«

Bevor er antworten konnte, ließ Tournevire ihn stehen. Sie trug eine Jeans, deren Saum ihre zarten Fußknöchel umspielte. Den taillierten Blazer hatte sie sich über die Schultern gelegt und darunter trug sie eine helle Rüschenbluse. Die Ärmel waren aufgeknöpft und am Handgelenk befand sich eine Männeruhr, eine Ray-Ban Aviator. Dieses Outfit passte nicht zu den Kleidungsgewohnheiten im Rechnungshof, dort bevorzugte man eher graue Kostüme.

Die Kellnerin brachte das Gewünschte. Églantine, die inzwischen wieder zurück war, reichte ihrem Kollegen die erste Seite ihrer Zeitung. »Jean-François, sehen Sie sich das an!«

»Was ist das?«

»Die Zeitung Paris Normandie.«

»Ja, ich weiß!«

»Lesen Sie das!«

Lacroix spürte einen Anflug von Stress. Hier bahnte sich etwas nicht Vorgesehenes an. Er mochte weder Unbekanntes noch ließ er sich gern überraschen. Hastig las er vor: »Der Vorsitzende des Regionalrats der Basse-Normandie, Paul Brachenville, wurde wegen Steuerhinterziehung verurteilt.«

»Ja, haben Sie das gesehen!«, meinte Églantine. »Er wurde zu zwei Jahren verurteilt, eines davon auf Bewährung. Sein Anwalt will Berufung einlegen.«

»Der Regionalrat hat mit ihm offensichtlich eine schlechte Wahl getroffen.«

»Das denke ich auch«, bekräftigte Tournevire, während sie sich Zucker in ihren Kaffee schüttete.

»Hier, haben Sie das gesehen, Églantine?«, fragte Lacroix und hielt jetzt seinerseits seiner Kollegin die Tageszeitung hin.

»Was denn?«

»Sehen Sie da, unten, in der rechten Ecke. Dort steht etwas über das Museum.«

»Ah, ja!«

»Morgen findet die Einweihung der Statue des Jockeys im Park ›Des Enclos‹ statt. Die Statue wurde vom Vater des Bürgermeisters von Deauville geschaffen.«

»Der Vater war Bildhauer?«, fragte Églantine und tauchte eine Spitze ihres Croissants in den dampfenden Kaffee. »Möchten Sie die andere?«

»Die andere was?«

»Hälfte … vom Croissant. Aufwachen, Monsieur Erster Rat! Ich weiß, dass Sie nicht an der ENA waren, aber trotzdem.«

Was für eine Unverschämtheit, dachte Lacroix. Sie ist wirklich unmöglich.

Während die junge Frau kaute, fiel ihr Blick auf das Buch auf dem Tisch. »Sie lesen?«

Der Erste Rat versteifte sich. »Ja, ich war zwar nicht auf der ENA, aber lesen kann ich.«

»Seien Sie doch nicht immer gleich eingeschnappt! Welches Buch ist es denn?«

»Ein Roman von Mircea Eliade.«

»Welcher?«

»Der verbotene Wald.«

»Ah, die spirituelle Suche eines jungen Mannes. Ich habe ihn auch gelesen. Zeigen Sie mal.« Églantine griff nach dem Buch und öffnete es. »Aber das ist ja völlig unverständlich! Was für eine Sprache ist das denn?«

»In diesem Fall seine …«

»Ich dachte, er hätte auf Französisch geschrieben?«

»Er war mehrsprachig. Französisch, Englisch, Italienisch, aber dieser Roman wurde auf Rumänisch geschrieben.«

»Sie können Rumänisch lesen?«

»Meine Mutter ist Rumänin.«

»Aha?«

»Ja, sie ist Dolmetscherin am Berufungsgericht in Caen.«

»Das haben Sie mir verschwiegen, Monsieur Erster Rat. Und Ihr Vater, woher kam er?«

Lacroix brach das Thema ab, er wollte nicht zu viel über Privates reden. Églantine gingen die Details seines Familienlebens nichts an.

