Verlag: BookRix Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Todesspiegel - Florian Gerlach

Anna glaubt mit David endlich die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben. Wenige Tagen nach seinem plötzlichen Verschwinden wird sie von einem maskierten Mann bedroht. Nach dem Überfall verschanzt sie sich in ihrer Wohnung. Aber dort ist sie dem Serienkiller hilflos ausgeliefert! Hat David sich ihr Vertrauen erschlichen? Ist er der Mann hinter der Ledermaske? Liebe, Eifersucht und ein eiskalter Killer. Bist Du bereit, einen Blick in den Todesspiegel zu werfen?

Meinungen über das E-Book Todesspiegel - Florian Gerlach

E-Book-Leseprobe Todesspiegel - Florian Gerlach

Todesspiegel

Florian Gerlach

Inhalt

Impressum

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Epilog

Copyright © 2017

Florian Gerlach

c/o Booklover Autorenservice

Am Alten Bahnhof 3

50354 Hürth

Kontakt: florian.gerlach.@aol.com

Website: Florian Gerlach

Facebook: Florian Gerlach Autorenseite

Alle Rechte vorbehalten. Eine Vervielfältigung oder andere Verwertung ist nachdrücklich nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors gestattet. Sämtliche Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Orte, Markennamen und Lieder werden in einem fiktiven Kontext verwendet. Alle Markennamen und Warenzeichen, die in dieser Geschichte verwendet werden, sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.

Bleiche Finger krabbelten wie Spinnenbeine über das schwarze Leder. Der Mann nahm die Maske in die Hand und zog sie sich vom Kopf. Ein Stück seiner Lippe verhakte sich im Reißverschluss und verschmierte das glänzende Metall mit Blut. Aus schmalen Sehschlitzen beobachtete er seine Auserwählte.

Kalt wie Stein verfolgten seine grauen Augen jede ihrer Bewegungen. Das halblange rotblonde Haar umrahmte ein blasses Gesicht. Sie war keine der Schönheiten, die man eines Tages in den Modemagazinen bewundern würde. Dabei wies ihr Körper keinen erkennbaren Makel auf.

Wenn sie wie jetzt ihre Runden im Hamburger Stadtpark drehte, lief sie mit der Geschmeidigkeit einer Gazelle. Bald schon würde sie nicht mehr joggen, um sich nur in Form zu halten. Wenn Gevatter Tod seine knochigen Finger nach ihr ausstreckte, würde sie um ihr Leben laufen.

Aber sie würde nicht schnell genug sein.

Wie die anderen.

Die junge Frau kam direkt auf ihn zu. Als sie an ihm vorbeilief, nahm er die Maske ab und trat aus dem Schatten des Baumes, hinter dem er sich verborgen hatte. Mit lässigen Schritten schloss er sich einer Gruppe Touristen an und folgte ihr unbemerkt bis zur U-Bahn Station Saarlandstraße. Eine halbe Stunde später stand er vor ihrer Wohnungstür, die sie erst wenige Augenblicke zuvor geschlossen hatte.

Die Jagd hatte begonnen.

Jetzt komm schon!“

Emilia ergriff den Arm ihrer Freundin und schleifte sie wie eine kaputte Puppe hinter sich her.

„Ich will aber nicht.“

„Was bist du nur für eine Spaßbremse! Wir sind hier auf einer Party. Hast du das schon vergessen?“

„Natürlich nicht!“

Anna schüttelte den Arm ab und folgte der zierlichen Blondine auf die Tanzfläche. Diese zog dort sofort die bewundernden Blicke der Männer auf sich. In dem eng anliegenden dunkelblauen Kleid, das in der Farbe wunderbar zu ihren strahlenden Augen passte, sah sie einfach umwerfend aus. Neben Emilias aufreizender Erscheinung verblasste Annas sehnige Gestalt, deren Konturen sich unter dem Rock und der roten Seidenbluse abzeichneten.

Die Tanzwütigen betrachteten ihren Körper wie eine Ware, die sie auf dem Markt der Einsamkeit anbot. Als eine Hand wie zufällig über ihren Hintern streifte, drehte sie sich um und trottete wieder an die Bar.

Neben ihr verloren sich nur wenige Gäste an der weitläufigen Theke in dem Ballsaal des luxuriösen Hotels. In dem sündhaft teuren Eintrittspreis von fünfzig Euro waren nicht nur die Getränke inbegriffen, sondern auch die Junggesellen, die Emilias Meinung nach nur aus den besten Hamburger Familien stammten.

