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Inspektor Edward Lampard von der Mordkomission Perth wird zu einem Tatort in den Beelu Nationalpark ausserhalb Perth gerufen. Eine junge Frau wurde ermordet an einem Picknickplatz aufgefunden. Vergewaltigt und erstochen. Die Spur führt sein Team an das Taylor College in Perth, an welchem das Mädchen studierte. Keine drei Tage später gibt es eine zweite Leiche, wieder unweit des Nationalparks. Geht ein Serienmörder um? Muss der Verdächtige gar in den Reihen der Collegeprofessoren gesucht werden? Die Mordkommission steht stark unter Druck als eine weitere junge Frau nach ihrem Eintrag auf Facebook verschwindet. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.
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Seitenzahl: 425
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Daniela Vilela
Tod unter Eukalyptusbäumen
Ein Fall für Edward Lampard
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Inhaltsverzeichnis
Titel
28. Juni
1. Juli
2. Juli
3. Juli
4. Juli
5. Juli
6. Juli
7. Juli
8. Juli
9. Juli
10. Juli
11. Juli
Ende Juli
Impressum neobooks
Eigentlich hasste Melanie Partys. Die Jungs benahmen sich jeweils wie Idioten. Dachten, nach einigen Promillen im Blut, sie hätten alle Rechte der Welt. Deshalb war sie einfach abgehauen und trippelte jetzt einsam durch die dunklen, menschenleeren Strassen von Perth.
Im letzten Moment wich sie einer grossen Pfütze aus, was absurd war, denn es regnete sinnflutartig und sie war sowieso bereits bis auf die Unterwäsche nass. Es schien, dass sich ausgerechnet heute die gesamte Regenmenge des Monats Juni über Perth ergiessen würde.
Na toll! Sie fluchte laut vor sich her als sie mit ihren viel zu hohen Absätzen über den Asphalt balancierte. Eine unangenehme Kälte machte sich in ihr breit. Sie begann mit den Zähnen zu klappern und rieb sich wärmend mit den Händen über die nackten Arme während ihre Gedanken zurück zur Party schweiften die sie vor knapp dreissig Minuten als Erste verlassen hatte.
Ian,derRugbystar der Schule, war sich heute ganz besonders toll vorgekommen mit seinen plumpen, anzüglichen Sprüchen zu denen seine unterbelichteten Freunde artig gegrölt hatten. Dabei wusste sie, dass Ian ausser gut proportionierten Muskeln verteilt auf ein Meter neunzig, absolut nichts in der Birne hatte. Seine Noten waren derart beschissen, dass seinem Vater bestimmt schon die halbe Schule gehörte, soviel Geld wie der schon gespendet hatte. Sie verzog angewidert den Mund.
Wie auch immer, ihr Ding waren solche Anlässe nicht und sie fragte sich, ob sie als siebzehnjährige da eine krasse Ausnahme bildete. Sicherlich. Wenn sie es sich recht überlegte, war sie es jedoch gewohnt, eher die Aussenseiterin zu sein als das Mädchen um die sich alle scharten und bewunderten. Kurzerhand hatte sie sich deshalb entschlossen, diesem qualvollen Ausharren ein Ende zu setzen und zu gehen. Dann würde sie den Kilometer bis zur Busstation eben laufen müssen.
Prüde Gans und Langweilerin waren noch die harmlosesten Ausdrücke gewesen, die hinter ihrem Rücken getuschelt wurden und die sie natürlich allesamt gehört hatte. Wie giftige Pfeile hatten die Worte der sogenannten Freundinnen sie durchbohrt. Ihre Stimmung hatte inzwischen den Nullpunkt erreicht und vor lauter Selbstmitleid spürte sie, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Solche Schwächen zu zeigen waren ihr zuwider. Reiss dich verdammt nochmal zusammen, sagte sie laut in die Nacht hinaus und musste sogleich kichern bei der Vorstellung, dass sie jemand bei ihren Zwiegesprächen hören würde.
Sie zog die Nase hoch und zupfte an ihrem Kleid das ein Vermögen gekostet hatte und dennoch an allen Ecken und Enden kratzte und zwickte.
Gerade wollte sie ihre Schuhe ausziehen und barfuss weiter gehen, da hörte sie, wie sich ein Auto im Schritttempo näherte und neben ihr abbremste.
Ihr Puls hämmerte. Immerhin war es fast Mitternacht und die Strasse war einsam und verlassen. Nicht einmal ein Hundehalter streifte bei diesem Sauwetter durch die dunkle Nacht. Sie warf einen schnellen Blick auf den Wagen doch die nächste Strassenlaterne war einige Meter entfernt, so dass sie den Fahrer nicht erkennen konnte.
Sie wich instinktiv einen Schritt vom Randstein weg, beschleunigte ihre Schritte.
Die Beifahrerscheibe des Wagens senkte sich und sie hörte wie jemand in die Stille der Nacht rief:
"Hei Melanie! Du bist ja klatschnass!"
Die Stimme kannte sie doch! Erwartungsvoll blieb sie stehen und drehte sich zu dem Auto hin. Als sie ihn erkannte fiel ihr ein Stein vom Herzen und sie lächelte erleichtert. "Ach Du bist es! Du hast mich ganz schön erschreckt."
Der Fahrer lachte. Ein freundliches, angenehmes Lachen. "Komm, steig ein. Ich fahr dich nach Hause."
Ohne zu zögern und erleichtert über die unerwartete Rettung riss sie die Beifahrertüre auf. Ihre Füsse schmerzten. Sie hatte bestimmt riesige Blasen an den Fersen. Verdammte Pumps. Mit einem geschickten Handgriff löste sie die Riemen und entledigte sich der Schuhe. Befreit seufzte sie auf während ihre nassen, schulterlangen Haare auf den abgewetzten Ledersitz tropften.
"Entschuldige, aber ich glaube, ich werde deinen Wagen ganz schön aufweichen." Sie kicherte und spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss.
"Mach dir deswegen keine Sorgen. Das ist eine alte Karre, kein Problem."
Sie lachten beide verlegen über die Nähe die sie beide plötzlich verband und wussten nicht, was als nächstes sagen.
Melanie brach als erste das Schweigen. "Du kannst mich auch bei der nächsten Busstation ausladen", sagte sie bewusst leichthin obwohl sie schon jetzt keinerlei Lust mehr verspürte, wieder in die Kälte hinaus zu gehen. Sie räkelte sich im Sitz. Müdigkeit machte sich breit. Dieser verdammte Alkohol! Nur zwei Bier und ein Glas Sekt hatte sie den ganzen Abend getrunken und doch fühlte sie wie der Alkohol durch ihre Blutbahnen zirkulierte und in den Kopf stieg. Das lag wohl an der Wärme die im Auto herrschte.
"Was redest du den da?", erwiderte er. "Das kommt doch gar nicht in Frage. Ich fahr dich nach Hause. Wer weiss schon, was für Typen sich hier herum treiben." Er warf ihr einen dieser Blicke zu, die ihren Puls zum rasen brachte.
Nachdem sie ihm ihre Adresse genannt hatte, entspannten sich beide allmählich und sie redeten eine Weile über die Schule und über Physik. Das Lieblingsfach von beiden. Melanie frohlockte. Endlich jemand, mit dem sie über solche Dinge reden konnte.
An der Princess Road bog er jedoch überraschend nach links ab und fuhr in Richtung Nedlands Golf Klub. Was sollte das denn? Kannte er etwa eine Abkürzung? Sie sah mit gerunzelter Stirn aus dem Fenster. "Randy, das ist nicht die Strasse in der ich wohne."
"Ich weiss."
"Ja aber, warum..?"
Seine Hand landete mit einem Klatschen auf ihren Knien. Er grinste sie anzüglich an. "Na komm schon. Ein bisschen Spass kann doch nichts schaden."
Kaum gesagt, bog er ziemlich rasant in den verwaisten Parkplatz des Golfklubs ein und hielt in einer dunklen Ecke an. Ihr Kopf wurde dabei unsanft an die Nackenstütze geschleudert.