»Mademoiselle de Tournevire, wenn man Sie danach fragt, sagen Sie einfach, Sie wüssten es nicht.«

»Charmant!«

Die beiden tranken ihren Kaffee und stiegen in den Morgan. Die fünf Kilometer bis zu dem Anwesen »Des Enclos«, das früher »Calouste-Gulbenkian« genannt worden war, waren rasch zurückgelegt.

Der armenische Milliardär Calouste-Gulbenkian, der sein Vermögen mit Erdöl gemacht hatte, hatte dieses etwa dreißig Hektar große Gebiet im Jahre 1937 gekauft. Von dem Landschaftsarchitekten Achille Duchêne hatte er sich einen wunderschönen, bewaldeten Park anlegen lassen. Er liebte es, beim Nachdenken durch seine Alleen zu spazieren. Im Park waren Laub- und Nadelbäume gepflanzt worden und man hatte von dort einen großartigen Blick auf das Meer und die umliegenden Felder. Inzwischen hatte die Stadt Deauville ihn geerbt. Jahrelange hatte die Gemeinde den Park gepflegt und ihn nur im Sommer geöffnet.

Vor sechs Jahren war dem Park jedoch eine völlig neue Aufgabe zugedacht worden. Der Bürgermeister von Deauville, Henri Koutousov, wollte das Potenzial dieses magischen Orts nutzen und hatte beschlossen, hier ein Freilichtmuseum für zeitgenössische Bildhauerei zu gründen. Es war ihm gelungen, den Staat, die Region und das Département davon zu überzeugen, sich an dem Projekt zu beteiligen. Etwa dreißig Skulpturen aus Frankreich und der ganzen Welt waren dem Park überlassen oder für ihn gekauft worden, um sie im Garten entlang der verschlungenen Wege von etwa einem Kilometer Länge auszustellen.

Ein modernes zweistöckiges Gebäude, das in der Nähe des Eingangs zum Park errichtet worden war, beherbergte das Museumsfoyer, einen Ausstellungsraum, Büros für die Verwaltung und die Wohnung der Direktorin.

Églantine parkte ihren Morgan auf dem Besucherparkplatz. Das neue Gebäude des Museums aus Sichtbeton, das sich trotzdem harmonisch in die Landschaft einfügte, erhob sich zwischen den Blättern.

Die zwei Beamten betraten das Foyer. Sonnenlicht durchflutete die Halle. Eine schwarze, abstrakte Skulptur, die leicht schief auf einem Steinsockel stand, fiel ihnen als Erstes ins Auge. Eine majestätische, gebogene Treppe führte hinauf ins obere Stockwerk.

Die Empfangsdame, eine langgliedrige junge Frau in schwarzem Blazer und mit einem blonden Pferdeschwanz, kam hinter dem Tresen hervor, um sie zu begrüßen. »Mademoiselle de Tournevire und Monsieur Lacroix, nehme ich an?«

»Ja«, antwortete Églantine.

»Herzlich willkommen im Museum. Madame Bokor, die Direktorin, erwartet Sie. Ich bringen Sie zu ihrem Büro.« Die Empfangsdame ging in Richtung der Treppe. Lacroix warf einen raschen Blick auf die wohlgeformten Fesseln der jungen Frau.

»Was ist das für eine Statue?«, fragte Églantine, während sie nach oben gingen.

»Eine Skulptur von Alicia Penalba, das ›Totem‹. Es ist eine Miniatur-Replik des Originals, das im Garten steht. Gefällt sie Ihnen?«

»Ja, sehr.«

»Die Direktorin kann Ihnen sicher mehr dazu erzählen als ich«, sagte die Empfangsdame, während sie den Flur im oberen Stock betraten. Dort öffnete sie die Tür zu einem Vorzimmer. »Die Sekretärin ist nicht da. Wir gehen also direkt zum Büro der Direktorin.«

Weiter hinten im Raum befand sich eine schwere, gepolsterte Tür. Die Empfangsdame näherte sich ihr und klopfte.

