Todgeweihte leben länger - Simon R. Green - E-Book

Todgeweihte leben länger E-Book

Simon R. Green

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Beschreibung

Nennen Sie mich Ishmael. Ishmael Jones. Ich bin der Mann in den Schatten, vor dem selbst die Schatten Angst haben. Der Geheimagent, dessen Leben das größte Geheimnis von allen ist. Und manche der Fälle, die ich bearbeite, sind komplizierter als andere. Ein abtrünniger Agent ist in die Arme der Organisation zurückgekehrt und nun bereit, seine Geheimnisse preiszugeben. Die Organisation beauftragt Ishmael damit, herauszufinden, ob Frank Parker wirklich der ist, für den er sich ausgibt, und was er wirklich weiß – und wieso er nach all den Jahren wieder aufgetaucht ist. Ishmael fährt zur Ringstone Lodge in Yorkshire, wo Parker gefangen gehalten wird. Dort schlägt ihm eine Atmosphäre aus Angst und Misstrauen entgegen. Während er und die Bewohner von einer Reihe mysteriöser Vorfälle terrorisiert werden, will Ishmael beweisen, dass diese menschliche Ursachen haben und keine übernatürlichen Geisterwesen hinter den Ereignissen stecken. Doch als einer der Bewohner brutal ermordet wird, muss Ishmael erneut seine detektivischen Fähigkeiten unter Beweis stellen, um weitere Todesfälle zu verhindern …

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Seitenzahl: 362

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Impressum

Autor: Simon R. Green

Deutsch von: Bastian Ludwig

Lektorat: Stephanie Kempin

Korrektorat: Giulia Pellegrino

Covergestaltung © Traumstoff Buchdesign traumstoff.at

Covermotiv © vitalez shutterstock.com

Satz: Ralf Berszuck

© Simon R. Green 2016

© der deutschen Übersetzung Feder & Schwert 2019

E-Book-Ausgabe 2019

Originaltitel: Dead Man Walking

ISBN 978-3-86762-355-1

ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-86762-354-4

Todgeweihte leben länger ist ein Produkt der Feder & Schwert GmbH unter Lizenz von Simon R. Green 2018. Alle Copyrights mit Ausnahme dessen an der deutschen Übersetzung liegen bei Simon R. Green. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck außer zu Rezensionszwecken nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags. Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig. Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.

Inhaltsverzeichnis
Impressum
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun

Nennen Sie mich Ishmael. Ishmael Jones.

Ich bin das Monster, das Monster jagt; der Mann in den Schatten, den selbst die Schatten fürchten; der Geheimagent, dessen Leben das gewaltigste Geheimnis von allen ist. Und einige meiner Fälle sind kniffliger als andere.

Auch Geheimagenten müssen hin und wieder ihren Kopf über die Zinnen recken. Und so tauchen wir aus den Schatten, nur lang genug, um eine Witterung aufzunehmen, uns mit jemandem zu treffen, Informationen zu streuen – oder um ein ernstes Wörtchen mit jemandem zu reden, der seine Nase zu tief in Dinge gesteckt hat, die ihn nichts angehen. London war seit jeher der liebste Treffpunkt für Spione aller Couleur. Seit Christopher Marlowe – der Faust persönlich kannte – hier seine Anweisungen von Dr. Dee – der regelmäßig mit Engeln sprach – im Rahmen des Spionagenetzwerkes von Königin Elizabeth I. erhielt, war London sowohl Zuflucht als auch Nährboden für all diejenigen, die eigentlich gar nicht existieren dürften. Wirtreiben leise durch namenlose Straßen, schlüpfen heimlich in überfüllte Kneipen oder private Hinterzimmer, um Angelegenheiten zu besprechen und Abkommen zu treffen, die Schicksale ganzer Nationen formen. Wir kommen und wirverschwinden wieder – und Sie sehen uns nicht, denn Sie müssen nicht Bescheid wissen über die Dinge, die wir zu tun haben, damit Sie friedlich in Ihren Bettchen schlummern können.

Es existiert eine Welt abseits der Welt, ein verborgener Ort voller Geheimnisse und Lügen, Täuschungen und doppelter Spiele, Tarnung und Mord, wo Leute, von denen Sie nie gehört haben, für Organisationen arbeiten, die es offiziell gar nicht gibt, und Dinge tun, die niemand jemals zugeben wird. Es kann ein faszinierendes Leben sein, wenn man die Kraft dafür aufbringt, aber es ist nichts für schwache Nerven.

Eins

Gedankenfutter

Es war ein überraschend sonniger Tag mitten im Herbst, als ich das erste Mal davon hörte, dass der verlorene Sohn zurück nach Hause kommen wollte. Ich saß in einer Pizzeria in der Oxford Street, arbeitete mich zufrieden durch ein Fleischgelage im Chicago Style, das für zwei gereicht hätte, und wartete auf meinen Kontaktmann. Um mich herum waren die Tische voll besetzt, der Lärmpegel war erfreulich hoch und ich konnte – schließlich waren wir mitten in London – ein halbes Dutzend unterschiedlicher Sprachen ausmachen, die sich zu einem schützenden Stimmengewirr vermischten. Wenn die Welt denkt, man existiere nicht, und wenn man will, dass das auch so bleibt, dann überlegt man lieber sehr genau, wo man sein Gesicht zeigt. Fast-Food-Schuppen sind stets ein guter Ort, um sich unter aller Augen zu verstecken. Im ewigen Kommen und Gehen kann man Gespräche führen, ohne Gefahr zu laufen, dass sie belauscht werden. Und solange man weder zu wenig noch zu viel Trinkgeld gibt, wird sich nicht mal der Kellner an einen erinnern.

Ich hatte einen Tisch im hinteren Teil des Ladens gewählt und saß mit dem Rücken zur Wand, wodurch ich einen guten Blick auf alle anderen hatte. Ewig währende Wachsamkeit und eine gesunde Portion Paranoia sind der Preis der Freiheit. Ich hatte meinen Stuhl weit genug vom Tisch weggerückt, um schnell aufstehen zu können, ohne mich darin zu verfangen; und ich hatte bereits sechs unterschiedliche Wege ausgemacht, auf denen ich unbemerkt hätte verschwinden können, falls das nötig geworden wäre. Einer der Nachteile, wenn man in meiner Welt lebt, besteht darin, dass man sich in der Öffentlichkeit niemals entspannen kann. Man muss stets auf Feindeinwirkung vorbereitet sein.

Der Colonel schlüpfte leichtfüßig von der Straße herein und blieb für einen Moment im Eingang stehen, um sich einen Überblick über den Ort zu verschaffen, gleich einem Raubtier, das die Optionen an einem unbekannten Wasserloch auslotet. Dieses überheblich wirkende Individuum war ein neuer Colonel, sein Vorgänger war letztes Jahr ermordet worden. Ich hatte seinen Mörder gefangen und seinen Tod gerächt, aber das hatte ihn nicht zurückgebracht. Der Colonel ist der Mittler, der Verbindungsmann, der Aufseher und Sachbearbeiter für all seine besonders geheimen Geheimagenten. Ich habe keine Ahnung, wie er wirklich heißt; meinen Namen kennt er jedoch auch nicht.

