Tödliche Post - Mignon G. Eberhart - E-Book
Beschreibung

Der englische Originaltitel dieses Krimis von Mignon G. Eberhart lautet ›Postmark Murder‹. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:363


Mignon G. Eberhart

Tödliche Post

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen

FISCHER Digital

Inhalt

IIIIIIIVVVIVIIVIIIIXXXIXIIIXIVXVXVIXVIIXVIIIXIXXX

I

Matt stand am Fenster, schaute auf den grauen See, in den grauen Dezemberhimmel und sprach über die Angst. «Die Angst ist ein Virus», sagte er. «Sie ist eine schleichende, lähmende Krankheit. Sie verhindert das Denken. Sie verhindert jegliche Tat. Schließlich zerstört sie Herz und Seele.» Seine hohe Gestalt und sein dunkler Kopf zeichneten sich gegen das graue Licht scharf ab. In seiner Stimme schwang bitterer Zorn gegen eine Welt, die ein Kind zum Opfer ausersehen hatte.

Laura warf einen ängstlichen Blick auf Jonny. Die Kleine hörte ebenfalls zu. Sie saß ganz still in einem Lehnstuhl, der zu groß für sie war; ihre Beine baumelten in der Luft. Mit den weißen Socken und den schwarzen Schlupfschuhen, dem blauen Wollkleid mit dem Faltenrock und dem weißen Kragen sah sie jetzt sehr amerikanisch aus. Ihre glatten braunen Haare waren in der Mitte gescheitelt und die beiden dicken Zöpfe mit roten Maschen zusammengebunden. Nur ihre blauen, slawischen Augen und die großzügige Breite der Backenknochen in ihrem kleinen runden Gesicht deuteten auf ihr polnisches Blut hin. Ihre Augen wurden plötzlich ganz ernst, während sie Matt anschaute. In ihrem Schoß lag ein Gewirr von neuen Haarschleifen, gelbe, blaue, grüne und rote, die ihr Matt mitgebracht hatte. Ihre breiten kleinen Hände, die die Bänder hielten, waren nun ebenfalls ganz ruhig. Das Kätzchen saß neben ihr, den Blick aufmerksam auf die Schleifen geheftet. Seine Augen waren so blau wie die Jonnys.

Laura sagte: «Vorsicht. Sie fängt an, mehr Englisch zu verstehen, als wir denken.»

«Ich weiß.» Matt kehrte sich vom Fenster ab. Seine Augen verloren ihren harten Glanz, als er auf Jonny hinuntersah. Er zwinkerte ihr fröhlich und beruhigend zu. «Jetzt ist alles gut, Jonny. Gut. Verstehst du? Dobre.»

Jonnys ernster Blick suchte für einen Augenblick sein Gesicht. Dann verstummte der geheime innere Warnruf, den seine Stimme (mehr als die Worte, von denen sie so wenig verstand) ausgelöst zu haben schien, als er von der Angst sprach. Es war, als hätte sie eine Frage gestellt und sofort eine beruhigende Antwort von ihm erhalten. Fröhlichkeit kehrte wie ein Sonnenstrahl auf ihr Gesicht zurück. «Dobre», sagte sie. «Gut.» Das Kätzchen versuchte, eine Schleife zu erhaschen, und Jonny lachte. Matt sagte: «So, ich muß gehen. Was wünschest du dir zu Weihnachten, Jonny?»

«Wir dürfen sie nicht verwöhnen», sagte Laura, aber sie wußte, daß sie das Kind ebenso zärtlich anlächelte wie Matt.

«Das ist nicht zu befürchten», meinte Matt ziemlich schroff. Und er hatte natürlich recht. In Wirklichkeit wußten sie herzlich wenig von Jonny Stanislowskis kurzer Vergangenheit. Aber wahrscheinlich hatte es für sie wenig Fröhlichkeit und Vergnügen gegeben, keine Spaziergänge dem See entlang oder Zoobesuche, keine Haarschleifen und siamesischen Kätzchen, nichts von all den kleinen Geschenken, mit denen Matt sie zu überraschen pflegte. Fast jeden Tag brachte er ihr irgendeine Kleinigkeit. Erwartungsvoll nahm Jonny jeweilen das farbig eingewickelte Päcklein entgegen. Das war es auch gewesen, was seinen Zornausbruch an diesem Nachmittag ausgelöst hatte. Jonny war ihm zur Tür entgegengesprungen. Sie hatte sich ihm in die Arme geworfen. Sie hatte auf ihn losgeschwatzt in ihrem schnellen, aufgeregten Mischmasch von Polnisch und Englisch. Es war hauptsächlich Polnisch, vermischt mit den wenigen englischen Ausdrücken, die sie kannte, aber erhellt durch ein fröhliches Gesicht und unterstrichen durch ausdrucksvolle Gesten. Dann war sie, in Erwartung ihres Geschenkleins, über seine Manteltaschen hergefallen. Sie hatte das Päcklein mit den Schleifen gefunden. Lachend und triumphierend hatte sie es geöffnet. Es war ein Spiel, das sie und Matt verstanden.

Als Matt ihr zuschaute, war sein ausdrucksvolles irisches Gesicht ernst geworden. «Noch vor einem Monat wäre das nicht möglich gewesen! Sie ist ein anderes Kind geworden.» Und dann hatte er ganz unerwartet von der Angst gesprochen, von der Angst, die auch ein achtjähriges Kind erfassen kann.

Jonny wußte, was Weihnachten war. Sie und Laura und Matt hatten alle darüber gesprochen. Laura und Matt hatten in dem polnischen Wörterbuch, das Laura angeschafft hatte, als ihr Jonny übergeben worden war, nach Worten gesucht. Wie gewöhnlich aber waren sie über die Aussprache der eigenartigen Konsonantenzusammensetzungen gestolpert und hatten zum Englischen und zur Zeichensprache, wie Matt es nannte, Zuflucht genommen. Matt hatte Jonny Weihnachtsgeschichten erzählt, denen die Kleine so aufmerksam zuhörte, als verstünde sie jedes Wort. Er hatte ihr den «Heiligen Abend» vordeklamiert, unterstützt von Laura, wenn er nicht mehr weiterwußte. Jonny hatte sorgfältig Zeile für Zeile nachgesagt. Die Namen der Rentiere hatten sie entzückt. Langsam und tastend sagte sie sie immer wieder vor sich hin.

Jetzt lachte sie Matt an. «Sankt Ni-ko-laus …»

«Gut», sagte Matt. «Der alte Sankt Nikolaus kommt mit einem Sack voller Geschenke den Kamin herunter. Du wirst es schon sehen.» Er strich ihr über den braunen Kopf, zwickte sie in das kleine viereckige Kinn und ging dann in die Diele, um Hut und Mantel zu holen. Laura und Jonny folgten ihm. Matt sagte: «Bei schönem Wetter könnten wir morgen wieder in den Zoo gehen. Was meinst du dazu?»

Jonny sagte deutlich, mit Vertrauen und Entzücken in der hohen, kindlichen Stimme: «Bären.»

