Todesnacht - James Hayman - E-Book

Todesnacht E-Book

James Hayman

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Beschreibung

Es wird die Nacht deines Lebens sein – Die Todesnacht

In einer dunklen nebligen Nacht wird in einem Park in Eastport eine junge Frau kaltblütig ermordet. Die einzige Augenzeugin entkam dem Mörder um Haaresbreite, liegt seitdem jedoch im Koma. Detektiv Maggie Savage vom Portland Police Department wird auf Anraten ihres Vaters, Sheriff in Eastport, zu dem Fall hinzugezogen. Der Polizei ist bald klar, dass der Täter ein Mann namens Conor Riordan sein muss. Das Problem ist nur: Eine Person mit diesem Namen existiert offiziell nicht, und die Ermittlungen führen in eine Sackgasse. Wird es Maggie mithilfe ihres Partners Mike McCab gelingen, den wahren Täter zu finden?

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Seitenzahl: 585

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Buch

In den dunklen Schatten eines Sommerabends wird eine junge Frau namens Tiffany Stoddard von einem erbarmungslosen Mörder brutal mit einem Messer attackiert und getötet. Die einzige Augenzeugin entkam dem Killer zwar um Haaresbreite, liegt aber seitdem im Koma. Als Detective Sergeant Maggie Savage vom Portland Police Department erfährt, dass ihre Kindergartenfreundin Emily ebendiese Augenzeugin ist, denkt sie nicht lange nach und fährt kurzentschlossen in ihre alte Heimat Eastport, wo die Tat begangen wurde. Dort bietet sie der State Police ihre Hilfe bei den Ermittlungen an. Sehr bald findet Maggie heraus, dass der Killer ein Mann namens Conor Riordan sein muss. Doch es gibt ein Problem: Ein Mann dieses Namens existiert offiziell nicht. Es gibt nur eine Person, die einen Hinweis dazu liefern kann, wer dieser Riordan wirklich ist, Tabitha, die 11-jährige Schwester des Opfers. Doch Tabitha ist spurlos verschwunden. Maggie und ihr Partner vom PPD, Mike McCabe, finden sich bald in einem verzweifelten Kampf gegen die Zeit wieder, denn sie müssen das Mädchen finden, bevor sie das nächste Opfer des Killers wird…

Autor

James Hayman wurde in New York geboren und ist dort auch aufgewachsen. Nach einem Studium an der Brown University wurde er Creative Director in einer führenden New Yorker Werbeagentur, verließ New York jedoch 2001, um sich in Portland/Maine ganz dem Schreiben widmen zu können. James Hayman ist verheiratet und lebt auch heute noch in Portland.

Von James Hayman bei Blanvalet bereits erschienen:

The Cutting - Angstschrei

James Hayman

Todesnacht

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch

von Leo Strohm

Die Originalausgabe erschien 2013

unter dem Titel »Darkness First«

bei Penguin Random House, London.

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe April 2014 bei Blanvalet Verlag,

einem Unternehmen der

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © 2013 by James Hayman

Copyright © 2014 für die deutsche Ausgabe

by Blanvalet Verlag, in der Verlagsgruppe Random House, München

Published by Arrangement with James Hayman

Dieses Werk wurde im Auftrag der Jane Rotrosen Agency LLC

vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Umschlaggestaltung: © www.buerosued.de

LH · Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-12034-4

www.blanvalet.de

Für Sonja und Jock

und ihre unerschütterliche Freundschaft

und Unterstützung

PROLOG

Mittwoch, 7. Januar 2009, 03.15 Uhr

Bay of Fundy

Der Tidenhub in der Bay of Fundy beträgt sechzehn bis einundzwanzig Meter. Damit ist die Wassermenge, die während einer normalen Flut in die Bucht am Golf von Maine drängt, mehr als doppelt so groß wie das Volumen aller Flüsse, die sich in die Ozeane dieser Welt ergießen. Der Mann, der im Heck des alten Fischerbootes stand und durch sein Nachtsichtglas starrte, verschwendete jedoch keinen einzigen Gedanken an spektakuläre Gezeitenwechsel oder sonst irgendein Naturphänomen. Er hatte nur eine Frage im Kopf: Wo waren die Jungs?

Zum vierten Mal innerhalb der vergangenen halben Stunde hob er das Fernglas an die Augen und suchte die dunkle Wasserfläche nach dem Schlauchkajak ab. Er sah nichts, nur ebenmäßige Schwärze, auf der sich die Lichter der zu seiner Rechten befindlichen Stadt Saint John sowie der vereinzelt stehenden Häuser jenseits des rund zweieinhalb Kilometer vor ihm liegenden Strandes von Sandy Cove spiegelten.

Doch der Mann war niemand, der schnell aufgab. Er unterteilte das vor ihm liegende Meer in Quadranten und suchte erneut einen nach dem anderen mit äußerster Sorgfalt ab. Quadrant für Quadrant. Meter für Meter. Immer noch nichts zu sehen. Keine Spur.

Es war bereits Viertel nach drei an diesem eiskalten Januarmorgen. Die beiden hätten bereits vor einer Stunde zurück sein müssen. Sie hatten die Operation gründlich vorbereitet und klare Anweisungen mit auf den Weg bekommen. Falls irgendetwas schiefging, ganz egal, was, dann sollten sie anrufen. Er hatte ihnen eigens zu diesem Zweck einfache Prepaid-Handys besorgt, jedem eines. Die Signalstärke hatten sie getestet und für ausreichend befunden. Und trotzdem hatte er bis jetzt nichts von ihnen gehört. Das kam wohl davon, wenn man mit Idioten zusammenarbeitete.

Vielleicht war das Kajak auf dem Rückweg gekentert, und die Jungs, die Handys und die wertvolle Fracht waren im eiskalten Wasser der Bucht gelandet. Falls dies tatsächlich der Fall war, war das Spiel bereits jetzt zu Ende. Dann konnte er genauso gut den Motor anwerfen und nach Eastport zurückfahren. Aber das war nicht sehr wahrscheinlich. Ganz am Anfang vielleicht, bevor sie mit dem Training angefangen hatten, hätte so etwas durchaus passieren können. Aber mittlerweile waren die beiden erfahrene Paddler, und darüber hinaus lag das Meer ruhig und friedlich da. In derlei Verhältnissen zu kentern war so gut wie ausgeschlossen.

Es vergingen noch einmal zwanzig Minuten, dann vibrierte es in seiner Tasche.

Endlich.

»Ihr seid spät dran«, sagte er.

»Ja. Tut mir leid, Conor«, erwiderte Rory. Mit seinen zwanzig Jahren war er der ältere der beiden Brüder.

»Probleme?«

»Nein, keine Probleme. Wir haben einfach länger gebraucht, um ungesehen bis zum Strand zu kommen.« Die Stimme des jungen Mannes war ein atemloses Flüstern. »Aber wir haben das Zeug und sind schon auf dem Rückweg.«

»Ich warte auf euch.«

»Ich sag dir, Mann, die ganze Sache ist so was von geschmeidig…«

»Nicht jetzt.« Er würgte seinen aufgeregten Gesprächspartner erbarmungslos ab. »Das könnt ihr mir erzählen, wenn ihr hier seid. Dann feiern wir.« Er legte auf, ohne die Antwort abzuwarten, und steckte das Handy zurück in seine Tasche.

Die Jungs brauchten genau zweiundzwanzig Minuten für die zweieinhalb Kilometer bis zu seinem Boot. Er sah zu, wie sie längs glitten, im Heck Rory, im Bug sein jüngerer Bruder Scott, achtzehn Jahre alt. Beiden war die Aufregung so deutlich anzusehen wie kleinen Kindern an Weihnachten.

Der Mann streckte ihnen einen Bootshaken entgegen, und Rory hängte eine wasserdichte Tasche daran. Der Mann holte sie ein. Leichter, als er vermutet hatte. Schon verblüffend, dachte er, wie wenig fünf Millionen Dollar wogen. Rory und Scott kletterten die Bootsleiter hinauf und über die Reling. Dann ließ er sie das Kajak an Bord holen.

Während sie damit beschäftigt waren, zog der Mann den Reißverschluss der Tasche auf und inspizierte ihren Inhalt. Es schien alles da zu sein. Das Ergebnis monatelanger Vorbereitungen. Vierzig weiße Plastikflaschen, und auf jeder klebte ein Etikett mit einem großen roten B, dem Logo von Barham Pharmazeuticals. Jede Flasche enthielt tausend Achtzig-Milligramm-Tabletten, alles in allem vierzigtausend Tabletten. Er rechnete es zum hundertsten Mal nach. Nicht, weil er sich unsicher war, sondern einfach nur, weil es ihm so viel Spaß machte.

Der Straßenverkaufswert für Oxycontin lag im Moment bei hundertzwanzig Dollar pro Achtzig-Milligramm-Retardtablette. Multipliziert mit vierzigtausend ergab das exakt 4,8 Millionen Dollar. Zumindest wenn er diszipliniert blieb, sich genau an seinen Plan hielt und den Markt nicht allzu schnell mit allzu vielen Tabletten überschwemmte. Wie alles andere unterlag auch der Preis auf der Straße dem Gesetz von Angebot und Nachfrage– und in Maine und ganz besonders im Washington County herrschte eine enorme Nachfrage. Und jetzt, da die US-amerikanischen Pharmakonzerne ihren Produktionsprozess umgestellt hatten, um es den Süchtigen zu erschweren, die Tabletten für einen schnellen Schuss zu zerstoßen oder einzuschmelzen, war er im Besitz des größten und besten Nachschubpostens auf dem Markt.

