Tod und Schinken - Uwe Voehl - E-Book

Tod und Schinken E-Book

Uwe Voehl

4,6
8,99 €

oder
Beschreibung

Ein Verrückter geht in Lippe um. Die Presse nennt ihn den "Metzger", denn er tötet Tiere und weidet sie fachgerecht aus. Und das ausgerechnet, als in Bad Salzuflen die gewinnträchtige Fleischermesse bevorsteht. Als auch noch der Mops der Gräfin dem Metzger in die Fänge gerät, übernehmen Morgenstern und Dickens den kuriosen Fall. Kurz darauf taucht das nächste Opfer auf. Diesmal ein Mensch ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 430




Uwe Voehl

TOD UND

SCHINKEN

Roman

Lübbe Digital

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG erschienenen Werkes

Lübbe Digital in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG

Originalausgabe

Copyright © 2013 by Bastei Lübbe GmbH & Co. KG, Köln

Textredaktion: Monika Hofko, München

Lektorat: Ruggero Leò

Titelillustration: © shutterstock/CCat82; © shutterstock/ra3rn;

© shutterstock/Sinisa Botas; © shutterstock/Gemenacom

Kartenillustration: Timo Kümmel

Umschlaggestaltung: Gisela Kullowatz

Datenkonvertierung E-Book:

Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-1933-7

Sie finden uns im Internet unter

www.luebbe.de

Bitte beachten Sie auch: www.lesejury.de

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlichder gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Widmung

DER METZGEREIMEINES VERTRAUENSGEWIDMET

Wenn das Schwein am fettesten ist,so hat es den Metzger am meisten zu fürchten.

(Abraham a Santa Clara)

VORBEMERKUNG:

»Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei«, lehrte uns einst Stephan Remmler.

Und da es in diesem Buch um Schinken und Wurst geht, hat auch dieser Krimi zwei Enden.

Und zwei Anfänge.

Oder drei.

Auf die Wurst übertragen: sechs Enden.

Wie kommen wir da jetzt wieder raus?

Indem wir einfach mit einem Anfang beginnen.

Genauer gesagt:

mit einem Anfang vor dem Anfang:

Als ich die Augen öffnete, stellte ich fest, dass ich blind war.

Vielleicht war es auch nur Nacht, und die Vorhänge waren zugezogen.

Ich überlegte, wo ich war.

Nicht in meinem Schlafzimmer, nicht in meinem Bett.

Es war kalt, und ich lag auf dem Boden.

Ich lauschte. Nur ein leises, allgegenwärtiges Brummen war zu hören.

Ich versuchte, mich zu erinnern, aber die Erinnerung war ein noch schwärzeres Loch als die Gegenwart.

Die einzige Erklärung, die mir einfiel, war, dass ich plötzlich umgefallen sein könnte. Schlaganfall. Herzattacke …

Aber für ein Krankenhausbett war meine Unterlage eindeutig zu unbequem. Oder ich lag in einer Art Röntgenröhre. Das würde den Brummton erklären.

Dagegen sprach jedoch, dass ich eindeutig zu viel Platz hatte. Ich streckte die Hände nach oben und stieß auf kein Hindernis.

Langsam setzte ich mich auf. Mein Kopf schmerzte, als würde eine Kreissäge darin wüten.

Als ich endlich saß, sah ich noch immer nichts. Normalerweise gewöhnen sich die Augen nach ein paar Minuten an die Dunkelheit. Von irgendwoher dringen immer ein paar Lichtfetzen herein. Hier nicht.

Bei dem Gedanken, dass ich wirklich blind war, klopfte mein Herz heftiger. Das Gefühl der Hilflosigkeit verstärkte sich. Ich spürte Panik aufkommen.

Ich wagte nicht, mich aufzurichten, sondern kroch über den kalten Boden, doch ich stieß sofort gegen eine Wand. Ich versuchte die andere Richtung. Auch dort ging es nicht weiter. Drei Meter, mehr waren es nicht.

Ich bekam Platzangst.

Langsam richtete ich mich nun doch auf. Und stieß schmerzhaft mit dem Kopf gegen ein Hindernis. Ich konnte mich nur gebückt vorwärtsbewegen.

