Verlag: Sieben Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Tödliche Schuld E-Book

Alia Cruz  

4.83333333333333 (18)
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E-Book-Beschreibung Tödliche Schuld - Alia Cruz

Aufgrund unglücklicher Umstände befindet sich die junge Archäologin Caroline Snyder in den Händen eines gefährlichen Drogenkartells in Kolumbien. Der Mann, der ihr zu Hilfe eilt, ist niemand anderer als Special Agent Can Smith. Ausgerechnet der Mann, der ihr vor vielen Jahren das Herz gebrochen hat. Can hat Caroline nie vergessen. Er plant, sie aus der Gefangenschaft zu befreien, jedoch legt dieses Unterfangen nicht nur seine Gefühle für sie wieder frei, sondern bringt auch eine Vergangenheit voller Lügen ans Tageslicht, welche die ganze Mission und viele Menschenleben, darunter auch Carolines und sein eigenes, in Gefahr bringt.

Meinungen über das E-Book Tödliche Schuld - Alia Cruz

E-Book-Leseprobe Tödliche Schuld - Alia Cruz

Tödliche Schuld

SAJ - Special Agents of Justice 5

Alia Cruz

© 2017 Sieben Verlag, 64823 Groß-Umstadt

© Umschlaggestaltung Andrea Gunschera

ISBN Taschenbuch: 9783864437014

ISBN Ebook-mobi: 9783864437021

ISBN Ebook-epub: 9783864437038

www.sieben-verlag.de

Inhalt

Prolog

In einem verlassenen Wohnhaus in Caracas

Zwei Tage später

Kapitel 1

Bogotá, Kolumbien

Ráquira, Kolumbien

Kapitel 2

In einem kleinen Dorf in der Nähe von Bogotá

Ráquira, Kolumbien

Bogotá, Kolumbien

Ráquira, Kolumbien

Kapitel 3

Ráquira, Kolumbien

Bogotá, Kolumbien

Kapitel 4

Ráquira, Kolumbien

Bogotá, Kolumbien

Ráquira, Kolumbien

Kapitel 5

Bogotá, Kolumbien

Ráquira, Kolumbien

Bogotá, Kolumbien

Ráquira, Kolumbien

Kapitel 6

Ráquira, Kolumbien

Kapitel 7

Anwesen von Alfonso Maza

Kapitel 8

Irgendwo in Kolumbien

Ráquira, Kolumbien

Kapitel 9

Ráquira, Kolumbien

Irgendwo kurz hinter der Grenze zwischen Panama und Kolumbien

Ráquira, Kolumbien

Irgendwo in Panama

Kapitel 10

Anwesen von Alfonso Maza – Kurz nach Mitternacht

Kapitel 11

Kapitel 12

Fort Lauderdale – zwei Tage später

Moskau

Fort Lauderdale

Moskau

Über dem atlantischen Ozean

Kapitel 13

Moskau

Kapitel 14

Kreml, Moskau

Kapitel 15

Kreml

Kreml

Kapitel 16

Kreml

Berlin, amerikanische Botschaft

Kreml

Kapitel 17

Kreml

Berlin, in einem kleinen Straßencafé, einen Monat später

Austin, Texas, eine der SAJ-Zentralen, Krankenstation

Epilog

Literaturhinweise

Prolog

In einem verlassenen Wohnhaus in Caracas

„Was sollen wir jetzt mit ihr machen?“

Der Mann zündete sich mit der fast aufgerauchten Zigarette die nächste an.

„Scheiße.“ Das sagte sein Gegenüber nun schon zum dritten Mal. Er fügte noch hinzu: „Das war nie und nimmer Selbstmord.“

Einen tiefen Zug von seiner Zigarette inhalierend, stimmte der erste Mann ihm zu. „Der Boss hat keine Anweisung für den Fall seines Todes hinterlassen.“

Sie redeten über Dale Benson, einst Direktor der NSA. Jetzt tot.

„Da hat doch ihr Vater die Finger im Spiel.“ Mit dem Kopf deutete er auf die Tür, die fest verschlossen war und hinter der sich Corey Snyders Tochter Caroline befand.

„Vielleicht könnten wir ein Lösegeld erpressen?“

„Bist du wahnsinnig? Corey Snyder ist der Kopf einer Spezialeinheit. Ich habe keine Lust, so tot wie Benson zu enden.“

„Was schlägst du vor? Sie umbringen?“

Ein verschlagenes Lächeln erschien auf dem Gesicht seines Gegenübers. „Nein, sie ist schön, blond und jung. Genau das Beuteschema von Alfonso Maza. Verkaufen wir sie.“

„An Maza?“

„Sich bei ihm beliebt zu machen, kann nicht schaden. Jetzt, wo Benson Mazas Drogenkartell nicht mehr unterstützen kann, könnte Blondie doch vielleicht eine kleine Entschädigung sein.“

Sie lachten. Am Ende hatten sie doch noch eine Verwendung für Corey Snyders Tochter gefunden.

Zwei Tage später

Can Smith lag auf dem Dach des abbruchreifen Hauses. Normalerweise klopfte sein Herz nicht bis zum Hals, wenn er einen Auftrag für die Special Agents of Justice erledigte. Nach jahrelanger Erfahrung als Doppelagent für die Amerikaner in Asien, brachte ihn so schnell nichts aus der Ruhe. Doch es ging hier nicht um einen normalen Auftrag. Es ging um Caroline Snyder. Corey Snyders Tochter, die Tochter seines ehemaligen Bosses bei den SAJs. Es ging um die Frau, die er einst geliebt hatte und die er womöglich für immer lieben würde. Nicht, dass das von Bedeutung wäre, denn sie musste ihn hassen, dafür hatte Corey mit Sicherheit in den letzten Jahren gesorgt. Es war ja schon ein Wunder, dass Corey ihn nach all den Jahren doch noch bei den Special Agents of Justice aufgenommen hatte. Auf ein zweites Wunder konnte Can nicht hoffen.