Er machte eine Flasche auf, schüttelte eine Tablette heraus und sah sich die kleine grünliche Scheibe genau an. Auf der einen Seite war die Zahl 80 eingeprägt, auf der anderen die Abkürzung CDN für Kanada. Er ließ die Tablette zurück in die Flasche fallen, schraubte den Deckel zu und stellte die Flasche zurück in die Tasche. Dann verstaute er sie in einem kleinen Kämmerchen im Ruderhaus.

Als das Kajak sicher an Bord lag, machte der Mann zwei Flaschen Budweiser auf, drückte sie Rory und Scott in die Hand und forderte sie auf, hinunter in die Kabine zu gehen, die Neoprenanzüge abzulegen und sich aufzuwärmen. Dort wollte er sich dann auch den ausführlichen Bericht ihres Triumphzuges anhören.

In Jeans und schwere Wolljacken gehüllt, saßen die beiden Jungs nebeneinander in der Koje und nippten an ihrem Bier. »War so was von locker«, sagte Rory und grinste, als wäre dies der größte Tag in seinem kurzen, sinnlosen Leben gewesen. »Die Bewachung war ein Witz, genau wie du gesagt hast. Bloß ein einziger dicker, alter Typ. Er hat Scott irgendwas gefragt, und ich hab mich von hinten angeschlichen und ihm die Wumme an den Hals gedrückt und gesagt, dass er nicht den Helden spielen soll. Hatte er auch nicht vor. Hat sich praktisch in die Hose gemacht und uns sofort zu dem Stoff geführt. Der war genau da, wo du gesagt hattest. Scott hat die Tasche vollgepackt. Wir waren echt schnell. Rein, raus und weg. Hat keine drei Minuten gedauert. Erst zwei Querstraßen weiter haben wir die ersten Sirenen gehört.«

»Und was habt ihr mit dem Wachmann gemacht?«

Rory antwortete nicht sofort.

»Was habt ihr mit dem Wachmann gemacht?«

»Er ist tot. Ich hab ihm zwei Kugeln verpasst.«

»Zwei?«

»Ja. Bei der ersten war ich mir nicht sicher, ob er wirklich tot war. Also hab ich noch mal geschossen.«

»Und jetzt bist du dir absolut sicher?«

»Absolut. Hab ihm den halben Kopf weggepustet.«

Der Mann nickte. »Gut.«

Er war sich nicht sicher gewesen, ob Rory es tatsächlich schaffen würde. Vielleicht war der Bursche ja doch härter, als er gedacht hatte.

»Mir ist immer noch nicht so richtig klar, wieso wir ihn unbedingt umlegen sollten«, sagte Scott. »Er hat doch keine Schwierigkeiten gemacht.«

»Weil er, mein Freund, der Einzige war, der eine Verbindung zwischen uns dreien und dieser Tat herstellen konnte. Er hat eure Gesichter gesehen. Und ihr seid beide vorbestraft. Es war also absolut unumgänglich.«

»Ja. Kann sein. Schätze schon. Trotzdem, irgendwie hab ich kein gutes Gefühl dabei gehabt.«

»Entspann dich! Ihr habt getan, was getan werden musste«, erwiderte er. »Und ihr habt eure Sache gut gemacht.«

Jetzt lächelten beide. Lob vom Herrchen.

»Ihr habt eure Neoprenanzüge ausgezogen, bevor ihr hineingegangen seid, oder?«

»Ja. Wir haben sie im Kajak gelassen, wie du gesagt hast. Wir waren mit den Sachen drin, die wir jetzt anhaben. Hätte aber sowieso keine Rolle gespielt. Bis auf den Wachmann hat uns ja kein Mensch gesehen«, sagte Scott.

»Und der macht so schnell nicht wieder den Mund auf«, fügte Rory mit einem dämlichen Grinsen hinzu.

Der Mann grinste zurück. Warum sollte er den beiden den Augenblick des Triumphes verderben, indem er ihnen verriet, dass der Wachmann keineswegs der Einzige war, der sie gesehen hatte? Dass das Medikamenten-Vertriebszentrum, in das sie soeben eingebrochen waren, rund um die Uhr videoüberwacht wurde? Oder dass die gesamte Polizei von Saint John in diesem Augenblick ihre Gesichter mit der Datenbank der Drogenfahndung abglich? Inzwischen hatte sich vermutlich jeder einzelne Streifenwagen der Provinz New Brunswick ihre Konterfeis ans Armaturenbrett gepinnt. Nein, es hatte keinen Sinn, den Jungs irgendetwas davon zu erzählen. Sie würden sich lediglich aufregen und es ihm dadurch erschweren, die Sache zu Ende zu bringen.

»Wo ist die Pistole?«, wollte er von Rory wissen.

»Die Pistole?«

»Ja, die Pistole. Du weißt schon, das Ding, mit dem du den Wachmann erschossen hast.«

»Da drin.« Rory zeigte auf das Kajak. »In der Tasche.«

»Ist sie noch geladen?«

»Ja. Minus zwei Patronen.«

»Hast du die Fingerabdrücke abgewischt?«

»Noch nicht. Soll ich das schnell machen?«

»Hat keine Eile. Trink in aller Ruhe aus. Hat euch jemand auf dem Weg zurück zum Strand gesehen?«

»Nein. Niemand. Wir haben ein paar Autos gesehen, auch einen Streifenwagen, der zu der Firma gerast ist. Aber wir haben uns jedes Mal versteckt. Darum haben wir auch länger gebraucht als geplant.«

»Und am Strand hat euch auch niemand gesehen?«

»Nein, kein Mensch. Es war ja mitten in der Nacht, und es ist Januar. Da war weit und breit niemand unterwegs.«

»Okay. Prima.« Alles war genau nach Plan verlaufen. Es war an der Zeit, die letzten Dinge zu erledigen. Unerledigtes bereitete dem Mann Unbehagen.

Er ging hinauf ins Ruderhaus und streifte sich ein Paar Latexhandschuhe über. Dann holte er eine Heckler & Koch USP Tactical aus seinem Seesack und schraubte einen zwanzig Zentimeter langen Schalldämpfer auf, den er eigens zu diesem Zweck angefertigt hatte. Er hatte nicht vor, irgendjemanden zu erschießen, wollte nicht, dass das Boot mit dem Blut der Jungs besudelt wurde, aber er war ein vorsichtiger Mann. Falls sich eine Situation ergeben sollte, in der ihm keine andere Wahl blieb… Schall legte auf dem offenen Meer weite Strecken zurück, und er wollte nicht riskieren, dass irgendjemand den ungedämpften Schuss hörte. Er schob ein fünfzehnschüssiges Neun-Millimeter-Magazin ein und lud die erste Patrone in die Kammer. Dann ging er in die Kabine zurück und hielt den beiden die Pistole vor.

Die Jungs ließen sofort ihre Bierflaschen sinken und starrten ihn mit großen Augen an.

»Was machst du’n da, ’dammt?«, fragte Rory.

»Oh, das?«, entgegnete der Mann beiläufig und nickte in Richtung der Pistole. »Macht euch mal keine Sorgen deswegen. Ich schieße nicht. Vorausgesetzt, ihr tut genau das, was ich sage. Ihr stellt jetzt das Bier auf den Tisch, steht auf, legt die Hände in den Nacken und geht an Deck.«

Sie rührten sich nicht von der Stelle. Starrten ihn einfach weiter an wie Rehe im Scheinwerferlicht.

»Na los, macht schon«, sagte der Mann. Seine Stimme klang jetzt härter, bedrohlicher. »Steht auf und dann raus mit euch. Oder ich schieße wirklich, obwohl ich nicht will, dass ihr mit eurem Blut mein schönes, sauberes Boot versaut.«

Die Jungs sahen einander an und stolperten die drei Treppenstufen hinauf an Deck.

»Gut. Und jetzt geht ihr zum Heck, dreht euch um und schaut aufs Wasser raus.«

»He, Mann, lass das«, sagte Scott mit unsicherer, zitternder Stimme. »Was hast du denn vor?«

»Umdrehen, hab ich gesagt.«

Sie gehorchten.

»Was soll das?«, wollte Rory wissen.

»Gebt mir eure Geldbeutel.«

»Was willst du’n damit, ’dammt noch mal?«

»Schmeißt sie einfach aufs Deck.«

Die beiden griffen in ihre Taschen, zogen jeder ein schmales Lederportemonnaie heraus und ließen es zu Boden fallen. Sie zitterten schon jetzt vor Kälte. Oder war es die Angst?

Der Mann klappte die Portemonnaies auf und versicherte sich, dass in jedem ein Ausweis mit Foto steckte.