Es wurde immer kälter. Wenn ich etwas hätte sehen können, so wäre mein Atem als weiße Wolke sichtbar gewesen. Meine Finger waren schon eiskalt. Ich zog meine Ärmel weiter herunter, sodass sie meine Hände bedeckten. Dann tastete ich mich an der Wand entlang.

Nach zwei Minuten hatte ich mein Gefängnis erkundet. Es war ungefähr drei Meter lang, zwei Meter breit und einen Meter siebzig hoch. An einigen Stellen war es höher, und ich konnte aufrecht stehen.

Ich fragte mich, woran ich mir den Kopf gestoßen hatte, und tastete danach. Es waren längliche bis kugelförmige Gebilde. Manche waren rau, andere fast glitschig.

Ich roch Leberwurst und Schinken, Mettwurst und andere Köstlichkeiten.

Und plötzlich wusste ich, wo ich war.

In einer Kühlkammer.

PROLOG

Es gibt Verbrechen ohne Sühne.

Es gibt aber auch Verbrechen ohne Schuld.

Massentierhaltung ist ein Verbrechen, ohne dass jemand im juristischen Sinne schuldig ist, also rechtlich zur Verantwortung gezogen werden kann.

Ich fühle mich selten schuldig, wenn ich Fleisch esse, gekauft beim Metzger meines Bauches. Ich lade meine Schuld ab bei ihm.

Lotte Unverzagt, geb. Schneider, wurde am 4. 8. 1920 in Hagen/Westfalen geboren. Gestorben ist sie am 24. 5. 2012 in Horn. An der Wand über dem Bett ihres Zimmers im Pflegeheim hing ein gestickter Spruch: »Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.«

Manche Pflegeheime sind ein Verbrechen. Trotzdem heißen sie »Waldesruh«, »Fürstenwald« oder »Buchenhof«, haben ein »Schloss« im Namen oder – für die Frommen – ein »Stift«. Oder sie suggerieren mit ihrem Namen eine scheinbare Idylle wie »Am Weinberg« oder »Am Volksgarten«. Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, als die Insassen der Heime noch rüstig zu Fuß waren.

»Zur weißen Taube« heißt eines. Wenn ich meine Eltern in Dortmund besuche, komme ich jedes Mal dort vorbei. Und dann muss ich lächeln, denn bei den weißen Tauben denke ich gleich an Beerdigung. Überhaupt: Manche der Namen – vor allem die mit »Ruh« – bereiten in ihrer Einfalt schon auf die letzte Fahrt im schwarzen Wagen vor: zur letzten Ruhestätte sozusagen.

Auch hier laden wir unsere Schuld oder wenigstens unser schlechtes Gewissen ab. Unsere Alten werden es schon irgendwie gut haben in diesen Residenzen des schleichenden Sterbens.

Während ich darüber nachdenke, fällt mir ein, dass wir früher einfach Altenheim gesagt haben. »Die Omma kommt ins Altenheim.« Und das war für uns Kinder nichts Schlimmes. Wir haben sie besucht, und sie hatte dort ihr kleines eigenes Zimmer mit all den Erinnerungsstücken, die wir aus ihrer alten Wohnung kannten. Gut, ein bisschen anders gerochen hat es als bei ihr zu Hause. Ein bisschen wie beim Zahnarzt.

Heute kommen die Alten ins Pflegeheim, und wir zucken zusammen. Wir verdrängen die Bilder, die wir aus dem Fernsehen und aus den Nachrichtenmagazinen kennen: von den verdurstenden Alten, die gefesselt, fixiert, sagt man, in ihren Metallbetten krepiert sind. Von vollgeschissenen Windeln und Beruhigungsmitteln, die man den Demenzkranken verabreicht, damit sie einfacher zu handhaben sind.

Ins Pflegeheim will niemand.

Deswegen nennen sich manche dieser Anstalten Seniorenheim. Das hört sich anständiger an. Oder Seniorenpark. Da kauft man gleich die Idylle mit im Sack. Oder gar Seniorenresidenz. Für die, die sich auch im Alter noch ein bisschen besser fühlen als Lieschen Müller.

Aber zurück zu Lotte Unverzagt. Lotte Unverzagt wohnte in keiner dieser Residenzen. Sie wohnte in einem ganz normalen Pflegeheim.

