Beschreibung

Ein Moskauer Milliardärsehepaar, das sich in ein Dorf in der Nähe von Kitzbühel zurückgezogen hat, verschwindet über Nacht spurlos. Kriminalhauptkommissar und BND-Agent Michael Schröck wird mit den Nachforschungen beauftragt. Vor Ort erweist sich der Fall als internationale Affäre um den Ausbau einer neuen russischen Erdgaspipeline. Doch selbst als es mehrere Tote in der Bergidylle gibt, trifft Schröck bei den Bewohnern des Ortes nur auf eine eisige Wand des Schweigens...

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Seitenzahl: 309

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Edwin Haberfellner wurde 1957 im oberösterreichischen Steyr geboren. Nach langjähriger Tätigkeit im Krankenhaus und einem Jura- und Datentechnikstudium ist er heute Beamter und Autor.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: fotolia.com/bofotolux Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, LeckISBN 978-3-86358-396-5 Originalausgabe

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A bisserl a Lieb

und a bisserl a Treu

und a bisserl a Falschheit

ist allweil dabei.

Volkstümliches Scherz- und Spottlied

Prolog

Die Stehlampe verbreitete gerade so viel Licht, wie sie brauchte, um sich ihren Weg zwischen der voluminösen Sitzgarnitur zur Balkontür zu bahnen, wo sie den Vorhang zur Seite schob. Unten im Dorf schimmerten die Lichter, sie blinkten, als würde ihr jemand Zeichen geben. Und zwischen den Lichtern das durchsichtige Bild einer Frau, gehüllt in ein Satinnachthemd, das Gesicht von der Nacht schwarz umrahmt, weich gezeichnet vom Glas, bleich vor Gewissheit. Sie drehte sich um, warf einen Blick auf den geschmacklosen dunkelbraunen Globus, der aufklappbar war und als Bar diente, und überlegte, ob sie etwas trinken sollte. Doch sie verwarf den Gedanken sofort wieder. Sie wollte nichts mitnehmen, wenn sie ging, auch nicht seinen teuren Fusel. Er sei kein schlechter Mensch, hatte sie ihren Eltern weismachen wollen. Anfangs hatten sie ihr widersprochen, waren aber mit den Jahren müde geworden und hatten sie nur noch stumm angesehen, wenn sie ihnen stolz seine Geschenke gezeigt und von seinen Geschäften erzählt hatte. Woher hätten ihre Eltern auch wissen können, wie es draußen in der Welt zuging? Sie waren nie weg gewesen, nie fort von zu Hause.

Sie war stolz auf das schöne Haus gewesen, auf die tollen Kleider, den Wagen, das Ansehen, das sie als die Baumeistersgattin im Dorf genoss, und auch darauf, wie man sie behandelte, wenn sie in Fünf-Sterne-Häusern abstiegen. Menschen können Geld wittern, es macht sie freundlich, unterwürfig und zugänglich, aber nicht zu Freunden. Sie strich über die weiche Seide, über ihre Hüften, ihre festen Brüste. Nichts war echt, nicht einmal die. Die OP hatte schweineweh getan. Sie sah ihr Spiegelbild lächeln. Es war kein frohes Lächeln, mehr eine Grimasse. Ein immer wieder geprobtes Lippenverziehen, geübt vor dem Spiegel, jedoch nicht, um ein Gefühl auszudrücken, sondern um bei ihrem Gegenüber eine Reaktion auszulösen. Jetzt gab es kein Gegenüber mehr, nur noch sie, und sie wusste schon lange nicht mehr, wer sie wirklich war. Sie legte den Hebel um, die Glastür glitt sanft zur Seite, und augenblicklich drang der Gesang der zirpenden Grillen an ihr Ohr. Von den Feldern stieg kühler Dunst auf. Alles fühlte sich so friedlich an. Sie spürte die Bretter des Balkons unter ihren nackten Füßen und musste lachen. Auch nicht echt. Keine Holzbalken, sondern nur ein Gemisch aus Holzstaub und Kunststoff, das in eine Form gepresst worden war, gefärbt, seiner Ecken und Kanten beraubt, spanlos, um nicht Gefahr zu laufen, sich zu verletzen. Die Bretter waren genauso bedeutungslos wie sie. Ein stilgerechtes Accessoire, auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden vom Echten, vom Natürlichen, immer neu und glänzend, aber auch immer seelenlos. Zu spät hatte sie erkannt, dass unter ihrem Silikon und der Maske, die man ihr antrainiert hatte zu tragen, doch noch etwas anderes schlummerte. Etwas, das schon seit langer Zeit an die Oberfläche drängte, und sich nur wie ein eingesperrtes Tier besänftigen ließ, indem man ihm einen Leckerbissen vorwarf. Sie lehnte sich an die Brüstung, atmete tief durch, sog die Nachtluft ein. Und selbst jetzt, so dachte sie, war es nicht ihr eigener, persönlicher Atem, sondern jener der Frau aus der Stadt, die ihr vor langer Zeit Yoga beigebracht hatte.