«Einverstanden, Schatz, zu den Bären. Nachher gibt’s heiße Schokolade im kleinen Restaurant unter den Bäumen.» Matt öffnete die Wohnungstür und schaute auf Laura hinab. Seine Augen waren plötzlich tiefblau und tanzten. Ganz unerwartet sagte er: «Auch du bist ein Schatz. Ist dir das noch nie eingefallen? Auf Wiedersehen morgen.»

Er ging den Korridor hinunter auf die Fahrstühle zu. Laura schloß langsam die Tür – etwas überaus Fröhliches und doch eher Geheimnisvolles verschwand mit ihm. Einen Augenblick stand sie in der kleinen Diele und schaute Jonny zu, die mit Suki, dem Kätzchen, spielte, ihm Schleifen vor die Nase hielt, bis es mit schnellen Pfoten danach griff.

Matt liebte Jonny, und Jonny liebte Matt. Und als die kleine Jonny Stanislowski über die Laufplanke des Flugzeuges aus Wien geschritten kam, sich fest an Matts Hand anklammernd und doch irgendwie handfest und selbstvertrauend, hatte sie ihren Weg auch zu Lauras Herz gefunden.

Vielleicht hatte sie Laura an ihre eigene Kindheit, die noch gar nicht so weit zurücklag, gemahnt, als Conrad Stanley – geboren Stanislowski – ihr einziger Freund war. Deshalb hatte sich Laura zu dem Vorschlag verpflichtet gefühlt, für Jonny vorläufig zu sorgen, bis ein endgültiger Entschluß gefaßt werden konnte. Denn Laura war trotz ihrer Jugend von Conrad Stanley in seinem Testament zu einem der Garanten für die verwirrende Stanislowski-Verfügung ernannt worden. Sie sah es als ihre Pflicht an, das Kind in ihre kleine Wohnung aufzunehmen, sei es auch nur, um in kleinem Maße die große Dankesschuld Conrad Stanley und demzufolge seiner kleinen Großnichte gegenüber abzutragen.

Die Umstände, infolge derer die kleine Jonny Stanislowski dazu kam, Lauras Leben zu teilen, waren einfach genug. Conrad Stanley hatte in seinem Testament eine sehr hohe Summe seinem Neffen Conrad Stanislowski, der in Polen lebte, vermacht. Alle Versuche, mit Conrad Stanislowski in Verbindung zu treten, waren gescheitert. Aber sein Kind, die kleine Jonny, war gefunden und nach Amerika gebracht worden.

Es wäre naheliegend gewesen, daß Doris Stanley Jonny bei sich aufgenommen hätte. Sie war Conrads junge und schöne Witwe. Aber Doris hatte sie nicht begehrt. Charlie Stedman, der mit Laura zusammen dafür sorgen mußte, daß der Testamentsverfügung nachgelebt wurde, und der ein alter Freund von Conrad war, führte ein bequemes Junggesellenleben in seinem Club. Es war ihm unmöglich, für Jonny zu sorgen. Matt hätte Jonny gerne zu sich genommen, aber auch das war nicht durchführbar.

Matt war nicht verheiratet. Er war ein junger Anwalt mit einer kleinen, aber aufblühenden Praxis im Loop. Er lebte in einem Hotelapartment. Hätte er Jonny zu sich genommen, wäre es nicht ohne Haushälterin und ohne eine größere Wohnung gegangen. Für ein Kind zu sorgen war gar nicht so einfach. Aber es war Matt gewesen, der Jonny gefunden und nach Amerika gebracht hatte, denn er war Doris Stanleys Anwalt.

Früher einmal war er mit Doris verlobt gewesen – vor ihrer Ehe mit Conrad. Er hatte Doris viele Jahre gekannt, und jetzt war er ihr Rechtsberater geworden. Als Conrad vor drei Jahren gestorben war, hatte Doris sofort alle ihre Angelegenheiten in Matts Hände gelegt. Deshalb war er ebenfalls mit der Vollstreckung von Conrad Stanleys Testament betraut worden. Es hatte sich herausgestellt, daß es für Laura, Charlie Stedman und Matt eine mühsame Aufgabe war. Doris setzte sich verständlicherweise nicht sehr dafür ein, Jonnys Vater, das heißt Conrads Neffen, aufzustöbern. Und für Jonny interessierte sie sich schon gar nicht.

Aber sie waren alle zusammen in Doris’ luxuriösem, von einem Chauffeur gelenkten Wagen auf den Flugplatz gefahren: Laura, Charlie und Doris. Die Zukunft des Kindes war kurz erwähnt worden. Doris war kategorisch dafür eingetreten, Jonny in ein Internat zu stecken; sie hatte sogar schon eine provisorische Abmachung getroffen. Charlie hatte darüber debattiert, wie er über alles debattierte, um schließlich zu sagen, es sei die beste Lösung. Laura hatte an ihre eigene kleine Wohnung gedacht und an das leere Schlafzimmerchen auf der andern Seite der Diele. Es wäre ein leichtes gewesen, diesen Raum in ein Kinderzimmer zu verwandeln, mit einem fröhlichen Bettüberwurf aus Chintz und gleichen Vorhängen, mit einem kleinen Stuhl und einem Tischchen und mit einem Spielzeugkasten – ihre Phantasie riß sie mit sich fort. Trotzdem, sagte sie sich fest, war es ihr nicht möglich, Jonny zu sich zu nehmen.

Laura arbeitete als Sekretärin in einem Anwaltsbüro. Sie hatte diese Stelle unmittelbar nach Conrad Stanleys Tod angenommen. Sie arbeitete für keinen Chef im besonderen, aber ihre Arbeitsstunden waren lang. Tagsüber ging sie nie heim. Kurz nach acht verließ sie die Wohnung, um erst abends in einem überfüllten Bus heimzukommen, der an der Ecke des Lake Shore Drive hielt, einen halben Häuserblock von ihrem Apartmenthaus entfernt. Wenn sie Glück hatte, öffnete sie ihre Tür um halb sechs. Sie war stolz auf ihre Wohnung. Sie war klein und nicht teuer, aber durchflutet von Licht, Luft und Sonnenschein, mit einem weiten Ausblick auf den Michigansee. Und, wichtiger als alles andere – es war ihr Heim, das einzige richtige Heim, das Laura je besessen hatte, seit sie ein Kind gewesen war, nicht viel älter als das fremde kleine Mädchen, das sie jetzt abholen sollten. Aber der Platz würde nicht für Jonny und eine Haushälterin reichen. Ganz abgesehen davon, daß es nahezu unmöglich wäre, den richtigen Typ von Haushälterin zu finden, eine mütterliche, vernünftige Frau, der man ein Kind anvertrauen könnte. Nein, sie konnte Jonny nicht zu sich nehmen.

Die drei standen zusammen und sahen zu, wie das Flugzeug landete. Es war ein heller, windiger Tag. Doris’ entzückendes Profil wurde durch den Pelz fast verdeckt, der kecke schwarze Hut saß fest auf ihrem blonden Haar.

