Todestrank - A. J. Kazinski - E-Book

Todestrank E-Book

A. J. Kazinski

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Beschreibung

Massenmörder, Psychopathen, Vergewaltiger – die gefährlichsten Straftäter Dänemarks sind in Sikringen untergebracht, der berüchtigtsten Sicherungsstation des Landes. Als der Psychiater der Station tot aufgefunden wird, steht die Polizei vor einem Rätsel. Niemand will etwas gesehen haben, alle hüllen sich in Schweigen. Um den Mord aufzuklären, wird Kommissar Niels Bentzon unter falscher Identität in die Anstalt eingeschleust. Insassen und Personal halten ihn für einen gefährlichen Kriminellen. Undercover beginnt Bentzon mit seinen Ermittlungen. Was als gewagtes Manöver beginnt, entpuppt sich bald als todesmutiges Unterfangen. Am Ende geht es allein ums Überleben.

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Seitenzahl: 603

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Zum Buch

Der Psychologe Christian Paludan wird tot in der Sicherheitsverwahrung des Sikringen-Gefängnis aufgefunden. Die Autopsie ergibt, dass er am Gift des Gefleckten Schierlings gestorben ist. Sikringen gilt als die sicherste Anstalt des Landes. Der Täter muss also unter den Insassen oder dem Personal zu suchen sein. Da die Ermittlungen ins Leere laufen, lässt sich Kommissar Niels Bentzon unter falscher Identität in die Anstalt einliefern, um inkognito zu recherchieren. Er stößt auf eine mysteriöse Postkarte, mit der er zunächst nichts anfangen kann. Doch irgendetwas sagt ihm, dass sich hinter den vermeintlich belanglosen Grußzeilen ein Code verbirgt. Bentzon lässt die Karte seiner Frau, der Physikerin Hannah Lund, zukommen. Tatsächlich gelingt es ihr, die Botschaft hinter den Zeilen zu entschlüsseln. Die Spur führt nach Guatemala, doch bevor Bentzon die Puzzleteilchen zusammenfügen kann, kommt es zu einem spektakulären Gefängnisausbruch. Bentzon muss alles daran setzen, den Flüchtigen zu finden.

Zum Autor

A. J. Kazinski ist das Pseudonym für das dänische Autorenduo Anders Rønnow Klarlund und Jacob Weinreich. Anders Rønnow Klarlund, Jahrgang 1971, arbeitet als Autor und Regisseur. Für seine Filme ist er bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Jacob Weinreich, 1972 in Århus geboren, ist Drehbuch- und Romanautor. Beide Autoren leben mit ihren Familien in Kopenhagen.

A.J.KAZiNSKi

TODESTRANK

THRILLER

Aus dem Dänischen

von Günther Frauenlob

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Den gjenfødte morder bei Politikens Forlag, Kopenhagen

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Copyright © 2015 by A. J. Kazinski und JP/Politikens Forlagshus A/S 2015

Copyright © 2016 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Nike Müller

Umschlaggestaltung: Eisele Grafik-Design, München

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN 978-3-641-18513-8V001

www.heyne.de

TEIL I

Das Buch des Mordes

Simmias, sagte Sokrates, die anderen Menschen scheinen gar nicht zu merken, dass alle, die sich in der rechten Weise mit Philosophie beschäftigen, nichts anderes üben, als zu sterben und tot zu sein.

PLATON, PHAIDON

1.

Sikringen, Nykøbing, Sjælland

Die Tür im Heck des Wagens sprang auf. Licht flutete herein, Niels Bentzon wurde für einen Moment geblendet, bevor er die drei Polizeibeamten sah, die draußen standen, bewaffnet mit MP5-Maschinenpistolen. Zwei von ihnen stiegen zu ihm in den Wagen. Wortlos. Einer löste die Kette an seinem Fuß und geleitete ihn aus dem Gefangenentransport. Sie standen in einer Art Garage, an der Decke Leuchtstoffröhren. Von irgendwoher war das Rauschen eines Belüftungsschachts zu hören. Niels zählte vier Überwachungskameras in den Ecken des Raums. Das war alles.

»Jetzt geht es hier rein«, sagte der größte der Männer und öffnete eine Tür.

Die drei nahmen Niels in die Mitte und eskortierten ihn. Die Handschellen saßen so eng, dass Niels’ Finger kaum noch durchblutet wurden. Eine Tür fiel ins Schloss, der schwere Schließmechanismus schnappte zu.

»Weiter.«

Nach wenigen Schritten standen sie vor einem Lastenaufzug, dessen Boden aus einem rostigen Eisengitter bestand. Darunter war nur Dunkelheit. Niels dachte an die Hölle, die Hölle der Muslime, er hatte irgendwo gelesen, dass diese Hölle so tief war, dass ein Stein, den man fallen ließ, siebzig Jahre unterwegs war, bis er auf dem Boden aufschlug.

Sie fuhren nur eine Etage nach oben, dann öffnete der Fahrstuhl sich wieder, und eine neue Tür wartete.

»Warten.«

Sie blieben einen Augenblick stehen. Niels hörte, wie die Tür hinter ihnen zuging und ein Schloss arretierte. Als sie sich wieder in Bewegung setzten, hatte er den Überblick bereits verloren. Wie viele Türen waren jetzt schon hinter ihm verschlossen worden? Wie spät war es? Vor sich erahnte er einen langen, schmalen Gang. Es roch schwach nach Urin.

»Stehen bleiben«, sagte der größere der Beamten und verschwand.

Schmerzen, Niels’ Handgelenke pochten, die Handschellen schnürten ihm das Blut ab. Dann endlich wurden seine Fesseln gelöst. Niels schüttelte die Hände aus und fragte sich, ob er hier jemals wieder rauskommen würde.

In letzter Zeit hatte es keiner mehr geschafft auszubrechen. Sikringen, so hieß der Hochsicherheitstrakt in der ausbruchsichersten Haftanstalt des Landes. Die dreißig Männer, die hier einsaßen, zählten zu den gefährlichsten des Königreichs. Mehrfache Mörder, Schizophrene. Menschen, die so unberechenbar waren, dass sie in kein normales Gefängnis gesteckt werden konnten, und für die selbst die geschlossenen psychiatrischen Anstalten nicht geschlossen genug waren, landeten auf unbestimmte Zeit im Hochsicherheitstrakt, wenn sie überhaupt jemals wieder rauskamen. Und heute würden sie einen neuen Mitbewohner bekommen, Niels Bentzon.

»Jens?« Niels blickte auf, einen Augenblick im Zweifel, ob sie wirklich ihn meinte. Jens. Doch, das war der Name, den sie ihm gegeben hatten. Jens Petersen. Ein ganz gewöhnlicher dänischer Name. Jens Petersen konnte Lehrer sein, Bauer, oder eben verrückt.

Die Frau, die ihn angesprochen hatte, wirkte ruhig. Sie war etwa fünfzig, trug eine weiße Uniform und weiße Sneakers.

»Ich heiße Merete. Ich bin die Krankenschwester hier. Wenn du mir folgen würdest?«

Sie drehte sich um und ging. Niels gehorchte, zwei Beamte hefteten sich an ihre Fersen. Sie gingen schweigend über den Flur, weißer Boden, kahle, hellblaue Wände, Türen an beiden Seiten.

»Wir fangen hier drinnen an«, sagte Merete und öffnete eine weitere Tür.

Ein beinahe leerer Raum, Betonboden, ein Tisch an der Wand. Sieht aus wie ein Vernehmungsraum, dachte Niels. Einer der Beamten blieb draußen, der andere ging mit Niels und der Krankenschwester in den Raum. Ein gedrungener, kahlköpfiger Mann nahm sie mit einem Nicken in Empfang.

»Erik«, sagte er leise, ohne Niels die Hand zu geben. »Wir müssen dich nur kurz scannen. Würdest du bitte die Arme über den Kopf heben?« Der Mann zeigte Niels, was er tun sollte. »Und die Beine etwas breit machen. Hast du was in den Taschen?«

»Nein«, sagte Niels.

»Keine Münzen, Geldbeutel, irgend so was?«

»Nein.«

»Gut«, sagte Erik und ließ den Scanner über Niels’ Arme und Beine gleiten. Er war gründlich, nicht so wie am Flughafen, das hier war ernst.

Sie gingen wieder nach draußen.

»Jetzt müssen wir nur noch beim Arzt vorbei«, sagte die Krankenschwester.

»Okay«, antwortete Niels.

Beißender Alkoholgeruch schlug ihnen entgegen. Gefliester Boden, die hintere Wand aus gelbem Klinker, drei weiße Kittel an einem Haken in der Ecke. Der Raum sah eher wie ein Ort aus, an dem man Tiere schlachtete, als wie das Behandlungszimmer eines Arztes. An einer Wand stand ein Bett, in eine Ecke hatte man eine Waage geschoben, und mitten im Raum stand ein Schreibtisch, an dem der Arzt saß.