»Man muss auf dem Boden bleiben«, hatte ihr Vater immer gesagt, wenn es ein gutes Jahr gewesen war und die Ernte nicht vom Hagel, der Trockenheit oder von den Weizenspekulanten verdorben worden war. Sie hatte schon lange den Boden unter den Füßen verloren. Natürlich, es wäre möglich, alles zu vergessen, sich ins Auto zu setzen, in die Stadt zu fahren, sich schöne Kleider und Schuhe zu kaufen und weiterhin alles zu verdrängen. Aber was dann? So weitermachen wie bisher? Warten, bis ihr Gewissen verstummte, sich einreden, dass nicht sie es war, die über diese schrecklichen Dinge Bescheid wusste, die geschehen waren? Es würde nicht funktionieren. Wenn sie ihn ansah, war alles wieder da, was sie hatte miterleben müssen. Es war zu spät, sie konnte nicht mehr davonlaufen, alles hinter sich lassen und irgendwo von vorn anfangen. Es würde sie ihr Leben lang verfolgen.

1

Am Anfang war die schmale Dorfstraße noch geteert, führte an Scheunen und unansehnlichen Betonbunkern mit verblassten Firmenaufschriften vorbei, aber schon nach einer halben Stunde zügigen Gehens verwandelte sie sich in einen ausgewaschenen Schotterweg. Seit er das alte Haus seiner Großeltern übernommen hatte, war Schröck noch nie so weit aus Schönbergmoos hinausgewandert. Eigentlich hatte er sich nur ein wenig die Beine vertreten wollen. Seit fast fünf Wochen saß er nun schon sozusagen auf der Wartebank, die Wochenendausflüge mit Silvia waren die einzige Abwechslung gewesen. Sie hatten Spaziergänge gemacht und kleine Landgasthöfe in der Umgebung besucht, aber am Montagmorgen war sie immer wieder zurück nach München ins Institut gefahren, und so mussten sie sich unter der Woche mit abendlichen Telefonaten begnügen. Im Kommissariat konnte er sich nicht blicken lassen, denn offiziell litt er an einem Burn-out-Syndrom, war somit krankgemeldet und befand sich der Meinung seiner Kollegen nach in einem Sanatorium im Norden. Inoffiziell arbeitete er für den Bundesnachrichtendienst, und trotzdem brachte ihn die Langeweile fast um. Klaus Heinrich, sein Führungsoffizier und Freund seit den Tagen ihrer gemeinsamen Polizeiausbildung, hatte versprochen, sich bald zu melden und Schröck die Details seines neuen Auftrags zukommen zu lassen. Das war vor zwei Wochen gewesen. Seither Funkstille. Selbst sein Ausgleichssport, das Wäschebügeln, machte keinen Spaß mehr, außerdem war nichts mehr da, was er mit seiner neuen Dampfstation, die er sich geleistet hatte, hätte bügeln können. Seine Haushälterin Liba betrachtete sein Hobby schon lange mit Argwohn. »Ein richtiger Mann bügelt nicht«, tadelte sie ihn, wann immer sie ihn am Bügelbrett sah. Aber Schröck bestand darauf, die Arbeit selbst zu machen. Wenn er mit dem Eisen über den zerknitterten Stoff fuhr und dieser anschließend glatt war wie ein Babypopo, verspürte er eine unerklärliche Befriedigung. Zudem half ihm Bügeln beim Nachdenken. Dann arbeiteten seine Hände wie von selbst, und sein Geist war frei, um seine Gedanken zu ordnen. Nicht selten hatte er beim Bügeln die besten Einfälle und so schon manchen kniffligen Fall gelöst. Nur jetzt gab es einfach nichts zu lösen. Langsam fühlte er sich wirklich krank, nein, besser noch, er fühlte sich wie ein Rentenanwärter, der auf den Pensionsbescheid wartete.