Charlie stand neben ihr und schaute auf das Flugzeug, das zur Landung ansetzte. Er hatte seinen Kopf gegen den Wind gesenkt. Mit einer behandschuhten Hand hielt er seinen würdigen, steifen Hut fest, mit der anderen berührte er Doris’ Ellbogen. Langsam bewegte sich die Maschine auf die Wartenden zu und hielt dann an. Endlich begannen Menschen dem Flugzeug zu entsteigen, zwischen ihnen ragte Matts große Gestalt. Er sah sie, winkte ihnen zu und zeigte sie Jonny, die sich an seiner Hand festklammerte.

Doris wurde lebhaft, als sie Matt sah; ihre goldbraunen Augen und ihre roten Lippen lächelten. Sie lief den beiden entgegen. Sie küßte Matt. Sie grüßte die einsame, kleine Gestalt neben Matt kurz, und wie es Laura schien, oberflächlich. Jonny betrachtete Doris ernst und hielt Matts Hand fest.

Doris war gar nicht begeistert darüber, daß es eine Jonny Stanislowski gab. Für sie mußte ein Kind anziehend, gut erzogen und hübsch gekleidet sein. Jonny war das alles nicht. Ihr kleines Gesicht war unbeweglich, beinahe eigensinnig in seiner Starrheit. Sie trug einen verschossenen, rötlichen Mantel, der ihr zu klein war, einen Matrosenhut, der sie viel zu alt machte, lange schwarze Strümpfe und unförmige, häßliche Schuhe. Ihren blauen Augen sah Laura an, daß sie Angst hatte. Laura hatte sich ganz unerwartet gebückt und Jonny geküßt. Darauf hatte Matt Lauras Wange ebenfalls leicht mit seinen Lippen berührt, bevor er sich zu Charlie wandte.

Im Wagen sprachen nachher alle von Jonny, die still und eingeschüchtert neben Matt saß und sich Mühe gab, ihre Angst zu verbergen. «Ich nehme sie heute zu mir», sagte Doris. «Aber ihr Platz ist in Harthing. Ihr wißt schon, die Harthing-Schule für Mädchen. Ich habe mit Miss Harthing telefoniert. Ich bin sicher, daß sie Jonny nehmen wird.»

Charlie war einverstanden. «Das scheint mir keine schlechte Idee, wenigstens bis die Hinterlassenschaft geregelt ist. Dann werden wir sie endgültig irgendwo unterbringen müssen.»

Aber Laura schaute zu Matt, und ihre Blicke trafen sich. Dann sagte sie spontan: «Nein, ich nehme sie, ich gebe meine Stelle auf. Später kann ich wieder etwas suchen, sobald wir wissen, was mit ihr geschehen soll. Ich würde sie gerne nehmen.»

Doris biß sich auf die Lippen, schien aber erleichtert zu sein. Nach einer Weile sagte Charlie nachdenklich, daß es sehr nett von Laura sei. Matt fand, es sei wunderbar. «Das ist die beste Lösung. Ich will sie nicht in eine Schule zu lauter fremden Leuten stecken.»

«Auch Laura ist fremd für sie», sagte Doris schnell. «Wir alle sind es, sogar du, Matt.»

Er hielt Jonnys kleine Hand fest in seiner großen. «Ich nicht. Wir haben uns kennengelernt. Sie ist ein guter kleiner Reisekamerad.»

Charlie bemerkte sachlich, daß die materielle Seite nicht außer acht gelassen werden dürfe. Wenn Laura wirklich ihre Stelle aufgeben wolle, um für Jonny sorgen zu können, müsse sie aus der Erbmasse entschädigt werden. «Einverstanden, Matt? Und du, Doris?»

Schließlich wurde es ziemlich diskussionslos abgemacht. Doris’ großer Wagen setzte Laura, Jonny und einen von Matts großen Lederkoffern vor dem Apartmenthaus ab. Der Koffer enthielt eine eigenartige Zusammenstellung von Kleidern: zwei dunkle wollene Röcke, die Jonny ganz offensichtlich von einem Kind erhalten hatte, dem sie zu klein geworden waren, einen geflickten Frauenpullover, einen schweren Flanellunterrock, weitere säuberlich aufgerollte schwarze Strümpfe und eine zärtlich in Papier gewickelte Pariser Puppe, die Matt Jonny geschenkt hatte.

Am folgenden Tag machten Laura und Jonny Einkäufe. Am Abend kam Matt und erzählte Laura, auf welch erstaunliche Weise er das Kind gefunden hatte, wie er den Papierkrieg abkürzen und sie hatte heimbringen können. Seither war er fast jeden Tag vorbeigekommen – natürlich, um Jonny zu besuchen, aber Laura sah ihn auch. Diese täglichen Besuche würden im Januar enden. Dann, drei Jahre nach Conrad Stanleys Tod, würde das Vermögen aufgeteilt werden. Für Jonny müßten endgültige Anordnungen getroffen werden. Matts Besuche würden aufhören, denn mit ziemlicher Sicherheit würden er und Doris Stanley heiraten.

So fände auch dieses seltsam glückliche Zwischenspiel für Laura ein Ende. Jonny wäre nicht mehr der fröhliche, warme Mittelpunkt. Laura würde wieder arbeiten und in die Tretmühle eingeschaltet werden. Die tägliche Routine hatte ihr früher nicht schlecht gefallen, die Unabhängigkeit sagte ihr zu. Aber in Zukunft würde es nicht mehr so schön sein, und Laura wußte, warum. Sie würde Jonny vermissen – aber Matt noch viel mehr. Ständig und hoffnungslos würde er ihr fehlen …

Jonny warf das Band neckisch über den Teppich. Das Kätzchen machte einen Satz und wippte in gespieltem Zorn mit dem Schwanz. In diesem Augenblick klopfte es leise an die Tür. Es kam so unerwartet, daß Laura erschrak. Es konnte nicht Matt sein, der zurückkam. Er klopfte nie auf diese Art. Wieder klopfte es leise und verstohlen. Sie öffnete die Tür.

Ein Mann stand draußen. Er war ziemlich klein und dünn, irgendwie zu klein für seine Kleider, die an ihm unförmig aussahen – fremdländisch, dachte Laura. Er hatte ein schmales, bleiches Gesicht, eine hohe Stirn und scharfe Züge, ein intellektuelles, aber eher schwächliches Gesicht. Seine Augen waren hellblau und verwaschen, hatten aber einen gespannten Blick. Er sagte: «Ich bin Conrad Stanislowski.»

«Conrad –» Laura starrte in ungläubig an. «Wir versuchten Sie doch zu finden! Seit drei Jahren suchen wir Sie!»

«Ich war in Polen. Darf ich eintreten?»

«Oh – ja! Bitte, kommen Sie.»

Er schlüpfte in die Diele und schloß die Tür hinter sich. In seinen raschen Bewegungen lag etwas Verstohlenes. Plötzlich dachte Laura: er hat Angst. Er aber sagte schnell: «Ich möchte meine Jonny sehen. Sie ist hier, nicht wahr?»