Mit steigender Unruhe sah sie ihren Klassenkameraden an und wollte empört widersprechen, da konnte sie bereits seinen warmen Atem vor ihrem Gesicht spüren und schon pressten sich warme, feuchte Lippen auf ihre. Er roch kräftig nach Alkohol und einem Gemisch aus Zwiebeln und gebratenem Fleisch. Seine Zunge bohrte sich in ihren Mund. Zuerst war es ihr unangenehm, doch dann spürte sie, wie ihr Körper auf ihn reagierte. Es war ja nicht so, dass sie Randy nicht mochte. Das Gegenteil war der Fall. Seit einer Ewigkeit schwärmte sie heimlich für ihn. Trotzdem sträubte sich etwas in ihr als er so grob über sie herfiel. Schliesslich stemmte sie ihre Hände gegen seine Brust und versuchte, ihn wegzustossen. Das ging ihr eindeutig zu schnell. Doch Randy gab nicht so schnell auf und schliesslich wehrte sie sich nicht mehr und liess sich treiben. Seine heissen Hände erforschten inzwischen ihren Körper. Flink glitt die eine Hand ihren Oberschenkel entlang immer tiefer unter den Rock während die Andere ihren Nacken unangenehm umklammerte.
"Aua!" Mit aller Kraft stiess sie Randy diesmal erfolgreich von sich und verspürte gleichzeitig den Geschmack von Blut auf ihrer Zunge. Was zum Teufel... hatte dieser Mistkerl sie etwa gebissen?
"Sag mal, spinnst Du?", zischte sie fassungslos während sie mit ihrem Zeigefinger an ihre Lippen fuhr um die Wunde zu fühlen.
"Jetzt hab dich nicht so", murmelte Randy atemlos.
Wütend blickte sie ihn an und erschrak. Seine Stirn war klatschnass, seine Augen funkelten dunkel und bedrohlich mit tiefschwarzen, riesigen Pupillen die das grün seiner Augen beinahe komplett überdeckten. Ein Schauer durchfuhr ihren Körper.
Noch immer ruhte seine linke Hand auf ihrem Innenschenkel.
Sie griff danach und schob sie aufgebracht zur Seite.
"Lass das gefälligst."
"Verdammt Mel, stell dich doch nicht so an!", rief er gereizt. Erneut packte er sie am Nacken, riss ihn leicht nach hinten und starrte in ihr Gesicht. Ihr wurde plötzlich flau im Magen.
"Hör endlich auf, das tut weh!", wimmerte sie und versuchte sich aus dem Griff zu befreien.
Da liess er plötzlich ruckartig von ihr ab. Sie wollte schon erleichtert aufatmen, als sich seine Hand fest in ihre rechte Brust krallte.
Ihr wurde schwarz vor den Augen, Tränen schossen in ihr hoch. Doch Randy lachte nur heiser auf und wollte sie gerade wieder küssen als endlich Leben in sie zurückkehrte.
Sie begann so heftig wie möglich das Knie in seinen Magen zu rammen, kratzte, boxte, einfach alles, was sie in dem Schnellkurs für Selbstverteidigung gelernt hatte. Ihr Herz hämmerte dabei zum zerspringen und Tränen liefen unkontrolliert über ihre Wangen.
So überraschend wie alles begann, so abrupt endete es.
Mit einem Aufschrei und wütenden Flüchen liess er von ihr ab und rieb sich die schmerzende Nase die Melanie mit der rechten Faust ganz gut getroffen hatte. Ihr Vater wäre bestimmt stolz auf sie gewesen.
"Was ist den mit dir los? Ich dachte, Du willst das auch!" Wütend tastete er seine Nase ab. Zum Glück schien nichts gebrochen zu sein. So ein Mist aber auch! Er brauchte Eis um seine Nase zu kühlen.
Melanie begann inzwischen mit zitternden Händen ihr Kleid zurecht zu streichen.
"Du bist tatsächlich so eine Zicke wie alle sagen", murmelte er noch immer stinksauer.
Zu gerne hätte sie ihm ihre Meinung gesagt, ihn für sein Verhalten zu Rechenschaft gezogen, doch sie fand einfach keine Energie mehr dafür. Alles was sie jetzt noch wollte, war nach Hause gehen.
"Steig aus." Seine Stimme klang frostig. Mit keinem Blick würdigte er sie während er mit seinem angekratztem Ego neben ihr sass und seine Wunden leckte.
So schnell es ihre zitternden Hände zuliess, öffnete Melanie die Tür und stolperte in die Nacht hinaus.
Ohne eine Minute zu verlieren, startete Randy den Motor, riss mit quietschenden Reifen eine so rasante Wende durch eine Pfütze dass ihre Beine von oben bis unten bespritzt wurden, und brauste in die Dunkelheit der Nacht hinaus.
Es geschehen noch Wunder auf dieser Welt, philosophierte Edward Lampard, Inspektor der Mordkommission Perth, kurz MCS genannt, als er zu seinem Auto eilte. Es grenzte tatsächlich beinahe an ein Wunder, dass er es nach zwölfjähriger Beziehung zu Susan endlich geschafft hatte, ihren Geburtstag für einmal nicht zu vergessen. Er startete den Motor und fuhr los, dabei sah er noch einmal ihren erstaunten Gesichtsausdruck vor sich, als sie den Strauss mit roten Rosen und weissen Freesien auf dem Tisch hatte stehen sehen. Für einen unheimlich langen Augenblick hatte sie nicht gewusst, was sagen. Zu überwältigt war sie gewesen, was das Glänzen in ihren Augen noch unterstrichen hatte. Fast hätte er ein schlechtes Gewissen gekommen, denn dieser Überraschungsschlag war eigentlich nicht sein Verdienst gewesen. Wäre Joe, sein langjähriger Partner, nicht gewesen, er hätte ihren Geburtstag wiederum glatt vergessen.
Weiss der Himmel, woher Joe solche Sachen wusste. Jedenfalls hatte er sich dazu nicht äussern wollen und stattdessen sein italienisch verschmitztes Grinsen aufgesetzt.
Die gestrige Nacht war entsprechend kurz gewesen, die Kopfschmerzen die Folge der zwei Flaschen Sekt.
Hätte Susan ihn nicht sanft wachgerüttelt, er hätte das Klingeln des Telefons um sechs Uhr in der Früh ganz sicher nicht gehört. Sein Chef, Alfred Meyers war am Apparat gewesen. Ohne Umschweife hatte er in den Hörer gebellt, dass es draussen beim Beelu Nationalpark eine Leiche gab. Damit hatte er die ganze Aufmerksamkeit von Edward auf sich gezogen der mit einem Schlag wieder nüchtern gewesen war.
Er hatte sich die Augen gerieben und sich auf die Bettkante geschwungen. Erinnerungen an den Park waren dabei aufgekeimt. Er kannte den Beelu Nationalpark, der rund fünfunddreissig Kilometer östlich von Perth lag, aus seiner Kindheit. Damals hatte er viele Wochenende auf dem dortigen Campingplatz verbracht. Gemeinsam mit seinem Vater war er jeweils morgens in aller Herrgottsfrühe fischen gegangen und abends hatte die ganze Familie den Fang auf dem offenen Feuer neben dem Zelt grilliert. Eine gute Zeit war das gewesen. Edward seufzte.
Seither hatte er den Park nie wieder besucht. Die Arbeit bei der Polizei liess ihm dazu einfach keine Zeit.
Nun würde ihn also ein so tragischer Vorfall wieder dorthin zurückführen.