Er stand kurz vor der Rente. Er erhob sich, um seinen Hals baumelte ein Stethoskop, und er gab Niels einen Klaps auf die Schulter, bevor er sich in aller Ruhe Plastikhandschuhe überstreifte.

»Ziegler«, sagte er mit monotoner Stimme. »Ich bin kein Psychiater, Jens. Ich will nur Ihre Lunge und Ihr Herz abhören. Damit Sie leben«, ergänzte er und versuchte sich an einem einstudierten Lächeln

»Ich lebe«, sagte Niels und registrierte, dass die Krankenschwester etwas zu den Wachmännern sagte. Der Arzt zog eine Schublade auf und nahm eine durchsichtige Plastiktüte mit Verschluss heraus, die er vor Niels auf den Tisch legte. »Die Seife muss zehn Minuten einwirken, erst danach dürfen Sie sie abspülen.«

»Was ist das?«, fragte Niels und betrachtete die kleine violette Tube.

»Desinfizierende Seife, damit Sie kein Ungeziefer einschleppen«, sagte der Arzt. »Ich weiß, Sie haben zwar nicht gerade viele Haare, aber manchmal sitzen die Viecher direkt auf der Kopfhaut.«

»Wir warten mit dem Bad bis morgen«, sagte Merete.

»Ist für mich in Ordnung«, erwiderte Ziegler. »Sie müssen mit dem Geruch leben – nicht ich.«

Niels sah dem Arzt an, dass er keine Lust hatte, mit ihm zu reden. In seinen Augen war Niels nur ein Wesen ohne Selbstkontrolle, ein Tier, ein wilder Stier, der mit medizinischer Seife eingerieben und dann festgebunden werden musste.

Mit einem Mal waren zwei Wachmänner im Raum. Kalte Blicke, Muskelpakete in blauen Hemden. Waren sie schon die ganze Zeit hier gewesen? Die Wachen nickten den Beamten zu und nahmen schweigend deren Plätze ein, als die Uniformierten gingen.

»Wenn Sie Ihre Sachen ausziehen würden, Jens«, sagte der Arzt.

Merete blieb stehen. Niels wartete einen Augenblick, aber sie blieb. Seine Hände zitterten kaum merklich, aber er spürte es. Und sein Herz hämmerte vor Angst. Er musste sich ganz nüchtern eingestehen, dass die Situation ihm Angst machte, ein Gefühl, das er sonst nicht kannte. Als Polizist war er es gewohnt, vor verzweifelten Menschen zu stehen, die Waffen in ihren Händen hielten. Menschen mit Mord im Blick und tiefen Wunden in der Seele. Man hatte ihn geschlagen und getreten, und es war auch schon auf ihn geschossen worden. Man hatte ihn gedemütigt und sein Leben bedroht. Aber das war trotzdem ganz anders gewesen. Das war ihm vertraut, er hatte gewusst, was er tun und sagen musste. Jetzt wusste er das nicht.

»Sie können Ihre Sachen hier ablegen«, sagte der Arzt und zeigte auf das Bett.

Niels kam seiner Aufforderung nach.

»Erst müssen wir Sie wiegen«, sagte der Arzt. »Wenn Sie sich bitte da draufstellen?«

Die Stahlwaage presste sich kalt gegen Niels’ Fußsohlen.

»Fünfundneunzig Komma fünf«, sagte der Arzt und tippte das Gewicht in den Computer ein. »Und Ihre Größe? Können Sie mal an die Wand treten?«

Niels roch den Atem des Mannes, als sein Gesicht näher kam. Kaffee und … Lakritz?

»Ein Meter fünfundachtzig. Irgendwelche Krankheiten?« Der Arzt war jetzt wieder an seinem Computer und tippte mit schnellen Fingern.

»Nein«, sagte Niels.

»Allergien?«

»Nein.«

»Nehmen Sie irgendwelche Medikamente?«

»Nein.«

»Haben Sie in den letzten acht Jahren eine Tetanusspritze bekommen?« Der Arzt trat zu ihm.

»Ja«, sagte Niels.

»Und Sie tragen ein Hörgerät«, konstatierte Ziegler und schrieb. »Wie stark vermindert ist Ihre Hörfähigkeit?«

»Fünfundachtzig Prozent.«

»Nur auf einem Ohr? Hören Sie alles, was ich sage?«

»Ja.«

»Augenfarbe?« Der Arzt beantwortete die Frage selbst, noch ehe Niels etwas sagen konnte: »Grün. Haarfarbe?«

Niels sagte nichts.

»Welche Haarfarbe haben Sie?«

»Die waren mal dunkel«, sagte Niels und fuhr sich mit der Hand über seinen rasierten Schädel, auf dem nur der Ansatz von grauen Stoppeln zu erkennen war.

»Machen Sie den Mund auf.«

Niels gehorchte. Der Arzt studierte seinen Mund und leuchtete ihm mit einer kleinen, grellen Lampe in den Rachen. »Strecken Sie die Zunge raus«, sagte der Arzt. »Ja, danke. Und jetzt muss ich Sie noch abhören.« Der Arzt setzte das Stethoskop auf Niels’ Brust. Verharrte mit konzentriertem Blick, bis er schließlich sagte: »Alles in Ordnung.«

»Kann ich mich wieder anziehen?«

»Sie müssen noch einen Moment stehen bleiben«, sagte Ziegler, während er etwas in seinen Computer tippte. »Treten Sie da an die Wand. Es dauert nur einen Augenblick. Würden Sie sich bitte umdrehen?«

Niels gehorchte. Er wusste, was jetzt kam und dass er nichts dagegen tun konnte.

»Beine breit«, sagte der Arzt, und Niels spürte Zieglers Finger in seinem After. Eine Träne drückte sich in seinen Augenwinkel. Es war Niels egal, ob der Arzt sie sah.

»Gut, Jens. Ich gebe Ihnen jetzt etwas, damit Sie schlafen können.«

Er legte drei kleine Pillen in einen Pappbecher und stellte diesen auf den Tisch. Die Krankenschwester trat ans Waschbecken und ließ etwas Wasser in einen Plastikbecher laufen.

»Was ist das?«

»Damit schlafen Sie gut«, sagte der Arzt.

Niels musterte die Pillen, zwei waren bläulich, die letzte weiß wie Kreide. »Was ist das?«

Der Blick des Arztes zuckte zur Krankenschwester. Gleich darauf standen die Wachen hinter Niels, und er spürte den Atem der Männer im Nacken. »Das sollten Sie wirklich gleich lernen«, sagte der Arzt und setzte sich. Die Krankenschwester hatte sich in Richtung Tür zurückgezogen.

Der Arzt räusperte sich und fuhr fort: »Es ist uns hier sehr wichtig, dass jeder seine Medikamente nimmt, Jens. Sonst können wir nicht helfen. Haben Sie verstanden?«

»Ich würde nur gerne wissen, was das ist«, sagte Niels leise.

»Jens, hier drinnen spielt eine andere Musik. Wir geben Ihnen die Medizin, die Sie brauchen. Mehr können wir nicht für Sie tun. Und wenn Sie Ihre Medizin nicht selbst nehmen, bekommen Sie sie injiziert. So einfach ist das, und das steht auch nicht zur Debatte.« Der Arzt schüttelte den Kopf und zog die Augenbrauen hoch, als er noch einmal fragte: »Haben Sie das verstanden?«

Niels legte sich die Pillen auf die Zunge und spülte sie hinunter. Das Wasser schmeckte leicht nach Chlor. Dann folgte er der Krankenschwester. Die Wachen hielten seine Arme gepackt und führten ihn zu einer weiteren Tür. Metall, grün, massiv. Das Tor zur Hölle. Der Satz ging ihm wieder und wieder durch den Kopf, während die Schwester aufschloss und Niels in einen kleinen quadratischen Raum trat. Ein Bett, ein Schrank, ein Regal, ein vergittertes Fenster in der Größe einer A4-Seite, sonst nichts.

»Morgen kriegen Sie Ihr eigenes Zimmer«, sagte Merete und strich mit der Hand über den Bettrand. »Damit wäre alles erledigt. In zwei Minuten werden Sie schlafen.«

»Und wenn ich aufs Klo muss?«, fragte Niels.

»Nutzen Sie das Waschbecken«, sagte sie.