Am Morgen des 10. 5. 2012 stieg sie mit ihrem Rollator in den Aufzug, der sie vom ersten Stock ins Erdgeschoss brachte. Von dort gelangte sie an der unbesetzten Rezeption vorbei ins Freie und ward von da an offiziell nicht mehr gesehen. Zumindest nicht lebend.

I. FLEISCHAM STIEL

Gute Herkunft – Gutes Fleisch

(Werbeslogan einer Detmolder Metzgerei)

1.

»Oh Gott, er bringt mich um!«

Die blonde toupierte Dame in Pelz und schwarzen Strümpfen erinnerte an eine Filmdiva. Irgendwie überkandidelt und aufgedreht.

Sie reichte mir höchstens bis zur Brust, und dennoch strahlte sie eine quirlige Präsenz aus, die im Gegensatz zu ihrer Körpergröße stand. Mit dieser Stimme hätte sie in jedem Edgar Wallace-Reißer die jeweilige Scream-Queen ersetzen können.

Keine Ahnung, ob sie das bezweckt hatte, aber spätestens jetzt drehten sich sämtliche Kunden zu ihr um.

»Keine Sorge, Frau Heuwinkel«, erklärte die Fachfrau hinter dem Tresen. »Die Kümmelsülze ist zwar aus, aber die Hausgemachte isst Ihr Mann genauso gern.«

»Woher wollen Sie das denn wissen?«

»Wir sind zusammen zur Schule gegangen«, erklärte Frau Schlüter ruhig. »Besonders in Mathe war er schlecht. Ich hab ihn immer abschreiben lassen …«

Ein paar Kunden schmunzelten. »Also gut, geben Sie mir die Hausgemachte. Wenn’s Herbert nicht schmeckt, schicke ich ihn vorbei, und Sie haben die Konsequenzen zu tragen.«

Sie sagte es so, dass man sie nicht ernst nehmen konnte. Ihre theatralische Art amüsierte mich.

»Wenn nicht, bestellen Sie ihm schöne Grüße«, erwiderte Frau Schlüter. »Er hat noch was gutzumachen bei mir.« Sie blinzelte der Kundin zu, schnitt ein Stück ab, wog es und sagte: »Zweihundert Gramm, was meinen Sie, reicht das zum Frühstück?«

Frau Heuwinkel war sich plötzlich nicht mehr sicher. »Ich hasse Sülze. Dieses glibberige Zeug finde ich einfach nur eklig. Ich habe keine Ahnung, wie viel Herbert davon zum Frühstück vertilgt. Aber vielleicht hat er Ihnen das ja auch schon damals auf der Schulbank verraten?«

»An seine Pausenbrote erinnere ich mich nicht mehr so genau«, erwiderte Frau Schlüter. Im Gegensatz zu der künstlichen Diva wirkte sie umso bodenständiger. Sie war etliche Jahre älter als diese; ein paar graue Strähnen in ihrem ansonsten dunklen Haarschopf zeigten es geradeheraus. Und sie war nicht mehr geschminkt, als es für eine Fleischermeisterin vonnöten war. Sie war etwas füllig, ohne dass sie jedoch dick wirkte. Sie hatte ein hübsches Gesicht. Trotzdem musste ich bei ihrem runden Kopf immer an die Wurst mit Gesicht denken, die der Hit bei ihren minderjährigen Kunden war. Ihre Wangen waren gerötet, wodurch sie noch pausbäckiger wirkten und an eine Putte erinnerten. Ein Zeichen dafür, dass sie sich im Moment ziemlich ärgerte.

Ich ließ meine Gedanken schweifen. Warum war ich überhaupt hier?

Ich betrachtete die Auslage hinter dem Glas. Genau, ich wollte ein Schaschlik machen. Zwar bot Schlüter bereits fertiges an, aber ich wollte es selbst zubereiten: mit Speck, Paprika, Zwiebeln und Gurken …

»Im Übrigen ist das kein Glibber an der Sülze, sondern Gelee«, hörte ich Frau Schlüter sagen. »Wissen Sie überhaupt, wie aufwendig unsere hausgemachte Sülze hergestellt wird? Also, ich erklär’ Ihnen das gerne mal …«

Es konnte also noch länger dauern, bis ich an der Reihe war. Zumal vor mir noch drei weitere Kunden geduldig anstanden.