So wie der Colonel ein Rätsel ist, ist die Organisation, für die wir beide arbeiten, ein Mythos. Eine urbane Legende der verborgenen Welt, besetzt mit den Leuten, die hinter den Kulissen die Entscheidungen treffen, die wirklich zählen. Ich habe keine Ahnung, wer oder was sie sein könnten. Aber solange sie meine Anonymität bewahren und mich mit Arbeit versorgen, die es wert ist, erledigt zu werden, bin ich zufrieden genug, mitzuziehen.

Der neue Colonel war eine hochgewachsene, elegante Erscheinung Mitte dreißig, gekleidet in den feinsten dreiteiligen Geschäftsanzug, den man in der Savile Row hatte finden können. In einem solch alltäglichen Umfeld hätte er eigentlich herausstechen müssen, doch er war umhüllt von derart ungehemmter Autorität, dass niemand ihn auch nur ansehen wollte, aus Angst, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Auf seine eigene Art war er ebenso unsichtbar wie ich. In Anbetracht seines Gebarens war er mit ziemlicher Sicherheit ein Ex-Militär und er war auf eine herablassende Art gutaussehend. Er ließ seinen Blick durch die Pizzeria wandern, als ob er niemals zuvor einen Fuß in ein solches Etablissement gesetzt hätte – und als ob er sich nun, da er es doch getan hatte, darin bestätigt fühlte, damit richtig gefahren zu sein.

Sein strenger Blick erspähte mich schließlich in der Menge und mit überwältigender Verachtung für Alles und Jeden schritt er zwischen den voll besetzten Tischen hindurch auf mich zu. Ein Kellner versuchte, ihn mit einer Speisekarte in seinen Bereich zu lotsen, nur um unter dem frostigen Blick des Colonels zu vergehen und sich rasch zurückzuziehen. Schließlich stand der große Mann vor mir. Ich achtete sorgfältig darauf, ihm keine Beachtung zu schenken und mich weiter auf meine Pizza zu konzentrieren.

»Beim nächsten Mal«, sagte er in zackigstem Geschäftston, »wähle ich den Ort für unser Treffen aus.«

»Nein, werden Sie nicht.« Ich sah auf und warf ihm ein eiskaltes Starren zu. »Sie können mich jederzeit anrufen und ich werde abheben, denn das ist die Abmachung, die ich getroffen habe, als ich der Organisation beigetreten bin. Aber ich entscheide, wann und wo ich in der Öffentlichkeit auftauche. An keinem Ort, der Ihnen recht wäre, würde ich mich sicher fühlen.«

Er gab einen kleinen, zubilligenden Seufzer von sich. »Haben Sie sich meinem Vorgänger gegenüber auch immer so belehrend verhalten?«

»Das war nicht nötig, wir haben einander respektiert. Sagen Sie, warum nennt man Sie immer ›den Colonel‹? Bin ich der Armee beigetreten und niemand hat es mir verraten?«

»Das darf ich leider nicht beantworten.«

»Und da fragen sich die Leute, warum ich Vertrauensprobleme habe. Könnten Sie vielleicht etwas bestellen? Dann würden Sie zumindest nicht mehr ganz so deplatziert wirken.«

»Eher nicht. Ich werde später in meinem Club essen.«

»Essen wie das hier bekommen Sie da aber nicht.«

»Exakt. Und jetzt lassen Sie mich erklären, weswegen Sie hier sind.«

»Hat es was mit Mami und Papi zu tun? Und mit dem, was sie machen, wenn sie sich im Schlafzimmer ganz doll liebhaben?«

»Mir ist bewusst, dass der alte Colonel bereit war, Ihnen Ihre Impertinenz und den generellen Mangel an Respekt nachzusehen«, sagte er in gewichtigem Ton. »Ich hingegen bin bekannt dafür, dass mir jeglicher Sinn für Humor fehlt, wenn es um solche Dinge geht.«

Ich lächelte ihn an, nicht ganz unfreundlich. »Entspannen Sie sich, Colonel. Dann machen Sie es länger. Vertrauen Sie mir, ich bin schon viel länger dabei als Sie.«

»Seit 1963, um genau zu sein. Man sieht Ihnen Ihr Alter nicht an, Mr Jones.«

»Sie kennen mein Alter überhaupt nicht.«

»Ich habe Ihre Akte gelesen. Hat nicht lange gedauert, sie ist sehr überschaubar. Keine persönlichen Details, keine Vorgeschichte, keine Fotos … Nur eine Liste mit den Fällen, an denen Sie gearbeitet haben, samt deren Ausgang. Wer sind Sie, Ishmael Jones?«

»Falsche Frage«, erwiderte ich.

»Wie lautet die richtige Frage?«

»Sehen Sie, Sie haben sie die ganze Zeit gekannt.«

Er musterte mich für einen langen Augenblick, als ob er meinte, direkt durch meine Verteidigung hindurchstarren zu können, wenn er sich nur genügend anstrengte. »Wir garantieren all unseren Agenten ihre Anonymität, aber Sie treiben Ihren Drang nach Privatsphäre auf die Spitze. Wie sollen wir Sie vor Ihren Feinden schützen, wenn wir gar nicht wissen, wen und was wir da überhaupt schützen?«

»Keine Fragen. Das war die Abmachung, als ich mich der Organisation angeschlossen habe.«

Er seufzte, beinahe ein wenig dramatisch. »In einer Organisation, die nur existiert, um sich mit Geheimnissen auseinanderzusetzen, scheinen Sie wild entschlossen, das größte aller Geheimnisse zu sein.«

»Stehe ich auf irgendjemandes Abschussliste?«, fragte ich.

»Nicht, solange Sie nützlich sind. Aber wenn Sie weiterhin darauf bestehen, uns Dinge vorzuenthalten …«

»Da bin ich ja wohl nicht der Einzige. Oder sind Sie etwa auf einmal bereit, mir Ihren wahren Namen zu verraten?«

»Sie zuerst, Mr Jones.«

Fast hätte ich ihm ins Gesicht gelacht. »Ich weiß nicht mal, wer mein Arbeitgeber wirklich ist.«

»So soll es auch sein.«

»Wissen Sie es?«

»Das bezweifle ich.«

»Was wollen Sie von mir? Was kann so wichtig sein, dass ich alles stehen und liegen lassen musste, nur um mich mit Ihnen zu treffen? Was könnte so geheim sein, dass Sie sich nicht einmal dazu durchringen konnten, mir am Telefon einen Hinweis zu geben? An einem Telefon, wenn ich Sie daran erinnern darf, das ich eigens von der Organisation bekommen habe, zusammen mit der Versicherung, dass sogar Gott große Probleme hätte, wenn sie es abhören wollte.«

»Frank Parker möchte zurück nach Hause kommen.«

Die Worte des Colonels ließen mich versteinern. Ich kannte diesen Namen. Jeder in unserer Branche tat das. Parker war einst einer der angesehensten Agenten der Organisation gewesen. Ich hatte ihn nie kennengelernt, aber es ist unausweichlich, dass Leute wie wir irgendwann mit Leuten wie uns herumhängen. Und nach einem oder drei Drinks fangen wir an zu schwatzen und zu versuchen, einander mit seltsamen Geschichten und bizarren Abenteuern zu übertrumpfen. Denn nur wir unter uns können frei über die Dinge reden, die wir tun.