Mittlerweile war es dunkel geworden, und selbst die allgegenwärtigen Geräusche der Landmaschinen und das Vogelgezwitscher waren verstummt. Schröck ging schneller und erreichte nach einer Weile das Haus. Er schloss die Eingangstür auf und ließ den Kater, der draußen zu ihm gestoßen war, an ihm vorbei in den Flur schlüpfen. Als er rief, ob jemand zu Hause sei, erhielt er keine Antwort. Liba schien nicht da zu sein. Seine Haushälterin Libuša hatte noch Schröcks Großeltern gekannt. Sie kümmerte sich seit ein paar Jahren um Haus und Garten, kochte und wusch für ihn und versorgte ihn nicht zuletzt mit guten Ratschlägen und Weisheiten aus ihrer tschechischen Heimat, die sie vor über fünfzig Jahren der Liebe wegen verlassen hatte.

Das große rot-weiß getigerte Tier kratzte an der Tür zur Wohnküche. Eines Tages war der Kater einfach da gewesen, war ins Wohnzimmer marschiert, hatte es sich nach kurzer Prüfung auf Schröcks Lehnstuhl bequem gemacht und betrachtete das Haus seitdem als sein Revier. Schröck hatte sich nie Gedanken über einen Rufnamen für ihn gemacht. Er nannte ihn Kater, und Liba wählte den Namen des selbstbewussten Eindringlings je nach Laune. Mal war er zlatanek, der Goldschatz, dann wieder ein čert, ein Teufel. Schröck ließ den Kater mit einem Schulterzucken passieren. Das Tier lief sofort zum Kühlschrank und versuchte, durch bloßes Anstarren die Tür zu öffnen. Als das Telefon klingelte, zuckte es zusammen und verkroch sich hinter dem Mülleimer, wohl wissend, dass es in nächster Zeit keine menschliche Hilfe beim Lösen seines Nahrungsproblems zu erwarten hatte.

Schröck meldete sich wie immer mit einem einfachen Ja, und als am anderen Ende Klaus Heinrich grüßte, ließ er sich mit einem erleichterten Seufzer aufs Sofa fallen und rückte ein Polster zurecht, so als wartete er nicht auf einen neuen Auftrag, sondern auf den Anpfiff eines spannenden Fußballspiels im Fernsehen.

»Ich habe dir bei unserem letzten Telefonat ja schon angekündigt, dass du diesmal ein wenig weiter wegfahren musst, aber daraus wird nichts«, sagte Klaus Heinrich.

»Aber wenn ich hier noch länger herumsitze, drehe ich bald durch«, brummte Schröck enttäuscht.

»Musst du nicht, denn ich brauche dich hier. Besser gesagt bei den Nachbarn.«

»Was gibt’s denn diesmal?« Schröcks Laune hatte sich schlagartig gebessert.

»Eine Anfrage von den Russen. Wir sollen jemanden finden.«

»Ich dachte, wir mögen die Russen nicht besonders?«

»Es geht nicht darum, wen wir mögen oder nicht«, sagte Heinrich leise, und Schröck registrierte mit Befriedigung den geknickten Unterton in seiner Stimme. Heinrich hatte also auch schon den Punkt erreicht, an dem man sich nicht mehr anmaßte, zwischen Gut und Böse oder Freund und Feind klare Grenzen zu ziehen. »Du sollst ja nur Nachforschungen anstellen und niemanden umbringen.«

Schröck setzte sich auf und schob das Polster zur Seite.

»Trotzdem würde ich gern wissen, warum wir für die Russen arbeiten«, blieb Schröck stur.