In diesem Moment sah ich die schwarze Gestalt draußen vor dem Schaufenster. Sie war wirklich schwarz: von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet. Das einzig Bunte war die rote Zunge seiner schwarzen Puma-Sneakers mit grauem Raubkatzenemblem. Das Gesicht war mit einer Sturmhaube vermummt.

Die Gestalt holte einen Stiel hervor. An dem Stiel war ein Beil. Im nächsten Moment schwang sie die Waffe wie ein Tomahawk. Noch konnte ich nicht recht fassen, was ich da sah, doch spätestens, als das Beil durch die Luft flog und die Scheibe in tausend glitzernde Einzelteile splitterte, reagierte ich. Ich warf mich nach vorn, bekam Frau Heuwinkel zu fassen, und gemeinsam landeten wir auf dem Boden. Das Beil segelte über unsere Köpfe hinweg und zerteilte die Schale mit der Sülze in zwei Hälften.

Ein oder zwei Sekunden lang herrschte eine unnatürliche Stille. So als hätte jemand plötzlich das Radio abgedreht. Doch dann erschallte es umso lauter: Die ungefähr zehn Kunden und die drei Verkäuferinnen im Laden redeten wild durcheinander, eine Frau schrie um Hilfe, ein Kind weinte.

»Ich glaube, Sie können mich jetzt wieder loslassen«, sagte Frau Heuwinkel unter mir. Sie klang plötzlich gar nicht mehr so künstlich arrogant. Das ganze Gehabe war von ihr abgefallen wie eine synthetische Wurstpelle. Ihr toupiertes Haar war in Unordnung geraten. Ein paar blonde Strähnen fielen ihr in die Stirn und verliehen ihr etwas Verwegenes.

Ich sah sie plötzlich mit ganz anderen Augen. Konnte sie etwas dafür, dass sie halb so alt war wie der alte Heuwinkel? Und wahrscheinlich auch nur halb so reich? Oder überhaupt nicht reich? Manche kolportierten, sie wäre arm wie eine Kirchenmaus gewesen, als ihr zukünftiger Ehemann sie, die sich zwar Schauspielerin schimpfte, es aber noch nicht einmal in eine Vorabendserie geschafft habe, draußen in einem Schlafsack vor der Roten Flora aufgelesen habe. Früher war das Flora tatsächlich einmal ein Theater gewesen, heute beherbergte es das Autonome Zentrum im Hamburger Schanzenviertel. All das wusste man zu erzählen, und es war irgendwie auch bis zu mir gedrungen.

Ich nickte und rappelte mich auf. Danach half ich Frau Heuwinkel auf die Beine. Ihre schwarze Strumpfhose hatte bei dem Zwischenfall einen Riss davongetragen.

»Was starren Sie so?«, zischte sie.

»Ein schlichtes Dankeschön hätte gereicht«, lächelte ich zurück.

»Dafür, dass Sie mir die Strumpfhose zerrissen haben?«

»Wahrscheinlich wäre es Ihnen lieber gewesen, wenn Ihr hübscher Kopf skalpiert worden wäre.«

»Skalpiert?«

Ich wies auf den Tomahawk. »Es hätte uns fast erwischt.«

Erst jetzt schien sie zu begreifen, was überhaupt geschehen war. Einen Moment lang malte sich der Schrecken auf ihrem Gesicht ab. Dann schob sie wieder die Maske davor. Diesmal die des trotzigen Kindes.

Doch plötzlich änderte sich ihr Gesichtsausdruck abermals. Ich las Panik darin.

»Paule!«, schrie sie auf. »Gehen Sie mir aus dem Weg!«

Sie rannte an mir vorbei, und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie jetzt nicht schauspielerte. Ich sah mich kurz um. Bis auf die Sülze hatte niemand etwas abbekommen. Allen saß noch der Schreck in den Knochen. Das Kind weinte. Die Mutter tröstete den Kleinen. Die anderen Kundinnen redeten noch immer wild durcheinander.

Ich folgte der Frau nach draußen. Gestikulierend stand sie am Geländer, das die drei Stufen zum Laden säumte.