Er hatte nicht lange gebraucht, die beiden Assistenten von Dale Benson in Caracas aufzuspüren. Mit den zwei Männern konnte er es mit Leichtigkeit aufnehmen. Im Nu wäre Caroline wieder frei. Er wollte nur warten, bis es dunkel wurde.

Ein Jeep hielt vor dem verlassenen Wohngebäude, das Bensons Männer sich als Versteck ausgesucht hatten. An der Seite des Jeeps war ein kleines Emblem angebracht. Ein Stern mit einem grinsenden Totenkopf. Can erkannte es als Zeichen des Maza-Kartells. Was hatten Benson Leute mit denen zu schaffen? Andererseits würde es ihn nicht wundern, wenn die NSA dieses Kartell finanzierte. Bisher jedenfalls. Wer das mächtigste Kartell unter sich hatte, der regierte das Land. Doch die Zeiten waren jetzt vorbei. Corey hatte es geschafft, die CIA und NSA zu fusionieren und mit Patrick Linton einen gerechten, nicht korrupten Mann an die Spitze zu setzen. Corey hatte es getan, um die SAJs wieder unabhängig zu machen. Der Geheimdienst war in letzter Zeit zu viel von der NSA herumkommandiert worden. Aber das war ja nichts Neues. In den letzten Jahren hatte Can immer öfter die Erfahrung gemacht, dass die Geheimdienste zunehmens von ihren ursprünglichen Aufgaben abdrifteten. Die NSA war einst als rein militärischer Geheimdienst gegründet worden. Die CIA diente dem Zweck der Informationsbeschaffung im Ausland. Doch was war geschehen? Nach dem 11. September 2001 hatte sich die CIA in eine Organisation entwickelt, die mehr auf die heimliche Tötung von Terroristen spezialisiert war. Die NSA dagegen hörte ab, beobachtete und bespitzelte die ganze Welt. Dank Coreys Initiative waren beide Dienste inoffiziell zu einer einzigen Organisation unter vernünftiger Führung geworden.

Corey hatte, um das zu erreichen, einen hohen Preis bezahlt. Nicht nur, dass er die offiziellen Wege im Senat ausgelassen hatte. Der Präsident hatte am Ende wohl nicht mal genau gewusst, was er da unterschrieb, als er die Fusion genehmigte. Der Preis für die Fusion war die Entführung von Coreys Tochter.

Der leichte Wind trug ein paar Wortfetzen der Männer zu Can aufs Dach.

„Ihr habt doch, was wir anzubieten hatten.“

Das war einer von Bensons Leuten. Er sah nicht gerade erfreut aus, Mazas Handlanger, die zu viert im Jeep gesessen hatten, zu sehen. Can bemühte sich mehr zu verstehen, doch die Männer waren zu weit weg, und der Wind legte sich. Was konnten sie Maza denn anzubieten gehabt haben? Nur Caroline. Bei dem Gedanken wurde ihm übel, und er musste sich zusammenreißen, nicht loszustürmen. Mit den zwei Assistenten von Benson hätte er es aufnehmen können, aber nicht mit zusätzlich vier schwer bewaffneten Typen aus einem Drogenkartell.

Das Wortgefecht unter ihm wurde hitziger. Einer der Kartellleute schrie: „Er will die versprochenen Waffenlieferungen!“

Dann hatte die NSA das Kartell auch mit Waffen beliefert. Wow.

Can sah es kommen, die beiden NSA-Leute da unten hatten nicht mehr lange zu leben. Tatsächlich dauerte es noch ganze fünf Sekunden und dann wurden sie von einem der Kartell-Männer mit seinem Maschinengewehr niedergemäht. Weitere zehn Sekunden später waren Mazas Leute verschwunden. Can stürmte los. Die baufällige Treppe hinunter, die ihn vom Dach führte. Er rannte über die Straße und wirbelte mit jedem seiner Schritte Staub auf. Mit einem Satz sprang er über die Leichen hinweg, die man achtlos liegen gelassen hatte. Das war in solchen Gassen in Caracas nicht ungewöhnlich. Die Fliegen und Ratten würden ihren Spaß haben, bis in ein paar Tagen die Müllabfuhr kam. Hier herrschten andere Gesetze.

Das Haus war leer. Genauso leer wie Cans Inneres, als er feststellte, dass er zu spät gekommen war. Sie hatten Caroline an das verschissene Kartell verkauft. Der Gedanke, dass sie noch am Leben war, tröstete ihn nur wenig. Denn nach allem, was er über das Kartell und Alfonso Maza wusste, wäre der Tod mit Sicherheit gnädiger für sie. Wenn er sie nicht schnell aufspürte, wäre sie ohnehin tot, vielleicht noch nicht körperlich, aber auf jeden Fall eine seelenlose, missbrauchte Frau.

Can machte sich nichts vor, er stand vor der schwierigsten Aufgabe seines Lebens.

Die Suche nach Caroline war ab sofort eine Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. Das Maza-Kartell agierte nicht nur in Venezuela. Alfonso Maza hatte in den letzten Jahren blutige Kriege gegen andere Kartelle in Mexiko geführt. Doch nicht nur Mexiko gehörte jetzt ihm, auch in Kolumbien hatte er sich ausgebreitet und die Macht übernommen. Er stand auf der Abschussliste des FBI, so viel wusste Can. Doch wenn die NSA ihn unterstützt hatte, war es kein Wunder, dass das FBI ihn nicht zu fassen bekam. Andere Kartelle wollten ebenfalls blutige Rache. Doch Alfonso Maza war zu geschickt. Er war noch nie verhaftet worden. Niemand wusste mit Sicherheit, wo er sich aufhielt. Seine Männer starben für ihn. Er war noch nie verraten worden.

Can glaubte nicht, dass die beiden NSA-Leute ihm hätten helfen können, dennoch bedauerte er ihren Tod. Sie hätten ihm vielleicht einen Hinweis geben können, in welchem Land er überhaupt mit der Suche beginnen sollte.

