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Innerhalb weniger Tage sterben drei Frauen in Cornwall. Die erste Tote wird in einem Stausee im Bodmin Moor gefunden. Niemand kennt sie. Niemand scheint sie zu vermissen. Dann wird die arrogante Anna Russ ermordet, eine deutsche Touristin, die kurz nach ihrer Ankunft in Cornwall spurlos verschwunden war. Dominik, ihr Ehemann, soll sie erdrosselt haben. Hat er auch etwas mit dem Tod von Lavinia Wood zu tun, die dem deutschen Ehepaar ein Cottage vermietet hatte? Mary Shepard, die verbitterte Schwester von Lavinia Wood und eine skurrile Künstlerin, macht es Inspector McKoy nicht leicht, die Todesfälle zu klären. Sie möchte partout nicht, dass die Polizei der tödlichen Täuschung auf die Spur kommt, der sie und andere vor einem Vierteljahrhundert erlagen.
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Seitenzahl: 396
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Marcelo Strumpf
Tödliche Täuschungen
Ein Cornwall-Krimi
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
PROLOG
Tag 1
Tag 2
Tag 3
Tag 4
Tag 5
Tag 6
Tag 7
EPILOG
Impressum neobooks
St. Ives, im Sommer 1973
Mist, Mist, Mist und nochmals Mist! Er wusste doch, dass ihm die blöde Kuh früher oder später Ärger machen würde. Und jetzt hatte er Ärger, mächtigen sogar. Becky hatte ihn dazu gebracht, sie zu töten!
Da lag sie: ausgestreckt auf dem Fußboden des alten Strandhäuschens, den Kopf zur Seite gedreht, und atmete nicht mehr. Wahnsinn: Es war fast dieselbe Stelle, an der sie sich beide im letzten Sommer herumgewälzt hatten.
Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie überrascht er gewesen war, dass Becky noch Jungfrau war. Immerhin hing ihr schon mit fünfzehn der Ruf nach, zu den frühreifen Mädchen an der High School zu gehören. Das war nichts anderes als eine höfliche Umschreibung für „Schlampe“. Jeder an der Schule, ob Lehrer, Schüler und Eltern, wusste doch, dass Rebecca Hynes, die von allen einfach nur Becky genannt wurde, praktischen Aufklärungsunterricht betrieb und sich Mitschüler über vierzehn vorknöpfte, zumindest die sportlichen unter ihnen. Man hatte sogar gemunkelt, sie habe es mit Mr. Edwards getrieben, dem Sportlehrer. Aber das alles war wohl nur ein Gerücht, wie er dann herausfand. Becky konnte bis letzten Sommer mit niemandem Sex gehabt haben.
Es geschah nach einer Sommerparty am Strand, nach zu viel Bier und zu viel Wein. Ob er tanzen wolle, fragte sie ihn, als aus dem scheppernden Kassettenrecorder „Nights in White Satin“ von Moody Blues erklang. „Wegen mir“, antwortete er ihr lustlos. Und dann tanzten sie eng umschlungen, während er Beckys heißen, leicht säuerlich nach Bier riechenden Atem an seinem Ohr spüren konnte und ihren Unterleib, der sich gegen seinen presste. Und irgendwie hatte ihn das sogar ganz schön heiß gemacht, doch dann riefen seine Kumpels nach ihm.
Er konnte sich noch sehr gut an jenen Spätnachmittag im letzten Jahr erinnern. Die Sonne war schon fast untergegangen und hatte den tagsüber blauen Himmel in ein glühendes Rot getaucht, als Jimmy, Mike und die anderen aus seiner Klasse losrannten. Sie wollten die tolle Brandung ausnutzen und surfen. Da war für ihn kein Halten mehr. Surfen war nun mal seine Leidenschaft. Und so ließ er Becky am Ende des Songs einfach stehen und war seinen grölenden Freunden hinterhergerannt.
Er war als letzter in das Strandhäuschen angekommen, dessen weiße Außenfarbe vergilbt war und seit Jahren mehr und mehr abblätterte. Seine Freunde hatten ihre Bretter schon von den Ständern heruntergenommen und rasten an ihm vorbei aufs Meer zu, wo sie auf die perfekte Welle warteten. „Wartet auf mich“, rief er ihnen noch hinterher, aber sie hatten ihn nicht mehr gehört. Dafür hörte er, wie die Tür hinter ihm geschlossen worden war und jemand den Riegel zuschob. Erst hatte er geglaubt, einer seiner Kumpel wäre zurückgekommen, um ihm einen Streich zu spielen und ihn einsperren zu wollen. Doch dem war nicht so. Denn als er sich umdrehte, konnte er Becky sehen, die in das Strandhäuschen hereingekommen war und ihn mit vor Lust fiebrigen Augen anschaute.
„Was ist?“, hatte er sie naiv gefragt, obwohl er ja genau sehen konnte, was sie wollte. Er war gerade dabei gewesen, seine Bermudashorts anzuziehen, und stand splitternackt da. Also musterte sie seinen nackten Körper von oben bis unten und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Statt zu antworten, hatte sie dann begonnen, sich wie eine Stripperin zu bewegen und ihre Bluse aufzuknöpfen. Und dann war auch schon ihr Minirock gefallen, und sie hatte nur noch in ihrem Slip vor ihm gestanden. Keine Frage, das hatte ihn ganz schön geil gemacht.
Es war stickig in dem Strandhäuschen gewesen. Es hatte nach Teer und Schweiß und nach Beckys schwerem Patschuli-Parfüm gerochen, als sie sich auf den Holzdielen am Boden gewälzt hatten und er ungeschickt in sie einzudringen versuchte. Die Nummer hatte nicht lange gedauert, denn er wollte ja surfen gehen. Kaum war er gekommen, hatte er seine Shorts angezogen, sich das Surfbrett geschnappt und war hinausgelaufen. Wahrscheinlich hatte sie ihm wütend nachgeschaut, weil er sie einfach so da liegen ließ, ohne irgendetwas zu sagen.
Trotzdem hatte sie ihn danach nicht mehr in Ruhe gelassen. War lästig wie eine Schmeißfliege gewesen. War ihm überall hingefolgt. Hatte ihm schwülstige Liebesbriefe geschrieben, die er nicht beantwortete, bis sie ihm dann vor ein paar Monaten erzählte, sie würde mit ihren Eltern aus St. Ives wegziehen. Ihr Vater wäre beruflich nach Devonshire versetzt worden. Leider nicht weit genug von Cornwall, hatte er da gedacht. Und doch: Gott, was war er erleichtert gewesen, als er von ihren Umzugsplänen wusste. Denn das bedeutete, dass sie ihn endlich in Ruhe lassen würde.
Max schaute wieder hinunter auf den Fußboden, auf dem Becky regungslos lag. Jetzt würde er tatsächlich vor ihr Ruhe haben, denn sie war tot. Mausetot. Das hatte er doch nicht gewollt! Verdammt! Er hätte heute auf sein inneres Gefühl hören und sich nicht nochmal mit ihr treffen sollen. Aber, nein, er hatte sich von ihr weichreden lassen.