Bei der Toten handle es sich um ein Mädchen im Alter von sechzehn bis achtzehn Jahren hatte Meyers gesagt. Ihre Leiche war gestern Abend von zwei Parkwächtern entdeckt worden. Diese seien auf dem Weg nach Hause gewesen und hätten noch kurz einen Abstecher zum Pimelia Picknickplatz gemacht, welcher sich unweit des Parkeinganges an der Mundaring Weir Road befindet. Sie gingen dort regelmässig Abends vorbei, um nach dem Rechten zu sehen, da es gerade in der Sommerzeit regelmässige Jugendliche gaben, die dort wilde Partys feierten. Jetzt im Winter war jedoch selten etwas los. Nur durch Zufall hatten sie genau an der Stelle angehalten, wo das Mädchen lag, da einer der Männer sich dringend hinter den Büschen erleichten musste und über ihre nackten Füsse gestolpert war. Es sei ein grausiger Anblick gewesen, berichtete Meyers, der den Anruf der lokalen Polizei von Mundaring, einem kleinen, verträumten Städtchen am Rande des Parkes, gestern Nacht erhalten hatte. Ihr Gesicht sei von Schlägen verschwollen und kaum noch erkennbar. Man ging von einer Vergewaltigung aus, da ihre Innenschenkel von Hämatomen übersät seien. Zum Tode geführt haben jedoch weder die Schläge noch die Vergewaltigung sondern ein Messer, welches der Täter gleich fünf Mal in den Brustbereich der Toten gerammt haben muss. Dies würde jetzt von einer Rechtsmedizinerin abgeklärte, welche gemeinsam mit der Spurensicherung vor Ort seien. Warum die Polizei von Mundaring in Perth angerufen hatte, habe einen einfachen Grund. Es deutete nämlich alles darauf hin, dass das Mädchen aus Perth stammte und hier wohnte.
Edward lief es kalt den Nacken hinunter. Wenn ihm etwas nahe ging, dann Gewaltverbrechen an Kindern und Jugendlichen. In solchen Momenten hasste er seinen Beruf den er sonst mit grosser Leidenschaft seit nun über dreissig Jahren ausführte.
Er bog in die Cambridge Street ein und hielt vor dem Haus seines um zehn Jahre jüngeren Partners Joe daLucchia der sich gerade von seiner Frau und zweien seiner fünf Kindern verabschiedete. Obwohl es erst kurz vor sieben Uhr war, stand Joe wie immer geschniegelt in frischem Hemd und Krawatte da. Edward winkte Jenny, der Frau von Joe, zu. Sie war um die Hüften eindeutig fülliger geworden, stellte Edward fest als er sie aus der Ferne betrachtete. Doch es passte zu ihr. Sie war zweifelsohne eine sehr hübsche Frau.
Joe kam im Laufschritt auf ihn zugelaufen und stieg ein. Sein Rasierwasser, eine Mischung von Sandelholz und Zitrone, breitete sich im Wagen aus.
Edward klärte ihn kurz darüber auf, was er von ihrem Chef erfahren hatte während er durch den lichten Morgenverkehr in Richtung National Highway 94 fuhr. Der Gedanke, was sie in weniger als einer Stunde zu Gesicht bekommen würden schlug auf ihre Stimmung, deshalb schwiegen beide während einem grossen Teil der Fahrt.
"Sie hat sich übrigens riesig über die Blumen gefreut", unterbrach Edward das Schweigen schliesslich mit einem vielsagenden Grinsen.
"Siehst Du? Du Tölpel hättest wieder alles verpatz. Wenn Du mich nicht hättest, Ed!"
Edward konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. "Ja, was würde ich nur ohne dich tun?"
Inzwischen hatten Sie Mundaring erreicht und am Ende des Städtchen bog Edward rechts auf die 207, welche sie zum Picknickplatz führen würde. Es war eine kurze Strecke und schon von weitem sahen sie die Streifenwagen die an der Abzweigung kreuz und quer parkiert standen. Ein etwa fünfundzwanzigjähriger Polizeibeamter mit Aknenarben und korpulentem Körperbau, hielt sie an. Edward und Joe zückten ihre Ausweise, der junge Mann nickte mit rotem Kopf und wies sie mit krächzender Stimme an, den holprigen Weg direkt hinter ihm entlang zu fahren. Nach wenigen Metern tauchten die gelben Absperrbänder auf, die aufgeregt in der Morgenbrise flattern. Sie stiegen aus.
Die würzige Luft roch rein und unverbraucht nach. Ein Eukalyptus hing üppig über den Beamten der Mordkommission. Krächzende Kakadus flogen von Baumkrone zu Baumkrone und fröhlich zwitschernde Wellensittiche begrüssten den noch jungen Tag. Für einen Moment hätte man denken können, alles sei vollkommen. Doch ein Blick auf die Polizeibeamten die mit grimmigen Mienen herum stapften holte sie in die Realität zurück.
Joe und Edward bückten sich unter dem Absperrband hindurch. Ein Polizeibeamter in Uniform trat auf sie zu. Er war ungefähr Mitte bis Ende vierzig mit leichtem Bauchansatz der über seinem schweren Gurt sichtbar war. "Inspektor William Potter", begrüsste sie dieser mit tiefer, kräftiger Stimme "Ich nehme an, Sie sind die Kollegen aus Perth?"
Edward stellte sich und Joe vor. Es folgte ein freundlich distanziertes Händeschütteln.
"Kommen Sie mit", sagte Potter, der anscheinend keine Zeit verlieren wollte, und drehte sich um. "Machen Sie sich darauf gefasst, dass es kein schöner Anblick ist." Er atmete dabei tief durch. Noch immer sass der Schock tief in seinen Gliedern. Solche Mordfälle waren sie hier draussen nicht gewohnt und er hätte anfangs beinahe die Übersicht verloren.
"Wir sind schon die halbe Nacht hier. Ein Team der Spurensicherung ist ebenfalls vor ungefähr zwei Stunden eingetroffen. Die lassen keinen Stein auf dem anderen."
"Kann man schon etwas Genaueres sagen?", fragte Edward der hinter Potter hereilte.
Potter wog den Kopf hin und her. "Wir haben Reifenspuren gefunden und davon Abdrücke gemacht. Da es das ganze Wochenende hindurch immer wieder regnete, sind die ziemlich vielversprechend. Naja, wir werden sehen." Er schwieg für einen Moment während er weiter lief und sich die Stirn mit einem Taschentuch abtupfte. "Die Kollegen sind jedoch überzeugt, dass das Verbrechen nicht hier direkt stattgefunden hat. Es sieht so aus als wurde die Leiche lediglich hier aus dem Wagen geschmissen."
"Wie meinen Sie das?", fragte Joe als sie durch die Büsche schritten und ihm ein Zweig mitten ins Gesicht peitschte. Er fluchte.
"Nun, sie weist eine klaffende Wunde am Kopf auf, die sie sich zugezogen haben muss, als sie jemand aus dem Kofferraum auf den Boden warf."
"Wie bitte?" Joe zog es den Magen zusammen.
Der Inspektor blieb stehen und nickte düster. "Genau. Wie ein totes Tier..."
Er bog einige Zweige zur Seite und sie betraten eine kleine Lichtung auf der ziemliche Hektik herrschte. Weiss gekleidete Beamte der Spurensicherung waren überall. Die Büsche und Gräser an dieser Stelle waren beinahe einen Meter hoch, weshalb es auf den ersten Blick nicht ersichtlich, auf was die Frau, die am Boden kniete, konzentriert war. Doch als Edward ganz dicht an sie heran trat, sah er die nackten Füsse. Sein Blick wanderte den Füssen entlang über die weissen Beine bis hinauf zum Saum eines blauen, zerfetzten Kleides.
Er bemerkte, wie Potter ihn studierte. Sein Herz klopfte heftiger als er fast scheu sein Blick in Richtung Kopf des Mädchen gleiten liess. Erschrocken wich er einen Schritt zurück.
Die kleine, rundliche Frau im Schutzanzug, den die Rechtsmedizin an Tatorten trug, stand auf und warf den Polizisten einen strengen Blick zu. "Bitte nur mit den Handschuhen anfassen!"
