Todesspiel im Hafen - Klaus-Peter Wolf - E-Book + Hörbuch

Todesspiel im Hafen Hörbuch

Klaus-Peter Wolf

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Beschreibung

Er ist charmant. Er ist intelligent. Und er kann töten. "Todesspiel im Hafen" ist der dritte Band mit Dr. Bernhard Sommerfeldt von Nummer-1-Bestseller-Autor Klaus-Peter Wolf. "Nur, wer sich selbst aufgibt, ist verloren. Man kann im Leben verdammt tief fallen. Aber man kann auch wieder aufstehen und das Spiel von vorn beginnen. Als Johannes Theissen war ich ein Opfer. Unglücklich. Eine traurige Gestalt. Als Dr. Bernhard Sommerfeldt stieg ich in Ostfriesland zu einem geachteten, beliebten Mann auf. Nun, da Ann Kathrin Klaasen mich verhaftet hat, wähle ich einen anderen Weg, um aus diesem Gefängnis herauszukommen: Ich werde krank werden. Mit meinen guten Kenntnissen des menschlichen Körpers dürfte es mir nicht schwer fallen, eine Krankheit vorzutäuschen. Denn ich habe noch einige Rechnungen offen, die ich begleichen möchte…" "Manchmal macht Sommerfeldt mir Angst, dann wieder möchte ich gern mit ihm befreundet sein und wäre sogar bereit, ihn zu verstecken. Er ist der typische Antiheld unserer Tage, sympathisch, belesen, ein Feinschmecker, und doch überaus gefährlich. Genau deshalb lesen so viele Menschen gern von ihm." Klaus-Peter Wolf

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Zeit:5 Std. 47 min

Sprecher:Klaus-Peter Wolf

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Klaus-Peter Wolf

Todesspiel im Hafen

Sommerfeldt räumt auf

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Inhalt

12345678910111213141516171819202122232425262728293031323334353637383940414243Gespräch zwischen Holger Bloem und Klaus-Peter Wolf über das Ende der Sommerfeldt-Trilogie

1

Seit mich Kommissarin Ann Kathrin Klaasen in Gelsenkirchen verhaftet hat, geht es mir im Grunde gar nicht schlecht. Die Beamten in der JVA Meppen behandeln mich ausgesprochen höflich, ja freundlich. Ich bin eine Art Popstar unter den Serienkillern. Ja, ich genieße Promistatus.

Das Essen könnte besser sein. Man kann sich im Gefängnis leider nichts vom Pizzaexpress kommen lassen. Kaffee kochen können die überhaupt nicht, und der Tee mag ja hier im Emsland ganz okay sein, würde in Ostfriesland aber gegen die Verfassung verstoßen.

Seit ich hier bin, habe ich bereits zweiundvierzig Heiratsanträge erhalten. Sechs aus der Schweiz, vier aus den Niederlanden, drei aus Frankreich, drei aus Polen und sechsundzwanzig aus Deutschland. Die Liebesbriefe zähle ich nicht, nur die Heiratsanträge.

Die Frauen haben Verständnis für mich. Für einige bin ich ein Held, weil ich ein paar miese Schweinehunde aus dem Weg geräumt habe. Die Frauenfeinde hätten es nicht besser verdient.

Es sind sehr hübsche Frauen unter meinen Verehrerinnen. Ja, sie schicken mir Fotos. Manche von ihnen sind richtig gebildet. Die meisten haben Abitur oder gar studiert – falls ihre Angaben stimmen. Ich kann sie ja schlecht überprüfen.

Glaubt es oder glaubt es nicht, ein Schließer hier hat mich gebeten, ein Selfie mit mir machen zu dürfen. Am nächsten Tag brachte er es als Ausdruck mit und bat mich, es zu signieren, weil seine Frau so ein großer Fan von mir sei. Ja, er sagte Fan. Ich gab ihm mein erstes Autogramm als Serienkiller.

Eigentlich hatte ich früher mal gehofft, in Zukunft meine Bücher als Schriftsteller signieren zu können, aber das Leben schreibt seine eigenen Geschichten.

Obwohl, auch als Autor mache ich Fortschritte. Ein literarischer Agent hat mich besucht. Zwei große Illustrierte überbieten sich im Streit um die Rechte meiner Tagebücher – wie sie es nennen. Ich habe ihnen gesagt, das sind keine Tagebücher. Es sind Aufzeichnungen. Gedanken. Der Versuch, mich und mein Leben zu verstehen. Er nennt es meine Biographie. Jedenfalls ist es den Illustrierten einen Vorschuss von gut zweihunderttausend Euro wert. Der Agent meint aber, er könne noch mehr herausholen. Ich muss nur vorher ebendiesen Vertrag unterzeichnen …

Er will zwanzig Prozent und findet das wenig. Das Problem ist nur, meine literarischen Versuche werden gerade von der Polizei als Beweismittel gegen mich ausgewertet. Sie sind keineswegs bereit, mir die Texte auszuhändigen.

Der Agent will einen Prozess gegen die gesamte Justiz führen, um meine Kladden freizukriegen, und behauptet, das Ganze sei im Grunde schon Teil der Geschichte. Er spricht von einer genialen Marketingstrategie. Von Exklusivinterviews, Büchern und Filmen, einem Rechtepaket, das am Ende eine halbe Million bringen werde. Mindestens. Ich muss nur vorher ebendiesen Vertrag unterschreiben.

Mein Anwalt, Hans Werner Berendes, empfiehlt mir immer wieder, ich solle doch den Mund halten und ihn reden lassen, aber das fällt mir sehr schwer. Mein Ziel ist ja gar kein Freispruch, sondern mein Ziel ist, dass Cordula freigesprochen wird.

Ich ziehe alle Schuld auf mich. Und ich bitte ihn, mir dabei zu helfen. Das kommt ihm komisch vor.

Dieser Prozess kann Jahre dauern. So viel Zeit habe ich nicht. Deshalb habe ich darum gebeten, ein Interview geben zu dürfen.

Berendes hat mir trotz seiner Vorbehalte geholfen, das Interview mit Holger Bloem zu organisieren. Es fand unter großem Polizeiaufgebot statt. Diesmal kam er mit einem Kamerateam vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wie er mehrfach betonte.

Vor laufender Kamera habe ich alles zugegeben. Ich habe Details erzählt. Selbst das Sicherheitspersonal wurde mucksmäuschenstill. Holger Bloem hat meine Erzählung richtig angefasst, das habe ich ihm deutlich angesehen. Ja, er war regelrecht berührt. Eine Tontechnikerin hat geweint.

Meinem Anwalt passte das alles gar nicht, aber er ließ mich machen, funkte mir nicht dazwischen, und das gefiel mir.

Ja, ich habe dieses Interview genossen. Es war geradezu ein Flirren in der Luft. Dieses Wissen: Das hier werden Millionen Menschen sehen …

Eine Maskenbildnerin hat mich vorher geschminkt. Also mein Gesicht abgepudert und meine Haare gekämmt. Ein paar lästige Strähnchen hat sie sogar weggeschnitten. Sie wollte auch meine Augenbrauen färben und meine Lippen, aber das war mir dann doch zu viel.

Ich warte noch bis zur Ausstrahlung meines Geständnisses, und dann werde ich diese gastfreundliche Stätte verlassen. Ein paar Leute werden sich vor Angst in die Hose machen, wenn sie hören, dass ich geflohen bin.

Ich krieg euch, alle miteinander! Das Spiel ist noch lange nicht vorbei. Ihr glaubt, ihr habt gewonnen? Ihr habt ja keine Ahnung!

2

Ich komme mir vor, als hätte mir jemand Drogen ins Essen gemischt. Es gab heute Chili con Carne und zum Nachtisch Quark mit Kirschen.

Gut, im Smutje oder im Dock N°8 schmeckt es besser, aber das Essen ist recht erfreulich. Lange nicht so, wie man sich »Knastfraß« vorstellt. Vielleicht liegt es daran, dass der Küchenjob von Häftlingen erledigt wird, natürlich unter der Anleitung von richtigen Köchen.

Sehr gerne würde ich mich in die Küche versetzen lassen. Von gutem Essen und der Zubereitung verstehe ich ja doch einiges, aber meine Chancen sind sehr gering. Man muss besonders geeignet für den Job sein, und damit sind zunächst nicht die Kochkünste gemeint, sondern der Gefangene braucht eine Genehmigung für den Umgang mit scharfen Messern. Hinterher werden die Messer natürlich trotzdem jedes Mal penibel gezählt, damit keiner eins mitnimmt. Aber ich fürchte, als jemand, der mehrere Menschen mit einem Messer ins Jenseits befördert hat, ist meine Chance nicht sehr groß, hier als unproblematisch eingestuft zu werden.

Jetzt sitze ich vor dem Fernseher. Ich sehe mich selbst, höre mich reden, und alles, was ich sage, stimmt. Aber es hört sich trotzdem falsch an. Gelogen.

