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Sheila hat einen schrecklichen Hass auf ihre Mami. Immer wenn sie an sie denkt, muss sie nach dem Messer greifen, denn Mami, das Miststück, war wieder böse und muss bestraft werden! Eugene hasst seinen Bruder, denn Preston ist ein Arsch. Und auch der Rest der Familie ist nicht besser. Sie müssen weg, je eher, desto besser. Während eines Kinobesuchs treffen Sheila und Eugene aufeinander. Schnell erkennen sie, wie ähnlich sie sich sind. Beide wollen spielen. Beide wollen Spaß. Und spielen und Spaß haben, heißt, andere Menschen bis aufs Blut zu quälen. In Gunhill Shadows, einer Geisterstadt in der Mojave, soll sich das Schicksal von Eugene und Sheila erfüllen - und nicht nur ihres. Sie sind tödliche Geschwister …
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Seitenzahl: 395
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Tödliche Geschwister
Psycho-Thriller
Jo Caminos
Wer die Bücher von Richard Laymon oder die Filme von David Lynch nicht mag, sollte dieses Buch besser nicht lesen …
Es werden Szenen expliziter Gewalt dargestellt. Die Sprache ist stellenweise sehr derb und vulgär. Nicht für Leser und Leserinnen unter 16 Jahren.
Die Handlung ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig. Die Geisterstadt Gunhill Shadows, das Casino Residio in Las Vegas, das Experience Resort in Primm und andere Örtlichkeiten sind eine Erfindung des Autors. Gleiches gilt für ein im Roman genanntes Medikament.
Sheila hat einen schrecklichen Hass auf ihre Mami. Immer wenn sie an sie denkt, muss sie nach dem Messer greifen, denn Mami, das Miststück, war wieder böse und muss bestraft werden!
Eugene hasst seinen Bruder, denn Preston ist ein Arsch. Und auch der Rest der Familie ist nicht besser. Sie müssen weg, je eher, desto besser.
Während eines Kinobesuchs treffen Sheila und Eugene aufeinander. Schnell erkennen sie, wie ähnlich sie sich sind.
Beide wollen spielen. Beide wollen Spaß. Und spielen und Spaß haben, heißt, andere Menschen bis aufs Blut zu quälen. In Gunhill Shadows, einer Geisterstadt in der Mojave, soll sich das Schicksal von Eugene und Sheila erfüllen - und nicht nur ihres.
Sie sind tödliche Geschwister …
„Gehst du heute Abend mit ins Kino? Da läuft irgendein Gruselschocker. Könnte lustig werden“, meinte Sheila. Sie biss herzhaft in ein Truthahnsandwich, das mit einer Extraportion Mayonnaise, würzigem Dressing, viel Salat und klein geschnippelten Gürkchen belegt war. Es war bereits der dritte Snack - innerhalb der letzten Stunde. An die Fettpölsterchen auf ihrer Hüfte wollte Sheila nicht denken, nicht jetzt, überhaupt nicht in den letzten Tagen. Sie war nicht in Stimmung, sich über ihr Aussehen Gedanken zu machen. Sie war fett, würde fett bleiben - Punkt. Etwas Mayonnaise tropfte ihr auf die Hand. Sie schleckte das Dressing genüsslich ab und lächelte verzückt. Bringt mich irgendwann um, das fette Zeug … Scheißegal. Sheila war auf Diät, wieder mal. Zuerst hungerte sie, bis sie sich fast nicht mehr auf den Beinen halten konnte - und kurze Zeit später stopfte sie so lange alles Essbare in sich hinein, bis die alte Schwergewichtsnorm wieder erreicht war. Es war das alte Spiel. Angefangen hatte es in der Kindheit, als ihre Mutter meinte: „Fette Mädchen finden keinen Mann, Sheila, Darling, also hör endlich auf, dich vollzustopfen. Das ist widerlich. Und widerliche fette Mädchen hat niemand lieb …“ Margaux Yannovich-Elba, Sheilas Mutter, war eine sehr gut aussehende Frau, die leider kinderlos geblieben war. Sie hatte ihren letzten Ehemann, wie auch seine drei Vorgänger, zum Teufel gejagt. Vor allem war sie reich - nicht nur einfach reich, sondern so richtig. Irgendwann kam diese reiche, einsame Frau auf den Gedanken, ein Kind zu adoptieren. Kein Baby, denn, wenn Margaux eines nicht ausstehen konnte, dann war das der Gestank voller Windeln - da kam das vierjährige Mädchen aus dem Waisenhaus gerade richtig. Ein süßes Mädchen mit Stupsnase und Sommersprossen, mit langen Zöpfen und großen blauen Augen. Sheila war Margauxs ein und alles. Sie vergötterte dieses Kind, zumindest so lange, bis sich das süße Mädchen in einen ziemlich unansehnlichen Teenager verwandelte.
Ja, dachte Sheila. Für einen Moment erschien ihr das Gesicht ihrer Mutter vor ihrem inneren Auge. Sie hörte auf zu kauen. Stimmen. Wieder diese verfluchten Stimmen. Ihr Blick ging ins Leere. Auch du warst widerlich, allerliebste Mami. Später, als ich nicht mehr das hübsche Mädchen war, sondern die fette Tonne. So widerlich zu deinem Kind. Zumindest so lange, bis ich dir dann endlich die Kehle durchgeschnitten habe. Schade, dass du dein blödes Gesicht in jenem Augenblick nicht selbst hast sehen können. Das war wirklich so was von abgedreht!
Stimmen, Gewisper. Lauter, eindringlicher.
„Aber Sheila, Darling, was machst du denn da …?“ Und Blubberblubber quoll dann das Blut aus diesem schnell gesetzten Schnitt an deiner Kehle. Welch eine Verschwendung, dass du kurz zuvor so viel Geld auf der Schönheitsfarm gelassen hast, nicht wahr? Alles für die Katz, allerliebste, böse Mami. Du hast geröchelt und ziemlich komisch geguckt. Und es hat nicht mehr lange gedauert, dann warst du tot. Fast schade, dass es so schnell zu Ende ging. Man kann eben nicht alles haben … Ja, allerliebste Mami, so einfach habe ich dich ins Jenseits befördert, wie einen alten Müllsack, den man schnellstmöglich loswerden will. Ha!
Sheilas Blick klärte sich von einem Moment auf den anderen. Sie biss erneut in das Truthahnsandwich und kaute genüsslich vor sich hin.