Die drei nickten stumm und die Ärztin trat einige Schritte zurück um den Blick freizugeben. Als wäre die Tote ein Kunstwerk wurde sie von der kleinen Gruppe mit zur Seite geneigten Köpfen fast andächtig betrachtet:
Die tote Frau lag auf dem Bauch, die Arme seitlich in einem unnatürlichen Winkel ausgestreckt. Das Kleid war soweit hochgerutscht, dass die unzähligen blauschwarzen Blutergüsse an den Innenschenkeln ersichtlich waren. Der Rücken wies keine grösseren Verletzungen auf. Jedenfalls keine, die Edward von blossem Auge aus hätte feststellen können. Ihr Kopf lag seitlich auf der rechten Gesichtshälfte. Der Mörder hatte nicht einmal davor zurückgeschreckt ihr Gesicht mit Faustschlägen zu bearbeiten. Wie schon an den Innenschenkeln wies sie auch hier schwere Blutergüsse auf. Das linke Auge war komplett verschwollen, das Lid quoll wie eine dicke, fette Wurst über dem rechten Jochbein hervor. Die Haare waren mit rotbrauner Erde versehen und hingen ihr wie ein schützender Vorhang bis zu den Schultern. Edward kniete unter dem strengen Blick der Rechtsmedizinerin zu der Leiche hinunter und schob die Haare mit seiner mit Einweghandschuhen geschützten Händen sanft zur Seite. Er betrachtete lange ihr Gesicht.
Die Messereinstiche in der Brust, die Meyers erwähnt hatte, waren von diesem Winkel aus nicht sichtbar doch alleine die Tatsache, wie die junge Frau misshandelt wurde, bevor der Mörder ihr auch noch ein Messer in die Brust gerammt hatte, zeugte davon, welch geballte Ladung Hass sich in dem Augenblick entladen haben musste. Wer tut so etwas, fragte sich Edward verständnislos. Joe, der neben ihm stand, schnaubte.
Die Rechtsmedizinerin begann mit energischer Stimme die Sachlage zu analysieren während sie sich eine Zigarette anzündete und heftig inhalierte:
"Wie unschwer erkennbar ist, wurde die Frau auf brutalste Art und Weise misshandelt. Fusstritte in die Bauchgegend, Faustschläge ins Gesicht, Vergewaltigung. Sie muss sich heftig gewehrt haben, dass deutet auf die massiven Blutergüsse in den Innenschenkeln hin. Der Täter musste all seine Kraft anwenden um sein Ziel zu erreichen. Es war ein Kampf um Leben und Tod, den sie leider verloren hat."
Die Medizinerin zupfte an ihrem Schutzanzug, indem es unangenehm warm wurde je höher die Sonne stieg, und öffnete etwas den Reissverschluss.
"Können Sie etwas über den Todeszeitpunkt sagen?", fragte Joe.
Die Ärztin schmiss die nur halb gerauchte Zigarette auf den Boden und drückte sie mit wütenden Bewegungen aus. Drei Monate hatte sie es ohne dieses verdammte Nikotin ausgehalten und nun dieser herbe Rückfall. Grimmig blickte sie zu Joe.
"Sie wissen ja, wie schwierig so etwas ist. Aufgrund der Verwesungsstufe und den Fliegenlarven sieht es jedoch ganz danach aus, als wäre sie schon eine ganze Weile tot. Ich würde sagen, sie wurde irgendwann zwischen Samstagnachmittag und später Abend ermordet. Dies wird ihnen Kate McLovely noch genauer erläutern können, sobald wir einige Tests gefahren haben."
Joe nickte.
"Was ist mit den Messerstichen?", fragte Edward, sein Blick immer noch auf das tote Mädchen gerichtet. "Ich sehe nur wenig Blut."
Die Arbeit der Spurensicherung an der Leiche war abgeschlossen und so bückte sich die Rechtsmedizinerin und drehte die Tote sorgfältig zur Seite. Dabei deutete sie auf den Brustbereich welcher mit ausgetrocknetem Blut völlig verklebt war. "Das ist auch einer der Gründe, warum wir davon ausgehen, dass das Mädchen nicht hier ermordet wurde. Der grösste Teil des Blutes war bereits ausgetreten als sie hier deponiert wurde. Sie sehen, die Wunden sind bereits vom eingetrockneten Blut verklebt und am Boden findet man kaum mehr frische Spuren. Was das Messer betrifft können wir mit Sicherheit sagen, dass er eine Art Jagdmesser benutzt haben muss", sagte die Ärztin. "Ich schätze, eines, mit welchem man normalerweis grössere Tiere wie Wallabys oder Wildtiere ausweiden kann. Die Wunden sind sehr tief. Der Täter muss demnach mit voller Kraft zugestochen haben und das gleich fünf Mal, alles im Brustbereich. Sie muss unglaublich viel Blut verloren haben." Sie richtete sich schwerfällig wieder auf, ihre Lippen hart aufeinander gepresst.
Edward brummte etwas Unverständliches und wandte sich dann an Potter, der mit grünem Gesicht einen Meter hinter ihm stand. "Wissen wir, wie das Mädchen heisst?"
"Wir haben eine Handtasche gefunden und gehen davon aus, dass sie der Toten gehört." Seine Arme hingen schlaff neben seinem Körper, seine Hände zu Fäusten geballt. "Er hat sie nicht einmal beraubt. Alles Geld ist noch da. Auch die Ausweise. Nur ein Handy haben wir nirgendwo gefunden."
"Das wird er wohl irgendwo sicherheitshalber fortgeschmissen haben", knurrte Edward ungehalten. "Oder er hat es als Trophäe behalten."
"In den Abfalleimern hier am Picknickplatz ist es jedenfalls nirgends. Ich werde meine Leute instruieren, die Augen entlang der Strasse offenzuhalten. Vielleicht haben wir Glück." Er zuckte wenig überzeugt mit den Schultern und zückte den Ausweis, den er in den mit Plastikhandschuhen geschützten Händen hielt. "Die junge Dame heisst demnach Samantha. Samantha Kowalsky. Siebzehnjährig. Wohnhaft an der Victoria Avenue in Perth."
Edward pfiff durch die Zähne. Eine noble Adresse. Dort unten am Swan River wohnte die obere Mittelschicht. Das erschwerte den Fall gleich deutlich. Er konnte bereits die Meute Anwälte vor sich sehen, die gierig über sie herfallen würden.
Potter blickte ihn fragend an und da Edward keine Antwort gab, beeilte sich Joe, den Kollegen aus Mundaring aufzuklären. "Die Strasse liegt in einem besseren Viertel, direkt unten am Swan River. Meistens bewohnt von Ärzten, Anwälten und Managern."
"Aha", entgegnete Potter nur. Er kannte sich in Perth nicht wirklich gut aus. Mied die Stadt, wann immer möglich. Die Leute dort waren ihm zu gestresst, unfreundlich und überheblich. Er fühlte sich wohl in Mundaring, wo jeder jeden kannte und auf der Strasse grüsste. Es waren einfache Menschen hier, Bauern, Ladenbesitzer und seit neustem auch ein paar Künstler, die sich hier niedergelassen hatten. Es gab viel Natur rund um die Kleinstadt und das Leben tickte einige Takte gemächlicher. Obwohl seine Tochter seit dem Studium ebenfalls in Perth lebte, war er in den zweiundvierzig Jahren seines Lebens erst ganze fünfmal dort gewesen.
Die Gerichtsmedizinerin drehte sich zu den Polizisten um. "Wir werden die Leiche auf Perth transportieren und dort gemeinsam mit meiner Kollegin Kate McLovely obduzieren. Kennen sie McLovely?"
Joe konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. "Wir bearbeiten die meisten Fälle mit ihr. Eine hervorragende Ärztin. Wir werden uns mit ihr in Verbindung setzen."
"Das ist gut. Sie wird Ihnen morgen sicher mehr sagen können."
Joe, Edward und William Potter traten einige Schritte zurück um den Weg für das Team der Spurensicherung frei zu geben. Die Leiche würde in Kürze abtransportiert werden. So wie er Kate kannte, würden sie und ihr Team gleich heute Nachmittag mit den Untersuchungen beginnen.
"Gibt es Zeugen? Irgend etwas, was uns bereits einen Schritt weiter helfen könnte?", fragte Edward an Potter gerichtet.