Kommentare werden reingeschnitten. Gutachter befragt. Wieder – zum wievielten Mal eigentlich – sehe ich meine Gelsenkirchener Therapeutin Bärbel, die behauptet, mich sehr gut zu kennen. Ich sei zu solchen Taten gar nicht fähig.

Meine Blicke und Gesten werden gedeutet. Der Journalist Holger Bloem dreht voll auf. Er wirkt, als sei er total auf meiner Seite. Er erzählt, wie übel man mir in Bamberg mitgespielt habe. Ich sei um mein Erbe gebracht worden, und man habe mich als Sündenbock für den Firmenzusammenbruch konsequent aufgebaut.

Er fragt: »Wenn er der gesuchte Serienkiller ist, warum hat er dann diese Menschen verschont und stattdessen scheinbar wahllos Opfer gesucht? Ich selbst habe mich viele Stunden in seiner Gewalt befunden. Er hat mich höflich, ja zuvorkommend behandelt. Wir haben über Kunst und Literatur diskutiert. Nein, wenn Sie mich fragen, er ist tief in seinem Herzen ein gebildeter, hochintelligenter Menschenfreund. Kein Wunder, dass er als Hausarzt in Norddeich so beliebt war.«

Monika und Jörg Tapper vom Café ten Cate schildern mich als ruhigen, freundlichen Stammgast, der gern bei ihnen im Café saß und Romane las.

Im Anschluss spricht noch einmal meine Therapeutin Bärbel. Sie halte es für möglich, dass ich sogar selbst glauben würde, die Morde begangen zu haben. Es gäbe ja Äußerungen von mir, die dies vermuten ließen. Ich sei schließlich ein verhinderter Künstler, der mit diesen Ausführungen seinen Durchbruch schaffen wolle. Es seien aber reine Hirngespinste. Sie nennt es »Allmachtsphantasien«. Das könne so stark werden, dass ein Mensch die eigenen Phantasien am Ende für Realität halten würde. Für wahrer als die Wirklichkeit.

Der eine – sagt sie – hält sich für Napoleon, der andere eben für einen Serienkiller. »Es gibt auch Leute«, formuliert sie lächelnd in die Kamera, »die halten sich für unwiderstehlich, sie sind es aber ganz und gar nicht. Von der Sorte kennt doch jeder von uns ein paar …«

Mit diesen Worten, schlagfertig und mit dem ironischen Unterton, der für die Leute aus dem Ruhrpott so typisch ist, hebelt sie im Grunde alles aus, was ich gestanden habe. Genau so habe ich diesen Menschenschlag in Gelsenkirchen kennengelernt. In jedem Satz, den sie sprechen, liegt das Wissen darum, dass die Welt verrückt ist, völlig kopfsteht und man nicht alles ernst nehmen darf. Das haben die Ruhris, die Rheinländer und die Ostfriesen wohl gemeinsam: dieses stille Einverständnis darüber, dass alle anderen spinnen.

All diese Menschen, mein Anwalt, meine Therapeutin, Holger Bloem, dieses ganze Fernsehteam, sie meinen es im Grunde gut mit mir, wollen mir helfen, mir beistehen.

Warum werde ich trotzdem so fassungslos wütend auf sie?

Sie mögen mich. Sie stehen in schwierigster Zeit an meiner Seite, und ich werde nur sauer. Ich kann mich kaum bewegen vor Zorn. Mein Kopf schmerzt. Ich möchte brüllen, bleibe aber stumm.

Ich habe eine halbvolle Tasse kalten Anstaltskaffee vor mir stehen. Ich trinke aus. Immerhin. Ich schaffe es, die Tasse zum Mund zu führen und zu trinken. Ich kann schlucken. Es kommt mir vor wie ein Wunder.

Obwohl ich im Knast sitze, würde ich mich am liebsten verkriechen. Der Gedanke treibt mir Tränen in die Augen. Kann ich es so wenig ertragen, dass Leute zu mir halten, dass ich Unterstützer, ja Freunde habe?

Was habe ich in meinem vorherigen Leben nicht alles getan, um gemocht zu werden?! Es war doch geradezu eine Sucht von mir. In Ostfriesland, als Hausarzt, ist es mir zum ersten Mal gelungen. Aber in meiner Kindheit, da habe ich Liebe als Verachtung kennengelernt oder, besser, damit verwechselt. Dieses kalte Kritisiertwerden, diese Notenverteilerei meiner Mutter – wie sehr habe ich das verinnerlicht. Jeden noch so kleinen Fehler, den ich gemacht habe, hat sie mir aufs Brot geschmiert. Ich war ständig strengen Urteilen unterworfen. Hart und ungerecht.

Ich habe versucht, vorausschauend alles zu ihrer Zufriedenheit zu erledigen, und bin doch immer wieder an ihren Ansprüchen gescheitert. Sie hat mich mit Blicken und Gesten spüren lassen, dass ich für sie ein Nichts war. Für jeden unwichtigen Scheiß sprach sie mich schuldig. In jedem kleinen Versagen von mir wurde gleich deutlich, dass meine gesamte Persönlichkeit verurteilenswert war. Mickrig. Unterentwickelt. Peinlich.

Jetzt, da ich wirklich Schuld auf mich geladen habe, spricht man mich öffentlich frei, ja redet von mir, als sei ich ein besonders liebenswerter Mensch.

Es ist schwer für mich, das auszuhalten.

Sabine Hiller guckt in meine Zelle. Sie ist Sozialarbeiterin und gehört zu der Truppe, die die Häftlinge hier psychologisch betreut. Sie lächelt mich an. Sie hat die Sendung im Fernsehen gesehen und ist ganz beseelt davon.

Sie strahlt: »Jetzt werden Sie bestimmt bald freigelassen.«

Sie behauptet, sie habe den guten Kern in mir immer gespürt. Einer wie ich gehöre einfach gar nicht hierhin.

Sie fragt mich, ob ich Lust habe, mit ihr im Sozialraum einen Kaffee zu trinken. Es hört sich mehr nach einem Rendezvous als nach einem offiziellen Gespräch über meine weitere Zukunft an.

Sabine Hiller ist Mitte vierzig. Sie hat etwas von Bärbel. Diesen verständnisvollen Ton zwischen Kindergärtnerinnensingsang und Unischnack finde ich eigentlich zum Grinsen. Sie ist schlank, sportlich, mit langen, glatten Haaren, aber an ihren Fingern sehe ich Nikotinspuren. Bestimmt ist es ihr peinlich, dass sie als intelligente Frau raucht, obwohl sie weiß, wie schädlich es ist. Ihre Zähne sehen zu makellos aus, um echt zu sein.

Nein, sie will kein Selfie mit mir machen. Sie versucht auch nicht, mich zu irgendeiner Aussage zu bewegen. In letzter Zeit bin ich ständig Leuten begegnet, die sich nur zu gern damit brüsten würden, ihnen habe der gefährlichste Mann Deutschlands sein Innerstes geöffnet. So eine ist Sabine Hiller überhaupt nicht.

Eine ganze Galerie von Psychologen und pensionierten Kriminalbeamten möchte Interviews mit mir machen oder will Bücher über mich schreiben. Das Böse scheint Hochkonjunktur zu haben. Mein Agent – oder sollte ich besser sagen, mein Möchtegernagent – hat mir, genau wie mein Anwalt Berendes, geraten, sie alle abblitzen zu lassen. Berendes hat Sorge, ich könne mich um Kopf und Kragen reden und im Gespräch hereingelegt werden. Vor dem Prozess solle ich überhaupt nichts sagen. Mein Agent hat Angst um die Exklusivrechte.

Sabine Hiller ist ganz anders. Sie will mir von sich erzählen. Ihre Schwester, sagt sie, also eigentlich ihre Stiefschwester, habe ständig Mist gebaut.

»Sie hat im Laden geklaut. Lippenstifte. Nagellack …« Frau Hiller winkt ab. »Kosmetika. So Mädchensachen halt …« Sie hebt eine Zigarettenpackung hoch. Filterlose Camel. »Zigaretten und auch Alkohol. Alles, was nicht niet- und nagelfest war. Je verbotener, desto besser …«

Sie schaut mich über den Tisch hinweg an. Die Frage hängt unausgesprochen in der Luft, ob ich mit ihr eine rauchen möchte. Will ich nicht. Auch wenn ich hier einsitze, achte ich weiterhin auf meine Gesundheit. Bei mir kann sie also damit nicht punkten. Aber ich wette, bei den meisten anderen Insassen schon. Zumal sie diese doch recht männliche Sorte bevorzugt.

Wir sind nicht in den Sozialraum gegangen, sondern sitzen bei ihr im Büro. Das klingt ungemütlicher, als es ist. Manchen Menschen gelingt es, jeden Raum wohnlich zu gestalten. So eine Person ist sie.