„Was hast du eben gefragt?“ Sandra, ihre Mitbewohnerin und Fast-Lebenspartnerin, öffnete die Badezimmertür und sah in den Wohnraum des geräumigen Apartments. Vorsichtig betupfte sie ihr langes schwarzes Haar mit einem Handtuch. Nur nicht rubbeln, das gibt Spliss! Sandras Augen wurden groß, als sie feststellte, dass Sheila sich schon wieder einen Snack genehmigte. „Isst du etwa schon wieder? Ich dachte, du willst Diät halten? Wenn du so weitermachst, passt du bald in keine der Jeans mehr rein … Bei deinen engen Shirts sieht man jedes Speckröllchen, also schön ist das nicht …“
Sheila zuckte nur mit den Achseln und mampfte genüsslich weiter vor sich hin. „Nerv nicht! Ich bin fett, na und? Du liebst mich ja sowie so nicht. Ich fragte, ob wir nachher ins Kino gehen sollen. Da läuft ein Gruselschocker.“
Sandra verdrehte die Augen. „Kino, heute? Und ausgerechnet ein Gruselschocker. Pfft … Och, Sheila … Heute ist Freitagabend. Und was ist mit Mickey´s Bar? Angelo und der süße Pjotr haben sich doch für heute Abend angekündigt, das weißt du doch.“
Jetzt war es an Sheila, die Augen zu verdrehen. „Pjotr …, wenn ich den Namen schon höre! Das Bübchen ist doch der Langweiler in Person. Und Angelo nervt mich mit seiner blöden Anmache. Der kriegt es einfach nicht geregelt, dass ich nichts von ihm will. Nein, darauf kann ich verzichten. Aber wenn du unbedingt mit den beiden Nieten abhängen willst … Ich kann auch alleine ins Kino gehen.“
Sandra wusste, was Sache war, wenn Sheila diesen bestimmten Tonfall anschlug: Entweder sie würde schmollen und für den Rest des Wochenendes kein Wort mit ihr wechseln - oder aber sie bekam einen ihrer berüchtigten Wutanfälle, bei dem etliches an Porzellan zu Bruch gehen konnte. Sie sah Sheila nachdenklich an. Ihre Freundin hatte manchmal einen derart komischen Blick, dass einem ganz anders werden konnte. Fast so, als wollte sie einem an die Kehle gehen.
„Was für ein Gruselschinken läuft denn?“, fragte sie schließlich und hoffte, halbwegs interessiert zu klingen.
„Lunatics onHighway 61“, erwiderte Sheila. Ein sarkastisches Lächeln umspielte ihre Lippen. „Na, noch immer nicht interessiert …?“
Sandras Augen wurden groß. „Etwa der neue Film mit Earl Goldstein - dem Earl Goldstein! Meinem Earl Goldstein!“
Sheila verdrehte die Augen. Sandra bekam sich fast nicht wieder ein. Seit Goldstein die Arztserie auf NBC verlassen hatte und mehrere Erfolge auf der großen Leinwand verbuchen konnte, war sie hoffnungslos in den Schauspieler verliebt.
Sheila grinste breit. „Ja - mit deinem Earl Goldstein. Der Kerl bekommt doch außer Horrorrollen nichts mehr angeboten, Herzchen.“ Sie wusste, dass Sandra es nicht leiden konnte, wenn man Goldstein kritisierte, dabei waren sich die Filmkritiker längst einig, dass dessen Glanzzeit schon lange vorbei war.
Sandra zog eine Schnute. „Earl hatte ein paar Flops, aber das heißt ja noch lange nicht, dass er weg vom Fenster ist. Die anderen Filme waren alle Kassenerfolge. Na ja, fast. Er legt halt Wert auf Qualität, und die liegt leider oft etwas jenseits des Mainstream-Geschmacks. Abgesehen davon: Ich finde ihn halt süß. Der ist so sexy, so … Uhhh, ich weiß auch nicht. Da werde ich ganz kribbelig …“
Sheila seufzte. „Wenn du meinst. Also, was ist nun? Gehen wir ins Kino - oder was …?“
Sandra zögerte einen Moment. Schließlich zuckte sie mit den Achseln. Sie war fast pleite, und wenn ihre Freundin ihr jetzt den Geldhahn abdrehte, könnte es bis Monatsende doch ziemlich knapp werden. „Gut, geh´n wir ins Kino. Wenn ich ehrlich bin, habe ich heute Abend auch keine Lust auf irgendwelche Kerle. Die wollen einen ja doch nur flachlegen. Aber später gehen wir dann noch Pizza essen … Mir knurrt nämlich der Magen.“
„Willst du mich mästen?“ Sheila grinste. Etwas Mayonnaise hing ihr zwischen den Zähnen, aber so etwas hatte sie noch nie gestört.
„Dafür sorgst du schon selber“, meinte Sandra nur. „Was kann ich dafür, dass du immer am Essen bist? Ich habe seit heute Mittag nichts mehr zwischen die Zähne bekommen. Und auf Trockenbrot habe ich echt keine Lust. Ich föhne jetzt meine Haare fertig. Iss du dein Sandwich, und störe mich die nächste halbe Stunde nicht. Nägel muss ich auch noch lackieren.“
„Dann mach dich mal hübsch. Ist bei mir sowieso zwecklos.“ Sheila legte den Rest des angebrochenen Sandwichs achtlos auf den Teller zurück. Sandra hatte die Tür zum Badezimmer hinter sich geschlossen. Der Föhn machte einen Heidenkrach. Sandra sang ziemlich laut und falsch irgendeinen Song. Es klang ziemlich schräg, aber so war Sandra eben. Sheila erhob sich ächzend von der Couch und trat ans Fenster. Ihr Spiegelbild ekelte sie an. Fett, überall Fett … Langsam wurde es draußen dunkel. Es war Zeit, die Zelte hier abzubrechen. Sandra wurde langsam lästig. So etwas konnte Sheila nicht ausstehen. Es war schon einige Zeit her, dass sie jemanden ins Jenseits befördert hatte. Als sie Sandra vor zwei Jahren kennengelernt hatte, war sie der Meinung gewesen, ihren seltsamen Trieb endlich im Griff zu haben, aber offensichtlich hatte sie sich geirrt. Wie auch …, dachte sie, so etwas vergeht nie.Das ist ganz tief in dir drin. Für einen Moment glaubte sie, wieder Stimmen zu hören. Ein Wispern nur. Tue es endlich! Tue es endlich! Sheilas Gesicht glich einer Maske. Vor ihrem inneren Auge erschien Sandra - es war zu der Zeit, als sie sich kennenlernten. Sandra war unglaublich charmant. Ich mag dich, sagte sie irgendwann. Sheila glaubte ihr - damals. Das war vorbei. Sandra war nicht zu trauen. Sie war nur auf sich selbst fixiert, brauchte jemand, der sie aushielt, das war alles.
Sandra hatte nur mit ihr gespielt, dessen war sie sich mittlerweile sicher. Ihre Freundin stand nun einmal auf Männer. Da waren alle weiteren Versuche zwecklos, sie bekehren zu wollen. Aber Sandra würde leiden. Ja, das würde sie. Einmal zu oft hatte sie so getan, als wäre sie an ihr - Sheila - interessiert, dabei war es doch immer nur um die Monatsmiete gegangen. Sandra war permanent blank: zu viele Klamotten, zu viel Modeschmuck, zu viel Chaos bei ihren finanziellen Planungen … Ja, die Zeit war gekommen, Sandra Domenico eine Lektion zu erteilen. Heute, nach dem Kino. Oder während der Vorstellung. Oh ja, der Gedanke gefiel Sheila. Während der Vorstellung würde sie Sandra die Kehle durchschneiden. Ganz genüsslich. Guck mal, Schatz - Überraschung … Ein schneller Schnitt im Dunkeln, wenn das Publikum gebannt auf die Leinwand starrte. Danach würde sie sich aufs Klo verdrücken und warten, bis man Sandras Leiche entdeckt hätte. Wenn die ersten Schreie erklangen, würde sie in den Kinosaal zurückrennen und entsetzt schreien, lauter als alle anderen. Man musste ja so tun, als wäre man völlig durch den Wind, wenn der besten Freundin, die Kehle durchgeschnitten worden war, nicht wahr? Wenn alles so lief, wie sie es sich ausmalte, würde sie regelrecht aus den Latschen kippen. „Meine Sandra ist tot. Meine geliebte Sandra! Meine beste Freundin …“ Oh großes Geheul, oh süßer Schmerz.