„Sei kein Frosch, Max“, hatte sie zuckersüß ins Telefon geflötet, als sie mittags bei ihm zu Hause anrief. „Du weißt doch, dass ich morgen wegziehe, und wer weiß, ob wir uns jemals wiedersehen. Da wird es doch wohl nicht zu viel verlangt sein, wenn wir uns nochmal treffen und uns voneinander verabschieden. So, wie es sich gehört“, sagte sie vielsagend und ein wenig geheimnisvoll. „Außerdem dachte ich, es liegt dir ein bisschen was an mir“, hatte sie dann weinerlich wie ein kleines Mädchen gesagt, obwohl sie sonst immer auf selbstbewusste Braut machte.
Herrje, wie kam die dumme Pute nur darauf, sie würde ihm etwas bedeuten? Er hatte ihr doch klipp und klar gesagt, dass er sie zwar ganz nett fand, aber mehr auch nicht. Nie hatte er ihr etwas vorgemacht oder so getan, als würde er für sie etwas empfinden.
Noch immer zitterten ihm alle Glieder. Er blickte wieder zu ihr herunter und hoffte inbrünstig, dass sie endlich wieder zu sich kommen und die Augen öffnen würde. Und dann ging er erneut in die Hocke und rüttelte an ihr, aber er konnte rütteln, so viel er wollte: Becky reagierte nicht. Scheiße!
An allem war nur seine blöde Mutter schuld. Sie war doch ans Telefon gegangen, als Becky angerufen hatte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und konnte seinen Blick nicht von Beckys leblosem und ziemlich blassem Gesicht abwenden. Nur eine Minute später, und sie hätte ihn nicht mehr zu Hause erwischt. Doch das Telefon läutete genau in dem Augenblick, als er gerade zum Strand loswollte, um sein neues Surfbrett einzuweihen.
„Max, es ist für dich. Becky“, hatte seine Mutter gesagt und ihm den Hörer hingehalten. Er hatte Null Bock gehabt, mit ihr zu sprechen, und dies seiner Mutter sehr deutlich zu verstehen gegeben, indem er ihr eindeutige Handzeichen machte und Grimassen zog. Aber sie hatte nicht daran gedacht, für ihn zu lügen. Sie hatte die Augen verdreht, damit er endlich den Hörer nahm, den sie ihm gnadenlos hingehalten hatte. Insofern war es auch zwecklos gewesen, ihr zuzuflüstern, sie solle Becky sagen, er sei nicht da. Seine Mutter hatte ihn in diese Sache reingeritten, als sie sich wieder den Hörer ans Ohr gehalten und zu Becky gesagt hatte: „Warte, Liebes. Einen kleinen Moment. Max kommt gleich ans Telefon“.
Was hätte er tun sollen? Ihm war nichts anderes übrig geblieben, als mit Becky zu sprechen. Erst hatte er ja noch versucht, Becky abzuwimmeln, indem er ihr vorgelogen hatte, er müsse noch für eine Prüfung lernen.
„Ein halbes Stündchen wirst du doch wohl abzweigen können, oder?“, hatte sie erwidert. „Lass uns im alten Strandhäuschen treffen. Du weißt schon wo, nicht wahr?“. Dann hatte sie so albern gekichert.
Natürlich wusste er nur zu genau, wo. Das Strandhäuschen, in dem sie es nach der Strandfete im letzten Sommer miteinander getrieben hatten. Es lag etwas versteckt hinter den Dünen. Und dort hatte sie ihn heute Nachmittag erneut verführen wollen, obwohl er ihr vor einem Jahr ganz klar zu verstehen gegeben hatte, dass es keine Wiederholung geben würde.
Nicht, dass Becky unansehnlich war. Ganz im Gegenteil. Sie sah scharf aus in ihren sexy Klamotten. Auch heute war es so gewesen, mit ihrem engen schwarzen Pulli und ihrem Minirock, der ihre schönen Beine in voller Länge zeigte.
Der Himmel war zugezogen, als er losgelaufen war, das Surfbrett unterm Arm. Ein starker Nordwind hatte geweht und ließ die Wellen des Atlantiks aufschäumen. Genau das richtige Wetter, um zu surfen, hatte er sich gesagt. Er wollte nicht lange bleiben, sondern nur kurz Hallo sagen, Becky alles Gute wünschen, und dann ab ins Meer.
Doch sie hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie war schon da, als er hereinkam, und hatte auf einer alten Holzkiste gesessen und einen Joint geraucht. Zumindest hatte es im Strandhaus ziemlich stark nach Gras gerochen.
„Schön, dass du gekommen bist. Kannst du dich an diesen Ort erinnern, mein süßer, strammer Max?“ Die letzten Worte hatte sie herausgehaucht, um ihm zu zeigen, wie geil sie auf ihn war, aber für ihn hatte es nur dämlich geklungen. Ihre Micky-Maus-Stimme hörte sich nicht unbedingt sexy an, fand er. Dann, als sie von der Holzkiste aufgestanden und auf ihn zugegangen war, hatte sie ihn süffisant angelächelt. Sie war vor ihm stehen geblieben, hatte den Joint auf den Boden fallen lassen und ihn mit ihrer Stiefelspitze ausgedrückt. Und dann war sie über ihn hergefallen.
Zur Salzsäule erstarrt, hatte er ihre feuchten, heißen Küsse über sich ergehen lassen und ihre Zunge an seinem Hals gespürt, während in seinem Kopf der Gedanke herumschwirrte, dass es sich für ein sechzehnjähriges Mädchen nicht gehörte, sich wie eine Nutte aufzuführen. Er fand das einerseits eklig, denn sie roch nach dem Joint und auch etwas nach Schweiß, aber irgendwie war er auch geil geworden. Doch als sie begonnen hatte, am Reißverschluss seiner Jeans herumzufummeln, war er wieder zur Besinnung gekommen.
„Lass das, Becky!“, hatte er sie angeschnauzt und dabei versucht, sich von ihrer Umklammerung zu lösen. Sie war wie ein Krake gewesen.
„Komm schon, du willst es doch auch, Max“, hatte sie ihm ins Ohr gehaucht. „Ein kleiner Abschiedsfick, damit ich dich in Erinnerung behalte und du mich.“
Aber er wollte nicht. Nein, er wollte keinen Sex mit ihr haben. Weder jetzt noch irgendwann. Vielleicht war es ja nicht normal für einen siebzehnjährigen Jungen wie ihn, dass er mit einem Mädchen nur schlafen wollte, wenn er es liebte, zumindest aber romantische Gefühle für es hegte. Und für Becky hatte er nun mal nichts übrig. Nach der schnellen Nummer im letzten Sommer wusste er, dass er nie wieder nur einfach so Sex haben wollte. Irgendwie fand er sie sogar abstoßend. Nicht ihr Aussehen, nein, dagegen war ja, wie gesagt, nichts einzuwenden. Aber ihre ganze Art und ihre billige Ausstrahlung und auch ihre nasale Stimme. Wahrscheinlich hatte sie Polypen. Und dann ihre ordinäre Art zu sprechen. Die war doch völlig daneben! „Abschiedsfick.“ Wie konnte sie nur so etwas sagen? Widerlich, ihre Anspielung auf seine Penisgröße, wenn sie ihn „mein strammer Max“ nannte. Das hatte sie sogar in der Schule getan. Wofür hielt sie ihn eigentlich? Immerhin hatte er sie doch auch nicht auf ihre großen Titten reduziert und Miss Big Tits genannt, so wie es viele seiner Mitschüler taten, die Stielaugen bekamen, wenn Becky in einem ihrer hautengen T-Shirts in die Klasse kam. „Wie kommst du nur darauf, dass ich dich in Erinnerung behalten will“, hatte er ihr dann geantwortet, in der Hoffnung, sie würde beleidigt gehen.