An den Wänden hängen Bilder. Ich weiß nicht, ob Gefangene sie gemalt haben oder sie selbst. Einige Bilder gefallen mir durchaus. Sie sind mit Wasserfarben gepinselt worden. Nichts davon wird später mal im Louvre landen, aber kitschiger Schrott ist es nicht.

Ich sehe eine Menge Herzen, Messer, Kreuze. Da haben Menschen versucht, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Ich bin mir gar nicht so sicher, ob es überhaupt erlaubt ist, dass wir zu zweit hier sitzen. Es soll meine Sorge nicht sein. Aber für mich gelten besondere Regeln. Da man in mir eine hochgefährliche Person mit außerordentlichem Gewaltpotential sieht, werde ich immer wieder von den anderen Gefangenen abgesondert, als müssten sie vor mir geschützt werden. Verglichen mit mir sind selbst die ganz schweren Jungs hier im Grunde Eierdiebe. Pfadfinder, die sich verlaufen haben.

Sabine Hiller schaut mich nicht an, als wolle sie mir sagen: Ich versteh dich. Nein! Sie tut, als würde sie sich von mir verstanden fühlen.

»Ich habe«, sagt sie und steckt eine Zigarette zwischen die Lippen, ohne sie anzuzünden, »ich habe meine Stiefschwester immer irgendwie bewundert für ihren Mut. Ihre Skrupellosigkeit. Ihre Lebensgier. Ich hätte mich das alles nie getraut, was sie getan hat. Aber wir haben dann zusammen die geklauten Zigaretten geraucht, Alkohol getrunken und uns geschminkt.«

Ich höre ihr zu und frage mich, was will sie von mir? Absolution? Oder soll ich das Gefühl bekommen, ihr vertrauen zu können?

»Wenn wir erwischt wurden, dann drehte sich die Situation immer. Vorher war ich die Feige. Sie die Mutige. Aber dann, wenn es um die Konsequenzen ging, wenn alles ausgebadet werden musste, dann habe ich mich nach vorne gedrängelt, und sie hat sich hinter mir versteckt.«

»Sie haben«, frage ich, »die Diebstähle gestanden?«

Sie nickt und schaut mir in die Augen. Sie hält den Blickkontakt aber doch nicht lange aus. »Ja, genau das habe ich getan. Ich habe den ganzen Ärger auf mich gezogen. Stubenarrest, Fernsehverbot …« Sie pflückt die Zigarette von ihren Lippen und klopft mit dem Zeigefinger darauf, als wolle sie Asche abstreifen. Dabei hat sie sie noch gar nicht angezündet.

Ich sehe Lippenstift an dem Zigarettenpapier. Dabei sieht Sabine Hiller ungeschminkt aus, wie die meisten Mitarbeiterinnen hier. Aber die Zigarette verrät sie doch.

»Klar«, sage ich. Sie glotzt mich ungläubig an.

»Echt?«

Sie schüttelt den Kopf. »Ich habe«, sagt sie und pflanzt die Zigarette wieder in den rechten Mundwinkel, »es ja selbst damals nicht verstanden. Ich tat es, ohne zu begreifen, warum.«

»Aber jetzt wissen Sie es …«, rätsele ich.

Ein bisschen komme ich mir vor wie meine Therapeutin Bärbel. Die hatte es drauf, einen mit Bestätigungen dessen, was man gesagt hatte, zu verunsichern. Ich habe es von ihr gelernt.

Sie lehnt sich zurück, reckt die Arme hoch über ihren Kopf, so als wolle sie ihn einrahmen, und gesteht: »Ja, ich denke schon. Ich habe mich ihr gegenüber schuldig gefühlt.«

»Sie haben sich schuldig gefühlt?« Ich rede tatsächlich schon wie Bärbel.

»Hm. Weil ich das echte Kind meiner Mutter war. Sie hat mich immer mehr geliebt als Elli. Elli hatte ihre Mutter verloren. Meine lebte noch. Ich kam mir – als meine Mutter Ellis Papa geheiratet hat – wie ein Eindringling in die Familie vor. Na ja, wie auch immer … Elli flippte aus und baute Scheiß, und ich fühlte mich schuldig und stand dafür gerade.«

Sie schweigt jetzt und sieht mich zwei, drei endlose Atemzüge lang nur an. Inzwischen weiß ich, wenn Therapeutinnen, Sozialarbeiterinnen oder Kommissarinnen einen so angucken, dann sind sie nicht verknallt. Sie sind verständnisvoll. Empathisch. Sie versuchen, sich in einen hineinzuversetzen. Sie sehen gern die Welt kurz mit den Augen ihres Gegenübers und hören mit den Ohren des anderen, um herauszufinden, was er fühlt. Das alles ist sehr sympathisch, kann aber leicht mit Verliebtsein oder wenigstens Zuneigung verwechselt werden.

Ich bin dafür besonders anfällig, weil meine Mutter so ein gefühlskalter Kühlschrank war und ich wirkliches Interesse an meiner Person nicht gewöhnt bin. Jetzt interessieren sich natürlich alle für den Serienkiller. Ich bin so etwas wie eine Attraktion im Zoo. Als hätten sie den letzten lebenden Tyrannosaurus gefangen. Oder nein, das trifft es noch eher, ich bin wie King Kong, der Riesenaffe. Bestaunt und bewundert. Verehrt und gefürchtet.

Ich beginne zu ahnen, worauf sie hinauswill. Ich sage aber nichts, schaue sie nur an und warte ab. Schließlich hält sie es nicht mehr länger aus und sagt, wobei sie, ohne zu zögern, ins Du übergeht: »Du bist genauso – stimmt’s?«

Ich zeige keine Regung. Das verunsichert sie, und sie dreht noch mehr auf: »Ich habe von Anfang an gespürt, dass es zwischen uns eine Verbindung gibt. Eine tiefe Gemeinsamkeit. Jetzt, da ich den Film gesehen habe, weiß ich es.«

Ich bleibe vorsichtshalber beim Sie. Ich bin hier in einer JVA. Da kann man sich eine Menge Ärger einhandeln. Ich habe nicht vor, hier lange zu bleiben. Aber ich will mir keine Schwierigkeiten an Land ziehen.

»Sie glauben, dass ich mich auch für etwas schuldig bekenne, das ich nicht getan habe …«

Sie lächelt mich wissend, ja fast komplizenhaft an. »Ich weiß, wie du dich fühlst. Ich kann deinen Stolz darüber spüren. Ich kenne ihn wie das Hemd, das ich anhabe.« Sie legt eine Hand auf ihr Herz. »Mir ging es genauso. Einerseits war ich frei von Schuld, andererseits rettete ich jemanden. Ich kam mir vor wie Christus, der sich für unsere Sünden ans Kreuz nageln ließ. Ja«, schwärmt sie, »wenn ich für fremde Taten gebüßt habe, fühlte ich mich großartig. Gott näher.«

Sie streckt eine Hand nach mir aus. Ich weiche zurück. Ich versuche, dabei nicht abweisend zu wirken, sondern eher scheu.

Meine Reaktion scheint ihr recht zu geben. Der Serienkiller, der mit einer Frau alleine in einem Zimmer sitzt und die Berührung fürchtet, ist für sie irgendwie unglaubwürdig.

»Jesus und ich haben nichts gemeinsam, Frau Hiller«, sage ich. »Wissen Sie, erstens habe ich all diese Morde wirklich begangen, und zweitens, als Jesus verhaftet wurde, sagte er zu Petrus, der das Schwert zog: ›Wer mit dem Schwert kämpft, wird durch das Schwert umkommen.‹ Er verlangte von ihm, dies sein zu lassen. Ich dagegen hätte die Schergen mit der Klinge erledigt, ohne einen Moment zu zögern. Ich bin nämlich keineswegs unschuldig.«

Sie setzt sich anders hin. »Ach, nun negieren Sie das doch nicht so apodiktisch. Es ist ein evidenter Sachverhalt, dass Sie sich von Frau Klaasen in dieser Gelsenkirchener Buchhandlung widerstandslos haben verhaften lassen …«

Sie siezt mich wieder und fällt in ihre Unisprache zurück. Das tun gebildete Menschen meiner Erfahrung nach, wenn sie unsicher werden.

Ich grinse darüber. Mich kann man so nicht beeindrucken. Ich habe selbst studiert. Medizin. Wenn auch nicht ganz bis zum Abschluss.

Sie merkt es selber. Sie rutscht auf dem Stuhl herum, räuspert sich und fügt mit sanftem Tonfall verständnisvoll hinzu: »Sie haben eben kein Massaker in Gelsenkirchen angerichtet, sondern sich dieser Kommissarin Klaasen ergeben, ohne dass ein Schuss fiel. Sie haben, Herr Dr. Sommerfeldt, das Schwert in der Scheide gelassen.«

Sie redet mich tatsächlich mit »Dr. Sommerfeldt« an, nicht mit meinem Geburtsnamen Johannes Theissen und auch nicht mit dem Namen, unter dem ich verhaftet wurde: Rudolf Ditzen. Sie lässt mir sogar den falschen Doktortitel. Warum? Was will sie von mir? Worum geht es ihr wirklich?