»In Ordnung«, sagte er dann. »Ich zähle jetzt bis drei, dann springt ihr ins Wasser. Wenn nicht, jage ich jedem von euch eine Kugel in den Schädel und werfe euch über Bord.«

»Was? Bist du jetzt völlig durchgeknallt? Das Wasser ist eiskalt…«

»Gut beobachtet, Rory. Und höchstwahrscheinlich werdet ihr ertrinken. Oder an Unterkühlung sterben. Aber wer weiß? Ihr seid jung und kräftig und gute Schwimmer. Da, seht euch die Lichter an.« Er deutete hinüber nach Saint John. »So weit ist es gar nicht. Vielleicht schafft ihr es ja. Na gut, klar, natürlich hab ich dann immer noch die Drogen, aber ihr bleibt wenigstens am Leben.«

»Wir erzählen den Bullen, wer du bist«, sagte Scott, »und was du gemacht hast.«

»Es ist wirklich bedauerlich, Scott, aber du weißt überhaupt nicht, wer ich bin. Conor Riordan existiert nämlich gar nicht. Ich bin bloß ein Typ ohne Namen, aber mit einem Boot. Und jetzt springt, oder ich schieße. Und eines könnt ihr mir glauben: Ich bin ein hervorragender Schütze.«

»Du dreckiges Arschl…«

»Ihr habt die Wahl. Springt, schwimmt um euer Leben, und vielleicht schafft ihr es ja bis ans Ufer. Oder bliebt hier an Bord und sterbt. Also, ich fange jetzt an zu zählen.«

Rory sprang zuerst. Scott folgte ihm erst, als der Mann bei »Dr…« angekommen war.

Er blickte über die Reling und lächelte, während Rory und Scott auf die Lichter zuhielten. Er wusste, dass die beiden nicht die geringste Chance hatten. Nicht auf diese Entfernung. Nicht ohne Neoprenanzüge. Nicht in vier Grad kaltem Wasser. Und erst recht nicht in der Bay of Fundy bei ablaufendem Wasser.

Er sah ihnen mit dem Nachtsichtgerät so lange nach, bis er ihre rudernden Arme nicht mehr sehen konnte. Leerte die Bierflaschen und wischte sorgfältig die Fingerabdrücke ab. Wusch die Flaschen und rieb sie trocken, um sämtliche DNA-Spuren zu beseitigen, und warf sie anschließend in den Altglasbehälter. Dann holte er die kleine Tasche aus dem Kajak. Er überprüfte die Glock 17, mit der Rory den Wachmann erschossen hatte. Versicherte sich, dass tatsächlich zwei Schüsse abgegeben worden waren, und legte sie in die Tasche zurück, ohne die Fingerabdrücke zu verwischen. Anschließend legte er auch noch die Portemonnaies mit den in New Brunswick ausgestellten Führerscheinen dazu. Falls ihre Leichen nicht gefunden oder nur aufgedunsen oder halb zerfressen ans Ufer gespült würden, dann lieferten die ballistische Untersuchung, das Überwachungsvideo, ihre Fingerabdrücke auf der Waffe und ihre Portemonnaies mit den Ausweisen genügend Indizien, um sie mit dem Medikamentendiebstahl und der Ermordung des Wachmanns in Verbindung zu bringen. Und das alles ohne jeden Hinweis auf ihn selbst.

Er zog den Reißverschluss wieder zu und legte die Tasche zurück in das Schlauchboot. Dann schubste er es über die Reling ins Wasser und warf die Paddel hinterher. Ob die Bullen zuerst die Leichen oder das gekenterte Kajak finden würden, war schwer zu sagen. Spielte auch keine Rolle. Die Tabletten würden so oder so verschwunden bleiben. In die Tiefen des Ozeans hinabgesunken, würden sie annehmen. Wo die Fische ohne Zweifel einen Heidenspaß damit hätten.

Schließlich streifte der Mann die Latexhandschuhe ab, ließ den alten Dieselmotor an, legte den Gang ein und fuhr die Küste entlang. Er holte eine kalte Flasche Stoli und einen Plastikbecher aus dem Kühlschrank. Kippte einen ordentlichen Schluck über ein paar Eiswürfel und prostete sich selbst zu– im stillen Gedenken an seine beiden jungen Helfer und auf den ersten Tag vom Rest seines Lebens.

1

Freitag, 21. August 2009, 19.49 Uhr

Machiasport, Maine

Es war 19.49 Uhr an einem Freitagabend im August. Dr. Emily Kaplans Praxis war immer noch geöffnet, genau wie jeden Freitagabend– ein Entgegenkommen gegenüber denjenigen, die einen Arztbesuch zu normalen Sprechzeiten nur schwer einrichten konnten.

Sie war gerade im Gespräch mit dem letzten Patienten des Tages, ja der ganzen Woche, einem Hummerfischer namens Daniel Cauley. Er saß ihr gegenüber auf der anderen Seite des ramponierten, alten Bauerntisches, der Emily als Schreibtisch diente, seit sie im September vor vier Jahren die Hausarztpraxis mit dem schönen Namen »Machiasport Family Medicine« eröffnet hatte. Sie reichte Cauley ein Rezept für ein cholesterinsenkendes Mittel. Dabei fiel ihr Blick durch das Fenster. Im Schatten am Ende der Einfahrt stand eine junge Frau und starrte zum Haus herüber. Wer konnte das sein? Warum stand sie um diese Zeit da und beobachtete die Praxis? Eine verspätete Patientin, die abwarten wollte, bis sie, Emily, mit dem derzeitigen Patienten fertig war? Oder wartete sie auf Cauley? Seine Tochter vielleicht? Womöglich seine Enkelin?

»Und die sollen mir helfen?« Cauleys Frage riss Emily aus den Gedanken.

»Ganz bestimmt«, erwiderte sie. »Besonders wenn Sie die Ernährungsrichtlinien befolgen, die ich Ihnen schon im letzten Jahr mitgegeben habe. Und vielleicht versuchen Sie, ein bisschen mehr Sport zu treiben.«

Cauley nickte. Er wolle es versuchen, sagte er. Sie hatte ihre Zweifel.

Es war fünf Minuten nach acht, als sie Cauley nach draußen auf die Veranda begleitete. Damit war die Praxis offiziell geschlossen. Doch sie wollte wissen, ob die junge Frau immer noch dastand und das Haus beobachtete. Und genau so war es. Und sie machte keine Anstalten, sich zu Dan in den Pick-up zu setzen. Er wendete den Wagen in der engen Einfahrt in drei Zügen, wobei sie kurz von den Scheinwerfern gestreift wurde. Sie war schlank, das schulterlange, dunkle Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Außerdem sah es so aus, als hätte sie ein blaues Auge und etliche andere Prellungen im Gesicht. Der Pick-up fuhr los, die Scheinwerfer entfernten sich, sodass die junge Frau nicht mehr als Person, sondern nur noch als Schatten zu erkennen war.

Während das Motorengeräusch stetig leiser wurde, trat sie unter den Bäumen hervor, machte zehn, zwölf Schritte in Richtung Praxis und blieb dann stehen, als könnte sie sich nicht entscheiden, was sie tun sollte. Versuchte sie, Mut zu fassen, um näher zu kommen? Oder hatte sie gesehen, wie die groß gewachsene Ärztin von der Veranda aus zu ihr hinübergeschaut hatte, und sich davon abschrecken lassen? Es ließ sich beim besten Willen nicht sagen. Sie stand lediglich in der Einfahrt und musterte das hundert Jahre alte zweistöckige Haus mit den Säulen, der abblätternden gelben Fassade und den schwarzen Fensterläden, als wollte sie sich die Form und die Konstruktion genau einprägen.

In diesem Haus hatte Emily ihre Kindheit und Jugend verbracht. Vor vier Jahren war sie gemeinsam mit ihrem Mann Sam ins Washington County zurückgekehrt und hatte hier ihre Praxis eröffnet. Ein Jahr später hatten Sam und sie sich scheiden lassen, und das Haus war wieder ihr Zuhause geworden: ein hübsches, kleines Bauernhaus im Kolonialstil, ganz am Ende einer schmalen Landstraße am äußersten Rand des Örtchens Machiasport. Das Grundstück grenzte auf der einen Seite an dichten Nadelwald und auf der anderen Seite an ein Heidelbeerfeld. Das nächste Nachbarhaus lag fast fünfhundert Meter entfernt. Die wenigen Bekannten, die ihr aus dem Studium geblieben waren und die die Mühe auf sich nahmen, sie hier draußen zu besuchen, begrüßte sie immer mit den Worten: »Herzlich willkommen in der Konzernzentrale von Machiasport Family Medicine.« Der kleine Scherz sorgte jedes Mal für ein Lächeln, und dann sagten sie ihr, wie sehr sie ihre Entscheidung bewunderten, hier zu arbeiten, im ärmsten und am schlechtesten versorgten County eines der ärmsten, am schlechtesten versorgten Bundesstaaten. Manche verrieten ihr dann, dass sie gelegentlich über eine ähnliche Entscheidung nachgedacht hatten. Aber soweit sie wusste, hatte es ihr nie jemand nachgetan. Ihre Kommilitonen bestellten fruchtbarere Felder.