Aber Becky hatte sich auch davon nicht beirren lassen, sondern ihm dann einfach zwischen die Beine gefasst. Als aber ihre Finger spürten, dass er wirklich keinen Bock auf sie hatte, da schaute sie ihn für einen kurzen Moment fast ungläubig an. Und danach hatte sie fies gelächelt.
Erst nahm er an, sie würde gleich irgendeine dämliche Bemerkung machen. Doch dem war nicht so gewesen. Statt überhaupt etwas zu sagen, war sie vor ihm in die Hocke gegangen, um wieder am Reißverschluss seiner Jeans zu fummeln. Und genau in dem Moment hatte er sie in ihrem Vorhaben, ihm einen blasen zu wollen, gebremst und sie angeschrien: „Stopp! Lass das, habe ich gesagt. Ich will nicht! Kapier das doch endlich! Ich muss jetzt weg. Mach’s gut." Kaum hatte er sich umgedreht, um aus der Tür zu gehen, hörte er ihre schrille Stimme.
„Max! Wag es ja nicht, mich hier stehen zu lassen! Du willst nicht? Ich glaube wohl eher, du kannst nicht. Kriegst keinen mehr hoch, oder was? Du elender Schlappschwanz! Bist wohl in Wirklichkeit schwul, oder was?“ Dann hatte sie ihn ausgelacht. Es war ein schrilles Lachen gewesen, das sich in ein endloses Gackern verwandelte. Sie hatte einfach nicht aufgehört zu lachen, bis sie einen Schluckauf bekam, in den sich ihr keifendes „Schwuli! Schlappschwanz! Schwuli! Schlappschwanz!“ mischte.
Sie hatte ihn so wütend gemacht, dass er nicht anders konnte, als wieder auf sie zuzugehen und ihr eine zu brettern. Es war keine kräftige Ohrfeige. Eher wie ein Klapps auf den Po. Becky war aber vor Schreck einen Schritt zurückgetreten und hatte ihn mit ihren katzengrünen Augen erschrocken angeschaut.
Natürlich hatte er es sofort bereut, ihr eine runtergehauen zu haben, und wollte sich bei ihr entschuldigen, doch dazu war er gar nicht gekommen. Becky fand rasch die Sprache wieder.
„Ach so… Du liebst also die harte Tour, mein jetzt nicht ganz so strammer Max. Nun, das kannst du gerne haben!“ Und dann hatte sie sich erneut auf ihn gestürzt.
„Aua! Du blöde Kuh!“, hatte er schmerzerfüllt gerufen, als er ihre rotlackierten Fingernägel brennend im Gesicht spürte.
Becky war nicht mehr zu bremsen gewesen. Sie schien, Blut geleckt zu haben, und war dann erst so richtig zum Angriff übergegangen. „Entweder du machst es mir jetzt, oder ich erzähle überall herum, dass du mich vergewaltigen wolltest.“ In ihrem Gesicht war unverkennbar der Ausdruck von Entschlossenheit gewesen. Sie bluffte nicht. Nein, sie meinte es ernst. Sehr ernst. Und genau das war ihr großer Fehler. Sie hätte ihm nicht drohen dürfen.
„Du spinnst ja“, hatte er geantwortet und sie verärgert von sich weggestoßen, diesmal ziemlich heftig sogar. Er hatte noch mitbekommen, dass sie wohl noch irgendetwas sagen wollte, aber dazu war sie nicht mehr gekommen. Becky war nämlich trotz ihrer Stiefel mit den hohen Plateausohlen ein Kopf kleiner als er und weitaus leichter, so dass sie gestolpert war, als er sie geschubst hatte. Und dann war sie rücklings hingefallen und mit dem Kopf auf die Holzplanken geschlagen. Oder noch schlimmer: auf eine der verrosteten Stangen, die irgendjemand hier hingelegt hatte.
Erst hatte er sich ja nichts weiter dabei gedacht, als er sah, dass sie sich nicht rührte. Er war sicher gewesen, sie würde sich gleich wieder aufrappeln und ihn noch giftiger als vorher anschreien. Aber Beckys Augen blieben geschlossen. Sie machte keinen Mucks. Da ergriff ihn natürlich Panik. Sofort war er in die Hocke gegangen und hatte ihren Kopf auf äußere Verletzungen untersucht, aber nichts entdecken können. Kein Blut, rein gar nichts. Nicht mal ein Kratzer war zu sehen. Dann schüttelte er sie und rief „Becky, Becky, wach auf!“. Doch die blöde Kuh reagierte einfach nicht. Als seine Panik sich in Entsetzen verwandelt hatte, erwog er, loszustürzen und Hilfe zu holen. Aber das erschien ihm dann doch keine so gute Idee. Bestimmt würde sie dann erst recht behaupten, er habe sie vergewaltigen wollen. Und wer würde ihr nicht glauben? Mädchen glaubte man doch immer. Sie waren doch das schwache Geschlecht. Da war es doch besser für ihn, wenn sie tot war. So konnte sie wenigstens keine Lügengeschichten über ihn erzählen.
Aber, was sollte er tun, wenn man sie fand? Und das würde man ja, früher oder später. Seine Mutter wusste doch, dass er sich mit ihr verabredet hatte. Dennoch: Sollte er jetzt etwa zu seiner Mutter gehen und sagen: „Becky wollte mich verführen, ich habe sie nur geschubst, und dabei ist sie gestolpert, unglücklich gefallen, und nun ist sie tot“? Wer würde ihm diese Geschichte abkaufen? Niemand. Nicht mal seine Mutter. Sie, mit ihrem Gerechtigkeitssinn, würde ihm womöglich in den Ohren liegen, sofort zur Polizei zu gehen und sich zu stellen. Und was dann passieren würde, das konnte er sich ausmalen. Noch dazu mit diesen brennenden Kratzern in seinem Gesicht, die Becky ihm vorhin verpasst hatte. Man würde die Kratzer unweigerlich als Indiz für einen Kampf sehen. Becky habe sich gewehrt, als er sie vergewaltigen wollte, würde man behaupten. Mist! Er steckte ziemlich tief in der Klemme.
Trotz der Ausweglosigkeit, die für ihn immer bedrohlichere Ausmaße annahm und die mit einem Gefühl der Beklemmung einherging, hatte er plötzlich eine Idee. Der Stress ließ ihn auf einmal ganz klar denken und verwandelte sich in eiskaltes Kalkül. Sein noch immer von der Aufregung gerötetes und verschwitztes Gesicht bekam jetzt einen gelösten, ja, fast entspannten Ausdruck. Er wusste, was er jetzt tun musste.
Samstag, den 2. Mai 1998
Seit sie die Autovermietung am Flughafen von Plymouth verlassen hatten, war aus den neu entfachten Spannungen eine unüberwindbare Mauer aus unterdrückten Aggressionen gewachsen. In Dominik rumorte der Groll, vor allem auf sich selbst, weil er Anna nachgegeben und dann doch den protzigen Jaguar genommen hatte, statt den von ihm ursprünglich reservierten Mittelklassewagen. Das war typisch für sie, dachte er. Sie war immer so auf Äußerlichkeiten bedacht. Und er durfte das ausbaden und jetzt zusehen, wie er mit so einem Schlitten auf den einspurigen Landstraßen zurechtkam, noch dazu bei dem für ihn ungewohnten Linksverkehr.
