Tödliche Trance - Nick Bukowski - E-Book

Tödliche Trance E-Book

Nick Bukowski

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Beschreibung

n einem Februarmorgen wird die grausam entstellte Leiche der Zahnarzthelferin Franziska Klein im Küstenwald vor Rostock-Warnemünde aufgefunden. Der Anblick des schrecklich zugerichteten Torsos lässt darauf schließen, dass es sich um keinen gewöhnlichen Mord, sondern um eine barbarische Exekution handelt. Zunächst konzentrieren sich die Ermittlungen des Teams um Hauptkommissar Sebastian Treblow und seiner türkischstämmigen Kollegin Elin Tarhan hauptsächlich auf Dr. Alexander Pacholski, den Chef der Getöteten. Schnell stellt sich dabei heraus, dass sie nicht nur seit längerem eine heimliche Affäre mit dem deutlich älteren und zudem verheirateten Mann unterhalten, sondern sich nur wenige Stunden vor ihrem gewaltsamen Tod auch eine heftige, handgreifliche Auseinandersetzung mit diesem geliefert hatte. Als die gerichtsmedizinischen Untersuchungen des Leichnams überdies eine beginnende Schwangerschaft zutage fördern, scheint somit auch das Motiv für die grauenvolle Tat gefunden, und so sind die Kommissare guter Dinge, dass sich der Fall binnen kurzem zum Selbstläufer entwickeln könnte. Doch schon bald mehren sich erste Zweifel. So gerät schließlich auch Jonas Weinert, Franziskas Freund, ins Visier der Ermittlungen. Immer wieder hatte er ihr ihre ständigen Eskapaden und Seitensprünge verziehen, aber dann hatte er sie eines Tages ausgerechnet mit Lucas, seinem besten Kumpel, in flagranti erwischt, daraufhin eine ebenso unbedachte wie verhängnisvolle Morddrohung gegen sie ausgestoßen. Als er wenig später einen Suizidversuch unternimmt, wirkt dies in der Tat beinahe wie ein Schuldeingeständnis. Doch nach und nach stoßen Treblow und Tarhan bei ihren Untersuchungen auf zum Teil höchst brisante Details aus dem bewegten, mit wechselnden Affären nur so gepflasterten Leben der Toten. Mit ihrer perfiden Doppelmoral hatte sie nicht nur viele Menschen zutiefst verletzt, sondern sich auch eine Menge Feinde geschaffen.

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Seitenzahl: 513

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Nick Bukowski

Tödliche Trance

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Tödliche Trance

Erweitertes Impressum

Widmung

Prolog

1

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Epilog

Impressum neobooks

Tödliche Trance

von Nick Bukowski

Erweitertes Impressum

Copyright © 2013 Nick Bukowski

www.nick-bukowski.de

Alle Rechte vorbehalten

Widmung

Für Yvette

Prolog

Was ist das? Was tust du? Was geschieht mit mir? Was soll das? Ist das alles nur ein böser Traum, oder ist es die Wirklichkeit mit ihren mitunter so obskuren Facetten? Ein merkwürdiges Gefühl ergreift, einem bösartigen Parasiten gleich, mehr und mehr Besitz von mir und senkt sich wie ein schwarzer Schleier auf mich herab. Ich betrete ein mir bisher fremdes Land, von dem ich nicht weiß, ob ich es tatsächlich schon kennenlernen will. Und falls die Antwort tatsächlich JA lauten sollte, dann weiß ich nicht, ob ich es ausgerechnet gemeinsam mit DIR erkunden möchte. Eine völlig neue Erfahrung bahnt sich unaufhaltsam den Weg in mein Innerstes, um sich für immer und ewig wie ein Tattoo fest in meine Seele einzubrennen. Ich will das nicht, und ich stemme mich mit aller Kraft gegen diese unsichtbare Macht. Sie vereint etwas Mystisches, das mich in seinen unerklärlichen Bann zieht, und etwas Widerliches, das mich zugleich eiskalt erschaudern lässt. Was ist das für ein merkwürdiger Sound, was für ein eigenartiges Hecheln und Stöhnen? GUT SO, OH JA, GUT SO.

Ich kann nicht glauben, was da gerade zwischen uns geschieht, was du mit mir machst, was du mir antust. Ausgerechnet DU, dabei dachte ich immer, du liebst mich – mehr als alles andere auf der Welt. Oder ist DAS etwa deine Art, mich zu lieben? Wie krank, wie perfide können Menschen sein?! Wie krank, wie perfide bist du?! Wenn das dein Verständnis von Liebe ist, dann kann ich nur zu Gott beten, dass mich nie im Leben dein Hass treffen möge. Welch schmaler Grat doch manchmal zwischen Liebe und Hass besteht. Eigentlich sind beide ein unzertrennliches Paar, geradeso wie Bruder und Schwester. Wie schnell mitunter doch die Grenzen verschwimmen können. Doch wo genau befindet sich der Punkt, an dem das eine in das andere umschlägt? GUT SO, OH JA, GUT SO. Gut so? – Nichts ist gut so! Es kann unmöglich richtig sein, was hier passiert. Ich weiß es, und du müsstest es erst recht wissen. Also lass das, lass mich – bitte, bitte, bitte! Hör auf! Ich flehe dich an. Ich will nur noch weg von diesem verwunschenen Ort, aber da ist eine unsichtbare Hand, die mich festhält wie eine gewaltige Raubtierpranke. Lass mich los, bitte! Lass mich gehen, bitte, lass mir mein Leben, gib mich frei!

