TODESKUSS - Sam Stone - E-Book

TODESKUSS E-Book

Sam Stone

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9,99 €

Beschreibung

Gabriele ist ein Vampir alter Schule, schlank, gut aussehend, aber tödlich – kreuzt man seinen Pfad und ist zudem jung, hübsch und weiblich. Als Student getarnt, mischt er sich an der Uni in Manchester unter seine Kommilitonen auf der Suche nach seinem jährlichen Festmahl. Denn um überleben zu können, braucht er … frisches Blut. Dabei trifft er auch auf die bildschöne Lilly. Gemeinsam verbringen sie eine blutige Nacht … Doch dann begegnet er erneut seiner Schöpferin Lucrezia, die ihn vor vierhundert Jahren in Florenz zum Vampir gemacht hatte. Gabriele muss sich seiner Vergangenheit stellen, und so manche Gefahr überstehen, will er weiterleben.

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EPUB

Seitenzahl: 380

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Sam Stone

Todeskuss

Band 1 der Trilogie

Vampir-Gen

Aus dem Englischen übersetzt vonAngelika Timme, Gunter Olschowsky

Todeskuss

Bucheinband.de

Ines Neumann

2013

Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Killing Kiss«

1. Auflage 2013

Copyright ©der englischen Originalausgabe by

Sam Stone 2008

Copyright ©der deutschen Ausgabe by

Bucheinband.de, Ines Neumann 2013

Titelbild: Jiuling Pasternak

Gesamtherstellung: Bucheinband.de

ISBN der Taschenbuchausgabe: 978-3-938293-39-3

ISBN der eBook-Ausgabe: 978-3-938293-40-9

Printed in Germany

2013

sam.stone.bucheinband.de

1 Hunger

Vorfreude.

Ich mische mich unter die vielen neuen Studenten, die sich durch die Türen des Foyers ergießen und nach dem Hörsaal suchen. Das Gebäude ist groß und reizlos – ich habe keine Lust es zu beschreiben – außer vielleicht, dass es mehrere Hörsäle darin gibt, in die dreihundert Studenten auf einmal hineinpassen. Ich kenne die Universität gut.

Auf diesem Campus bin ich schon früher gewesen, allerdings nicht in diesem Gebäude, das recht neu ist, trotz des schäbigen und abgenutzten Teppichs. Es sind diese neuen Gebäude, die das Wesen aus diesem besonderen Ort herausreißen und mir damit das bestätigen, was ich von dieser modernen Welt halte: Sie haben kein Herz. Keine Seele. Diese Gebäude sind einfach nur riesige, fantasielose Schachteln.

Erwartung.

Die Menge bewegt sich jetzt langsamer. Wir werden durch eine Schleuse gefiltert, die ebenfalls neu sein muss. Ein Team aus drei Wachleuten inspiziert uns, zwei Männer und eine Frau.

Ein langer, dünner Kerl drängelt sich in großer Eile an mir vorbei. Er ist nicht nur ungepflegt wie alle Studenten, sondern auch noch schmutzig.

»He, Dan! Warte.«

Ich erschaudere, als seine gepiercte Zunge die Worte dämpft.

Als er sich dem Kontrollpunkt nähert, schaut ihn einer der Wachmänner mit Verachtung an, verlangt aber nicht seinen Pass. Ich bin enttäuscht, als mir die Frau zulächelt und mich durch das Drehkreuz winkt. Meine Papiere sind in Ordnung, wie immer, aber ich liebe es, sie vorzuzeigen, und der Adrenalin-Rausch hätte mir Spaß verschafft. Niedergeschlagen folge ich dem schmutzigen Studenten, bis der eine Tür mit der Aufschrift ›Hörsaal 3a‹ aufstößt.

Jedes Mal, wenn die Tür zum Hörsaal aufgeht und sich mit einem schrillen Quietschton wieder schließt, weil ein neuer Student den Raum betritt, dringt ein Schwall unverständliches Geplapper heraus.

Ich warte und hoffe auf den dramatischen Auftritt eines Zuspätkommenden, während ein Strom von Mädchen in Tennisschuhen an mir vorbeirauscht. Die Korridore leeren sich in einem überstürzten Gedrängel. Ich schaue mich um. Niemand weit und breit, deshalb verweile ich noch etwas länger und genieße ihren Duft wie ein paarungsbereites Tier, bis ich es nicht länger aushalten kann. Mit dem Finger verfolge ich die Maserung in der Holztür; ich rieche sie drinnen, aber quäle mich noch etwas länger, indem ich auf einen dünnen Papierzettel schaue, den ich fest in der Hand halte: Meinen Stundenplan. Carolyn war irgendwo da drinnen. Carolyn … meine neue Flamme. So ein schöner Name – so ein schönes Mädchen.

Erwartung.

Den Stundenplan zerknüllend, gehe ich auf die Tür zu, um sie aufzudrücken. Aber in diesem Moment kommt eilig ein Mädchen um die Ecke und stößt mit mir zusammen. Sie lässt ihre Bücher fallen und schlägt mir dabei den Zettel aus der Hand. Ich ärgere mich über mich selbst wegen meiner lüsternen Geistesabwesenheit. Ich hätte sie eher bemerken müssen.

»Oh Mann«, sagt sie.

Instinktiv knien wir beide nieder und fangen an, unsere Sachen aufzusammeln. Dabei berühren sich unsere Hände. Feuer schießt durch meine Adern wie ein unkontrollierbarer Ausbruch an Lust. Ich zucke zurück, als ob ich mich verbrannt hätte. Ihre Augen leuchten wie geschliffene Smaragde, als sie einen betörenden Augenblick lang in die meinen schaut.

Allein durch meine Berührung ist sie wie von einem Schock gelähmt. Ich weiß, dass ich ›normal‹ aussehe. Ich habe Nachforschungen betrieben, auch ich trage die gleichen Sachen wie die anderen: Jeans, T-Shirt und Turnschuhe.

Das künstliche Licht verfängt sich in ihrem weichen, goldblonden Haar und wird von den feinen weißen Strähnen, die ihm Tiefe verleihen, reflektiert. Ihre Aura ist ungezähmte Energie, die um ihren Kopf herum knackt und knistert, leuchtend und stark – einzigartig. So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Ich weiche zurück. Sie hält das für männlichen Anstand, während sie weiter ihre Bücher aufsammelt. Aber es ist eher so, dass ich durch sie verwirrt bin.

»Danke.« Ihre Stimme ist voller Gefühl, aber ich kann in ihr auch einen Anflug von Sarkasmus wahrnehmen. Mm. Ich will mehr hören.

»Gern geschehen.«

Überrascht und verwirrt vom musikalischen Tonfall meiner Stimme schaut sie zu mir auf. Ich habe früher schon einmal diese Wirkung auf ein paar mitfühlende Seelen gehabt, und sie haben mich immer fasziniert, aber so habe ich mich noch nie gefühlt. Wir gleiten zusammen in den Raum. Ich warte darauf, dass ihre Aura auf mich überschwappt. Aber dieser etwas traurige Versuch, ihre Psyche einzufangen, schlägt fehl, da sie schnell davoneilt und sich einen Platz ziemlich weit vorn im Hörsaal sucht. Noch weiß ich gar nichts über sie, außer dass sie … anders ist. Und sehr stimulierend.