»Er ist weg! Paule ist weg!«, sagte sie atemlos. Sie machte keine Szene. Ihre Sorge war wirklich echt.

»Mein Dackel!«, erklärte sie mir. »Ich habe ihn hier angebunden.«

Eine echte Träne lief ihr über die linke Wange.

In diesem Augenblick tat sie mir leid. »Wir finden ihn schon wieder«, sagte ich. »Er kann ja nicht weit sein. Wahrscheinlich hat er einen Schreck bekommen, hat sich losgerissen und …«

»Paule hat sich noch nie losgerissen. Das hätte er gar nicht geschafft. Es war ein Lederhalsband. Und, wo bitte, ist die Leine abgeblieben?«

Ich hielt es für müßig zu antworten. Inzwischen hatte sich bereits eine Handvoll Schaulustiger eingefunden.

»Was das kostet!«, entrüstete sich ein Rentner. »Eine Scheibe von dieser Größe ist nicht billig!«

Er sah mich so misstrauisch an, als hätte ich den Schaden verursacht.

Unschlüssig sah ich mich um. Ich schaute in die Richtung, in die der Vermummte verschwunden war. Es war nichts mehr von ihm zu sehen.

»Jetzt stehen Sie hier nicht rum, wir müssen Paule suchen!«

Paule suchen? Irgendwie hatte davon nichts im Drehbuch gestanden. Ich bückte mich und hob einen orangefarbenen Einkaufschip auf. »Gehört der Ihnen?«, fragte ich.

Sie sah mich an, als wäre ich übergeschnappt. Dann schien sie endlich zu begreifen, dass sie und ich auf zwei verschiedenen Planeten unterwegs waren.

»Ach, Sie können mich mal!«, rief sie mir freundlichst zu und lief davon. Dabei rief sie immer wieder den Namen ihres Dackels. Sie hatte keine wirklich schöne Stimme, und auch Paule zauberte sie damit nicht wieder herbei.

»Jetzt warten Sie doch!«, rief ich ihr hinterher und spurtete los. Vielleicht waren unsere zwei Planeten ja doch nicht so weit entfernt, wie ich gedacht hatte. Sie lief nämlich in dieselbe Richtung, in der der Tomahawk-Attentäter verschwunden war.

Noch immer rief sie mit ihrer hohen, unnatürlichen Stimme, die auch mich eher vergrault als angezogen hätte.

»Versuchen Sie’s doch mal mit einer ganz normalen Tonlage«, schlug ich vor.

»Ach, Sie schon wieder.« Sie warf mir einen unfreundlichen Blick zu.

Ich versuchte, mich in den Täter hineinzudenken. Wohin mochte er nur so schnell geflüchtet sein? Die Häuser in der Einkaufsstraße standen nicht dicht an dicht. Dazwischen war meistens ein schmaler Durchgang. Manche waren mit hohen Türen verschlossen, andere nur mit einem Holztor oder mit einem Maschendrahtzaun vom Bürgersteig abgetrennt. Einige wenige boten freien Zugang in den Hinterhof. Es gab mehr Möglichkeiten, als ich Finger hatte, um hier schnell irgendwo zu verschwinden. Erst recht, wenn man sich auskannte. Die nächste Querstraße war nur fünfzig Meter entfernt. Auch da wäre er jetzt längst über alle Berge gewesen.

Zumindest schloss ich aus, dass er in eines der anderen Geschäfte geflüchtet war. Die waren so klein, dass er sich dort nicht lange hätte aufhalten können, ohne aufzufallen: eine Apotheke, eine Schneiderei, ein Fotokopiergeschäft, ein Pizza-Service …

Dann fiel mein Blick auf die Kneipe auf der anderen Straßenseite. »Zum Letzten Heller« stand in Fraktur auf einem hölzernen Schild über dem Eingang. Eine schmale Treppe führte hinunter. Vor der Kneipe parkte ein weißer Sprinter mit Warnblinklicht. Der Fahrer lud gerade die Ware aus.

Frau Heuwinkel war inzwischen weitergelaufen. Ich überquerte die Straße und sprach den Fahrer des Sprinters an. Es war ein junger Türke. Er kam mir mit seinen pomadig nach hinten gekämmten schwarzen Haaren und den mädchenhaften Gesichtszügen irgendwie bekannt vor. Wo hatte ich dieses Babyface schon mal gesehen?