Dieser schüttelte den Kopf. "Nein. Aber wir werden heute Nachmittag einen Aufruf im Lokalradio starten. Es wäre jedoch zu optimistisch davon auszugehen, dass jemand etwas beobachtet hätte." Wütend begann er zu schnauben. "Wissen Sie, Lampard, das ganze Städtchen ist bereits in heller Aufruhr. So etwas geschieht hier nicht oft und die Leute sind regelrecht in Panikstimmung. Wir kriegen stündlich Anrufe von besorgten Müttern die Angst haben ihre Mädchen in die Schule zu schicken. Einige Männer haben sogar bereits eine Truppe gebildet die durch die Strassen von Mundaring patrouliert. Hat sich dieses Schwein hier irgendwo verkrochen, werden wir ihn finden."
Edward verstand. Es passte ihm zwar nicht, dass private Personen als Schutztruppe unterwegs waren, womöglich bis an die Zähne bewaffnet. Doch wie könnte er dies verhindern?
"Ich kann mir nicht vorstellen, das für die Menschen in Mundaring eine Gefahr besteht. Der Mörder kommt ganz sicher aus dem Grossraum Perth, denn er kannte sein Opfer. Das war keine Zufallsbekanntschaft, da bin ich mir sicher. Aber man kann natürlich nie vorsichtig genug sein." Er klopfte Potter wohlwollend auf die Schulter.
Schweigend trotteten die Männer zurück zu den Wagen.
"Konnten Sie schon mit den beiden Parkwächtern reden, Potter?", fragte Joe während er sein Handy nach Nachrichten durchkämmte.
"Ja. Aber das bringt uns nicht weiter. Die haben lediglich die Leiche gefunden. Mehr wissen die bestimmt nicht."
Es würde Ihnen nichts weiter übrig bleiben als den Bericht der Spurensicherung und der Obduktion abzuwarten. Inspektor Potter würde die Ermittlungen von Mundaring aus weiter führen und sich nach Zeugen und Hinweisen aus der Bevölkerung konzentrieren, während Edward und Joe auf Perth zurückfahren würden um den Eltern des toten Mädchens einen Besuch abzustatten bevor die Medien davon Wind bekamen und in Scharen vor ihrem Haus auftauchen würden. Da nun der Name des Mädchens bekannt war, würde dies erfahrungsgemäss nicht mehr lange dauern und die ersten Bilder und Berichte würden im Internet und Fernseher erscheinen. Und genau das wollte Edward verhindern. Die Eltern sollten von dem brutalen Mord an ihrer Tochter nicht auf diese Weise erfahren. Niemand sollte das.
Edward wählte die Nummer von Meyers während Joe den Highway 94 entlang brauste, auf direktem Weg an die Victoria Avenue in Perth.
"Alfred", rief er in den Hörer als er seinen Chef an der Leitung hatte, "schick doch bitte Jimmy und Lizzy hinunter an die Victoria Avenue.. Ja, sofort! Nein... Kowalsky heisst die Familie und ihre Tochter Samantha Kowalsky. Genau..sie sollen vor allem sicherstellen, dass keine Medienleute antraben. Wir sind in ungefähr....", er sah kurz auf die Uhr und zu Joe hinüber der ihm etwas von dreissig Minuten zuflüsterte. "In dreissig Minuten werden wir dort sein."
Eine Minute später rief ihn sein Chef zurück. Lizzy und Jimmy seien unterwegs. Nun wollte er noch alle furchtbaren Details zu dem Fall erfahren.
Seit dem letzten Mordfall waren Jimmy Redcliff sowie Lizzy O'Bryan fester Bestandteil der Mordkommission geworden. Edward war sich sicher, dass die beiden die geeigneten Worte finden würden um die Eltern von Samantha auf ihre Ankunft vorzubereiten. Die beiden waren zwar noch ziemlich jung, jedoch sehr engagiert und mit glänzenden Karriereaussichten.
Jimmy, ein Spezialist im IT-Bereich, hatte seine Sporen in der Sondereinheit für organisiertes Verbrechen der Polizei abverdient. Er war ein ruhiger, besonnener Mensch demgegenüber die eher quirlige Lizzy stand, welche ihr Temperament oft schwer zügeln konnte. Halb Aborigine, halb Indonesierin brachte sie einen willkommenen Farbtupfer in das Männerteam der Mordkommission. Es war spannend, die Fälle aus der Perspektive einer Frau zu diskutieren. Ihre Betrachtungsweise war oft viel mehr auf Details ausgerichtet als dies bei den Männern der Fall war.
Er hatte Meyers beim Gespräch darauf hingewiesen, dass sie zwar eine Handtasche gefunden hätten und das Foto ziemliche Ähnlichkeit mit Samantha aufwies, aber bis zu einer Identifikation könnten sie nicht beschwören, ob es sich bei der Toten tatsächlich um Samantha handelte. Joe hatte diverse Fotos von der jungen Frau gemacht. Sie hofften, dass aufgrund der Bilder die Kowalsky's ihre Tochter identifizieren konnten.
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Melanie lag zusammengekauert auf ihrem Bett. In ihren Ohren dröhnte Musik aus dem MP3 Player. Seit Stunden starrte sie abwechslungsweise wütend und dann wieder hilflos und traurig die weisse Wand ihr gegenüber an, welche einzig mit einem Poster der britischen Band MUSE verziert war. Ihre Mutter kam in regelmässigen Abständen in ihr Zimmer und versuchte, sie zum Reden zu bringen. Doch Melanie hatte keine Lust auf endlose Gespräche und gut gemeinte Ratschläge. Sie wusste ja selbst nicht, was sie von dem allem halten sollte. Klar, sie verstand die Sorgen ihrer Mutter. Nachdem sie Melanie am Freitagabend völlig durcheinander auf der Treppe des Golfklubs vorgefunden hatte, wollte sie sofort eine Anzeige bei der Polizei gegen Randy machen. Doch Melanie hatte sie nur wütend angefaucht. "Bist Du wahnsinnig?Da hab ich gleich die ganze Schule gegen mich!", hatte sie gerufen. Sie konnte sich die dummen Sprüche bereits vorstellen. Nein, das war wirklich das Letzte, was ihr jetzt noch fehlte. Trotzdem, wenn sie die Augen schloss, wie gerade jetzt, sah sie immer wieder diesen irren Blick von Randy vor sich. Wie seine dunklen Pupillen ihr das Blut in den Adern hatten gefrieren lassen. Dann sein Biss in ihre Lippen und sein eiserner Griff um ihre Brust. Davon hatte sie ihrer Mutter wohlweislich nichts erzählt. Sie wäre ganz sicher gleich komplett ausgeflippt. Sie hatte ihr sowieso nicht viel erzählt. Nur, dass es ein bisschen ausgeartet sei.
Ihre Hand tastete ihren Mund ab. Eine kleine Kruste hatte sich gebildet. Wenn sie mit der Zunge darüber fuhr, brannte es sogar noch immer ein bisschen. Heisse Tränen liefen über ihre Wangen und sie schluchzte in ein Kissen.
Was sollte sie nur tun? Heute würde sie jedenfalls nicht zur Schule gehen. Immerhin darin waren sie und ihre Mutter sich einig gewesen. Sie würde sich sowieso nicht konzentrieren können.
In wenigen Minuten würde ihre Mutter zur Arbeit aufbrechen, dann hatte sie endlich Zeit, ihre Gedanken zu ordnen. Und später, heute Abend oder so, würde sie ihrer Mutter vielleicht mehr erzählen. Aber nur vielleicht. Sie prüfte bereits zum dritten Mal ob ihr Handy auch tatsächlich ausgeschaltet war und legte es weit weg von sich.
Zuerst noch ein bisschen schlafen und dann über alles gründlich nachdenken. Eine tiefe Erschöpfung überkam sie und nachdem sie die letzten Nächte kaum geschlafen hatte, fiel sie endlich in einen traumlosen, unruhigen Schlaf.
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Das Haus der Kowalsky's lag wie erwartet an bester Lage. Ein flacher, langgezogener Bungalow mit grosszügiger Auffahrt, sorgfältig manikürtem Rasen gesäumt von üppigen Rosenbüschen, von denen in dieser Jahreszeit jedoch nur wenige blühten. Vor dem Garagentor waren ein weisser Mercedes Coupé und ein Ungetüm von Range Rover parkiert bei deren Anblick Edward jeweils die Galle hoch kam. Typische Fahrzeuge von Leuten, die mit ihrem Geld protzen wollten. Er verzog sein Gesicht verächtlich zu einer Grimasse.