Emily entschied, dass es keinen Sinn hatte zu warten, bis die junge Frau sich in Bewegung setzte. Sie ging die Verandatreppe hinab und näherte sich der Besucherin, um ihre Verletzungen in Augenschein zu nehmen. Als sie näher kam, sah sie, dass die Frau höchstens einundzwanzig, zweiundzwanzig Jahre alt und– abgesehen von den Prellungen– bemerkenswert hübsch, womöglich sogar eine richtige Schönheit war, aber im Augenblick war ihr linkes Auge blau umrandet und zugeschwollen, und ihre Nase war schief, vermutlich gebrochen. Über einem Riss in ihrer Oberlippe hatte sich bereits Schorf gebildet. Emily fragte sich, welche Verletzungen sie bei der Untersuchung noch feststellen würde.

»Hallo«, sagte sie. »Ich bin Doktor Kaplan. Wie heißen Sie?«

Die junge Frau gab keine Antwort. Sie schüttelte nur den Kopf.

Emily musste wissen, mit wem sie es zu tun hatte, aber im Moment erschien es ihr wichtiger festzustellen, wie schwer die Frau verletzt war. Ihre Fragen konnte sie später noch loswerden. Sie legte ihr eine Hand auf die Schulter und schob sie mit sanftem Druck in Richtung Praxis. »Na, dann kommen Sie mal mit rein, damit wir Sie unter die Lupe nehmen können. Ach übrigens, wie sind Sie eigentlich hergekommen? Hat Sie jemand gebracht?«

»Nein. Mit dem Auto.«

»Tatsächlich? Wo haben Sie denn geparkt?«

»Unten am State Park.«

Emily wunderte sich. Der Park war mehr als eineinhalb Kilometer entfernt.

Die beiden Frauen stiegen im Dämmerlicht des Sommerabends die Verandatreppe hinauf, als sie vom Licht eines Scheinwerferpaares erfasst wurden. Sie drehten sich um. Ein Auto war die Einfahrt heraufgefahren, stieß aber bereits wieder zurück. Anscheinend hatte der Fahrer die Einfahrt nur als bequeme Wendemöglichkeit genutzt. Das war nichts Ungewöhnliches. Es passierte ständig, sobald die Leute feststellten, dass es in dieser Straße bis auf die kleine Arztpraxis nichts weiter zu sehen gab.

Ihre neue Patientin blickte dem davonfahrenden Auto nach. Emily sah, dass die junge Frau trotz des warmen Abends am ganzen Leib zitterte. Entweder stand sie unter Schock, oder sie hatte fürchterliche Angst.

»Kommen Sie mit«, sagte Emily. »Ich würde mir Ihr Gesicht gerne etwas genauer ansehen.«

Sie hielt ihr die Tür auf. Die Frau trat ein. Emily folgte ihr, und die hölzerne Fliegengittertür fiel mit einem lauten Knall ins Schloss. Dann brachte sie ihre immer noch namenlose Patientin in eines der Untersuchungszimmer und knipste das Licht an.

Unter dem harten Schein der Neonleuchten sah ihr Gesicht noch schlimmer aus als draußen. Eindeutig Anfang zwanzig, dachte Emily. Ungefähr eins dreiundsechzig groß, sportliche Figur, blasse Haut. Sie trug eine eng anliegende Designerjeans und weiße Sandalen, deren Riemen mit silbernen Knöpfen verziert waren. Um ihren Hals lag ein schmales Goldkettchen mit einem Anhänger in Form eines Seesterns, in dessen Mitte ein Diamant oder vielleicht ein Zirkon prangte. Dazu trug sie ein schwarzes T-Shirt mit der weißen Aufschrift »The Killers«. Unter dem Schriftzug waren die rot umrandeten Silhouetten von vier Musikern mitsamt Instrumenten zu erkennen. Emily wusste nicht genau, wer oder was The Killers waren. Irgendeine unbekannte Rockband vermutlich. Oder eine bekannte. Für sie war das nicht von Bedeutung. Sie hörte überwiegend Mozart und Beethoven.

Die junge Frau trug einen kleinen grünen Rucksack auf dem Rücken. Emily bat sie, den Rucksack auf einen Stuhl zu legen und sich auf die Liege zu setzen.

»Hatten Sie einen Unfall?«, fragte sie, während sie das Gesicht der Patientin behutsam nach Knochenbrüchen abtastete. »Ist sonst noch jemand verletzt worden? Braucht vielleicht noch jemand Hilfe?«

Augenhöhle, Wangenknochen und Stirn schienen intakt zu sein. Die Kiefer ebenfalls. Aber um ganz sicher zu sein, wollte sie sie röntgen.

»Nein«, erwiderte die junge Frau leise, aber mit fester Stimme. »Es war kein Unfall, und außer mir ist niemand verletzt worden. Zumindest nicht so, wie Sie glauben.« Sie zuckte zusammen, als Emily das geschwollene linke Lid anhob und mit einem Ophthalmoskop das Auge untersuchte. Sie stellte Blutungen sowohl im Weiß des Auges als auch in den inneren Bereichen des Lides fest, aber keine ernsthaften Verletzungen.

Emily tupfte die gespaltene und geschwollene Oberlippe mit einem Desinfektionsmittel ab und untersuchte dann den Mund der Frau.

»Also gut, dann sagen Sie mir jetzt, was passiert ist. Wer hat Ihnen das angetan?«

»Das spielt keine Rolle.«

Emily runzelte die Stirn. »Aber selbstverständlich spielt das eine Rolle.« Sie betastete einen losen Schneidezahn. »Sie sollten zu einem Zahnarzt gehen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis dieser Zahn hier ausfällt. Haben Sie einen Zahnarzt?«

»Nein.«

»Ich gebe Ihnen nachher ein paar Telefonnummern mit. Aber jetzt müssen Sie mir verraten, wer Sie so zugerichtet hat.«

»Wie gesagt, das spielt keine Rolle. Deswegen bin ich nicht hier.«

Emily legte die Stirn in Falten. »Nein? Und warum sind Sie dann hier?«

Die junge Frau holte tief Luft. »Weil ich schwanger bin und das Baby so schnell wie möglich loswerden muss.«

Emily musterte sie. »Ich nehme keine Abtreibungen vor, falls Sie das meinen.«

»Das weiß ich. Aber ich habe gehört… also, mein…« Die junge Frau unterbrach sich, als suchte sie nach einer passenden Umschreibung. »Mein Bekannter hat gesagt, dass Sie… dass Sie mir Tabletten geben könnten, die dann eine… ich weiß auch nicht… eine Fehlgeburt verursachen oder so.«

Emily legte den Kopf schief. »Tatsächlich? Und wer genau war dieser Bekannte, der Ihnen das verraten hat?«

»Einfach nur ein Bekannter.«

Emily seufzte. So kamen sie nicht weiter. »Also gut. Wie kommen Sie darauf, dass Sie schwanger sind?«

»Ich habe meine Periode nicht bekommen. Zum allerersten Mal. Sonst kommt sie immer pünktlich.«

»Haben Sie einen Schwangerschaftstest gemacht?«

»Ja. Und der war positiv.«

Emily warf einen Blick auf den Bauch der jungen Frau. Wenn sie tatsächlich schwanger war, dann noch nicht lange. Vielleicht war sie deshalb verprügelt worden? Von einem Freund, der sich nicht gerade darüber gefreut hatte, dass er Vater wurde?

»Wie heißen Sie?«, wollte Emily wissen. »Wo wohnen Sie?«

»Das habe ich doch schon gesagt: Es spielt keine Rolle.«

»Und ich habe Ihnen gesagt, dass es sehr wohl eine Rolle spielt. Sie sind zu mir in die Praxis gekommen. Sie wollen, dass ich Sie behandele. Ich muss wissen, wie Sie heißen und woher Sie kommen.«

»Falls Sie Angst haben, dass Sie Ihr Geld nicht bekommen– ich kann bar bezahlen.«

Die junge Frau griff nach ihrem Rucksack, zog den Reißverschluss auf, wühlte darin herum und zog ein dickes Bündel Geldscheine hervor, das sie Emily hinwarf. »Nehmen Sie das«, sagte sie. »Das ist ein Haufen Geld. Wenn es nicht reicht, kann ich noch mehr besorgen.«

Der oberste Schein war ein Fünfziger. Wenn das alles Fünfziger waren, dann lagen vor ihr jetzt drei- bis viertausend Dollar. Wie um alles in der Welt kam ein Mädchen Anfang zwanzig im Washington County zu einem solchen Vermögen?

»Stecken Sie das wieder ein«, sagte Emily.

Die Frau seufzte. »Also gut. Was wollen Sie dann?«

»Als Erstes Ihren Namen. Und Ihre Adresse. Wer hat Ihnen gesagt, dass Sie zu mir kommen sollen? Und außerdem wüsste ich gerne, wer Sie verprügelt hat.«

»Tut mir leid, aber das kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Können Sie nicht, oder wollen Sie nicht?«

»Beides.«

»Aber Sie wollen, dass ich Ihnen helfe?«

»Ja. Ich muss das Baby loswerden. So schnell wie möglich. Das ist sehr wichtig.«

Noch während die junge Frau sprach, strich Emily ihr mit den Fingern über die Nase. Nur angeknackst. »Einen Moment«, sagte sie. »Das wird jetzt ein bisschen wehtun.«

Ohne eine Reaktion ihrer Patientin abzuwarten, schob sie ein längliches Instrument, ein Elevatorium, in eines ihrer Nasenlöcher. Die junge Frau zuckte zusammen, als Emily mit dem Daumen auf die gebrochene Stelle drückte und das Nasenbein wieder in die richtige Position schnappte. Es war eine schmerzhafte Prozedur, die sie in ihrer Zeit als Boxerin mehr als einmal über sich hatte ergehen lassen müssen. Von der Patientin war kein Mucks zu hören.