„Bist du sicher, dass dies der richtige Weg nach Cornwall ist?“. Anna, die auf der Rücksitzbank saß und die ganze Zeit über laut raschelnd in ihrer Modezeitschrift geblättert hatte, während sie nur einmal zynisch die „ach so zauberhafte Gegend“ kommentiert hatte, meldete sich wieder zu Wort. Mit ihrem arroganten Tonfall, den er auf den Tod nicht ausstehen konnte.
„Ja, Milady, das ist der richtige Weg“, sagte er sarkastisch und kam sich tatsächlich wie ihr Chauffeur vor. Wie ein Bediensteter. Ein Lakai.
„Also, ich weiß ja nicht“, sagte sie noch immer von oben herab. „Mir scheint, du hast dich verfahren. Wir hätten doch schon längst da sein müssen – Miss Wilcher.“ Sie lachte laut und gekünstelt. Es klang scheppernd, wenn sie lachte.
Auch dafür hasste er sie. Seit er ihr vor Jahren erzählt hatte, er würde sich wegen der tollen Landschaften Cornwalls gerne die Fernsehfilme anschauen, die nach Rose Wilchers Erzählungen in Cornwall gedreht wurden, verspottete sie ihn damit. In letzter Zeit hatte sie nicht mal gezögert, vor den wenigen gemeinsamen Freunden ihn Rose oder – wie jetzt eben – Miss Wilcher zu nennen.
„Anna, lass dir mal was Neues einfallen. Dieser Gag ist mittlerweile so fahl wie abgestandenes Bier“, sagte er und konzentrierte sich wieder auf das Fahren. Vielleicht stimmte es sogar, und er hatte sich tatsächlich verfahren. Gut möglich, dass er irgendwo ein Hinweisschild übersehen hatte.
Die Besitzerin von »Lavinia’s Cottages«, einer Agentur, die Urlaubsdomizile in Cornwall vermietete, hatte ihn mit einer Wegbeschreibung versorgt und erklärt, er würde mit dem Auto von Plymouth höchstens eine halbe Stunde bis zum Cottage an der Bucht von Talland Hill benötigen. Jetzt waren sie schon fast eine Stunde unterwegs. Und mindestens genauso lange regnete es schon.
Der Mai-Himmel war so grau und wolkenverhangen wie heute früh, als sie von Berlin losgeflogen waren, und schien die Landschaft gänzlich verschluckt zu haben. Nur ab und an sah man vereinzelt Häuser und dahinter sanft geschwungene grüne Hügel, während sie durch einen milchig undurchsichtigen Schleier aus Nebel und Nässe fuhren.
„Ich weiß wirklich nicht, warum ich mich von dir habe breitschlagen lassen, ausgerechnet in England Ferien zu machen, in einem Land, in dem es ständig regnet, es das schlimmste Essen auf der Welt und die am schlechtesten gekleideten Menschen gibt“, stichelte sie von neuem. Annas gehässiger Tonfall machte deutlich, dass sie partout streiten wollte. Sie hatte ihre Zeitschrift zur Seite auf den Sitz gelegt und beschlossen, ihn auf die Palme zu bringen. Und sicherlich hätte sie sich ins Fäustchen gelacht, wenn sie seine angeschwollene Stirnader gesehen hätte. Denn das war ein untrügliches Zeichen dafür, dass er, ein, wie sie fand, immerfort beherrschter Langweiler, kurz davor stand, aus der Haut zu fahren. Aber sie bekam es nicht mit. Sie war auf einmal damit beschäftigt, ihr sowieso schon tadelloses Äußeres nachzubessern. Daher sah sie auch nicht seine dunkelbraunen Augen, die im Rückspiegel jede ihrer Handbewegungen beobachteten. Wie sie ihr leuchtend kupferrotes Haar kämmte, das sie schulterlang trug und einen perfekten Kontrast zu ihrem blassen Teint und ihren smaragdgrünen Augen bildete. Und wie sie dann ihre langen Wimpern dick tuschte. Seine Wut auf Anna begann sich in Ratlosigkeit und in Erstaunen zu verwandeln.
Wie wenig doch ihr hässlicher Charakter zu ihrem schönen Äußeren passte, dachte er. Obwohl er sich auf die Fahrtrichtung zu konzentrieren versuchte, sah er im Rückspiegel, wie sie ihren Lippenstift aufdrehte und eine frische Schicht auflegte. Vor Jahren, als er sie auf einer Party bei gemeinsamen Freunden kennengelernt hatte, hatte sie kaum Make-up benutzt, bis auf den feuerroten Lippenstift, der ihren sinnlichen Mund betonte. Wann hatte er ihre Lippen eigentlich das letzte Mal geküsst? Er wusste es nicht mehr, und es spielte jetzt auch keine Rolle mehr. Denn er hatte ohnehin keine Lust, Anna zu küssen. Am liebsten hätte er jetzt eine Vollbremsung gemacht. Es hätte ihm bestimmt gut getan, sich anschließend zu ihr umzudrehen, um in ihr vom Lippenstift verschmiertes Gesicht zu blicken und sie an den Grund dieser Reise zu erinnern.
„Nicht du hast dich breitschlagen lassen, mit mir in England Urlaub zu machen“, hätte er zu ihr gesagt, „sondern ich habe mich von dir überreden lassen. Du warst es, die eine gemeinsame Cornwall-Reise vorgeschlagen hatte. Diese Reise sollte dein Liebesbeweis sein. Eine Wiedergutmachung für deinen Seitensprung vor einem halben Jahr. Das hast du wohl schon wieder vergessen, nicht wahr, liebste Anna?“.
Dass sie ihn betrogen hatte, hatte er mehr oder weniger durch Zufall herausgefunden. Wie in einem schlechten Film war er sich damals vorgekommen.
Er sollte für sie einige Kleidungsstücke in die Reinigung bringen, und dort hatte die Angestellte in der Seitentasche einer Kostümjacke von Anna ein Blatt Papier gefunden und es ihm gegeben. Zunächst hatte er sich nichts weiter dabei gedacht, als er sah, dass es sich um eine Hotelrechnung handelte. Anna war ja beruflich viel unterwegs und übernachtete daher oft in Hotels. Als Gebietsleiterin im Außendienst eines Schweizer Pharmaunternehmens besuchte sie Apotheken und Arztpraxen in Berlin und im Norden Deutschlands. Doch die Rechnung war von einem Hotel in Weimar. Und Weimar lag ja bekanntlich in Thüringen, also im Süden. Wieso war sie in Weimar gewesen? Und wenn der Trip dienstlich gewesen war, dann hätte sie keine Rechnung bekommen, sondern die Swiss Pharma, die für ihre Außendienstmitarbeiter die Zimmer buchte und bezahlte. Was ihn vor allem stutzig gemacht hatte, war, dass die Hotelrechnung nicht nur auf den Namen Anna Russ ausgestellt worden war, sondern auch auf seinen eigenen Namen. Auf der Rechnung stand Dominik und Anna Russ. Anna und er waren aber nie zusammen in Weimar gewesen.