Meine Tränen haben sich wie ein dichter Nebelschleier über meine Augen gelegt. Nur vage kann ich die Konturen deines eigentlich so hübschen Gesichts erahnen, welches längst zu einer Fratze unbändiger Lust mutiert ist, wie ich sie nie zuvor bei dir gesehen habe. Deine leuchtenden, stahlblauen Augen wirken wie sprudelnde Quellen skrupelloser Leidenschaft. Immer und immer wieder formen deine sinnlichen, vollen Lippen die Worte: GUT SO, OH JA, GUT SO. Ich bin auf einer Reise durch ein wundersames Land ohne Grenzen, ohne Hemmungen und ohne jegliche Tabus. Was ist hier los? Was passiert hier? Was passiert mit mir? Was passiert mit uns? Tausend Fragen wabern mir wie Gespenster durch den Kopf. Fragen die unüberhörbar nach Antworten schreien, aber ich traue mich nicht, sie zu stellen. Irgendetwas ist da, etwas, was mir regelrecht die Kehle zuschnürt, eine unsichtbare Macht, die mir meine Stimme raubt. Ich habe Angst, unvorstellbare Angst – und das auf eine bislang nie gekannte Weise. Ich will schreien, aber – so sehr ich mich auch mühe – ich bringe keinen Laut hervor. Stattdessen schwebt dieses monotone GUT SO, OH JA, GUT SO wie ein bleierner Teppich in der Luft.

Da ist ein loderndes Feuer, mehr als tausend Grad heiß. Unerträgliche Hitze droht mich zu verbrennen. Dein gieriges Fleisch kocht vor Wollust und verbotener Leidenschaft. Ich spüre, wie ich langsam mit ihm verschmelze und eins mit dir werde, ganz egal, ob ich es will oder nicht. Etwas Sonderbares geschieht mit mir, etwas Unheimliches, etwas, das ich bisher nicht kannte, und von dem ich selbst noch nicht weiß, was es ist. Ich empfinde Scham und Schmerz, Enttäuschung und Erniedrigung, Abscheu und Ekel, einen unheilschwangeren Mix aus bislang nie gekannten Seelenqualen. Ich will mich wehren, aber mir fehlt jegliche Kraft dazu. Ich fühle mich wie paralysiert, geradeso als hätte mir eine giftige Schlange ihre spitzen Zähne ins Fleisch gerammt. Ihr erbarmungsloser Würgegriff hält mich fest umschlungen, und ich bin nicht imstande, mich aus ihm zu lösen. Lass mich los, lass mich frei, lass mich leben! Ich will das nicht, und ich versuche, mich mit aller Macht deinen Fängen zu entziehen. Aber der Sound der Lust klingt unvermindert in meinen Ohren: GUT SO, OH JA, GUT SO.

1

Warnemünde

Freitagabend, der 25. Januar 2013

Monoton brummte der Staubsauger vor sich hin, während er die Spuren des zurückliegenden Sprechtages gierig wie ein ausgehungerter Wolf in sich aufnahm. Der Lärm, den diese Höllenmaschine von sich gab, ließ kaum einem anderen Geräusch die Chance, sich zu entfalten. Dennoch war das schallende Gezeter, welches – wie so oft in den letzten Tagen – wieder einmal vom anderen Ende des langen Ganges her an ihre Ohren drang, nicht zu überhören. Es war für sie mittlerweile schon fast zur Normalität geworden, sodass sie der Sache längst keine wirkliche Bedeutung mehr beimaß.Die beiden müssen ja wirklich ein ernsthaftes Problem miteinander haben. Aber was mussten sie auch unbedingt mit dem Feuer spielen?, dachte sie sich und musste innerlich schmunzeln. Eine leichte Röte legte sich auf ihre Wangen, als sie sich an die unmissverständlichen Laute erinnerte, die noch vor wenigen Wochen durch diese Tür gedrungen waren und so gar nicht nach Zwietracht geklungen hatten. Doch seit einigen Tagen war plötzlich alles anders, und auch heute flogen wieder einmal regelrecht die Fetzen. Wütende Tiraden schwelten wie drohende Gewitterwolken in der die Luft, und lautstarke Beschimpfungen schienen die Atmosphäre förmlich zu elektrisieren. Eigentlich hätte sie sich längst das Chefbüro vornehmen müssen, aber sie war es nun mal gewohnt, stets größtmögliche Diskretion zu wahren. Und deshalb wollte sie nicht wie der sprichwörtliche Elefant in den Porzellanladen hineinplatzen.Da drin würde ich jetzt nur stören, sinnierte sie, und beschloss kurzerhand, diesen Teil ihrer Arbeit auf später zu verschieben. Ein bisschen genervt zog sie den Stecker aus der Dose und das eintönige Dröhnen des Staubsaugers verendete mit einem letzten dumpfen Aufheulen.

Ludmilla Dasajewa, Jahrgang 1956, eine gedrungene, etwas maskulin wirkende Frau mit kurzen grauen Haaren, war mit ihrem Mann und den drei Töchtern vor gut zwei Jahren aus Kasachstan hierhergekommen. Ihr Deutsch ließ zwar einiges zu wünschen übrig, aber sie arbeitete daran und spürte, wie es beinahe täglich besser wurde. Sie war dankbar für diese Anstellung und die damit verbundene Chance, wenigstens ein paar Euro zum Unterhalt ihrer Familie beisteuern zu können. Ihre Eltern hatten sie streng orthodox erzogen und von klein an stets zur Arbeit angehalten. Dementsprechend schien es für sie geradezu undenkbar, in einem fremden Land von staatlichen Almosen zu leben, was sie wohlwollend von so manch abgezocktem Sozialschmarotzer unterschied. Natürlich war ihr nicht entgangen, dass da schon seit geraumer Zeit zwischen dem Boss und der kleinen Blonden etwas lief, was so nicht hätte laufen dürfen.Das ist eine Sache zwischen den beiden und geht mich absolut nichts an, versuchte sie, ihre Sinne irgendwie auf Durchzug zu schalten.Sollen die zwei doch machen, was sie wollen. Hauptsache, ich behalte meinen Job, lautete ihre Devise.