Sheila griff nach dem Rest des Sandwichs und biss herzhaft hinein. Fett, fetter, am fettesten - na und? Die Vorstellung, jemandem die Kehle durchzuschneiden, machte sie immer so unglaublich hungrig. Wie sollte man da auf Diät bleiben …?
„Sheila, Sandra, huhu!“
Die dicke Frau, zu der die Stimme gehörte, schmiegte sich an einen hageren Mann und winkte begeistert. Sie hieß Trish Mulligan, trug ein Designerkostüm, das ihre Rundungen nicht unbedingt vorteilhaft zur Geltung brachte, und war Inhaberin einer gut gehenden Werbeagentur und darüber hinaus eines der geschwätzigsten Weiber der Stadt. Zumindest dachte Sheila so über die Unternehmerin. Sie mochte Trish nicht. Vielleicht lag es daran, dass Sandra ständig bei Trish herumhing und um einen Job bettelte. Sandra hatte irgendwann einmal Grafikdesign studiert - behauptete sie zumindest, allerdings hatte Sheila noch nie ihr Diplom zu Gesicht bekommen.
„Oh Gott, komm, verschwinden wir ins Kino, das ist Trish Mulligan“, drängte Sheila. Sie zog an Sandras Ärmel, doch es war bereits zu spät. Zielstrebig kam die ziemlich rundliche Trish auf sie zu, den hochgewachsenen, etwas knochig wirkenden Mann im Schlepptau.
„Schaut ihr euch auch Lunatics onHighway 61 an?“ Trish wirkte etwas außer Atem. Sie legte die Hand auf die Brust und seufzte. „Immer diese Rennerei. Ich dachte schon, wir wären zu spät. Ich hasse es, mich durch die Reihen zwängen zu müssen, wenn der Film schon läuft.“ Sie sah mit glänzenden Augen zu dem Mann an ihrer Seite.
„Das ist Eugene. Meine neueste Eroberung - seit einigen Monaten. Sag schön Guten Abend, Eugene!“
Der Mann nickte Sheila und Sandra kurz zu. „Hi …“
Sheila fiel auf, dass Sandra etwas indigniert die Brauen hob.
Die beiden erwiderten den Gruß, kamen aber nicht dazu, weitere Höflichkeitsfloskeln auszutauschen, da Trish wie ein Wasserfall weiterredete. „Also die Kritiken für Lunatics onHighway 61 sind ja megageil. Ich hätte ja nicht gedacht, dass Earl Goldstein noch einmal eine Hauptrolle an Land ziehen würde, nach dem intellektuellen Quatsch, den er da mit den anderen Filmen abgeliefert hat.“ Wieder rang sie nach Atem. „Aber bei Lunatics hatte er wohl den richtigen Riecher. Na ja, er soll ja seinen Agenten gewechselt haben. Was so etwas doch ausmachen kann … Die haben sogar eine Warnung für den Film herausgegeben! Denkt nur! Fast wie damals beim Exorzist. Wer unter Herzproblemen leidet, sollte sich den Film keinesfalls anschauen. Und um die Story gibt es einen Hype wie seinerzeit bei Psycho. Alle Kinobesucher werden gebeten, nichts über die Handlung zu verraten …“ Trish atmete kräftig durch. Ihr Begleiter legte ihr den Arm um die Schulter und lächelte sie an.
„Psycho?“, fragte Sandra.
„Der Film mit der berühmten Duschszene. Bates Motel.Janet Leigh. Hitchcock … Klingelt es jetzt?“, hakte Trish nach, die nicht glauben konnte, dass es jemanden gab, der den Film nicht kannte.
„Ach den alten Schwarzweißschinken meinst du“, begriff Sandra schließlich. „Ich fand den gar nicht so schlimm.“
„Wo habt ihr Plätze?“, fragte Trish übergangslos. Sie schmiegte sich an Eugene, der sie kurz auf das linke Ohr küsste.
„Drittletzte Reihe“, erwiderte Sheila etwas mürrisch. Sie konnte diese blöde Trish nicht leiden. Es war Zeit, hier den Abgang zu machen. Nachher käme Trish noch auf die Idee, vorzuschlagen, nach dem Film etwas gemeinsam unternehmen zu wollen. Das passte ihr überhaupt nicht ins Konzept. Immerhin wollte sie Sandra nachher noch die Kehle durchschneiden. Und dafür brauchte sie keine Zuschauer, zumindest nicht, wenn es geschah. Später, das war etwas anderes …
„Wir sitzen ganz hinten“, meinte Trish. „Da fällt es nicht auf, wenn wir fummeln. Nicht wahr, Eugene, Schätzchen?“ Sie kicherte wie ein Teenager.
Eugene - Schätzchen - erwiderte nichts.
Für einen Moment erschien es Sheila, als hätte sie in seinen Augen etwas all zu Vertrautes bemerkt, ein gewisses Funkeln.
Stimmen, Gewisper. Dunkle Augen, tief und unergründlich.
Aber das musste ein Irrtum sein. Er schien sie nachdenklich anzusehen. Sheila runzelte die Stirn. Ein seltsames Gefühl stieg in ihr hoch. Das kann nicht sein!, durchfuhr es sie, ergriff Sandra bei der Hand und wollte sie mit sich ziehen, als Sandra meinte - natürlich musste sie immer so einen Mist sagen - man könne sich nach dem Film ja vielleicht noch auf ein Bier zusammensetzen. Sheila schluckte, doch ihr Gesicht blieb ausdruckslos. Gerne hätte sie Sandra jetzt schon in die Mangel genommen. Ein Fäustchen aufs Äuglein - und dann eine fette Rechte voll in den Magen, damit die blöde Schlampe so richtig zum Kotzen kam. Ja, ja, das wäre gut, das wäre schön! Eine Stimme in Sheila frohlockte vor Erregung. Sie konzentrierte sich, musste im Hier und Jetzt bleiben - vorläufig. Noch war es nicht so weit. Aber bald. Oh, mein Messerchen, oh du, mein geliebtes Messerchen …
„Gute Idee. Das wollte ich eben auch vorschlagen. Ach, Sandra - wir müssen uns auch noch über deinen Job unterhalten. Ich glaube, ich habe da was Passendes für dich“, meinte Trish, die Eugene einen verliebten Blick schenkte. Im gleichen Augenblick schien sie ihren Vorschlag schon zu bedauern. „Aber Eugene und ich haben nachher noch etwas anderes vor. Wenn ihr wisst, was …“
„Wissen wir“, entgegnete Sheila schnell. „Also dann, viel Spaß und guten Grusel. Man sieht sich …“ Sie zog Sandra von Trish und Eugene weg.
Nur wenige Leute standen vor dem Eingang des Kinos. Obwohl es Freitagabend war, herrschte nur geringer Publikumsverkehr. Auch im Foyer waren nur wenige Kinobesucher zu sehen.