Eine Weile stand er einfach da und starrte auf die untergehende Sonne. Er umfasste den kleinen Anhänger, den er an einer massiven, silbernen Kette trug. Er würde Caroline finden. Selbst wenn es das Letzte war, was er in seinem ohnehin bisher verschwendeten Leben tat.

1

Bogotá, Kolumbien

Wie immer, wenn er in Kolumbien war, hatte Corey Snyder eine Suite im Carlton bezogen. Er stand am Fenster und genoss die Aussicht. Er liebte Bogotá, die Hauptstadt Kolumbiens. Er war durch und durch Texaner, nichts ging ihm über die Vereinigten Staaten und vor allem seinen Heimatstaat, doch hätte man ihn jemals gezwungen woanders zu leben, dann nur hier in Bogotá. Das Carlton war im gehobenen Norden der Stadt in einem beeindruckenden Gebäude untergebracht. Kaum zu glauben, dass in Kolumbien immer noch so viel Gewalt herrschte. Nicht so wie einst, als La Violencia von 1948 bis 1958 das Land erschüttert hatte. Zehn Jahre lang war eine Welle der Gewalt nach der anderen über das Land hinweggeschwappt. Heute gab es die Gewalt immer noch. Nur eben nicht in dieser Extremität. Drogen waren und würden wohl für immer die Haupteinnahmequelle des Landes sein und daher würde sich an der Korruption in der Politik und bei der Polizei nichts ändern. Letztendlich herrschten die Kartelle über dieses wunderschöne Land.

Ein Land der Gesetzlosigkeit, der Rebellen. Unregierbar und doch von unglaublicher Schönheit. Doch diese Schönheit von den weißen Gipfeln der drei Kordilleren, die das westliche Rückgrat bildeten, bis hin zu dem dreifachen Baldachin des äquatorialen Urwalds auf Meereshöhe, bot auch den Anreiz für allerlei Verbrecher. Nicht um der Schönheit willen, sondern weil Kolumbien unzählige Schlupfwinkel bot, in denen man sich jahrelang verstecken konnte.

Auch heute noch gab es unerforschte Gebiete, Pflanzen- und Tierarten, die auf ihre Entdeckung warteten. Botaniker und Biologen hatten ihre helle Freude daran, wenn sie etwas entdeckten, dem sie dann ihren eigenen Namen geben konnten.

Corey war sich bewusst, dass sein Name für die Nachwelt nicht erhalten bleiben durfte. So war das nun mal in seinem Geschäft. Er stand an der Fensterfront und sah hinaus. Während der Reagan- und Bush- Ära hatte er viel Zeit in Bogotá und auch in anderen Städten des Landes verbracht. Damals gab es noch keine Al-Qaida Terroristen, zumindest nicht als unmittelbare Bedrohung für die USA. Damals waren die Drogenbosse Staatsfeinde Nummer eins. Einige hatte Corey gejagt und zur Strecke gebracht. Jetzt war er wieder hier. Er jagte wieder einen Drogenboss. Doch nicht, weil der sein Land bedrohte, sondern weil er Coreys Tochter hatte.

Es klopfte und ohne dass er seine Zustimmung gegeben hätte, betrat Lydia Meek das Zimmer. So war sie schon immer gewesen. Klopfen und Eintreten, ein ‚herein‘ schien in ihrem Wortschatz nicht zu existieren. Vor fast dreißig Jahren hatte er sie kennengelernt und geliebt. Wahrhaft geliebt. Doch sie hatte ihn betrogen. Hatte mit ihm vor siebenundzwanzig Jahren eine Tochter gezeugt, die sie ihm verkauft hatte, um an wichtige Dokumente für ihre Heimat Russland zu kommen. Jetzt war sie hier bei ihm. Die Frau, die er siebenundzwanzig Jahre lang gehasst hatte. Die Frau, die er seiner Tochter Caroline verschwiegen hatte. Denn die Wahrheit wäre für Caroline zu schmerzhaft gewesen.

„Was wissen wir über Maza?“

Wieder typisch Lydia. Sie hielt sich nicht lange mit einer Vorrede auf.

„Anführer des Maza-Kartells. Er kommt aus Venezuela, hat sich in Mexiko und Kolumbien ausgebreitet. Wird von den Armen verehrt, weil er großzügig Drogendollar unter ihnen verteilt. Die, die ihn nicht verehren, haben Angst vor ihm. Tarnt sein Kartell halbherzig mit einer Baufirma. Wobei man sagen muss, dass er auch in dieser Branche recht erfolgreich ist und es allein damit auf über hundert Millionen Dollar Vermögen gebracht hat.“

Lydia nickte. „Der typische Kartellboss.“

„Scheint so. Hat eine Vorliebe für blonde, schöne Amerikanerinnen. Da er nur einssechzig groß ist und obendrein einen Buckel hat, kauft oder entführt er seine Frauen. Der Mann sieht aus wie der Glöckner vom Notre Dame und selbst sein Geld kann ihn nicht attraktiv für Frauen machen, wie es scheint.“

„Und du bist sicher, dass er unsere Tochter hat?“

Der Gedanke war auch für Corey erschreckend. Es gab Gerüchte über seltsame sexuelle Praktiken, die Maza ausüben sollte. Angeblich hatte er in jedem seiner Anwesen mehrere Frauenarztstühle. Corey wollte sich nicht ausmalen, was man Caroline vielleicht schon angetan hatte. „Die NSA hat ihn mitfinanziert. Das weiß ich mit Sicherheit. Er hat ihnen erlaubt, hier eine militärische Basis zu errichten, ohne dass die kolumbianische Regierung etwas davon erfahren hat. Ich glaube, dass Dale Benson auch privat ein bisschen mitverdient hat. Die beiden waren Freunde. Es ist nur logisch, dass Caroline bei Maza gelandet ist.“

„Solltest du das nicht diesem Agenten mitteilen? Can Smith?“

„Wenn er so schlau ist, wie er tut, sollte er das längst wissen.“

Lydia beobachtete Corey. Jedes Mal wenn sie Can Smith erwähnte, verhärteten sich Coreys Gesichtszüge. Er schien den Mann zu hassen. Die Frage war nur: Warum? Was hatte Can getan, um Coreys Verachtung zu verdienen? Sie selbst hatte diese Verachtung verdient. Sie war es schließlich gewesen, die sich nie um Caroline gekümmert und sie als Baby benutzt hatte, um Corey zu erpressen. Lydia machte sich keine Illusionen. Corey verachtete sie dafür, doch der arme Can Smith schien noch weiter oben auf Coreys Hass-Liste zu stehen. Auch wenn sie sich siebenundzwanzig Jahre lang nicht gesehen hatten, wusste Lydia, dass es mit Sicherheit nicht klug gewesen wäre, Corey jetzt nach Can zu fragen. Also beschränkte sie sich wieder auf die Aufgabe, die vor ihnen lag. Die Rettung ihrer Tochter. Falls es nicht schon zu spät war.