Niels hörte, wie das Schloss verriegelt wurde, dann war ein kurzes, elektronisches Summen zu hören. Im Hochsicherheitstrakt gab es keine Schlüssel, denn die konnten verloren gehen oder verschwinden. Oder nachgemacht werden. Alles war elektronisch gesichert, für alles brauchte man Codes und Karten. Niels setzte sich aufs Bett und hörte seinen Atem. Schwer und unregelmäßig. Er blieb ein paar Minuten sitzen und versuchte, seinen Atem und seine Angst wieder unter Kontrolle zu bringen. Er stellte sich vor, dass er fiel. Fünfundachtzig Jahre, immer weiter in die Tiefe. Als er die Stimme in seinem Ohr hörte, glaubte er erst, es wäre seine eigene. Eine Art innere Stimme, wie sie die Verrückten hier im Trakt hörten, bevor sie ihrer Mutter die Kehle durchschnitten oder irgendeinem zufälligen Passanten in den Kopf schossen.

»Bentzon? Kannst du mich hören?«

Leons Stimme war weit entfernt, Niels rückte das Hörgerät zurecht und drückte es weiter ins Ohr.

»Sag noch mal was, Leon.«

»Ist es jetzt besser?«

»Glaube schon.«

»Oder rede ich zu laut? Das Ding muss ganz tief im Ohr sitzen.«

»Ist gut so«, sagte Niels, während er für einen Moment Leon vor sich sah. Der Einsatzleiter saß einen knappen Kilometer entfernt in einem Einsatzfahrzeug. Niels hörte die Erregung in der Stimme des Kollegen, die Ungewissheit, ob der Plan bis jetzt erfolgreich gewesen war. Niels war in das sicherste aller Gefängnisse eingeschleust worden. Niemand wusste, dass er Polizist war. Das war der erste Teil des Plans, aber der zweite war weitaus komplexer. Und der wartete in den nächsten Tagen auf ihn. Er sollte den Mord an dem leitenden Oberarzt der Forensischen Psychiatrie des Sikringen, Christian Paludan, aufklären.

36 STUNDEN VORHER

2.

Islands Brygge

Rational. So würde Polizeiunterhändler Niels Bentzon sich vermutlich selbst einschätzen, auch wenn er zeitweise mit Depressionen zu kämpfen hatte, woran seine erste Ehe gescheitert war. Nun ja, Hannah, die jetzt an seiner Seite lag, war auch nicht ganz unschuldig, was das anging. Niels hatte Hannah vor einigen Jahren in Verbindung mit einem Fall kennengelernt. Natürlich durch einen Fall, wie sonst sollte ein dänischer Bulle eine Astrophysikerin vom Niels-Bohr-Institut kennenlernen? Aber vielleicht war das Ganze ein Irrtum? Dieser Gedanke quälte Niels mehr und mehr. Vielleicht wäre es tatsächlich das Beste gewesen, sie wären sich nie über den Weg gelaufen? Dann hätte Niels mit Katharina zusammenbleiben oder eine andere Frau kennenlernen können. Vielleicht jemanden aus den eigenen Reihen. Viele Kollegen heiraten untereinander. Oder eine Krankenschwester. Als junger Mann auf der Polizeischule hatte Niels viele Krankenschwestern getroffen. Die jährliche Weihnachtsfeier hatte immer gemeinsam mit den Krankenschwestern stattgefunden. Es gab einen Grund dafür, dass die Polizeiführung nicht das Niels-Bohr-Institut angefragt hatte, um mit ihnen zu feiern, und dieser Grund war ihm nie bewusster gewesen als gerade jetzt. Sekretärinnen, Lehrer, Polizisten, Krankenschwestern – die eigentlichen Zahnräder der Gesellschaft. Sie gehörten zusammen, passten ineinander, hielten die Maschinerie am Laufen. Astrophysiker gehörten anderen Kreisen an, sie verbrachten ihre Tage mit entbehrlicheren Dingen, mit Dingen, die nicht essenziell waren. Wie auch Philosophen oder Künstler. Niels drehte sich auf die andere Seite. Öffnete die Augen. Rational. Warum dachte er das? Warum war es ihm wichtig, rational zu sein? Weil er heute fünfzig wurde? Oder weil er spürte, dass Hannah sich für einen anderen Mann interessierte? Einen anderen Physiker, einen, der ihr all das geben konnte, was er ihr nicht geben konnte. Lange Gespräche über Fraktale und die dunkle Materie des Universums. Niels hatte Hannah in den letzten Wochen beobachtet. Ihr Gesicht hatte Farbe bekommen, wenn sie mit ihm telefoniert hatte. Mathias. Niels kannte nur den Namen, und er wusste, dass er Wirkung auf Hannah hatte. Die Haut an ihrem Hals wurde rötlich, ihre Bewegungen änderten sich, und sie streichelte beim Telefonieren mit den Fingern die Haare an ihrem Hals. Verdammt, schließlich waren diese Beobachtungen Niels’ tägliches Brot. Er musste observieren, andere mittels kleinster Bewegungen einschätzen, sie deuten. Andere Werkzeuge hatte ein Polizeiunterhändler nicht, wenn er vor einem Geiselnehmer saß. Er musste beobachten. Wann verlor der Geiselnehmer die Kontrolle? Wann drückte er den Abzug? Oder wie beim letzten Fall vor Niels’ Auszeit, als ein Vater mit seinem in blutige Laken gehüllten Neugeborenen von der Entbindungsstation abgehauen war. Niels hatte ihn schließlich auf der Sjællandbrücke gefunden. Der Mann hatte das Kind im Arm, klammerte sich mit der anderen Hand ans Geländer und drohte damit loszulassen, wenn die Mutter ihm verbot, das Kind zu sehen. Wann waren Menschen bereit, in den Tod zu gehen? Das war die Essenz von Niels’ Arbeit. Und natürlich, in der Sekunde zuzuschlagen, in der sie sich für den Tod entschieden hatten. Spätestens.

Wurde Niels zu einem Einsatz gerufen, sei es zu einem Familienvater, der damit drohte, sich und seine ganze Familie zu erschießen, oder zu einem nach Hause zurückgekehrten Soldaten, der mit all dem Erlebten nicht mehr klarkam und eine halbe Kaserne als Geiseln genommen hatte, brachte er immer nur seine Fähigkeit mit, die Menschen und ihre Handlungen nachzuvollziehen. Natürlich kam auch diese Begabung nicht von ungefähr. Niels besuchte regelmäßig Kurse beim FBI oder bei Scotland Yard oder bei den eingeflogenen Experten, die ihr Wissen an ihn und die drei weiteren Polizeiunterhändler der Kopenhagener Polizei weitergaben. In diesen Seminaren ging es neben Verhandlungstechnik immer wieder darum, die Augen der Menschen richtig zu deuten. Was verriet häufiges Blinzeln oder das plötzliche Innehalten, wenn gar nicht mehr geblinzelt wurde? Das Zusammenziehen oder Sich-Weiten der Iris? Oder die Körpersprache der Menschen, das rastlose Hin und Her der Hände oder auf welches Bein sie ihr Gewicht verlagerten? Und natürlich, wie man als Unterhändler agieren sollte. In diesem Punkt ging Niels allerdings oft eigene Wege. Man musste man selbst sein, auch wenn man einem Desperado gegenüberstand, lautete Niels’ persönliches Mantra. Wenn die Menschen in ihrer Verzweiflung merkten, dass man einer Gebrauchsanweisung folgte und nicht sagte, was man wirklich dachte, ging es schief. Im vergangenen Jahr war Niels in eine Entwöhnungsklinik gerufen worden. Ein geschiedener Mann um die fünfzig, der wegen seiner Alkoholabhängigkeit alles verloren hatte – Familie, Arbeit, Haus – und der plötzlich mit einem Glas Karottensaft in der einen und einem Küchenmesser in der anderen Hand dasaß und seinem Leben ein Ende machen wollte, weil das alles sowieso keinen Sinn mehr ergab. Niels hatte ihm in diesem Punkt nur recht geben können. Den Mann hatte das zum Lachen gebracht. Die Wahrheit. Dass das Ganze im Grunde vollkommen sinnlos war, dass er sich ruhig die Kehle durchschneiden und seinem Elend ein Ende machen solle, da ihn ohnehin niemand vermissen würde.