Sie wirkt ein bisschen wie eine leicht beleidigte Dame, die nicht glauben kann, dass sie beim Speeddating auf so wenig Interesse beim anderen Geschlecht stößt.

Ist sie echt in mich verknallt, wie so viele, die mich nur aus den Medien kennen und mir jetzt parfümierte Briefe schreiben, Fotos schicken, mich besuchen möchten, mich in echt kennenlernen wollen, ja von einem Leben mit mir nach dem Knast träumen? Einige wollen meine Seele retten.

Den Frauen, die sich da in etwas hineinsteigern, denen glaube ich. Der Serienkiller hinter Gittern kann ihnen ja nicht wirklich gefährlich werden. Der einlädt, von einem abenteuerlichen Leben zu träumen, das niemals stattfinden wird. Die unberührte Braut, die vor Sehnsucht vergeht und, statt zu ihm ins Bett steigen zu müssen, in Sicherheit von ihm schwärmen kann, die verstehe ich nur zu gut.

Aber Sabine Hiller ist eine gestandene Frau und den Umgang mit Gefangenen gewöhnt. Sie muss sich ständig abgrenzen, vor Angriffen genauso schützen wie vor Flirtversuchen. Jeder Zweite hier versucht doch, ihre Gunst zu gewinnen.

»Warum«, frage ich, »sitzen wir hier?«

Fahrig greift sie zu ihrer leicht zerknitterten halbvollen Packung mit den filterlosen Camel.

»Ich dachte, wir rauchen eine zusammen und …«

»Ich rauche nicht.«

»Ja. Ich ja im Grunde auch nicht mehr. Aber hier drinnen raucht praktisch jeder. Auch darin sind Sie die absolute Ausnahme, Herr Dr. Sommerfeldt.«

»Also«, hake ich nach, »worum geht es? Sie wollten mir doch nicht nur diese Geschichte mit Ihrer Stiefschwester erzählen.«

Sie guckt zum Buchregal und dann zum Porträt des Bundespräsidenten. Das schmucklose Bild an der Wand hatte ich zunächst für ein Foto ihres Vaters gehalten. Es ist aber ein langsam verblassendes Bild des Bundespräsidenten.

Ein Foto ihres Vaters steht hinter dickem Glas mit einem schwarzen Rand auf ihrem Schreibtisch. Er ist wohl vor einiger Zeit verstorben. Ein Bild von Ehemann, Mutter oder Kind sehe ich nicht.

»Ich glaube«, sagt sie leise, »dass Sie genauso unschuldig sind wie ich. Sie bekennen sich zu Taten, die Sie nicht begangen haben, um die Frau zu schützen, die Sie lieben.«

Ich widerspreche: »Nein, das tue ich nicht. Das schreiben nur die Illustrierten. Für Frauenzeitschriften offensichtlich ein beliebtes Thema.«

Sie greift hinter sich und hebt einen Stapel Illustrierte hoch. »Gleich auf zwei Blättern haben Sie das Cover.«

Sie sagt nicht: »Sie sind auf dem Cover«, sie sagt: »… haben Sie das Cover«, so als würde mir etwas gehören, als hätte ich die Zeitschrift geentert wie ein Pirat ein vollbeladenes Frachtschiff auf der Nordsee.

»Ach«, winkt sie freundlich ab, »nun machen wir uns doch nichts vor. Sie spielen Ihre Rolle ja wirklich gut, aber mir können Sie doch nichts erzählen. Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, dann …«

»Helfen?«

»Na ja, so ein Gefängnis ist nicht gerade ein Urlaubsparadies. Wenn Sie etwas brauchen, dann …«

Ich steige auf ihr Angebot sofort ein: »O ja. Sie könnten mir behilflich sein. Ganz im Gegensatz zu Ihnen und den Illustrierten halten mich Richter und Justiz nämlich für schuldig. Ich werde wohl die Freiheit nie wiedersehen. Wenn Sie mir also einen Nachschlüssel besorgen könnten und ein vollgetanktes Auto, wäre ich Ihnen sehr zu Dank verpflichtet.«

Sie lacht. »Ein Unschuldiger bekennt sich zur Tat und bricht dann aus der JVA aus! Welch eine Geschichte! Warum sagen Sie nicht einfach die Wahrheit, und schon sind Sie frei.«

Wir drehen uns im Kreis. Ich antworte nicht.

Sie spielt mit ihrer Filterlosen, klopft sie mehrfach auf einen Papierstapel, hält die Zigarette wie einen Bleistift, mit dem sie etwas notieren möchte.

»Ein Leben auf der Flucht«, sagt sie nachdenklich, »stelle ich mir nicht sehr romantisch vor. Eher furchtbar stressig. Was reizt Sie daran?«

»Ich will ja keinen Wellnessurlaub machen, sondern ich habe noch ein paar Rechnungen offen, die ich begleichen möchte.«

Meine Antwort lässt sie aufhorchen. »Ein Rachefeldzug?«

»Ja«, gestehe ich, »ein paar Leute, die mich übel reingelegt haben, würde ich zu gern zur Rechenschaft ziehen …«

»Wen denn?«

Da ich mir sicher bin, dass sie es nicht für sich behalten wird, präsentiere ich ihr genüsslich den ersten Namen: »Heiner Graff. Ihn würde ich zu gerne meine Klinge schmecken lassen.«

»Heiner Graff«, wiederholt sie, als hätte sie Angst, den Namen falsch verstanden zu haben.

Es macht mir Spaß. Ich sehe ihn schon, zitternd vor Angst, vor mir. Garantiert wird sie ihn informieren. Eine Warnung aussprechen: »Herr Dr. Sommerfeldt hat vor, Sie zu töten.« Ja, soll sein Speckbauch doch vor Angst schlottern! Wenn ich ihn mir schon nicht holen kann, dann will ich ihm wenigstens von hier aus Angst machen. Todesangst.

»Meinen Exschwiegervater, das verlogene Miststück, würde ich auch gerne über die Klinge springen lassen. Und es gibt noch ein paar Leute mehr.«

»Die Kommissarin, die Sie verhaftet hat«, fragt sie, »diese Frau Klaasen? Wollen Sie sich an der auch rächen?«

Ich winke ab. Stattdessen frage ich: »Was ist jetzt mit dem Schlüssel und dem Auto?«

Sie seufzt: »Das ist jetzt ein bisschen viel verlangt. Raushelfen können Sie sich nur selbst, indem Sie dem Richter ermöglichen, Sie freizusprechen. Aber ich könnte Ihnen helfen, Ihre Kommunikationsfähigkeit zu verbessern.«

»Nämlich?«, frage ich, neugierig geworden.

Sie öffnet ihre Schublade und fischt ein Handy heraus. Sie legt es auf den Tisch wie eine Einladung. Es hängt sogar ein Ladekabel dran.

Sie fixiert mich, versucht zu erraten, was ich denke.

»Das würde mir in der Tat einiges erleichtern. Mein Handy wurde mir abgenommen, und die Computer hier sind nicht mit dem World Wide Web verbunden.«

Sie macht eine großzügige Geste über den Tisch. »Lassen Sie sich nicht damit erwischen. Es würde sofort konfisziert werden.«

»Klar«, sage ich und stecke es ein. Ohne dass ich danach frage, erklärt sie: »Der Code ist dreimal die Null, einmal die Sieben.«

»Und, habe ich jetzt einen Handyvertrag abgeschlossen? Wie hoch sind die Gebühren?«

Sie schmunzelt: »Es ist mein altes Gerät. Wenn man es bei Ihnen findet, werden Sie sagen, dass Sie es hier bei mir im Büro gestohlen haben.«

»Klar. Müssen Sie den Diebstahl nicht melden?«

»Nicht, wenn ich ihn nicht bemerke«, fügt sie hinzu, und dann, nach einer kurzen Atempause, lächelt sie mich wieder an. »Eigentlich dürfte ich es nicht einmal mit hier reinbringen. Wir geben unsere Geräte vorne an der Schleuse ab. So wird wenigstens nichts gestohlen.«

»Warum tun Sie das für mich?«

Sie zuckt mit den Schultern, als sei das kaum der Rede wert: »Wenn ich hier einsitzen müsste, würde ich als Erstes versuchen, mir ein Handy zu besorgen. Wer will schon über Telio telefonieren?«

Sie sagt es, als müsse jeder Bürger wissen, dass Telio Kommunikationssysteme speziell für Justizvollzugsanstalten in ganz Europa anbietet und eigene Telefonanlagen für Gefangene baut. Diese Dinger sind verhasst, weil viel zu teuer. Da läuft echt noch der Gebührenzähler. Von wegen Flatrate. Dafür sind die Geräte leicht überwachbar und werden nur auf Antrag freigeschaltet. Die Gefangenen können raustelefonieren, aber nicht angerufen werden.