Dann hatte ich ihn in die richtige Ecke gesteckt: Özal, Özil … Mesut Özil, der Fußballer, der bei Real Madrid spielt. Allerdings war dieser Özil viel schwergewichtiger, und er trug einen schmutzigen Overall. Er war gerade dabei, ein paar weiße Styroporkisten auf einer Sackkarre zu transportieren. Als er meinen Blick bemerkte, verfinsterte sich seine Miene. »Was guckst du, eh?«, herrschte er mich an.

Ich wies auf die Metzgerei vis-à-vis, vor der sich immer mehr Schaulustige versammelten. »Haben Sie gesehen, wer die Scheibe dort eingeworfen hat?«, fragte ich freundlich.

»Nix gesehen«, sagte der Bursche mit einem grimmigen Gesichtsausdruck. Er wandte sich um und schob die Sackkarre zur Treppe.

Ich zuckte die Achseln. Da konnte man nichts machen. Der freundliche Osmane verschwand im Kellerloch der Gaststätte. Als ich an dem Lieferwagen vorbeiging, konnte ich trotzdem meine Neugierde nicht bezähmen. Ich klappte eine der nur angelehnten Flügeltüren auf und schaute auf die Ladefläche. Es war dunkel da drin, und muffige Luft schlug mir entgegen. Ich konnte noch ein paar weitere Styroporkisten ausmachen. Das war’s. Einen Moment lang hatte ich tatsächlich gedacht, der Vermummte könnte hier Unterschlupf gesucht haben.

Frau Heuwinkel mit ihrer blonden Mähne war inzwischen fast bei den Bahngleisen. Diese teilten die Geschäftsstraße in zwei Hälften. Der obere Teil wurde allein schon deshalb mehr frequentiert, weil es eine Einbahnstraße war. Die Schranken waren heruntergelassen. Wenn der Tomahawkschwinger es gerade noch darunter durch geschafft hatte, wäre er jetzt auch über alle Berge gewesen.

Ebenso gut hätte er aber auch vor der Schranke nach links abbiegen können. Dort lag das Reisebüro, dem sich gleich die Post anschloss, und dahinter ging es zu einem Parkplatz und zu einem Kanuverleih.

Rechter Hand führte ein kleiner Weg an den Bahngleisen entlang. Mir wurde einmal mehr bewusst, dass es tausendundeinen Fluchtweg gab. Das hier war der ideale Ort, um eine Bank zu überfallen. Aber der Täter war kein Bankräuber gewesen. Er hatte es nicht auf Geld abgesehen. Er hatte nur ein Beil geworfen, eine Schaufensterscheibe damit zertrümmert und eine Sülze zerteilt. Dabei hatte er es in Kauf genommen, Menschen zu verletzen.

Das war sein Fehler gewesen. Vielleicht hätte ich mich sonst nicht für ihn interessiert.

Vielleicht hätte diese Geschichte dann einen ganz anderen Verlauf genommen …

So aber dachte ich daran, dass das Beil uns fast erwischt hätte. Besser gesagt: mich – wenn ich mich nicht über Frau Heuwinkel geworfen hätte.

Die Frage war: Hatte es jemand auf mich abgesehen?

Wie alle Menschen war ich in dieser Hinsicht sehr einfach gestrickt: Wer glaubt schon, dass es da draußen irgendwelche Zeitgenossen gibt, die einem schaden wollen? Gut, ein bisschen ärgern vielleicht, indem sie dir die Reifen zerstechen oder dir Drohbriefe schicken, dich bei der Polizei anschwärzen, weil du angeblich falsch geparkt hast …

Doch seit dem letzten Jahr war ich in dieser Hinsicht vorsichtiger geworden. Abends schloss ich die Eingangstür zweimal ab. Ich schaute mich nach allen Seiten um, wenn ich die Mülltonne den langen Weg vom Haus zur Straße brachte. Ich zucke noch immer zusammen, wenn ich plötzlich ein unerwartetes Geräusch hinter mir höre. Und ich war froh, Luna an meiner Seite zu haben. Luna ist meine Mischlingshündin, die eifrig über mich wacht.