»Sie sind ganz schön hart im Nehmen, was?«, sagte Emily.

Die junge Frau lächelte verbittert. »Nicht hart genug.«

»Wie alt sind Sie?«

»Zweiundzwanzig.«

Emily maß ihre Temperatur. Siebenunddreißig Grad. Sie legte ihr eine Manschette um den Oberarm und kontrollierte den Blutdruck. Hundertzwanzig zu achtzig. Kein Fieber, normaler Blutdruck.

»Wer ist der Kerl?«, wollte sie wissen, während sie der jungen Frau drei kleine Glasampullen voll Blut abnahm.

»Wie meinen Sie das?«

»Sie wissen genau, wie ich das meine. Der Kerl, der Sie geschwängert hat.«

»Glauben Sie mir, das wollen Sie nicht wissen.«

»O doch, das will ich sehr wohl wissen.« Emily versah die Ampullen mit einem Etikett, datierte sie und stellte sie in einen dafür vorgesehenen Ständer. Den Namen würde sie später eintragen, falls sie ihn je erführe. »Hat er Sie zusammengeschlagen?«

»Hören Sie zu, Frau Doktor. Stellen Sie mir keine Fragen mehr, okay? Ich bin ein großes Mädchen. Ich war keine Jungfrau mehr. Ich bin nicht vergewaltigt worden. Ich muss einfach nur das Baby loswerden, das mir dieses Arschloch gemacht hat, damit ich anschließend verschwinden kann, und zwar auf Nimmerwiedersehen.«

Emily seufzte. »Wenn Sie wollen, dass ich Ihnen helfe, dann müssen Sie mir ein paar Fragen beantworten. Sagen Sie mir die Wahrheit.«

»Die Wahrheit? Hören Sie, Frau Dr. Kaplan«, erwiderte die junge Frau. Stille Wut lag deutlich vernehmbar in ihrer Stimme. »Sie sind ganz bestimmt eine nette Frau und meinen es sicherlich nur gut mit mir. Aber ich kann Ihnen beim besten Willen nicht mehr erzählen als das, was ich bereits gesagt habe.«

»Warum nicht?«

Die junge Frau ließ sich von der Liege gleiten und blickte Emily mit ihrem unverletzten braunen Auge direkt an. »Wenn ich Ihnen oder sonst irgendjemandem erzähle, was Sie die Wahrheit nennen, dann wird der Kerl, der das hier getan hat«– sie zeigte auf ihr Gesicht–, »sehr viel mehr tun, als mich einfach nur zusammenzuschlagen. Er wird mich höchstwahrscheinlich umbringen. Nein, falsch. Nicht höchstwahrscheinlich. Er wird mich definitiv umbringen. Und dabei würde ihm sogar noch einer abgehen. Und wenn er herausfände, dass ich Ihnen auch nur das kleinste bisschen über ihn erzählt hätte, würde er Sie ebenfalls umbringen.«

»Umbringen?«

»Ja, genau, umbringen. Erst mich und dann Sie.«

2

Trotz ihres angeborenen Hangs zur Skepsis glaubte Emily, was sie soeben gehört hatte. Ein Verbrechen war bereits begangen worden, vielleicht sogar zwei: Körperverletzung in jedem Fall, möglicherweise sogar eine Vergewaltigung. Mit einem dritten Verbrechen, nämlich mit Mord, war der jungen Frau anscheinend zumindest gedroht worden. Und woher kam das ganze Geld? Dies alles würde Emily melden müssen. Wenn sie das nicht täte, liefe sie– abgesehen von allem anderen– Gefahr, ihre Zulassung zu verlieren. Aber was sollte sie melden, wenn die Frau ihr nicht verraten wollte, wer sie war, woher sie kam oder wer sie so zugerichtet hatte? Und falls Emily sich weigerte, ihr zu helfen, würde sie sicher einfach wieder verschwinden.

»Also gut«, sagte Emily, nachdem sie eine Entscheidung getroffen hatte. »Ich helfe Ihnen in Sachen Schwangerschaft… wenn ich kann.«

»Danke.«

»Wann hatten Sie Ihre letzte Periode?«

»Anfang Juli. So um den Fünften herum. Hat fünf Tage lang gedauert.«

»Im August war nichts?«

»Bis jetzt nicht.«

Der August war fast vorbei.

Emily hatte zwar nie eine Abtreibung vorgenommen, aber sie hatte in einigen wenigen Fällen Mifepriston und Misoprostol verschrieben. Diese beiden Mittel führten, wenn man sie in einem bestimmten Abstand nacheinander einnahm, zu einer spontanen Fehlgeburt, vorausgesetzt, die Schwangerschaft war noch keine acht Wochen alt. Wenn die junge Frau wirklich schwanger war und wenn die Zeitangaben stimmten, dann waren die Medikamente bei ihr in jedem Fall wirksam.

»Also gut, stellen wir zunächst einmal fest, ob Sie wirklich schwanger sind. Und anschließend überlegen wir, was wir unternehmen.« Sie zeigte zur Toilettentür. »Gehen Sie dort rein, und pinkeln Sie in einen der Plastikbecher. Wenn Sie das erledigt haben, machen Sie sich bitte frei und ziehen das hier über.« Sie warf ihr ein Flügelhemd zu. »Dann kommen Sie wieder herein, legen sich auf die Liege und warten auf mich. Es kann sein, dass es ein paar Minuten dauert, also müssen Sie ein wenig Geduld haben. Ich muss erst ein paar Dinge holen, die ich für die Untersuchung benötige.«

»Was denn für Dinge?«

»Ein paar Instrumente, die ich brauche, um festzustellen, ob ich Ihnen die Medikamente wirklich risikofrei geben kann«, log Emily, »und ob sie überhaupt anschlagen würden.«

Die Frau warf Emily einen misstrauischen Blick zu, glitt dann aber doch vom Untersuchungstisch und ging zur Toilette. Erst als die Tür ins Schloss gefallen war und Emily das Behandlungszimmer verlassen wollte, fiel ihr Blick auf den Rucksack, der immer noch auf dem Stuhl lag.

Das Gepäck einer Patientin zu durchsuchen war ein eklatanter Verstoß gegen alle berufsethischen Grundsätze. Wenn sie erwischt würde und die Patientin sich beschwerte, dann könnte sie das ihre Zulassung kosten. Ihre Karriere. Andererseits… Das Mädchen war mit dem Tod bedroht worden. Emily zog den Reißverschluss auf.

Unter dem Geldscheinbündel lag ein Handy mit einer auffälligen Hülle und darunter ein Portemonnaie. Darin steckte ein Führerschein, ausgestellt in Maine auf den Namen Tiffany Stoddard. Eine Adresse in Eastport. Geburtsdatum: 26. April 1987. Sie prägte sich alles gut ein. Fand das Foto einer lächelnden Tiffany Stoddard, die hinter einem etwa zehn Jahre alten dicklichen Mädchen mit Brille stand. Dann steckte sie das Portemonnaie zurück in den Rucksack. Dabei fiel ihr ganz unten eine durchsichtige wiederverschließbare Plastiktüte auf. Darin lagen kleine grünliche Tabletten, mindestens hundert Stück, vielleicht sogar mehr. Sie sah noch etwas genauer hin und erkannte sofort, worum es sich handelte: Oxycontin, Achtziger. Aus kanadischer Fertigung. Manchmal kam es ihr so vor, als wäre die Hälfte der Bewohner dieses Countys süchtig nach dem verdammten Zeug. Aber die junge Frau hier war nicht nur eine Süchtige. Sie musste mit dem Stoff dealen. Und angesichts der Anzahl sogar im großen Stil.

Emily machte den Rucksack wieder zu, legte ihn an seinen ursprünglichen Platz und hastete hinüber in ihr Arbeitszimmer. Sie schloss die Tür und griff nach dem Telefon. Da das Sheriffbüro von Washington County am Freitagabend um halb neun bereits geschlossen war, wählte sie die private Telefonnummer von Sheriff John Savage. Sie brauchte sie nicht erst nachzuschlagen. Johns Tochter Maggie war Emilys engste Freundin, und Em hatte einen erheblichen Teil ihrer Kindheit bei den Savages zugebracht. Selbst jetzt, da Maggie als Detective in Portland arbeitete, ihre Mutter gestorben und ihr Vater zum zweiten Mal verheiratet war, fuhr Emily gelegentlich vorbei, um bei einem Glas Wein oder einem Abendessen den neuesten Klatsch und Tratsch auszutauschen. Und auch an jenem fürchterlichen Abend vor drei Jahren, als Emily ihren untreuen und unbeherrschten Exmann Sam verlassen hatte, hatten John und Maggie ihr Unterschlupf gewährt.