Das Büro befand sich am Ende des langgezogenen, erst vor kurzem renovierten Korridors, welcher als Wartebereich diente. Der frische Anstrich hatte dem schlauchförmigen Gang sichtlich gut getan, die hellen, farbenfrohen Töne sorgten für ein weitläufiges und freundliches Flair. Die Einrichtung wirkte einfach, zweckmäßig und ein beinahe wenig fade. Zu beiden Längsseiten thronten jeweils vier mit schwarzem Leder bezogene Schwingstühle. Außerdem gab es eine hölzerne Wandgarderobe und zwei flache Glastischchen, welche als Depot für Zeitschriften und Prospekte dienten. Im Zimmer des Chefs dagegen gaben eine vergilbte Tapete, die sich bereits an mehreren Stellen löste, ein abgewetzter Teppichboden mit einigen Brandflecken sowie der Geruch von kaltem Rauch den Ton an. Schon einige Male hatte er versucht, dieses Laster aufzugeben, war jedoch immer wieder jämmerlich gescheitert. Nach jedem Rückfall waren es schließlich eine gute Handvoll Glimmstängel mehr geworden, und inzwischen qualmte er mehr als zwei Päckchen pro Tag. Das Mobiliar wurde von einem wuchtigen Schreibtisch aus massivem Eichenholz dominiert – ein Erbstück seines Großvaters, vor allem aber stummer Zeuge so manch leidenschaftlicher Affäre. Formulare und Karteikarten lümmelten auf der mit den Jahren reichlich abgenutzten Oberfläche neben einem Stapel ungelesener Fachmagazine in einem wüsten Durcheinander herum. Der Computermonitor war von einem schlierig gelben Nikotinfilm überzogen, und auch die dazugehörige Tastatur zeigte deutliche Verschleißerscheinungen. Nahebei fanden sich ein großer, aber nichtsdestotrotz meist überquellender Aschenbecher sowie ein Kaffeepott, der außen von dem ironischen SloganIch Boss – Du nixund innen durch einen klebrigen, schwarz-braunen Belag beherrscht wurde. Die hochaufragenden, bieder-funktionellen Regale an den Wänden wirkten gegenüber dem antiquarisch anmutenden Möbelstück beinahe wie ein stilistischer Fauxpas und beherbergten eine wahre Armada von Aktenordnern sowie einige Nachschlagewerke. Auf einem separaten Tischchen unmittelbar neben dem Fenster hatten Drucker und Faxgerät ihren Platz gefunden. Außerdem verbrachte hier ein alter Röhrenfernseher aus frühesten Nachwendezeiten seinen mutmaßlichen Lebensabend. Der Chef selbst residierte in einem abgewetzten hochlehnigen Bürosessel, während für gelegentliche Gäste zwei einfache Holzstühle bereitstanden.

Diesmal verlief die Auseinandersetzung zwischen den beiden besonders laut und heftig. Wie Giftpfeile flogen die Worte nur so umher. Die Stimmung war hochgradig explosiv und die Luft von gegenseitigen Vorhaltungen geschwängert. Immer und immer wieder hielt sie ihm mit vorwurfsvollem Blick das Ultraschallbild unter die Nase. „Alex, das hier istdeinKind“, spie sie ihm wutentbrannt entgegen. Die Blicke aus ihren stahlblauen Augen wirkten wie todbringende Geschosse. Obwohl sie dem großen, kräftigen Mann ihr gegenüber körperlich klar unterlegen war, packte sie ihn energisch an seinem linken Arm, als wolle sie die Bedeutung ihrer Sätze dadurch zusätzlich untermauern. Voller zügelloser Wut krallten sich ihre spitzen Fingernägel in seine Haut und hinterließen eine schmale Straße winziger Blutstropfen. „Wie oft hast du mir geschworen, dass alles anders wird? Du hast gesagt, dass du schon lange nichts mehr für Anja empfindest. Du hast sogar behauptet, du würdest dich vor ihr ekeln. Hast du das etwa vergessen?“, redete sie sich immer mehr in Rage. „Du hast gesagt, dass du dich von ihr trennen willst und nur auf die passende Gelegenheit wartest. Du hast gesagt, dass du nur mich liebst. Wir wollten ein neues Leben anfangen, nur ich und du. Erinnerst du dich? Du wolltest sie verlassen, für mich, füruns. Und jetzt tust du so, als ginge dich das hier alles nicht an.“

Das unförmige kleine Etwas auf dem schwarz-weißen Computerausdruck erinnerte der Form nach eher an ein Gummibärchen als an künftiges Leben. Aber es zeigte ein menschliches Wesen, ein Kind, das in gut einem halben Jahr das Licht der Welt erblicken würde. „Ich lasse mich nicht einfach so von dir wegwerfen wie ein gebrauchtes Papiertaschentuch. Wenn du unbedingt bei deiner Alten bleiben willst, bitteschön. Aber dann musst du dafür bezahlen, sonst gehe ich zu deiner Anja und lasse die Bombe platzen!“, drohte sie ihm unverhohlen. „Und außerdem war ich noch Lehrling und unter achtzehn, als du mich das erste Mal hier auf diesem Tisch gevögelt hast.“ Sie deutete verächtlich mit dem Zeigefinger ihrer rechten Hand auf Großvaters Erbstück. „Ich glaube, sowas nennt manSex mit Schutzbefohlenen. Ich bin gespannt, was wohl die Gerichte dazu sagen werden“, schob sie mit provokantem Gesichtsausdruck hinterher.