„Wie willst du an Maza herankommen?“

„Es ist mir von mehreren Quellen bestätigt worden, dass Maza sich dauerhaft in Kolumbien niedergelassen hat.“

„Was sind das für Quellen?“ Wenn sie zusammenarbeiteten, wollte und musste Lydia alles wissen. Das lag in ihrer Agentennatur. Sie war, verdammt noch mal, eine der besten Agenten Russlands gewesen. Nur leider in Ungnade gefallen. Viel Zeit hatte sie nicht, ihre Tochter zu retten und wenigstens einmal in die Arme zu schließen. Der russische Geheimdienst war ihr auf den Fersen. Sie würden kurzen Prozess mit ihr machen. Ein vermasselter Auftrag hatte ausgereicht, um zu ihrem Ende zu führen.

Corey ließ sich lange Zeit mit seiner Antwort. Lydia verlor die Geduld. „Corey, wenn wir unsere Tochter retten wollen, müssen wir an einem Strang ziehen. Es hilft niemandem, wenn du mir Informationen vorenthältst.“

„Warum sollte ich dir vertrauen?“

Verdammt, er hatte ja recht. Es gab keinen Grund für ihn, ihr zu vertrauen. „Menschen ändern sich.“

Corey kam auf sie zu, bis sein Gesicht direkt vor ihrem war. Sie konnte die Wut in seinen Augen sehen. Diese wässrig-blauen Augen, deren Farbe er sonst mit Kontaktlinsen verbarg. „Du willst mir glauben machen, dass du dich verändert hast? Hast du auch nur einmal in den letzten siebenundzwanzig Jahren an deine Tochter gedacht? Hast du sie in den Armen gehalten, wenn sie einen Alptraum hatte? Hast du ihr Pflaster auf die Knie geklebt, wenn sie hingefallen ist? Hast du ihren Schulabschlussball miterlebt? Hast du im Saal gesessen, als sie den Doktortitel bekam?“

Sein Ton war ruhig. Gefährlich ruhig. „Nein, das habe ich nicht.“ Ehrlichkeit, mehr hatte Lydia nicht mehr zu bieten. „Aber mir ist etwas klargeworden. Ich habe mich immer für unsterblich und unbesiegbar gehalten. Ich weiß, das war dumm. Von einem Tag auf den anderen hat man mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich weiß, dass ich sterben werde, und ich weiß endlich, dass das, was ich getan habe falsch war. Lass mich einmal etwas richtig machen.“ Er trat wieder einen Schritt zurück. „Bitte.“

Überraschung trat auf sein Gesicht. Es überraschte sie selbst. Früher hatte sie dieses kleine Wort so gut wie gar nicht benutzt. Es dauerte eine Ewigkeit, so kam es ihr zumindest vor, doch dann kam wieder Bewegung in Corey.

„Setz dich.“ Corey deutete auf einen der Stühle. Sie fügte sich.

„Der Feind deines Feindes ist dein Freund. Das habe ich in meinem Job gelernt.“

„Du hast Kontakt zu einem anderen Drogenkartell aufgenommen?“

„Ja.“

„Das ist eine gefährliche Sache.“

„Aber besser als mit der hiesigen Polizei oder dem Geheimdienst Kontakt aufzunehmen. Die sind so gut wie alle von Maza geschmiert worden.“

Lydia musste zugeben, dass da mit Sicherheit was dran war. „Wie willst du vorgehen? Jetzt, wo wir wissen, dass er hier ist?“

Corey warf ihr die Tageszeitung zu. „Wir nehmen den guten alten Weg des Undercoveragenten. Ich finde, dass diese ganze Technik überschätzt wird. Die Undercoverarbeiten kommen viel zu kurz.“ Er grinste spitzbübisch, was ihn viel jünger erschienen ließ. Lydia las sich den Bericht in der Zeitung durch, den er aufgeschlagen und ihr zugeworfen hatte.

Anfang Mai wurde ein wertvoller Zuchthengst von der Farm des angesehenen Bauherrn Alfonso Maza gestohlen. Zwei Stallknechte wurden bei diesem Diebstahl erschossen. Wie erst heute bekannt wurde, versuchte man ein Lösegeld von Maza zu erpressen, da der Hengst in der südamerikanischen Vollblutzucht mit mehreren Millionen Dollar Wert angegeben wird. Eine Stute von ihm decken zu lassen, kostet 300 000 US-Dollar. Wie Alfonso Maza angab, wurde kein Lösegeld gezahlt, und das Pferd wurde gestern, nach sechs Wochen Gefangenschaft, gesund und wohl genährt, an einen Baum gebunden, wiedergefunden. Allerdings wurde der Hengst zum Wallach gemacht.

Darunter ein Bild des Pferdes, wie es allein über eine Rennbahn galoppierte.