Em drehte sich zum Fenster, um jedes Risiko, belauscht zu werden, auszuschließen. Es klingelte ein Mal. Zwei Mal. Drei Mal. »Komm schon, John, jetzt nimm schon ab«, murmelte sie vor sich hin. Aber dann meldete sich nur die Stimme von Johns zweiter Frau Anya: »Sie haben die Nummer der Savages gewählt. Bitte hinterlassen Sie uns eine Nachricht.«

Scheiße.

»John, hier ist Emily. Bitte ruf mich zurück, so schnell du kannst. Es ist dringend. Ich probier’s auf deinem Handy.«

»Wer ist John?«

Emily fuhr herum.

»Wen haben Sie da angerufen?«

Die junge Frau stand in der offenen Tür des Arbeitszimmers, immer noch in Jeans und T-Shirt. In einer Hand hielt sie ihren Rucksack und in der anderen einen mit Urin gefüllten Plastikbecher. Sie trat an den Bauerntisch, an dem Emily stand, das Telefon immer noch in der Hand.

»Wer ist John?«, wiederholte sie mit gepresster, wütender Stimme. »Wen haben Sie angerufen? Die Bullen, hab ich recht? Und in meinem Rucksack haben Sie auch rumgeschnüffelt. Sie brauchen es gar nicht abzustreiten. Ich hab nachgesehen. Die Sachen liegen jetzt anders als vorher.«

Emily stieß einen Seufzer aus und nickte. »Ja, Tiffany. Stimmt, ich habe in Ihren Rucksack gesehen. Ich habe die Drogen gesehen, und ich weiß jetzt, wie Sie heißen. Ich wollte jemanden anrufen, der Ihnen helfen kann«, sagte sie mit ruhiger Stimme.

»Verdammte Hexe«, fluchte die junge Frau. Es klang kaum lauter als ein wütendes Flüstern. »Damit bringst du mich ins Grab.«

Emily blieb stumm.

»Ist John einer der örtlichen Bullen?«, wollte sie wissen. »Oder womöglich ein Kumpel von dir bei der State Police? Verdammt, wahrscheinlich ist schon eine Hundertschaft auf dem Weg hierher, stimmt’s? Weil sie unbedingt die Drogentussi schnappen wollen, bevor sie wieder abhauen kann. Frau Doktor, du hast ja keinen Schimmer, was du gerade angerichtet hast.« Sie stellte den Urinbecher auf den Tisch. »Da. Ich glaube, das wolltest du haben.«

Die junge Frau verließ das Zimmer. Und das Haus. Das Fliegengitter krachte gegen den Türrahmen.

Emilys erster, irrationaler Gedanke war, dass sie die Tür reparieren müsste, damit sie nicht mehr so knallte. Sie eilte hinaus auf die Veranda, wobei die Tür erneut mit einem Krachen zufiel, und sah ihrer nunmehr ehemaligen Patientin hinterher, die halb gehend, halb laufend die dunkle Einfahrt bis zur Straße hinunterhastete. Dann wandte sie sich in Richtung State Park.

Emily hörte es piepsen und bemerkte erst jetzt, dass sie immer noch das schnurlose Telefon in der Hand hielt. »Wenn Sie ein Gespräch beginnen möchten, legen Sie bitte auf, und versuchen Sie es noch einmal«, sagte eine Computerstimme. Sie drückte die rote Taste. Drückte Grün und wählte Savages Handynummer. Nach fünf Freizeichen meldete sich erneut eine Bandansage.

»John, hier ist Emily. Komm so schnell wie möglich zu mir. Es ist dringend.«

Emily überlegte, ob sie auch den Notruf wählen sollte. Aber an einem Sommerabend im Washington County konnte es eine halbe Ewigkeit dauern, bis ein Streifenwagen bei ihr auftauchte. Sie verwarf den Gedanken und beschloss stattdessen, die Sache mit Tiffany Stoddard selbst in die Hand zu nehmen.

Sie ließ das Telefon auf der Veranda liegen und lief zur Straße hinunter. Dort blickte sie der jungen Frau nach. Zuerst konnte sie gar nichts erkennen, nur ein endloses schwarzes Asphaltband in der Dunkelheit. Keine Autos. Keine Tiffany Stoddard. Nichts, was sich bewegte. Seltsam. Das Mädchen war doch erst vor ein paar Minuten abgehauen. Nicht einmal eine Weltklasseläuferin konnte in der Zwischenzeit so weit gekommen sein. Also, wo war sie?

Sekunden später trat die junge Frau nur wenige hundert Meter entfernt aus einer Lücke zwischen den Bäumen hervor. Sie warf sich den Rucksack über die Schulter und ging los in Richtung Park. Dann fing sie an zu laufen.

Emily rannte ihr nach. Und blieb bei der Lücke zwischen den Bäumen stehen. Vielleicht hatte die Frau ihre Tabletten dort irgendwo versteckt? Sie waren der einzige Beweis für das, was Em soeben erlebt hatte. Sie beschloss, nach einem Versteck zu suchen und die Tabletten Savage zu übergeben, bevor die junge Frau sie wieder einsammeln konnte.

In dem Augenblick, als Emily in die Dunkelheit des Waldes eintauchte, stand ein Mann knapp zwei Kilometer entfernt im Machias State Park, gut versteckt hinter Tiff Stoddards rostig grünem Ford Taurus. Geduldig säuberte er sich mit einem langen, schmalen Messer die Fingernägel.

3

Portland, Maine

An demselben Freitagabend im August– es war 19.47 Uhr– lastete eine träge Schwüle in der Luft über dem Polizeipräsidium in der Middle Street 109. Die Hitze und die Feuchtigkeit hätten sehr viel besser in die Sümpfe von Louisiana gepasst als in die Straßen der größten Stadt des US-Bundesstaates Maine. Und im Inneren des Gebäudes war es noch schlimmer. Die antiquierte Klimaanlage, die seit über zehn Jahren mehr oder weniger sinnlos vor sich hin siechte und nur noch durch Spucke und Drähte zusammengehalten wurde, hatte sich den ganzen Tag lang unter Stöhnen und Ächzen redlich, aber vergeblich bemüht, etwas erträglichere Bedingungen zu schaffen. Vor zwei Stunden hatte sie den Dienst schließlich vollends eingestellt. Die letzten diensthabenden Beamten nutzten jeden noch so nichtigen Anlass, um das Gebäude verlassen zu können. Andere brauchten nicht einmal einen Vorwand, sondern huschten einfach so nach draußen, und nicht wenige flüchteten in eine der Kneipen am Old Port, um sich im kalten Luftzug einer funktionierenden Klimaanlage und mit einem noch kälteren Geary’s oder Shipyard ein wenig Erleichterung zu verschaffen.

Im dritten und obersten Stockwerk, wo das Dezernat für Kapitalverbrechen untergebracht war, hatte die Temperatur mittlerweile fast die Vierzig-Grad-Marke erreicht. In dem kleinen fensterlosen Verhörzimmer, in dem Detective Maggie Savage seit mehr als anderthalb Stunden einen Verdächtigen verhörte, war sie noch ein wenig höher. Doch trotz der brutalen Hitze, trotz des Schweiß- und Körpergeruchs, den der Hundertfünfunddreißig-Kilo-Koloss namens Kyle Carnes verströmte, und trotz der Schweißbäche, die ihr selbst den Rücken hinunterliefen, war Maggie nicht unzufrieden. Wenn sie verhindern könnte, dass Carnes einen Anwalt verlangte, dann würden die miserablen Bedingungen früher oder später vielleicht sogar mit dazu beitragen, dass sie ihm ein Geständnis entlockte. Sie war sich sicher, dass sie die Hitze länger ertragen würde als er.

Als Senior Detective beim Dezernat für Kapitalverbrechen verbrachte Maggie ihre Tage und viele ihrer Nächte mit der Jagd nach Mördern, Vergewaltigern und anderen zwielichtigen Gestalten. Sie konnte keinen von ihnen ausstehen, aber am abstoßendsten waren eindeutig die Typen, die Frauen misshandelten, die sie angeblich liebten, und die sich an ihrer Tat berauschten.

Der Kerl, der gerade vor ihr saß, war ein gewohnheitsmäßiger Gewalttäter. Für die ersten beiden Male, da er seine Freundin– eine Frau namens Mary Farrier– verprügelt hatte, hatte es keine Zeugen gegeben, und obendrein hatte Farrier sich geweigert, Anzeige zu erstatten. Es war jedes Mal das Gleiche. Maggie hatte es schon hundertmal erlebt. Die Frau war zu verängstigt, um auszusagen. Fürchtete sich viel zu sehr davor, was Carnes ihr womöglich antat, wenn er sie das nächste Mal in die Finger bekam. Und sie war auf irgendeine verkorkste Weise überzeugt davon, dass es ihre eigene Schuld gewesen war.