„Das war vorhin nicht nett von dir“, meinte Sandra etwas pikiert, als Sheila ihr kurze Zeit später die Kinokarte reichte. Sie orientierten sich nach rechts. Lunatics onHighway 61 lief in einem der kleineren Kinosäle, offensichtlich war der Film doch nicht der große Erfolg. Sheila grinste innerlich. Vielleicht gab es auch zu viele Menschen mit Herzproblemen … Wäre doch cool, wenn am Ende der Vorstellung lauter Leichen in den Sesseln hängen würden. Sie musste sich eine Notiz machen, nicht, dass sie diese Idee vergaß - das war Stoff für eine der nächsten Kurzgeschichten - oder ein Roman? Man würde sehen. Sie kicherte. Sandra schenkte ihr einen skeptischen Blick. Ich weiß auch nicht, Sheila wird immer seltsamer. Es wird wirklich Zeit, dass ich ausziehe. Langsam wird sie mir unheimlich. Ein ungefähr achtzehnjähriger Hispano kontrollierte die Karten. Er lächelte Sandra zu, doch als er Sheila erblickte, entglitten ihm förmlich die Gesichtszüge. Fette Tonne, konnte Sheila ihn fast denken hören. Ach, Bubi, dir würde ich auch gerne mit dem Messer helfen. Hier ein feiner Schnitt, da noch einer.Vielleicht klappt´s dann mit der Höflichkeit … Was soll´s? Sie würde heute Abend schon noch auf ihre Kosten kommen. Obwohl - Trish und Eugene saßen in der letzten Reihe … Sheila grollte innerlich. Verdammt, vielleicht würde es heute Abend doch nichts damit werden, Sandra ins Jenseits zu befördern.
Nein, nein, nein - du musst sie loswerden, verdammt! Sheilas Blick ging für einen Moment ins Leere. Sie musste an die Augen des hageren Mannes denken, den Trish im Schlepptau hatte: Eugene, Schätzchen …
„Hast du gehört?“, setzte Sandra nach. „Musst du denn immer so garstig sein? Trishs Werbeagentur läuft wie geschmiert. Ich will es mir mit ihr nicht verderben. Du hast es doch mitbekommen! Bei Trish ist ein Job für mich drin. Dann wäre ich wenigstens nicht mehr ständig pleite. Du hältst mich ja an der kurzen Leine …“
„Sicher, ein gut bezahlter Job wäre was Feines für dich, Herzchen …“, entgegnete Sheila lächelnd. Sie war hier, sie war jetzt, sie war klar. Die Stimmen waren verstummt. Sie strich Sandra sanft über die Wange. Aber nicht mehr in diesem Leben …
„Popcorn, Chocolate Chips, Bonbons …“ Sandra war sprachlos, als Sheila mit ihrem Proviant für den Film zurückkam. Der Kinosaal, in dem Lunatics lief, war nur spärlich besucht. Sheila und Sandra saßen ziemlich nahe bei den Notausgängen in der drittletzten Reihe. In den vorderen Reihen unterhielten sich lautstark einige Jugendliche. Einige lachten lauthals, zwei Pärchen küssten sich, als gelte es, einen Rekord im Dauerknutschen einzustellen.
Trish und Eugene hatten mittlerweile in der Mitte der letzten Reihe Platz genommen. Trish winkte kurz herüber, wandte sich dann aber wieder Eugene zu. Sie schienen sich zu küssen.
Sheila ignorierte Sandras Vorwürfe und ließ sich auf ihren Sitz plumpsen. Zu eng, wie immer … „Hier, nimm mal die Flasche, sonst fliegt das ganze Zeugs noch runter! Die Tischchen sind ja idiotisch klein. Wohl für Zwerge gedacht …“
Sandra schüttelte unwillig den Kopf, nahm dann aber die Cola entgegen und trank einen kleinen Schluck, obwohl sie nicht wirklich durstig war. Wenigstens war das Zeugs kalt.
„Huhu“, rief Trish noch einmal, als die Lichter gedimmt wurden. „Ich glaube, ich werde mich ganz fest an Eugene klammern. Nicht wahr, Eugene, Schätzchen? Du passt doch auf mich auf, wenn es zu gruselig wird?“ Der Mann nickte lächelnd. Sandra winkte kurz zurück, Sheila reagierte nicht. Sie griff in die Packung mit den Chocolate Chips und stopfte sich einige davon in den Mund. Lecker … Gott, was hatte sie für einen Hunger. Sie fieberte innerlich auf den Moment hin zu, wenn es endlich so weit sein würde. Ja, ja, bald, so bald! Die Stimmen nervten. Sheila kannte das. Immer, bevor sie jemandem an die Kehle ging, drehten die Stimmen in ihrem Innern durch, so, als könnten sie es kaum erwarten. Es war schon ziemlich nervig. Aber jetzt dauerte es ja nicht mehr lange, dann könnte sie Sandra die Kehle durchtrennen. Sandra würde glucksen, nach Luft schnappen. Und langsam würde das Leben aus ihr herauslaufen.
Sheila trank einen Schluck Cola und sah ihre Freundin von der Seite her an. Ein unglaublicher Hass stieg in ihr hoch. Sollte sie wirklich nur einen schnellen Schnitt setzen? Dann wäre es ja gleich vorbei. Sandra würde ja fast nichts davon mitbekommen, dabei sollte sie doch leiden. Ja, quieken sollte das Miststück. Quiek, quiek und oink, oink. Das liebte Sheila.
Die ersten Werbetrailer flimmerten über die Leinwand. Die Jugendlichen auf den vorderen Plätzen gaben noch immer keine Ruhe. Einige von ihnen ließen sich lautstark über dieses und jenes aus. Ein dunkelblonder Hüne war aufgesprungen und hampelte in Tarzan-Pose vor den Sitzen herum, dann setzte er sich wieder hin. Einige der Jugendlichen grölten. Sheila kam langsam in Fahrt. „Wenn der Film losgeht, haltet ihr da vorne die Klappe, oder ich komme mal kurz zu euch hin!“, rief sie den Jugendlichen zu. Einer der Jungs zeigte ihr den Stinkefinger. Sheila erwiderte die Geste und ergänzte sie noch um eine gewisse Handbewegung, die Männer bei der Selbstbefriedigung benutzten. Der Junge sah ziemlich verdattert aus, aber wenigstens herrschte jetzt Ruhe.
„Blöde Kuh“, sagte ein anderer junger Mann, der etwas weiter außen saß und in ihre Richtung blickte. Besonders mutig schien er nicht zu sein, denn als Sheila ihn böse ansah, legte er der hübschen Blondine neben sich schnell den Arm um die Schulter und wandte sich um.
Die würde mir auch gefallen, dachte Sheila innerlich seufzend. Aber ich bin zu fett und vor allem zu hässlich. Das Leben war wirklich ungerecht.
„Sei nicht immer so vulgär“, sagte Sandra kopfschüttelnd. Sie wirkte etwas angesäuert, was Sheila allerdings nicht störte. Nicht mehr, denn bald würde Sandra nur noch als schlaffes, ausgeblutetes Dummchen im Sitz hängen. Ziemlich tot und ziemlich blutleer … Sheila musste grinsen und lehnte sich im Sitz zurück. Verdammt, war der Sitz vielleicht eng.
Der Vorspann lief. Eine minimalistische Musik setzte ein.
„Ich bin der Ripper, hua, hua …“, kam es aus den vorderen Reihen. Die Jugendlichen lachten.
Sheila deutete die Geste an, jemandem die Kehle durchzuschneiden, als zwei der Jungs sich grinsend nach ihr umdrehten.