Noch am selben Abend, als sie von einer Tagung nach Hause zurückgekommen war, hatte er sie zur Rede gestellt. Zuerst war sie patzig geworden und schnauzte ihn an. Was ihm denn eigentlich einfiele, ihre Kleidung zu durchsuchen. Ob er schon mal etwas von Privatsphäre gehört hätte. Sie war in Fahrt gekommen und hatte ihm eine ihrer berühmten Szenen machen wollen, doch er nahm ihr schnell den Wind aus den Segeln, indem er ihr seelenruhig erklärte, wie und wo er die Rechnung gefunden hatte. Und da war sie sofort kleinlaut geworden und hatte ihre Strategie geändert. Sie begann eine Show abzuziehen und zu weinen. Das sah ihr überhaupt nicht ähnlich, denn Anna gehörte nicht zu den Frauen, die nah am Wasser gebaut waren oder zu Hysterie neigten. Daher hatte er keinen Zweifel, dass ihre Tränen Ausdruck aufrichtiger Reue waren.
Heute wusste er, dass er sich nicht von ihren falschen Tränen hätte täuschen lassen sollen. Sie hatte nicht geweint, weil es ihr leid tat, sondern weil sie ertappt worden war. Es waren Tränen der Wut auf sich. Und als er sie nur versteinert angeschaut hatte, hatte sie die Tränen versiegen lassen und begonnen, ihre Untreue als einen völlig belanglosen und schon längst beendeten Ausrutscher herunterzuspielen.
„Du weißt ja, wie das ist. Man trinkt ein Glas zu viel, und plötzlich landet man im Bett mit jemandem, den man kaum kennt. Du wirst doch bei deinen Geschäftsreisen sicherlich auch mal in Versuchung gekommen sein, oder?“
Er war nicht imstande gewesen, auf diese Unverschämtheit zu reagieren. Sie hatte tatsächlich versucht, von sich abzulenken, indem sie ihm Untreue unterstellte. Sie hatte einfach den Spieß umgedreht. Dass er sich diesbezüglich nichts vorzuwerfen hatte, sagte er ihr nicht. Er musste sich nicht ihr gegenüber rechtfertigen, schon gar nicht unter den Umständen. In den acht Jahren ihrer Ehe war er treu gewesen, obwohl es hier und da durchaus Gelegenheiten für ein Abenteuer gegeben hatte.
Als Redakteur eines Reisebuchverlags war er oft auf internationalen Buchmessen, wo es schon mal zu einem gelegentlichen Flirt mit einer Kollegin, einer Autorin oder einer Agentin gekommen war. Mehr aber auch nicht. Durchaus möglich, dass er etwas spießig war, aber Treue war für ihn keine leere Worthülse, sondern eine Tugend, die auf Vertrauen basierte. Offensichtlich legte aber Anna weder auf Treue noch auf Vertrauen Wert.
Kein Wunder, sie hielt sich ja für eine Art Femme fatale, während er selbst in ihren Augen wohl eher der biedere Typ vom Land war. Und in den letzten Monaten hatte sie ja auch deutlich gemacht, dass er, mit seinem schütter werdenden Haar und seiner legeren Art, sich zu kleiden, überhaupt nicht ihr Typ war.
Ja, sie hatte sich in den acht Jahren ihrer Ehe verändert. Spätestens, als sie bei der Swiss Pharma Karriere zu machen begann. Denn dort hatte sie es jeden Tag mit finanziell gut gestellten Ärzten und Apothekern zu tun. Und mittlerweile kannte er Anna lange genug, um zu wissen, dass Geld und Statussymbole auf sie eine aphrodisische Wirkung hatten.
Dass sie fremdgehen würde, damit hatte er dennoch nicht gerechnet – obwohl er es sich nach der Geschichte vor zwei Jahren eigentlich hätte vorstellen müssen.
Sie waren mit Freunden über Silvester zum Skilaufen nach Österreich gefahren. Annas alte Schulfreundin Alice war mit ihrem Freund Frank dabei gewesen. Außerdem noch zwei Frauen, die Alice und Anna von der Schule kannten. Zu sechst hatten sie ein kleines Ferienhaus in den Bergen gemietet und einen fröhlichen Silvesterabend mit Käsefondue verbracht. Natürlich war viel und durcheinander getrunken worden. Zu fortgeschrittener Stunde, es muss irgendwann lange nach Mitternacht gewesen sein, da passierte es. Anna, die keinen Alkohol vertragen konnte, aber mehr als üblich getrunken hatte, war vom Tisch aufgestanden und ging zum Sofa, auf dem Frank saß. Keiner von ihnen hatte mitbekommen, dass sie auf einmal auf Franks Schoß saß, ihre Arme um seinen Hals gelegt und versucht hatte, ihn zu küssen. Erst als Frank ziemlich laut „Was soll das werden, Anna?“ sagte, bekamen alle die peinliche Szene mit.
Statt sofort aufzuspringen und seine Frau von Franks Schoß wegzuzerren, hatte er sie nur fassungslos angeschaut. Er war in eine Art Starre verfallen, unfähig, etwas zu sagen oder zu tun. Und so hatte er fassungslos zugesehen, wie Frank versuchte, Anna regelrecht abzuwehren, indem er seinen Kopf von ihrem Gesicht wegdrehte. Doch Anna, die betrunken kicherte, hatte nicht abgelassen von ihren Bemühungen. Bis Alice plötzlich vom Stuhl aufgesprungen und zu Anna rübergegangen war, um sie anzuschreien, sie solle damit aufhören. Doch Anna hatte sich nur herumgedreht, ihre Freundin von oben bis unten angeschaut, süffisant gelächelt und sich dann wieder Frank gewidmet. Erst als Alice sie von seinem Schoß heruntergerissen und ihr eine Ohrfeige verpasst hatte, war Anna zu sich gekommen. Sie schaute Alice erschrocken an und war dann wutentbrannt ins Schlafzimmer gerannt. Am nächsten Tag waren er und Anna frühzeitig abgereist.
Er hätte also sehr wohl wissen müssen, was für eine Frau er geheiratet hatte.
Und als er ihr vor einem halben Jahr die Rechnung des Hotels in Weimar vor die Nase gehalten und sie gefragt hatte, mit wem sie es dort getrieben hatte, reagierte sie gereizt.
„Wozu willst du das wissen?“, hatte sie schnippisch geantwortet. „Du kennst ihn sowieso nicht. Außerdem war das nur ein Ausrutscher und ist schon Monate her, Schnee von gestern. Mach also kein Drama draus.“
Von da an hatte er begonnen, über eine Trennung nachzudenken. Nicht, dass ein Seitensprung für ihn generell ein Trennungsgrund war. Annas lockere Art, mit ihrer Untreue umzugehen, war ein weiterer Beweis, dass sie ihn nicht liebte. Aber liebte er sie? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass sie nicht mehr zusammen passten. Sie waren sich beide fremd geworden. Was für ihn am schlimmsten war: er konnte ihr nicht mehr vertrauen. Wozu blieben sie überhaupt noch zusammen? Kinder hatten sie keine, und auch sonst gab es keine Gemeinsamkeiten. Jeder ging seinem Beruf nach und lebte sein Leben.
Vielleicht war es ihr weiblicher Instinkt gewesen, dass sie an jenem Abend vor einem halben Jahr in seinem Gesicht erkennen konnte, dass er über die Möglichkeit einer Trennung nachdachte. Denn auf einmal war sie lammfromm geworden. Sie war in die Rolle eines kleinen, reumütigen Mädchens geschlüpft, hatte sich vor seinen Füßen hingehockt und wie ein hilfloses Kind ihren Kopf auf seinen Schoß gelegt. Und in dem Moment war ihr wohl die Idee mit Cornwall gekommen. Um ihre Ehe zu retten, war sie bereit, nach England zu reisen, in ein Land, in das sie unter normalen Umständen nicht einmal dann in Urlaub gefahren wäre, wenn man ihr Geld dafür geboten hätte. Und das sollte schon was heißen, denn Geld war für Anna sehr wichtig. Doch dabei erwischt worden zu sein, dass sie fremdgegangen war, das war ein Ausnahmezustand, der ein besonderes Opfer von ihr abverlangte.