»Es ist zwar keinesfalls üblich, dass ein Mitarbeiter danach fragt, und meistens kenne ich auch nicht die genauen Hintergründe der Aufträge, aber in diesem Fall ist es vielleicht tatsächlich ganz gut, wenn du Bescheid weißt. Es geht um zwei Personen, beide sind per Du mit einem gewissen Herrn im Kreml.«

Überrascht holte Schröck tief Luft, ließ sich aber Heinrich gegenüber nichts anmerken. »Du bist heute ziemlich gesprächig für eine Plauderei über das öffentliche Telefonnetz.«

»Das ist in diesem Fall egal, es sind ohnehin schon alle Vereine informiert. Unsere Freunde jenseits des Großen Teiches sind genauso wie wir und die Russen daran interessiert, dass unsere Zielpersonen wieder auftauchen.«

»Okay, und warum gerade ich?«

»Weil du dir als Ermittler der alten Schule im Gegensatz zu den jungen Leuten deine Unkonventionalität bewahrt hast. Geh einfach vor wie immer, Michael, wir verlassen uns da ganz auf dich. Alles, was du brauchst, bringt dir morgen der Paketdienst. Sieh ja zu, dass du zu Hause bist, sonst musst du noch nach München in die Zustellzentrale fahren, und wenn dich da jemand von deinen früheren Kollegen sieht, hast du erheblichen Erklärungsbedarf.«

Nachdem Heinrich aufgelegt hatte, zündete sich Schröck eine Zigarette an und blies Rauchkringel in die Luft. Im Kommissariat hatten sie ihn deswegen immer bewundert, aber dann war leider das allgemeine Rauchverbot verhängt worden. Welcher Teufel hatte ihn nur geritten, Heinrichs Angebot anzunehmen und als Agent für den BND zu arbeiten? Er dämpfte die Zigarette schnell wieder aus. Sein Magen knurrte, bis auf das Brötchen am Morgen hatte er heute noch nichts gegessen. Mal sehen, was Liba Gutes vorbereitet hatte.

Wie auf Befehl erhob sich Kater und nahm erwartungsvoll wieder seinen Platz vor dem Kühlschrank ein, aber Schröck öffnete stattdessen die Backröhre. Er hegte die Hoffnung, einen köstlichen Braten vorzufinden, aber das Rohr war leer. Dann also doch im Kühlschrank nachschauen. Kater reckte sich.

»Jetzt beruhige dich mal wieder, da ist auch nichts für uns drinnen«, sagte Schröck, nachdem er einen Blick in die gähnende Leere geworfen hatte, und Kater machte sich enttäuscht davon. Als Schröck die Kühlschranktür wieder zumachte, fiel sein Blick auf einen kleinen gelben Zettel, der am Boden lag. Darauf Libas Schrift. Er hob ihn auf.

Mache mit Kurt einen Ausflug, komme morgen putzen. Gehen Sie rüber zum Wagner Wirt, der soll frische Pfifferlinge haben. Für meinen zlatanek habe ich Leber gekauft. Ist in einer Frischhaltedose im untersten Fach im Kühlschrank. Gruß, Liba.

»An dich hat sie also gedacht, du bist versorgt!«, rief Schröck in Richtung Arbeitszimmer Kater zu. Er selbst war hingegen auch essenstechnisch auf sich allein gestellt. Wieder einmal.

2

Schröck hatte keine gute Nacht gehabt. Er war Libas Rat gefolgt und hatte in der Wirtschaft nebenan gegessen. Zu Hause war er nach drei Gläsern halbtrockenem Kabinettwein und Schweinefilets mit Pfifferlingen und Rahmsoße müde ins Bett gefallen, hatte noch eine Viertelstunde mit Silvia telefoniert, ihr erzählt, dass er in den nächsten Tagen wegfahren müsse, was angesichts des nahenden Wochenendes keine rechte Begeisterung bei ihr hervorgerufen hatte. Gleich darauf war er eingeschlafen und kurz nach acht Uhr morgens mit entsetzlichem Sodbrennen aufgewacht. Der Kaffee zum Frühstück hatte nichts daran geändert, sondern es eher noch verschlimmert. Erst nach einem Briefchen Soda ließ das Brennen langsam nach.