Begierde strömt durch meine Adern. Ich bin äußerst erregt nach einer unfreiwilligen Ruhepause. Mein Herzschlag pocht bis in die Ohren. Ich muss erst einmal tief Luft holen, ein paar kühlende Atemzüge nehmen. Ich zwinge mich, meine Augen von dem aufrechten Rücken abzuwenden, eigentlich zu graziös für einen ›Studenten‹ – und ich hatte schon viele gesehen. Wer ist sie? Da ist so viel von ihr, dass … aber nein. Ich zwinge mich, ihr Ebenbild, das sich bereits tief in meinem Gehirn eingeprägt hat, wieder loszuwerden und schüttele den Kopf.

Das Rauschen in meinen Ohren lässt nach, da auch das Verlangen nach jungem Blut, auf das ich eben noch scharf war, allmählich wieder abklingt. Ich atme tiefer. Das Gefühl der Unwirklichkeit schwindet. Ich darf mein Ziel nicht aus den Augen verlieren. Ich schaue mich um und auf die Sitzreihen, die nach unten abfallend in diesem großen Saal angeordnet sind. Ganz unten befindet sich ein Podium mit einem Mikrofon. Der Dozent, das muss Professor Francis sein, spielt an seinem grauen Bart und wartet ungeduldig, während die Studenten laut schwatzend dasitzen.

Weiter vorn sehe ich die zwei Studenten vom Flur, Dan und seinen gepiercten Freund in Khaki-Klamotten, der jetzt sein schmutzig aussehendes Jackett auszieht und es dann unterm Sitz verstaut.

Ich lenke mich ab, indem ich mich umschaue. Ich sehe Carolyn in der dritten Reihe von hinten und zwänge mich schnell auf einen Platz gleich hinter ihr, bin aber immer noch abgelenkt.

Vielleicht war es ein Fehler, von so vielen vitalen jungen Menschen umgeben zu sein? Meine Augen werden erneut von der Blondine angezogen. Sie ist üppig und auffällig, und überhaupt nicht mein Typ. Ich schaue nach vorn auf Carolyns Nacken und beobachte ihre Haare, wie sie unter ihrem langen Pferdeschwanz hervorquellen. Sie reibt mit der Hand an ihrer Kehle und um ihren Hals herum – einladend – bevor sie sich eine blassrosa Jacke überzieht.

»Es ist kalt hier drinnen«, sagt sie.

Ich lächle. Ich habe nun mal diese Wirkung auf Frauen.

»Das ist die Klimaanlage. Sie dreh’n die volle Pulle auf. Sogar im Winter. Ich vermute, sie glauben, dass wir Studenten nichts anderes als schwitzende Körper und Hormone sind«, sagt das Mädchen neben ihr. Ich taxiere sie, während sie weiterspricht; dunkel, mager und reizlos, mit dünnen Lippen und wässrigen Augen. Sie ist sehr sprachgewandt. Offensichtlich privilegiert, versucht sie aber dennoch zu rebellieren. Vielleicht bleibt ihr nur das, um ihre Second-Hand-Kleidung und ihren fürchterlichen Modegeschmack zu entschuldigen.

Carolyn lacht.

»Jeder über Dreißig denkt so! Du solltest mal meinen Dad hören. Er hat mir diesen ellenlangen Vortrag über die lüsternen Jungs auf dem Campus gehalten.«

»Meiner auch.«

»Das hat meiner auch gemacht«, sage ich und lehne mich nach vorn, während die Mädchen sich voller Interesse und Gekicher zu mir umschauen. »Ich bin Jay.«

»Carolyn. Sag einfach Caz. Das ist Alice.«

»Hi. Sagt mal, sind die Gerüchte wahr?«

»Welche Gerüchte?«, fragt Alice.

»Unser Dozent, Professor Francis … man sagt, er sei von der Gothic-Literatur des neunzehnten Jahrhunderts besessen, weil er sich für einen Nachfahren von Dracula hält.«

Carolyns Kichern gefällt mir. Alice zwinkert provokativ mit ihren kurzen, dicken Wimpern. Ich entmutige sie nicht; Konkurrenz wird meiner zukünftigen Geliebten gut tun.

»Das ist mir neu.« Alice lacht. »Ich dachte, es sei eher Doktor Frankenstein.«

»Jeder weiß, dass der nur eine fiktive Romanfigur ist, die sich Mary Shelley ausgedacht hat.«

»Sag bloß nicht, du glaubst an Vampire?«, flirtet Carolyn.

»Die große Frage ist – tust du es?« Ich lächle.

Befriedigt bemerke ich, wie leichte Röte in ihre schönen Wangen steigt. Ich kann ihr Blut beinahe riechen, während es durch ihren Körper fließt. Mm. Genau, wie ich es mir gedacht habe – sie ist noch Jungfrau. Ich lehne mich auf meinem Sitz zurück, da nun die Vorlesung beginnt, und für einen kurzen Augenblick treffen meine Augen die der Blondine vom Gang, als sie mit undurchdringlicher Miene zu mir herüberschaut.

Ich frage mich, wie lange sie mich schon beobachtet hat. Ihre wissenden Augen sind mir irgendwie quälend vertraut. Sie dreht ihren lieblichen Kopf weg und richtet ihre Aufmerksamkeit ganz auf den Dozenten. Mit ihrer geschmeidigen Hand, an der lange Fingernägel prangen, wirft sie ihr volles Haar zurück. Ihre Bewegung ist verführerisch und einladend zugleich. Wirkt aber nicht bei mir. Sie ist definitiv nicht mein Typ. Auch wenn ich meine Augen nicht von ihr wenden kann, so wie viele der anderen Jungen, die sich häufig in ihre Richtung drehen. Ich scheine ebenso fasziniert von ihr zu sein, wie jeder andere Student in diesem Saal. Ihre Sexualität wirkt wie eine Fackel inmitten eines Meeres aus Pheromonen.

Um mich abzulenken, lehne ich mich nach vorn zu Carolyn und Alice, die über meine Scherze kichern.

»Sie werden feststellen, dass der Kurs eine Auswahl an Literaturtexten behandelt, die von den frühen Shakespeare-Dramen bis hin zu zeitgenössischen Arbeiten der Schriftsteller von Gothic-Literatur des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts reicht, wie Anne Rice, Stephen King, Dean R. Koontz …«

»Seht ihr … hab ich doch gesagt. Er ist ein heimlicher Gothic.«

Alice lacht laut auf, als Professor Francis missbilligend auf die sich umdrehenden Köpfe der anderen Studenten schaut. Die Aufmerksamkeit des Professors und der Studenten ist für die beiden Mädchen einfach zu viel, die vor lauter Gekicher beinahe platzen. Tränen strömen jetzt aus ihren Augen in dieser eher peinlichen Ekstase. Francis ignoriert sie. Er ist offensichtlich an die Tollheiten neuer Studenten gewöhnt. Die Blondine grinst, während sie zu uns rüber schaut, und schüttelt den Kopf, als ob sie diese jugendliche Hysterie verstehe. Ich erwidere ihr Lächeln, bis mir die Kinnbacken schmerzen. Als sie sich wieder umdreht, ist mir, als ob ich dem Strahl eines sehr starken Lasers entkommen bin. Dennoch, sie ist echt nicht mein Typ.