Impulsiv wollte Laura zuerst antworten: «Gewiß, sie spielt nebenan.» Im letzten Moment aber wurde sie sich ihrer Verantwortung bewußt und schwieg. Von seinem Standort aus unmittelbar vor dem Ausgang konnte er nicht ins Wohnzimmer sehen. Trotzdem durchquerte Laura rasch die Diele und schloß die Tür. Seine Augen flackerten. Sie war sicher, daß er wußte, warum sie es getan hatte, aber er bewegte sich nicht. Sie sagte: «Wir erwarteten Sie nicht mehr. Wir hatten es aufgegeben, Sie zu finden. So oft hatten wir Ihnen geschrieben und nie eine Antwort erhalten! Zwei Briefe kamen wieder zurück. Sie waren geöffnet und mit dem Stempel ‚Adressat unbekannt‘ versehen worden.»

«Natürlich. Wahrscheinlich haben Ihre Briefe meine Flucht nur erschwert.»

«Sie sprechen sehr gut englisch», sagte sie unerwartet.

Er zuckte die Achseln. «Sprachen sind mein Beruf. Wußten Sie das nicht?»

«Wir konnten sehr wenig von Ihnen in Erfahrung bringen. Nur daß Sie in Polen geboren wurden und eine Zeitlang nach dem Krieg dort lebten. Conrad – Ihr Onkel Conrad Stanley – wußte das, obschon auch er Ihren genauen Wohnort nicht kannte. Wir nahmen an, daß Sie sich bis vor zwei Jahren, als Jonny ins Waisenhaus eingeliefert wurde, in Polen befanden.»

«Und ich nehme an, daß Sie vermuteten, ich sei tot. Nun, ich lebe noch. Kann ich jetzt mein Kind sehen?»

Wieder drängte es Laura, ihn sofort zu Jonny zu führen. Statt dessen legte sie ihre Hand entschuldigend aber entschieden auf Conrad Stanislowskis knochiges Handgelenk. «Es tut mir leid. Aber wie Sie wissen, bin ich nicht allein verantwortlich. Ich muß den andern sagen, daß Sie hier sind.»

«Bevor ich mein Kind sehen kann?»

«Sie müssen mich verstehen. Es handelt sich nur um die Identifizierung, es ist eine reine Formalität. Ich glaube Ihnen, aber –»

«Aber es handelt sich um sehr viel Geld», ergänzte er mit einem Anflug von Bitterkeit.

«Es tut mir leid», wiederholte sie. «Aber Jonny ist mir anvertraut. Die andern haben mir die Verantwortung übertragen, und ich –»

Er unterbrach sie. «Die andern?»

«Ja – Sie müssen es doch wissen. Es stand alles in dem Brief, der im Waisenhaus in Wien zurückgelassen wurde.»

«Oh, der Brief. Ja. Ja, ich habe ihn.»

«Dann wissen Sie alles über Conrad Stanleys Testament?»

«Oh, ja. Mein Onkel.»

«Matt erklärte Ihnen alles in jenem Brief. Ich meine Matt Cosden. Er hat Jonny hergebracht. Er ist Mrs. Stanleys Anwalt. Und dann ist noch Charlie Stedman da. Alle wird es sehr interessieren zu vernehmen, daß Sie hier sind. Ich werde Matt anrufen und –»

«Warten Sie, bitte!» sagte er plötzlich mit Nachdruck. «Ich möchte zuerst mein Kind sehen. Können diese Formalitäten nicht warten?»

Laura zögerte. «Ich glaube, ich sollte die andern so schnell wie möglich wissen lassen, daß Sie hier sind. Und dann, sehen Sie, werden sie verlangen, daß Sie Ihre Identität beweisen.»

«Ich verstehe. All das Geld!»

«Nun ja. Matt und Charlie Stedman sagten mir, daß wir absolut sicher sein müßten, im Fall daß Sie kämen –»

«Sie wollen meine Geschichte. Nun gut. Ich wurde in Krakau geboren.»

«Ja, das wußten wir.»

Er sprach langsam, als ob es sich um Tatsachen handle, die ihn persönlich nicht berührten. «Ich studierte Sprachen. Ich wollte Lehrer werden. Ich ging studienhalber nach England und kehrte kurz vor Kriegsausbruch, als ich sah, daß ein Krieg unvermeidlich war, nach Polen zurück. In jenem September war ich dort.»

Seine Stimme wurde noch unpersönlicher und kälter, als ob die schrecklichen Septembertage Gefühle zerstört hätten, wie sie Städte und Menschen vernichtet hatten. «Ich trat schließlich einer polnischen Brigade bei. Wir wurden nach Rußland geschickt und später nach Afrika. Nach dem Krieg kehrte ich zurück. Es waren schwierige Zeiten. Ich brauche nicht näher darauf einzugehen. Trotzdem kam ich mit dem Leben davon. Ich heiratete. Jonny wurde geboren. Meine Frau –» Er brach beinahe unmerklich ab. Sein Blick war plötzlich leer und mißtrauisch, sein Gesicht verschlossen. Er fuhr schnell fort: «Ich blieb allein zurück mit der Sorge um Jonny, die damals zwei Jahre alt war. Ich gab mein Bestes her, aber es war nicht gut genug. Ich wollte Polen verlassen und flüchten, aber unterdessen mußte ich leben und Jonny erhalten. Ich trat der Regierungspartei bei. Ich war Sprachenexperte.» Er zuckte die Achseln. «Man konnte mich brauchen. Schließlich wurde ich Mitglied einer kleineren Kommission. Vor zwei Jahren bot sich mir die Gelegenheit, Jonny nach Wien zu senden. Ich hatte die Absicht, ihr möglichst schnell zu folgen und nach England oder Amerika zu flüchten. Es verflossen jedoch zwei Jahre, bis es mir gelang, unter dem Vorwand eines Auftrages nach Wien zu reisen. Als ich in das Waisenhaus kam, wo ich Jonny aufzufinden hoffte, erwartete mich statt ihrer Ihr Brief.» Er schaute sie fest an. «Kann ich jetzt mein Kind sehen?»

Das schienen vernünftige, wirklichkeitsnahe Angaben zu sein. Laura sagte: «Sie haben natürlich Ihren Paß bei sich. Oder einen Brief von Matt. Oder sonst eine Identifikation.»

Wieder schien sich sein Gesicht zu verschließen. «Ich besitze all diese Papiere», sagte er. Seine schmalen Schultern strafften sich unter dem schlecht geschnittenen Mantel. Er hob sein eher schwächliches Kinn, und seine Stimme enthielt eine Spur von Trotz. «Ich besitze alle Beweise, die Sie und die andern davon überzeugen werden, daß ich wirklich der Mann bin, der ich zu sein vorgebe. Aber ich habe sie nicht bei mir. Ich habe nicht die Absicht, sie Ihnen jetzt gerade zu zeigen.»

Sein Trotz war so überraschend wie seine Entschlossenheit. Laura sagte: «Aber – ich verstehe Sie nicht. Sie müssen doch einsehen –»

Er unterbrach sie. «Ich weiß nur, daß ich mein Kind sehen will. Lassen Sie mich sie doch anschauen, Miss March. Ich werde nicht mit ihr sprechen, ich werde sie nicht berühren. Aber ich muß sie sehen – nur für einen Augenblick.» Er legte seine schmale, zitternde Hand an die Tür.