Aber wenn Niels die Desperados der Großstadt einschätzen konnte, konnte er auch seine Frau einschätzen. Sie war verliebt, das stand fest. Wobei er nicht sicher war, ob Hannah sich dessen schon bewusst war. Aber diese Erkenntnis würde kommen. Bald. Es war typisch für sie, dass sie manches sofort verstand, mitunter extrem schnell, während anderes auf sich warten ließ. Wenn Hannah einkaufte, konnte sie die Preise der Waren addieren, bevor sie sie in den Einkaufswagen gelegt hatte, und den Endbetrag schneller ausrechnen als die Frau an der Kasse. Sie spielte dieses Spiel regelmäßig – und es machte ihr Spaß, der Verkäuferin die Summe zu nennen, auf die Kommastelle genau, sobald diese die letzte Ware eingescannt hatte. Vierhundertdreiundvierzig Kronen und 57 Øre. Das Problem war nur, dass sie nach dem Einkaufen immer mit lauter seltsamen Sachen nach Hause kam und fast nie mit dem, was Niels auf die Liste geschrieben hatte. Einmal war sie mit einem neuen, gelben Wäschekorb, drei Kilo Kartoffeln und einem aufblasbaren Planschbecken für den Garten nach Hause gekommen. Im Dezember. Es war im Angebot, lautete ihre Erklärung, und es nützte auch nichts, dass Niels sie daran erinnerte, dass sie gar keinen Garten hatten. Was würden Hannah und Mathias gemeinsam unternehmen? Vermutlich könnten sie ganze Abende darum wetteifern, wer die meisten Kommastellen richtig hatte, wenn sie den Durchmesser der Erde mit Pi multiplizierten. Der Kühlschrank würde allerdings leer sein, die Windeln würden fehlen, und der Strom würde vermutlich auch abgestellt werden, weil keiner der beiden jemals eine Rechnung bezahlte oder auch nur eine Ahnung hatte, wie man das machte. Niels war oft im Niels-Bohr-Institut gewesen und kannte die Menschen dort: erwachsene Männer und Frauen, die vergaßen, den Fahrradhelm abzunehmen, oder Männer, die ihre Kleidung auf links angezogen hatten. Überall im Institut verteilte die Sekretärin Notizblöcke und Stifte, falls einer der Physiker auf eine geniale Idee kommen sollte, denn man konnte sich sicher sein, dass keiner einen Kugelschreiber dabeihatte. Und wenn sie sich beeilen mussten, verloren sie die Orientierung und endeten manchmal sogar im Heizungskeller, wo sie sich die Köpfe anschlugen. Vielleicht behielten sie deshalb den Fahrradhelm auf?

Eine Sache war sicher, Hannah wurde von Mathias angezogen. Stärker, als sie es sich bewusst war. Und Niels lag an seinem fünfzigsten Geburtstag im Bett und redete sich ein, rational zu sein. Und dass nichts in der Welt eine Frau stoppen konnte, die etwas anderes wollte. Niels hatte Hannah vor ein paar Wochen sogar darauf angesprochen. Sie war von der Arbeit nach Hause gekommen und hatte über irgendeinen Stern geredet, der wiedergeboren und nach dem japanischen Amateurforscher benannt worden war, der ihn entdeckt hatte. Etwas in dem Stil, Niels hatte nicht alles verstanden, es war einfach zu schwer, Hannah zu folgen, wenn sie voller Begeisterung über etwas redete. Sie war dann überhaupt nicht mehr zu bremsen. Und bei diesem Gespräch hatte er in ihren Augen gesehen, wie langweilig es für sie war, mit Niels zu reden, wie unzureichend. Er hatte sie an seinen Gefühlen teilhaben lassen und ihr gesagt, dass sie über so etwas vielleicht besser mit Mathias reden sollte.

Hannah drehte sich im Bett um. Niels konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Ihre dunkle Mähne breitete sich wie ein Delta auf dem Kopfkissen aus. Ihre hellen Sommersprossen, die nur dann zu sehen waren, wenn die Sonne ihr direkt ins Gesicht schien. Entweder wurde sie mit dem Alter immer schöner, oder seine Liebe wuchs im Takt mit … ja, mit was? Mit ihrer Ablehnung? Er fragte sich, ob er seinem Impuls nachgeben und sich eng an sie schmiegen sollte, damit Hannah seine Lust spürte, wie hart er war, wie gerne er jetzt in sie eindringen würde, eine Hand auf ihrer Brust.

In diesem Moment klingelte das Handy. Laut und schrill.

»Die Kinder«, flüsterte Hannah. Niels war sofort aus dem Bett. Die Zwillinge kämpften seit Neujahr abwechselnd mit Koliken, jede Minute Schlaf war ein Heiligtum, das um keinen Preis unterbrochen werden durfte. Niels nahm sein Handy vom Esstisch, ging schnell nach draußen auf die Terrasse und schloss die Tür vorsichtig hinter sich. Morgensonne in Unterhosen.

»Hallo«, meldete er sich mit noch immer verschlafener Stimme, räusperte sich und wiederholte: »Hallo.«

»Bentzon? Hier ist Leon.«

»Leon?«, sagte Niels und hatte plötzlich Magenkrämpfe. Es war so früh, dass sein Magen noch mit dem Abendessen kämpfte. Niels sah plötzlich die dreckigen Teller in der Spülmaschine vor sich. Kalbskoteletts. Vielleicht waren es aber auch nur die Bilder, die Leons Stimme wachrief: ein schreiender Säugling auf dem Brückengeländer, weinende Geiseln, Menschen, die sich vor Todesangst in die Hosen machten.

»Du klingst überrascht. Dein Name steht auf dem Bereitschaftsplan«, sagte Leon irritiert.

»Jetzt? Ich bin …« Niels kam ins Stocken und fragte sich, ob er Leon erklären sollte, dass er erst vor einer Woche seine Elternzeit beendet hatte und dann nahtlos auf ein Seminar nach Fünen gefahren und folglich noch gar nicht im Präsidium gewesen war. Und dass er seinen Wiedereinstieg lieber etwas ruhiger angegangen wäre.

»Ich kann dich nicht hören«, sagte Leon. Niels wusste, dass Leon sich über die Sekunden aufregte, die unnütz verstrichen. »Bist du im Krankenhaus?«, fragte Leon. Eine andere Entschuldigung ließ Leon nicht gelten. Wenn überhaupt, besser wäre es, er wäre tot. »Es geht um einen von uns«, sagte Leon und klang für einen Moment regelrecht menschlich.

»Wie meinst du das?« Niels ließ seinen Blick über den Garten schweifen. Im Schwimmbecken waren bereits Kinder.

»Mann, verdammt, es geht um einen Polizisten!«

Niels seufzte. Ein Polizist. Das hieß Waffen. »Gibt es Tote?«

»Er hat seine Frau erschossen. Ein Schuss in jedes Auge. Weil sie ihn mit so kalten Augen angesehen hat, hat er gesagt.«

»Warum stürmst du nicht?«

»Wir glauben, dass er auch seine große Tochter erschossen hat. Aber da sind noch zwei andere Kinder drin, und die müssten noch am Leben sein«, flüsterte Leon. »Ziehst du dich an, während ich dich briefe?«

Niels sah zu Hannah. Seine helle Hose lag auf dem Stuhl. Die Zwillinge schliefen. Bjørn mit Schnuller im Mund, benannt nach Niels’ Großvater, Ellen nach Hannahs Oma. Namen aus dem letzten Jahrhundert, wiedergeboren im neuen Jahrtausend. Die Kinder waren gerade erst zwei geworden. Viel zu alt, um noch immer Koliken zu haben, aber zu jung, als dass Niels ihnen das hätte erklären können.

»Einen Augenblick«, flüsterte Niels. Hannah schlug die Augen auf und sah ihn an.

»Was ist los?«, fragte sie.

»Sie brauchen mich.«

»Heute? Aber du hast doch …«

Niels legte Hannah seinen Finger an die Lippen. Leon sollte nichts davon erfahren, dass Niels heute fünfzig wurde. Er hasste seine Geburtstage, hätte im Traum nicht daran gedacht, ein Fest zu feiern oder Kekse in die Arbeit mitzubringen. Er war an diesem Tag geboren worden, na und? Das Leben war eine lange Prüfung, etwas, das man meistern musste. Viele schafften das nicht und gaben auf, und einigen davon war Niels im Laufe der Jahre begegnet. Warum sollte man das dann mit Gebäck und Hurrarufen feiern? Und dass die eigene Frau einen anderen liebte? Na herzlichen Glückwunsch, alter Mann, das spricht wirklich für dich. Nein, Niels wollte am Abend gemeinsam mit Hannah essen gehen und danach mit ihr und ihren Kollegen nach Chile fliegen. Er war nie zuvor so weit weg gewesen. Hannahs Flugticket war vom Institut bezahlt worden, sie hatte Stunden am weltgrößten Teleskop zugewiesen bekommen, das den mundgerechten Namen Very Large Telescope trug, unter den Astrophysikern aber nur VLT genannt wurde. Es stand mitten in der Wüste. Ein weitestgehend niederschlagsloser Fleck auf unserer Erde, was keine Wolken bedeutete, die die Aussicht auf die Sterne einschränken könnten. Und eine Stadt mit störenden Lichtern gab es in der Nähe auch nicht. Abend für Abend nur das Licht der Sterne. Dort sollte Hannah ihre Nächte damit verbringen, so weit in den Weltraum zu schauen, wie das für Menschen nur möglich war, während Niels seine Abende in Gesellschaft guten chilenischen Weins an der Hotelbar verbringen würde. Etwa so stellte er sich seine Reise vor. Wenn er alles richtig verstanden hatte, war allein das Hotel eine Reise wert. Niels sollte seinen Fünfzigsten irgendwo in einer Wüste feiern, in Begleitung einer Frau, deren Gefühle langsam austrockneten. Nein, Geburtstage waren wirklich nicht Niels’ Sache. Außerdem gehörten diese Tage in eine andere Welt. Eine normale Welt, in der die Menschen Weihnachten feierten, in die Ferien fuhren, zu Schulkonzerten gingen und ihrem Ehepartner einen Gutenacht- und Gutenmorgenkuss gaben. Das war nicht Niels’ Universum, nicht die Welt, in die er nun reiste. Niels’ Wirklichkeit waren die Abgründe der Seele, damit hatte er sich all die Jahre beschäftigt. Mit den verlorenen Seelen all jener, die nicht zum Himmel emporstiegen, sondern im Boden versanken. Den bedrückten Seelen. Niels wurde immer wieder in den Brunneneimer gesetzt und ganz nach unten hinuntergelassen, um irgendein verirrtes Schaf nach oben zu holen. Wie jetzt.