2 Bordell

Vom Dach meines Apartments schaue ich in die Nacht und fühle den Druck des Verlangens in meinen Lenden. Carolyn wird meine kranken Gelüste schon bald befriedigen. Bis dahin werde ich weiter um ihre Vorgängerinnen trauern: Sophia, Maggie, Anthea, Tonya, Amanda. Die Liste scheint endlos, aber nicht eine habe ich vergessen. Wie alle Serienkiller sammle ich Trophäen, ein kleines Andenken an jede von ihnen, eine Locke ihres schwarzen Haares in einem individuellen Anhänger. Ich habe Hunderte von ihnen. Die letzten Überreste meiner Liebe zu ihnen sind voll sichtbar ausgestellt, in Glasvitrinen, obwohl mein Herz schmerzt, wenn ich sie sehe.

Carolyns Medaillon ruht an meiner Brust und wartete darauf, gefüllt zu werden – wie ich auch. Aber zuerst muss ich sie kennenlernen. Obwohl das meinen Schmerz erhöht, wird die Freude, sie zu lieben, die Ekstase des letzten Augenblicks erhöhen. Wer weiß, vielleicht wird es mir dieses Mal gelingen.

Die Nacht gehört mir. Wenn wir Vollmond haben und die Sterne wie Millionen wachsame Augen auf die Erde schauen, dann ist die Nacht meine Stärke und zugleich meine Schwäche. Alle Nächte des Jahres, bis auf eine, bleibe ich allein. Wären es mehr, fürchte ich, dann könnte mein Geheimnis aufgedeckt werden. Wie in den meisten Horrorgeschichten ist die Realität viel verstörender. Ich kann gehen, wohin ich will, und leben, wie ich will. Nichts kann mich zerstören. (Wie bizarr zu denken, dass ein Pflock durchs Herz gestoßen, einen von uns töten könnte.) Bisher ist jede meiner Verletzungen geheilt, also warum sollte ich denken, dass ich verletzbar sei? Ich lebe jetzt seit über vierhundert Jahren und seit meiner Verwandlung suche ich nach einer Partnerin, einer Gefährtin für meine Seele; aber bisher war jede Vereinigung eine Enttäuschung. Vielleicht ist es mein Fehler, vielleicht bin ich unfruchtbar. Tief drinnen weiß ich, dass es unwahrscheinlich ist, und auch dieses Mädchen, Carolyn, nicht überleben wird, aber ich muss es wenigstens versuchen. Selbst wenn meine Einsamkeit mir passt wie ein maßgeschneiderter Anzug, trage ich ihn doch wie eine Rüstung, hoffend, dass eines Tages meine Einsamkeit vorüber sein wird.

Carolyn ist genau das, wonach ich gesucht habe, dunkles Haar, sanfte braune Augen, zierlicher Knochenbau und eine schlanke Gestalt. Ihre Jugend ist ein Vorteil, da ihr Lebensfunke stark ist, aber da gibt es noch eine andere Flamme, ein anderes Feuer in ihr, das mich anzieht. Es ist die gleiche Flamme wie in allen anderen, aber wird sie stark genug sein?

Wie immer denke ich jetzt darüber nach, was Lucrezia zu mir zog. Hatte ich etwas von ihr Ausgehendes reflektiert? Oder war es mehr? Warum lebte ich? Vielleicht war ich all die Jahre lang glücklich gewesen, obwohl ich mich nicht so fühlte. Lucrezia war nicht meine erste Liebe, noch wird sie meine Letzte sein. Ich kann immer noch den exquisiten Schmerz fühlen, den Schmerz, das erste Mal intensiv zu lieben.

Ich erinnere mich noch, als mein Onkel Giulio Caccini seine Tochter Francesca in mein Haus in Florenz brachte. Wir sangen zusammen wunderschöne Lieder aus seiner ›Le Nuove Musiche‹ von 1602.

»Gabriele!«

»Si, ich komme, Madre.«

»Mach schnell, dein Onkel und deine Cousine kommen!«

Voller Erwartung lief ich die steinernen Stufen der Wendeltreppe des Turms herunter, die zu meinem Zimmer führte. Ich war dreizehn, meine wunderschöne Cousine Francesca war fünfzehn und ich betete sie an. Sie war das perfekte Ergebnis einer umfassenden Ausbildung, gekleidet nach der Medici-Mode mit ihrem langen schwarzen Haar, das sie nach der neuesten Mode hochgebunden trug. Aber unter dem gewaltigen Gewand, das sie für ihre Vorstellung am Hofe trug, wirkte ihr schmaler großer Körper immer noch jungenhaft. Zwei Jahre nach ihrem Debüt – sie war dreizehn Jahre alt – im musikalischen Drama ›Eurydice‹ war Francesca als Sängerin und Musikerin sehr gefragt, weil sie das Cembalo spielte und auch singen konnte.

Die Besuche meines Onkels waren dann häufiger geworden. Er war sehr interessiert an meiner Stimme und übernahm deren Ausbildung. Er hatte mich nach Rom schicken wollen, zur Kastration zugunsten meiner jungen hohen Stimme, aber meine Mutter lehnte das ab.

»Ich möchte von meinem einzigen Sohn Enkel haben!«, erklärte sie.

»Künftig besuchst du Gabriele in meinem Haus, Giulio. Ich traue dir nicht.«

»Adriana! Wie kannst du auch nur annehmen, dass ich Gabriele schaden würde?«

»Du würdest deine eigene Mutter opfern für deine Nuove Musiche!«

Ich war meiner Mutter dankbar dafür, dass sie meine künftige Manneskraft beschützte, aber mein Onkel blieb auch weiterhin entschlossen, meine Stimme zu trainieren.

»Vielleicht ist es ja möglich, seine hohe Stimme zu erhalten, wenn er lernt, sie zu kontrollieren.«

Von da an bestimmten die Rufe meines Onkels vom Cembalo her, dass ich immer ›legato‹ sang. Für ihn war ich ein Experiment, wie es auch Francescas junge Stimme gewesen war. Ich hatte keine Ahnung, dass er später einmal zusammen mit seinen intellektuellen Florentiner Freunden, den ›Camerata‹, als der Erfinder des Melodramas in der Musik gelten würde, und damit die Oper geboren wurde.

Francesca hatte häufig die hohen Noten für mich übernommen, weil mein Onkel wollte, dass meine männliche Stimme für immer hoch blieb. Ich ahmte die Stimme meiner Cousine mit solcher Perfektion nach, dass mein Onkel erst gar nicht merkte, dass ich im Stimmbruch war und die Falsettstimme nur benutzte, um ihm zu gefallen. Ich war schon fünfzehn, als er die Wahrheit erfuhr, und glücklicherweise hatte sich meine Stimme bis dahin in einen kräftigen und kontrollierten Tenor gewandelt, der ihm auch sehr gefiel.

»Siehst du, Adriana, dein Sohn singt immer noch hoch, aber mit der Stimme eines Mannes.«

Mit fünfzehn war ich hoffnungslos in Cousine Francesca verliebt. Ich lächelte sie an, wenn sie mich auf dem Cembalo begleitete, aber sie senkte ihren Blick und errötete, als sie die unverhüllte Liebe in meinem Blick erkannte. Dies war das erste Mal, dass ich eine Frau erröten sah, und ich war fasziniert. Ich wollte wissen, was es bedeutete. Als Einzelkind, ohne Vater aufgewachsen – da meine Mutter schon kurz nach meiner Geburt verwitwet war – gab es nur wenige Männer, mit denen ich hätte sprechen können.