Laura dachte: Jonny wird ihn erkennen! Das wird sein Beweis sein. Sie öffnete die Tür zum Wohnzimmer.

Er trat schnell ein. Laura begann: «Jonny –» und schwieg wieder, als sie sah, daß Jonny wie ein erschreckter Vogel zu jener Unbewegtheit erstarrt war, die sie in den ersten Tagen mit Laura, in einem fremden Land und Heim, charakterisiert hatte.

Sie mußte ihre Stimmen in der Diele gehört haben, denn sie hatte sich hinter einen Lehnstuhl verschanzt. Ihr Gesicht war vollkommen ruhig. Sie machte keine Bewegung, sie stieß keinen Laut des Erkennens aus, sie stand einfach dort, mit ausdruckslosen blauen Augen.

Diese Unbewegtheit und dieses Schweigen dauerten vielleicht ein paar Sekunden. Dann sagte Conrad Stanislowski zu Laura: «Ich danke Ihnen», und kehrte sich brüsk wieder der Diele zu.

«Aber Sie – warten Sie bitte – wohin gehen Sie?»

«Ich sagte Ihnen, ich wollte sie nur anschauen, um mich zu vergewissern, daß sie hier sei.» Er stand schon an der Wohnungstür.

Sie rief: «Sie können jetzt doch nicht fortgehen! Lassen Sie mich die andern anrufen –»

«Nein», schnitt er ihr das Wort ab. «Tun Sie das nicht!» Er zog den Atem tief ein und sagte: «Miss March, ich muß Sie um eine Gefälligkeit bitten. Es ist von äußerster Wichtigkeit, sonst würde ich es nicht sagen. Sie werden es nicht verstehen, aber Sie müssen mir glauben. Sagen Sie den andern nichts von meiner Ankunft. Noch nicht!»

«Ich muß es ihnen doch sagen!» rief sie. «Ich muß! Sie werden Sie sehen wollen. Und Jonny –»

«Das kann warten», sagte er. «Wollen Sie mir versprechen, meine Ankunft noch geheimzuhalten? Ich weiß, daß es eine außergewöhnliche Bitte ist, aber ich muß sie stellen.» Plötzlich lag etwas Verzweifeltes und Flehendes in seinem Gesicht.

«Aber – ich kann Sie doch nicht so gehen lassen! Wohin wollen Sie?»

Er drehte sich um. «Das will ich Ihnen sagen. Ich habe ein möbliertes Zimmer an der Koska Street 3936. Ich vertraue Ihnen, Miss March. Ich glaube, daß Sie ein Versprechen halten können. In ein paar Tagen – länger geht es nicht – werde ich zurückkommen. Ich werde alles tun, was man von mir verlangt. Sie werden meine Beglaubigungsschreiben und meine Identitätsbeweise sehen. Aber bis dann –» Er schwieg, schaute sie durchdringend an und sagte dann unerwartet, als wäre sie auf seine Forderung eingegangen: «Ich danke Ihnen.» Die schmale Gestalt in dem unförmigen Mantel trat auf den Korridor hinaus und verschwand. Er schaute nicht zurück. Die Tür schloß sich hinter ihm. Irgendwie wußte Laura, daß es nutzlos wäre, ihm nachzulaufen und Fragen zu stellen. Trotzdem starrte sie einen Augenblick den Korridor hinunter auf die stummen, geschlossenen Fahrstuhltüren. Warum hatte sie ihn so gehen lassen? Wie hätte sie ihn daran hindern können? Als sie sich nach einiger Zeit umkehrte, war Jonny ebenfalls verschwunden.

In Lauras kleiner Wohnung konnte sie nicht weit sein. Laura fand sie in ihrem Schlafzimmer, den Kopf über ein Malbuch geneigt. Suki das Kätzchen störte Jonny gewaltig beim Ausmalen. Aber das Kind schien ganz versunken in seine Arbeit. Alles ist in Ordnung, dachte Laura und ging ins Wohnzimmer zurück.

Lange Zeit schritt sie hin und her und hielt nur inne, um aus dem Fenster ins Nichts zu starren und an das eigenartige Erscheinen von Conrad Stanislowski zu denken. Sie hatte in dieser Unterredung vollkommen versagt. Als sie handelte, wie sie es für ihre Pflicht hielt, und sich einem sofortigen Wiedersehen entgegenstellte, hatte sie nur ihn und vielleicht auch Jonny verletzt. Und dann hatte sie ihn gehen lassen, nicht nur, ohne einige Anhaltspunkte zu besitzen, sondern auch noch im Einverständnis damit, seine Ankunft geheimzuhalten. Sie hatte in ihrem Amt als Garant versagt. Sie hätte ihn niemals im Glauben lassen sollen, sie werde sein Geheimnis wahren. Es war ihre Pflicht, Matt, Charlie und Doris von Conrad Stanislowskis überraschender Ankunft und seiner eigenartigen Bitte sofort zu unterrichten.

Und doch hielt das Flehen in seinen Augen und in seiner Stimme sie davon ab. Etwas Ungreifbares und Unbeschreibliches hatte an ihr Herz gerührt und sie wenigstens für einen Augenblick an ihn und die Stichhaltigkeit seiner Bitte glauben lassen. Was immer auch seine Gründe sein mochten, im Augenblick hatte sie ihm geglaubt. Plötzlich dachte sie: er gleicht Conrad Stanley gar nicht. Und doch sollte eine Familienähnlichkeit bestehen.

Es gab aber keine. Conrad Stanley war ein untersetzter, breit gebauter Mann gewesen, mit einer frischen Gesichtsfarbe, ausgeprägten Backenknochen und einer breiten Stirn, mit einer starken Nase und einem festen, massiven Kinn. Er hatte blaue slawische Augen besessen, aber sie hatten einen intelligenten und entschlossenen, klaren und sprühenden Blick gehabt, nie waren sie ausdruckslos und verwaschen gewesen. Und Conrad hatte keine Aufgeregtheit, Unsicherheit und Verzweiflung gekannt. Immer hatte er gewußt, wohin er gehen wollte – warum – und wie er dorthin gelangen konnte.

Laura hatte Conrad Stanley gekannt und geliebt, seit sie ein kleines Kind gewesen war. Soweit sie sich zurückerinnern konnte, hatte Conrad Stanley immer an ihrem Leben teilgenommen.

II

Conrad Stanleys Geschichte war die Erfolgsgeschichte vieler Amerikaner. Auch er war in Krakau geboren. Laura hatte seine Lebensgeschichte oft gehört, denn als Conrad älter wurde, liebte er es, wie so mancher Selfmademan, über seine Vergangenheit zu sprechen. Er prahlte nicht. Aber wenn er erzählte, war er erfüllt von aufrichtigem Staunen und Vergnügen, das beinahe naiv wirkte, nur daß Conrad in keiner Hinsicht naiv war. Er besaß im Gegenteil eine große Weltweisheit und ein tiefes Verständnis für menschliche Schwächen und Stärken, und er hatte ein mitleidiges Herz.