Lydia sah Corey an. „Und ?“

„Du und ich sind ab sofort ein neureiches Ehepaar aus den USA. Wir wollen Rennpferde züchten und uns bei Maza die eine oder andere Stute kaufen. Ich weiß, dass diese Zucht sein ganzer Stolz ist. Er lässt auch selbst trainieren und hat schon einige große Rennen in Argentinien gewonnen. Sein Traum ist es wohl, eines Tages den Sieger des Kentucky Derbys zu züchten und trainieren zu lassen. Er macht die Verkäufe selbst. Wir werden also nah an ihn herankommen.“

„Weißt du Corey, ich wollte schon immer eine neureiche Amerikanerin sein, die ihr eigenes Pferd im Stall hat. Dann lass uns mal zwei hübsche Identitäten kreieren.“

Ráquira, Kolumbien

Alfonso Maza beobachtete, wie der Fahrer seiner Limousine die Tür zuschlug und dann den Wagen umrundete. Der gepanzerten Limousine schadete es nicht, wenn die Autotür etwas kräftiger zugeschlagen wurde, doch Alfonso konnte jegliche Art von Lärm nicht ertragen. Dieser ließ ihn jedes Mal zusammenfahren. Eine Schwäche, die er an sich hasste. Es musste nur überraschend ein Hund neben ihm bellen. und schon zuckte er zusammen. Der Mann, der den Wagen startete, war neu bei ihm. Er hatte noch einiges zu lernen.

Hinter den getönten Scheiben, beobachtete Alfonso die Menschen auf dem Markt. Ráquira lag drei Autostunden von Kolumbiens Hauptstadt Bogotá entfernt. Hier hatte sich Alfonso ein Herrenhaus gekauft und jede Menge Land um seine Pferdezucht zu betreiben. Ráquira war berühmt für seine handgewebten Stoffe und die Töpferei. Er hatte sich gerade auf dem Markt einige bunte Decken und getöpferte Kunstgegenstände gekauft. Alfonso liebte es bunt auf seiner Farm und er liebte die südamerikanischen Traditionen. Natürlich hätte er sich Gemälde von Monet oder Picasso en masse leisten können, doch Kunst lag immer im Auge des Betrachters. Nur, weil etwas teuer war, musste es einem noch lange nicht gefallen.

Fast alles war im Kofferraum verstaut, bis auf die kleine getöpferte Frauenfigur. Die war ein Geschenk für seine neue Anschaffung. Wobei Anschaffung nicht das richtige Wort war. Er hatte sich schließlich das Geld zurückgeholt, das er für Caroline Snyder bezahlt hatte. Es war recht und billig gewesen, die NSA Leute umzubringen. Wenn er gekonnt hätte, dann hätte er diesen ganzen Verein auf seine Todesliste gesetzt. Doch was konnten die NSA Mitarbeiter dafür, dass ihr Boss Dale Benson tot war? Dale war ein guter Geschäftsmann gewesen. Die Verbindung zum militärischen Geheimdienst der USA hatte sich als großartig erwiesen. Nur so hatte Alfonso mit seiner „Firma“ von Venezuela aus nach Mexiko und Kolumbien expandieren können. Doch er wusste, wer der eigentliche Schuldige am Tod von Benson und am Ende dieser lukrativen Verbindung zur NSA war. Corey Snyder, Chef einer Spezialeinheit. Der stand jetzt auf Alfonsos Abschussliste ganz oben. Dass ihm Coreys Tochter in die Hände gefallen war, war in zweierlei Hinsicht ein Geschenk des Himmels. Zum einen war sie genau der Typ Frau, dem er nicht widerstehen konnte. Groß, blond, grünblaue Augen, eine Haut so zart und hell, wie die einer Elfe. Sie bewegte sich auch so grazil. Nicht, dass er schon einmal einer Elfe begegnet wäre. Er kicherte in sich hinein. Die kleine Frauenfigur in seiner Hand, war das genaue Gegenteil von Caroline. Dick. Und das würde Carolina, wie er Snyders Tochter lieber nannte, bald auch sein. Sie würde ein Jahr bei ihm bleiben. Was für einen Spaß er mit ihr haben würde. Bei dem Gedanken bekam er direkt einen Ständer. Auf alle erdenklichen Arten musste er sie ficken. Ein Kind zeugen. Einen Erben. Danach bekäme Corey Snyder sie in Einzelteilen zugeschickt. Mal ein Ohr, mal eine Hand, einen Fuß, bis zu den Innereien. Er würde sie ausweiden, wenn er mit ihr fertig war. Wahrscheinlich musste er Corey Snyder dann gar nicht mehr töten. Welcher Mann würde nicht daran zerbrechen?

Caroline „Carrie“ Snyder rieb sich die schmerzende Faust. Das hatte sie nun davon, dass sie fast eine Stunde lang gegen die Tür gehämmert hatte. Sie schnaubte wütend vor sich hin. Sie hatte doch nicht wirklich erwartet, dass sie jemand aus dem Zimmer lassen würde? Wobei Zelle es wohl besser getroffen hätte. Ein Bett, ein Tisch mit einem Stuhl, und in der Ecke, verbunden mit einem Rohr, das nackt aus der Wand ragte, eine Toilette. Kein Waschbecken, kein Fenster, kahle Wände. Sie musste sich in einem Kellerraum befinden. Zumindest war es angenehm kühl hier. Das war aber auch schon alles, was der Sache zum Vorteil gereichte. Noch vor ein paar Tagen war sie voller Angst gewesen. Die beiden Männer, die sie von der Ausgrabungsstätte in Brasilien entführt hatten, waren ihr unberechenbar erschienen. Sie hatten ihr mehrmals angedroht, sie zu töten, wenn sie nicht kooperierte. Das war nach dem Fluchtversuch gewesen, der kläglich gescheitert war. Carrie glaubte nicht, dass ihr jetziger Entführer vorhatte, sie umzubringen. Dann hätte er es schon längst tun können.

Sie horchte, aber vor ihrer Tür war alles totenstill. Also ließ sie sich auf dem Bett nieder und ließ die letzten Tage noch einmal Revue passieren. Ihr Leben war perfekt gewesen. Sie hatte endlich ihren Doktor gemacht und vor wenigen Wochen zum ersten Mal eine eigene Ausgrabungsstätte geleitet. Sie lächelte vor sich hin. Das Gefühl, die Leiterin der Ausgrabungen zu sein, war unbeschreiblich. Im Bundesstaat Acre, südwestlich des Amazonasbeckens, hatte sie ein großes Gebiet anvertraut bekommen, von dem man vermutete, dass dort vor mehr als zweitausend Jahren ein noch unentdecktes Volk gelebt haben musste. Touristen waren über keramische Artefakte gestoßen.