„Das kannst du nie und nimmer beweisen!“

„Abwarten!“ Kam es von einem zynischen Lachen begleitet zurück. „Die Russenmatka da draußen hat´s doch live mitgekriegt.“

„Wer sagt mir überhaupt, dass es wirklich von mir ist, und nicht von Jonas oder sonst wem?“, hielt Alex barsch entgegen.

Wie ferngesteuert holte ihre rechte Hand reflexartig zu einer weitgeschwungenen Bewegung aus und landete Sekundenbruchteile später mit einem schallenden Geräusch auf seiner linken Wange. Augenblicklich sickerten ein paar unscheinbare Tropfen Blut aus seinem linken Ohrläppchen. Sie konnte wirklich liebevoll und zärtlich sein, aber wenn sie irgendwas in Rage brachte, konnte sich sie auch von einem Moment auf den anderen zur wilden Bestie verwandeln. „Du mieses Arschloch!“, schleuderte sie dem Doktor schroff entgegen. Ihr Gesicht war vor Erregtheit fiebrig heiß und puterrot. Aus ihren Augen sprach unbändiger Hass. „Du kannst es ja gern auf einen Vaterschaftstest ankommen lassen. Ich jedenfalls weiß jetzt schon, wie der ausgeht. Am besten bringst du deine Frau gleich mit, wenn das Ergebnis feierlich verkündet wird. Ist es das, was du willst?“

Alex starrte ungläubig in die Luft, ohne sein Gegenüber dabei anzusehen. Man konnte regelrecht spüren, wie seine Gedanken arbeiteten, ehe er ein resignierend klingendes „Wenn du meinst“ zwischen seinen Lippen hervor presste.

„Das wirst du noch bereuen!“, fauchte sie nach einer kurzen, von eisigem Schweigen geprägten Pause zurück, ehe sie wie von einem wilden Tier gehetzt aus dem Büro stürzte. Innerhalb weniger Sekunden war sie wutschnaubend an Ludmilla vorbeigerauscht, hatte ihre schwarze Winterjacke übergeworfen, eiligst Schal und Mütze angelegt und ihren Rucksack sowie ihre kleine Handtasche geschnappt. In ihrer Aufgebrachtheit nahm sie die wenig charmanten Wortfetzen gar nicht mehr richtig wahr, die ihr hinterher hallten, während sie die Tür mit dem SchriftzugPraxis Dr. med. dent. Pacholskikrachend ins Schloss fallen ließ.

Unbarmherzig wie ein Vorschlaghammer blies ihr ein Schwall winterlich kalter Luft entgegen, als sie auf die verwaiste Straße hinaustrat, über den sich inzwischen dichter Abendnebel gelegt hatte. Die kahlen Äste der Bäume ragten wie riesige schwarze Finger in den Himmel, und unter ihren gefütterten Stiefeln vernahm sie das Knirschen von Schnee.Was bildet sich dieser Mistkerl eigentlich ein?, haderte sie noch immer in ihrem Innersten.Wie nur kann er sich so sicher sein, dass ich die Sache nicht auffliegen lasse?Ich mach ihn fertig,schwor sie sich,und wenn es das Letzte ist, was ich tue.

Obwohl sie erst vor wenigen Wochen einundzwanzig geworden war, hatte ihr das Leben bereits eine Reihe harter Prüfungen abverlangt. Nach der frühen Scheidung ihrer Eltern war sie bei der Mutter in Lübeck aufgewachsen, doch diese hatte sich statt um ihre Tochter viel lieber um die Männerwelt gekümmert und sich dabei alles andere als wählerisch gezeigt. Sie hasste diese ständig neuen sogenannten Onkels, für die sie nicht mehr als eine überflüssige Appendix, eine zickige kleine Göre oder schlichtweg die wertlose Brut eines anderen verkörperte. Nachdem sich einer dieser schmierigen Typen der seinerzeit gerademal Zwölfjährigen auf ihr bis dahin völlig unbekannte Weise genähert hatte, war sie das erste Mal von zu Hause weggelaufen, jedoch am nächsten Morgen reumütig und gutgläubig zurückgekehrt. Aber die Übergriffe hatten sich schnell gehäuft, und bald schon war die Clique vom Hauptbahnhof zu ihrer neuen Familie geworden. Alkohol, Drogen und ständig wechselnde Geschlechtspartner waren fortan ihre treuen Wegbegleiter gewesen, bis sie eines Tages Pascal, einem jungen, engagierten Streetworker aus Rostock begegnet war. Selbstlos hatte er sie aus dem Tal der Tränen herausgeholt, ihrem Leben wieder einen Sinn gegeben und sich irgendwann in sie verliebt. Vor gut dreieinhalb Jahren war sie schließlich zu ihm nach Warnemünde gezogen und schien endlich Glück gefunden zu haben. Doch ihre gemeinsame Zeit war nur geliehen und hatte bereits wenige Wochen später an einem Bahnübergang zwischen Schwaan und Huckstorf ein abruptes Ende gefunden. Nach ein paar Tagen aufrichtiger Trauer hatte sie sich jedoch wie aus Trotz schnell wieder in neue Abenteuer gestürzt. Seit Sommer 2010 gehörte sie zu Pacholskis Praxisteam und hatte sich, getrieben von ihrer unbändigen Sehnsucht nach Geborgenheit, wenig später auf eine heiße Liaison mit diesem eingelassen. Doch nun drohte der Bauplan ihres jungen Lebens wieder einmal wie eine Seifenblase zu zerplatzen.