«Zuerst arm, dann reich», pflegte er vor sich hinlachend zu sagen. «Ich hatte es nicht leicht. Ich war jünger, als du jetzt bist, Laura, wie ich meine Mutter nach Amerika brachte.»

Conrad hatte einen älteren Bruder gehabt, Paul, der damals auch mitkam. Stefan, der älteste, war in Polen zurückgeblieben. Conrad, seine Mutter und Paul landeten mit nur wenigen Dollar in Amerika. Laura ahnte, daß ihre Armut und der Wunsch nach einem besseren Leben nicht die einzigen Gründe für ihre Emigration nach Amerika gewesen waren. Den Anstoß dazu mußten politische Ereignisse gegeben haben. Wie dem auch sei, sie waren in New York mit vielen Emigranten aus andern Ländern gelandet und hatten versucht, eine neue Existenz aufzubauen. Als Conrad zwölf Jahre alt war, bekam er eine Stelle in einer Werkstatt.

Er besaß eine angeborene Geschicklichkeit und eine überragende Intelligenz. Der größte Ansporn jedoch, vorwärtszukommen, war der ständige Geldmangel gewesen. Keine Arbeit war ihm zu schwer, keine Stunde zu lang. Sein Bruder Paul, der in einer Stahlfabrik in Pittsburgh angestellt war, wurde durch einen Unfall getötet. Conrad arbeitete noch mehr, um für seine Mutter aufkommen zu können. Irgendwie fand er Zeit, abends einen Handelskurs zu besuchen. Aber es war die Armut, die das Genie in ihm zur Entfaltung brachte. Nach dem frühen Tod seiner Mutter, als es ihm finanziell etwas besser ging, befaßte er sich mit Erfindungen, an denen er nachts arbeitete. Nach einiger Zeit zog er nach Chicago in der Hoffnung, mit den Ersparnissen, die er hatte machen können, einen kleinen Fabrikbetrieb zu kaufen, und lernte damals Lauras Vater kennen. Seinen Namen Stanislowski hatte er gesetzlich in Stanley abändern lassen und war amerikanischer Bürger geworden.

Lauras Vater war Assistent des Vizepräsidenten einer kleinen Vorstadtbank in der Nähe von Chicago. Conrad, der Geld brauchte, um seine Fabrik kaufen zu können und um die Erfindung, an der er arbeitete, zu fördern, war in der Hoffnung auf eine Anleihe zu jener Bank gegangen. Lauras Vater hatte diese Anleihe befürwortet.

Das Unternehmen, das Conrad kaufte, nahm Aufschwung. Die Erfindung, die ihn damals ganz in Anspruch nahm, stellte er selber her und verkaufte sie auch. Sein erstes Projekt war ein Patentverschluß. Das Geschäft blühte. Conrad erfaßte alle Arten von Nebenprodukten und ähnlichen Artikeln. Schließlich besaß er einen bedeutenden Betrieb und ein großes Vermögen. Von Anfang an war es ein Ein-Mann-Geschäft gewesen und brlieb es bis zum Ende.

Es entspach ganz Conrads Wesen, in Peter Marchs Vertrauen in ihn keine rein geschäftliche Angelegenheit, sondern eine persönliche Gunst zu sehen. So verwandelte Conrad die geschäftliche Verbindung in eine Freundschaft. Die kleine Laura gewöhnte sich an die regelmäßigen Besuche dieses dynamischen, untersetzten Mannes mit dem polnischen Akzent, dem durchdringenden Geist und der unerschöpflichen Güte. Vielleicht gefiel Conrad das Familienleben, an dem er durch seine Freundschaft mit Peter March ein wenig teilnehmen konnte. In jenen Tagen war er viel zu beschäftigt, um selber an eine Ehe denken zu können. Vielleicht war er auch der Frau, die er hätte heiraten mögen, noch gar nicht begegnet. Aber er hatte Peter March gern, und er zeigte es auch.

Peter March war ein hart arbeitender, erfinderischer und widerspruchsvoller Mensch. Er liebte Bücher, und er liebte die Musik. Er hatte kein Talent, Geld zu erwerben, und es interessierte ihn auch nicht. Trotzdem war er tüchtig in seinem Beruf. Er betrachtete Conrad Stanley, diesen Felsen von einem Mann, der so bestimmt und entschlossen sein bester Freund geworden war, mit einer Art amüsierter Ehrfurcht. Aber Peter war auch ein Idealist.

Als der zweite Weltkrieg ausbrach und die Deutschen in Polen einmarschierten, faßte dies Peter sofort als Warnung auf und stellte seine Pläne darauf ein. Zur Überraschung aller, außer seiner Frau und Conrads, gab Peter March seine Stelle in der Bank auf, um sich in England anwerben zu lassen.

Er ahnte, daß Amerika früher oder später in den Krieg eintreten würde. Aber er wollte nicht so lange warten. In einem Bombenangriff auf Deutschland in den ersten Frühlingstagen befand sich Peter in einem Flugzeug, das nie zurückkam. Noch jetzt wußte Laura nicht, was ihre Mutter von Peters Einrücken gehalten hatte. Sie erinnerte sich jedoch, daß nach der Ankunft des Telegramms, das Peters Verschollensein ankündigte, der Lebensmut ihrer Mutter langsam zu sinken begann. Sie starb ein Jahr später, und Laura, die damals gleich alt war wie Jonny, blieb allein auf der Welt.

Die entfernten Verwandten zeigten kein besonderes Interesse, für Peter Marchs verwaistes Kind zu sorgen. Auf die wenigen kühlen Angebote brauchte nicht eingegangen zu werden, denn Conrad Stanley meisterte sofort und entschieden die Lage.

Es war nur wenig Geld vorhanden. Der Assistent des Vizepräsidenten einer Vorstadtbank konnte von seinem Lohn keine großen Ersparnisse machen. Die Rente von Lauras Mutter erlosch mit ihrem Ableben. Conrad Stanley regelte die finanzielle Lage nach Peter und Margaret Marchs Tod. Das verbleibende Geld legte er für Laura auf eine Bank. Dann suchte er für sie eine Schule. Die bescheidenen Ersparnisse wurden nicht berührt, und Laura erkannte später, daß diese ohnehin nie für ihre Erziehung gereicht hätten. Conrad wünschte, daß diese Summe unangetastet bliebe, denn er kam persönlich für alle Schulgelder auf. Und was wichtiger war, er überraschte sie mit kleinen Geschenken, er besuchte sie, er nahm sie auf sorgfältig vorbereitete Ferienreisen mit. Conrad war ihr mehr als ein Vater gewesen. Er hatte die Bedeutung eines Beschützers, Lehrers und Bollwerks gegenüber der Welt gehabt.