Anna seufzte und setzte sich auf einen der ledernen Barhocker.

Nach dem Ende der Affäre mit Jonas hatte sie sich in ihre Wohnung zurückgezogen. Als sein Ehering damals aus der Tasche gefallen und unter das Sofa gerollt war, hatte sie das Schmuckstück aufgehoben und es zusammen mit seinen Klamotten aus dem Fenster in den Hof geworfen. Danach hatte sie den Mistkerl aus der Dusche gezerrt und ihm splitternackt die Wohnungstür vor der Nase zugeknallt.

Der schwarze Kater Baghira, den sie nach dem Panther ihres Lieblingsfilms »Das Dschungelbuch« benannt hatte, war nun ihr einziger Gefährte.

Nach der Trennung hatte sie sich immer wieder mit den Büchern ihrer Lieblingsschriftstellerin Fiona Bird in den geblümten Ohrensessel unter den verschlissenen Quilt zurückgezogen. In ihren Geschichten begegnete sie den romantischen Liebhabern, die es im wirklichen Leben nicht zu geben schien.

Auch hier nicht.

Anna sah sich um. Ältere Männer mit Bierbäuchen standen in kleinen Gruppen zusammen und lachten. Die übrigen Gäste schienen sich mehr für die Drinks als für ihre Anwesenheit zu interessieren. Statt sich auf der Tanzfläche zu amüsieren, saß sie an der Bar und haderte mit ihrem Schicksal wie eine vertrocknete alte Jungfer.

Dabei war sie mit ihren sechsundzwanzig Jahren doch in der Blüte des Lebens!

Als sie auf ihr leeres Glas deutete, nickte ihr der Barkeeper gelangweilt zu. Wenig später stellte er einen weiteren Lillet, wie der fruchtige Likörwein genannt wurde, auf den Tresen.

„Sie können doch unmöglich alleine trinken! Junger Mann bringen Sie mir auch so ein Glas! Ich muss unbedingt mit dieser bezaubernden Dame anstoßen!“

Die Worte tropften wie süßer Honig von fein geschwungenen Lippen, die an einer Stelle etwas verkrustet waren.

Anna drehte sich zu dem Gast um. Er war bestimmt zehn Jahre älter als sie. Das schwarze Haar, das bereits von einigen silbernen Fäden durchwirkt war, hatte er streng nach hinten gekämmt. Eine Strähne hatte sich daraus gelöst und fiel ihm ins Gesicht. Er nahm das vom Barkeeper angereichte Glas entgegen und prostete ihr zu.

„Auf die schönen Dinge des Lebens. Auf Sie.“

Anna spürte, wie sie errötete. Statt einer Antwort nippte sie an dem kühlen Getränk.

„Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie einfach so anspreche. Das ist normalerweise nicht meine Art. Ich bin Ben.“ Er reichte ihr die Hand.

„Anna“

Sein Händedruck war fest.

„Tanzen Sie?“

„Ähm ... eigentlich ...“

„Darf ich das als ein Ja betrachten?“

Von seinem forschen Auftreten überrumpelt ließ Anna sich von ihm zur Tanzfläche führen. Auf dem Parkett bewegte er sich mit der Anmut eines Balletttänzers. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlteAnna den Rhythmus der Musik. Bei den schnelleren Stücken wirbelte Ben sie herum, nur, um sie danach sicher in seinen starken Armen aufzufangen. Bei den ruhigeren Passagen verschmolzen ihre Körper mit den Noten, als wären die Lieder nur für sie geschrieben worden.

Sie tanzten die ganze Nacht.

Zwischendurch gönnten sie sich immer wieder ein weiteres Glas Lillet.

Als die Band die Bühne verließ, sah Anna sich um. Erst jetzt bemerkte sie, dass die meisten Gäste bereits gegangen waren. Auch Emilia war verschwunden. Montagmorgen würde sie im Büro wahrscheinlich wieder von einem wundervollen Liebhaber schwärmen. Inzwischen konnte sie sich die Namen ihrer zahlreichen Eroberungen nicht mehr merken.

„Es war ein schöner Abend.“

Anna leerte ihr Glas und stellte es auf das polierte Holz der Bar. Ihr war etwas schwindelig. Sie hatte wohl zu viel von dem süffigen Alkohol getrunken. Trotz ihrer leichten Benommenheit spürte sie, wie seine Finger sanft über ihren Arm strichen.