„Schatz, ich weiß doch, wie lange du schon nach Cornwall möchtest“, hatte sie ganz sanft und leise gehaucht und dabei seine Hände gestreichelt. „Lass uns doch diese dumme Sache vergessen und gemeinsam auf den Spuren von Rose Wilcher wandern. Wäre das nicht toll? Außerdem wolltest du doch schon lange einen Cornwall-Reisebericht schreiben, dann könntest du das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Wie findest du die Idee?“, hatte sie ihn mit einem herzerweichenden Ausdruck in ihren Augen gefragt.
Wie gerne hätte er sie jetzt an diese Szene erinnert und ihr ins Gesicht geschrien, dass diese Reise nach Südengland nur deshalb stattfand, weil er sich bereit erklärt hatte, ihr diese dumme Sache zu verzeihen, die darin bestanden hatte, dass sie – mit wem auch immer – rumgevögelt hatte, und weil er bereit gewesen war, ihr noch eine Chance zu geben. Eine Chance, die sie eigentlich überhaupt nicht verdient hatte und die sie mit ihrer schnippischen Art, die sie jetzt wieder an den Tag legte, auch nicht wirklich nutzen wollte.
Aber hier, mitten auf einer regennassen Landstraße, konnte er nicht plötzlich auf die Bremse treten. Also schluckte er wieder einmal seine Wut herunter und fuhr in einen weiteren Kreisverkehr.
„Wir sollten uns etwas zum Abendessen besorgen“, sagte er mit müder Stimme. „Da vorne ist ein Supermarkt. Und bei der Gelegenheit kann ich ja noch mal nach dem Weg fragen“.
Anna sagte nichts, sondern zuckte nur mit den Schultern und schaute wieder missgelaunt aus dem Autofenster.
Als er aus dem Kreisverkehr herausfuhr, hielt er auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt. „Willst du nicht aussteigen? Oder muss ich der gnädigen Frau die Tür öffnen?“. Er versuchte, witzig zu klingen, auch wenn ihm schon lange nicht mehr zum Lachen war.
„Du glaubst doch nicht, dass ich bei dem Regen rausgehe und mir die Frisur ruiniere, geschweige denn mein helles Kostüm und die teuren Manolos. Kauf meinetwegen irgendetwas ein. Salat, einen Chablis und Hummer oder Langusten. Was auch immer“, sagte sie grantig und blätterte lustlos in ihrer schon vor einer halben Stunde ausgelesenen Zeitschrift.
Zuerst wollte er ihr sagen, sie solle gefälligst mitkommen, aber das hätte eine weitere Eskalation bedeutet. Also stieg er wortlos aus, knallte die Autotür zu und rannte durch den Regen zum Eingang des Supermarktes. Es war ein riesengroßer Fehler gewesen, mit Anna nach Cornwall zu reisen, dachte er verärgert, als er sich einen Einkaufswagen nahm. Sie würde ihm den Aufenthalt gründlich vermiesen. Wie Recht er hatte, konnte er zu dem Zeitpunkt nicht wissen.
Zwanzig Minuten später kam er zurück und legte die Einkaufstüten in den Kofferraum. „Ich habe eben jemanden gefragt“, sagte er, als er wieder im Auto saß und den Motor startete. „Wir sind bald da. Haben uns nur ein wenig verfahren. Das Nest hier heißt Liskowithiel“, klärte er Anna auf und wischte seine Brillengläser mit einem Papiertaschentuch trocken.
„Ich würde sagen, nicht wir haben uns verfahren, sondern du. Oder hast du mich am Steuer gesehen? Und, ehrlich gesagt, es ist mir völlig wurscht, wo wir jetzt sind. Hauptsache wir sind bald in dem verdammten Cottage“, fuhr sie fort. „Ich will nur noch ein heißes Bad, etwas essen und dann ins Bett. Mich fröstelt es. Das einzige, das mir noch fehlt, ist, dass ich eine Erkältung bekomme. Was mich bei dem Mistwetter hier nicht wundern würde.“
Ohne ein Wort zu sagen, fuhr er wieder auf die Autobahn. Mittlerweile hatte sich der schwere Regen in leichten Sprühregen verwandelt. Der dunkelgraue Himmel wurde heller, als die Sonne versuchte, sich durch die Wolkenschicht zu kämpfen. Nach etwa einer halben Meile fuhr er von der Autobahn herunter und entlang einer Landstraße, die immer schmaler wurde. Sie war zu beiden Seiten von hohen Hecken gesäumt und alle paar Meter von kleinen Ausweichbuchten flankiert, in die ein Auto reinfahren konnte, falls ein anderes entgegenkam. Annas Schweigen war für ihn fast körperlich spürbar. So als würde es ihn innerlich zerreißen. Daher war er froh, dass sie ihr Ziel erreicht hatten, nachdem er in einen asphaltierten Feldweg eingebogen und vorbei an Wiesengattern und Steinmauern gefahren war, hinter denen anmutige Cottages und kleine Landhäuser mit blumenreichen Vorgärten lagen. „Da vorne muss es sein“, sagte er.
„Muss was sein?“, fragte Anna desinteressiert. „Ich sehe nur ein heruntergekommenes Bauernhaus und dahinter ein weißes Haus, das ein größerer Geräteschuppen sein könnte.“
Auf der Straße vor dem Haus, das für Anna ein Geräteschuppen war, stand eine Frau, die unter ihrem knallroten Regenschirm mit schwarzen Punkten wie ein Marienkäfer aussah.
Dominik hielt vor dem weißen Cottage. Dass Anna beim Anblick des Hauses „Oh Gott!“ sagte und es kein Ausruf der Freude war, ignorierte er. Dann kurbelte er das Fenster herunter und sprach die Frau an. „Sind Sie Mrs. Wood?“.
Die Frau unter dem gepunkteten Regenschirm nickte und kam näher.
Eine so schräg angezogene Person hatte er noch nie gesehen. Sie trug einen knielangen, orangenen Lackregenmantel, aus dem schwarzweiß geringelte Leggings schauten, die in gelben Gummistiefeln steckten. Hätte sie ihre roten Haare nicht zu einer Art Turmfrisur hochgesteckt, sondern lange Zöpfe getragen, hätte sie mit der hellen Haut und den Sommersprossen wie eine in die Jahre gekommene Pippi Langstrumpf ausgesehen, fand er und schätzte Lavinia Wood auf Mitte fünfzig.
„Das Mrs. können Sie sich schenken. Nennen Sie mich einfach Lavinia. Ich hab‘ mir schon die Augen nach ihnen ausgeschaut“, sagte sie, als Dominik ausstieg und ihr die Hand gab. „Haben Sie sich verfahren, oder warum hat es so lange gedauert? Sie hätten doch schon vor einer halben Stunde hier sein müssen.“ Statt eine Antwort abzuwarten, schaute sie zum grünen Jaguar herüber. „Warum steigt Ihre Frau nicht aus? Das ist doch Mrs. Russ, oder?“
Ja, das ist Mrs. Russ, wie sie leibt und lebt, wollte er schon antworten, doch stattdessen winkte er Anna zu sich, die es genoss, Menschen warten zu lassen.