Als sie älter wurde, begann sie zu begreifen, wie groß ihre Dankesschuld Conrad gegenüber war. Sie konnte ihn auf keine Weise für die Güte und die Liebe, die sein großes, warmes Herz ihr geschenkt hatte, entschädigen. Aber die Schulgelder wollte sie ihm zurückzahlen. Als sie siebzehn Jahre alt war, legte sie ihm ihren Plan dar: sie wollte eine Schule besuchen, an der sie einen Beruf erlernen konnte. Von ihrem Lohn wollte sie Conrad dann einen Teil der Summe abzahlen, die sie ihm schuldete.

Conrad war einverstanden damit. Es war klar, daß ihm an dem Geld nichts lag, aber es war ebenso klar, daß er ihren Unabhängigkeitssinn schätzte und ermutigen wollte. Er gab also seine Zustimmung. Sobald Laura verdiente, konnte sie mit der Rückzahlung beginnen. Er hatte über alle Ausgaben Buch geführt.

So besuchte sie eine Sekretärinnenschule. Sie arbeitete hart, angespornt durch ihre tiefe Zuneigung und Dankbarkeit, die sie für Conrad empfand, und von dem wachsenden Unabhängigkeitsgefühl, das Conrad vielleicht selbst in ihr geweckt hatte. Als sie die Schule beendet hatte, nahm sie Conrad in sein eigenes Büro. Sie sollte seine Sekretärin sein. So lernte sie sein Geschäft in allen Einzelheiten kennen. Conrad half ihr mit ihrer neuen Aufgabe und brachte ihr viele allgemeine, aber vernünftige Geschäftsprinzipien bei.

Als Conrad starb, ernannte er sie zum Garanten für die Stanislowski-Verfügung in seinem Testament.

Er hatte seine guten Gründe: erstens vertraute er Laura, und zweitens hatte er sie selber erzogen. Er wußte, daß sie ihn liebte und seine Wünsche, mochten sie noch so ungewöhnlich erscheinen, respektieren würde. Und die Stanislowski-Klausel war natürlich ungewöhnlich, obschon sie ganz Conrads Wesen entsprach.

Laura hatte ihre Schule beendet und arbeitete in Conrads Büro, als er Doris kennenlernte und sie heiratete. Er war damals schon in einem gesetzten Alter, und Doris war jung, nur wenige Jahre älter als Laura. Es handelte sich um eine Reisebekanntschaft. Conrad war unterwegs nach Europa zu seinen sich entwickelnden europäischen Zweiggeschäften. Doris Fitz-Green, verlobt mit Matt Cosden, reiste mit ihrer Mutter nach Paris.

Doris hatte sich aufrichtig darüber geäußert. «Wir konnten uns die Reise nicht leisten. Wir besaßen keinen Pfennig. Aber meine Mutter wollte mich von Matt entfernen. Er besaß ebenfalls nichts.» Das hatte sie nach Conrads Tod gesagt, als sie Matt immer öfter sah. Sie hatte dabei Laura nachdenklich angeschaut und süß gelächelt. «Matt war damals in Chicago und hatte eben sein Büro eröffnet. Wir wollten heiraten, sobald er genug Geld verdiente. Aber dann lernte ich Conrad kennen –»

Conrad war damals schon ein sehr einflußreicher und vermögender Mann. Vielleicht hatte Mrs. Fitz-Green, Doris’ Mutter, die Bekanntschaft gefördert. Auf alle Fälle waren die drei am Ende der kurzen Reise die besten Freunde. Sie trafen sich in Paris, Rom und Madrid. Sechs Wochen später, kurz nach ihrer Rückkehr nach New York, wurden Doris und Conrad getraut. Sie zogen nach Chicago, in eine große Wohnung nach Doris’ Geschmack. Keiner wußte, am wenigsten Laura, was Matt dachte, als seine frühere Verlobte, verheiratet mit einem andern, sehr reichen Mann, in der Stadt auftauchte, die er sich zum Wohnsitz ausgewählt hatte. Laura sah ihn ein- oder zweimal beim Essen. Er war freundlich und höflich zu Doris. Er war ebenso freundlich und höflich zu Conrad und begann, wie es Laura schien, den älteren Mann zu schätzen und zu respektieren.

Laura hatte geglaubt, Conrads Frau werde ihre Freundin werden. Sie war dazu bereit, aber Doris überraschte sie; sie war zu jung, zu schön und zu auffallend und entsprach gar nicht der vernünftigen, gereiften Frau, die sie sich automatisch als Conrads Gattin vorgestellt hatte. Conrad aber war ganz offensichtlich verliebt. Sein ganzes Leben hatte er damit zugebracht, ein Vermögen anzuhäufen, und wußte wahrscheinlich, daß er nicht mehr viele Jahre zu leben hatte. Er nahm, was ihm die Götter boten, und war sehr glücklich mit seiner jungen Frau. Ob Doris glücklich war oder nicht, war ungewiß. Sie genoß jedenfalls ihr Leben als reiche, junge Mrs. Stanley.

Laura lernte Matt Cosden erst nach Conrads Tod richtig kennen. Dieser Tod war ganz unerwartet vor drei Jahren eingetreten, und doch mußte Conrad eine Vorahnung gehabt haben, denn sein Nachlaß war bis in jede Einzelheit geregelt, obwohl er das Testament sozusagen ohne gesetzliche Hilfe aufgesetzt hatte. In seinen Grundzügen war es einfach genug. Lauras Geldschuld war getilgt worden. Ihre Dankesschuld würde aber immer bestehen bleiben. Sein riesiges Vermögen verschrieb er zu gleichen Teilen seiner Frau Doris und seinem polnischen Neffen Conrad Stanislowski, den Conrad Stanley nie gesehen hatte.

Es war eine Geste der Familientreue, die vielleicht dem Wunsch entsprang, seinen Namen zu erhalten und fortzusetzen. Jedenfalls zeugte sie von seinem tiefen patriotischen Gefühl. Conrad war der Ansicht, daß er alles, was er getan hatte und alles, was er besaß, seiner Emigration nach Amerika zu verdanken hatte. Jeden glücklichen Tag in seinem Leben, seine Beziehungen zu Laura, ihrem Vater und ihrer Mutter, seine späte, aber für ihn sehr glückliche Ehe mit Doris schrieb er dem Umstand zu, daß er die reichen Möglichkeiten, die ihm Amerika bot, ausgenützt hatte. Dieses Geschenk wollte er einem Träger seines Blutes und seines Namens vermachen; und darin lag das Verwirrende der Stanislowski-Verfügung.

Conrad Stanislowski, sein Neffe, der in Polen lebte, sollte die Hälfte von Conrads Vermögen erhalten, aber nur unter der Bedingung, daß er nach Amerika käme, amerikanischer Staatsbürger würde und sein Leben in Amerika zubrächte. Bis jetzt war es ihnen nicht gelungen, Conrad Stanislowski zu finden, geschweige denn ihn über dieses Erbe zu informieren.

Sie hatten sich jede erdenkliche Mühe gegeben. Alle ihre Briefe waren unbeantwortet geblieben, außer jenen zwei, die geöffnet und mit dem Vermerk «Adressat unbekannt» zurückkamen. Matt, der unterdessen Doris’ Anwalt geworden war, vermutete, daß die Zensur die Briefe an Conrad Stanislowski abgefangen hatte. Es sei denn, Conrad Stanislowski wäre tot oder in den Nachkriegswirren verschollen.