Ich sah, wie der Zug heranraste und am Bahnhof hielt. Die Schranken waren noch immer geschlossen. Die Autos standen davor. Alles war wie erstarrt.

Einen Moment lang hatte ich das Gefühl, als würde die Zeit sich unendlich dehnen. Der Axtwerfer musste noch in der Nähe sein, das spürte ich. Ich musste mich nur in den Flüchtenden hineindenken …

Vielleicht würde er auch plötzlich hinter mir auftauchen und …

Ein Schwarm Krähen kreiste über dem Kirchturm und riss mich in die Wirklichkeit zurück. Im selben Augenblick sagte eine Stimme hinter mir: »Die Wut ist eine äußerst jähe Leidenschaft. Man sagt in der Tat, sie sei ein Kochen des Jähzorns und eine Regung gegen den, der einem Unrecht getan oder vermeintlich getan hat.«

Ich fuhr herum und gewahrte einen Geistlichen. Er trug eine schwarze Mönchskutte und lächelte mich hinter seinem dunklen Vollbart freundlich an. Sein runder Kopf war kahl rasiert, was ihm etwas Grobschlächtiges verlieh. Seine blauen Augen blitzten, als hätte es ihm einen diebischen Spaß bereitet, mich zu erschrecken.

Unwillkürlich verglich ich ihn mit dem Axtwerfer, kam aber nach ein paar Sekunden zu dem Schluss, dass er es nicht war. Der Attentäter war kleiner gewesen, dieser Mönch war bestimmt eins neunzig groß. Außerdem hatte der Maskierte Turnschuhe getragen, die unbestrumpften Füße des Geistlichen steckten in Sandalen.

Dennoch, ich konnte nicht anders, als ihn anzustarren.

»Was ist denn los mit Ihnen?«, fragte er freundlich. »Sie sehen aus, als hätten Sie einen Geist gesehen.«

»Ich sehe Sie, das reicht.«

»Ich habe Sie doch nicht etwa erschreckt? Das tut mir leid.«

Ich glaubte ihm nicht. Aber gut, ich hatte andere Sorgen. Wieder sah ich mich nach Frau Heuwinkel um. Der Blondschopf war verschwunden. Die Schranken waren immer noch geschlossen.

»Suchen Sie jemanden?«, erkundigte sich der Mönch.

Ich hatte keine Lust, ihm mehr auf die Nase zu binden als nötig, daher schwieg ich.

»Falls ich Sie erschreckt habe, entschuldige ich mich. Manchmal sticht mich der Hafer.«

Ich sah ihn scharf an. »Sie geben es also zu?«

Er nickte. »Sie sind zusammengefahren, als hätten sie ein schlechtes Gewissen. Haben Sie ein schlechtes Gewissen?«

»Wie kommen Sie darauf?« Ich blickte ihn verwirrt an.

»Vielleicht wegen der blonden Dame?«, fragte er. »Sie haben Sie verfolgt …«

»Ich habe sie nicht verfolgt, ich habe sie begleitet. Sie sucht ihren Hund.«

Der Mönch rieb sich den Bart. »Ach, das war ihr Hund … Allmählich verstehe ich …«

Plötzlich wurde mir klar, dass er alles gesehen haben musste. Ich riss mich zusammen und fragte geduldig: »Was haben Sie gesehen?«

»Sind Sie Polizist?«, fragte er.

»Nein, aber mir wurde vor ein paar Minuten mit einer Axt fast der Kopf gespalten.«

»Also suchen Sie gar nicht den Hund?«

»Nein, verdammt …«

»Bitte fluchen Sie nicht …«

»Ich weiß, die Wut ist eine äußerst jähe Leidenschaft«, zitierte ich ihn.

»In der Tat. So beginnt Evagrius seine äußerst lebendige Beschreibung des Dämons des Zorns.«

»Grüßen Sie ihn von mir«, sagte ich und ließ den Mönch stehen.

Irgendetwas stimmte nicht. Es war nur so ein Gefühl, das ich nicht wirklich begründen konnte. Die Ahnung, dass etwas noch viel Schlimmeres in der Luft hing.

Während ich mich der Schranke näherte, hielt ich weiter nach Frau Heuwinkel Ausschau. War sie der Grund für meine Sorge? Was war, wenn sie ihren Hund gefunden hatte? Und derjenige, der ihn entführt hatte, identisch war mit dem Axtwerfer?