»Onkel, warum erröten manche Frauen?«, fragte ich eines Tages zögernd, als wir allein waren. Mein Onkel hörte auf zu spielen und sah mich mit ernstem Blick an. Für einen Moment fürchtete ich, dass ich eine unangebrachte Frage gestellt hatte.

Langsam schlich sich ein wissendes Lächeln auf seine Lippen und er schob seinen Stuhl zurück und erhob sich. Mit seinem Arm um meine Schultern beugte er sich zu meinem Ohr und flüsterte: »Gabriele, es ist an der Zeit, dass du und ich ein nettes kleines Haus besuchen, das ich kenne. Dort wirst du lernen, warum manche Frauen erröten und andere nicht.«

Also nahm mich mein Onkel mit in ein Bordell. Es war ein großes Haus, nicht ein kleines, auf der St. Giovanni Piazza, mit einem großen imposanten Tor, das zur Straße hin offen stand. Kerzenlicht und Musik begrüßte uns, als wir die Marmorstufen hinaufstiegen. Mein Herz schlug voller Angst und Aufregung laut in meiner Brust, und ich fragte mich, was wir drinnen finden würden.

Ich sah den symmetrischen, doppelten Treppenaufgang hinauf, der einzige Schmuck des Eingangs, mit der Ausnahme eines großen Buntglasfensters über einem Balkon, der die beiden Treppen auf halber Höhe vereinte. Nichtsdestotrotz war dies der eleganteste Eingang, den ich je gesehen hatte mit seiner hohen Decke, die sich bis zum obersten Stock des Hauses erstreckte.

»Dies ist Madame Fontenot«, sagte mein Onkel und nickte einer dickbusigen Frau zu, deren Busen den Eindruck erweckte, als hätte er Mühe, in ihrem zu engen Kleid zu bleiben.

»Signor Caccini, wie schön Sie wieder mal hier bei uns zu sehen. Wer ist dieser hübsche junge Mann?«

»Mein Neffe. Er braucht … Erfahrung, Madame.«

»Aber sicher doch. Jeder junge Mann braucht das. Ich habe genau das Richtige für ihn.«

Sie geleitete uns schnell durch einen riesengroßen Salon, in dem ein florentinischer Gentleman in reich verzierter Seidenkleidung – bestehend aus einem engen, gefütterten Jackett und Leggins – mit einem Glas Wein in der Hand saß, während eine attraktive Hure mit olivfarbener Haut zwischen seinen Beinen kniete. Sie drückte sich an seine Brust und ihre zierlichen Hände reichten hinunter, als sie damit die Vorderseite seiner Kniebundhose massierte. Ich wendete mich von dem erregten Blick des Mannes ab, als er seine dicken Hände um ihren Hals legte und sie an sich zog und ihr einen schmatzenden Kuss auf ihre angemalten Wangen gab. Seine feuchten Lippen hinterließen einen glänzenden Abdruck auf ihrem Gesicht und ich wunderte mich, wie sie sich zurückhalten konnte, um seine Spucke nicht abzuwischen. Frauen aller Schattierungen und Größen gab es zu sehen, und sie alle trugen nicht mehr als dünne Streifen teurer durchsichtiger Stoffe.

Eine kleine Blonde saß in einer Ecke, ihr langes Haar halb über ihr Gesicht drapiert und ich sah, dass sie etwas mehr Kleidung trug als die anderen. Sie stand auf, als ein reicher Kaufmann in einer plüschigen goldenen Tunika sich ihr näherte, und ich erkannte, dass diese Welt, in die mich mein Onkel gebracht hatte, sehr fremd und sehr anders war. Die linke Seite ihres Gesichtes und Körpers war voller Narben, aber dieser Mann wollte sie trotzdem. Vielleicht genau deshalb, weil sie so entstellt war. Er grapschte nach ihr und überschüttete ihre rauen Narben mit Küssen, während sein Gesicht vor Erregung langsam rot anlief.

Mit den ersten Blicken, die ich auf diese halb bekleideten Frauen warf, fühlte ich mich selbst erröten und erinnerte mich an die Scham meiner Cousine vor einigen Tagen. Komisch. Konnte das bedeuten, dass ich ihr gefiel? Ein Druck in meinen Lenden wuchs und ich wurde mir einer Schwellung in meiner Kniebundhose aus Brokat bewusst.

Madame Fontenot führte uns weiter durch den Salon in einen Alkoven, der durch einen schweren Samtvorhang vom übrigen Raum abgetrennt war. Diese Nische war recht tief und darin fanden wir eine Chaiselongue bedeckt mit einem roten Seidenüberwurf, der mit goldenem Brokat abgesetzt war. Daneben gab es einen kleinen runden Tisch, auf dem eine Karaffe mit Wein und zwei Gläser standen.

»Gentlemen, bitte setzen Sie sich doch. Ich werde gleich mit meiner Empfehlung zurückkehren.«

Mein Onkel machte sich sofort über den Wein her und goss uns zwei Gläser ein. Er reichte mir meines und ich erinnere mich kaum, es genommen und es an meine Lippen geführt zu haben. Hektisch trank ich und kippte den Wein zwischen meine zitternden Lippen.

»Ich kenne alle Frauen hier, Gabriele, sie sind jung und sauber. Wie magst du sie am liebsten?«

»Schlank«, flüsterte ich.

»Nun, wir werden sehen. Ich selbst bevorzuge fülligere Frauen.«

Madame Fontenot kehrte mit einem hübschen jungen Mädchen mit erfahrenem Blick zurück. Sie drängte sich lasziv an mich, streichelte mein Haar mit ihren braunen Händen.

»So hell. Bist du kein vollblütiger Italiener?«, schnurrte sie auf meinem Knie sitzend, ihre Zunge schlüpfte über meine Wange und um mein Ohr herum.

Voller Ekel schubste ich sie von mir und sie rutschte auf den Boden, vor Angst und Schmerz aufschreiend.

»Nein«, sagte ich unschuldig. »Diese hier nicht.«

»Eine Jungfrau. Das könnte eine große Aufgabe werden, Gabriele«, seufzte mein Onkel.

Das Mädchen beschwerte sich laut auf dem Boden sitzend, sie war Zurückweisung nicht gewohnt. Mein Onkel steckte ihr schnell ein Goldstück zu, tätschelte ihren Kopf beruhigend und drückte ihre Brust, bevor er sie wegschickte, um Madame zu holen.

Es folgten einige Minuten geflüsterter Konversation zwischen meinem Onkel und Madame außerhalb des Alkovens.

»Eine Jungfrau? Aber wie will er …?«

»Können Sie eine besorgen, Madame?«

»Vielleicht, aber nicht heute Nacht, Signore … vielleicht in einigen Tagen …«

Mein Onkel kehrte zurück und nahm seinen Hut auf, den er auf das Sofa gelegt hatte. Ich stellte mich neben ihn, entschlossen zu gehen, wie ich gekommen war, da die Atmosphäre dieses Ortes mir Übelkeit bereitete. Wir hoben den Vorhang hoch und da erblickte ich das erste Objekt meiner sexuellen Begierde, wie sie im leeren Alkoven genau gegenüber vorsichtig eine leere Karaffe mit Wein auffüllte. Ihr Haar hatte die gleiche rabenschwarze Farbe wie das Haar meiner Cousine und sie war jung und hübsch und eindeutig eine Dienerin und keine Kurtisane. Sie sah nervös auf, als sie meinen Blick auf sich fühlte. Eine pinkfarbene Röte breitete sich auf ihren Wangen aus. Sie drehte sich um, um schnell zu verschwinden.