***

Niels fuhr aus der Tiefgarage in die morgendliche Wärme, Leon noch immer in seinem Ohr.

»Hast du zugehört?«, fragte Leon.

Niels fasste zusammen: »Er ist Polizist, hat drei Kinder. Und was ist mit seiner Frau? Scheidung? Du musst mir schon noch mehr geben, womit ich arbeiten kann.«

»Im Augenblick sieht es so aus, als hätte er sich mit den Kindern im Schlafzimmer eingeschlossen.«

»Hintergrund!«, sagte Niels und spürte die gleiche Verärgerung, die auch Leon antrieb. Sie kam von ganz allein. Wenn Leben gerettet werden mussten, nahm die Toleranz für die Fehler der anderen von Sekunde zu Sekunde ab.

»Hintergrund?«, wiederholte Leon. Hörte Niels ihn seufzen? Niels und Leon standen am Rand der Schlucht, die sie nie überwanden. Leon konzentrierte sich auf die harten Fakten, ihn interessierte, wie der Geiselnehmer bewaffnet war, wie viele Geiseln er hatte, wo genau er saß, wie viele Tote es gab und wie lange die Sache bereits lief. Nur dass Niels damit nichts anfangen konnte. Niels musste wissen, was für ein Mensch sich hinter der Verzweiflung verbarg. Die Statistik, wie viele Soldaten psychische Schäden erlitten, wenn sie von der Front nach Hause kamen, oder dass Selbstmorde zu fünfundsiebzig Prozent von Männern begangen wurden und ihre Gründe meistens etwas mit Arbeitslosigkeit oder Scheidung zu tun hatten, half ihm wenig. Das war etwas für Politiker, nicht aber für Niels. Er musste herausfinden, was für Menschen sich hinter den Zahlen verbargen, und das am besten in wenigen Minuten.

»Er ist einer von uns«, sagte Niels laut und fuhr auf die Autobahn. »Dann müssen wir doch auch etwas über ihn wissen.«

»Du weißt das doch«, sagte Leon.

»Nee, keine Ahnung«, sagte Niels.

»Er ist einer von denen, die auf beiden Seiten hätten enden können«, sagte Leon schließlich. Was das bedeutete, wusste Niels. Es war ein bekanntes Phänomen, dass es Beamte gab, die genauso gut in die Kriminalität abrutschen konnten. Menschen, die den Tod in der Hand hielten. In Wirklichkeit entschieden nur Zufälle darüber, ob der Tod in Form einer 9mm Heckler & Koch von der Kopenhagener Polizei kam oder durch eine der illegalen Waffen, die das Land überschwemmten. Man versuchte natürlich, diese Leute schon bei der Aufnahmeprüfung auszusortieren, aber zu diesem Zeitpunkt waren sie noch sehr jung und ihre seelischen Schäden nicht sehr ausgeprägt. Es war wie mit Krebstumoren: Sie wurden erst mit der Zeit sichtbar.

»Mehr«, bat Niels und trat das Gaspedal durch. »Was sagt die Familie? Die Nachbarn?«

»Sie haben Streit gehört«, sagte Leon. »Es ging wohl darum, wie sie ihn angesehen hat. Er konnte ihren Blick nicht ertragen. Andere Nachbarn haben ihn als freundlichen, netten Mann beschrieben.«

»Das sagen sie doch immer«, flüsterte Niels.

Er bemerkte das Zittern zuerst an seiner linken Hand, die auf dem Lenkrad lag. Eine leichte Vibration. Er war nervös. Sein letzter Einsatz lag lange zurück.

»Augenblick, Leon«, sagte Niels und fuhr von der Autobahn ab. Er nahm das Handy in die andere Hand und beobachtete die rechte einen Moment lang. Dasselbe Zittern, vielleicht sogar etwas stärker.

»Ich kann dich nicht hören, Bentzon!«

»Ich bin da.«

***

Leon war Einsatzleiter – der beste, den sie hatten. Die Kollegen bezeichneten ihn auch als »Einmannheer«, was Bentzon eigentlich immer verwundert hatte. Wenn Leon ein Einmannheer war, warum hatte er dann immer das Einsatzkommando hinter sich? Leon hatte die Sicherheitsmaßnahmen koordiniert, als der amerikanische Präsident auf Staatsbesuch in Dänemark gewesen war. Er hatte mit der CIA und dem persönlichen Sicherheitsdienst des Präsidenten verhandelt. Und die Amerikaner waren beeindruckt gewesen von seiner proaktiven Art und der Tatsache, dass er nur zu brummen brauchte, damit die Leute hinter ihm aktiv wurden. Von der absoluten Ergebenheit des Einsatzkommandos für ihren Chef. Sommersted brachte in seinen Festreden gerne die Anekdote, dass die CIA Leon gerne mitgenommen hätte, als sie in der Air Force One nach Hause geflogen waren. Doch, Leon hatte Eindruck auf die Amerikaner gemacht. Im Gegenzug war Leon nicht sonderlich beeindruckt von den Amerikanern gewesen. Für ihn waren das unselbstständige Roboter. Leons Männer hingegen konnten selbst denken, und das war für ihn entscheidend – das Einsatzkommando der Polizei war keine militärische Einheit. Es rückte aus, wenn die Hölle losbrach oder es Terrorwarnungen gab. Oder wenn die Autonomen wieder mal durchdrehten und unbedingt irgendwas kaputt machen mussten. Für Leon musste in einer Großstadt jeder Beamte seine eigenen Entscheidungen treffen: War es nötig, den aggressiven, wild herumschreienden Autonomen in Handschellen zu legen? Wie waren seine Augen? War er auf Drogen? Die Fähigkeit, den Kopf einzuschalten und die richtigen Entscheidungen zu treffen, war für Leons Leute ebenso wichtig wie der Umgang mit der Waffe. Für alle anderen gab es – wie Leon immer betonte – bestimmt noch einen freien Platz bei der Passkontrolle.

Das Einsatzkommando war nach dem Terroranschlag während der Olympischen Spiele 1972 in München gegründet worden, bei dem israelische Athleten, ein deutscher Polizist und palästinensische Terroristen getötet worden waren. Mit einem Mal war damals der dänischen Polizei bewusst geworden, dass die ungelösten Konflikte der Weltgemeinschaft immer näher an Dänemark heranrückten. Die Zeit, in der die Polizei Enten über die Straße geholfen hatte, war ein für alle Mal vorbei. Seither war die Anzahl speziell ausgebildeter Polizisten kontinuierlich gestiegen. Als Niels bei der Polizei angefangen hatte, bestand das Einsatzkommando noch aus knapp zwanzig Leuten, die man sich aus anderen Abteilungen zusammengesucht hatte. Heute waren mehr als fünfzig Männer und zwölf Frauen fest bei diesem Kommando angestellt. Und ihr Einsatzbereich war in einer konstant gefährlicher werdenden Welt immer größer geworden. Die Verhaftung von Straftätern, die mit Drogen zu tun hatten – früher ein Bereich, der von gewöhnlichen Beamten übernommen wurde –, war heute eines von Leons festen Tätigkeitsfeldern. Leon verfügte über Scharfschützen, die auf 800 Meter Entfernung eine fliegende Streichholzschachtel treffen konnten. Zu seinem Team gehörten aber auch Ärzte, die Motorrad fuhren, und ihm standen sowohl Helikopter als auch Speedboote zur Verfügung. Leon war die Avantgarde der dänischen Verteidigung.