Frank Parker hatte mehr als zwanzig Jahre in den wilderen Bereichen der verborgenen Welt operiert. Er hatte Menschen ausgeschaltet und Wesen, die nur vorgaben, Menschen zu sein, um die Bevölkerung zu schützen und die Welt zu einem sichereren Ort zu machen. Zur Belohnung hatte man ihm die wichtigsten und gefährlichsten Fälle übertragen. Parker war der Liebling der Organisation gewesen, ihr herausragendster Problemlöser, zu Großem auserkoren. In seinen besten Tagen hatte man einen ganzen Raum voller wirklich fieser Mistkerle allein mit seinem Namen in Angst und Schrecken versetzen können.

Und dann war er abtrünnig geworden. Eines Tages war er von der Bildfläche verschwunden und als Nächstes hatte man gehört, dass er zwar nicht mehr für die Organisation arbeitete, sonst aber für jeden. Dass er üble Dinge für üble Leute erledigte – und sich dafür gut bezahlen ließ.

Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück. Die Pizza war vergessen, ich hatte keinen Hunger mehr. »Frank Parker ist also wieder aufgetaucht. Und was soll ich tun? Bei den Kollegen Geld für seine Willkommensparty sammeln?«

»Wohl kaum«, sagte der Colonel.

»Hat er jemals einen der anderen Agenten verraten?«

»Nein. Das hat er niemals getan … Obgleich sicherlich immenser Druck in diese Richtung auf ihn ausgeübt wurde.«

»Also ist er nicht gegangen, weil er sauer auf die Organisation war. Er wollte einfach nur aussteigen. Interessant …«

»Irrelevant!«

»Nicht von meiner Warte aus.«

»Nachdem er ein paar Jahre für die Gegenseite gearbeitet hatte, verschwand Parker wieder. Niemand war in der Lage, ihn zu finden, obwohl einige hochmotivierte Leute eine Menge Zeit mit der Suche verbrachten. Die meisten von uns haben gedacht, dass er tot ist und dass wir uns nun endlich zurücklehnen könnten. Doch vor gerade mal zwölf Stunden hat Parker mit uns Kontakt aufgenommen.«

Ich fragte nicht, wie er das getan hatte. Der Colonel hätte es mir ohnehin nicht verraten. »Und hat er erklärt, wo er die ganzen Jahre gewesen ist?«

»Nein. Nur, dass er nach Hause kommen möchte. Und zwar so schnell wie möglich.«

»Will die Organisation ihn zurück?«

»Er hat gesagt, er sei bereit, über alle auszupacken, für die er je gearbeitet hat. Er will uns genau erzählen, was er für sie getan hat. Im Gegenzug sollen ihm all seine Sünden vergeben werden. Und er möchte eine neue Identität, um sich unerkannt zur Ruhe setzen zu können.«

»Und einen solchen Handel könnt ihr euch natürlich nicht durch die Finger schlüpfen lassen.«

»Die Chance, viele unserer schlimmsten Feinde ins Grab zu bringen und einen Teil des Schadens zu reparieren, den Parker nach seinem Verschwinden verursacht hat? Oh ja, Mr Jones, wir wollen alles wissen, was Frank Parker zu berichten hat.«

»Selbst wenn es ein bisschen zu gut klingt, um wahr zu sein?«, fragte ich vorsichtig.

»Richtig«, erwiderte der Colonel. »Einem geschenkten Gaul muss man stets ins Maul schauen, denn schließlich könnte sich eine kleine Armee darin versteckt halten. Parker befindet sich derzeit in Ringstone Lodge.«

Ich ließ mir nichts anmerken. Ich hatte von der Lodge gehört – und nicht die herzlichsten Geschichten. Eine abgeschiedene Hochsicherheitsanlage für Vernehmungen abtrünniger Agenten, mutmaßlicher Verräter und all derer, die etwas wissen, was die Organisation erfahren möchte. Ringstone Lodge, wo die Wahrheit ans Licht gezerrt wird – so oder so.

»Ich finde den neuesten Tratsch genauso interessant wie jeder andere«, sagte ich, »aber ich muss fragen, warum Sie mir das erzählen, Colonel.«

»Weil wir sichergehen müssen, dass es sich bei dem Mann, der sich in unserem Gewahrsam befindet, tatsächlich um Frank Parker handelt. Er hat wiederholt umfangreiche plastische Operationen an sich durchführen lassen und ist nicht mehr zu erkennen. Und wir haben in unseren Akten keine biometrischen Daten über ihn, da­rum können wir kaum sagen, wen wir da überhaupt vor uns haben. Wir müssen aber sicher sein, bevor wir irgendeine der Informationen, die er uns gibt, glauben können.«

»Und was hat das mit mir zu tun? Ich habe den Mann noch nie gesehen.«

»Wir halten den Kreis an Personen mit Zugang zu ihm möglichst klein, denn Parker – falls es sich wirklich um Parker handelt – behauptet, dass er stichhaltige Informationen über faule Äpfel innerhalb der Organisation hat. Und diese Informationen sollen nicht nur seine aktive Zeit betreffen, sondern auch die Gegenwart.«

Ich sah ihn einen langen Augenblick an. »Und das halten Sie für möglich?«

»Einige meiner Vorgesetzten tun das. Wir brauchen einen Agenten, der das Vernehmungsteam in Ringstone Lodge unterstützt. Denn nur ein anderer Agent besitzt die nötige Erfahrung, die richtigen Fragen zu stellen und die Antworten zu bewerten.«

»Sie wollen wissen, ob er die Organisation unterwandern will.«

»Ganz genau. Also machen Sie sich auf nach Ringstone Lodge. Zwei sehr erfahrene Vernehmungsspezialisten sind schon vor Ort und werden den Großteil Arbeit erledigen. Theoretisch haben Sie das Kommando, aber treiben Sie es nicht zu weit.«

»Hat irgendwer versucht, zu Parker vorzudringen, seit er zurückgekommen ist? Um ihn zum Schweigen zu bringen, bevor er irgendwelche Namen ausplaudern kann?«

»Bisher nicht. Aber sollte es wirklich Verräter innerhalb der Organisation geben, können wir nicht sagen, wie lange sein Aufenthaltsort geheim bleiben wird. Die Lodge besitzt Sicherheitsvorkehrungen der höchsten Stufe, aber …«

»In Ordnung«, unterbrach ich ihn. »Wie viel Zeit können Sie mir geben, bevor ich irgendwelche Entscheidungen treffen muss?«