»Verstehe«, sage ich, als würde ich es eben nicht verstehen.

Sie ist ein zweifellos sehr empathischer Mensch, kann sich in andere hineinversetzen, aus ihrer Perspektive die Welt sehen. Aber trotzdem glaube ich ihr nicht ganz. Es gibt hier so viele Gefangene. Warum ausgerechnet ich?

Sie bemerkt, dass ich noch ganz ungläubig bin, und erklärt mir den Knastalltag: »Handys sind im Vollzug verboten. Sie gefährden massiv den Betrieb. Trotzdem versucht jeder, an ein Handy zu kommen. Nichts wird öfter über den Zaun geworfen. Handys und natürlich Drogen. Wir haben schon Hunderte illegaler Handys einkassiert. Wir haben Sender, sie zu orten. Aber im Moment fehlt dafür das Personal, und der letzte Sender ist defekt oder veraltet. Ich kenne mich mit dem technischen Kram nicht aus.

Wir haben natürlich auch Mobilfunkblocker. Die Geräte sind teuer und haben nur einen geringen Radius. Wir bräuchten hier ein Dutzend, aber es wird mal wieder an allen Ecken und Enden gespart …«

Sie schaut auf ihre Uhr. Es ist eine alte Männerarmbanduhr. Ich wette, ein Erbstück. Bestimmt hat vorher ihr Vater diese Uhr getragen.

Sie rückt nervös auf ihrem Stuhl herum. »Also, Herr Dr. Sommerfeldt, ich habe jetzt eine Gruppe zu leiten. Antiaggressionstraining. Das wäre bestimmt auch etwas für Sie, oder?«

Ich bedanke mich artig, lehne aber ab.

Sie begleitet mich zur Tür. Als ich gehe, berührt sie mich am Oberarm, dass es mich heiß durchrieselt.

Sie bleibt im Türrahmen stehen und sieht mir nach.

Ich gehe in den Kraftraum für ein paar Rückenübungen an der Lat-Maschine.

Sie lässt mich nicht von zwei Beamten abholen, die mich in meine Zelle zurückbegleiten. In den ersten Tagen war das immer so. Jetzt kann ich mich relativ frei bewegen, wenn man ignoriert, dass ich die meisten Türen nicht öffnen kann und folglich sehr eingeschränkt bin. Überall sind Kameras. Sie wissen immer genau, wo ich mich gerade aufhalte.

In meiner Zelle brühe ich mir einen Kaffee auf. Im Gefängnisshop kann man einkaufen. Die Auswahl ist nicht mit einem normalen Supermarkt zu vergleichen, eher mit einem Tante-Emma-Laden. Ich habe mir Kekse und Instantkaffee geholt. So träume ich mich ins Café ten Cate. Wenn ich die Augen schließe, den Kaffee rieche und in einen Schokokeks beiße, stelle ich mir vor, einen echten Kaffee aus Jörg Tappers Espressomaschine zu genießen und dazu ein Stückchen Baumkuchen mit schwarzer Schokolade.

Ich sehe den Anschluss von Telio jetzt mit anderen Augen. Ich habe die Nutzung erst gar nicht beantragt. Man kann nicht angerufen werden, sondern nur raustelefonieren. Aber bisher erschien mir der Gedanke abwegig.

Das Handy brennt jetzt in meiner Hosentasche wie manchmal das Messer, bevor ich loszog, um ein Krebsgeschwür aus der Welt zu schneiden. In der Tat hätte ich dieses Telio-Telefon sowieso nicht benutzt, aber jetzt, mit dem Handy, beginne ich, darüber nachzudenken, gewisse Leute anzurufen.

Cordulas Anwalt, um ihm zu sagen, dass er mit dem Scheiß aufhören soll, oder Holger Bloem, um ihm zu erklären, wie verdammt falsch er liegt mit seiner These. Aber auch meiner Therapeutin Bärbel würde ich gerne die Meinung sagen. Sie hat inzwischen eine wöchentliche Sendung. Lebenshilfe am Telefon. Einmal habe ich sie gehört. Es ging um Liebeskummer.

Das Handy ist internetfähig. Der Mobilfunkblocker reicht nicht bis in meine Zelle. Irre! Ich habe endlich wieder vollständigen Zugang zur Welt.

Ich google meinen Namen. Also den, unter dem mich alle kennen: Dr. Bernhard Sommerfeldt. Dann klicke ich News an und kann lesen, was so über mich geschrieben wird.

Nicht alle sind mir so wohlgesonnen wie Holger Bloem. Uns wird in einigen Blättern sogar eine komplizenhafte Beziehung unterstellt.

Mein Lieblingsbuch ist inzwischen Der Graf von Monte Christo. Sie haben es sogar in der Gefängnisbibliothek, aber ich werde seine Ausbruchsmethode nicht nachahmen. Weder kann man sich hier durch die Mauern nach draußen graben, noch wird es mir gelingen, die Festung in einem Leichensack zu verlassen, so wie er es geschafft hat. Tote werden hier nicht einfach ins Meer geworfen.

Der moderne Strafvollzug ist für Leute, die abhauen wollen, durchaus ein Problem. Ja, für Freigänger ist es vielleicht einfach, nicht wieder zurückzukommen. Wer kaum noch einen Grund hat zu fliehen, bekommt jede Menge Gelegenheit dazu. Auch begleitete Besuche bei Verwandten sind ein nettes Angebot zu verduften. Doch für einen so hochgefährlichen Typen wie mich gibt es solche Hafterleichterungen nicht. Vor einem wie mir muss die Gesellschaft nämlich geschützt werden.

Ich lese auf dem Onlineportal einer großen Tageszeitung, zwischen mir und dem nächsten Opfer seien nur noch die hoffentlich hohen Gefängnismauern.

Den Grafen von Monte Christo kennt jeder. Aber wer weiß schon seinen richtigen Namen?

Edmond Dantès. Es ist wie bei mir. Der falsche Doktortitel klebt an mir wie der Adelstitel an ihm. Ich wette, würde er heute irgendwo auftauchen, würden ihn alle Herr Graf nennen. Die Menschen mögen die glamouröse Lüge lieber als die schnöde Wirklichkeit.

Edmond Dantès hat es nach seiner Flucht im Leichensack zu märchenhaftem Reichtum gebracht. Als Graf von Monte Christo beginnt er seinen Rachefeldzug an seinen Verrätern und Peinigern. Er empfindet sich als Strafe Gottes.

Mir geht es da nicht anders. Für viele ist Der Graf von Monte Christo nur ein billiger Unterhaltungsroman. Welch ein Irrtum! In Wirklichkeit erzählt er Zeitgeschichte. Wie nach der Französischen Revolution die Machtverhältnisse neu geordnet wurden. Die Restauration der Monarchie. Napoleons Niedergang. Aber für mich bedeutet der Roman noch viel mehr. Für mich ist er Seelenliteratur.

Alexandre Dumas’ Roman hilft mir, an mich zu glauben. Es gibt immer einen Weg raus, solange einen die Gier nach Freiheit nicht verlässt. Nur wer sich selbst aufgibt, ist verloren. Man kann im Leben verdammt tief fallen. Aber man kann auch wieder aufstehen und das Spiel von vorn beginnen.

Als Johannes Theissen war ich ein Opfer. Unglücklich. Eine traurige Gestalt. Als Dr. Bernhard Sommerfeldt stieg ich in Ostfriesland zu einem geachteten, beliebten Mann auf und sorgte mit meinem Messer dafür, dass die Gegend nicht zu sehr von Drecksäcken verwüstet wurde.

Ich habe meine Patientinnen gern ganzheitlich behandelt. Zum Beispiel Susanne Ricklef. Als ihr Sohn mal wieder die Treppe runtergefallen war und sie erneut ein blaues Auge hatte, habe ich ihr natürlich nicht nur medizinische Hilfe angeboten. Aber weil sie gegen jeden Verstand trotzdem nichts vom Frauenhaus wissen wollte und erst recht nichts von der Polizei, da habe ich erst ihr Kind behandelt, dann sie und später, nachts, ihren Ehemann.

Gut, das hat zwar die AOK nicht gezahlt, und die Polizei findet es auch nicht so richtig in Ordnung, aber meine Methode hat doch die Welt ein bisschen lebenswerter gemacht. Zumindest für Frau Ricklef und ihren Sohn.

Nun, da ich weder begleitet noch unbegleitet auf Ausgang hoffen kann, habe ich mich entschieden, einen anderen Weg zu wählen, hier rauszukommen: Ich werde krank werden. Als Dr. Bernhard Sommerfeldt, mit guten Kenntnissen des menschlichen Körpers und aller möglichen Gebrechen, fällt es mir nicht schwer, eine Krankheit vorzutäuschen.