Doch diesmal würde Kyle nicht ungeschoren davonkommen. Diesmal hatte Maggie eine Zeugin: eine Nachbarin, die bereit war, vor Gericht auszusagen. Sie hatte durch die Wohnungstür mit angehört, wie Kyle Mary angebrüllt hatte, dass er sie verflucht noch mal umbringen würde. Darauf waren Stöhnen und dumpfe Schläge gefolgt. Und dann hatte Carnes die Tür aufgerissen und war wutentbrannt aus der Wohnung gestürmt. Die Nachbarin war hineingegangen, hatte Farrier auf dem Fußboden liegend vorgefunden und den Notarzt verständigt. Die misshandelte Frau war bei ihrem Sturz mit dem Kopf gegen die harte Edelstahlkante des Couchtisches geprallt und hatte Hirnblutungen erlitten. Jetzt lag sie auf der Intensivstation des Cumberland Medical Center im Koma. Wenn sie stürbe– und die Ärzte hielten dies für eine realistische Möglichkeit–, dann würde die Anklage gegen Carnes nicht mehr lediglich auf schwere Körperverletzung, sondern auf Mord lauten.

»Sie stecken bis zum Hals in der Scheiße, Kyle«, sagte Maggie. Ihr sanftes Lächeln und der freundliche Tonfall standen im krassen Gegensatz zu ihren Worten und ihrer inneren Anspannung. »Das Beste wäre wirklich, Sie würden endlich den Mund aufmachen und mir erzählen, was genau sich abgespielt hat. Wenn Sie das tun, können wir bei der Staatsanwaltschaft vielleicht sogar ein gutes Wort für Sie einlegen.«

Kyle hob den Kopf. In seinen Augen glänzte ein Hoffnungsschimmer. »So was wie ein Deal, meinen Sie?«

Maggie hob beide Hände und zuckte unverbindlich mit den Schultern, als wollte sie sagen: Na ja, man weiß ja nie.»Ich meine, vielleicht wollten Sie ihr ja gar nichts antun. Oder Sie wollten zumindest nicht, dass es so schlimm endet. Wäre doch möglich, oder? Dass Sie das nicht wollten. Oder wollten Sie es doch?«

Kyle schüttelte fast unmerklich den Kopf.

»Sprechen Sie’s aus, Kyle. Nur mit dem Kopf schütteln zählt nicht.«

»Ich wollte ihr nicht wehtun. Nicht so schlimm…«

»Sie haben gesagt, dass Sie sie lieben. Ist das so, Kyle?«

Dieses Mal nickte Kyle kräftiger. Die Schweißtropfen, die sich auf seinem glänzenden kahlen Schädel gebildet hatten, liefen ihm über das fette Gesicht.

»In Worten, Kyle, in Worten.«

»Ich hab sie geliebt.«

»Und sie hat Sie auch geliebt?«

»Sie hat mich geliebt.«

»Was glauben Sie? Haben Sie selbst mit Ihren Schlägen Mary so schwer verletzt? Oder war bloß dieser dämliche Tisch schuld, an dem sie sich den Kopf gestoßen hat?«

»Der Tisch.«

»Weil Sie sie gar nicht so fest geschlagen haben?«

»Nein.«

»Nein, was?«

»Ich hab sie nicht so fest geschlagen.«

»Wie fest haben Sie sie denn geschlagen?«

»Nicht fest.«

»Aber geschlagen haben Sie sie?«

»Ja, ich hab sie geschlagen. Aber nicht so fest.«

»Aber so fest, dass sie zu Boden gestürzt und mit dem Kopf auf die Tischkante aufgeschlagen ist?«

»Ja, schon, aber der Tisch ist schuld an ihren Verletzungen, nicht ich.«

»Obwohl Sie gebrüllt haben: Ich bring dich verflucht noch mal um, du gottverdammte Schlampe?«

»Das habe ich nie gesagt!«

»Ach nein? War sonst noch jemand in der Wohnung, der das gesagt haben könnte?«

»Bloß sie.«

»Keine anderen Männer?«

»Nein.«

»Tja, dann haben Sie jetzt ein kleines Problem, Kyle. Wir haben nämlich eine Zeugin, die gehört hat, wie ein Mann genau diese Worte gesagt hat, und da Sie der einzige Mann in der Wohnung waren, müssen Sie es wohl doch gewesen sein.«

»Die verdammte Schlampe weiß doch gar nicht, was sie da behauptet!«

»Das ist eine Frage, die die Geschworenen beurteilen werden.«

Maggie spürte ihr Handy vibrieren und warf einen Blick auf das Display. Savage, John. Sie hatte schon eine Weile nicht mehr mit ihrem Vater gesprochen, aber im Augenblick konnte sie das Gespräch auf gar keinen Fall entgegennehmen. Er würde sich ein bisschen gedulden müssen.

»Die Zeugin sagt auch, dass sie gesehen habe, wie Sie die Tür aufgerissen und fluchtartig die Wohnung verlassen haben. Sie ist dann hineingegangen und hat Mary Farrier bewusstlos am Boden vorgefunden.«

»Das hab ich doch schon gesagt: Sie hat sich den Kopf am Tisch angeschlagen.«

»Das stimmt. Sie haben mir aber auch gesagt, dass Sie sie geschlagen haben.«

»Ja, schon, aber doch nicht so fest, dass sie sich gleich den Schädel brechen muss.«

»Dann wären das gebrochene Jochbein, der gebrochene Kiefer und die ausgeschlagenen Zähne– drei Zähne insgesamt– also auch nicht auf Ihre Schläge zurückzuführen? Sondern auf den Sturz gegen die Tischkante?«

»Ja, genau. Der Tisch war schuld.«

»Komisch.«

»Wieso komisch?«

»Weil die Ärzte drüben im Krankenhaus sagen, dass Mary mit dem Hinterkopf auf die Tischkante gestürzt ist. Die anderen Verletzungen können also nicht von diesem Sturz herrühren. Sie müssen von Ihnen stammen.«

Noch ehe er darauf antworten konnte, klopfte es an die Tür.

»Herein!«, rief Maggie.

»Bitte entschuldige die Störung«, sagte Detective Brian Cleary. »Das hier ist gerade aus dem Cumberland Med reingekommen.« Er reichte Maggie einen Zettel. Maggie faltete ihn auseinander. Seufzte. Schüttelte den Kopf. Murmelte: »Scheiße.«

»Was? Was ist denn los?«, wollte Carnes wissen.

»Kyle Carnes«, erwiderte sie. »Ich nehme Sie hiermit wegen des dringenden Verdachts fest, Mary Farrier ermordet zu haben.«

»Ermordet?«

»Sie ist vor zehn Minuten gestorben. Brian, klärst du Mr. Carnes über seine Rechte auf? Und dann schaff ihn mir aus den Augen.«

»Ich hab sie doch gar nicht fest geschlagen«, rief Carnes, während Cleary ihm Handschellen anlegte.

Maggie widerstand dem Drang, dem Gefangenen hier und jetzt eine schallende Ohrfeige zu verpassen. Sie schüttelte nur den Kopf und verließ das Zimmer, ging zu ihrem Schreibtisch hinüber, schloss die unterste Schublade auf, holte ihre Tasche und ihre Dienstwaffe heraus, verließ das Gebäude und ging die Middle Street entlang zu Starbucks, um sich einen Eiskaffee und ein bisschen frische Luft zu gönnen. Im Büro war es einfach zu heiß für einen Anruf bei ihrem Vater. Doch als sie am Sebago Brewpub vorbeikam, änderte sie ihren Entschluss und entschied sich für ein kühles Bier.

In der Bar traf sie auf ein paar Kollegen, die sie zu sich an den Tisch einluden, doch sie winkte ab und nahm sich einen einsamen Barhocker am Ende der Theke, wo ihr die gewaltige Klimaanlage einen dicken Schwall kalter Luft ins Gesicht blies. Ein himmlisches Gefühl.

Die Barkeeperin, eine straßenköterblonde Mittvierzigerin mit einem Neckholder-Bustier und viel zu viel Make-up im Gesicht, kam zu ihr. »Ich sag’s nur ungern, Schätzchen, aber du siehst ziemlich abgeschlafft aus.«

»Ich sag’s nur ungern, Schätzchen, aber ich fühle mich auch ziemlich abgeschlafft.«

»Was hättest du denn gerne?«

Maggie sah sich die Liste der angebotenen Fassbiere an und entschied sich für ein Frye’s Leap IPA. Dann rief sie ihren Vater an.

»Na, so was, meine Lieblingstochter! Wie geht’s dir denn?«

»Mir ist heiß. Viel, viel zu heiß. Du wolltest mich sprechen? Was gibt’s?«

»Na ja, falls du dieses Wochenende nicht arbeiten musst, würde ich dich gerne zu uns einladen. Es ist schon viel zu lange her, dass wir uns gesehen haben, und außerdem gibt es ein paar Dinge zu besprechen.«

Er hatte recht, es war wirklich schon viel zu lange her. Sie war seit Weihnachten nicht mehr zu Hause gewesen und das letzte Mal davor bei Johns und Anyas Hochzeit vor mehr als einem Jahr.

»Was denn für Dinge?«, erkundigte sie sich.