Nach einigen langen Sekunden des Wartens antwortete eine befehlsgewohnte Stimme: »Kommen Sie herein!«

Vorsichtig öffnete die Empfangsdame die Tür. Sonne durchflutete den Raum über eine riesige Fensterfront. Das Meer schien in den azurblauen Horizont zu fließen. Vom Schreibtisch aus schwarzem Lack und Leder, der links im Zimmer aufgestellt war, konnte man das ganze Panorama betrachten.

»Frau Direktorin«, sagte die Empfangsdame, »die Beamten des regionalen Rechnungshofs sind hier.«

Die Direktorin antwortete nicht. Die Empfangsdame ging hinaus und schloss leise die Tür hinter sich.

Madame Bokor saß in einem der vier LC2-Sessel von Le Corbusier, die einen Teil ihres imposanten Büros möblierten. Ihre Haut war kupferfarben, sie hatte große, brennende Augen und volle Lippen. Ihre langen Haare, die schwarz wie Tinte waren, waren mit einer Elfenbeinnadel zu einem Dutt zusammengesteckt. Einige Strähnen umspielten ihre Wangen. Sie trug einen bronzefarbenen Anzug, eine schwarze, mit großen Sonnen verzierte Stola und einen Skarabäus aus Gold als Brosche. Schweigend sah sie die Neuankömmlinge an. »Herzlich willkommen!«, sagte sie schließlich und stand auf. Sie reichte den beiden Beamten die Hand und sah ihnen dabei in die Augen.

»Guten Tag, Madame Bokor«, sagte Lacroix, der froh war, dass die beklemmende Stille endlich gebrochen war.

Églantine fiel ein großes, schwarzblaues Gemälde an der Wand auf. »Ein sehr schöner Soulages«, sagte sie.

»Ja«, bestätigte die Direktorin stolz. »Er ist großartig. Ich liebe die Lichtreflexe in den Reliefs.« Sie fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Ich liebe die Bilder seiner Outrenoir-Phase.«

Églantine zuckte zusammen. »Wenn ich aber anmerken darf: Dieses Bild wurde früher gemalt.«

Madame Bokor verengte ihre großen schwarzen Augen zu Schlitzen. Man hatte sie korrigiert. Das gefiel ihr gar nicht! »Ich hatte nie gesagt, dass dieses Bild aus seiner Outrenoir-Phase sei! Aber wie ich feststelle, kennen Sie sich wohl ein wenig aus.«

»Ja, und nicht allzu schlecht«, sagte Églantine, der wiederum der Ton von Madame Bokor nicht gefiel.

Es klopfte an der Tür.

Die Empfangsdame kam erneut herein und stellte ein Tablett mit Tassen auf den Tisch.

»Stéphanie«, ordnete Madame Bokor an, »sagen Sie Jean-Guy Bougival, dass er dazukommen soll.«

»Sofort, Madame Direktorin.«

Isabelle Bokor reichte erst Lacroix, dann Tournevire eine Tasse. »Ich habe den Brief mit der Information bezüglich der Überprüfung von Ihrem Vorsitzenden erhalten, Monsieur … ich weiß leider seinen Namen nicht mehr.«

»De Vos«, fügte Lacroix hinzu.

»Ja, de Vos. Ich hätte es vorgezogen, wenn diese Überprüfung später stattgefunden hätte. Das Museum gibt es erst seit wenigen Jahren. Mir ist die Relevanz einer Überprüfung nach so kurzer Zeit nicht ganz klar.«

Lacroix atmete Madame Bokors wunderbares Parfüm tief ein. Dieser Geruch nach Edelhölzern und orientalischer Rose umfing ihn. Seine Gedanken schweiften ab.