2

Es war neblig und ungemütlich kalt. Die Temperaturen lagen auf Gefrierschrankniveau und von der See blies ein eisiger Wind hinüber. Nur die Lichtkegel der Straßenlaternen lockerten aller paar Meter die gespenstische Szenerie ein wenig auf. Die erhellten Fenster der umliegenden Häuser wirkten wie hinter einem Schleier verborgen und spuckten ab und an einen Fetzen Behaglichkeit auf die verwaisten Gehsteige. Wie sehr beneidete sie in diesem Augenblick die Menschen, die dahinter in ihren wohlig warmen Stuben beim Abendessen oder vor dem Fernseher saßen oder sonst etwas taten. Der Streit mit Pacholski hatte ihr mächtig zugesetzt.Er wird bezahlen, so oder so, sonst mache ich ihn fertig.Und doch waren seine Zweifel nicht unangebracht, schließlich war sie sich selbst nicht hundertprozentig sicher, wer der Vater ihres Kindes war. Womöglich war es tatsächlich Jonas, aber ebenso gut konnte es eben auch Alex sein, oder Lucas oder, oder, oder…? Egal, sie war felsenfest entschlossen, ihrem Chef das Baby anzudrehen. Obzwar um einiges älter, war er nicht nur optisch, sondern vor allem auch in materieller Hinsicht ein überaus attraktiver Mann. Und sie war sich absolut sicher, ihn in der Hand zu haben. Immerhin war sie noch minderjährig gewesen und hatte gerade mit ihrer Lehre begonnen, als er sie das erste Mal auf dem wuchtigen Schreibtisch in seinem verräucherten Büro flachgelegt hatte. Es war gewissermaßen ihre erste Lektion gewesen, eine Lektion freilich, die so ganz sicher nicht in der Ausbildungsverordnung stand. Überdies sollte ihn die schleichende Angst, seine Frau könnte ihn womöglich verlassen, wenn sie von seiner vermeintlichen Vaterschaft Wind bekäme, früher oder später schon zur Einsicht bringen. Immerhin lebten die beiden in Gütertrennung, sodass ihm im Falle einer Scheidung nichts weiter als seine noch immer hochgradig kreditverschuldete Praxis geblieben wäre. Es wäre wohl das unweigerliche Ende seines geliebten Luxuslebens gewesen. Lautstark und wild gestikulierend hatte sie ihn eben noch an diesen für ihn äußerst bitteren Sachverhalt erinnert, ihm die Aussichtslosigkeit seiner Lage schmerzlich vor Augen geführt und zur Krönung eine schallende Ohrfeige verpasst. Sie konnte wahnsinnig zärtlich sein, wenn sie liebte, aber nicht minder grausam, wenn sie hasste. Manchmal sind Liebe und Hass wie Bruder und Schwester.

Jetzt träumte sie nur noch von einem heißen, entspannenden Bad, um die Spuren des dahinscheidenden Tages von ihrem Körper abzuwaschen. Anschließend würde sie sich auf den Weg zu Jasmin begeben, um morgen in aller Frühe gemeinsam mit ihr nach Berlin aufzubrechen. Sie freute sich schon auf das geplante Programm: Shoppen, ein bisschen Sightseeing und dann in einem der angesagtesten Technoclubs Abtanzen bis tief in die Nacht. Sie war völlig in ihren Gedanken versunken und hatte das Auto erst gar nicht bemerkt, das wenige Meter vor ihr am Straßenrand stoppte. Aus dem Auspuff stiegen dicke Abgasschwaden auf, und die Bremslichter durchschnitten die Dunkelheit mit ihrem kräftig leuchtenden Rot. Im ersten Moment beschlich sie ein ungutes Gefühl, und sie spürte ihren immer schneller werdenden Herzschlag bis zum Hals hinaufsteigen. Latente Angst schwebte über ihr wie eine Gewitterwolke, die drohte, jeden Moment ihren Inhalt zu entleeren. Für einen kurzen Augenblick erwog sie, auf dem Absatz kehrt zu machen, verwarf diesen Gedanken aber sogleich wieder, als ihr ein vertrautes Gesicht durch das heruntergelassene Beifahrerfenster entgegenblickte.

„Okay“, antwortete sie kurz und bündig, als eine vertraute Stimme ihr anbot, sie mitzunehmen. Ein paar Minuten nur noch und sie würde in ihrer Badewanne liegen und den Tag mit all seinen Strapazen und Ärgernissen endlich hinter sich lassen. Als sie die Wagentür öffnete, blies ihr eine angenehme Wärme entgegen, ein wohltuender Kontrast zu der Eiseskälte, der sie sich eben noch schutzlos ausgeliefert sah. „Danke, dass …“ Sie kam nicht mehr dazu, den Satz zu vollenden. Wie aus dem Nichts umklammerte sie plötzlich eine gummibehandschuhte Hand, um ihr ein ekelhaft feuchtes, beißig riechendes Etwas auf den Mund zu pressen. Ein herber, brennender Geruch bohrte sich wie ein vergifteter Pfeil in ihre Nase, und ehe sie die Situation erfassen konnte, spürte sie bereits ihre Sinne schwinden. Verzerrte Bilder und merkwürdige Gestalten vollführten einen wilden Tanz vor ihren Augen, und alles um sie herum schien sich im Kreis zu drehen. Bis es schließlich dunkel wurde und ihr Bewusstsein in einer stockfinsteren, schwarzen Materie versank …