»Sie«, flüsterte ich.

»Sie ist nur eine Dienerin«, japste Madame überrascht. »Ihre Hände sind rau. Sie ist nicht für meine Kunden geeignet …«

»Dann werden wir nicht länger ihre Kunden sein, Madame«, erklärte mein Onkel mit Nachdruck.

»Bitte Signore«, presste sie zwischen den Lippen hervor und hatte Schwierigkeiten beim Atmen, als sie uns zum Ausgang brachte. »Wenn ich das tue, wird keine Mutter mehr ihrer Tochter erlauben, in meiner Küche zu arbeiten. Ich mache Versprechungen … ich kann nicht …«

Im vorderen Empfangsraum griff mein Onkel nach der Türklinke und öffnete die Tür, die kaum quietschte. Sie öffnete sich.

»Ich denke, ich kann die Besucher des Grafen nicht mehr hierher schicken, Madame …«, sagte mein Onkel, als er mich hinausgeleitete.

»Signore! Ich habe Sie doch immer gut bedient. Immer. Alles, was meine Kunden brauchen, besorge ich. Ich finde sicherlich ein passendes Mädchen für Sie … aber nicht die Dienerin.«

»Gabriele?« Der fragende Blick meines Onkels traf meinen bestimmten und sturen Blick.

»Nein, ich will nur diese«, sagte ich, als wir die Eingangstür erreichten.

Wir begannen, die Treppen hinab zusteigen, als mein Onkel den Hut auf seinen Kopf quetschte; unter dem Gewicht seiner Hand wurde die Feder geknickt.

»Na gut.« Wir blieben stehen und wendeten uns zu Madame, die jetzt keuchte. »Vielleicht kann ich … ihre Mutter ist krank. Ich könnte sie vielleicht zugunsten der Familie … dazu bringen … aber es wird viel teurer sein als üblich. Diese hier ist verlobt, wissen Sie?«

»Arrangieren Sie es. Mein Neffe soll haben, was er will.«

Ich wurde wieder nach oben geleitet und nicht nach unten zur Eingangshalle und Madame führte mich einen langen Korridor hinunter, der vom oberen Treppenabsatz in einen wunderschönen überladenen Salon abzweigte. Die Wände waren mit Malereien verziert, die nackte Männer und Frauen bei Beschäftigungen darstellten, die, wie ich annahm, heute Abend noch meine eigenen Extravaganzen werden würden. Meine Leggins und meine Kniebundhose beulten sich wieder aus, als ich auf die Malereien schaute, aber als ich allein war, überkamen mich Zweifel an dem Vorhaben.

Nervös wanderte ich durchs Zimmer und fragte mich, ob ich auf dem Stuhl sitzen und aus dem Panoramafenster schauen oder mich auf das luxuriöse Himmelbett setzen sollte. Neben dem Bett stand ein reich verzierter Wandschirm, der den Raum teilte und so eine Ankleidenische mit Wanne bildete.

Die Zeit verging, als ich wartete. Ich fiel in eine angespannte Starre, saß am Fußende des Bettes, als wäre dies mein letzter Tag auf Erden, bis mich dann endlich ein scharfes Klopfen an der Tür in die Gegenwart zurückholte.

»Herein«, antwortete ich mit quietschender, hoher Stimme.

Ein schwarzer Mohr kam herein und brachte eine frische Karaffe. Ich sah ihn ein bisschen ängstlich an, da ich niemals zuvor jemanden wie diesen Riesen mit seiner schwarzen Haut und seinen nachtschwarzen Augen gesehen hatte. Mit weit aufgerissenen Augen beobachtete ich, wie er den Wein auf das Tischchen neben dem Bett stellte, sich verbeugte und leise wieder verschwand. Ich füllte ein Glas und vergoss einen Teil der burgunderfarbenen Flüssigkeit auf das verzierte silberne Tablett. Dann hob ich das Glas an meine trockenen Lippen, verzweifelnd versuchend, meine aufgebrachten Nerven zu beruhigen.

Dann trat sie ein – ich hatte die Tür kaum aufgehen gehört … ein zitterndes Wrack, gewaschen und gekämmt, ein einfaches weiße Kleid tragend. Ich stellte mein Glas ab und ging ihr unsicher entgegen. Ihr dunkles Haar umspielte weich ihre Schultern; langes Haar, wie ein schwarzer, glänzender Umhang. Als ich mich ihr näherte, zitterte sie, ihren Blick zum Boden gesenkt, nicht etwa bescheiden, sondern zu verängstigt, um mich anzusehen.

»Komm her.«

»Ja, Signore.« Ihre Stimme zitterte, aber sie kam langsam auf mich zu. Das weiße Kleid fiel auf und enthüllte meinem hungrigen Blick ein schlankes Bein. Ein weiterer Schritt entblößte kurz ein dunkles Dreieck zwischen ihren Schenkeln, bevor sie das Kleid hastig zusammenraffte. Ich nahm ihre Hand und fühlte, wie rau sie von der harten Arbeit in Madame Fontenots Waschküche war. Parfümiertes Öl war sorgfältig in ihre Hände massiert worden, um sie weich zu machen. Sie setzte sich vorsichtig auf die Kante des Bettes neben mich und ich griff nach dem Glas, welches absichtlich auf der Ecke des Tisches stand. Nachdem ich es wieder aufgefüllt hatte, hielt ich es ihr hin und ermutigte sie zu trinken. Sie schüttelte den Kopf und sah mich kurz an, während ich die Stirn runzelte.

»Ich trinke nicht, Signore.«

»Es nimmt dir die Angst …«

Ich drängte das teure Kristallglas in ihre zitternden Hände und hob es an, bis sie einen Schluck nahm. Ihre Nase kräuselte sich von dem Geschmack.

»Mehr«, drängte ich sie, wissend, dass die starke Flüssigkeit sie beruhigen und entspannen würde. Schließlich leerte sie das Glas und ich füllte es gleich wieder auf. Wieder hielt ich es ihr hin und diesmal nahm sie es willig an.

»Wie heißt du?«

»Ysabelle, Signore.«

»Ysabelle … ich bin Gabriele, … kein Signore.«

Ich küsste sie, bevor sie etwas erwidern konnte. Sie hielt sich ganz steif und war nervös, aber ich fühlte, wie sich ihre Lippen öffneten und dann wusste ich, dass ihr dies auf jeden Fall nicht ganz unbekannt war.

»Wen hast du geküsst, Ysabelle?«, neckte ich sie.

Sie errötete und diese Röte auf ihren sehr weißen Wangen schien durch den Kontrast noch röter. Ich fühlte, dass ich von uns beiden der Erfahrenere war. Und da ich meinem Onkel auf dem Weg zu Madame Fontenot gut zugehört hatte, wusste ich recht genau, wie ich vorgehen musste, um an mein Ziel zu gelangen. Zuversichtlich griff ich nach ihr und meine Fingerspitzen erkundeten zärtlich die Spitzen ihrer Brüste unter dem durchsichtigen Stoff. Ihre Wangen wurden noch röter und Erregung strömte in meine Augen und Ohren. Ich griff die Aufschläge ihres Gewandes und zog sie an mich für einen weiteren, längeren Kuss.