Mit der Zeit sahen sie die Nutzlosigkeit ihrer Anstrengungen ein. Dann, im August, entdeckte Matt mit Hilfe der Flüchtlingsorganisation, daß in einem Waisenhaus in Wien ein Kind namens Jonny Stanislowski existierte. Sie befand sich seit zwei Jahren dort. Nach langem Hin und Her war er überzeugt, daß es sich in der Tat um das Kind von Conrad Stanislowski, um die Großnichte von Conrad Stanley handelte.

Im Oktober flog Matt nach Wien. Es gab viele Formalitäten zu erledigen, aber das amerikanische Hauptquartier und die Flüchtlingsorganisation halfen ihm dabei. Im November kam er mit der kleinen Jonny aus Wien zurück.

Von Conrad Stanislowski hatten sie noch immer nichts gehört. Es war nicht einmal sicher, daß er noch lebte, als Jonny ins Waisenhaus eingeliefert wurde. Wahrscheinlicher war es, daß er schon damals tot war und daß Jonny mit Hunderten von andern Kriegswaisen in das Waisenhaus gekommen war. Die Umstände ihrer Ankunft waren mysteriös, und soviel Matt herausbringen konnte, hatte Conrad Stanislowski selber nichts damit zu tun gehabt. Trotzdem bestand kein Zweifel an Jonnys Identität. Ihr Geburtsschein war vorhanden, und in einem dünnen, mit ihrem Namen versehenen Register befand sich eine Fotokopie von Conrad Stanislowskis Geburtsschein. Das sei gar nicht ungewöhnlich, versicherte die Vorsteherin Matt müde; Männer und Frauen stellten mit größter Sorgfalt und mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stünden, ihre und ihrer Kinder Identität fest. Auf eine tragische Art war das schrecklich wichtig. Jonny war das Kind von Conrad Stanislowski, der der Sohn von Conrads älterem Bruder Stefan Stanislowski war. Es bestand kein Zweifel darüber.

Matt hatte in Wien jede Möglichkeit, mit Conrad Stanislowski in Verbindung zu treten, studiert, doch alle seine Versuche scheiterten.

Es gab verschiedene Gründe für Jonnys Untergebrachtsein im Waisenhaus. Die logischste Folgerung war, daß ihr Vater nicht mehr lebte. Es gab aber noch eine andere Möglichkeit: vielleicht war er krank oder nicht in der Lage gewesen, für sie zu sorgen, und hatte Mittel und Wege gefunden, Jonny nach Wien abzuschieben. Matt faßte sogar die Möglichkeit ins Auge, daß Conrad aus Polen flüchten wollte und Jonny vorausgeschickt hatte und daß dann seine eigene Flucht irgendwie mißlang.

Das entsprach, nach Conrad Stanislowski zu schließen, der Wirklichkeit.

Es war einige Zeit verflossen, während Laura am Fenster stand und auf den See und in den Himmel starrte. Sie hatte an Conrad Stanislowski gedacht und an ihre lange Freundschaft mit Conrad Stanley und hatte herauszufinden versucht, was ihr Conrad Stanley in einer solchen Lage geraten hätte. Plötzlich überkam sie die beruhigende Gewißheit, daß Conrad Stanley immer an das Beste im Menschen geglaubt und nach diesem Grundsatz gehandelt hatte. Er hätte Conrad Stanislowskis Bitte, das Schweigen zu wahren, erfüllt. Er wäre seinem eigenen Instinkt gefolgt, wie sie es getan hatte. Doch was hatte Stanislowski in diesen paar Tagen vor?

Warum hatte Laura gespürt, daß er Angst hatte?

Erst in diesem Augenblick fiel es Laura auf, daß Jonnys Reaktion ganz falsch gewesen war.

III

Die Kleine hatte kein Zeichen des Erkennens gegeben, als sie den Mann in der Tür stehen sah. Sie hatte weder gelächelt noch einen Begrüßungsschrei ausgestoßen. Sie hatte sich ihm nicht in die Arme geworfen, wie sie es zu tun pflegte, wenn Matt erschien. Obschon zwei Jahre im Leben eines Kindes lang sind, konnte Jonny in dieser Zeit ihren Vater nicht vergessen haben. Nicht das leiseste Zucken in dem ruhigen kleinen Gesicht und dem starren, stämmigen Körper hatte auf ein Erkennen schließen lassen. Ihre blauen slawischen Augen waren ganz leer und ausdruckslos gewesen. Jonny hatte also diesen Mann nicht erkannt. Er war nicht ihr Vater!

Er war ein Betrüger! Charlie, Doris und Matt hatten diese Möglichkeit in Erwägung gezogen. Sie hatten Laura gewarnt. Es ging um so viel Geld, daß man mit Betrügern rechnen mußte. Der Mann, der diesen Nachmittag gekommen war, mit seiner eigenartigen Forderung, mit seiner Weigerung, seine Person zu identifizieren, mit der Bitte, Jonny sehen zu dürfen (was an und für sich merkwürdig war, als ob er sich nur hätte versichern wollen, daß Jonny wirklich da sei), und mit seiner Behauptung, Conrad Stanislowski zu sein, war ein Betrüger! Sie mußte Matt sofort anrufen.

Im Zimmer war es dunkler geworden. Weit unten, dem Lake Shore Drive entlang, war der abendliche Stoßverkehr in vollem Gang. Wagenlichter glitten in ununterbrochenen Viererreihen vorbei. Laura zündete im Zimmer das Licht an und ging in die Diele. Als sie die Hand schon am Telefon hatte, fielen ihre Augen auf das kleine, rote polnische Wörterbuch, das sie gekauft hatte, als Jonny zu ihr gekommen war. Warum sollte sie nicht Jonny fragen?

Das Kind verstand etwas Englisch, und Laura suchte polnische Worte, mit deren Aussprache sie sich so lange abmühte, bis sie und Jonny sich einigermaßen verstanden. Sie pflegten sogar ein vergnügliches Spiel daraus zu machen. Sie ergriff das polnische Wörterbuch und ging in Jonnys Zimmer.

Auch hier war es dunkel. Sie machte Licht. Jonny saß an ihrem Tischlein, den Kopf in den Armen vergraben, und schluchzte krampfhaft. Es war um so rührender, weil Jonny in verzweifeltem Schweigen weinte, als müßte sie sogar ihre Schluchzer beherrschen. Laura lief zu ihr hin und nahm sie in ihre Arme. Jonny preßte ihr heißes Gesicht an Lauras Schulter und weinte laut heraus.

So war Conrad Stanislowski doch Conrad Stanislowski und Jonnys Vater! Eine Welle von Gewissensbissen überflutete Laura. Sie war zu gewissenhaft, zu vorsichtig und überängstlich gewesen, was ihre Verantwortung als Garant betraf. Sie hätte ein freies, glückliches Wiedersehen zwischen Vater und Tochter gestatten sollen, ohne Fragen zu stellen.