Sheila machte ein grimmiges Gesicht und tat so, als würde sie aufstehen und nach vorne kommen. Die beiden Jungs wandten sich umgehend wieder der Leinwand zu.
„Chocolate Chips?“, flüsterte Sheila Sandra ins Ohr, die jedoch lediglich den Kopf schüttelte und wie gebannt zur Leinwand sah. Die blöde Kuh will ihre Henkersmahlzeit nicht … Dummes Mädchen, dumm, dumm. Sheila bemerkte, dass die Augen ihrer Freundin glänzten. Das blöde Miststück fährt wirklich voll auf diesen verschissenen Goldstein ab! Ich glaub´s ja nicht. Der Schauspieler hatte soeben seine erste Großaufnahme: dunkles Haar, tiefblaue Augen und ein unverschämt anziehendes Lächeln. Er und eine hübsche Blondine hatten ihren Wagen auf einem Parkplatz abgestellt und standen kurz davor, ein Motel zu betreten. Die Dämmerung brach herein. Nebel kroch von der linken Seite ins Bild. Ein Filter sorgte für einen Sepiaeffekt. Das Geräusch eines pochenden Herzens wurde der Musik untergelegt. Bumm, bumm, bumm …
So ein Blödsinn, dachte Sheila. Schon tausendmal gesehen. Einfach nur billig. Es war Zeit, Sandra in Scheiben zu schneiden. Ja! Quiek, my darling, quiek.
Warte noch, Sheila! Nein, mach´s endlich! Die Stimmen redeten durcheinander. Sheila sah hin und wieder zurück in die letzte Reihe. Ihr war, als würde ihr der Mann neben Trish seltsame Blicke zuwerfen. Machte er sie etwa an? Das hätte gerade noch gefehlt! Die Stimmen lachten. Oh, fettes Sheilalein, jetzt lass mal gut sein. Nein, nein! Verliebt in sie war er bestimmt nicht. Was interessierte ihn dann? Zumindest hatte er sie nicht abfällig gemustert. Nicht dieses: Was ist das für eine fette Kuh! Nein, es war anders. Sie begriff es nicht. Wirklich nicht? Eine der Stimmen lachte hysterisch.
Mitte des Films musste Sheila zur Toilette. Ich halte das nicht mehr aus! Sie zitterte vor Erregung. Es war so weit. Die ganze Zeit über, während sie neben Sandra saß, hatte sie an nichts anderes mehr denken können. Dazu die verrückten Stimmen. Der Hass drohte sie zu überwältigen. Er nagte an ihr, drohte, sie wahnsinnig werden zu lassen. Sie würde schneiden müssen. Es durfte nicht noch länger dauern. Jetzt, jetzt … Tief ins Fleisch, dann noch ein Schnitt. Sandra hatte es verdient. Sheila saß keuchend auf dem Toilettensitz. Kalter Schweiß perlte auf ihrer Stirn. Du hättest es schon längst tun sollen! Du quälst dich nur selbst! Die Handtasche mit dem Messer war im Kinosaal geblieben. Konzentriere dich! Geh zurück!Schneide ihr die Kehle durch! Dann kehrst du aufs Klo zurück und wartest. Stell dir vor, wie die Leute schreien werden, wenn sie Sandra entdecken! Sheilas Blick ging ins Leere. Es war noch zu früh. Sie hatte keine Lust, die ganze Zeit hier auf dem Klo zu warten. Sie musste sich bis kurz vor Ende des Films gedulden.Sie dachte an das Messer. Es erschien vor ihrem inneren Auge. Die glänzende Klinge, so edel, so rein, so tödlich. Sie liebte Messer, sie verliehen ihr Macht. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann das jemals anders gewesen war. Sie bevorzugte von jeher Messer für ihre Strafaktionen. Aber zur Not tat es natürlich auch eine Axt oder eine Säge. Nur, die passten so schlecht in die Handtasche. Was wollte man da machen? Okay, Baby! Nicht mehr lange, Sandra - und du wirst bluten …!
Als Sheila langsam durch die nur spärlich besetzte Reihe zurückging, bemerkte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Zuerst hatte sie sich gefragt, warum sich ihre Erregung so plötzlich gelegt hatte, das war atypisch. Normalerweise hielt sie die Spannung, bis es vorbei war. Sandra saß mit nach vorne geneigtem Kopf in ihrem Sitz, doch ihr Körper wirkte irgendwie lasch, fast so, als würden nur noch die Armlehnen verhindern, dass sie zu Boden glitt.
Wie durch Zufall sah Sheila kurz zu Trish und Eugene. Trish schien sie überhaupt nicht wahrzunehmen. Sie saß wie gebannt in ihrem Sessel und sah mit schreckgeweiteten Augen zur Leinwand. Eugene dagegen grinste in Sheilas Richtung. Er wirkte geradewegs so, als wollte er sagen: „Pech gehabt, ich war schneller, Schätzchen!“
Sheila blieb neben Sandra stehen. Selbst im Halbdunkel des Kinosaals war der sauber gesetzte Schnitt zu erkennen, der ihr die Kehle durchtrennt hatte. Das Herz schlug Sheila plötzlich bis zum Hals. Das war Eugene! Er hat Sandra die Kehle durchgeschnitten, während ich auf dem Klo war! So ein Dreckskerl!Ich habe es gewusst! Sie wandte sich etwas zur Seite und blickte erneut zu Trish und Eugene. Er grinste breit und warf Sheila im Halbdunkel einen Kuss zu.
Dieser elende Hundesohn! Hat mich um meinen ganzen Spaß gebracht. Was sollte sie jetzt tun? Schreien? Heulen? Einen Aufstand provozieren? Sie sah erneut zu Eugene, der sich erhoben hatte und offenbar nach draußen gehen wollte. Musste er aufs Klo? Trish saß noch immer mit schreckgeweiteten Augen in ihrem Sitz und schien nichts um sich herum mitzubekommen. Was war da mit ihrer Körperhaltung? Mit einer schnellen Kopfbewegung gab Eugene Sheila Zeichen, ihr zu folgen. Sheila schluckte. Sie griff nach ihrer Handtasche, in der sich das Messer befand, und presste sie sich gegen den üppigen Busen. So ein Schlamassel. Der Kerl hatte ihr den schönen Abend versaut! Was heißt schön?, giftete eine Stimme in ihr. Hätte schön werden können, dumme Nuss! Eugene hatte den Kinosaal mittlerweile verlassen. Sheila zögerte für einen Moment, dann ging ein Ruck durch sie - und sie folgte ihm nach draußen. Außer Eugene hielt sich niemand im Gang auf. Dämmerlicht aus einigen indirekten Lichtquellen erhellte den leicht ansteigenden Korridor. Aus einem der Nachbarsäle war das Gewummere der Lautsprecher bis vor die Tür zu hören. Offensichtlich spielte man dort irgendeinen Action-Streifen.
„Das warst du!“, stieß Sheila hervor, die ganz nahe an Eugene herangetreten war. Diese Augen, diese verdammten Augen, das kannte sie doch …
Eugene nickte begeistert. „Schneller Schnitt, war ganz einfach. Es hat flutsch gemacht, dann hat sie kurz geröchelt - und das war´s dann … Sandra war wirklich eine selten dämliche Kuh. Sie hat mich bei Trish angeschwärzt und gemeint, ich hätte es nur auf Trishs Kohle abgesehen. Sei mir bitte nicht böse, ja?“
Er sah sie an wie ein kleiner Junge. Für einen Moment schien es, dass seine Augen eine noch dunklere Tönung angenommen hatten.