Niels fuhr in ein Wohngebiet und parkte. Ihm bot sich ein ungewöhnlicher Anblick. Leon stand allein auf dem Parkplatz, nicht ein Polizeiwagen war zu sehen, nicht einer von Leons Leuten. Bevor er aus dem Auto stieg, warf Niels noch einmal einen Blick auf seine Hände. Unverändert. Aber war das erstaunlich? Nein, es wunderte ihn eher, dass sie nicht stärker zitterten, dass nicht sein ganzer Körper danach schrie, das Weite zu suchen. Weg von den Verrückten, den Psychopathen, den Männern – immer waren es Männer –, die ihre Familien in Brand gesetzt hatten und damit drohten, auch noch die ganze Welt abzufackeln. Bis Niels Bentzon die Bühne betrat. Wie jetzt. Komm schon, machte er sich selbst Mut. Einen Fuß vor den anderen, du bist der Beste, Bentzon, auch wenn du gerade einen akuten Parkinsonschub hast und vielleicht besser zum Cocktailshaker als zum Unterhändler taugst.

»Bentzon. Lange her«, sagte Leon, der plötzlich unmittelbar vor ihm stand.

»Wo sind deine Leute?«, fragte Niels und sah zu den Dächern. Waren sie dort oben?

»Hast du zugenommen?«, fragte Leon und taxierte Niels vom Scheitel bis zur Sohle.

»Das ist nur das Hemd. Wo sind deine Leute?«

Leon trat einen Schritt näher, als könnte sie hier auf dem Parkplatz jemand hören. »Nur das Hemd? Das wird sich gleich klären.«

»Wie meinst du das denn?« Niels versuchte, etwas mehr Abstand zwischen sich und Leon zu bringen, aber der Einsatzleiter nahm ihn am Arm.

»Das ist einer von uns. Kein Idiot.«

»Versteh ich nicht.«

»Er akzeptiert nur einen Unterhändler, der nichts am Leib trägt.«

Niels seufzte und senkte den Blick. Es war nicht das erste und sicher auch nicht das letzte Mal, dass er irgendwo nackt reinmusste. Vor zwanzig Jahren, als Niels seine ersten Schritte in der seltsamen Kunst gemacht hatte, Menschen davon abzubringen, sich selbst oder andere zu töten, war das noch anders gewesen. Das hatte er der verfluchten technologischen Entwicklung zu verdanken. Alles war so schrecklich einfach geworden. Ein Hemdknopf reichte für ein Mikrofon, ja es gab mittlerweile sogar so kleine Waffen, dass man sie in einer Unterhose verstecken konnte. Deshalb hatten die Verrückten gerne nackte Beamte.

Leon zeigte auf das gegenüberliegende Haus. Ein Neubau, die Gärten von niedrigen Hecken umgeben, Reihenhausidylle mit Kugelgrillen. »Die Hälfte meiner Leute steht auf der anderen Seite. Er hat gesagt, dass er auch noch die beiden Kleinen umbringt, wenn er einen bewaffneten Beamten sieht.«

Niels wollte nach Hause. Es konnte einfach nicht sein Job sein, all diese Menschen zu retten.

»Auf geht’s«, sagte Leon leise. »Ziehst du deine Sachen aus?« Niels musterte den Einsatzleiter einen Augenblick lang. Er glaubte in Leons Blick beinahe so etwas wie Schadenfreude zu erkennen, als er seine Schuhe abstreifte und seine Hose öffnete.

3.

Oxford, 1939

Professor Jenkins’ Vorgarten war wirklich nichts Besonderes, nur eine schmale Einfahrt und ein paar traurige Sträucher.

»Wir riskieren es, gesehen zu werden«, sagte Rachel, als sie zum dritten Mal an diesem warmen Abend am Haus des Professors vorbeispazierten. Sie ging untergehakt mit Michael an ihrer rechten und Alexander an ihrer linken Seite. Die drei versuchten, wie ganz normale Studenten auszusehen, die über die Albert Street auf dem Weg zu einem Gasthaus waren. Was eigentlich auch stimmte, von der Albert Street und dem Gasthaus mal abgesehen.

»Von der Straße aus kommen wir da nicht rein«, flüsterte Rachel. Sie klang nervös. Bald war es dunkel genug, um den Einbruch zu wagen und das Dokument zu stehlen.

»Wir müssen von der Gartenseite aus einsteigen«, sagte Alexander selbstsicher. Michael drehte sich rasch noch einmal zum Haus um. Alexander und Rachel hatten recht, der Vorgarten bot wirklich keinen Schutz. Von der Straße war das Haus viel zu leicht einsehbar, sodass sie den zahlreichen Passanten unweigerlich auffallen würden. Michael sah Professor Jenkins’ ausladende Gestalt hinter den Fenstern von einem Zimmer in das andere gehen.

»Guck nicht so«, sagte Rachel zu Michael und zog ihn sanft am Arm weiter. Michael versuchte sich zu erinnern. Hatte Rachel ihn jemals so berührt, oder war das an diesem Abend das erste Mal? Ja … Nein … vielleicht hatten sie sich die Hand gegeben, als sie vor zwei Jahren einander vorgestellt worden waren? Michael erinnerte sich nicht, Rachel bei der großen Immatrikulationsfeier in der Kapelle gesehen zu haben, aber vielleicht war es dafür einfach zu voll gewesen. Er wusste noch, wie sehr sie damals versucht hatten, alles um sie herum in sich aufzunehmen, aber es waren einfach zu viele Eindrücke gewesen. Die Stadt, die vielen Colleges, Trinity, Exeter und der unerreichbar erscheinende Traum, eines Tages im All Souls aufgenommen zu werden, vorausgesetzt, man schaffte das, wie alle meinten, härteste akademische Examen der Welt. All das Neue hatte Michael betört und in seinen Bann gezogen. Die Schönheit der gotischen Kapelle, die Kommilitonen und natürlich die Frauen. Ganz zu schweigen von der Eröffnungsrede des Rektors, seinen Instruktionen und den praktischen Hinweisen, wo und an wen sie sich wenden konnten. Nein, Michael war sich jetzt ganz sicher. Er hatte Rachel zum ersten Mal gesehen, als sie einander in Jenkins’ Arbeitszimmer vorgestellt worden waren. Und selbst da hatten sie sich nicht berührt, sondern sich nur verhalten zugenickt, als sie sich einen Stuhl am runden Tisch gesucht hatten. Dann hatte Professor Jenkins sie gebeten, der Reihe nach aufzustehen und sich vorzustellen. Michael war so nervös gewesen, dass er nicht zugehört hatte, was seine neuen Studienkollegen erzählten. Erst als Rachel aufgestanden war, hatte er sich selbst für einen Augenblick vergessen. Sie war so munter, so voller Leichtigkeit, und ihr kastanienbrauner Pferdeschwanz war hin und her geschwungen, als sie erzählt hatte, wie beschwerlich ihre Reise aus dem Schoß der Familie bis hierher an die beste Universität der Welt gewesen war. Ihr Vater war entschieden gegen ihre Studienpläne gewesen. Aber Rachel wollte nicht einfach nur verheiratet werden und ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen. Sie wollte die erste Frau der Familie sein, die sich weiterbildete. Außerdem heiratete sie lieber einen Stapel Bücher als einen Gutsbesitzer, hatte sie gesagt und dann noch hinzugefügt, dass der Vater ihr das nie verzeihen würde. Das Geld steuerte er aber trotzdem bei. Alle Anwesenden hatten über ihren kleinen Vortrag lachen müssen, sogar der Professor. Und Michael hatte gedacht, dass er nie zuvor eine Frau wie sie getroffen hatte. Nie. Michaels Mutter und Schwester waren beide eher träge und schwermütig, wie so viele Frauen in Liverpool, nicht so … beschwingt? Lebendig? Rachel war so voller Leben.

Danach hatte Alexander sich erhoben. Groß, schön, selbstsicher, mit ganz hellen Haaren, wie es englische Jungs nur im Sommer hatten, gebleicht von Wasser, Leben und Sonne. Das komplette Gegenteil von Michael, der mit seinen schwarzen Haaren und dem kräftigen Körperbau seines Vaters seine Herkunft nicht verleugnen konnte: ein Arbeiterjunge aus Liverpool, eine Straßenmischung aus Seemann und Waschfrau, Hafenarbeiter und Bierkutscher. Schließlich hatte Michael von sich erzählen müssen. Oh dieses England, wenn ich doch im Boden versinken könnte, hatte er gedacht, bevor er den Mund aufgemacht hatte. Es gab in diesem Land so viele Dialekte, und jeder davon verriet, wo man herkam, ob die Eltern wohlhabend waren, welche Schule man besucht hatte und welchen Status die Großeltern in der Gesellschaft hatten. An den Stimmbändern jedes einzelnen Engländers klebten bis zu fünfhundert Jahre Geschichte. Und dem konnte man sich nicht entziehen, denn es wurde nur schlimmer, wenn man den Klang seiner Stimme zu verbessern suchte. Nein, in England wurde man in ein komplexes Kastensystem eingeteilt, sobald man den Mund aufmachte. So wusste Michael ganz genau, was alle denken würden, wenn er nur seinen Namen sagte: Sieh an, ein Scouser. Einer aus der Liverpooler Arbeiterklasse, dessen Familie dieses Studium nicht selbst zahlte.