Ich war noch nie in einem Gefängniskrankenhaus, aber in meiner Vorstellung fällt es mir leichter, von dort zu fliehen als von jeder anderen Abteilung eines Gefängnisses. In der JVA Lingen gibt es das einzige Krankenhaus für Häftlinge in Niedersachsen. Auch aus Bremen werden Fälle dorthin ins Emsland geschickt.

Es beginnt schon beim Transport. Ich vermute, aus einem Krankenwagen kann ich leichter fliehen als aus einem gesicherten Gefängnistransport. Falls ich im Krankenwagen hingebracht werde. Mir fehlt es hier in jeder Hinsicht an Erfahrung.

Ich recherchiere im Internet. Da fährt es mir glühend heiß durch den Körper: Natürlich! Deswegen hat Sabine Hiller sich so komisch verhalten und mir ihr Handy geschenkt. Mit dem Ding werde ich kontrolliert! Wahrscheinlich liest gerade ein Gerät genau aus, welche Seiten im Netz ich mir anschaue. Sie registrieren jeden Anruf und überprüfen jede Telefonnummer, die ich wähle. Weil ich auf Telio nicht reingefallen bin, versuchen sie, mich so auszutricksen. Der Staatsanwalt sammelt Material gegen mich, oder sie wollen aufklären, ob ich Helfer habe.

Okay. Ich werde also abgehört. Ich stehe unter Beobachtung.

Ich fühle mich fast ein bisschen gebauchpinselt. Ich muss sehr wichtig für sie sein, wenn sie so ein halblegales Ding abziehen. Sie wissen also nicht genug. Gleichzeitig bin ich sauer, weil Sabine Hiller versucht hat, mich so unverschämt reinzulegen. Verdammtes Luder … Gerissen wie meine Mutter!

Zunächst breche ich meine Internetrecherche ab. Ich will ihnen keine Hinweise auf meine Pläne geben. Dann beschließe ich, das Ding nie für Anrufe zu nutzen und bei meiner Flucht nicht mitzunehmen. Ich will nicht von ihnen geortet werden. Ganz so leicht werde ich es ihnen nicht machen.

Aber dann überlege ich es mir anders. Ich könnte das Gerät auch einsetzen, um gezielt Informationen zu streuen, also Kripo und Justiz für mich zu instrumentalisieren.

Graff betreibt eine Privatdetektei in Bamberg. Ein guter Internetauftritt. Wirkt seriös. Sofern solche Angebote überhaupt seriös sein können.

Er testet die Treue von Ehepartnern oder überprüft Mitarbeiter einer Firma auf ihre Verschwiegenheit. Er sammelt Material für Arbeitsgerichtsprozesse und so weiter. Dass er auch für eine Bande von Drogendealern arbeitet und für sie die Drecksarbeit erledigt, steht nicht auf seiner Homepage.

Ich rufe ihn an. Eine piepsige Sekretärin meldet sich. Ich stelle sie mir blond vor, Anfang dreißig. Höchstens. Eine schmale Person. Keine sechzig Kilo.

Ich muss über mich selbst grinsen. Habe ich hier hinter Gittern so einen Mangel an Eindrücken, dass eine Stimme ausreicht, dass ich mir ein Bild von einer Person machen kann? Oder war das alles immer so? Lerne ich mich selbst hier im Gefängnis nur besser kennen?

»Ich möchte in einer delikaten Angelegenheit Ihren Chef sprechen.«

»Wie ist denn Ihr Name?«

Sie ist noch jünger, als ich dachte, vermutlich erst Mitte zwanzig. Entweder trägt sie eine Zahnspange, oder sie war heute Morgen beim Zahnarzt.

Am liebsten würde ich sie danach fragen. Ich überlege kurz, als wer ich angekündigt werden möchte, dann entscheide ich mich für den Donnerschlag: »Dr. Bernhard Sommerfeldt«, sage ich.

»Der war gut«, gluckst sie. »Die ganze Welt weiß, dass Dr. Sommerfeldt im Gefängnis sitzt. Nein, im Ernst, ich kann Sie nicht einfach so durchstellen. Herr Graff ist gerade in einer Besprechung. Kann er Sie zurückrufen? Geben Sie mir Ihren richtigen Namen und Ihre Nummer.«

»Ich bin es wirklich«, sage ich sanft, »und ich hätte Lust, dem fettigen Stück Abfall, das sich Ihr Chef nennt, mein Messer in den Wanst zu rammen. Ich würde ihm gerne sein Herz rausschneiden, wenn er denn eins hätte.«

Ich weiß, je freundlicher, je liebevoller solche Worte ausgesprochen werden, umso erschreckender wirken sie. Wer schreit und droht, macht sich nur zum Idioten, der sich nicht unter Kontrolle hat. Deshalb spreche ich ganz ruhig. Ich flüstere meine Ungeheuerlichkeiten geradezu, als würde ich einer Geliebten leidenschaftliche Schwüre und Versprechungen ins Ohr raunen: »Ich bekomme noch Geld von ihm. Ich habe auf Langeoog einen Kerl für ihn beseitigt. Heiko Mahr. Mein Lohn steht noch aus. Ich kann hier im Gefängnis wenig damit anfangen. Ich erwarte, dass er eine Hälfte an den Förderverein für das stationäre Hospiz am Meer in Norden überweist und die andere Hälfte an den Bödecker-Kreis Hannover. Die organisieren Schullesungen von Autoren im ganzen Land. Wissen Sie, junge Frau, ich finde beides wichtig. Das Leben in Würde bis zum letzten Moment und literarische Bildung in der Schule. Da kann man gar nicht früh genug beginnen. Was meinen Sie? Aber ich würde das Ganze Ihrem Chef gerne selbst sagen. Oder wollen Sie es lieber für mich ausrichten?«

Sie verschluckt sich an ihrem Speichel und hustet. Sie hat kapiert, dass ich es wirklich bin.

»Einen Moment«, sagt sie. »Ich versuche, Sie durchzu…«

Eine Weile höre ich nichts. Die Leitung ist wie tot. Es fühlt sich dumpf an. Dann meldet sich Graff. Im Hintergrund lautes Vogelgezwitscher. Befindet er sich im Freien? Sitzt der Sauhund mit einem Tässchen Kaffee auf der Terrasse und genießt, dass er mich reingelegt hat?

Sie muss ihm gesagt haben, wer am Telefon ist. Aber er meldet sich, als hätte er gar keine Ahnung, bemüht sich um Fröhlichkeit, hat aber einen Kloß im Hals: »Detektei Heiner Graff. Was kann ich für Sie tun?«

»Oh«, sage ich, »das ist ja toll. Ich spreche mit einem Toten.«

»Wie? Was?«

»Wer sich einen Dr. Sommerfeldt zum Feind macht, weiß doch, dass er es nicht überleben wird. Dafür bist du doch klug genug, oder, Arschgesicht?«

Er schluckt. Seine Stimme wird eunuchenhaft. »Ist das ein Telefonscherz?«

Ich lache. »Das sagst du, weil du befürchtest, dass mein Telefon abgehört wird. Und du willst nicht, dass die Polizei dir auf die Schliche kommt.«

Wenn du wüsstest, Alter, wie wahr das ist …

Ich lüge: »Keine Angst, ich habe ein sicheres Gerät. Ich will nämlich nicht, dass die Polizei dich holt. Glaub mir, Knast ist nichts für einen wie dich. Ich weiß sowieso nicht, ob es für dich den richtigen Ort gibt. Hast du dein Testament gemacht? Alle Dinge geregelt? Ich frage mich, ob du eine Feuerbestattung wünschst oder ob du lieber in einem kühlen, feuchten Grab verrotten willst. Für deinen Abtransport musst du schon selber sorgen, darum werde ich mich nicht kümmern. Von mir bekommst du lediglich die Fahrkarte ins Jenseits. Was aus dem Müllhaufen wird, den du deinen Körper nennst, interessiert mich dann nicht mehr. Wenn es dir wichtig ist, dann regle das schnell. Viel Zeit hast du nicht mehr. Ich würde keinen dicken Roman mehr beginnen. Den kriegst du sowieso nicht mehr zu Ende gelesen. Kein Dostojewski, höchstens ein, zwei Kurzgeschichten sind noch drin.

Für den Mord an Heiko Mahr schuldest du mir noch Geld. Ich habe deiner Sekretärin bereits gesagt, wohin es überwiesen werden soll. Eine Hälfte geht an den Förderverein für das stationäre Hospiz am Meer in Norden und die andere Hälfte an den Bödecker-Kreis Hannover.«

Er wird wütend: »Bödecker-Kreis? Wer, verflucht, soll das sein?«

Es macht mir Spaß, ihn mit solchen Dingen zu konfrontieren. Sie bringen ihn völlig aus dem Konzept.