Sie parkierten direkt hinter dem zivilen Polizeiwagen von Jimmy Redcliff und stiegen aus. Joe klingelte und die Türe wurde wenige Sekunden später von einem Mann aufgerissen, dessen Ausstrahlung auf den ersten Blick bemerkenswert war. Hochgewachsen, stahlblaue Augen, dunkelblauer, sündhaft teurer Anzug, blütenweisses Hemd, registrierte Edward wobei sein Blick auf den stahlblauen Augen des Mannes vor ihm verweilten. Es war bemerkenswert welch eine Dominanz und Schonungslosigkeit sie auch bei einem so tragischen Ereignis wie jetzt noch zu ausstrahlen vermochten. Nur tiefe Schatten deuteten darauf hin, welch ein Grauen der Mann gerade durchlebte.
"Dr. Kowalsky", stellte sich der Mann mit passend tiefer Stimme vor, ohne ihnen die Hand zu reichen. "Bitte treten sie ein." Er trat einen Schritt zur Seite und machte den Eingang frei. "Ihre Kollegen sind im Wohnzimmer."
Edward's Blick glitt über das makellose Interieur, welches mit viel Geschmack und noch mehr Geld eingerichtet war.
"Ich hoffe, Sie können uns endlich erklären, was dies alles zu bedeuten hat. Ihre Kollegen tauchen hier auf, erzählen wirres Zeug von einer Leiche, die man gefunden hat und erschrecken meine Frau und mich beinahe zu Tode." Kowalsky versuchte, die Fassung zu wahren, doch Edward sah einen tiefen Schmerz in seinen Augen sitzen und wusste, dass der Mann vor ihm die Wahrheit bereits kannte.
"Herr Kowalsky, können Sie mir sagen, wo sich ihre Tochter Samantha gerade aufhält?", fragte Edward an den Mann gewandt.
"Nein, das kann ich nicht. Wir haben sie seit Samstag früh nichts mehr von ihr gehört." Kowalsky wandte den Blick ab.
Edward räusperte sich. "Ich verstehe. Haben sie eine Vermisstenanzeige aufgegeben?"
Wieder ein Kopfschütteln und ein Schulterzucken.
"So ungewöhnlich war das nicht. Ernsthafte Sorgen machten wir uns erst gestern Abend. Normalerweise ist Samantha an einem Sonntagabend immer zuhause. Wir telefonierten ihren Freundinnen und nachdem dies auch nichts brachte und wir Sam auf ihrem Handy nicht erreicht hatten, wollte ich gleich heute früh zur Polizei."
Obwohl das Verhalten der Kowalsky's ihm fremd und seltsam erschien, ging Edward nicht weiter darauf ein.
"Sie müssen jetzt stark sein, Herr Kowalsky, aber ich fürchte, dass es sich bei dem Mädchen um ihre Tochter handelt. "
Kowalsky schloss für einen Augenblick qualvoll die Augen, sagte jedoch kein Wort und führte Edward wenig später in das Wohnzimmer in welchem eine grosse, schlanke Frau mit hellbraunen, halblangen Haaren auf einem Sofa sass.
Auf einem einzelnen Sessel schräg gegenüber sass Lizzy, nickte ihrem Chef und Joe schweigend zu während Jimmy zu ihm trat und ein kurzer Wortwechsel stattfand. Dann trat Jimmy hinüber an die Fensterfront und lehnte sich an ein Sideboard aus Teakholz und überlies seinem Chef die weitere Führung.
"Das kann einfach nicht sein. Wer hätte ein Interesse daran, meine Tochter zu ermorden? Das alles muss ein riesiger Irrtum sein", Kowalsky's Stimme hinter ihm versagte während Edward seine Augen nicht von der Frau auf dem Sofa liess. Die Frau wirkte steif, distanziert und, das fand er besonders eigenartig, vollkommen gefasst. Keine Träne, kein Zusammenbruch, kein Aufschluchzen. Das war ungewöhnlich. Hatte Kowalsky nicht gesagt, sie wären beide zu Tode erschrocken gewesen als die Mordkommission hier aufgetaucht war?
Die Frau schien ihn kaum wahrzunehmen und so drehte er sich wieder zu Herrn Kowalsky um. Er griff nach einem grossen Plastikbeutel, in welchem sich die Handtasche befand, die sie am Tatort gefunden hatten, und hielt sie hoch. "Ist das die Tasche ihrer Tochter, Herr Kowalsky?"
Dr. Kowalsky schoss auf ihn zu und griff nach der Tasche.
"Bitte öffnen Sie den Beutel nicht", ermahnte ihn Edward. "Die Tasche muss noch von der Spurensicherung untersucht werden."
Kowalsky nickte während er die Tasche durch den Plastikbeutel musterte als hätte er noch nie so etwas gesehen. Sein Frau bewegte sich noch immer nicht, starrte jedoch ebenfalls mit weit aufgerissenen Augen auf die Tasche in der Hand ihres Mannes und murmelte kaum hörbar:
"Das ist die Tasche von Samantha..."
"Wir haben sie unmittelbar neben der Leiche gefunden", begann Edward und atmete tief durch. "Ich muss sie leider bitten, sich einige Fotos anzusehen."
Edward wollte ihm Aufnahmen der Kleidungsstücke, Finger- und Ohrringe zeigen, welche zur Identifizierung dienen würden. Bilder des Körpers seiner misshandelten und ermordeten Tochter würde er dem Ehepaar jedoch wohlweislich vorenthalten. Dazu war später noch genügend Zeit. In den kühlen Räumen des Rechtsmedizinischen Institutes.
"Zeigen Sie schon her", unterbrach ihn Kowalsky mit der ungeduldigen Art eines Anwaltes. Noch klammerte er sich an die zunehmend schwindende Hoffnung, dass es sich bei der Tote nicht um seine Tochter Samantha handelte.
Edward gab Joe ein Zeichen, die Fotos, die sich auf seinem Tablet Computer befanden, den Eltern zu zeigen.
Kowalsky setzte sich neben seine Frau auf das Sofa und Joe quetschte sich dazwischen. Konfrontiert mit der schonungslosen Realität der Bilder, wich bei dem Ehepaar sämtliche Farbe aus den Gesichtern. Kreidebleich und fassungslos starrten sie auf die Fotos welche eindeutig Kleider und Schmuck ihrer Tochter zeigten. Es war kein Zweifel, die Ermordete war ihre Tochter Samantha. Eine betroffene Stille machte sich breit.
"Oh mein Gott..." war alles, was Kowalsky schliesslich mit heiserer Stimme hervor brachte. Sein Körper versteifte sich. Eine ohnmächtige Wut stieg in ihm auf. Seine Frau schlug ihre Hände vor das Gesicht und stöhnte schmerzvoll auf.
"Dieser - Mistkerl. Er - hat meine Tochter also niedergestochen wie - wie ein Schwein haben sie gesagt?", würgte Kowalsky hervor und blinzelte in Richtung Decke während er seine Nasenwurzel wie wild rieb. Es war mehr eine Tatsache als eine Frage und so schwieg Edward.
Was hätte er auch erwidern sollen? Das die Tat völlig sinnlos sei? Das der Täter in kaltem Hass wie ein Wahnsinniger auf Samantha eingestochen haben musste? Dazu mit einem Jagdmesser? Darüber verlor er kein Wort. Der Schmerz und die Ohnmacht die die Eltern jetzt durchliefen war furchtbar genug.
Es herrschte für einen langen Augenblick eine beinahe unnatürliche Stille, dann richtete sich Edward an den Vater.
"Sie sind doch Anwalt, Herr Kowalsky?", fragte Edward.
Kowalsky strich sich mit seinen schlanken, zitternden Händen durch das lichte, leicht ergraute Haar. "Wirtschaftsanwalt", korrigierte er völlig überflüssig und wie benommen wandte er sich Joe zu, der noch immer zwischen ihnen sass. "Zeigen Sie mir bitte noch einmal die Bilder."