„Ach, und deshalb schneidest du ihr so einfach die Kehle durch?“, zischte Sheila.
„Klar. Und sag jetzt bloß nicht, dass du etwas dagegen einzuwenden hast! Ich erkenne Menschen mit unserem Blick. Ich kann sie förmlich riechen.“
„Wie meinst du das?“ Sheila konnte sich die Antwort denken, trotzdem wollte sie es von ihm hören. Erkennen, erkennen, erkennen!, echoten die Stimmen in ihr.
Eugene grinste breiter. „Du bist wie ich. Wir brauchen den Kick, das meine ich. Oder stimmt das etwa nicht?“
Sheila schluckte. Bisher hatte sie immer gedacht, einzigartig zu sein - einzigartig mit diesem Verlangen, jemanden ins Jenseits befördern zu müssen. War wohl ein Irrtum gewesen …
Okay, sagte sie sich. Spiel mit! Irgendwie spürte sie da tatsächlich eine Art Seelenverwandtschaft. Sie konnte es in Eugenes dunklen Augen sehen. Da war etwas Abgrundtiefes und Unergründliches. Ja, das war es. Die Tiefenessenz des Seins. Das Raubtier in ihr, das hin und wieder freigesetzt werden musste. Sie hatte es zum ersten Mal in sich verspürt, als sie ihre Mutter ins Jenseits befördert hatte. Ach ja, da war ja noch Jason von der Highschool. Obwohl - bei ihm war es ja fast ein Versehen gewesen. Er hatte fummeln wollen - sie nicht. Er hatte nicht hören wollen - und was konnte sie dafür, dass ihr dann die Hand mit dem Messer ausgerutscht war? Selber Schuld, dieser Schwachkopf.
Für Momente sahen Eugene und sie sich tief in die Augen. Dann zeigte Eugene auf ihre Handtasche. „Hast du das Messer da drin - oder etwa im Vorführraum gelassen?“
Sheila schenkte ihm einen nachdenklichen Blick. „Für wie blöd hältst du mich? Natürlich in der Handtasche.“
„Gut. Dann wird es Zeit, dass wir hier verschwinden. Trish habe ich als Erste abgefertigt. Die blöde Kuh hat überhaupt nichts mitgekommen. Oh, ist dieser Goldstein süß!Eugene, Schätzchen, komm küss mich, schnell. Küss mich!, waren ihre letzten Worte. Ratz, das erste schnelle Schnittchen - und dann war Ruhe.“
„Du hast Trish auch …?“ Sheila riss die Augen auf. Langsam wurde sie sauer. Der Kerl wollte wirklich den ganzen Spaß für sich alleine haben. Wenn er ihr schon Sandra vor der Nase weggeschnappt hatte, hätte er ihr doch zumindest Trish überlassen können. Mein Gott, wie gerne hätte sie Trish mit dem Messer bearbeitet, dieses blöde Marketing-Weib. Ein köstliches Schnittchen nach dem Nächsten. Ach, was hätte sie geschrien, die blöde Trish …
„Was dachtest du denn? Dass ich auf diese dumme Nuss stehe? Herzchen, Trish wurde langsam zu einem Problem. Sie wollte mir kein Geld mehr geben. Hat einige Schecks von mir platzen lassen. So etwas mag ich nicht. Sandra und Trish haben nur das bekommen, was sie verdient haben. Also, was ist? Machen wir den Abgang …?“
„Hat sie gequiekt?“, fragte Sheila mit großen Augen. Sie konnte noch immer nicht glauben, dass sie leer ausgegangen war. Was ärgerte sie sich, dass er ihr nicht auf nur ein Stückchen des Spaßes übrig gelassen hatte. In letzter Zeit lief in ihrem Leben wirklich alles aus dem Ruder. Alles ging schief.
„Wer? Sandra oder Trish?“
„Na beide.“
„Nö.“
„Nicht ein bisschen?“
„Nö.“
„Schade …“
„Was willst du machen? Es musste schnell gehen. Waren ja zu viele Zeugen da!“
Sheila war es, als erwache sie aus einer Art Trance. Was war hier los? Ach ja, die beiden dummen Tussis hingen mit durchschnittener Kehle in ihren Sitzen.
„Wir sollten jetzt gehen“, meinte Eugene. „Oder willst du warten, bis da drinnen das Gekreische losgeht? Wenn die mitbekommen, dass da zwei ausgeblutete Leichen in den Sitzen hängen, ist hier die Hölle los!“ Er grinste.
„Würde ich schon gerne miterleben“, meinte Sheila. „Verdammt, ich hatte nicht viel Spaß in letzter Zeit, du Arschloch! Hättest mir ja zumindest Trish übrig lassen können. Das Miststück hätte ich zu gerne in Scheiben geschnitten. Also drängel jetzt nicht! Warten wir noch ein paar Minuten …“
„Dich macht so was scharf, was?“
„Mach mich bloß nicht an, ich stehe nicht auf Jungs!“
„Weiß ich doch längst. Aber so meinte ich das auch nicht - und das weißt du ganz genau. Wir beide kommen uns bestimmt nicht in die Quere.“
„Arschloch. Und was machen wir nach dem Gekreische? Abhauen?“
Eugene nickte. „Wäre nicht verkehrt. Bin sowieso schon viel zu lange in der Stadt. Wird langsam langweilig. Wie wär´s, wenn wir uns zusammen absetzen? Ich denke, wir beide ergänzen uns gut. Gehen wir doch ein bisschen wildern - dort draußen. Die Welt ist voller Beute.“
Das hast du schön gesagt!, meldete sich eine allzu bekannte Stimme in Eugene. Das war Black. Da waren auch noch Cynthia und Finch, aber die beiden schwiegen zur Zeit. Früher gab es auch noch Murdoch, aber der hatte schon lange nichts mehr von sich hören lassen. Cynthia mochte Sheila nicht, das wusste Eugene. Cynthia sollte die Klappe halten. Sie war eh viel zu weinerlich, diese depressive Tante.
Sheila überlegte. Geld war nicht das Problem. Sie hatte mehr als genug davon. Und Schreiben konnte sie überall. Ihre Horrorgeschichten verkauften sich gut, na ja, zumindest hin und wieder - dabei fand sie selbst, dass die Geschichten ziemlich ausgelutscht waren. Immer dasselbe: Vampire, Dämonen, Bekloppte, noch mehr Bekloppte und so weiter … Na ja, es gab ja auch noch ihre Hardcore-Edition, und die hatte es in sich, oh ja …
„Und wo sollen wir hin?“, fragte sie schließlich.