»Ich mag es, wenn du errötest … unschuldige Mädchen tun das sehr häufig. Ysabelle, du erinnerst mich an meine Cousine. Und jetzt lass mal sehen, was da unter dem Kleid zu finden ist.«

3 Jahrmarkt

Ich kehre zum Campus zurück und dem Zimmer, das ich bewohne; ein kleines Zimmer mit einem Einzelbett, einem kleinen Kleiderschrank und einem Schreibtisch. In Jeans und T-Shirt sehe ich wie jeder andere männliche Student aus. Mit den Jahren habe ich die Fähigkeiten weiterentwickelt, das Verhalten jeder neuen Generation nachzuahmen. Ich spritze mir sogar etwas Aftershave von Issy Miyake ins Gesicht, damit ich genauso rieche wie alle anderen. Ich bin bereit für die geplante Willkommensparty der Neulinge. Carolyn wird da sein, wahrscheinlich mit ihrem Freund Steve, der zu spät zur Vorlesung kam und uns den Spaß verdorben hatte.

Carolyns und Alices Humor erstarb in dem Moment, als er sich in ihre Reihe zwängte und neben sie setzte. Er wird lästig. Aber die Erfahrung hat mich gelehrt, dass man sich mit seinem Feind erst anfreunden sollte, wenn man ihn besiegen will.

Als ich mein extrem aufgeräumtes Zimmer verlasse, treffe ich auf mehrere erregte männliche Studenten, die den Gang blockieren. Ich schlängele mich durch das Testosteron, bis ich auf ein bekanntes Gesicht stoße; Steve steht inmitten der Gruppe. Ich bleibe stehen.

Ich erinnere mich, als ich meinen Feind und seine hinreißende Freundin an einem Abend vor sechs Wochen das erste Mal sah. Ich hatte mir einen Weg durch eine Menge herumwirbelnder Gesichter gebahnt und war über weggeworfene Cola-Büchsen und Zuckerwattestäbchen gestolpert, die überall auf dem zertrampelten und schlammigen Gras lagen. Hinter mir drehte sich das Riesenrad; der Schrei einer begeisterten Frau war bei jeder Drehung zu hören: erst lauter werdend und dann wieder leiser. Walzermusik und ein melodieloser Popsong hämmerten in meinen Ohren. Ich zwängte mich weiter durch die Menge.

Ich sah mich verzweifelt auf dem Rummel um, auf der Suche nach meiner nächsten Dröhnung; die ganze Zeit über war ich mir dabei der Auffälligkeit meines blassen Gesichts, der verhärmten Gesichtszüge und meiner leuchtenden Augen bewusst. Plötzlich stand ich vor dem knallbunten Zelt der Wahrsagerin. Ein alter Fehler, den ich eigentlich nicht wiederholen wollte, machte mir klar, dass einige von ihnen mit echten hellseherischen Fähigkeiten ausgestattet waren, aber ich wollte an diesem Abend nicht ›geoutet‹ werden.

Ich wendete mich schnell ab, als der Vorhang zurückgezogen wurde und eine Brünette, ein noch junges Mädchen, hereingebeten wurde. Ihre blauen Augen waren weit aufgerissen und glühten vor Angst, aus Furcht wie auch vor Erwartung der Zukunft, die ihr enthüllt werden sollte. Ich konnte ihre Erwartung förmlich spüren, während der Vorhang wieder zufiel und sie stillschweigend verschlang. Mir fröstelte, während ich mich an ihrer offenen Emotion wärmte. Was für eine Vorspeise.

»Setz dich doch, meine Liebe, fülle meine Handfläche mit Silber und ich werde dir alles erzählen.«

Die beruhigende Stimme einer uralten Zigeunerin, vermischt mit dem Rascheln von Geld, drang durch den Zeltstoff. Ich konnte mir ihre knochigen Finger vorstellen und die schlaff herabhängende gealterte Haut, wie sie sich um den Zwanziger legten, als sie ihn dem Mädchen abnahm. Schlamm platschte an meine Turnschuhe, aber diesmal war es mir egal. Ich stand hingerissen da und untersuchte die Abdrücke, die Hunderte Paar Schuhe im Schlamm zurückgelassen hatten, Zickzacklinien und tief gepunktete. Für einen Moment ging ich in mich und vergaß den hektischen Betrieb. Der Krach ebbte ab.

Die Stimmen der Menschen verklangen im Hintergrund. Alles, was ich wahrnahm, war der Hunger. Darauf konzentrierte ich mich und suchte nach der richtigen Aura. Eine Gestalt mit glatten Wangen ging an mir vorbei. Aus den Augenwinkeln erhaschte ich ihr Profil. Ich hob den Kopf, mit wilden Augen beobachtete ich sie durch mein langes Haar, während ich sie flink im Geiste knipste. Möglich? Nein. Schnell blendete ich sie aus – zu jung, trotz des dicken Make-ups. Sie war nicht älter als vierzehn. Ihre Begleiterin jedoch war viel interessanter. Vielleicht die ältere Schwester? Ich konzentrierte meine Aufmerksamkeit auf sie und beobachtete, wie sie zu den Ständen gingen. Das ältere Mädchen führte sie durch die immer größer werdende Menge; wenn sie ging, schwang sie provokativ die Hüften, trotz des Schlamms. Oh ja!

»Carolyn!« Ein junger Mann, studentischer Typ, begrüßte sie und nahm dabei die Hand des älteren Mädchens in seine riesige Pranke.

Sie umarmten und küssten sich; seine Hand legte sich um ihre Taille und auf ihre Hüfte.

»Lasst uns abhauen.« Er formte die Worte mit den Lippen über die ohrenbetäubende Musik neben dem Autoscooter.

Carolyn nickte. Ihr wunderschönes, langes schwarzes Haar fiel glatt nach unten und verdeckte ein Auge. Ihre Frisur war so skurril, dass er Kurzsichtigkeit im Alter vorprogrammierte. Das machte natürlich nichts, da sie ein hohes Alter wahrscheinlich nicht erreichen würde.

»Bitte, noch nicht! Wir sind doch gerade erst angekommen«, schrie das jüngere Mädchen. »Ich war noch nicht auf der Walzerbahn.« Sie zog an Carolyns Ärmel wie ein verwöhntes Kind.

»O.K. Noch ein bisschen. Du hast doch nichts dagegen, Steve, oder?«

Steve schüttelte den Kopf, obwohl sich seine Mundwinkel verzogen. Ganz klar, er wollte ›sein Mädchen‹ nicht verärgern. Missmutig beobachtete er, wie Carolyns Schwester mit der Walzerbahn, dem Riesenrad und schließlich noch mit dem Fallschirmkarussell fuhr, wobei er alle paar Minuten auf seine Uhr blickte. Sein ziemlich langes Haar fiel ihm bis in die Augen, sodass er es zur Seite schieben musste, wobei seine Hände durch die ungewaschenen Strähnen griffen, als ob sie elektrisch aufgeladen wären. Ungeduld strömte aus seinen Poren wie der Schweiß eines Athleten, bis Carolyns Augen sich schließlich ihm zuwendeten. Sie zog die Stirn in Falten. Dann drehte sie sich wieder zu ihrer Schwester um und lächelte ihr ermutigend zu, als diese die Blechstufen zur Geisterbahn erklomm, wobei ihre schwarzen Stiefelabsätze laut klapperten.