»Ihr Vorsitzender«, fuhr die Direktorin fort, »hat mir gesagt, dass die Anweisung zu dieser Überprüfung aus Paris kam.«

»Ja«, sagte Églantine, »sie ist Teil einer umfassenderen Untersuchung.«

»Das ändert nichts an meiner Einschätzung. Ich finde es weiterhin verfrüht. Trotzdem erhalten Sie natürlich jede notwendige Unterstützung. Haben Sie Fragen, bevor Sie beginnen?«

Églantine stellte ihre Kaffeetasse ab. »Madame Direktorin, könnten Sie mir kurz Ihre berufliche Laufbahn schildern? Sie sind jemand, über den man nicht viel weiß.«

»Ist das falsch?«, fragte die Direktorin frostig.

Die Frage blieb im Raum stehen. Lacroix hüstelte verlegen.

Églantines schiefergrauer Blick verdüsterte sich. »Überhaupt nicht. Wir würden Sie nur einfach gern kennenlernen, das ist alles.«

Zwischen den beiden Frauen war die Spannung spürbar, beinahe schon greifbar. Eine Mischung aus Rivalität und Respekt. Schließlich wandte sich die Direktorin mit einem breiten Lächeln an Tournevire. »Nun gut, wenn Sie mich kennenlernen wollen … Nach meiner Kindheit auf Guadeloupe kam ich nach Paris, um zu studieren. Ich startete meine Karriere bei den regionalen Behörden und wurde Mitarbeitern im Kultusministerium. Danach wurde ich Verwaltungsangestellte. Sie sehen, nichts Außergewöhnliches.«

»Aber nicht doch«, korrigierte sie Églantine, »Sie waren Teil des Kabinetts von Henri Koutousov, dem Bürgermeister von Deauville, als er Staatssekretär für Wohnungswesen war.«

»Das stimmt. Ich stehe auch für die nächsten Regionalwahlen als Kandidatin auf der Liste.«

Wieder herrschte Schweigen. Die Direktorin hatte wohl keine Lust, noch mehr zu erzählen. Also ergriff Églantine wieder das Wort: »Vielen Dank, Madame Bokor. Dann werden wir Ihnen jetzt das Vorgehen während der Überprüfung erläutern.« Sie warf Jean-François einen Blick zu. Als Leiter der Unternehmung war dies seine Aufgabe. Aber er schien abgelenkt zu sein. Er war offensichtlich von Madame Bokor fasziniert, von ihren getragenen Gesten, ihrem intensiven Blick, ihrem süßen Parfüm und der Farbe ihrer Haut.

Wieder klopfte es an der Tür. Auch dieses Mal wartete der Besucher vor der Tür geduldig auf die Erlaubnis der Direktorin.

Ein blondes Kerlchen, das allen Blicken auswich, mit einem prallen Bauch, einer zurückgesetzten Brust und dem Charisma einer Miesmuschel trat ein. Er erinnerte an ein fettes Meerschweinchen mit kurzen Haaren, unter denen sein rosafarbenes Fleisch schwitzte. »Guten Tag, Madame Direktorin«, murmelte der Mann mit Fistelstimme.

»Guten Tag, Jean-Guy. Darf ich Ihnen die beiden Beamten des regionalen Rechnungshofs vorstellen, die mit der Überprüfung beauftragt wurden? Monsieur Jean-François Lacroix und Mademoiselle … Oh, bitte entschuldigen Sie, ich habe Ihren Namen vergessen.«

»De Tournevire«, erwiderte Églantine verärgert.

»Ach ja, bitte entschuldigen Sie«, wiederholte die Direktorin und musterte sie mit ihrem durchdringenden Blick.

Der Mann begrüßte sie mit einem flüchtigen Händedruck.

Die Direktorin stand auf. Auf der Außenseite ihres Fußknöchels hatte sie ein unauffälliges Tattoo. Eine Schlange in einer Sonne, einfach, stilisiert, schwarz. Wie ein Siegel.