Joe übergab ihm sein Tablet und Kowalsky studierte jede einzelne Aufnahme, als müsste er sie für die Ewigkeit in sein Gedächtnis brennen. Kein Zweifel, das tote Mädchen war Samantha. Seine kleine Tochter Samantha. Wie aus dem Nichts tauchten Bilder aus ihrer Kindheit vor ihm auf. Er sah Samantha glücklich jauchzend auf ihrer Schaukel, die sie an einem knorrigen Apfelbaum montiert hatten und von der sie nie genug kriegen konnte. Ihre erste Zahnlücke, ihren zehnten Geburtstag an dem sie sich beim Skifahren den Arm gebrochen hatte und er sie mit viel Erdbeereis getröstet hatte. All diese Erinnerungen liessen in ihm einen Schmerz aufkeimen, der so unerträglich war, dass er nicht wusste, wie er ihn je ertragen sollte. Gleichzeitig spürte er einen tiefen Hass dem Täter gegenüber und er schmiss das Tablet unsanft neben sich auf das Sofa, sprang auf. Er trat dicht vor Edward, seine Hände drohend zu Fäusten geballt.
"Finden Sie dieses Schwein, Inspektor. Oder ich werde ihn finden und dann... dann Gnade ihm Gott!", zischte er und Edward zweifelte keinen Moment an seinen Worten.
Er konnte die Reaktion des Vaters verstehen. Hätte er eine Tochter und würde ihr das widerfahren, was mit Samantha geschehen war, er würde genau gleich reagieren.
Er wusste, dass Kowalsky sich für die Tat mitverantwortlich fühlte. Dennoch musste er seinen Rachefeldzug verhindern.
Kowalsky drehte sich ab und liess sich auf einen Sessel fallen, den Rücken nach vorne gebeugt, sein Gesicht in den Händen vergraben. Er hatte seine Tochter nicht beschützen können. Ein Vater mussteimmerseine Familie beschützen, das war einfach so. Er hatte versagt. Jämmerlich versagt. Am Samstagabend war er an einem Geschäftsessen gewesen. Hatte mit unwichtigen Menschen Champagner getrunken und Roastbeef gegessen, während irgend ein Psychopath seine kleine Tochter verprügelt, vergewaltigt und brutal erstochen hatte. Sie hatte Todesangst gehabt, unerträgliche Schmerzen, vielleicht nach ihm gerufen 'Daddy, hilf mir!' und er war genau in dem Augenblick der wirklich wichtig gewesen wäre, nicht da gewesen. Nicht einmal gespürt hatte er, dass seine Kleine in Todesgefahr gewesen war.
Tränen der Verzweiflung und ohnmächtiger Wut stiegen in ihm hoch.
Frau Kowalsky, die noch immer wie versteinert da sass und das Ganze verfolgte als wäre es eine billige Theateraufführung, sah zu ihrem Mann hinüber mit einer Mischung aus Abscheu und Erstaunen.
"Frau Kowalsky", Edward richtete sich an die Ehefrau, "ich werde Ihnen beiden nun einige Fragen stellen müssen. Geht das in Ordnung?"
Ihr Blick glitt wie in Zeitlupe von ihrem Mann hinüber zu dem breitschultrigen Inspektor der noch immer mitten im Raum stand und sie mit seinen durchdringenden Augen durchbohrte. Unsichtbare Fäden liessen ihren Kopf wie eine Marionette nicken.
"Wann haben Sie ihre Tochter zuletzt gesehen?"
Sie räusperte sich und legte die Stirn in Falten während er versuchte, sich zu konzentrieren. "Am Samstag in der Früh, gegen halb neun denke ich. Ich ging zum Tennisunterricht und Samantha sass am Frühstückstisch."
"Und Sie, Herr Kowalsky?"
"Mein Mann hatte zu dem Zeitpunkt das Haus bereits verlassen", mischte sich seine Frau ein.
"Danach haben Sie ihre Tochter nicht mehr gesehen?"
Ein stummes Kopfschütteln von beiden.
"Hat Samantha Ihnen erzählt, was sie an dem Tag vor hatte?"
"Ich glaube, sie wollte sich mit ihren Freundinnen bei Starbucks treffen."
"Sieglauben, sie wollte sich mit ihnen treffen?", fragte Edward irritiert.
Frau Kowalsky zuckte nur mit den Schultern. Wieder nahm sie diesen distanzierten Ausdruck an, den sie schon aufgesetzt hatte, als Edward und Joe vorhin zur Türe herein getreten waren.
"Ihre Tochter war siebzehn!", erwiderte Edward verständnislos. Müsste da eine Mutter nicht wissen, wo sich ihre Tochter aufhält?
"Worauf wollen Sie hinaus Inspektor?" Sie sah ihn herausfordernd an, ihre Augen begannen kampflustig aufzublitzen.
Herr Kowalsky schritt nun ebenfalls zurück zum Sofa auf dem sich seine Frau befand, und setzte sich wieder neben sie. Nicht etwa mit einem beschützenden Arm, den er um sie legte. Zu solchen Zärtlichkeiten war das Ehepaar seit Jahren nicht mehr fähig. "Sam war sehr selbständig Herr Inspektor", fügte Kowalsky den Ausführungen seiner Frau hinzu und warf ihr einen tadelnden Blick zu der Edward nicht entging. "Wir haben ihr immer viel Freiraum zugestanden damit sie sich entfalten konnte. Aber vielleicht können Sie mir erklären, was ihre völlig überflüssige Bemerkung mit dem Tod meiner Tochter zu tun hat? Finden Sie damit den Mörder schneller?" Jetzt drang definitiv der zynische Anwalt durch.
"Wir müssen uns ein Bild von ihrer Tochter und ihrem Umfeld machen können. Nur so können wir verstehen, was sich abgespielt haben könnte." Kowalsky sah ihn zweifelnd an doch Edward liess sich nicht beirren.
"Könnten Sie mir bitte die Namen und Adressen dieser Freundinnen, mit denen sich ihre Tochter treffen wollte, nennen, Frau Kowalsky?", mischte sich nun Joe ein und zückte sein Notizbuch.
"Ellie Waters und Rebecca Miller. " Kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen. "Die drei gehen zusammen ans Taylor College." Sie nannte Ihnen deren genauen Anschriften.
Joe notierte alles fein säuberlich, auch den Namen der Professoren, die Ihnen Herr Kowalsky mitteilte da seiner Frau die Namen entfallen zu sein schienen.
"Als Samantha am Samstag Nacht und auch gestern nicht nach Hause kam, wurden Sie da nicht stutzig?", frage Joe weiter.
"Nein. Das war nicht weiter ungewöhnlich."
Als Kowalsky die irritierten Blicke der Beamten bemerkte, ergänzte er schnell:
"Meine Frau ist eine vielbeschäftigte Augenärztin und gibt Vorträge in ganz Australien. Ich bin wie gesagt Wirtschaftsanwalt. Ebenfalls sehr engagiert", er hüstelte überheblich. "Es war ganz normal für Samantha öfters alleine zu sein und manchmal hat sie spontan bei einer ihrer Freundinnen übernachtet."
"Ohne es Ihnen mitzuteilen?" Joe's Verständnis wurde arg strapaziert.
Nun war es an Frau Kowalsky ihm einen eisigen Blick aus zusammengekniffenen Augen zuzuwerfen. "Ich glaube nicht, dass wir Ihnen eine Erklärung schuldig sind, wie wir unsere Tochter zu erziehen haben."
"Im nachhinein betrachtet wäre es wahrscheinlich besser gewesen, wir hätten von Sam verlangt, uns jeweils bescheid zu geben, bei wem sie sich aufhielt." Kowalsky versuchte, das Image der Familie aufzupolieren und brachte dabei seine Frau gegen ihn auf.
"Was redest Du da?", fauchte sie ihn an. "Wir haben uns doch nichts vorzuwerfen!"
"Natürlich haben wir das. Du siehst ja..."