Doch sie saß in diesem Loch fest. Die Ausgrabungen hatte man sicher schon längst jemand anderem anvertraut. Ob überhaupt jemand nach ihr suchte? Ob es um Lösegeld ging? Ganz bestimmt nicht. Sicher hatte sie diese vertrackte Situation ihrem Vater Corey zu verdanken. Irgendwann musste es ja mal so kommen, doch sie hatte nie Angst um sich selbst gehabt. Sie hatte Angst um ihren Vater gehabt, jeden Tag ihres Lebens, seit sie wusste, dass er der Direktor eines Geheimdienstes war. Eines tödlichen Geheimdienstes. Immer wieder wollte Corey sie überreden, einer von ihnen zu werden, doch Carrie wollte ihren Traum leben. Archäologie studieren, im Boden herumwühlen und sich in die Vergangenheit eingraben, so hatte ihr Vater das genannt. Im Grunde hatte er recht, aber es war nun mal das, was sie tun wollte. In ihre Gedanken vertieft, rieb sie sich über die Stelle an der Schulter, wo der Betäubungspfeil sie getroffen hatte. Wie die beiden Männer sie aus Brasilien herausgeschafft hatten, wusste sie nicht. Sie war erst in einem heruntergekommenen Haus in Caracas aufgewacht, wenn sie das überhaupt richtig bei den Gesprächen der Männer mitbekommen hatte. Irgendwas musste schiefgelaufen sein, denn die beiden Männer schienen nach ein paar Tagen nicht mehr zu wissen, was sie mit ihr anfangen sollten. Letztendlich hatte man sie in einer Nacht- und Nebelaktion an südamerikanische Männer übergeben, die von Venezuela mit ihr nach Kolumbien gefahren waren. Carrie war nicht naiv, außerdem sprach sie fließend portugiesisch und spanisch. Die Männer waren Mitglieder eines Drogenkartells und wenn sie alles richtig mitbekommen hatte, saß sie jetzt im Anwesen eines Kartellbosses fest. Hervorragend! Sollte sie lebend aus diesem Schlamassel herauskommen, konnte ihr Vater sich auf was gefasst machen!

2

In einem kleinen Dorf in der Nähe von Bogotá

Can hätte zumindest seinem SAJ-Boss Barrett Manor über die neuesten Entwicklungen in Kenntnis setzen müssen, doch er hatte es nicht getan. Er wollte um jeden Preis vermeiden, dass Carries Vater Corey Wind davon bekam. Das Letzte, was er bei seiner Operation gebrauchen konnte, war ein aufgebrachter Vater, der obendrein noch so eine Art Erzfeind war.

Can hatte sich in einer kleinen, leer stehenden Hütte eingerichtet. Mit Sicherheit wusste er, dass Alfonso Maza sich weder in Mexiko, noch in Venezuela aufhielt. Vermutlich war er in einem seiner Herrenhäuser in Kolumbien untergebracht. Er unterhielt einige davon, alle in der Nähe der kolumbianischen Hauptstadt. Can hatte sorgfältig recherchiert. Maza war in den südamerikanischen Dörfern so eine Art Heiliger. Der eigentliche Regent, wenn man so wollte. Er verteilte Geld auf Märkten, ließ Schulen und Fußballplätze bauen, sorgte für Arbeitsplätze. Die, die ihn nicht verehrten, hatten zu viel Angst, ihn zu verraten. Mehrere Morde an Staatsanwälten, Richtern und auch der Mord eines mexikanischen Justizministers gingen auf Mazas Konto. Er benutzte besonders dort, wo er sich gerade aufhielt, eine Privatarmee, um sich zu schützen. Nicht einfach, an ihn heranzukommen. Maza hatte eine Schwäche: Blonde, amerikanische Frauen. Doch nach einiger Zeit endeten sie tot in Straßengräben. Dieses Schicksal musste er Carrie ersparen.

Es klopfte. Das konnte nur einer sein. Niemand sonst wusste, dass Can sich in dieser Bruchbude aufhielt.

Der Mann, der vor der Tür stand, sah noch genau so aus, wie Can ihn in Erinnerung hatte, nur ein bisschen älter. Der schwarze Haarkranz war jetzt grau, und auf seinem Gesicht waren mehr Falten, zwei davon hatten sich tief in die hohlen Wangen eingegraben. Doch die schwarzen Augen waren immer noch wach, und auch die selbstgedrehte Zigarette steckte wie eh und je im Mundwinkel.

„Komm rein.“

Tajo Molinero machte einen großen Schritt und sah sich mit dem für ihn typisch spöttischen Lächeln um. „Nett hast du es hier.“

Can konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. „Na komm schon, im Vergleich zu der Höhle im Uralgebirge, ist das doch ein Fortschritt.“

Tajo ließ sich auf den Stuhl fallen, der mitten im Wohnzimmer stand, sofern man überhaupt von Wohnzimmer sprechen konnte. Denn außer einem Tisch und dem alten Stuhl gab es keine Einrichtung in diesem Raum. „Erinnere mich nicht daran. Mein Rücken tut heute noch weh.“

Für einen Moment dachte Can daran, wie er mit Tajo zusammengearbeitet hatte. Er hatte damals in Russland für die Amerikaner Informationen beschaffen sollen und war in einen Hinterhalt geraten. Irgendwelche russischen Freiheitskämpfer hatten ihn als Agent enttarnt und angeschossen. Sie wollten ihn gefangen nehmen. Ein lächerlicher Plan. Sie hatten wirklich geglaubt, dass ein einziger CIA-Agent genügen würde, um im Austausch Waffen und weitere Unterstützung gegen die russische Regierung zu erhalten. Die Amerikaner hätten geleugnet, dass er überhaupt existierte, doch Tajo hatte ihm das Leben gerettet. Ursprünglich beim spanischen Geheimdienst tätig, war er irgendwann zu den Chinesen übergelaufen. Wohl der Liebe wegen. Doch die Tätigkeit bei den Chinesen hatte nicht lange angehalten. Zu der Zeit war Tajos „Unabhängigkeit“ aber Cans großes Glück gewesen. Tajo hatte ihn gerettet und in dieser beschissenen Höhle gesund gepflegt. Die Gegenleistung war ein Gefallen. Den hatte Tajo vor ein paar Jahren eingefordert, als Can für die Amerikaner in Japan als Doppelagent tätig war.