Ich wurde von ihr förmlich angezogen und ertappte mich dabei, dass ich ihr näher war, als ich mir das üblicherweise beim ersten Sehen erlaubte. Ein laues Lüftchen trug ihren Duft zu mir: Imperial Leather und Pantene. Ich atmete tief ein. Ich war benommen von ihrem Aroma und badete in ihrer Aura. Ihr dunkles Haar glänzte in den farbenfrohen Lichtern. Grüne Tupfer funkelten in ihren warmen braunen Augen.

»Warum schmollst du?« Ihre Stimme war rau.

»Tu ich nicht. Ich will dich nur für mich haben. Mehr nicht.«

»Ich weiß, was du willst, Steve. Du hast es ziemlich deutlich zum Ausdruck gebracht. Aber ich habe dir bereits gesagt, was ich davon halte.«

Unmut ließ die Luft sauer werden. Sie wollte ihn nicht.

»Was soll ich dann eigentlich hier?« Er runzelte die Stirn.

»Heute Abend dreht sich alles um Suzy. Das weißt du. Ich werde sie nicht mehr oft sehen, wenn wir erst einmal in Manchester sind.«

Wie gerufen kam Suzy zurück, ihr welliges braunes Haar zurückwerfend.

»Können wir noch Popcorn holen, bevor wir losgehen, Caz?«

»Klar doch.«

Sie gingen los. Ich folgte ihnen. Durch den Pulk von Burger und Hotdog Ständen hindurch – der ekelhafte Geruch von zu lang gekochtem Fleisch drehte mir den Magen um – raus und ab zum Parkplatz. Sie schlängelten sich durch das Wirrwarr der planlos geparkten Fahrzeuge, bis sie neben einem ramponierten Mini BMC – kein BMW – anlangten und stehenblieben. Steve holte aus seiner aufgerissenen Jeanstasche eine Menge Schlüssel hervor und öffnete die Beifahrertür. Suzy kletterte schnell auf den Rücksitz und wandte sich ab, als Steve, die Situation ausnutzend, ihre Schwester begrapschte. Zuerst erstarrte Carolyn bei seiner Berührung, aber sein Kuss wärmte sie auf. Sie gab nach und tauchte in seine Umarmung ein. Eine leichte Schweißschicht nässte ihre Achselhöhle; sie roch nach … Unschuld. Ich sog das Aroma ein, bis der Kuss sich heiß lief. Steves Hände wanderten nun von ihrer Taille weg zwischen ihren Körpern entlang und rutschten schließlich unter ihre Bluse. Carolyn riss sich von ihm los.

»Es tut mir leid«, flüsterte er an ihren Lippen. «Ich wollte dich nicht bedrängen.«

Die Luft sträubte sich und gefror mit dem Aufruhr meiner Emotionen, als ich erkannte, dass Steve ein Problem werden würde. Meine kalte Aura trennte sie und Carolyn rieb über ihre nackten Arme.

»Es ist frostig geworden.«

Sie rutschte auf den Beifahrersitz. Sie griff nach hinten auf den Rücksitz, schnappte sich die Strickjacke und streifte sie über. Ihre schnellen ruckartigen Bewegungen waren wie die einer zerbrochenen Marionette, die an zu wenig Schnüren schaukelt. »Der Wind hat draußen zugenommen.« Als sie sich zu ihrer Schwester umsah, wurde ich vom Leuchten ihrer Augen geblendet. Für einen Moment lang schien es, dass sie mich sehen konnte, als sie aus dem Heckfenster des heruntergekommenen Autos starrte. Ihr Kopf drehte sich mir zu, die Augen wurden schmaler und schauten angestrengt ins Dunkel. Ich hielt den Atem an und wartete.

Dann sprang der Motor an. Sie drehte sich zurück und zog den Sicherheitsgurt über ihre kleinen Brüste, während der Mini davon rumpelte. Die Abgase, die aus dem Auspuff strömten, beleidigten meine sensible Nase und schickten einen obszönen Wirbel aus Fäulnis in die Atmosphäre.

Ich schnüffelte noch lange in der Luft, obwohl sie längst gegangen waren, hypnotisiert von den herumwirbelnden Mikroben, die am Himmel von den Lichtern des Festes angeleuchtet wurden. Carolyns Geruch vermischte sich mit dem giftigen Dunst, aber es waren ihre Ausdünstungen, auf die ich mich konzentrierte. Ich sog sie tief in meine Lungen wie ein trainierter Hund und erstickte beinahe. Ich war wie im Rausch. Bis ich langsam folgen konnte, manchmal zu Fuß, manchmal auf dem Luftweg.

»Hi. Kannst du mir sagen, wo die Fete der Neulinge abgeht?«, fragte ich Steve. Er starrt mich an, völlig perplex, da ich den Weg in dem engen Korridor blockiere.

»Klar, Kumpel. Da geh’n wir gerade hin.«

»Danke. Ich bin Jay.« Ich hasse es, wenn man Kumpel zu mir sagt.

»Steve.«

Wir geben uns die Hand. Ich bin vorsichtig und drücke nicht zu hart zu. Die Luft brennt vor lauter Hormonen, während wir uns gegenseitig taxieren. Steve verschränkt die Arme über seiner Brust und lässt dabei seine Muskeln spielen. Ich verzichte darauf, einen auf besonders aggressiv oder Macho zu machen und werde deshalb schnell in die Gruppe junger Männer aufgenommen. Harmlos auszusehen, habe ich ziemlich perfektioniert, deshalb ließ meine Körperhaltung jetzt Steve völlig entspannen. Er nahm seine Arme wieder herunter und steckte die Hand in die Tasche seiner Jeans.

»Hier entlang«, sagt er.

»Jay? Ist das ’ne Abkürzung für etwas?«, fragte jemand, während wir die Treppen zum ersten Stockwerk runter latschen.

»Nein, nur Jay.«

»Hab dich gar nicht ankommen sehen?«

»Woher kommst du?«

In der Gruppe machen Fragen die Runde. Die meisten kennen sich, sind aber bereit, ein neues Gesicht zu akzeptieren, wenn ich ihnen befriedigende, ungefährliche Antworten gebe.

»London«, sage ich ihnen und ihre Körpersprache bestätigt meine Akzeptanz. »Manchester kenne ich nicht besonders. Ich bin für jede Empfehlung dankbar, die mir sagt, wohin ich gehen und was ich sehen sollte.«

Sie fressen mir aus der Hand; alle sind gewillt zu helfen, während sie Einzelheiten von ihren Stammkneipen offerieren. Ich höre mir aufmerksam Steves Vorschläge an, in dem Wissen, das sie enthüllen, wo er und wahrscheinlich Carolyn die meisten Abende verbringen – insbesondere, dass ihre Lieblingsbar im Gebäude der Studentenvereinigung ist.

Wir betreten eine riesige Halle. Sie ist geschmückt wie ein amerikanischer Abschlussball – nur ohne dessen Stil.

Triste Florquasten und Luftschlangen hängen von Ecke zu Ecke herab, mit dazwischen angebrachten Ballontrauben. Eine Gruppe Mädchen – die eine der Klon der anderen – stürmen in die Halle. Alle tragen enge, auf den Hüften sitzende Jeans und bauchfreie Tops, die ihre flachen androgynen Bäuche zeigen, die meisten von ihnen gepierct mit Schmuck aus glänzendem Titan.