„Kennen Sie hier jemanden, der Sie sicher nach Hause bringt?“

Anna schüttelte den Kopf.

„Ich werde mir einfach ein Taxi nehmen.“

„Ein Taxi? Um diese Zeit? Das kann dauern. Darf ich Sie begleiten?“

Seine Finger verlangsamten den Tanz auf ihrer Haut und umfassten stattdessen ihr Gelenk. Unwillkürlich wollte Anna ihren Arm zurückziehen, aber seine Hand hatte sich bereits wie ein Stahlreif darum geschlossen. Nach einem kurzen Augenblick gab er sie wieder frei.

„Ich möchte Ihnen wirklich keine Umstände machen.“

„Umstände? Es wäre mir ein Vergnügen! Kommen Sie!“

Er nahm ihre Hand und führte sie zum Ausgang.

Einen Moment lang musste Anna an die sieben bestialisch ermordeten Frauen denken, denen der Mörder die Augen entfernt hatte. Wenn er nun »Der Blinde« war, wie die Presse den Killer wegen der leeren Augenhöhlen nannte, dann ...

Aber das war doch Blödsinn!

Sie war nur ein dummes Ding, das zu viele Romane gelesen hatte. Ben war bestimmt kein blutrünstiges Monster, sondern nur ein Mann, der wusste, was er wollte.

Statt sich wie ein ängstliches Schulmädchen vor ihrem eigenen Schatten zu fürchten, sollte sie die Stunden mit ihm lieber genießen. Entschlossen folgte sie ihm nach draußen.

Sekunden später leuchteten auf dem geschotterten Parkplatz die Scheinwerfer eines silberfarbenen Mercedes Roadster auf. Mit einer galanten Geste öffnete er die Beifahrertür und ließ sie einsteigen. Das Innere des Wagens roch nach Leder und seinem herben Eau de Toilette. Als er die Tür hinter ihr zuschlug, zuckte Anna kaum merklich zusammen.

In dem Fahrzeug fühlte sie sich wie die Gefangene in einem Käfig, aus dem es kein Entrinnen gab.

Kurz darauf ließ er den Motor an. Auf der Straße beschleunigte Ben den Wagen mit solcher Geschwindigkeit, dass Anna für einen Moment in den Sitz gepresst wurde. Plötzlich spürte sie seine Hand auf ihrem Knie.

„Sind Sie bereit für einen wilden Ritt?“

Anna war nicht bereit. Aber jetzt konnte sie nicht mehr aussteigen, ohne sich lächerlich zu machen. Sie würde die etwa zwanzigminütige Fahrt zu ihrer Wohnung schon unbeschadet überstehen. In einer halben Stunde konnte sie endlich in ihrem rosafarbenen Schlafanzug unter die Bettdecke kriechen.

„Klar!“, antwortete sie daher. Dabei versuchte sie unbeschwert und fröhlich zu klingen.

Aber es gelang ihr nicht.

Nach einer rasanten Fahrt hielten sie in der Parkbucht vor ihrem Haus. Der Motor tuckerte leise im Leerlauf. Ben hatte den Wagen so unglücklich vor einer Straßenlampe geparkt, dass Anna die Beifahrertür nur wenige Zentimeter öffnen konnte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie sich nicht daran erinnerte, ihm ihre Adresse genannt zu haben. Sie hatte wohl ein paar Gläschen zu viel getrunken.

„Danke! Das war nett von Ihnen.“

Anna entriegelte den Sicherheitsgurt.

„Sie können doch jetzt nicht einfach verschwinden!“

Im bleichen Licht der Laterne wirkten seine Gesichtszüge wie versteinert. Ohne dass er es zu bemerken schien, fuhr er sich mit dem Finger über die verkrustete Lippe.

„Die Nacht ist noch jung. Wir können so viel zusammen erleben.“

„Heute nicht. Ein anderes Mal vielleicht.“

Eine namenlose Furcht legte sich plötzlich wie eine unsichtbare Schlinge um ihren Hals und schnürte ihr die Luft ab. Anna musste sofort von hier verschwinden!

Aber bevor sie die Beifahrertür öffnen konnte, schlossen sich seine Finger um ihr Handgelenk.