Als sie die Wagentür öffnete, stieß sie zuerst ihren cremefarbenen Regenschirm wie ein Speer heraus und spannte ihn auf. Erst danach streckte sie ihre langen, schlanken Beine aus dem Auto.
Ach du liebe Güte, was ist das denn für ein Modepüppchen?, dachte Mrs. Wood beim Anblick der roten Pumps, die ihrer Meinung nach völlig unpassend für einen Urlaub in Cornwall waren.
Und Anna, die in einer Hand den Schirm hielt und sich mit der anderen ihren leicht zerknitterten Rock aus Leinenstoff glatt zu streichen versuchte und dann erhobenen Hauptes auf das Cottage zulief, dachte: Mein Gott, was für eine Gewitterziege ist das denn?
Die beiden Frauen begrüßten sich mit laschem Händedruck und wussten sofort, dass sie nie und nimmer Freundinnen werden würden. Allerdings gab es da noch etwas Anderes, das sie, abgesehen von Antipathie auf den ersten Blick, gemein hatten. Beide hatten plötzlich das Gefühl, sich von irgendwoher zu kennen. Aber keine von beiden verlor ein Wort darüber.
„Ich zeige Ihnen erst mal das Cottage. Ihr Gepäck können Sie ja später aus dem Auto holen“, sagte Mrs. Wood und ging voraus ins Haus.
Anna lief hinterher und beäugte den kleinen Vorgarten, der von einer Steinmauer aus Schiefersteinplatten eingefasst war. Das Cottage war ein klassisches englisches Haus aus Sandstein, das man vor ein paar Jahren weiß getüncht hatte, aber das der Wind und die salzhaltige Luft nun wieder grau und leicht verwittert erscheinen ließ. Sie kräuselte den Mund, als sie zum Spitzdach hochschaute und auf den grauen Dachplatten weiß-grüne Flechten entdeckte. Hoffentlich regnet es nicht durch, dachte sie.
In dem Prospekt, den die Cottage-Agentur an Dominik geschickt hatte, hatte sie gelesen, dass das Gebäude einst die Remise des schräg gegenüber liegenden Gehöfts gewesen war. Das hatte man mittlerweile in ein Fünf-Sterne-Hotel umgebaut. Sie aber würde in einem Kutschenstall wohnen müssen! Ihre schlimmsten Erwartungen bezüglich der von Dominik ausgesuchten Urlaubsunterkunft hatten sich erfüllt. Nicht mal die Besichtigung des Hausinneren konnte sie besänftigen. Im Gegenteil. Sie zog verächtlich ihre Augenbrauen hoch, als Dominik in Verzückung geriet über die „ausgesprochen gemütliche Küche“, in der man gleich nach Betreten des Cottage stand.
„Für eine Diele hat das Geld wohl nicht gereicht, als man den früheren Schweinestall umgebaut hat“, bemerkte Anna spitz und warf einen geringschätzigen Blick auf die Landhausküche, die infolge der Nutzung durch etliche Feriengäste im Laufe der Jahre natürliche Gebrauchsspuren aufwies.
Sie brauchte nichts zu sagen. Dominik las in Annas Gesicht, dass sie, die zu Hause in einer Designer-Küche mit dem Charme eines klinischen Labors hantierte, hier nicht kochen würde. Und dass das Cottage insgesamt nicht ihr Stil war, damit lag er richtig. Keine zehn Minuten später würde sie vorwurfsvoll klagen, es sei für sie mehr als unverständlich, wie er ihr das hier zumuten konnte und so etwas Primitives hatte anmieten können. Wieso waren sie nicht in ein Hotel gegangen? Zum Beispiel in das Hotel gegenüber?
„Oh, was ist das denn?“, fragte Dominik, der die Kälte, die Anna verbreitete, mit einem herzlichen Ton zu neutralisieren suchte. Er ging zum Küchentisch, auf dem eine Flasche Rotwein und eine Keramikkanne mit Kräutern standen.
„Das ist ein kleines Willkommensgeschenk von mir. Das kriegen alle unsere Gäste“, sagte Mrs. Wood und lächelte erstmals. „Im Kühlschrank steht auch Milch, da brauchen sie nicht sofort einkaufen zu gehen.“
„Klar doch. Wir werden uns heute eine Milchsuppe mit Kräutern zubereiten und mit Wein verfeinern“, sagte Anna zu Dominik laut genug, dass Mrs. Wood es hören konnte.
Aber Mrs. Wood dachte nicht daran, sich den Ärger über die gehässige Bemerkung der Deutschen anmerken zu lassen, und setzte die Führung durchs Haus fort. „Und hier sind wir im Wohnzimmer.“ Natürlich entging ihr nicht der weiterhin missbilligende Blick, mit dem ihr Feriengast aus Deutschland auch hier das Interieur beäugte.
„Ach, wie nett“, sagte Dominik und wurde sofort in seinem Enthusiasmus von Anna unterbrochen.
„Also, eigentlich haben wir ja nicht vor, diese Bruchb– diese Behausung zu kaufen“, sagte sie ungehalten. „Und wir brauchen auch niemanden, der uns herumführt. Das hier ist ja nicht gerade der Buckingham Palace, in dem man sich verlaufen könnte, nicht wahr? Wir finden uns schon alleine zurecht, Miss Wood. Wenn wir Ihre Dienste benötigen, rufen wir Sie an.“
„Nun, wenn Sie meinen, dass Sie sich hier alleine zurechtfinden. Bitte sehr. Soll mir recht sein. Allerdings möchte ich eins klar stellen, Mrs. Russ: Ich bin weder Ihre Hausdame noch eine Bedienstete, sondern Eigentümerin der Agentur Lavinia’s Cornish Cottages. Im Übrigen bin ich auch keine Miss Wood, sondern verwitwet und daher noch immer Mrs. Wood. Und falls später Fragen zum Cottage oder zu der Einrichtung und Nutzung auftauchen sollten, werden Sie wohl damit bis übermorgen warten müssen, da ich gleich nachher für zwei Tage zu meiner Schwester fahre und in der Zeit nicht erreichbar bin. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag“, sagte sie und rauschte hinaus.
„Sag mal, was bist du eigentlich so blasiert und führst dich gegenüber der Frau so unhöflich auf?“, sagte Dominik aufgebracht, als er sich von der zugeschlagenen Haustür wieder zu Anna umdrehte.
Aber seine Frage hatte sie nicht mehr gehört. Sie war bereits die knarrenden Treppenstufen zum Obergeschoss hochgelaufen, während sie mit einem Finger über das Treppengeländer fuhr und auf Staub untersuchte. „Na ja. Zumindest scheint die Schreckschraube hier wischen zu lassen“, sagte sie beinahe enttäuscht.
„Ich gehe dann mal das Gepäck aus dem Auto holen“, sagte Dominik, der es am liebsten dort gelassen und den Urlaub, der ohnehin keiner werden würde, sofort abgebrochen hätte. Die Spannungen, die am Flughafen begonnen und sich auf der Fahrt hierher fortgesetzt hatten, waren sicherlich nur der Auftakt zu einem großen Streit, der auch in den nächsten sieben Tagen nicht enden würde. Wieso wollte er sich das antun? Andererseits, er hatte sich so sehr auf Cornwall gefreut. Nein, er wollte sich den Urlaub von Anna nicht vermiesen lassen.