Bis dahin war Michael nie Menschen begegnet, die wie Alexander oder Rachel sprachen. Er kannte Stimmen wie die ihren nur aus dem Radio, und er hatte Noël Coward im Kino gesehen. Aber nicht in Wirklichkeit.

»Wir können über die Steinmauer klettern«, sagte Alexander, als sie in sicherem Abstand von der St. Margaret’s Road waren. Rachel ließ Michaels Arm los, ihre erste Berührung war damit Geschichte, aber er tröstete sich damit, dass sie Alexanders Arm eine Nuance früher losgelassen hatte.

»Wenn wir über die Mauer klettern, kommen wir direkt zu seiner Terrassentür«, sagte Alexander.

»Bist du sicher?« Rachels Stimme klang leicht und luftig.

»Ich war schon zweimal da«, sagte Alexander, legte die Hände oben auf die Mauer und sprang elegant auf die andere Seite.

»Jetzt kommt schon.«

Michael reichte Rachel seine Hand. Sie nahm sie, und er half ihr hinüber. Ein Abend, zwei Berührungen, dachte Michael. Vielleicht führte der Weg zu Rachels Herz ja über kriminelle Handlungen. Die drei standen am hinteren Ende des schmalen Gartens und sahen zum Haus hinüber, während Alexander noch einmal alles zusammenfasste: Professor Jenkins’Arbeitszimmer lag im zweiten Stock. Sie müssten dafür aber drei Treppen hoch, da die Terrassentür in den Wintergarten führte, in dem die große Voliere des Professors stand. Alexander meinte aber, sie bräuchten sich um die exotischen Vögel keine Sorgen zu machen. Vögel seien nach Einbruch der Dunkelheit still. Vom Wintergarten führe eine Treppe in die Küche und auf den Flur. Von dort gehe es über die Treppe in den ersten Stock, in dem die Kinderzimmer lagen, aber die Kinder seien alle ausgezogen. Um von dort in den zweiten Stock zu gelangen, müssten sie eine jahrhundertealte Eichentreppe nehmen, deren Stufen knarrten. Sie müssten hoffen, dass Jenkins und seine Frau fest schliefen, betäubt vom Alter und dem Portwein, den sie abends gerne tranken. Aber dieses Risiko müssten sie eingehen. Wenn sie nicht an diesem Abend das Dokument in die Finger bekämen, sei es zu spät, denn schon am nächsten Morgen solle Jenkins das Dokument nach London bringen, sodass ihnen für immer der Zugriff verwehrt bleibe. Dabei sei es doch ihre Entdeckung, die Jenkins ihnen einfach genommen habe.

»Und was machen wir, wenn der Geldschrank abgeschlossen ist?«, fragte Michael.

»Das ist er nicht. Er schließt den nie ab«, sagte Alexander selbstsicher.

Sowohl er als auch Rachel wirkten aufgedreht, als wäre das Ganze ein Spiel. Und vielleicht war es das für sie auch. Ihr Leben würde nie in die falsche Richtung gehen, dachte Michael und kam von dem Gedanken nicht mehr los. Egal in welche Schwierigkeiten sie gerieten, hinter ihnen stand immer ein Familienanwalt oder Vater, der im Oberhaus saß und jederzeit bereit war, sie zu retten.

»Aber was, wenn doch?«, fragte Michael.

»Dann müssen wir die Schlüssel finden, ist doch klar.« Alexander klang mit einem Mal ärgerlich, als wollte Michael ihr Spiel kaputt machen. Aber ihm würde niemand helfen, wenn die Sache schiefging. Seine Mutter würde vor Scham sterben, das wusste er ganz sicher, sie würde im Laufe weniger Monate wie eine Primel eingehen und Michaels Vater in seinen letzten, traurig enttäuschten Jahren allein lassen.

»Still«, flüsterte Alexander mit einem Grinsen, als er die Hand auf die Klinke der Terrassentür legte. Sie hatten eine Stunde im Garten gestanden und das dunkle Haus beobachtet. Was, wenn Jenkins noch nicht richtig schlief?, hatten sie sich immer wieder gefragt. Sie wussten, dass er abends viel trank, das roch man noch morgens, und seine rötliche Haut sprach Bände. Aber was war mit seiner Frau? Wie viel trank sie? Und schlief auch sie fest?

Alexander führte sie an und ging an der goldenen Voliere vorbei. Jenkins’ Sperlingspapageien saßen wie dunkle Schatten auf einem Bein hinter den Gittern. Einer von ihnen hob den Kopf, als Michael ihn ansah. Ob er den Blick erwiderte, war unmöglich zu sagen. Schwarze Augen in der Nacht. Als Rachel ihren Fuß auf die erste Treppenstufe stellte, war ein lautes Knarzen zu hören. Alexander ergriff ihren Arm. »Die Stufen knarren weniger, wenn du ganz am Rand gehst«, flüsterte er kaum hörbar und demonstrierte, wie sie sich bewegen sollte. Vorsichtig und ganz dicht am Geländer. Er hatte recht, so waren ihre Schritte beinahe lautlos. Michael fragte sich, woher Alexander das alles wusste. Hatte er sich dieses Wissen auf dem elterlichen Gut in Schottland angeeignet? Hatte er sich als Kind aus dem Bett geschlichen, oder war er zu spät nach Hause gekommen und wollte nicht bemerkt werden? Auf jeden Fall wirkte es. Einer nach dem anderen meisterten sie erst die Treppe zum Flur, dann die hinauf in den ersten Stock. Hier hielten sie inne und spitzten die Ohren. Das Haus war still, draußen fuhr ein Auto, dann war wieder das unregelmäßige Schnarchen aus Jenkins’ Schlafzimmer zu hören. Rachel schien nicht mehr so begeistert, einzig Alexander hatte noch die Andeutung eines Lächelns auf den Lippen. Er nickte auffordernd. Die letzte Treppe. Michael folgte ihm, das Ziel vor Augen: Sie wollten Jenkins nehmen, was er ihnen genommen hatte.

Alexander stand schließlich regungslos am oberen Rand der Treppe und starrte ins Schlafzimmer. Dann drehte er sich langsam um und legte den Kopf auf die Hände, um zu zeigen, dass Jenkins und seine Frau schliefen. Michael sah sich nach Rachel um, die auf dem Absatz stehen geblieben war. Aber er musste Alexander folgen, das war klar. Er nahm die letzten fünf Stufen, warf einen Blick ins Schlafzimmer und sah, wie sich der dicke Bauch des Professors unter der Decke hob und senkte. Als er ins Arbeitszimmer ging, bemerkte er gleich, dass Alexander die Ruhe verloren hatte. Auf dem Tisch, wo sie das Dokument vermutet hatten, war es nicht. Der Alte hatte es weggesperrt. In den Geldschrank. Genau wie Michael es befürchtet hatte.

»Der Schlüssel«, flüsterte Alexander.

Sie begannen zu suchen. Im Krug auf dem Fensterbrett, auf dem Türrahmen, hinter den Büchern. Nichts, ihre Frustration nahm immer weiter zu. Alexander versuchte verzweifelt, den Geldschrank anzuheben, aber mitnehmen konnten sie ihn nicht, dafür war er zu schwer. Michael spürte, dass sie gehen sollten, bevor alles im Chaos endete. Nicht so Alexander. Er gestikulierte wild in Michaels Richtung, dass er im Arbeitszimmer stehen bleiben solle, während er das Schlafzimmer durchsuche. Michael protestierte wortlos, aber Alexanders Hände und sein verzerrtes Gesicht sprachen eine deutliche Sprache. Sein Freund hatte sich über das vorher Vereinbarte hinweggesetzt. Sie wollten im Arbeitszimmer suchen, und fanden sie dort nichts, blieb ihnen nur der Rückzug. Sie hatten sich geschworen, keine Gewalt anzuwenden. Plötzlich stand Alexander wieder in der Tür, in der Hand einen Schlüsselbund. Sein Gesicht war ein einziges, kindliches Grinsen. Er hastete zum Geldschrank, und der dritte Schlüssel passte endlich. Doch der Riegel des schweren Schlosses gab mehr Lärm von sich, als die drei in den letzten zwanzig Minuten gemacht hatten. Das rostige Kreischen ließ Michael und Alexander vor dem Geldschrank erstarren, bevor sie ihn öffneten und zwischen Obligationen und ein bisschen Bargeld tatsächlich ihr Dokument erblickten: Sokrates’ Gedanken, niedergeschrieben von Phaidon vor 2500 Jahren.