Auch Tajo schien in Erinnerungen versunken. „Die Baracke auf dem Schiff, das mich von Japan nach Südamerika gebracht hat, war allerdings wesentlich besser ausgestattet, als deine Hütte hier.“ Er trat seine Zigarette auf dem Boden aus und zündete sich direkt die nächste an, die schon hinter seinem Ohr gewartet hatte.

Da Can keinen Sitzplatz hatte, lehnte er an der Wand. „Ich weiß, dass wir quitt sind, aber ich brauche deine Hilfe.“

„Weißt du, du kommst mir ganz gelegen. Es wird Zeit, mich zur Ruhe zu setzen. Die Chinesen suchen mich immer noch. Südamerika ist der einzige Kontinent, wo ich einigermaßen sicher bin. Aber ich habe keine Lust mehr, mich von irgendwelchen Drogenheinis benutzen zu lassen. Ich will mit dem ganzen Scheiß aufhören. Ist hier aber bisher unmöglich gewesen. Wenn ich dir also helfe, brauche ich eine Gegenleistung.“

Can holte tief Luft. Natürlich. Nichts im Agentenleben war umsonst. „Was also kann ich tun?“

„Ich will meine Familie in China wiedersehen.“

„Du kannst nicht mehr zurück.“

Tajo nickte. „Ich weiß. Ich kann nicht zurück, solange General Ren Yeh noch lebt. Du wirst ihn für mich töten. Ich komme nicht an ihn ran.“

Oh Jesus. Cans Gedanken überschlugen sich. Er sah keine Möglichkeit, an Maza heranzukommen, es sei denn Tajo schleuste ihn beim Drogenbaron ein. Oder gab es doch noch eine andere Lösung? Je länger er zauderte, desto wahrscheinlicher war es, dass Carrie ein Martyrium durchleiden musste, das er seinem ärgsten Feind nicht angedeihen lassen würde. Er hatte keine Wahl. Verdammt, an diesen chinesischen General durfte er derzeit keinen Gedanken verschwenden. Carrie hatte Priorität. „Also schön. Wenn ich meinen Auftrag hier erledigt habe, kümmere ich mich um Ren Yeh.“

Zufrieden zündete sich Tajo die nächste Zigarette an.

Ráquira, Kolumbien

Carrie starrte den kleinen Mann an, der sich mit zwei bulligen Typen zu ihr in die Zelle begeben hatte. Das sollte der große Boss sein? Zwischen seinen Bodyguards sah er geradezu lächerlich aus. Wäre ihre Situation nicht lebensbedrohlich gewesen, hätte sie glatt lachen können.

Alfonso Maza reichte ihr gerade mal bis zur Schulter, und so wahnsinnig groß war sie nun wirklich nicht. Der Mann konnte höchstens einssechzig groß sein. Wenn überhaupt. Einen Buckel hatte er auch. Dass er, ehe er etwas sagte, ihren Busen begrapschte, machte diese vertrackt lächerliche Situation nicht besser. Doch Carrie machte nicht den Fehler, diesen Mann zu unterschätzen. Wenn er der Kartellboss war, war es egal, ob er so groß war wie ein Erdmännchen und aussah wie der Glöckner vom Notre Dame, dann war er gefährlich. Dieser Mann hatte ihr Leben in der Hand. Seine kleinen fleischigen Hände wanderten von ihren Brüsten weiter nach oben. Sein Daumen fuhr über ihre Lippen.

Ekel stieg in Carrie auf. Sie zwang sich, keinerlei Reaktion zu zeigen, atmete langsam und versuchte das schnelle Klopfen ihres Herzens unter Kontrolle zu bringen.

„Ich muss mich entschuldigen. Wo sind nur meine Manieren?“ Maza trat einen Schritt zurück. „Dies ist keine angemessene Unterbringung.“ Er drehte sich zu seinen Bodyguards. „Wer hat sie hier in diesen Kerker eingesperrt?“

Einer der Typen zuckte mit den Schultern, der andere antwortete: „Johnny.“

Maza nickte. „Wir werden uns um ihn kümmern, nicht wahr?“

Damit hatte er nicht den Bodyguard angesprochen, sondern sie. Carrie wartete. Was würde als nächstes geschehen?

Maza schnippte mit den Fingern, und einer der Bodyguards trat hervor. Er reichte ihm ein kleines Päckchen, das Maza ihr in die Hand drückte. „Ein erstes Geschenk. Es werden noch viele folgen, mi corazón. Mach es auf.“

Carrie entschied sich, erst mal zu tun, was Maza verlangte. Für den Augenblick war das sicher das Beste.

Eine kleine Frauenfigur kam zum Vorschein. Töpferware. Carrie mochte solche Figuren. Das war echte Handarbeit. Doch kein Geschenk der Welt konnte diese Situation angenehmer machen. Nicht, wenn es von Maza kam. Sie setzte eine freundliche Miene auf, lächelte sogar kurz, das würde er sicher von ihr erwarten.

Tatsächlich nickte er zufrieden. „Wir werden dich jetzt in einem vernünftigen Zimmer unterbringen.“

Sein Englisch hatte einen starken Akzent, doch seine Stimme war einschmeichelnd. Nicht wirklich tief, da war eine hohe Note, wenn er sprach. Noch mehr Ekel stieg in Carrie auf, während sie flankiert von den beiden Bodyguards, Maza aus dem Keller folgte.