»Achtundvierzig Stunden. Dann werden Informationen durchsickern und die Gegenseite wird Schritte einleiten, um den Schaden zu begrenzen, den Parker anrichten könnte.«

»Ah«, sagte ich. »Also bloß keinen Druck.« Ich setzte mich aufrecht hin, als mir ein Gedanke durch den Kopf schoss. »Ich gehe davon aus, dass die Organisation mir garantiert, dass mir niemand in der Lodge heikle Fragen stellen wird.«

Ein Lächeln huschte über die Lippen des Colonels. »Ich verstehe schon, dass jemand mit Ihrem Bedürfnis nach Privatsphäre und einem solch überbordenden Sinn für die eigene Wichtigkeit das Innere von Ringstone Lodge nur ungern betreten möchte. Aber schmeicheln Sie sich nicht zu sehr, Mr Jones, wir sind nicht allzu interessiert an Ihrer zweifelsohne finsteren Vorgeschichte. Natürlich vorausgesetzt, sie verheimlichen uns nichts …«

»Mehr, als Sie sich auch nur im Entferntesten vorstellen können.«

»Nur Menschen, die Schuld auf sich geladen haben, haben es nötig, ihr Leben im Geheimen zu führen.«

»Und genau wegen dieser Einstellung nehme ich so viele Mühen auf mich, um meine Privatsphäre zu schützen. Ich diene der Organisation und im Gegenzug verbergen sie mich vor der Welt. Das sind der Anfang und das Ende unserer Beziehung. In dem Moment, in dem Sie das in Gefahr bringen, sehen Sie mich nur noch als Staubwölkchen. Dann können Sie Ihren Herren und Meistern erklären, wie Sie einen ihrer besten Agenten verloren haben.«

»Sie glauben wirklich, Sie könnten in der heutigen Zeit einfach so verschwinden? Permanente Überwachung hat die Welt sehr viel kleiner werden lassen. Sie machen sich keine Vorstellung, welchen Aufwand es bedeutet, Sie und die anderen Agenten zu verbergen.«

»Parker hat es hinbekommen.« Ich sah den Colonel erwartungsvoll an. Das wäre üblicherweise der Zeitpunkt gewesen, zu dem er mir das Einsatzdossier für diese Mission überreicht hätte. Er erwiderte meinen Blick mit stoischer Gelassenheit.

»Zu diesem Fall gibt es keine Akte«, sagte er bedächtig. »Und es wird auch keine geben. Keine offiziellen Aufzeichnungen, nichts Schriftliches, keine belastenden Dokumente. Sollte es wirklich Verräter in der Organisation geben, dürfen sie keinesfalls erfahren, dass Frank Parker droht, ihre Identitäten preiszugeben. Es gibt keine Mission. Ich bin nicht hier und ich spreche nicht mit Ihnen. Die Einzigen, die von Frank Parker wissen, sind die, die direkten Kontakt zu ihm hatten und im Moment einen netten Urlaub an einem sicheren Ort in völliger Abschottung genießen, und die Leute ganz oben, von denen ich meine Anweisungen bekomme. Und dabei wird es auch bleiben.«

»Die linke Hand hat also keine Ahnung, wen die rechte grade verhört?«

»Offiziell weiß niemand, dass sich Parker in Ringstone Lodge aufhält. Es gibt keine Aufzeichnungen über seine Ankunft in diesem Land und alle in der Lodge wurden von außerhalb der Organisation speziell für diese Operation rekrutiert. Der Sicherheitsdienst, das Vernehmungsteam und das Betreuungspersonal wurden vom Verteidigungsministerium abgeordnet. Und die wissen nicht, wofür wir ihre Leute brauchen, und sie sind klug genug, nicht zu fragen. Jeder Einzelne von ihnen hat schon einmal für uns gearbeitet und besitzt eine volle Freigabe der Organisation. Wenn Sie in der Lodge eintreffen, wird man Ihnen alles erklären, was Sie wissen müssen. Aber lassen Sie mich eines klarstellen: Sie dürfen mich nicht kontaktieren, ehe Sie sich ganz sicher sind, ob es sich bei dieser potenziellen Goldmine um Frank Parker handelt oder nicht, und ob die Informationen, die er uns anbietet, irgendeinen Wert besitzen. Von da an werde ich übernehmen. Wir werden Parker verlegen, das Personal der Lodge wird versetzt und Ihnen wird es freistehen, dorthin zurückzukehren, was auch immer Sie als Zuhause bezeichnen.«

»Klingt fair.« Ich sah ihn nachdenklich an. »Sie haben deutlich gemacht, dass Sie mich und meine Methoden nicht billigen. Warum haben Sie dann nicht dafür plädiert, dass ein anderer Agent diese Mission übernimmt?«

»Sie wurden von ganz oben ausgewählt, weil Sie der Verschwiegenste unter unseren Agenten sind, der immer die größtmögliche Distanz zwischen sich und dem Rest der Organisation gewahrt hat. Deswegen ist es bei Ihnen so unwahrscheinlich wie bei keinem anderen, dass sie mit den mutmaßlichen Verrätern unter einer Decke stecken.«

»Und falls etwas schiefgehen sollte, kann man mich natürlich so leicht wie sonst niemanden beschuldigen und den Wölfen zum Fraß vorwerfen.«

»Ich wusste, dass Sie das verstehen würden.«

»Sind wir fertig?«

»Noch eines. Wir verstehen, dass Sie es dieser Tage bevorzugen, mit einer Partnerin zu arbeiten. Penny Belcourt.«

»Ja«, bestätigte ich. »Die eine Person, bei der ich darauf vertrauen kann, dass sie mir den Rücken freihalten und kein Messer hineinstoßen wird.«

»Es wird von Ihnen erwartet sicherzustellen, dass sie in allen relevanten Angelegenheiten Stillschweigen bewahren wird – andernfalls werden wir das übernehmen.«

Er stand auf und nahm sich dabei reichlich Zeit, um klarzumachen, dass es ganz allein sein Einfall war, nun zu gehen. »Sie haben Ihre Anweisungen. Ich erwarte, erst wieder von Ihnen zu hören, wenn Sie eine Entscheidung bezüglich Parker getroffen haben. Nun muss ich mich aufmachen. Zivilisiertes Essen und eine anständige Weinkarte erwarten mich.« Er machte eine Pause, um mich ein letztes Mal bedeutungsvoll zu mustern. »Ich werde die Wahrheit über Sie herausfinden, Ishmael Jones.«

»Wenn Sie so weit sind, dann verraten Sie sie mir – ich bin schon seit Jahren neugierig darauf.«

Er drehte mir den Rücken zu und schritt davon, vor ihm flatterten die Kellnerinnen wie ein Schwarm aufgeschreckter Vögel auseinander. Ich verspürte einen inneren Druck, mich diesem Colonel zu beweisen, wenngleich das in Anbetracht meiner Erfahrung und meiner nachweisbaren Erfolgsbilanz nicht hätte nötig sein sollen. Aber wie alle anderen auf der Welt interessierte die Organisation nur eine Frage: Was hast du in letzter Zeit für uns getan?