„Nicht so hastig. Sie haben mir noch gar nicht für den Abend gedankt.“

„Ich habe doch bereits gesagt, dass ich ...“

„Das waren doch nur Worte! Sehe ich vielleicht aus wie ein Mann, der mit Worten zufrieden ist?“

„Mehr werden Sie auf keinen Fall bekommen!“

Anna versuchte wütend zu klingen. Aber ihre Stimme war so kraftlos wie das ängstliche Piepsen eines Vogels, der sich in einem Netz verfangen hat.

„Wollen Sie mich denn nicht in Ihre Wohnung bitten?“

„Natürlich nicht! Lassen Sie mich jetzt endlich aussteigen. Sie tun mir weh!“

„Sie wissen nichts von den wirklichen Schmerzen. Noch nicht!“

Mit einem Ruck zog er sie zu sich.

Anna roch seinen Schweiß, der sich mit dem herben Eau de Toilette zu einem animalischen Geruch vermischte. Heiß strich sein Atem über ihre Wange.

„Ich nehme mir, was immer ich will!“, flüsterte er.

Die fein geschwungenen Lippen erinnerten sie plötzlich an zwei Würmer, die sich in ihre Haut fressen wollten.

„Wir beide werden noch viel Spaß miteinander haben. Wenn ich mich mit dir amüsieren will, wirst du mein Spielzeug sein.“

Anna zwang sich zur Ruhe. Wenn sie doch nur einen klaren Gedanken fassen konnte! Aber ihr Kopf war wie eine mit Gerümpel vollgestopfte Truhe. Sie musste aus diesem Wagen verschwinden, bevor etwas wirklich Schlimmes geschah!

Als Ben brutal in ihre Haare griff, schlug sie wie wild um sich. Ihre langen Fingernägel zogen drei Striemen über seine linke Wange. Blut tropfte aus den Wunden.

„Du blödes Miststück!“

Vorsichtig betastete er seine Verletzungen. Anna nutzte den Moment der Unachtsamkeit und riss die Beifahrertür auf. Aber bereits nach wenigen Zentimetern knallte das Metall gegen den Laternenpfahl. Sie konnte unmöglich durch den schmalen Spalt entkommen!

Während des Fluchtversuchs hatte sich ihr Peiniger das Blut von den Fingerkuppen geleckt und dabei auf den Lippen verschmiert. Als er sie nun mit einem hämischen Grinsen bedachte, erkannte Anna was er wirklich war: Ein Raubtier, das sich in seinem feinen Zwirn tarnte wie der Wolf im Schafspelz. Und sie war das Lamm, das er zur Schlachtbank führte.

Als er wieder nach ihr griff, schlug Anna so wild um sich, dass Ben sie kaum festhalten konnte. Plötzlich zerriss ein schriller Ton die nächtliche Stille. In ihrer Raserei hatte sie auf die Hupe gedrückt.

Damit konnte sie Hilfe holen!

In der Hoffnung auf Rettung mobilisierte Anna weitere Kraftreserven. Bis der Angreifer sie mit einem Schlag ins Gesicht für einen Moment außer Gefecht setzte, konnte sie mit der Hupe noch zwei Mal auf sich aufmerksam machen. Es gelang ihr sogar, die Tür ein weiteres Mal zu öffnen. Aber sie knallte nur erneut gegen den Laternenpfahl.

Dann war es vorbei.

Eine nächtliche Ruhe senkte sich wieder über die Häuser der Stadt. Die Stille würde den Bewohnern einen ruhigen Schlaf bringen. Und ihr den Tod.

David Walden kämpfte sich durch den Sumpf. Mit jedem Schritt versank er tiefer in der morastigen Brühe. Nebelfetzen schwebten wie gesichtslose Gestalten über dem Moor. Plötzlich stieß eine von ihnen einen schauerlichen Heulton aus. Wenige Augenblicke später lösten sich die gruseligen Kreaturen auf und das Geheul verklang.

Seufzend drehte sich David zur Seite und blinzelte. Das Bettzeug war zerwühlt. Das Kopfkissen lag auf dem Boden. Die Straßenlaterne vor dem Fenster warf ein bleiches Licht in sein Zimmer. Die roten Ziffern des Digitalweckers zeigten 02:38 Uhr.

Warum konnten ihn die Spätheimkehrer nicht schlafen lassen? Nach seiner Rückkehr aus Hawaii steckte ihm der Jetlag noch immer in den Knochen.