Sie stiegen unzählige Stufen hinauf, gingen durch mehrere Flure. Vor einer Doppeltür machten sie Halt. Maza öffnete und Carrie durfte ihr neues Zuhause betrachten. Ja, das war etwas anderes als der Kerker. Das Zimmer war riesig. Es hätte auch als Wohnung durchgehen können. Ein Wohnbereich mit Fernseher und Couch, ein Himmelbett, das antik zu sein schien, und edle Teppiche waren die ersten Dinge, die sie bemerkte. Alles war bunt. Auf den ersten Blick wirkte es zusammengewürfelt, doch dann wurde ihr klar, dass es sich hier um Kunst der Ureinwohner handelte. Getöpferte Figuren, bunt gewebte Wandteppiche, farbige Decken über Couch und Bett, das alles war mit Liebe ausgesucht und auf den zweiten Blick passte es hervorragend zusammen. Wäre dies ein Hotelzimmer in Südamerika und sie im Urlaub hier, hätte es ihr glatt gefallen. Einen Kamin gab es auch. Sie sah sich weiter um. Mehrere Kleiderschränke aus dunklem Holz mit Schnitzereien an der einen Wand, während die andere Wand mit Regalen voller Bücher dominiert wurde.

Maza öffnete den Kleiderschrank. Er war voll. Er musste ihr Kleidung gekauft haben. Erwartungsvoll sah er sie an, also trat sie näher und betrachtete die Kleidung. Er schien ihre Größe getroffen zu haben, ihren Stil allerdings nicht. Cargohosen und T-Shirts gab es keine, dafür jede Menge Kostüme und Abendkleider.

„Ich lasse dich allein. Das Bad ist dort vorn.“ Er deutete auf eine Tür rechts von ihr. „Mach dich frisch, zieh dir eines der Kleider an. Ich erwarte dich in zwei Stunden zum Diner.“

Sie nickte, während sie beobachtete, wie die drei Männer den Raum verließen. Ein Schlüssel wurde im Schloss herumgedreht. Natürlich. Was hatte sie auch anderes erwartet? Trotz der luxuriösen Unterkunft würde man sie sicher nicht im Haus herumspazieren lassen, geschweige denn ihr erlauben zu gehen. Sie betrat das Bad. Eine altmodische Badewanne auf Löwenpfoten fiel ihr als erstes ins Auge. In der Ecke gab es auch noch eine Dusche. Flauschige Handtücher, Bademäntel, wunderbar duftende Seifen lagen bereit. Carrie zog sich aus. Wann hatte sie sich das letzte Mal geduscht? Sie konnte sich nicht erinnern.

Der warme Wasserstrahl tat gut. Sie musste eine Lösung finden, diesem Mann zu entkommen. Warum tat Maza das alles? Geschenke, die neue Unterkunft. Er wollte etwas von ihr. Sex, das war nach dem Begrapschen ihrer Brüste offensichtlich. Doch das schien ihr nicht alles zu sein. Carrie schloss die Augen und konzentrierte sich auf das Wasser, das ihren Rücken herunterlief. Ein Angstschauder nach dem anderen jagte ihr Rückgrat hinunter. Das konnte auch das Wasser nicht überdecken. Verdammt, sie musste hier raus. Was sie erwartete, war womöglich noch schlimmer als der Tod.

Bogotá, Kolumbien

Lydia massierte ihre müden Füße. Die Tüten mit ihren Einkäufen hatte sie achtlos in die Ecke gestellt. Corey war nicht da. Er hatte ihr auch nicht verraten, wo er heute hinwollte. Ihr Auftrag war gewesen, Designerkleidung für sie beide zu besorgen. Dazu ein paar vernünftige Accessoires, also teuren Schmuck. Zu diesem Zweck hatte ihr Corey eine Kreditkarte in die Hand gedrückt. Wessen Konto letztendlich belastet wurde, wusste sie nicht. Es war ihr auch egal. Sie mussten glaubhaft sein, die Neureichen so gut spielen, dass Maza auf ihre Show hereinfiel. Sie ließ von ihren Füßen ab und legte sich aufs Bett. Müdigkeit überfiel sie. Wann hatte sie zuletzt durchgeschlafen? Es musste Monate her sein. Es schlief sich nicht gut, wenn man auf der Abschussliste des russischen Geheimdienstes stand. Wieviel Zeit würde ihr bleiben, bis man sie fand? Würde die Zeit reichen, um mit Corey ihre Tochter zu finden? Sie schloss die Augen und driftete mit den Gedanken weiter ab. Vor siebenundzwanzig Jahren hatte sie eine Tochter geboren. Es war ihr wirklich nicht schwer gefallen, diese gegen ein wichtiges Dokument einzutauschen. Dieses Dokument hatte sie in ihrer Karriere beim russischen Geheimdienst an die Spitze katapultiert. Doch was hatte ihr das eingebracht? Ein Leben auf der Flucht, ein Leben, das neuerdings von Sehnsucht, Schuldgefühlen und einem schlechten Gewissen dominiert wurde. Sie sah den jungen Corey Snyder vor ihrem inneren Auge. Die Freude in seinem Gesicht, als sie ihm eröffnet hatte, dass sie schwanger war. Wie er Pläne schmiedete, sie vom russischen Geheimdienst loszueisen, ein neues Leben für sie in den Vereinigten Staaten von Amerika aufzubauen. Sie hatte mitgespielt, ihn betrogen. Dieser Betrug wog schwerer, als wenn sie etwas mit einem anderen Mann angefangen hätte. Lydia stöhnte innerlich auf, als sie ihre gemeinsame finale Szene vor sich sah. Ein paar Tage zuvor hatte sie sich in ihrer geheimen Wohnung in Austin verschanzt und Corey angedroht, ihre gemeinsame Tochter zu töten, wenn er nicht das Dokument besorgte, das der russische Geheimdienst haben wollte. Heute noch sah sie Corey vor sich. Den Ausdruck in seinen Augen würde sie nie vergessen. Hass, als er ihr das Dokument gab, und dann überschäumende Liebe, als sie ihm Caroline in die Arme legte.