Außerdem wurde ich das unangenehme Gefühl nicht los, dass dies alles vielleicht eine Art Falle war, nur dazu gedacht, mich nach Ring­stone Lodge zu locken und dann die Tür hinter mir abzuschließen.

Penny kam vom anderen Tisch herübergehetzt und ließ sich auf den Stuhl fallen, den der Colonel gerade freigegeben hatte. Sie grinste mich heiter an und ich lächelte zurück. Penny Belcourt war eine bemerkenswerte Erscheinung: Mitte zwanzig mit einem hübschen, markanten Gesicht und üppigem, dunklem Haar, das sich auf ihrem Kopf häufte. Dazu leuchtende Augen, spektakuläres Make–up, eine angenehm schlanke Figur und genügend aufgeregte Energie, um einen Jahrmarkt einen Monat lang am Laufen zu halten.

Sie nickte dem hinausgehenden Colonel abweisend hinterher. »Hab doch gesagt, dass er niemals bemerken wird, dass ich hier bin. Er war so damit beschäftigt, wichtig zu tun, dass ich den Time Warp auf einem der Tische hätte tanzen können, ohne dass er etwas davon mitbekommen hätte. Willst du das alles essen?«

Mit einer Hand riss sie ein Stück meiner Pizza ab und stopfte sich so viel wie möglich davon in den Mund, wobei sie übertriebene Laute der Zufriedenheit von sich gab.

»Ich wünschte, du würdest das nicht tun«, sagte ich. »Wenn du etwas willst, dann bestell es dir. Ich lad dich ein.«

»Ich wollte nur mal probieren«, mampfte sie mir undeutlich entgegen. »Die Pizza ist riesig. Da kannst du ruhig was abgeben.«

»Darum geht es nicht.«

»Teilen ist gut«, sagte sie in bestimmtem Ton. »Und außerdem sehr menschlich. Das solltest du inzwischen gelernt haben.«

»Ich lebe seit 1963 unter euch.«

»Unter uns zu leben ist nicht das Gleiche wie einer von uns zu sein. Du bist noch immer in vielerlei Hinsicht ein Außenseiter. Darum brauchst du mich.«

»Das ist nicht der einzige Grund, aus dem ich dich brauche.«

Sie lächelte. »Du bist ein Schatz.«

Seitdem ich ihr Leben vor dem unnatürlichen Ding gerettet hatte, dem der Rest ihrer Familie in Belcourt Manor zum Opfer gefallen war, stand Penny mir als meine inoffizielle Partnerin zur Seite. Sie hatte ein kleines Vermögen geerbt und war deswegen frei, mir hin und wieder auszuhelfen. Wir liebten einander, wie es zwei Personen nur können, wenn eine von ihnen nicht vollständig menschlich ist. Penny erdete mich und versah mich mit jenem bestimmten Hauch von Menschlichkeit, der mir bisweilen fehlt. Seit fünfzig Jahren bin ich Teil der menschlichen Gesellschaft und doch denke ich oft, dass ich keinen Deut näher daran bin, die Menschen zu verstehen. Penny aber versichert mir immer wieder, dass eine Menge Leute genau das Gleiche denken.

»Wird das vielleicht endlich ein echter Fall?«, fragte sie.

»Es sind alles echte Fälle«, entgegnete ich. »Informationen zu sammeln ist vielleicht nicht sexy, aber es geht nicht immer um Monster.«

»Aber die Monster sind echt, in deiner Welt.«

»Ja, das sind sie.«

»Wo wohnst du im Moment?«, fragte sie ungeniert.

»Wieder so ein kleines Hotel. Der Name würde dir nichts sagen.«

»Ich möchte bei dir sein.«

»Ich bin so nah bei dir, wie ich es wagen kann. Ich muss in Bewegung bleiben. Ich kann es mir nicht leisten, bemerkt zu werden, Wellen auf der Oberfläche der Welt zu hinterlassen. Es gibt einen Grund, warum ich all diese Jahre in einer so argwöhnischen Welt überlebt habe.«

»Ich dachte, die Organisation beschützt dich.«

»Sie räumen hinter mir auf in den seltenen Fällen, in denen ich bemerkt werde. Aber ich konnte mich bestimmt nicht so lange verborgen halten, weil ich mich auf die Freundlichkeit irgendwelcher seltsamer Organisationen verlassen habe.«

»Ich möchte mehr Zeit mit dir verbringen. Nur wir zwei. Dieses ständige Versteckspiel gibt mir das Gefühl, nur eine Besucherin in deiner Welt zu sein.«

»Ich verbringe so viel Zeit mit dir, wie ich kann. Mehr könnte dich in Gefahr bringen. Und mich ebenfalls.«

Wir nahmen uns bei den Händen, quer über den Tisch, als versuchten wir, eine Kluft zu überwinden, die gewaltiger war, als Penny begreifen konnte. Dann zuckte sie mit den Schultern und wechselte das Thema. Darin war sie fabelhaft, wenn sie erkannte, dass sie in einer Auseinandersetzung am Verlieren war.

»Deine verborgene Welt ist absolut faszinierend! Ich habe allerlei Recherchen angestellt und einige fantastische Geschichten ausgegraben.«

»Du darfst nicht alles glauben, was du im Internet liest! Gruppen wie die Organisation stellen da selbst eine Menge rein – als Desinformation. Um die Leute vom wirklich fiesen Zeug abzulenken. Um sie zu schützen.«

»Und wie viel davon ist dann wahr?«

»All das, von dem du dir wünschen würdest, dass es nicht wahr ist.«

»Wann bekommen wir einen echten Fall? Ich will gegen Monster kämpfen und die Welt retten. Ich kann das, ich bin praktisch Spy Girl!«

»Man könnte durchaus sagen, dass es bei diesem Fall um ein Monster geht – Frank Parker hat mehr Blut an seinen Händen, als irgendein Mensch haben sollte.«

Penny runzelte die Stirn. »Hast du nicht gesagt, dass du ihn noch nie getroffen hast?«

»Aber ich weiß über ihn Bescheid. Geheimagenten tratschen wie Schulmädchen. Einfach nur, weil sie wissen, dass sie es eigentlich nicht sollten. Parker hat sich den Ruf erarbeitet, überall einbrechen und alles stehlen zu können – und zu verschwinden, bevor auch nur jemand bemerkt hat, dass er überhaupt da war. Außerdem hat er eine Menge Leute umgebracht, die umgebracht werden mussten, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Aber nachdem er die Organisation verlassen hatte, hat er noch viele weitere getötet, einfach nur weil irgendwer einen Preis auf ihren Kopf ausgesetzt hatte. Natürlich lässt sich kaum sagen, was davon nur seinem Leumund entspringt und was die Wahrheit ist. In unserem Spiel ist jeder ein Lügner.«