Was ist das hier? Was ist passiert? Ein penetrant süßlicher Geruch hat sich in meiner Nase festgebissen. Wie ein bösartiger Tumor hat er schleichend Besitz von mir ergriffen. Ich will ihn abschütteln, aber ich werde ihn nicht los. Ich bin müde, so unglaublich müde, todmüde. Ich fühle mich wie erschlagen, und womöglich bin ich das ja auch bereits. Lebe ich noch, oder bin ich vielleicht schon tot? Irgendetwas trommelt erbarmungslos wie tausende spitze, kleine Hämmerchen von innen gegen meine Schläfen. Mein Kopf droht vor Schmerzen zu zerspringen. Mir ist speiübel. Das ist für den Moment zwar nicht gerade schön, verrät mir aber, dass ich offenbar doch noch am Leben bin. Denn wäre ich tot, wäre mir ja wohl kaum noch übel. Außerdem haben Tote für gewöhnlich kein Kopfweh. Ich will nach Hilfe rufen, aber dieser ekelhafte Stoffballen in meinem Mund macht es mir unmöglich. Wer will, dass ich nichts sagen und nicht um Hilfe rufen kann? Was geschieht hier? Was habe ich mir zuschulden kommen lassen, dass man mich hier festhält? Wofür soll das gut sein? Wo bin ich gerade? Ich kann nichts sehen, kann meine Augen nicht öffnen. Jemand hat sie so fest verbunden, dass sie schmerzen. Wer will, dass ich nichts sehen kann? Alles um mich herum ist in ein tiefes, surreales Schwarz getaucht. Stockfinstere Nacht. Der Tod kann kaum dunkler sein.

Was passiert mit mir? Ich spüre unbarmherzige Kälte. Ich bin hilflos, so gut wie nackt, trage nur ein ärmelloses Top und meinen Tanga. Prompt hasse ich diese viel zu knappen Dinger und wünschte sehnlichst, ich stünde auf Liebestöter. Ich werde mir neue Unterwäsche zulegen, wenn das hier vorbei ist. Falls das hier irgendwann vorbei gehen sollte. Aber wenigstens habe ich noch Hoffnung, dass das hier irgendwann vorbeigehen könnte, also muss ich ja wohl am Leben sein. Irgendjemand hat mich auf einer metallisch kalten, harten Unterlage fixiert. Ich fühle mich wie in einem Gefrierschrank gefangen. Ich bibbere mir die Seele aus dem Leib, und es kommt mir vor, als würden sich in meinen Adern allmählich Eiswürfel bilden. Mein Blut droht jeden Augenblick zu einer festen, kalten Masse zu erstarren. Was hat man mit mir gemacht? Breite Fesseln ziehen sich fest wie Schraubzwingen über meinen Bauch und meinen Brustkorb. Sie sind straff, so straff, dass ich nur mit Mühe atmen kann. Ich japse nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Aber genau deshalb bin ich jetzt sicher, dass ich noch lebe. Denn wäre ich tot, bräuchte ich ja schließlich nicht mehr zu atmen. Ich will meine Arme heben, doch ein gewaltiger, unüberwindbarer Widerstand hält sie fest an ihrem Ort. Ich möchte aufstehen, fortlaufen, aber meine Beine gehorchen mir nicht mehr. Ich kann sie nicht bewegen, nicht einen Millimeter, nicht mal einen Nanometer. Meine Schenkel sind so weit gespreizt, dass es sich anfühlt, als würde es mir jeden Moment die Hüften sprengen. Wo bin ich hier? Was hat man mit mir vor?

In der Ferne höre ich Schritte, spüre, wie etwas näher kommt und schließlich eine Tür geöffnet wird. Eine ungute Vorahnung überkommt mich wie ein eiskalter Schauer. Mein Herz rast wie ein ICE, mein Puls schlägt bis hoch zum Hals, und meine Schläfe pulsiert beinahe im Zehntelsekundentakt. Ich habe unbändige Angst, aber die Fesseln um meinen Körper sind so furchtbar eng, dass ich nicht mal richtig zittern kann. Ich will mich losreißen, um zu fliehen. Doch es ist aussichtslos. Ich komme hier einfach nicht weg, wahrscheinlich niemals mehr, jedenfalls nicht in diesem Leben. Wer nur in Gottes Namen tut mir so etwas Schreckliches an? Warum liege ich hier – geknebelt, ausgeliefert, gepeinigt und wehrlos? Plötzlich wie aus dem Nichts berührt mich eine Hand. Ist es eine helfende oder eine böse? Sie macht sich an meinem Gesicht zu schaffen. Will sie mich befreien, oder will sie mir wehtun? Sekundenbruchteile später werde ich von einem grellen Schein geblendet. Tausend Blitze schlagen wie Tornados auf meiner Netzhaut ein; ein anhaltendes Dauerfeuer unvorstellbarer Schmerzen. Das gleißend weiße Licht droht meine Augen zu verblitzen. Aber endlich hat die Dunkelheit ein Ende. Ich kann wieder sehen und sehe doch nichts. Langsam, ganz langsam kann ich verschwommene Umrisse und rätselhafte Schatten erkennen. Wie eine schwere Gewitterwolke baut sich allmählich die Silhouette einer finsteren Gestalt über mir auf. Sie trägt eine wehende, schwarze Mönchskutte mit weiter Kapuze und spricht kein Sterbenswort. Das Gesicht ist hinter einer furchteinflößenden, undurchsichtigen Maske verborgen. Sieht so etwa der Tod aus? MEIN Tod?