»Du kennst dich in Dealerkreisen bestens aus, verstehst was von Mord, Totschlag und organisiertem Verbrechen. Davon, Menschen zu manipulieren und zu bespitzeln. Die meisten Geheimdienste der Welt suchen Typen wie dich. Da könntest du es bis zum Abteilungsleiter bringen. Von irgendwelchen Organisationen, die etwas Positives in die Welt bringen, hast du natürlich keine Ahnung. Über das Wort Ehrenamt kann einer wie du doch nur lachen. Für dich geht es doch immer nur um Kohle. Stimmt’s?«

»Ich … ich muss mir das nicht bieten lassen.«

»O doch, das musst du. Angesichts des Todes werden ja manche Menschen plötzlich wieder gläubig. Falls das bei dir auch so ist, beeil dich, die Beichte abzulegen. Aber such dir dafür einen jungen, gesunden Beichtvater. Oder am besten einen Kripomann. Wir wollen doch nicht, dass ein Priester kurz vor der Pensionierung einen Herzinfarkt kriegt, nur weil du ihm von deinem Leben berichtest.

Aber zurück zu deiner Frage. Was ein Förderverein für ein Hospiz ist, kannst du dir wohl lebhaft vorstellen. Du wirst keins mehr brauchen. Aber für Menschen, die friedlich an einer Krankheit oder Altersschwäche sterben, ist das schon eine wichtige Einrichtung.

Und der Bödecker-Kreis, weißt du, der kümmert sich darum, dass unsere Schüler nicht restlos verblöden. Hast du dir mal angehört, was unsere Kultusminister so allen Ernstes verbreiten? Den Durchmarsch der Digitalisierung. Das digitale Klassenzimmer hätten sie gerne. Die Schüler sollen sich in der Schule nicht mehr an Bücher gewöhnen, sondern an einen Bildschirm. Die Buchkultur geht den Bach runter. Jedes Kleinkind kann mit einem iPhone umgehen, aber unsere Kultusminister befürchten, dass wir den digitalen Anschluss verpassen. Wollen unsere Schüler fit machen für eine buch-, sprich kulturlose Welt. Da stemmt sich der Bödecker-Kreis dagegen. Auf verlorenem Posten vermutlich, aber tapfer. Die schicken Autoren in die Schulen, wo sie den Schülern vorlesen. Dies ist heutzutage schon fast ein rebellischer, ja revolutionärer Akt.

Wenn man dir mehr vorgelesen hätte, wäre aus dir vielleicht auch ein anständiger Mensch geworden. Wer weiß. Gute Anlagen hattest du doch bestimmt.«

»Ich höre mir das nicht länger an«, behauptet er, legt aber nicht auf, sondern versucht, mich in eine Diskussion zu verwickeln.

»Ich weiß zwar nicht, wer Sie sind und was Sie von mir wollen, aber ich teile Ihre Meinung keineswegs.«

Aus seinen Worten trieft der Angstschweiß. Er weiß genau, dass wir abgehört werden. Wahrscheinlich versucht er jetzt, das Gespräch in die Länge zu ziehen, in der Hoffnung, dass die Polizei mich erwischt. Er muss davon ausgehen, dass ich aus dem Gefängnis geflohen bin, um mit ihm zu telefonieren. Nur das macht mich gefährlich. Wenn ich noch im Knast sitze, können ihm meine Drohungen egal sein. Dann ist es nur blöd für ihn, dass er durch den Anruf in den Fokus der Ermittlungen geraten wird.

Er eiert rum: »Einen Herrn Heiko Mahr kenne ich nicht. Ich weiß auch nichts von einem Bödecker-Kreis, und ich finde ein Hospiz eine sehr sinnvolle Einrichtung, da wäre ich auch gerne bereit zu spenden. Aber von irgendwelchen Spinnern lasse ich mich nicht erpressen.«

»Du wirst einfach sterben, Drecksack. Ich gebe dir hiermit die Möglichkeit, noch ein bisschen dein Gewissen zu erleichtern. Noch ein bisschen wiedergutzumachen. Oder glaubst du, dass es bei deinem jämmerlichen Leben sowieso keine Rolle spielt, weil du ohnehin in der Hölle landen wirst, wo du hingehörst?«

Ich höre Schritte im Flur und beende das Gespräch. Ich stecke das Handy ein.

Ich frage mich, ob man Gefängnisflure bewusst so baut, dass jeder Schritt hallt. Sollen die Insassen wissen, dass jemand kommt? Will man so eine bestimmte innere Alarmbereitschaft bei allen herbeiführen? Oder ist das einfach nur, weil man die Flure so besser wischen kann?

Die Schritte entfernen sich. Niemand kommt zu mir rein. Ich habe auch nicht ernsthaft damit gerechnet.

Sie haben mein Gespräch mit Sicherheit mitgeschnitten. Das wird unangenehm für Graff werden. Jeder normalintelligente Staatsanwalt muss jetzt mit den Ermittlungen beginnen. Ich habe ihnen genügend Hinweise gegeben.

Wenn feststeht, dass Graff mir den Auftrag gegeben hat, Heiko Mahr auf Langeoog zu töten, ist Cordula damit aus dem Rennen. Ich nehme diesen Mord einfach zusätzlich auf meine Kappe. Was macht es schon, ob ich für sechs oder sieben Morde verurteilt werde? Ich habe ja sowieso ein paar mehr auf dem Gewissen, von denen sie keine Ahnung haben.

Die besten Morde sind ja die, die als solche überhaupt nicht registriert werden. Wenn der Arzt eine natürliche Todesursache bescheinigt, gibt es keine Ermittlungen, wird kein Mörder gesucht. Das nenne ich verdeckte Präzisionsarbeit. Sobald die Ermittlungsbehörden anfangen, ist die Situation im Grunde schon völlig vergeigt.

Ich frage mich, warum ich trotzdem einige so offensichtlich getötet habe. Einen Stich ins Herz kann ja kein Arzt als natürliche Todesursache bezeichnen. Damit kommt nie einer durch.

Wollte ich, dass sie mich schnappen? Oder wollte ich der ganzen Welt zeigen, welche Abgründe in mir stecken? Dass man vor mir Angst haben muss?

Gern würde ich mich selbst genauer kennenlernen, wissen, was eigentlich mit mir los ist. Deswegen bin ich in Gelsenkirchen zu Bärbel gegangen. Aber meine Therapeutin kann sich ja gar nicht vorstellen, dass ich ein Mörder bin. Herrje … Ist sie wirklich so naiv, oder gehört sie im Grunde zu den Frauen, die mir hierher Liebesbriefe schreiben? Erstaunlich viele von denen kommen aus helfenden Berufen. Krankenschwestern, Erzieherinnen, Zahnarzthelferinnen, Sozialarbeiterinnen.

Besonders sympathisch ist mir eine Altenpflegerin, Gerdis Hoffmeister, die mir in langen Briefen die Geschichte ihrer gescheiterten Ehe erzählt hat. Ihr Mann hat sie ständig betrogen, das Geld versoffen, Hypotheken aufs Haus aufgenommen, ohne dass sie eine Ahnung davon hatte. Sie hat versucht, ihn zu retten, und ist dabei furchtbar gescheitert. Das verzeiht sie sich offensichtlich nicht.

Als ihr Mann ganz unten war, ist er in eine Drogenklinik gekommen, hat einen Entzug gemacht, eine Therapie, und danach hat er sie verlassen und sich eine andere genommen. Sie blieb auf Bergen von Schulden hängen, zumindest behauptet sie das.

Jetzt hat sie sich in mich verliebt, will mich retten. Das ist für sie auch viel weniger gefährlich, denkt sie. Welchen Schaden sollte ich schon in ihrem Leben anrichten? Schließlich sitze ich ja im Gefängnis.

Sie schickt mir Fotos von den Kuchen, die sie selber backt. Ganze Bleche Apfelkuchen, Streuselkuchen, einen Gugelhupf kann sie besonders gut, mit Puderzucker, der draufliegt wie Schnee. Aber sie darf mir das nicht ins Gefängnis schicken oder mitbringen. Kuchen ist zwar erlaubt, selbstgemachter aber nicht. Stattdessen soll sie mir Kekse kaufen. Hier im Supermarkt. Aber sie findet, verglichen mit ihrem Kuchen sei das alles nur Industriemüll.

Ich kann mir vorstellen, bei einer dieser Frauen nach der Flucht unterzuschlüpfen. Immerhin sind sie alle bereit, mir irgendwie zu helfen, aber wie werden sie reagieren, wenn ich plötzlich vor der Tür stehe? Ist das dann der große Schock, das Aus für all die Hilfe und die Liebe? Oder erfüllt sich ihre Sehnsucht?

Damit werde ich schon fertig werden. Viel dringlicher ist für mich die Frage: Wird die Polizei mich sofort dort suchen? Ist das vielleicht ihr Standardprogramm? Mit Sicherheit haben sie alle Namen und Adressen registriert, bevor sie die Post an mich weitergeleitet haben.

Ist vielleicht unter diesen Briefen sogar ein Lockvogel? Jemand, der ein doppeltes Spiel spielt, so wie Sabine Hiller?