„Vegas. Dann sehen wir weiter. Vorher machen wir noch einen Zwischenstopp in Barstow. Ich habe dort ein Apartment. Viel mitzunehmen habe ich nicht, nur einen Koffer mit Klamotten. Und wir sollten uns die Frühnachrichten ansehen. Ich mag keine Überraschungen. Ich nehme zwar nicht an, dass die Cops uns bis dahin schon auf der Spur sind, aber man weiß ja nie …“
Sheila erwiderte nichts. Sie musste an das vergangene halbe Jahr denken. Langweile pur. Mit Sandra war nichts mehr anzufangen gewesen. Und rangelassen hatte sie sie auch nicht. Nein, Eugene hatte vollkommen recht. Sie wollte hier weg. Diese Stadt widerte sie nur noch an. Alles war anders gekommen, als sie gedacht hatte. Verflucht, warum musste Eugene aber auf noch Trish über die Klinge springen lassen …? Weil ihm danach war, beantwortete sie sich selbst die Frage. Wir sind uns unglaublich ähnlich …
Sheila tauchte aus ihren Gedanken auf und sah Eugene tief in die Augen. „Okay. Hast du einen Wagen?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, Trish, die Geizkröte hat sich quer gestellt. Sie wollte mir keinen Wagen kaufen. Aber du hast doch diese tolle neue Kiste. Dein SUV, war bestimmt nicht billig. Verdienst du eigentlich viel mit dem Schreiben? Oder wie kannst du dir so eine Karre leisten?“
Teste sie!, drängte Black in seinem Inneren. Eugene schüttelte irritiert den Kopf. Black wurde immer stärker in letzter Zeit. Wie damals … Wann war das? Was war damals passiert?
„Kann davon leben“, erwiderte sie einsilbig. Nicht, dass der Kerl noch auf dumme Gedanken kam. Aber sie würde sich schon zu wehren wissen - das hatte sie immer gekonnt.
Ein Aufschrei aus dem Vorführraum, wo Lunatics onHighway 61 lief, war bis ins Foyer zu hören.
„Sie haben es mitbekommen!“ Eugene schnalzte mit der Zunge. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Ich liebe so was …“
Ein brüllendes Lachen echote in seinem Innern: Black. Cynthia heulte depressiv. Finch schien verstimmt.
Immer mehr Schreie erklangen. Eine Frau kreischte hysterisch. Jemand rief: „Polizei! Ruft doch die Polizei! Und eine Ambulanz. Schnell! Oh Gott, das ganze Blut …“
„Wir müssten eigentlich Tantiemen verlangen.“ Eugene schüttelte sinnierend den Kopf. „Ist doch die beste Werbung, die ein Kino bekommen kann. Wir sollten diesen idiotischen Goldstein anrufen - der müsste uns an seinen Einnahmen beteiligen.“
Sheila erwiderte nichts, doch sie konnte ihm auch nicht widersprechen. „Lass uns abhauen. Wir fahren noch kurz bei mir zu Hause vorbei. Viel zu packen habe ich nicht, aber ich möchte auch nichts zurücklassen.“
„Gut. Machen wir, dass wir hier wegkommen!“ Eugene wollte ihr den Arm um die Schulter legen, doch das ging ihr einen Schritt zu weit.
„Wir können gerne zusammen irgendwelche Idioten über die Klinge springen lassen, aber mach das nicht! Leg mir niemals den Arm um die Schulter, ja? Ich ertrage so was nicht …“
„Kein Problem“, erwiderte Eugene. „Gar kein Problem. Gehen wir …“
Sei vorsichtig mit Sheila, sie ist fast so gefährlich wie du. Wenn nicht noch gefährlicher, meinte Black. Erneut lachte er gellend auf …
„Freust du dich auch schon auf Vegas?“ Dan Miller warf seiner Frau Barbra, die auf dem Beifahrersitz saß, einen schnellen Blick zu.
Barbra war in Gedanken gewesen. Die Monotonie der Landschaft hier auf der Interstate 15 hatte sie etwas schläfrig werden lassen. Sie sah ihren Mann von der Seite her an und lächelte. Dan meinte es ja gut, also wollte sie ihn nicht enttäuschen. Las Vegas war nie ihr Ding gewesen, trotzdem hatte sie begeistert zugestimmt, als Dan ihr vorschlug, den fünfundzwanzigsten Hochzeitstag in Las Vegas zu feiern, fernab von der Familie und all den Gästen, die wohl ein rauschendes Fest erwartet hatten. Ihre Silberhochzeit sollte ihnen gehören, sonst niemandem, darauf hatten Dan und sie sich schnell geeinigt. Den Hochzeitstag selbst würden sie in einem 5-Sterne-Hotel in Vegas verbringen und dann noch eine Woche dranhängen. Sie beide waren stark in ihrem Job eingespannt und hatten sich eine Auszeit mit vollem Verwöhnprogramm redlich verdient.
„Ach Dan, Schatz, natürlich freue ich mich. Ich weiß gar nicht, wann wir beide das letzte Mal Gelegenheit hatten, die Seele so richtig baumeln zu lassen. Das muss eine Ewigkeit her sein …“ Sie legte ihm sanft die Hand auf den Arm.
Dan strich ihr kurz über die Hand. Nach all den Jahren liebte er sie noch immer. Vielleicht sogar mehr, als in den Jahren zuvor. Ihre Liebe war gewachsen, auch wenn es hin und wieder Differenzen gegeben hatte. Eine Ehe ohne Schraffuren gab es eben nicht. Und wie eintönig wäre es doch, wenn jeden Tag grenzenlose Harmonie herrschen würde, so wie bei Harry und Charlotte, einem befreundeten Ehepaar. Dan hatte Harry einmal darauf angesprochen, dass es zwischen ihm und Charlotte niemals Streit gab, doch Harry hatte lediglich gemeint: „Wir haben uns nicht so viel zu sagen, dass es Streit geben könnte …“ Nein, da war Dan doch froh darüber, dass er und Barbra sich nach wie vor fetzen konnten wie zu Studienzeiten. Sie beide galten als starke Persönlichkeiten, manche sagten auch Sturköpfe dazu. Aber so etwas konnte das sprichwörtliche Salz in der Suppe für eine Beziehung bedeuten - nicht wie dieses langweilige auf eitel Sonnenschein machen, das viele Paare als so erstrebenswert ansahen.
„An der Beacon Station tanke ich noch einmal nach“, sagte Dan kurz darauf. Er meinte eine der letzten Tankstellen auf der Interstate 15 vor der Staatsgrenze nach Nevada.
Barbra seufzte innerlich auf. Sie hatte die Wüste nie gemocht. Nur Felsen, Schotter, Sträucher und einige verkrüppelt wirkende Josua-Palmlilien, die auch Yuccas genannt wurden. Der Asphalt flirrte vor Hitze. Glücklicherweise war im Wagen selbst dank der Klimaanlage nichts davon zu spüren. Dan sah sie kurz von der Seite her an. „Der Tank ist zwar noch halb voll, aber auf diesen Strecken durch die Wüste, gehe ich lieber auf Nummer sicher. Kennst mich ja …“
Barbra nickte. „Alter Sicherheitsfanatiker.“ Sie grinste. „Ist nicht böse gemeint, hast ja recht. Wie weit ist es von der Beacon Station noch bis nach Vegas?“
„Ach, so um die 100 Meilen. Ist nicht mehr weit. Sollen wir nachher kurz anhalten? Vielleicht einen Abstecher in Primm?“
Barbra schüttelte den Kopf. „Lass uns einfach durchfahren. Ich mag die Mojave nicht. Ist alles so karg. Und Primm besteht doch nur aus Kasinos - ohne den Reiz von Vegas zu besitzen.“ Links und rechts der Fahrbahn war etwas Grün zu sehen, verdorrte Sträucher und Gräser, die unter der Hitze dieses extremen Sommers genauso zu leiden schienen wie die Menschen. Ansonsten wirkte die Landschaft öde. Selbst Yuccas waren mittlerweile eher selten. Der Streckenverlauf schien schnurstracks ins Nichts zu führen. Immer nur geradeaus. Am Horizont war eine durch Hitzeflirren verschwommen erscheinende Bergkette zu erkennen. Es war kurz vor Mittag. Es herrschte nur wenig Verkehr.