»Ich überlasse Sie Jean-Guy, unserem Buchhalter. Mit ihm können Sie den Ablauf der Überprüfung besprechen. Es tut mir leid, aber ich muss leider gehen. Wir organisieren morgen früh einen Empfang für die Einweihung einer Statue. Ich muss sichergehen, dass alles vorbereitet ist. Jean-Guy, könnten Sie bitte mit unseren Gästen in den Meetingraum gehen?«

»Ja, Madame Direktorin. Sofort«, antwortete Bougival mit dem eingeschüchterten Gesichtsausdruck von jemandem, der gerade die Arme hebt, um sich zu schützen.

»Sprechen Sie von der Statue des Jockeys?«, erkundigte sich Lacroix.

Églantine schloss sich mit einer weiteren Frage an: »Könnten wir bei der Einweihung dabei sein?«

Madame Bokor begleitete die beiden zur Tür ihres Büros. »Wenn Sie möchten, setze ich Sie gerne auf die Gästeliste«, sagte sie, bevor sie die Tür mit einem kalten Lächeln hinter ihnen wieder schloss.

Was für eine Angeberin, dachte Églantine, als sie den Flur entlangliefen.

Lacroix hingegen schien das anders zu sehen, denn er war dem Charme von Madame Bokor erlegen. Die Direktorin gefiel ihm ausnehmend gut.

Jean-Guy bat sie, ihm in den Meetingraum zu folgen. Wenig später kam die Prokuristin des Museums, Madame Perrier, dazu.

Die beiden Beamten erläuterten den Ablauf der Überprüfung. Sie baten um ein vorübergehendes Büro und überreichten einen allgemeinen Fragebogen, der auszufüllen war. Was die zu sichtenden Unterlagen anging, so hatte das Zeit bis zu ihrem ersten Arbeitstag vor Ort. Das sollte dann der Tag nach der Einweihungsfeier sein, so legten sie es fest.

Die Direktorin war unterdessen im Park und besprach mit dem Gärtner, an welchem Ort die Feier stattfinden sollte. Die Statue des Jockeys war bereits aufgestellt worden, aber noch mit einem weißen Tuch bedeckt.

Die Stelle des Gärtners war schon immer sehr begehrt gewesen. Der Vorgänger hatte sie vierzig Jahre lang ausgefüllt. Er hätte dort sicher auch noch bis zu seiner Pensionierung gearbeitet, wenn er nicht zwei Monate nach der Ankunft Madame Bokors plötzlich einen Schlaganfall bekommen hätte. Die Ärzte hatten von einem außerordentlich plötzlichen Tod gesprochen. Aber er war auch schon sehr alt gewesen, weshalb niemand die Umstände hinterfragt hatte. Auf die Schnelle war jemand Neues für den Posten gefunden worden, Kevin Portern. Er hatte zwar keine Erfahrung auf diesem Gebiet, war aber sehr gehorsam.

»Nun, Kevin, ich hoffe, jetzt ist für morgen alles vorbereitet.«

»Ja, Madame Direktorin, es ist alles bereit«, antwortete der junge Mann mit gesenktem Kopf und auf den Boden gerichtetem Blick.

»Es ist wichtig, dass alles genau so abläuft wie geplant.«

»Es wird keine Probleme geben, das versichere ich Ihnen, Madame Direktorin.«

»Ich hoffe es, Kevin, ich hoffe es.« Madame Bokor strich ihrem Gärtner mit der Hand über die schlecht gekämmten Haare.

Kevin zuckte zusammen.

»Keine Angst«, sagte sie.

Als die beiden Beamten mittags aufbrachen, blickte ihnen Madame Bokor nach. Sie waren hier nicht willkommen.

Kapitel 4

Die Einweihung

Am nächsten Tag fanden sich am späten Morgen zur Einweihung der Statue des Jockeys zweihundert Gäste in dem Garten des Museums ein. Die lokale Crème de la Crème der Côte fleurie waren der Einladung der Direktorin gefolgt.

Der Bürgermeister von Deauville, Henri Koutousov, galt als sympathischer Kumpeltyp, auch wenn er weder Kumpel noch sympathisch war. Der Sohn ukrainischer Einwanderer hatte ein Vermögen als Schönheitschirurg verdient. Er besaß eine Klinik in Deauville, eine weitere in Houlgate und noch eine in Saint-Cloud.