Ich blickte zum Bahnhof hinüber. Der Zug fuhr an. Ich spürte den warmen Luftzug, als er vorüberfuhr. Als sich die Schranken endlich öffneten, drehte ich mich um und ging zur Metzgerei zurück. Die Menschentraube vor dem Eingang war womöglich sogar noch weiter angewachsen.

Eine schmale Gasse, in der höchstens ein Lieferwagen Platz hatte, führte zur Seitenmauer des Hauses. Mir fiel auf, dass eine Tür offen stand. Wahrscheinlich führte sie zum Kühlhaus.

Aus irgendeinem Grunde weckte die Tür meine Neugier. Spontan bog ich in die Gasse ab. Meine Gedanken überschlugen sich. Was war, wenn der Vermummte gar nicht so weit gelaufen war, wie ich gedacht hatte. Wenn er nur bis hierher in die Gasse gerannt und durch die geöffnete Tür in die Metzgerei geschlüpft war?

Die Hauswände standen hier so dicht zusammen, dass ich nur die Arme hätte ausbreiten müssen, um sie berühren zu können. Es war ziemlich dunkel hier, wie gemacht für jemanden, der sich verstecken wollte. Aber welchen Sinn sollte das haben?

Der Lärm der Hauptstraße drang nur gedämpft zu mir, so als hätte ich Watte in den Ohren.

Dann hörte ich eine Frau schreien.

Sie schrie sich die Seele aus dem Leib.

Ich ging in die Richtung, aus der der Schrei kam. Ich rannte in die Einfahrt, lief durch die geöffnete Tür, die von der Seite in die Metzgerei führte, und hastete den Korridor dahinter entlang.

Ich wäre fast auf sie geprallt.

Sie stand vor der Kühlkammer und schaute hinein. Der Schrei war in ein Schluchzen übergegangen.

Ich drängte mich an ihr vorbei und blickte ebenfalls in die Kammer.

Wir hatten Paule gefunden.

Sein winziger blutender Körper hing an einem Fleischerhaken von der Decke. Man hatte ihn fachgerecht aufgeschnitten und ausgeweidet. Sein Inneres lag auf dem Fliesenboden verteilt in einer Lache aus Blut und Eingeweiden.

Der berüchtigte Metzger hatte wieder zugeschlagen.

2.

Das war ein gutes Omen: Ein Storchenpaar nistete auf dem Schlossturm des Braker Schlosses. Vor Jahren hatte man dort ein Wagenrad angebracht, in der Hoffnung, die Störche würden dort ihr Nest bauen. Nun hatten sie es tatsächlich getan.

Steffi Klug von Radio Teuto Eins verkündete es wie das Lippische Weltwunder.

Seitdem ich die Moderatorin im letzten Jahr persönlich kennengelernt hatte, hatte ich mich sogar an ihre Stimme gewöhnt, die ich vorher immer ein bisschen nervtötend gefunden hatte.

Aber Steffi hatte noch mehr gute Nachrichten zu bieten:

In einer Bad Meinberger Klinik kredenzte der Küchenchef für die Patienten, die unter Schluckbeschwerden litten, eine geschäumte Bratwurst. Angerichtet wurde in Tassen, damit die Schaumkost nicht zerfloss. Irgendwie verging mir der Appetit auf mein Frühstück, wenn ich an Eiermus und Schinkenschaum dachte …

Bezüglich des geplanten lippischen Nationalparks hatte sich jetzt ein wichtiger Minister dafür ausgesprochen. Ich wettete, dass die tausend lippischen Jäger schon jetzt eine Kugel für ihn polierten.

Bei Ausgrabungen auf der Falkenburg war eine aus Knochen geschnitzte Schachfigur gefunden worden. Sie stellt einen Bischof dar, der auf einem Thron sitzt. Kopf und Thron waren verschwunden. Gar nicht so schlecht, dachte ich, wenn die Symbole der Macht auch in der Wirklichkeit verschwinden würden. Dann musste ich wieder an gestern denken. Hatte ein autonomer Fleischhasser das Beil geschwungen? Aber wieso war ein unschuldiger Dackel auf bestialische Weise getötet worden?

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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