Wer ist eigentlich Kurt?, überlegte Schröck, während er darauf wartete, dass das steinharte Brötchen, das einsam in der Brotdose gelegen hatte, in der Mikrowelle wieder weich wurde. Liba hatte ihn bisher nie erwähnt. Oder vielleicht doch? Nachdem er ein wenig Butter auf das heiße Brötchen geschmiert und die Zeitung vom Türabstreifer aufgehoben hatte, setzte er sich wieder an den Küchentisch und blätterte missmutig kauend die Seiten durch. Eine Massenkarambolage auf der A 96, der FC Bayern hatte wieder mal gewonnen, ein Eifersuchtsmord, die Welt wartete gespannt auf die Niederkunft eines Filmsternchens, und die Wirtschaft wollte sich trotz anderslautender Fernsehberichte noch immer nicht erholen. Kopfschüttelnd legte Schröck die Zeitung zur Seite und stellte sich auf einen langweiligen Vormittag ein. Um halb elf, er war gerade aus der Dusche gekommen und dabei, sich abzutrocknen, läutete es an der Tür. Er schlang sich das Badehandtuch um die Hüften und öffnete. Draußen stand eine blonde Frau, ein Käppi auf dem Kopf und das DHL-Logo auf der Jacke, und starrte ihn überrascht an.

»Ich komme gerade erst aus der Dusche, mir ging es heute Morgen nicht so gut«, entschuldigte sich Schröck.

Die Zustellerin überwand ihre Überraschung schnell. Zweifelnd wiegte sie den Kopf hin und her und hielt ihm wortlos den Lieferschein und das Gerät zum Quittieren hin. Schröck versuchte, seinen Namen halbwegs leserlich auf das Display zu schreiben, was ihm nicht gelang, bekam im Gegenzug aber trotzdem eine Pappschachtel ausgehändigt und schloss schnell wieder die Tür.

In der Küche nahm er das Päckchen genauer unter die Lupe. Als Absender war ein Online-Herrenmoden-Versand angegeben. Schröck schnitt mit einem Küchenmesser das Klebeband auf und zog in Plastik verschweißte bunt gemusterte Bermudashorts heraus, Größe sechsundfünfzig, wie sich später herausstellen sollte, für ihn also nicht zu gebrauchen. Am Bund baumelten verschiedene Zettel mit Waschhinweisen und ein Briefchen. Er öffnete es und schüttelte zwei Ersatzknöpfe und eine Mikro-SD-Speicherkarte heraus.

Ein paar Minuten später saß er vor dem Laptop am Küchentisch, hatte Heinrichs Dateien bereits geöffnet und studierte aufmerksam die durchnummerierten Dokumente. Eines enthielt den Lebenslauf der verschwundenen Personen mit je einem Foto von ihnen, ein anderes die Beschreibung und Adresse des letzten Aufenthaltsortes, Anweisungen, was im Falle des Auffindens der Zielpersonen zu tun sei, und zwei Handynummern, über die Schröck mit der TA, der technischen Aufklärung, und der TE, zuständig für internationalen Terrorismus und internationale organisierte Kriminalität, bei Bedarf Verbindung aufnehmen konnte.

Zuerst klickte er das Bild des Mannes an. Er war blond, um die dreißig – das genaue Alter stand bestimmt in dem Dossier, das er noch öffnen musste – und blickte selbstbewusst in die Kamera. Er hatte ein Allerweltsgesicht mit ausgeprägten Wangenknochen und großen dunklen Augen. Das zweite Bild zeigte eine Frau, etwa gleichaltrig und ebenfalls blond. Sie hatte ein weiches, natürliches Gesicht, war durchaus hübsch und lächelte fast herzlich. Schröck öffnete das Dokument mit den Daten der beiden. Nikolai Fomin, achtunddreißig, geboren in einem kleinen Dorf in der Nähe von Minsk. Er war 1990, ein Jahr vor der Auflösung der UdSSR, von seinem Vater, der in Moskau lebte und in der alten Funktionärsriege etabliert war, in die russische Hauptstadt geholt worden. Über die Mutter war nichts Näheres bekannt, außer dass sie in Belarus geblieben war. Fomin hatte in Moskau Ingenieurwesen studiert und mit Hilfe seines Vaters durch geschickte Transaktionen und Investitionen in Firmen, die Ölbohranlagen herstellten, ein geschätztes Vermögen von dreizehn Komma fünf Milliarden Euro gemacht. »Über dreizehn Milliarden Euro«, murmelte Schröck und schüttelte ungläubig den Kopf.