Doch das würde schwierig werden. Denn kaum war er mit beiden Koffern und der Reisetasche zurück im Haus, hörte er sie in der oberen Etage lauthals schimpfen. Er lief die steile Treppe hoch und stellte das Gepäck im kleinen Flur ab, wo sie wie ein Racheengel auf ihn wartete.
„Hier bleibe ich keine fünf Minuten! Das ist doch die reinste Kaschemme, die du gemietet hast! Die Matratze ist durchgelegen, die Bettwäsche riecht muffig, in dem Badezimmer kann man sich kaum drehen, es gibt nicht mal eine Duschbrause in der Badewanne, geschweige denn eine Duschkabine, und aus jeder Fensterritze zieht es. Und dann noch diese verstaubte Einrichtung. Überall Spitzendeckchen und Nippes!“
Dominik versuchte ruhig zu bleiben und lief in eines der beiden Schlafzimmer, das Anna offensichtlich für sich auserkoren hatte. „Du übertreibst. Wie immer. Ich weiß nicht, was du hast“, antwortete er seelenruhig. „Das ist doch eine typisch englische Schlafzimmereinrichtung. Ein Messingbett, Rosenbettwäsche von Laura Ashley, so wie du sie doch magst. Und die Aussicht aus dem Fenster ist doch auch wunderschön“, sagte er und blickte auf sanft geschwungene sattgrüne Hügel, auf denen Schafe weideten.
„Laura Ashley? Laura Ashley?“ Ihre Stimme überschlug sich. „Man merkt, dass du von Designern keinen blassen Schimmer hast. Das hier, mein Lieber“, sagte sie und riss ein Bettbezug hoch und hielt ihn ihm hin, „das hier ist billigste Discounter-Wäsche, noch dazu verblasste!“ Und schau dir mal das Badezimmer an, es ist mit einem Langflorteppich ausgelegt! Noch unhygienischer geht es wohl nicht. Mir wird übel, wenn ich nur an die Haare von fremden Leuten und an die Milliarden von Bakterien in dem Badezimmerteppich denke.“
„Anna, komm du mal lieber wieder auf den Teppich.“ Jetzt platzte ihm der Kragen. „In deiner Jugend hast du doch in einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit Außentoilette gewohnt. Und jetzt machst du hier auf Etepetete. Was soll das?“
Sie schaute ihn ungläubig an. Sie war es nicht gewohnt, dass er ihr konterte. Aber ihre Verwunderung war von kurzer Dauer. Aus ihren großen dunklen Augen wurden schmale Schlitze, die Funken zu versprühen schienen. „Du Mistkerl! Was fällt dir eigentlich ein, so mit mir zu reden? Und was heißt hier in meiner Jugend?“, äffte sie ihn nach. „Hältst mich wohl für eine alte Schachtel, oder was?“
„Nicht für eine alte Schachtel, aber für das Aschenbrödel, das nicht daran erinnert werden möchte, wie dreckig es ihm mal ging, und nun so tut, als sei es mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden.“
Sie brach in gekünsteltes Gelächter aus. „Ach so! Und du bildest dir vermutlich ein, mein Märchenprinz gewesen zu sein, der mich aus der Gosse geholt hat, nicht wahr? Dominik, mach dich nicht lächerlich, du Möchtegernmärchenprinz!“ Ihre Stimme wurde höher und lauter.
„Dass ich nicht dein Märchenprinz bin, das musst du mir nicht sagen“, sagte er so ruhig wie möglich. „Es wurde mir klar, als ich vor Monaten herausfand, dass du mit anderen Männern rumvögelst. Nun ja, ich hätte es eigentlich wissen müssen. Wenn Alice dich vor zwei Jahren auf der Skireise nicht gestoppt hätte, hättest du es vermutlich vor unser aller Augen mit ihrem Freund auf dem Sofa getrieben.“ Er spürte, wie ihm übel und schwindlig wurde. Sein Herz raste. Ihm war, als würde ihm die Luft zum Atmen genommen. Er musste hier sofort raus, sonst würde er sich vergessen. Sie wollte sofort zurückschlagen, doch er ließ es erst gar nicht dazu kommen. „Halt den Mund, Anna!“, schrie er. „Es reicht!“ Dann rannte er die Treppen hinunter.
„Wag es nicht, mich hier stehen zu lassen! Hast du gehört?“, rief sie ihm hinterher, obwohl sie wissen musste, dass er sie nicht mehr hören konnte, nachdem er die Haustür laut hinter sich zugeknallt hatte.
Er lief drauf los. Laufen würde ihm helfen, sich zu beruhigen und klare Gedanken zu fassen. Noch nie hatte Anna ihn dermaßen wütend gemacht wie jetzt. Er, der Männer verachtete, die ihre Frauen schlugen, konnte auf einmal nachvollziehen, warum manche Männer sich dazu hinreißen ließen. Sie hatte ihn zur Weißglut gebracht, und er hätte es beinahe getan – ihr eine runtergehauen.
Die vom Regen gereinigte Luft wirkte auf ihn beruhigend. Wie kitschig doch der Himmel aussieht, dachte er, als er die gleißend orangene Abendsonne sah, die die Wolken rosa färbte. Er lief weiter, ohne sich an den Pfützen zu stören, die sich in den Vertiefungen des abgefahrenen Straßenbelags gebildet hatten. Zu beiden Seiten wurde die schmale Straße von einer moosbewachsenen Mauer gesäumt, aus der purpurrote Spornblumen, Farne und weiß blühender Bärlauch wuchsen. An den sternförmigen Blüten und langen Blättern glitzerten Regentropfen.
Nach etwa zweihundert Metern machte die Straße eine leichte Rechtskurve, und er sah zu seiner Linken ein Gatter, hinter dem eine Weide lag. Auch wenn er nicht wusste, ob er da hineindurfte, öffnete er das Tor und verriegelte es gleich wieder hinter sich. Und dann sah er die flach abfallende Wiese, übersät mit Tausenden von kleinen, gelben Blumen. Von hier oben bot sich eine überwältigende Aussicht. Dort unten lag der Ärmelkanal, der, grau-blau aufgewühlt, die schroffen Steinklippen der geschwungenen Küste mit seinen weißen Schaumkronen umspülte. Die turmhohen Kliffs aus farbigem Sandstein und grau-schwarzem Granit waren bizarr zerklüftet oder rundgeschliffen und zu Skulpturen geformt wie von gigantischer Künstlerhand. Sein Blick erfasste das Panorama einer sich zu beiden Seiten ausbreitenden grünen Steilküste mit sanften Hügeln im Hinterland. An einem Hang rechts in der Ferne klebte ein weißes Herrenhaus, an dem sich ein Pfad vorbeischlängelte, der sich im satten Grün des dicht bewachsenen Hangs verlor. Das musste wohl der Küstenpfad Südenglands sein, dachte er und schaute nach links rüber. Schafe und Pferde weideten auf den gelblich-grünen Hügeln mit den hohen, windgepeitschten Kiefern. Aus einer der Baumkronen lugte ein rechteckiger Kirchturm hervor. Gleich morgen früh wollte er mit den Notizen für den Reisebericht beginnen und vor allem Fotos machen. Sollte doch Anna der Teufel holen. Zur Not würde er ihr die nächsten Tage einfach aus dem Weg gehen. Aber im Moment wollte er weder an sie noch an ihre Launen denken, sondern nur das Gefühl genießen, das allmählich von ihm Besitz nahm.