"Was? Was sehe ich? Ein Psychopath hat unsere Tochter geschnappt und brutal ermordet! Abgeschlachtet hat er Samantha! Vergewaltigt! Was zum Teufel hat unsere Erziehung damit zu tun?"
"Ihr Mann...", begann Edward einlenkend, wurde aber sogleich wieder unterbrochen.
"Sie..", Frau Kowalsky sprang auf und deutete mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger auf Edward. "Sie halten verdammt nochmal die Klappe. Alles was Sie zu tun haben, ist der Mörder meines Babys zu finden. Nicht mehr und nicht weniger. Haben wir uns verstanden?"
Damit drehte sie auf ihren steilen Absätzen um und rauschte Türe schmetternd aus dem Raum.
Für einen Moment herrschte peinliches Schweigen.
"Tut mir leid. Sie meint das nicht so." Kowalsky zupfte an seiner Krawatte. "Sie ist einfach ziemlich durcheinander."
Edward winkte ab, nicht interessiert weiter auf die für ihnen seltsam gefühlsarmen Verhältnisse der Familie Kowalsky einzugehen. Er hatte einen Fall zu lösen und da waren noch ziemlich viele Fragen offen.
"Herr Kowalsky, hat sich Ihre Tochter in den letzten Tagen seltsam verhalten? Gab es einen neuen Freund oder jemanden, den sie vielleicht kennen gelernt hatte?"
Kowalsky schüttelte den Kopf. "Nicht, dass ich wüsste. Sie war wie immer."
"Gab es vielleicht einen rachsüchtigen Ex-Freund? Wurde sie bedroht?"
"Nein..nein. Sie hatte keinen Ex-Freund. Sie..sie ist..war meine ich, überall sehr beliebt."
Er sah Edward hilflos an. "Hören Sie Inspektor Lampard. Das alles macht absolut keinen Sinn. Niemand hatte einen Grund meine Tochter zu ermorden."
Wieder strich er sich mit der Hand durch die Haare.
"Ich verstehe", erwiderte Edward. Er hatte fürs Erste genug gehört.
Auf dem Weg zur Tür verabredete Edward mit Kowalsky noch einen Termin bei der Gerichtsmedizin zur Identifikation der Leiche. "Das muss leider sein."
Kowalsky nickte während er sich erschöpft die Augen rieb. Die Bilder waren scheusslich genug gewesen. Seine Tochter kalt und leblos auf einem Tisch liegen zu sehen, würde nochmal etwas anderes sein. Er hatte noch eine Ahnung, wie er diesen furchtbaren Anblick ertragen sollte.
Draussen bei den Wagen konnte sich Lizzy nicht länger zurückhalten. Die drahtigen Zöpfe der jungen Frau, hüpften auf und ab. "Was für ein schreckliches Paar", zischte sie. "Was für eine gefühlskalte, furchtbare Mutter! Ich fasse es nicht. Ihre Tochter war verdammt noch mal erst siebzehn Jahre alt. Siebzehn!" Sie schlug ausser sich vor Wut mit der flachen Hand auf das Autodach. Jimmy Redcliff, der stets besonnene, nachdenkliche junge Polizist konnte seine Kollegin nur unterstützen. "Es würde mich nicht wundern, wenn sich herausstellen würde, dass Samantha alles andere als das brave Mädchen war, für die sie ihr Vater zu halten schien."
"Wie siehst du den aus?", Marianne, von allen nur Marie genannt, trabte neben Melanie her. Sie hatte mit ihren kurzen Beinen Mühe mitzuhalten.
"Wieso?", fragte Melanie, verlangsamte ihren Laufschritt für einen Moment und drückte ihre Schulbücher noch fester an sich. Sie sah Marie misstrauisch an und sprang gleich zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppen zum Taylor College hinauf.
"Total beschissen eben", keuchte Marie, als sie endlich auch oben ankam.
Melanie warf Marie einen wütenden Blick zu. "Danke. Das ist genau das, was ich jetzt hören wollte!"
Marie stiess ihre Freundin mit dem Ellbogen an. "Sei doch nicht so zimperlich! Ich mach mir eben Sorgen um dich, das ist alles. Was ist den nur los mit dir? Hast du einen Geist gesehen oder was?"
Melanie verzog ihren Mund zu einer Grimasse, wollte etwas erwidern, liess es dann aber doch sein. Sie riss die Türe des College auf und stürmte den langen Flur entlang, in die dritte Etage hoch.
"Na gut, wie du willst." Beleidigt riss Marie einen Schmollmund, lief jedoch weiterhin neben ihrer Freundin her. Ihr Schweigen hielt wie erwartet nicht lange an und schon sprudelte es erneut aus ihr heraus: "Hast du das von Samantha gehört?"
Die Neuigkeit der Ermordung ihrer Mitschülerin war die Sensation gestern Abend gewesen. Seitdem in den Nachrichten darüber berichtet wurde, liefen die sozialen Netzwerke und Smartphones heiss. Marie war da keine Ausnahme. Sie liebte Klatsch und konnte nicht genug davon kriegen. Rote Flecken säumten ihren Hals, ihre Augen glänzten aufgeregt während ein wohliger Schauer über ihren Rücken lief. Natürlich hatte sie Samantha gekannt. Also nicht richtig gekannt. Nur so vom sehen und hören. Aber das war ja total nebensächlich.
Ein Mord, an ihrer Schule, wie spektakulär! Marie seufzte auf.
Melanie blieb so ruckartig stehen, dass Marie in sie hinein knallte und ihr der Rucksack zu Boden fiel. "Verdammt Mel, was ist nur mit dir los?", fragte sie ungehalten während sie sich bückte.
Melanie sah auf ihre Freundin hinunter und blickte sich rasch um. "Ja natürlich hab ich von Samantha gehört." Es hatte nicht mehr allzu viele Schüler in den Gängen, da der Unterricht bereits begonnen hatte zu dem sie nun ganz sicher zu spät kommen würden. Was spielte das jetzt noch für eine Rolle, dachte sich Melanie. Sie fühlte sich ausgepumpt und müde. Die ganze Nacht war sie wach gelegen nachdem sie von dem Mord erfahren hatte.
"Und, was sagst Du dazu? Meinst du sie wurde so richtig brutal vergewaltigt?", Marie dehnte das Wort sensationslüstern in die Länge. "Ob es jemand von hier gewesen war?" Ihre Stimme überschlug sich vor Aufregung während ihre Augen weit aufgerissen waren. Den Unterricht hatte sie längst vergessen.
Melanie runzelte die Stirn. Noch zögerte sie. Aber wen, ausser Marie, hatte sie sonst um sich anzuvertrauen? Sie war eine Streberin mit guten Noten in Physik. In Physik! Das machte einem nicht gerade populär bei den anderen Mädchen. Deshalb packte sie Marie schliesslich unsanft am Oberarm. "Ich sag Dir jetzt etwas, aber du musst schwören, dass Du es für dich behältst", flüsterte sie deshalb geheimnisvoll.
Marie wollte sich gerade über den zugefügten Schmerz beschweren, doch der ernsthafte Gesichtsausdruck von Melanie liess sie in letzter Sekunde verstummen. Sie ahnte, dass ihr Melanie etwas Ernstes mitteilten würde. Deshalb nickte sie nur stumm. Zu aufgeregt, um sprechen zu können.
"Ich weiss, wer Samantha umgebracht hat." Jetzt war es gesagt und Melanie fühlte sich auf seltsame Weise erleichtert.
Entsetzt starrte Marie sie an. Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Ihr etwas rundliches Gesicht wirkte noch runder, der Mund war leicht geöffnet. Kleine Schweissperlen hatten sich auf ihrer Oberlippe gebildet. Das war ja ein Knaller! Der absolute Wahnsinn!
Sie brauchte einige Sekunden um das Gehörte zu verdauen. Dann schluckte sie schwer und flüsterte heiser: "Waas? Wer? Ich verstehe nicht - von was redest Du?"
Und Melanie erzählte ihr in groben Zügen was sie am Freitagabend im Auto von Randy erlebt hatte.
"Du meinst also.. ?"