Fomins Frau Lara war studierte Diplom-Volkswirtin und stammte aus einem Dorf in der Umgebung von Dubna. Die beiden hatten sich während des Studiums kennengelernt und bis vor zwei Jahren im Moskauer Nobelviertel Odintsowski gelebt. Keine Kinder. Dann hatten sie plötzlich all ihren Besitz verkauft und waren nach Österreich gezogen.

Schröck scrollte im Dokument nach unten. Wohin nach Österreich? Während er die Zeilen überflog, öffnete sich die Tür. Er wandte sich um. »Liba?«

»Ich wollte nur schnell nach Ihnen sehen, ob es Ihnen auch gut geht. Es geht Ihnen doch gut, oder?«

Schröck antwortete nicht sofort, weil er noch völlig im Banne der Erscheinung stand, die mit einem Mal das Zimmer erstrahlen ließ und von einer dichten süßlichen Parfumwolke umgeben wurde.

»Oder?«, hakte sie nach.

»Ja, danke. Aber Sie, was ist denn mit Ihnen passiert?«

Liba fasste Schröcks entgeisterten Gesichtsausdruck sogleich als Kompliment auf und drehte sich leichtfüßig wie ein junges Mädchen einmal im Kreis, sodass ihr weißer Chiffonrock sich aufbauschte. »Ich war mit Kurt in der Stadt, und danach waren wir essen«, flötete sie.

»Wer ist eigentlich Kurt?« Schröck starrte seine Haushälterin ungläubig an. Wer auch immer dieser Kurt war, er hatte Liba dazu bewogen, sich die Augenlider bläulich zu schminken, eine dicke Schicht Make-up aufzutragen und ihre Lippen in eine hellrote Alarmblinkanlage zu verwandeln. Marilyn lebte also doch! Auch Libas Alter ähnelte dem des Filmstars, wäre er denn noch am Leben.

Liba lächelte ein hinreißendes Lächeln. »Kurt ist mein neuer Freund.«

»Gratuliere.«

»Ach, Herr Hauptkommissar, er ist ja so nett und galant. Und er hat ein Auto.«

Schröck nickte. »Na dann …« Eine neunundsechzigjährige verliebte Haushälterin hatte ihm zu seinem Glück gerade noch gefehlt.

»Wir wollen nächste Woche an den Gardasee fahren.«

»Und wer kümmert sich dann hier um alles?«

»Die paar Tage werden Sie doch auch ohne mich schaffen.«

»Ich sicher, weil ich nicht da sein werde, aber der Garten und vor allem Kater, wer soll ihn denn füttern?«

Liba legte ihr weißes Handtäschchen auf den Küchentisch und setzte sich. »Das ist natürlich ein Problem. Aber vielleicht könnte ja Ihr Fräulein Silvia …?«

»Die wird mir nicht gerade vor Begeisterung um den Hals fallen, wenn ich sie darum bitte. Sie wissen doch, dass sie unter der Woche kaum aus der Stadt rauskommt, seitdem sie abends diese Vorträge für die Studenten in der Pathologie hält.«

»No, vielleicht könnte ja dann der Fritzi zum Füttern kommen? Für ein paar Euro würde der das sicher machen.«

Draußen hupte es zwei Mal. Sogleich sprang Liba auf, schnappte ihre Handtasche und lief winkend zur Tür. »Passen Sie gut auf sich auf, ich muss.« Und draußen war sie.

»Mach ich«, murmelte Schröck. Er starrte ihr einen langen Augenblick hinterher, bevor er sich wieder dem Dossier widmete. Fritzi würde er später fragen.

3

Schröck wischte sich den Schweiß von der Stirn. Aus den zwei Stunden, die ihm das Navigationsgerät für die Strecke berechnet hatte, waren knapp dreieinhalb geworden. Ein scheinbar endloser Blechhaufen hatte die Autobahn verstopft, alles Urlauber, die auf der Flucht in den Süden waren. Später war es wieder zügiger vorangegangen, aber hinter Salzburg war die Karawane abermals zum Stehen gekommen, weil einem LKW der Reifen geplatzt und eine Fahrspur gesperrt worden war. Von der angeblich so lieblichen Tiroler Landschaft hatte er kaum etwas mitbekommen. Dafür umso mehr von nervösen Männern mit quengelnden Kindern im Fond und nicht minder genervten Frauen auf dem Beifahrersitz.

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