»Wie gut war Parker in Sachen Monster?«

»Er hat durchaus das eine oder andere erledigt.«

»Warum hat er aufgehört? Was konnte ihn dazu bringen, einen Job aufzugeben, in dem er so gut war? Ist irgendetwas geschehen? Irgendetwas muss geschehen sein.«

»Anzunehmen. Aber niemand weiß, was. Von allen anderen Agenten unterschied Parker nur eine einzige Merkwürdigkeit: Sein Ruf, dass man ihn nicht töten könne. Es gibt jede Menge Geschichten, wie er Schüsse aus nächster Nähe und Stürze aus großer Höhe überlebt haben soll. Er soll heil aus Flugzeugabstürzen, Explosionen und den unwahrscheinlichsten Situationen herausgekommen sein.«

»Könnte er … anders sein? So wie du?«

»Nicht, dass ich wüsste. Aber wenn er so gut wie ich darin war, sein wahres Wesen zu verbergen, und irgendetwas passiert ist, das das in Gefahr gebracht hat … Das wäre auf jeden Fall ein Grund, sein altes Leben aufzugeben und zu fliehen. Und dann nur noch für Geld zu arbeiten, um sicherzugehen, dass nie wieder jemand so nah an einen herankommt.«

»Irgendwer in der Organisation muss doch mit ihm gearbeitet haben und ihn identifizieren können!«

»Agenten arbeiten meistens allein – das ist sicherer. Nur über den Colonel haben wir Kontakt zur Organisation. Und der Colonel, von dem Parker seine Anweisungen bekommen hat, ist schon eine Weile tot.«

»Wird es wirklich so schwierig, zu entscheiden, ob er der ist, als der er sich ausgibt?«

»Parker hat sein Gesicht so oft gewechselt, niemand weiß, wie er aussieht.«

»Du hast dein Gesicht nie gewechselt.«

»Vielleicht hätte ich das tun sollen – aber mein Gesicht ist eine der wenigen Sachen, die mir von früher geblieben sind.«

»Hast du jemals jemanden getroffen, der höher als der Colonel steht?« Penny rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. Offenbar war ihr gerade ein aufregender Gedanke gekommen.

»Nein«, antwortete ich. »Und das will ich auch nicht. Ich kann es bestimmt nicht brauchen, dass Leute, die etwas zu sagen haben, ein besonderes Interesse an mir entwickeln.«

»Wie kannst du dann sicher sein, dass es wirklich eine Organisation gibt?«, triumphierte sie. »Ich meine, was, wenn das alles nur eine große Täuschung ist?«

»Das wäre mir ziemlich egal. Sie besitzen genug Macht, um mich vor den neugierigen Blicken der Welt zu verbergen. Das ist alles, was zählt.«

Penny lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und musterte mich für einen langen Augenblick. »Du willst wirklich nicht zu dieser Ring­stone Lodge, oder? Ist dieser Ort dermaßen übel?«

»Für mich könnte er sehr übel sein.«

»Und trotzdem wirst du gehen.«

»Natürlich. So lautet der Auftrag. Und außerdem: Wenn es der echte Frank Parker ist, will ich wissen, warum er den Dienst quittiert und was er über die Organisation herausgefunden hat … Wer weiß, wenn er mir erzählt, warum er es so eilig hatte, zu verschwinden, werde ich vielleicht auch die Beine in die Hand nehmen.«

»Du bist eine sehr argwöhnische Person, Ishmael.«

Ich betrachtete die Überreste meiner Pizza und schob sie beiseite. Von meinem Appetit war nichts mehr übrig. »Ich finde nicht, dass du mit mir gehen solltest, Penny. Diese Sache könnte sich zu einem sehr unangenehmen Fall entwickeln.«

Sie sah mich scharf an. »Nur ein guter Grund mehr, jemanden bei dir zu haben, dem du trauen kannst.«

»Ich habe ziemlich viele Jahre auch sehr gut ohne dich überlebt.«

»Im Leben geht es nicht nur ums Überleben«, sagte sie und lächelte mich so lange strahlend schön an, bis ich zurücklächelte. »Wann müssen wir zur Lodge aufbrechen? Haben wir noch Zeit für einen Nachtisch?«

»Es ist immer Zeit für einen Nachtisch.«

Voller Freude klatschte sie in die Hände. »Du weißt, was ein Mädchen hören will!«

Sie nahm die Speisekarte und studierte sie eingehend. Dann fragte sie beinahe beiläufig: »Ist an Ringstone Lodge irgendetwas ungewöhnlich?«

»Es geht das Gerücht, es würde dort spuken.«

Sie starrte mich über den Rand der Karte mit großen Augen an. »Wirklich?«

»So sagt man. Die Leitung der Lodge befeuert solche Geschichten, weil man dadurch Leute fernhalten kann.«

»Meinst du, wir bekommen irgendwelche Geister oder Spukgestalten zu sehen?«

»Das bezweifle ich. Ich glaube nicht an Gespenster.«

Sie knallte die Speisekarte auf den Tisch und sah mich anklagend an. »Du? Von allen Leuten gerade du?«

»Ich mag regelmäßig durch die verborgene Welt wandern, aber was mir dort begegnet, ist dennoch sehr real und von so fester Beschaffenheit, dass ich es wenn nötig packen kann. Nur weil einige seltsame Dinge real sind, bedeutet das nicht, dass alles real sein muss.«

 

Zwei

Fragen über Fragen

Manche Agenten pflegen sich bis an die Zähne zu bewaffnen und Panzerwesten anzulegen, wenn sie wissen, dass sie gefährliches Gebiet betreten müssen. Ich vermeide Pistolen. Wenn man bestimmte Waffen trägt, schränkt das die Optionen ein – ich lasse mir gerne Raum für Improvisation. Und um ehrlich zu sein, bin ich ohnehin in den meisten Fällen die gefährlichste Person im Zimmer.

Die üblichen Regeln gelten allerdings nicht, wenn Ringstone Lodge im Spiel ist.

Die Lodge liegt im North Riding of Yorkshire, so weit im Norden, wie man nur gehen kann, bevor man gegen den Hadrianswall knallt. Wunderschöne Landschaft, wild und frei. Federleicht für das Auge, aber bleiern fürs Gemüt. Nur wenn man hart arbeitet, kann man dem Boden genug abringen, um über die Runden zu kommen. Das North Country ist alt und voller Geschichte. Und seine Geheimnisse hält es fest umklammert.

Ringstone Lodge liegt abgelegen im Nirgendwo. So kann einen niemand schreien hören.