Was ist das? Was passiert mit mir? Kalter Stahl schiebt sich wie eine Todeskralle unter mein trotz der Eiseskälte vor Angst verschwitztes T-Shirt, zieht dessen klammen Stoff immer fester an meinen Leib und teilt es schließlich mit einem ruckartigen Schnitt in zwei ausgefranste Hälften. Meine Augen erahnen die Konturen von etwas, das nichts Gutes verheißt und sich schon im nächsten Augenblick wie ein Pfeil in meine linke Brust bohrt. Es tut höllisch weh, so unglaublich weh. Ich spüre einen Schmerz, so stark, wie ich ihn noch nie zuvor in meinem Leben gespürt habe. Ich will schreien, so laut, wie ich es noch nie zuvor in meinem Leben getan habe. Aber dieses beschissene Stück Stoff in meinem Mund hindert mich daran. Ich winde mich hilflos auf meiner harten Unterlage, ich versuche es zumindest, aber das Plasteband ist gnadenlos und unnachgiebig und lässt kaum die kleinste Bewegung zu. Wie besessen zerre ich an den Ketten meines Martyriums, will sie abschütteln, mich befreien. Aber alle Mühe ist vergebens. Was soll das? Was geschieht hier mit mir, und warum? Während ich noch nach Antworten suche, dringt die scharfe Klinge bereits ein weiteres Mal in das empfindsame Fleisch. Ich könnte mich krümmen vor Schmerzen, aber die Fesseln erlauben es mir nicht. Ich will mir die Seele aus dem Leib schreien, aber durch diesen widerlichen Fetzen bleibt mir selbst der kleinste Laut im Halse stecken. Meine Hilflosigkeit macht mich wahnsinnig. Langsam spüre ich, wie mehr und mehr die Kraft aus meinem Körper weicht. Mir wird schwarz vor Augen, und ich versinke in der Dämmerung. Bin ich jetzt tot, endlich erlöst?

Was ist das? Wasser, eisiges Wasser in meinem Gesicht. Ein kalter Schauer überkommt mich und holt mich ins Leben zurück. Zurück in ein Leben, mit dem ich eigentlich schon abgeschlossen hatte. Warum lässt man mich nicht einfach sterben? Allmählich wird mir klar, weswegen man mich zurückgeholt hat. Ich will es nicht glauben und kann es nicht fassen: Ich soll leiden, unendlich leiden, und jedes grausige Detail meines eigenen beschissenen Endes haarklein mitbekommen. Nur deshalb bin ich zurück in jener Welt, von der ich glaubte, sie bereits verlassen zu haben. Aber will ich überhaupt zurück? Eine spitze, scharfe Klinge teilt meinen Slip mit einer ruckartigen Bewegung in zwei ungleiche Dreiecke und legt meine Scham frei. Warum nur um alles in der Welt musste ich mich unbedingt dort unten rasieren? Andere lassen wenigstens einen schmalen Streifen stehen, aber er wollte es so – und das habe ich nun davon. Jetzt fühle ich mich nackter als nackt, meiner allerletzten Würde beraubt. Aber meine Angst ist noch viel stärker. Was passiert nun? Werde ich jetzt vergewaltigt? Ich fühle mich ausgeliefert und hilflos. Was kommt wohl als Nächstes? Ich schwanke zwischen MUSS ICH JETZT STERBEN ODER DARF ICH WEITERLEBEN und DARF ICH JETZT STERBEN ODER MUSS ICH WEITERLEBEN, tendiere aber mehr und mehr zu letzterem. Die Ungewissheit ist grausam. Plötzlich – ein teuflischer Schmerz. Erbarmungslos frisst sich das Messer in meinen Unterleib und droht dort nahezu alles zu zerstören, was die Frau in mir ausmacht. Mir ist, als würde mich eine gewaltige Explosion in tausend Stücke zerreißen. Ich habe das Gefühl, zweigeteilt zu werden. Es tut so unheimlich weh. Das muss die Hölle sein. Nein, das IST die Hölle. Ich rieche den grässlichen Gestank von Blut, Folter und Tod und werde wahnsinnig vor Schmerzen, ehe ich erneut das Bewusstsein verliere.

Wieder eiskaltes Wasser auf meiner geschundenen Haut. Das Leben will mich noch immer nicht gehen lassen. Warum eigentlich? Lass mich doch endlich los! Etwas großes Klobiges drückt von beiden Seiten gegen meinen Kopf und macht selbst die kleinste Bewegung unmöglich. Mir ist, als würde jeden Augenblick mein Schädel bersten. Ich spüre, wie sich rasiermesserscharfes Metall gnadenlos in meine Gesichtshaut frisst. Ein warmes, blutiges Rinnsal strömt über meine Wangen. Ich spüre, wie dicke Tropfen auf die Unterlage prasseln. Die Schmerzen sind eine einzige, unvorstellbare Marter. Warum muss ich all das hier ertragen? Warum darf ich nicht einfach sterben, endlich sterben, wenn du mich schon nicht am Leben lassen willst? Ich blicke in das gesichtslose Gesicht unter der schwarzen Kapuze. Die hässliche Fratze des Todes, für Sekundenbruchteile sehe ich sie unerwartet klar und deutlich. Doch schon im nächsten Moment beginnen die Bilder zu verschwimmen. Ich weiß nicht, wie mir geschieht, registriere lediglich den kalten, geschliffenen Stahl in meinen Augenhöhlen – erst rechts, dann links. Ich leide Höllenqualen. Zum ersten Mal in meinem Leben bete ich zu jenem Gott, an den ich bisher nicht so recht glauben mochte. Und diese Erfahrung dürfte es mir kaum leichter machen, meine gepeinigte Seele in seine Hände zu legen. Gütiger Herr, weshalb lässt du das zu? Warum erlöst du mich nicht und lässt mich endlich zu dir?