„Das stimmt“, meinte Dan lächelnd. „Aber ich muss an die Desperado denken.“ Er meinte die über 69 m hohe Achterbahn des Buffalo Bill’s Resort & Casino, die bis vor Kurzem als größte Achterbahn der Welt galt.
„Oh du meine Güte, nein!“ Barbra lachte auf. „Da bringen mich keine zehn Pferde mehr drauf. Wenn ich daran denke, wie schlecht es mir damals war. Nein, wirklich Dan, die Zeiten sind vorbei.“ Vor einigen Jahren hatten Dan und Barbra mit zwei befreundeten Ehepaaren einen Kurztrip ins Buffalo Bill´s Resort unternommen und dabei natürlich auch die größte Achterbahn der Welt testen müssen. Dan, der von Jugend an begeisterter Achterbahn-Fan war, hatte seinen Spaß gehabt; seinen beiden Kumpels war die Fahrt nicht ganz so gut bekommen. Und auch seine Frau war etwas grün im Gesicht gewesen, als die Fahrt zu Ende war.
Dan runzelte die Stirn. „So alt sind wir auch wieder nicht. Na ja …“ Er stutzte für einen Moment. „Ist das jetzt wirklich schon wieder zehn Jahre her, dass wir im Bill´s Resort waren …? Gott, wie die Zeit vergeht.“
„Stimmt - manchmal habe ich auch das Gefühl, die Zeit würde davonrasen. Und vergiss nicht, Schatz. Ich war nie die große Achterbahn-Fahrerin. Schon vergessen?“
Dan schien für einen Moment zu schmollen, doch dann lächelte er wieder. „Okay, Schatz. Ich weiß.“
Sie fuhren einige Minuten schweigend weiter. Einige Trucks schienen es eilig zu haben und überholten sie.
„Mein Gott, Barbra, weißt du eigentlich, wie froh ich bin, dass wir uns von unseren Freunden nicht haben irremachen lassen? Wenn ich daran denke, dass Patty für uns eine Riesenparty veranstalten wollte …“ Er meinte eine liebenswerte Nachbarin, die es allerdings hin und wieder etwas zu gut meinte und einem damit ziemlich auf die Nerven gehen konnte. Vielleicht lag es daran, dass Patty seit Jahren Witwe und bis dato solo geblieben war. Mehr als einmal hatte sie Dan und Barbra Miller gegenüber ihre Einsamkeit geklagt. Die Ehe mit ihrem verstorbenen Mann war kinderlos geblieben.
„Oh je - Patty …“ Barbra lachte. „Nein, nein, die Tage in Las Vegas gehören uns, Schatz. Uns ganz alleine.“
„Eben“, meinte Dan. „Ich glaube, das wird ein Riesenspaß.“
Hätte er gewusst, was sie erwartete, hätte er schleunigst umgedreht. So aber fuhren sie in froher Erwartung auf Las Vegas weiter durch die Mojave ihrem Schicksal entgegen …
„Tobey McDuncan, ich sag´s dir nicht noch einmal! Schaff den Müll endlich runter! Jetzt! Nicht irgendwann. Hörst du?“
Tobey verdrehte die Augen. Seine Mutter hatte mal wieder einen ihrer berühmt-berüchtigt schlechten Tage. In der Bar war es offenbar nicht so gut gelaufen: zu wenig Trinkgeld, zu viele fiese Kerle, die ihr an die Wäsche wollten. Wahrscheinlich hatte sie irgendein schmieriger Kerl angemacht und mit ihr nach Hause gehen wollen - kostenlos eine Nummer schieben. Oder zwei oder mehr … Es war immer das Gleiche.
Ich muss hier raus!, durchfuhr es ihn. Hier in L.A., das war die Hölle auf Erden. Eine heruntergekommene Bude, die seine Mutter Wohnung nannte, wo niemals Ruhe herrschte, wo immer Irgendeiner der Scheißnachbarn nervte. An Carlo und seine Gang wollte er gar nicht erst denken. Einmal zu oft war Tobey von Carlo Moretti und seinen Jungs in die Mangel genommen worden. Das passiert Außenseitern halt so, hatte sich Tobey selbst vertröstet, wenn er im Dreck gelegen hatte und Carlo breitbeinig über ihm stand. „Na, McDuncan, mal wieder über deine Füße gestolpert …?“ So oder ähnlich hatte es zu viele Szenen gegeben, an zu vielen Tagen. Tobey war schon immer ein Außenseiter gewesen - das verzärtelte, träumerische Bübchen, wie ihn sein Vater immer genannt hatte. Vielleicht war ja wirklich etwas dran. Es spielte keine Rolle, denn sein Vater - wenn er denn sein richtiger Vater war, bei seiner Mutter konnte man da nie so richtig sicher sein - hatte schon lange die Flatter gemacht.
Ich bin Künstler! Das wusste Tobey schon seit einer kleinen Ewigkeit. Er musste hier raus! Weg von seiner Mutter! Weg von dem ganzen Müll, mit dem er hier tagtäglich konfrontiert wurde. Es erstickte ihn langsam, es brachte ihn um. Heute war es so weit. Heute würde er die Stadt verlassen und alles hinter sich lassen. Er hatte eine kleine Ewigkeit für den kleinen japanischen Wagen gespart, der im Hinterhof stand. Sein Koffer mit den wenigen Sachen, die er mitnehmen würde, lag schon im Kofferraum. Und genau mit dieser Schrottkiste würde er nach Las Vegas aufbrechen. Bis dorthin würde es die Kiste hoffentlich noch schaffen. Tobey glaubte fest daran, dass er in Las Vegas ganz groß herauskommen würde. Es musste ganz einfach so sein. Hier - das war kein Leben, das war nur ein sinnloses Dahinvegetieren von einem Tag in den nächsten, ohne Aussicht auf Besserung.
Las Vegas war schon immer sein Traum gewesen. Er wollte wie Elvis sein - oder all die anderen Stars, die in Las Vegas eine Millionengage einstrichen und ein Leben in Saus und Braus führen konnten. Er hatte Talent, mehr vielleicht als so mancher etablierte Star, das hatten ihm viele seiner Lehrer attestiert, selbst jene, die ihn nicht leiden mochten, und das waren nicht wenige.
„McDuncan, du kannst nichts, aber singen, das muss ich dir lassen, das kannst du!“, hatte die widerliche Miss Miller mehr als einmal mit einem sarkastischen Lächeln zu ihm gesagt. Carol Miller, die graue Maus mit der spitzen Zunge. Keiner an der Schule mochte sie - mehr noch, die Miller war gefürchtet. So klein, wie sie war, so giftig konnte diese Natter werden.
Ja, dachte Tobey McDuncan. Ich werde singen. Singen und tanzen in einer Las Vegas Show. Und danach werde ich die ganze Welt erobern, ein Star sein, reich und berühmt. Ein Megastar …