 

Schlussendlich entschied ich mich, den Zug zu nehmen. Es wäre eine anstrengende Autofahrt geworden und ich hatte keine Lust, erschöpft und auf dem Zahnfleisch kriechend in der Lodge anzukommen. Ich war mir ziemlich sicher, meine Sinne beisammen zu brauchen, wenn ich den Wahrheitssuchern Auge in Auge gegenüberstehen würde. Penny hatte ich nach Hause geschickt, um zu packen, während ich einen meiner sicheren Unterschlupfe aufsuchte, um ein paar wichtige Dinge zu holen. Wir trafen uns eine Stunde später am Bahnhof King’s Cross. Ich mag King’s Cross, man kann sich darauf verlassen, hier stets genug Lärm und Gewusel vorzufinden, um sich darin zu verstecken. Ich hatte nur einen Rucksack dabei, denn ich war schon immer der Überzeugung, dass man mit leichtem Gepäck schneller ans Ziel kommt. Es ist ein altes, abgewetztes Teil, das viel erlebt hat, seine Farben dermaßen ausge­blichen, dass es genauso anonym geworden ist wie ich. Man trägt besser nie etwas bei sich, bei dem man nicht bereit ist, es in einem Notfall zurückzulassen. Einmal musste ich die Hintertreppe eines bekannten Hotels hinunterflüchten und trug dabei nichts als meine Socken und den Rucksack mit einem gestohlenen Laptop darin.

Penny hatte die Zeit genutzt, sich völlig umzuziehen: Sie trug nun eine blaue Jacke über einer glänzenden, weißen Bluse, einen dunklen Rock zu dunklen Strümpfen, Stöckelschuhe und einen erstaunlich großen Hut. Ich sah sie nachdenklich an, wie sie da so vor mir stand, selbstsicher lächelnd.

»Warum?«, fragte ich schließlich.

»Weil wir Leute treffen werden, Liebling. Wichtige Leute. Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck, sage ich immer.«

»Na, wenigstens dürftest du so für eine gute Ablenkung sorgen.«

Sie schnaubte laut. »Dein Look ändert sich nie, schlicht und schlampig. Ich habe schon besser gekleidete Verkäufer von Obdachlosenzeitungen gesehen.«

»Ich habe es gerne bequem«, erwiderte ich gelassen. »Niemand wirft einen zweiten Blick auf jemanden, der so aussieht wie ich.«

»Einen Blick auf dich werfen zu müssen, ist schon schlimm genug«, sagte Penny.

Sie hatte einen großen Koffer bei sich. Er war zudem bemerkenswert schwer, wie ich feststellen musste, als ich ihn für sie tragen wollte. Ich gab einige dramatische Laute von mir, die auf drohende Rückenprobleme und herausploppende Kniegelenke hindeuteten, und sah sie vorwurfsvoll an.

»Wir werden höchstens zwei Tage in der Lodge bleiben. Was schleppst du da alles mit?«

»Mädchen sind gerne vorbereitet«, erwiderte sie hochmütig.

»Worauf? Auf einen Umzug?«

Sie lächelte mich herzlich an. »Du weißt, dass ich dich für diese Bemerkung bezahlen lassen werde, Liebling. Und überhaupt, was trägst du da in diesem schäbigen, kleinen Rucksack mit dir rum? Pistolen und Sprengstoff und geheime Spionagegeräte?«

»Nur Klamotten zum Wechseln. Wo wir hingehen, brauchen wir keine Pistolen oder Sprengstoff.«

Sie warf mir einen flüchtigen Blick zu. »Bist du dir da ganz sicher?«

»Wenn ich das nicht wäre, würden wir nicht gehen.« Ich hatte nie viel Vertrauen in cleveres Spionagespielzeug. Meiner Erfahrung nach lässt es einen stets dann im Stich, wenn man es am meisten braucht. Ich ziehe es vor, mit dem zu improvisieren, was in dem Moment gerade in Reichweite ist. Ich habe gelernt, mir und meinen Fähigkeiten zu vertrauen, denn ich habe mich noch nie im Stich gelassen.

Penny seufzte und schüttelte den Kopf. »James Bond hätte einen ausklappbaren Hubschrauber in dem Rucksack.«

»Falls es dir noch nicht aufgefallen ist«, sagte ich, »James Bond wird regelmäßig vermöbelt. Da lang geht’s zum Zug, Penny Galore.«

 

Ich war immer sehr für Reisen mit dem Zug zu haben. Man kann bar bezahlen, hinterlässt weder schriftliche noch elektronische Spuren und kann auf so vielen Bahnsteigen ein- und aussteigen wie man will, um zu überprüfen, ob man verfolgt wird.

Paranoid? Warum wollen Sie das wissen?

Wir reisten erster Klasse in einem Waggon mit Ruhebereich. Penny ist dafür bekannt, Leute anzufallen, die darauf bestehen, in ihre Telefone zu plärren, während sie es ruhig und friedlich haben möchte. Man will wirklich nicht wissen, wo genau sie einmal einem unerträglichen Aktienhändler sein Telefon reinstecken wollte. Zu seinem Glück erwies er sich als ziemlich flinker Läufer, zumindest für einen Fettsack. Aber solche Momente, so amüsant sie auch sein mögen, neigen dazu, Aufmerksamkeit zu erzeugen – der Ruhebereich war also genau richtig. Penny reckte ihre langen Beine in den Gang und blätterte ausgelassen durch die neueste Ausgabe der Fortean Times, während ich durch das Fenster der vorbeiziehenden Landschaft zusah und mich allerlei Gedanken hingab.

Einer davon betraf Frank Parker. Wir hatten nie zusammengearbeitet, nie in denselben Kreisen verkehrt, waren nicht einmal in der gleichen Stadt gewesen, soweit ich das sagen konnte. Parker hatte den seltsameren Teil unserer Arbeit mehr und mehr hinter sich gelassen, je weiter er innerhalb der Organisation aufgestiegen war – vom Agenten im Außendienst zum vorgesetzten Offizier mit Verantwortung für die eher politischen Operationen. Die Organisation muss sich nämlich nicht nur mit den seltsamen Dingen auseinandersetzen, die diese Welt bedrohen, sondern auch mit ganz realen Problemen. Geschichten zufolge – erzählt unter dem Siegel der Verschwiegenheit – hatte Parker auf dem gesamten Globus gearbeitet, war über Grenzen geschlüpft, hatte Länder besucht und wieder verlassen. Oft hatte man über ihn gesprochen, nie hatte man ihn gesehen.

Er und ich hatten wohl ungefähr zur gleichen Zeit bei der Organisation angefangen. Kein Wunder, dass er dort weitaus höher aufgestiegen war als ich. Ich war nie sonderlich ehrgeizig gewesen, denn Ehrgeiz erregt Aufmerksamkeit. Wir waren wohl ungefähr gleich alt, doch während ich noch immer wirkte wie ein Mann in seinen Zwanzigern – genauso wie damals im Jahre 1963, als ich zum ersten Mal auf der Bildfläche erschienen war – musste er seinem Alter entsprechend aussehen. Plastische Chirurgie kann eine Menge bewirken, sie kann jedoch nicht dafür sorgen, dass man wieder wie zwanzig aussieht. Wir hatten beide mit angesehen, wie sich die Welt vollkommen gewandelt hatte, aber wie es schien, hatte sie Parker weit mehr verändert, als ihr das je mit mir gelungen war. Natürlich, schließlich war er nur ein Mensch.