»Wichtige Dinge.«

»Zum Beispiel?«

»Nichts, was ich am Telefon besprechen möchte.«

»Stimmt irgendetwas nicht? Ist jemand krank?«

»Margaret«, erwiderte er jetzt, und seine Stimme klang eine Spur heller, neckischer. »Als erfahrene Polizeibeamtin weißt du ganz genau, dass ich das Recht habe zu schweigen, und genau das werde ich auch tun.«

Sie schüttelte enttäuscht den Kopf. »Hör zu, ich habe die letzten zwei Stunden zusammen mit einem Mörder in einer Art Sauna verbracht, also bitte verschone mich mit deinen Witzen.«

»Maggie. Es ist wichtig.«

So ausweichend hatte Maggie ihren Vater nur selten erlebt, und allein das reichte aus, um sie in Alarmbereitschaft zu versetzen. Heute Abend hatte sie schon etwas vor. Aber es sprach nichts dagegen, dass sie sich gleich am nächsten Morgen auf den Weg machte. Sie hatte bis Dienstag frei, also konnte sie zwei Nächte in Machias bleiben.

»Wie warm ist es bei euch?«

»Drei, vier Grad kühler als in Portland. Und für heute Nacht sind Gewitter angekündigt, also müsste es morgen sogar noch ein bisschen erträglicher sein.«

»Prima. Das hört sich sehr gut an. Ich fahre gleich morgen früh los. Dann müsste ich mittags da sein.«

Sie sah auf ihre Armbanduhr. 20.20 Uhr. Die Sea Dogs waren vermutlich im siebten oder achten Inning. Gerade noch Zeit genug, um nach Hause zu laufen, schnell unter die Dusche zu springen und dann pünktlich um neun bei ihrem Date zu sein.

4

Freitag, 21. August 2009, 20.44 Uhr

Machiasport, Maine

»Hi, Tiff! Geht’s dir nicht gut?«

Tiffany Stoddard erstarrte, als sie aus der Dunkelheit hinter ihrem Wagen die vertraute Stimme vernahm. Auf der anderen Seite des kleinen Parkplatzes stand ein zweiter Wagen im Schatten.

»Du warst doch bei dieser Ärztin, wenn ich mich nicht irre. Frau Doktor Emily Kaplan?«

Wie um alles in der Welt hatte er sie gefunden? Woher hatte er gewusst, wo sie hingefahren war? Sie hatte so gut aufgepasst. Auf der ganzen Strecke von Machias hierher hatte sie in den Rückspiegel gesehen und nach auffälligen Autos Ausschau gehalten, hatte jedoch nur ein einziges bemerkt, war rechts rangefahren und hatte so lange gewartet, bis die roten Rücklichter sich in der Dunkelheit verloren hatten. Außerdem hatte sie ihren Wagen nicht etwa in der Einfahrt der Ärztin abgestellt, sondern ihn hier am State Park geparkt, wo sie meinte, sicher sein zu können, dass niemand ihn sehen würde.

Und doch hatte er sie irgendwie gefunden. Wusste irgendwie Bescheid. Ihr fiel der Wagen wieder ein, der in der Einfahrt der Arztpraxis gewendet hatte– das musste er gewesen sein.

Der Mann trat aus dem Schatten und kam auf sie zu. Es mochten vielleicht sechs, sieben Meter sein. Er war nicht in Eile. Er war niemals in Eile.

»Verrat, Tiff«, sagte er kopfschüttelnd. »Das ist ein schlimmes Wort. Aber genau das hast du getan. Ich hab dir vertraut, und du hast mich verraten. Und jetzt…«

Als sie die Andeutung eines Lächelns um seine Mundwinkel sah, bildete sich ein Knoten in ihrer Magengrube, der sich immer fester zusammenzog. Ihr Herz schlug schneller. Hämmerte von innen gegen die Rippen. So fest, dass sie davon überzeugt war, es würde ihr jeden Augenblick die Brust sprengen.

»Ich hab nichts getan, Conor, ehrlich. Gar nichts, ich schwöre.«

Er zog ein Paar weiße Latexhandschuhe aus seiner Tasche und streifte sie über. Spreizte die Finger, damit sie fest saßen.

»Was genau hast du nicht getan, Tiff?«

Sie drehte sich um und blickte die dunkle Straße entlang, die zur Praxis der Ärztin führte. Ihre Instinkte befahlen ihr loszurennen, aber ihr war klar, dass sie es niemals schaffen würde. Sie war zu erschöpft, aber selbst ausgeruht wäre sie niemals schneller als er. Höchstens auf den ersten hundert Metern und auch nur dann, wenn sie ihre Nikes trug und nicht diese dämlichen Sandalen.

Sie wandte sich wieder zu ihm um und sah gleichermaßen fasziniert und voller Todesangst, wie er ein Klappmesser aus seiner Gesäßtasche zog.

Er ließ es aufschnappen.

Die Klinge glitzerte im Schein des Mondes, und zum ersten Mal in ihrem Leben empfand Tiff Stoddard die vollkommene Gewissheit, dass sie sterben würde. Es würde wahrscheinlich ein langsamer Tod werden. Mit Sicherheit ein schmerzhafter. Und während sie sah, wie der Mann immer näher kam, hatte sie nicht die geringste Idee, wie sie es würde abwenden können.

Trotzdem musste sie es versuchen.

»Also«, sagte der Mann. »Ich will, dass du mir erzählst, was du der Ärztin erzählt hast.« Ein hässliches Grinsen legte sich auf sein Gesicht, während er mit der Klinge über ihre Wange strich. »Über mich. Über uns. Über das, was wir machen, du und ich.«

Tiff wollte ihm antworten, wollte sagen: Ich hab ihr gar nichts erzählt, aber mehr als einen leisen, erstickten Schrei brachte sie nicht heraus.

»Was hast du ihr verraten, Tiff?«

Der Mann ließ die Klinge auf ihrer Wange ruhen. Sie schloss das unverletzte Auge, um sich den Anblick zu ersparen, doch dann spürte sie, wie die Messerspitze in ihr linkes Nasenloch glitt. Der Mann schob die Klinge so weit hinein, dass es anfing zu bluten. Sie hielt den Atem an, um nicht laut aufzuschreien.

»Und außerdem, Tiff, musst du mir erzählen, was du mit meinen Tabletten angestellt hast.«

»Welche Tabletten?«

»Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für Spielchen, Tiff«, erwiderte er. »Nicht mit mir. Du hast dir genau 5127 Ox-Achtziger genommen. Nach heutigem Stand schuldest du mir somit genau 615.240 Dollar. Ich will mal großzügig sein. Lassen wir die Mehrwertsteuer unter den Tisch fallen. Und, nein, American Express nehme ich nicht.«

»Wenn du mich umbringst, dann finden sie dich, Conor.«

Er sah sie neugierig an.

»Ich hab alles aufgeschrieben. Die ganze Geschichte. Die Polizei wird es herausfinden. Alles, was ich weiß. Wer du bist. Was du getan hast. Alles.«

»Du lügst, Tiff. Ich merke es jedes Mal, wenn du lügst. Und selbst wenn nicht…« Er lächelte– vielleicht das furchterregendste Lächeln, das sie in ihrem ganzen Leben gesehen hatte. »Eigentlich spielt es auch gar keine Rolle. Du weißt nicht, wer ich bin. Oder wo ich wohne. Du weißt überhaupt nichts von mir. Conor Riordan existiert nicht. Wie du es selbst einmal formuliert hast: Ich bin der Mann, der niemals war.«

Er zog die Klinge, die immer noch in Tiffs Nase steckte, durch das weiche Gewebe. Das Blut floss jetzt in einem gleichmäßigen Strom heraus.

Sie stöhnte, ohne ihm jedoch den Triumph zu gönnen, laut aufzuschreien.

»Also, wo sind sie?«

Sie blieb stumm. Er zog ihr das Messer einmal quer über die Wange. Vom Ohr bis zum Kinn– ein oberflächlicher Schnitt, aber tief genug, um eine Narbe zu hinterlassen, allerdings nur, wenn sie lange genug lebte, damit sich überhaupt Narbengewebe bilden konnte.

Wenn Tiff ernsthaft an eine Chance geglaubt hätte, dass er sie am Leben ließ, hätte sie ihm die Pillen nur zu gerne gegeben. Doch inzwischen wusste sie, dass er dies nicht tun würde. Die einzige Frage war, ob er sie schnell oder langsam umbringen würde. Wenn es nach ihr ginge, dann am liebsten schnell. Aber was auch immer er mit ihr vorhatte: Sie musste so lange wie nur möglich durchhalten, Tabitha zuliebe.

»Wo sind sie, Tiff?«

Tiff stand wie angewurzelt da und suchte verzweifelt nach einem Ausweg, um dem scheinbar Unausweichlichen doch noch zu entkommen. Vielleicht, so dachte sie ohne allzu große Hoffnung, konnte sie es ja bis zu ihrem Auto schaffen. Ihn abhängen. Wegfahren. Diesen Ort des Todes hinter sich lassen.

Sie steckte die Hand vorsichtig in die Gesäßtasche ihrer Jeans. Fand den Schlüssel. Suchte, ohne die Hand hinter dem Rücken hervorzuholen, nach der Sendertaste, mit der man die Tür entriegeln konnte.

»Was hast du der Ärztin erzählt?«

»Ich… ich… hab ihr gar nichts erzählt. Ich schwöre bei Gott, Conor…«