Kriege ich hier im Knast Paranoia, oder kann ich wirklich niemandem mehr trauen?

Jedenfalls will ich hier raus. Mein Leben wird ohnehin in so einer Zelle enden, denke ich. Selbst wenn ich es schaffe, mich irgendwohin abzusetzen, sie werden mich immer suchen.

Ich kann meinem Schicksal vermutlich nicht entgehen, aber wenn ich im Gefängnis sitze, so möchte ich mich entspannt zurücklehnen können, weil ich weiß, dass meine Arbeit erledigt ist. Dann kann ich mich auf den Knastalltag einlassen. Mich quer durch die Bibliothek lesen, meinetwegen werde ich sogar einer sinnvollen Arbeit nachgehen. Warum nicht in der Bäckerei? In Lingen haben sie eine. Die beliefern viele Läden im ganzen Land. Und da werden wohl nicht ganz so viele Messer eingesetzt.

Ich habe gehört, man könne da im Knast sogar eine Tischlerlehre machen. Auf jeden Fall irgendwas mit Holz.

Ein bisschen freue ich mich sogar darauf. Ich habe das Gefühl, im Gefängnis mehr Zeit für mich zu haben. Zur Besinnung zu kommen. Lesen zu können. Die beschränkte Auswahl nervt mich ein bisschen, aber noch komme ich mit dem vorhandenen Material ganz gut klar, und über Fernausleihen sind viele Dinge möglich. Zumindest, wenn sie nicht auf dem Index stehen und nicht meine Resozialisierung gefährden.

Ich muss immer grinsen, wenn ich dieses Wort höre. Es hat doch mit mir so gut wie nichts zu tun.

Mein Entschluss steht fest. Ich muss noch einmal raus aus dem Gefängnis und so richtig aufräumen. Innerlich habe ich bereits eine Liste gemacht. Graff wird der Erste sein, weil er der Letzte war, der mich verraten hat. Dann muss mein ehemaliger Schwiegervater dran glauben, der zusammen mit seiner Tochter und meiner Mutter das Unternehmen an sich gerissen und mich dem Staatsanwalt zum Fraß vorgeworfen hat.

Jetzt, da ich hier einsitze und im Grunde zur Untätigkeit verdammt bin, kann ich mir sogar vorstellen, meiner Exfrau und meiner Mutter das Messer an den Hals zu setzen. Ob ich das dann in Wirklichkeit schaffe, weiß ich nicht. Ich habe ja immer noch dieses Scheißproblem, dass ich Frauen nichts tun kann.

Macht mich das eigentlich zu einem besseren Menschen oder einfach nur zu einem lausigen Serienkiller?

Graff und mein Schwiegervater sind so gut wie erledigt. Sie zu töten wird ein einziges Vergnügen. Aber wie mache ich es, wenn ich meiner Mutter gegenüberstehe? Sie wird der schwierigste Brocken.

Ich beschäftige mich wieder mit griechischer Mythologie. Orestes hat der Sage nach seine Mutter getötet. Dafür bestraften ihn die Götter mit Wahnsinn. Er wurde grausam verfolgt. Niemand wollte einen aufnehmen, der seine eigene Mutter getötet hatte. In Athen wurde seine Tat verhandelt. Dort kippte alles zu seinen Gunsten, und er wurde freigesprochen. Aber trotzdem lastete ein Fluch auf ihm. Am Ende starb er durch den Biss einer Schlange.

Viele Autoren haben sich mit Orestes beschäftigt. Goethe in Iphigenie auf Tauris, aber näher als alle anderen ist mir Jean-Paul Sartres Die Fliegen. Es geht um Freiheit und Existenz.

»Der Mensch ist verurteilt, frei zu sein. Verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, andererseits aber dennoch frei, da er, einmal in die Welt geworfen, für alles verantwortlich ist, was er tut.«

In Erinnerung geblieben von den Proben ist mir der Satz: »Ich will ein Mensch sein, der irgendwohin gehört, ein Mensch unter Menschen.«

In Ostfriesland ist es mir gelungen. Da war ich einer von ihnen, aufgenommen in die Gemeinschaft, geachtet und anerkannt. In Bamberg hatte ich das Gegenteil erfahren. Ich musste erleben, wie man ausgestoßen wird, zum Übeltäter gestempelt, erst zum Versager, dann zum Verbrecher gemacht.

Ich habe das Stück nie im Theater gesehen. Wird es überhaupt noch irgendwo aufgeführt? Unsere Theater-AG in der Schule wollte es machen, mit einem sehr engagierten Lehrer, und ich, man mag es kaum glauben, war der Orestes. Der Muttermörder.

Ich habe mich richtig reingefuchst, die Texte gelernt, aber das Ganze war dann wohl doch für uns Schüler ein bisschen zu groß. Am Ende mussten wir uns entscheiden zwischen guten Mathenoten oder einem Weiterwirken in der Theater-AG.

Noch vor der ersten Aufführung kippte das Stück. Mitwirkende stiegen aus, Proben zogen sich in die Länge. Dann begann diese schreckliche Diskussion, ob uns das Stück denn heute noch etwas zu sagen habe. Eine basisdemokratische Debatte hob an, ob wir nicht ganz andere, modernere Dinge auf die Bühne bringen sollten, und schließlich versandete alles.

Aber ich habe Teile dieses Stücks immer noch verinnerlicht, und ich weiß, es geht um die Freiheit der Entscheidung. Ich habe mich an einer bestimmten Wegkreuzung für dieses Leben entschieden: das des Serienkillers. Des Rächers. Des Mannes, der versucht, mit seinem Messer aufzuräumen. Jetzt muss ich es dann auch mit allen Konsequenzen sein.

Ich werde also diese gastliche Stätte verlassen. Meine Aufgabe zu einem Abschluss führen. Alles muss rund werden. Danach werde ich mich vor den Konsequenzen kaum drücken können.

Okay, ich werde es versuchen. Vielleicht gelingt es mir, irgendwo noch unerkannt ein paar schöne Jahre zu fristen. Ich will mich daran erfreuen, dass ich meine Gegner getötet habe und mir trotzdem weiterhin die Sonne ins Gesicht scheint, während ich Drinks, aus denen bunte Schirmchen ragen, schlürfe und dabei das Meer rauschen höre.

In guten Momenten kann ich mir vorstellen, eine Zeit in der Karibik in Freiheit zu verbringen. Bis dorthin wird der Arm des Gesetzes eine Weile brauchen, um mich zu erwischen. Lieber aber als in der Karibik wäre ich in Ostfriesland. Ja, verdammt! Auf einer Insel. Auf Wangerooge oder auf Langeoog. Juist wäre auch nicht schlecht.

Eine autofreie Insel sollte es sein, wo keine Polizeiwagen mit Blaulicht heranrauschen. Zwischen Fahrrädern und Pferden möchte ich die restliche Zeit verbringen. Am wichtigsten aber ist mir die Nähe zum Meer. Das Rauschen der Wellen. Die weißen Schaumkronen will ich tanzen sehen und das alles in mich aufsaugen.

Ich stelle mir vor, dass ich auf Langeoog am Flinthörn einkassiert werde. Hinter mir das Meer, um mich herum der Sand, und oben von den Dünen kommen sie. Zehn, zwölf, in ihrem martialischen Aufzug, mit Helmen und schusssicheren Westen.

Ich hebe nur die Hände und sage: »Keine Angst, ich schieße nicht. Ich mag diesen lauten Knall nicht. Damit werde ich mir doch nicht die letzten Minuten auf dieser zauberhaften Insel verderben. Nehmt mich einfach so mit, aber lasst mich noch einmal einen Blick auf die Nordsee werfen. Wer kann denn angesichts dieser Kraft und Schönheit an eine wilde Schießerei denken?«

Das ist ein Abgang, wie ich ihn mir wünsche. Sie bringen mich in den Hubschrauber, und sie fliegen mit mir rüber zum Festland. Ich habe einen weiten Blick über die Küste, kann noch einmal die Schönheit der Landschaft genießen. Das Watt von oben. Vogelschwärme unter uns. Hunderte Wildgänse auf dem Deich.

Ich werde diese Bilder in mich aufsaugen, denke ich, bis sich die Zellentüren hinter mir schließen. Das Kino in meinem Kopf ist später dann viel schöner, als es die Fernsehbilder je sein können.

Ja, über all diese Dinge denke ich nach und bin mir nicht sicher, ob ich mit mir selbst rede oder ob alles nur in mir stattfindet. Jedenfalls muss ich hier raus, bevor ich mich meinem Schicksal ergebe. Ich muss mir ein Messer besorgen und mein Werk vollenden.

»Ich komme«, sage ich leise. »Das wisst und zittert.«

3

Auf Hilfe von außen kann ich nicht hoffen. Die Ladys, die mir Briefe schreiben, sind nicht mal in der Lage, hier ein Stück selbstgemachten Kuchen reinzuschmuggeln. Was soll ich von ihnen erwarten?