Er hob das Kissen auf und vergrub den Kopf in den weichen Federn. Aber ein weiteres Hupen schreckte ihn kurz danach wieder auf. Mürrisch rieb er sich mit den Handrücken über die Augen und schlurfte zum Fenster. Mit einer Hand schob er den Vorhang zur Seite und linste hinaus.

Ein verbeulter Fiat parkte vor dem Golf der alten Chikowski auf dem Seitenstreifen vor dem Haus. Hinter den beiden Fahrzeugen stand ein silberfarbener Wagen direkt vor der Straßenlaterne. Das Licht spiegelte sich in den Scheiben. Plötzlich wurde die Beifahrertür aufgerissen und gegen den Laternenpfahl geknallt. Sekunden später ertönte die Hupe erneut.

Da stimmte doch etwas nicht!

Der Achtundzwanzigjährige sah sich um. Der schwarze Kapuzenpulli lag mit den anderen Klamotten auf dem Boden. Er hob ihn auf und zog das zerknautschte Kleidungsstück über den nackten Oberkörper. Dann strich er sich die halblangen blonden Haare aus dem Gesicht. Da er die Socken nicht finden konnte, schlüpfte er barfuß in die Sneakers, die in dem kleinen Flur standen.

Die Holztreppe des alten Gemäuers knarrte protestierend, als er wenige Sekunden später aus seiner Wohnungstür trat und über die Stufen vom ersten Stock in den Hausflur eilte. Die verkratzte Wandleuchte warf ein flackerndes Licht in das Treppenhaus. Staubpartikel tanzten in der Luft. Kurz darauf riss er die schwere Haustür auf und lief auf die Straße.

Mit vorsichtigen Schritten näherte sich David dem Luxuswagen und sah durch das Seitenfenster. Ein Mann und eine Frau saßen darin. Sie hielten sich in den Armen.

Er grinste.

In dem Fahrzeug waren nur zwei Liebende, die im Sturm ihrer Leidenschaft versehentlich die Hupe erwischt hatten. Irgendwie war es ihnen sogar gelungen, die Beifahrertür zu öffnen. Er wollte sich schon wieder umdrehen, als die Tür aufgerissen wurde und erneut gegen den Laternenpfahl knallte. Aus dem Wageninneren erklang ein Schrei, der abrupt abbrach. Nur Sekundenbruchteile später lenkte der Fahrer den Wagen aus der Parkbucht auf die Straße.

Ohne weitere Überlegung lief David mit erhobenen Händen direkt vor den anfahrenden Mercedes, als könnte er ihn mit reiner Zauberkraft zum Anhalten zwingen.

Was ihm natürlich nicht gelang.

Bevor er im letzten Moment zur Seite hechtete, wurde die Beifahrertür aufgerissen. Mit einem Aufschrei fiel jemand auf die Straße. Nachdem das Fahrzeug mit quietschenden Reifen verschwunden war, rappelte er sich auf und kniete sich neben eine leblos auf dem Asphalt liegende Frau.

Der rechte Ärmel ihrer roten Bluse war zerrissen. Ein Knopf fehlte. Blut tropfte aus einer Schürfwunde am Ellenbogen und lief in einem dünnen Rinnsal über ihren Arm. Als er seinen Pullover auszog und ihn wie ein Kissen unter ihren Kopf legte, stöhnte die Unbekannte leise auf. Nur wenige Augenblicke später öffnete sie die Augen.

„Ist er ... weg?“

„Der Spinner ist abgehauen. Hat er Ihnen etwas angetan?“

Die Verletzte setzte sich vorsichtig auf.

„Nein. Ich bin ...“ Sie verstummte, als fehlten ihr die Worte, mit denen sie das Grauen beschreiben konnte. „... okay“, flüsterte sie daher.

„Sie sind aber verletzt!“

Er deutete auf ihren Arm. Sie schien die Wunde bisher nicht einmal bemerkt zu haben.

„Das ist doch nur ein Kratzer!“

„Soll ich Sie in ein Krankenhaus bringen? Möglicherweise haben Sie innere Verletzungen.“

„Es geht mir gut. Ich brauche keinen Arzt.“

Es geht mir gut.

Anna brauchte einen Moment, um sich der Bedeutung ihrer Antwort bewusst zu werden. Dankbar sah sie ihren Retter an.