»Was zum …?«

Michael drehte sich um, aber Alexander war bereits aufgesprungen. Professor Jenkins’ Hand lag auf dem Lichtschalter. Ungläubig starrte er auf seine treuen Schüler und versuchte zu begreifen, was sich da vor seinen Augen abspielte.

»Michael?«, fragte Jenkins enttäuscht. Michael hörte die Stimme seiner Mutter. Auch sie würde nur seinen Namen sagen, ein einziges Mal, voller Misstrauen, und dann nie wieder reden. Sie war eine wortkarge Frau und reagierte auf alle Widerstände mit noch hartnäckigerem Schweigen. Alexander bekam Panik und versuchte, an Jenkins vorbeizukommen, aber der Alte griff nach Alexander und bekam seinen Arm zu fassen.

»Du gehst nirgendwohin«, sagte er und sah zu Michael. »Leg das da weg«, sagte Jenkins etwas lauter. Michael warf einen Blick auf das Dokument in seiner Hand. Vielleicht bemerkte er deshalb nicht, dass Alexander sich losriss und nach dem Schürhaken griff, der neben dem Kamin stand.

»Nein«, flüsterte Michael.

Jenkins streckte seinen Arm erneut nach Alexander aus und packte ihn am Kragen. Alexander wich einen Schritt zurück. Michael hatte sich aufgerichtet, als der Professor plötzlich zu Boden ging. Schwerfällig. Alexander hatte ihn geschlagen. Jenkins versuchte, wieder auf die Beine zu kommen, aber Alexander trat einen Schritt vor und hob den Schürhaken hoch über den Kopf, um den Schwung auszunutzen. Irgendwie schien der Professor nicht zu verstehen, was sich vor ihm abspielte. Er hatte ein akademisches Leben gelebt und war nie wirklich in Gefahr gewesen. Bis jetzt, da einer seiner Studenten in seinem Arbeitszimmer über ihm stand, die Hände um eine stählerne Waffe gelegt, mit der er weit ausholte. Michael wollte protestieren, tat es aber nicht, er schaffte es einfach nicht, bevor Alexanders Schlag Jenkins’ Hinterkopf traf.

»Nein!«

»Wie hast du dir das denn vorgestellt?«, fauchte Alexander. »Wenn er überlebt und uns anzeigt?«

»Das ist Mord«, flüsterte Michael. Jenkins wand sich am Boden.

»Und was haben wir für eine Alternative? Er hat uns entdeckt«, zischte Alexander wütend.

»Wir haben vereinbart …« Michael kam nicht weiter. Alexander stieß ihn weg. Holte aus und schlug noch einmal auf den Alten ein, fest, so fest, wie man schlug, wenn man mit einer Axt ein Holzscheit spalten wollte. Michael trat einen Schritt zurück, er wollte etwas tun, etwas sagen, wusste aber auch, dass Alexander recht hatte. Stand er deshalb nur tatenlos daneben, als Alexander ein weiteres Mal zuschlug? Der Schädel des Alten war gefleckt, Alexander konnte sich kaum losreißen, das Blut hatte etwas in ihm geweckt. Lust?

Michael stieß ihn in Richtung Tür. Raus! Erst jetzt ließ Alexander den Schürhaken fallen, der scheppernd auf dem Boden aufschlug.

»Was geht denn da oben vor?«, flüsterte Rachel Alexander zu, als sie ihn auf der Treppe sah. Im gleichen Augenblick glaubte Michael, hinter sich wieder die Stimme seiner Mutter zu hören. Er drehte sich um und wusste, dass alles vorbei war, er war entlarvt.

»Michael?«, rief Jenkins’ Frau und sah ihn ungläubig an. Michael sagte nichts, Alexander packte seinen Arm und zog ihn weiter. Gemeinsam stürmten sie die Treppe hinab und in die Nacht hinaus.

4.

Kopenhagen, Bagsværd

Leon im Ohr. Keine Faser am Körper. Fuck. Niels spürte, dass der kleine, kabellose Ohrhörer für niemanden sichtbar tief in seinem Gehörgang steckte. Nackte Füße auf dem warmen Asphalt. Die Haut brannte. Niels ging zur Haustür.

»Wo bist du?«, fragte Leon leise.

»Ich stehe vor der Haustür«, sagte Niels. Erdgeschoss, kleiner Garten. Auf dem Namensschild fünf verschiedene Handschriften, jedes Familienmitglied hatte seinen eigenen Namen geschrieben, Bolette, die Mutter, geschwungen und eigen, nach links geneigt. Ganz anders als Hannahs Hieroglyphen oder Niels’ Blockbuchstaben. Bjørn, der Jüngste, höchstens vier oder fünf. Sofia. Die Tochter – sie war vielleicht bereits tot –, große, romantische Buchstaben. Und Pilou, die Mittlere, nüchterne Buchstaben. Heute ging es um Bjørn und Pilou. Diese beiden konnte er noch retten. Den Rest nicht. So war es. Gregers hatte die Frauen erschossen. Der Klassiker, immer trieben die Frauen die Männer in den Wahnsinn. Nicht umgekehrt, überlegte Niels und dachte an Hannah. An die roten Flecken an ihrem Hals, die Farbe der Liebe und des Todes. Ein Geräusch hinter ihm. Er drehte sich rasch um. Ein älterer Mann stand über ihm auf der Treppe und glotzte ihn an.

»Polizei Kopenhagen«, sagte Niels schroff und fügte im selben Atemzug hinzu: »Verlassen Sie augenblicklich den Eingangsbereich!« Der Alte blieb stehen, starrte auf Niels’ Schwanz, total verwirrt. »Jetzt!«, rief Niels.

Der Alte gehorchte.

»Warum zum Henker hast du das Haus nicht evakuiert?«, fauchte Niels.

»Hast du nicht zugehört, Bentzon?«, sagte Leon ebenso wütend in sein linkes Ohr. »Gregers hat die Straße im Blick und gesagt, dass er alle umbringt, sollte sich jemand dem Haus nähern. Er akzeptiert nur einen splitternackten Unterhändler. Bist du bereit?«

»Bereit«, sagte Niels und klingelte. Eine fröhliche Melodie. Singing in the Rain.

»Gregers! Mein Name ist Niels Bentzon. Ich bin Unterhändler bei der Kopenhagener Polizei. Ich bin unbewaffnet und trage kein Mikrofon an mir«, rief Niels und lauschte einen Augenblick. Nichts. Vogelgezwitscher. Ein schwaches, elektronisches Summen, vielleicht ein Wäschetrockner irgendwo im Vorstadtparadies. »Gregers! Ich komme jetzt rein. Ich habe keine Waffe. Ich wiederhole: keine Waffe. Ich bin nackt. Sie sind Polizist, Sie wissen, wie so etwas abläuft. Ich komme nur, um zu reden und um zu hören, was Sie sich wünschen«, sagte Niels laut. Tiefes Einatmen. Sich wünschen? Drückte er sich wirklich so aus? Er erinnerte sich nicht. Wünschen klang irgendwie nach Weihnachten. Wenn man seine Familie erschossen hatte, hatte man wohl alle Wünsche im Leben aufgebraucht.

»Los jetzt, Bentzon«, flüsterte Leon. »Rein mit dir.«

Niels legte die Hand auf die Klinke. »Die Tür ist abgeschlossen.«

»Was?«

»Verdammt, die Tür! Sie ist abgeschlossen.«

»Dann nimm die Terrassentür. Die ist nur angelehnt«, sagte Leon. Niels spähte durch das Fenster in der Haustür, konnte Leon aber nirgends sehen.

»Ich kann dich nicht sehen«, flüsterte Niels. Er hörte Leon atmen. Rannte er? »Leon?«

»Ich bin hier, Bentzon. Geh jetzt rein!«

Niels ging durch den Hausflur zur Hintertür, die zu den kleinen Gärten führte. Er zögerte einen Augenblick, es gab wirklich nichts, was er weniger gern tat, als nackt auf der Terrasse einer ermordeten Familie zu stehen und sein Leben zu riskieren. Zwischen Webergrill und weißem Plastiktisch. Trotzdem tat er genau das. Bjørn zuliebe. Pilou zuliebe. Dem Leben zuliebe. Niels starrte auf die Terrassentür und sah sein eigenes Spiegelbild. Machte sich Gott jetzt über ihn lustig? Sagte er jetzt: Herzlichen Glückwunsch, Niels, das ist mein Geschenk zu deinem Fünfzigsten. Ein Bild von dir in all deiner Ohnmacht: leichter Bierbauch, grobschlächtig, graue Haare auf der Brust wie bei den Steinzeitmenschen und ein dickes Gemächt, so sinnlos das auch ist, jetzt, da deine Frau mit den Gedanken woanders ist. Herzlichen Glückwunsch, Niels. Bist du bereit zu sterben?

ENDE DER LESEPROBE