Ich grübelte, was uns wohl in Ringstone Lodge erwarten würde, und versuchte, für alle Eventualitäten einen Plan bereitzuhalten, sogar für jene, über die die meisten Menschen nie nachdenken, weil sie zu außergewöhnlich erscheinen. Arbeitet man für die Organisation, werden kranker Scheiß und seltsame Bedrohungen zum Standard. Wenn sie einen unvorbereitet erwischen, kann man dafür niemandem die Schuld geben außer sich selbst.

Sorgfältige Vorbereitung bewahrt einen davor, die Seele gestohlen oder die Aura zerfetzt zu bekommen – oder davor, von den eigenen Leuten eingesperrt und verhört zu werden.

 

Einige Stunden später erreichten wir den Bahnhof, der Ring­stone Lodge am nächsten lag. Penny schlief tief und fest und rührte sich nicht einmal, als der Zug zum Stehen kam. Ich nahm meinen Rucksack und ihren Koffer und schüttelte sie kräftig an der Schulter. Sie fuhr auf, sah mich mit großen Augen an und saß mit einem Mal kerzengerade, als sie bemerkte, dass sich der Zug nicht mehr bewegte. Sie schoss aus ihrem Sitz hoch, zog sich energisch ihren Hut auf den Kopf, nahm mir ihren Koffer ab und machte sich auf zur Waggontür.

»Du hättest mich früher aufwecken sollen«, rief sie, ohne zu mir zurückzuschauen. »Dann hätte ich mich vorbereiten können …«

»Du hast so friedlich dagelegen«, sagte ich, während ich ihr hinterherschlenderte. »Ich wollte dich nicht stören.«

»Du weißt, dass ich beim Aufstehen meine Zeit brauche. Jetzt bin ich für Stunden mies drauf und genervt.«

»Vielleicht die beste Verfassung, wenn man es mit Ringstone Lodge zu tun hat.«

Der Abend nahte rasch und hinter den matten, gelben Lichtern des Bahnsteigs breitete sich am Himmel die Dunkelheit aus. Ich hatte Penny angeboten, neben meinem Rucksack auch ihren Koffer aus dem Zug zu tragen, und nun lief sie vor mir her, auf den Lippen ein zufriedenes Lächeln. Ich konnte es zwar nicht sehen, da ich ja hinter ihr ging, aber ich war mir sicher, dass es da war. Sie schritt mit hocherhobenem Kopf den Bahnsteig hinab, mit einer Hand hielt sie ihren Hut fest, um ihn gegen die Windböen zu verteidigen, ihre Stöckelschuhe klackerten laut in der Stille. Dank jahrelanger Übung war von mir nicht das leiseste Geräusch zu hören.

Ringstone Halt war nur ein kleiner Regionalbahnhof mit zwei Bahnsteigen und altmodischen Gebäuden aus grauem Stein. Das Schild des Bahnhofs schien schon Jahrzehnte alt zu sein und sicherlich ebenso lange hatte man sich nicht mehr um die überwucherten Blumenbeete gekümmert. Außer uns war niemand aus dem Zug gekommen oder hatte ihn bestiegen. Der machte keine Anstalten, länger als nötig dort zu verweilen. Er schien ganz begierig darauf, sich wieder in Bewegung zu setzen, als hätte er von Ringstone Lodge gehört und wollte bloß nichts damit zu tun haben.

Mein Blick wanderte über den verwaisten Bahnsteig, auf dem kein Zeichen eines freundlichen Empfanges zu erkennen war oder auch nur eines dafür, dass man unsere Ankunft überhaupt bemerkt hatte. Weit und breit war kein Bahnhofspersonal zu sehen und der Fahrkartenschalter war fest verschlossen. Eine auffälliges Schild machte geradezu aggressiv klar, dass das Büro nur bis zum Mittag geöffnet hatte. Penny stoppte an dem einen schmalen Tor, das nach draußen führte, und sah zu mir zurück. Inzwischen lächelte sie nicht mehr. Ihr mögen meine geschärften Sinne fehlen, aber sie kann eine üble Atmosphäre so schnell wahrnehmen wie jeder andere. Dieser Bahnhof zeigte alle Anzeichen davon, bis auf ein riesiges, leuchtendes Neonschild, das einen warnte, dass das hier ein Ort war, an dem man nach Einbruch der Dunkelheit nicht sein wollte. Ich ging wacker weiter, schleppte Pennys Koffer mit mir, und wir traten nach draußen, um zu schauen, was uns dort erwartete.

Nichts Interessantes, wie sich herausstellte. Eine freundliche, wenn auch nichtssagende Landschaft breitete sich vor uns aus, weite Felder und karger Boden, eingegrenzt von niedrigen Steinmauern. Darüber der dunkelgraue Himmel, der immer düsterer wurde. Niemand da, uns zu treffen, nichts zu sehen, nicht einmal ein paar grasende Schafe oder Rinder. Keine singenden Vögel, keine summenden Insekten und nicht einmal ein sanfter Lufthauch. Eine lange, schmale Straße, bar jeden Verkehrs, erstreckte sich in die Ferne, wo sie hinter der Kuppe eines flachen Hügels verschwand. Die Aussicht war in Ordnung, aber langweilig, wie ein erschreckend uninspiriertes Puzzle.

Ich setzte Pennys Koffer neben ihr ab. Sie nahm darauf Platz und starrte mich an, als wäre das alles meine Schuld. »Wie schrecklich uneinladend, Liebling. Sieht fast so aus, als hätte jeder hier in der Gegend Geschichten von dieser erstaunlichen, neuen Erfindung namens Zivilisation gehört und wäre aufgebrochen, um danach zu suchen. Warum können wir nie irgendwo hingehen, wo es hübsch ist?«

»Wir gehen dorthin, wo es der Auftrag verlangt. Du weißt doch, was man über das Spionagegeschäft sagt: Wenn man keinen Sinn für Humor hat, hätte man sich nicht verpflichten sollen.«

»Sagt man das wirklich?«

»Tut mir leid – das ist streng geheim.«

Penny schnaubte laut und warf einen Blick über ihre Schulter. »Verwunderlich, dass so ein kleiner Bahnhof heutzutage überhaupt noch in Betrieb ist.«

»Der ist vielleicht nur für die Lodge da. Für Leute wie uns.«

»Es gibt keine Leute wie uns.« Sie sah sich mit finsterem Blick um. »Offenbar gibt es hier einen eklatanten Mangel an Taxis und nicht einmal den kleinsten Hinweis auf eine Bushaltestelle. Verdammt, ich würde mich auch mit einem Ponykarren oder einer Rikscha zufriedengeben.«

»Irgendwer von der Lodge wird auftauchen.«

Sie sah mich ernst an. »Hat dir der Colonel das gesagt? Hast du das schriftlich?«

»Nein, aber das ist die übliche Vorgehensweise.«

Sie schüttelte den Kopf. »Du hast Vertrauen in die unwahrscheinlichsten Dinge, Liebling.«