Der Chirurg mittleren Alters war in Caen geboren und hatte sich auf Brustimplantate spezialisiert. Daher kannte er jede Art von Prothese, er konnte ihre medizinischen Namen unter der Dusche, beim Golfspielen oder im Schlaf aufsagen. Seine geringe Größe bot ihm außerdem eine hervorragende Aussicht auf eine Menge Dekolletés. Wenn er einen Ausschnitt sah, konnte er sofort die Maße seiner Besitzerin bestimmen und die passendste Lösung festlegen: Größe und Form der Körbchen, Implantation auf oder unter dem Muskel, Implantat aus Silikon oder Kochsalz. Diese Fähigkeit in Verbindung mit dem Ruf, grob und ignorant zu sein, hatte ihm den Spitznamen »Mammodidakt« eingebracht.

Koutousov war kaum angekommen, da schüttelte er bereits Hände. Braun gebrannt mit weißem Blazer, weißem Hemd und Seidenhalstuch wirkte sein Lächeln ein wenig verkrampft. Er schritt rasch voran, seine üppige, schwarze Haarpracht war nach hinten an den Kopf geklatscht.

Inmitten einer Gruppe, in der auch Tournevire und Lacroix standen, drehte er sich wie ein Kreisel um sich selbst und bedankte sich bei jedem der Anwesenden mit seinem Raubtierlächeln.

»Guten Tag, Monsieur Bürgermeister. Bertrand Friville«, sagte ein dicker Mann mit einer bunten Tüte lächelnd.

»Sind Sie mit dem Abgeordneten Friville verwandt?«, fragte der Bürgermeister.

»Nein, aber ich habe einen Cousin im Département Ardèche, der …« Der Mann konnte seinen Satz nicht beenden, Koutousov war schon zur nächsten Person weitergegangen.

»Bernadette Chapuis, ich bin …«

»Aber nicht doch, ich kenne Sie doch, meine liebe Bernadette, Sie müssen sich nicht vorstellen. Sie sind die Ehefrau von des Vorsitzenden Chapuis. Wie geht es ihm? Ist sein Golf-Handicap immer noch so hoch? Ich muss mal wieder eine Runde mit ihm spielen.«

»Er ist gestorben«, antwortete die Frau.

»Oh! Herzliches Beileid! Wann denn?«

»Vor zehn Jahren.«

»Ach, doch schon!«, sagte Koutousov. »Die Zeit vergeht so schnell.«

Der Bürgermeister wandte sich einer sehr mageren blonden Frau zu. Er hätte ihre Waden mit nur einer Hand umfassen können. Sie trug ein zartrosa Kleid und ein Perlencollier. Ihre riesigen blauen Augen dominierten ihr makelloses Gesicht.

»Meine liebe Madame Bougival, wie geht es Ihnen?«

»Sehr gut, Herr Bürgermeister.«

»Und Ihrem Gatten, Jean-Guy?«

»Viel Arbeit, aber es geht.«

Der Bürgermeister stand jetzt vor Jean-François Lacroix.

»Guten Tag, Monsieur Bürgermeister, ich bin Jean-François Lacroix, Beamter des regionalen Rechnungshofs von Rouen.«

Koutousov sah ihn ernst an. »Wenn Sie wegen des Haushalts der Stadt kommen, der wurde bereits geprüft. Ihre Kollegen waren vor einem Jahr hier. War alles tipptopp.«

»Nein, wir kommen wegen des Museums.«

Koutousov fand sein Lächeln wieder. Er wies mit der Hand auf die Frau in dem rosafarbenen Kleid. »Was für ein Zufall, hier ist die Ehefrau des Buchhalters des Museums, Madame Hortense Bougival.«

Lacroix und Hortense Bougival tauschten unter Églantines amüsiertem Blick ein Lächeln aus.