„Lassen Sie mich wenigstens die Wunde untersuchen.“

Sie nickte schwach und ließ sich von ihm aufhelfen. Gemeinsam gingen sie ins Haus.

Vor ihrer Tür im ersten Stock blieb Anna unschlüssig stehen.

Auch wenn der Helfer aufrichtig besorgt zu sein schien, konnte er seine wirklichen Ansichten hinter einer fürsorglichen Maske verbergen. Nach dem schrecklichen Ereignis würde sie ihn bestimmt nicht in die Wohnung lassen! Dort war sie ihm schließlich hilflos ausgeliefert.

„Ich hole schnell einen Verbandskasten. Bin sofort wieder da.“

Als hätte er ihre Gedanken erraten, ging er über den Flur auf die Tür zu, die ihrer direkt gegenüber lag.

Kurz darauf kehrte der unbekannte Nachbar mit einem orangefarbenen Erste-Hilfe-Kasten zurück.

Nachdem er diesen auf den Boden gestellt und den Deckel geöffnet hatte, nahm er eine Schere heraus. Damit zerschnitt er ihren Blusenärmel. Wenig später tupfte er Jodtinktur auf die Hautabschürfung. Nach der Desinfektion presste er eine Wundauflage auf die verletzte Stelle und wickelte den Unterarm mit einer Mullbinde ein.

„Finden Sie das nicht etwas übertrieben?“

Anna betrachtete ihren Arm, der vom Ellenbogen bis zum Handgelenk mit weißem Verbandsmaterial umwickelt war.

„Auf keinen Fall! Wenn sich die Verletzung entzündet, können Sie eine Blutvergiftung bekommen.“

„Es ist doch nur ein Kratzer.“

„Wenn Bakterien in die Wunde kommen, dann ...“

„Schon gut, schon gut!“

Anna hob beschwichtigend die Hände. Seine Sorge war Balsam auf ihrer zerschundenen Seele.

Nie zuvor hatte sich ein Mann so um ihr Wohlergehen gesorgt. Ihre bisherigen Bekanntschaften hatten sich immer nur für ihren Körper interessiert. Beziehungsweise für bestimmte weibliche Stellen ihres Körpers.

„Danke. Damit meine ich nicht nur den Verband.“

„Ich habe Ihnen gern geholfen. Wenn Sie wieder einmal in Schwierigkeiten sind, lassen Sie es mich einfach wissen. Einmal hupen genügt. Sie können natürlich auch bei mir klingeln.“

„Warum sind wir uns seit meinem Einzug vor fünf Monaten eigentlich noch nie begegnet?“

„Ich war fast ein Jahr im Ausland und bin erst vor zwei Tagen zurückgekehrt. Soll ich nicht doch einen Notarzt rufen? Ich kann auch die Polizei verständigen und ...“

„Es ist nichts passiert!“, unterbrach sie ihn. „Danke für Ihre Hilfe.“

Anna ging zu ihrer Wohnung. Nachdem sie die Tür aufgeschlossen hatte, drehte sie sich noch einmal zu ihm um. Er stand noch immer mitten im Flur.

„Darf ich Sie auch ... wiedersehen wenn Sie ... meine Hilfe nicht brauchen?“

In seiner Unsicherheit wirkte er wie ein schüchterner Teenager.

„Aber nur, wenn Sie mir vorher Ihren Namen verraten.“

„Ich heiße David. Ist der nächste Freitag okay?“

Anna dachte einen Augenblick nach. Dann nickte sie. Wenn sie es sich anders überlegte, konnte sie das Treffen in den kommenden Tagen immer noch absagen. Im Moment wollte sie sich einfach nur in die Festung ihrer vier Wände zurückziehen.

„Sagen wir gegen sieben Uhr?“

„Okay.“

Nachdem Anna die Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte, bemerkte sie erst, dass David ihr etwas mitgegeben hatte: Die Erinnerung an einen liebevollen Blick.

Ben Kowalken raste durch die nächtlichen Straßen, bis er einen abgelegenen Parkplatz fand. Mit vor Erregung zitternden Fingern schaltete er die Scheinwerfer aus und öffnete das Handschuhfach. Zärtlich liebkosten seine Hände das weiche Leder der Maske wie die Haut einer Geliebten. Sein Atem strich über das kalte Metall, als er den blutverkrusteten Reißverschluss an die Lippen führte und küsste.

Hinter der Maske konnte er tun, was immer er wollte.