Der Saal ist vom Pulsieren ihrer Auren aufgewärmt und Blut pfeift durch meine Adern, hinein in mein Geschlecht mit seinem eigenen Kopf. Ich bin peinlich berührt von der Atmosphäre. Ich sollte wirklich öfters ausgehen.

Eine dürre blasse Frau im Anzug und goldbraunen Haaren begrüßt uns und sagt, sie sei unsere ›seelsorgerische Betreuerin‹.

»Tiffany«, sagt sie zu mir und hält mir eine Broschüre hin. »Ich organisiere alle Versammlungen für die Neuen. Hier ist ein Zeitplan für die kommenden Veranstaltungen.«

Tiffanys Finger berühren mich, als sie mir den Zeitplan in meine ausgestreckte Hand legt. Begierde pulsiert in ihren Fingerspitzen, bevor ich Zeit habe, sie abzustellen, und sofort lehnt sie sich nach vorn.

»Du bist nicht von hier, oder? Ich könnte dich vielleicht herumführen …«

»Das wäre nett«, sage ich zu ihr. »Ich ruf dich an.« Und verdrücke mich, so schnell ich kann.

Ich schaue mich um und hoffe, dass niemand diesen Patzer bemerkt hat. Dann erblicke ich sie und mein Herz hört auf zu schlagen. Carolyn, in einem kurzen blassblauen Sommerkleid, das die jugendhafte Form ihrer Figur Ausdruck verleiht. Sie unterhält sich gerade mit ihrer Freundin Alice, die viel zu große Jeans und ein weites T-Shirt trägt. Ihr Haar sieht aus, wie das von Rod Stewart in den Achtzigern – als ob es mit einer Gartenschere gestutzt wurde. Beide sehen aus wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge, die eine Frau, die andere Feministin.

Steve geht zu ihnen rüber und küsst Carolyn; seinen Arm legt er besitzergreifend um ihre Taille, während ich mich dazugeselle.

»Caz, das ist Jay. Er ist aus London.« Steve stellt uns vor.

»Wir kennen uns bereits …«, platzt Alice heraus.

»Ja. Schön, euch beide wiederzusehen.«

Steve taxiert mich erneut und scheint sicher zu sein, dass ich keine Gefahr darstelle.

»Caz ist meine …«, beginnt er, hält dann inne und starrt an mir vorbei auf einen Neuankömmling.

Die plötzliche Stimmungsänderung ist heftig, prickelnd. Nate starrt über meine Schulter. Seine Jeans hängen herab bis unter den Hosenbund seiner Calvin Klein Unterhosen. Er ist eine meiner neuen Bekanntschaften; ein durchtrieben wirkender (davon bin ich überzeugt, und ich habe noch nie falsch gelegen) pickliger Junge mit mehreren Ringen im Gesicht und ja, er ist der mit dem Zungenpiercing. Ich folge seinen streunenden Augen und denen meiner neuen männlichen Freunde. Ich drehe mich jetzt auch um, als Letzter, um keinen Verdacht zu erwecken, weil ich schon weiß, wer es ist. Die Blonde – natürlich.

Sie bewegt sich zur Mitte der Halle und das Partytreiben geht mit voller Lautstärke weiter. Sie trägt ein enges rotes Kleid, das ihre füllige Figur betont. Zwei Mädchen, die beide zerrissene Jeans tragen, mustern sie mit geschürzten Lippen und mürrischen Gesichtern, während sie in der Nähe der Bar stehen. Sie geht direkt auf sie zu. Sie gehen auseinander und lassen sie widerwillig durch. Als sie die Bar erreicht, finden sich ein dünner, schmächtiger Student und ein großer stämmiger Kerl (sie sehen aus wie Laurel und Hardy) zu ihrer linken und rechten Seite ein, und es geht ein Rätselraten los, wer ihr den ersten Drink spendieren wird.

»Was möchtet ihr denn trinken, Mädels?«, fragt Steve, unfähig sich von der Anziehungskraft dieses wunderschönen Wesens loszureißen.

Carolyn bemerkt die Regung der anderen männlichen Wesen im Saal erst gar nicht, sondern schaut nervös zur Bar und der Blonden, als Steve anhebt, etwas zu sagen.

»Geht auf mich, die Runde«, schlage ich vor und nehme ihre Bestellungen entgegen.

Ich schwelge in Carolyns dankbarem Blick. Ein Pluspunkt für mich.

»Ich helfe dir Tragen«, sagte Alice.

Wir gehen an der Traube Jugendlicher vorbei, die die Blonde umringen. Ich schaue nicht zu ihr hin, obwohl ich spüren kann, dass ihre grünen Augen mich verfolgen. Dieser Typ blüht auf, wenn er die Aufmerksamkeit aller Männer hat, und hasst es, auch nur von einem nicht beachtet zu werden. Während wir auf den Barkeeper warten, um uns zu bedienen, rückt Alice so dicht wie möglich an mich heran; die dicht belagerte Bar gibt ihr eine gute Ausrede, während ich sorgfältig nackten Hautkontakt vermeide. Ich will hier keinen riesigen Volksaufruhr anzetteln.

»Was ist das da drüben für ein Wirbel?«, frage ich, um Alice abzulenken, da sie immer enger an mich heranrückt.

»Der Wirbel heißt Lilly«, erwidert sie. »Erzähl mir nicht, du hättest sie nicht bemerkt.«

»Sie ist nicht mein Typ.«

»Sie ist jedermanns Typ.«

»Ich mag Brünette.« Ich lächele Alice an, während sie ihr stachliges dunkelbraunes Haar zerzaust und grinst.

»Nun, man sagt, Gegensätze ziehen sich an. Ich mag blonde Typen.« Sie zwinkert kokett und streicht eine verirrte Goldsträhne aus meinen Augen. Ihre Fingerspitzen verfehlen nur knapp die Haut auf meiner Stirn.

Die Musik wechselt, wird weniger wild. Wir kehren zu Steve und Carolyn zurück, die auf der Tanzfläche eng tanzen. Ich unterdrücke einen Eifersuchtsanfall, während ich bemerke, wie Alice neben mir anfängt zu frösteln. Ich möchte nicht, dass sie bemerkt, wie unnatürlich kalt ich sein kann.

»Prost, Kumpel. Die nächste Runde geht auf mich«, sagt Steve und stößt seine Flasche Budweiser gegen meine. »Das gute Zeug, was?«

Wie sie nehme ich einen Zug aus der Flasche und ignoriere das Winken von Tiffany, der ›seelsorgerischen Betreuerin‹, von der anderen Seite der Halle. Ihr Rock scheint kürzer geworden zu sein, und ein weiterer Knopf an ihrer Bluse ist geöffnet. Das wird ein langer Abend werden.

Ich beobachte im Dunkeln, wie Steve Carolyn am Eingang ihres Wohnheimes küsst. Er kann sein sexuelles Verlangen kaum noch zügeln, aber sie lädt ihn nicht zu sich ein. Für einen kurzen Moment drückt er sie fest gegen den Türrahmen, seine Hände fangen an zu wandern – er geht zu weit. Ihre Erwiderung ist hitzig, aber sie hält sich zurück. Ich überlege, ob ich dazwischen gehen sollte. Zorn steigt mir in den Kopf, aber Carolyn macht sich geschickt von ihm los, indem sie eine Hand fest gegen Steves Brust stemmt.

»Nacht. Sehe dich dann Morgen in der Mensa.«