Plötzlich ist es still. Unendlich tiefe Nacht umgibt mich wie ein schwerer Vorhang. Ich sehe ein Schwarz, so dunkel, wie ich es nie zuvor gesehen habe. Alles um mich herum ist stockfinster und bitterkalt. Ich tauche ab in einen Traum, aus dem ich am liebsten nie mehr erwachen möchte. Habe ich es geschafft? Bin ich endlich erlöst? Bin ich frei? Aber es ist noch immer nicht vorbei. Wieder werde ich unsanft zurückgeholt. Das Wasser fühlt sich noch ein paar Grad kälter an, als zuvor. Warum nur, warum? Was soll ich noch in diesem Leben? Ich habe keine Augen mehr, keine Brüste, keine Weiblichkeit. Bitte lass mich endlich gehen, für immer, endgültig – bitte, bitte, bitte. Ich flehe innerlich, weil ich fühle, dass mein geschundenes Wesen keinen Schmerz mehr erträgt. Ich bettle nur noch um den Tod. Obwohl ich nichts sehen kann, spüre ich, dass jemand in meiner unmittelbaren Nähe ist. NUN TU ES ENDLICH, ERLÖSE MICH! Eine Salve aus gefühlten tausend Messerstichen prasselt wie Dauerfeuer aus einem Maschinengewehr auf meinen geschredderten Körper nieder, welcher eigentlich längst schon nur noch ein lebloser Torso ist. Es ist das große Finale furioso, und ich bin dankbar dafür, dass es bald vorbei ist und ich endlich sterben darf. Nur noch ein paar Stiche, dann bin ich erlöst.

Stille, unendliche Stille. Es ist vollbracht, ich habe es geschafft. Endlich. Ich empfinde Erleichterung und Glückseligkeit. Eine wohlige Wärme legt sich wie ein zarter Schleier auf mein Gesicht. Um mich herum ein Meer aus Blumen. Es sind wunderschöne Blumen, unendlich viele Blumen, ein einzigartiger, bunter Teppich. Unvorstellbare Formen, nie zuvor gesehene Farben. Das muss es sein, das Jenseits. Ich bin angekommen. Endlich bin ich auf der anderen Seite. Ich spüre keine Schmerzen mehr, atme die Luft grenzenloser Freiheit. Meine Haut ist glatt und rein. Die Fesseln sind verschwunden. Ich kann meine Arme und Beine bewegen, stehe auf und setze vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Mein offenes Haar glänzt seidig. Goldblonde Engelslocken umspielen sanft meine nackten Schultern. Ich trage ein langes, weißes Kleid mit dünnen Trägern, das Kleid der Unschuld. Ich bin im Paradies. Ich bin frei, für immer frei.

3

Samstag, der 26. Januar 2013

Nathalie Hartung, eine attraktive Mittdreißigerin mit knackigen weiblichen Rundungen, gehörte zu jenen Frauen, nach denen sich die Männer, ob sie wollten oder nicht, beinahe zwanghaft umdrehten. Sie hatte einen leicht südländischen Teint, rehbraune Augen und einen sinnlichen Mund. Die pechschwarz gefärbten langen Haare erinnerten ein bisschen an eine Indianerin. Das leuchtende Weiß ihrer Zähne, welche sie regelmäßig bleichen ließ, bildete einen auffälligen, fast etwas unnatürlichen Kontrast zu ihrer solariumsgebräunten Haut. Es war nicht zu übersehen, dass sie sehr viel Wert auf ihr Äußeres legte und offenbar bereit war, hierfür so manchen Euro hinzublättern.

Seit fast zehn Jahren arbeitete sie in einer angesehenen Steuerkanzlei in der Südstadt. Längst war sie dort zur rechten Hand des Chefs geworden, was sie neben ihrer unbestritten hohen fachlichen Kompetenz sicher zu einem nicht ganz unerheblichen Teil auch ihrem guten Aussehen verdankte. Dennoch hatte ihr beruflicher Werdegang nicht das Geringste mit einer Couchkarriere gemein, auch wenn ihr Boss beileibe kein Kostverächter war und gegen ein Techtelmechtel mit einer Klassefrau wie ihr gewiss nichts einzuwenden gehabt hätte. Natürlich erfreute sie sich vor allem unter den männlichen Mandanten großer Beliebtheit, hatte sich jedoch längst an schmachtende Blicke voller heimlicher Begierde und manch eindeutig zweideutigen Spruch gewöhnt. Gelegentliche Annäherungsversuche überspielte sie mit professioneller Lockerheit und Souveränität. Besonders der dicke Dr. Heinrich, ein umtriebiger, Anfang fünfzigjähriger Immobilienmakler mit Geschäftssitz in der nahegelegenen altehrwürdigen Residenzstadt Güstrow, schien ihren weiblichen Reizen nur mit größter Mühe widerstehen zu können. Er zählte bereits seit längerem zu den betuchtesten Klienten der Kanzlei, liebte gutes Essen, edlen Wein und vor allem schöne Frauen. Und so gehörte es gewiss nicht ohne Hintergedanken zu seinen Marotten, die Mitarbeiter des Steuerbüros in regelmäßigen Abständen in die angesagtesten Restaurants einzuladen, und gestern Abend war es wieder einmal soweit gewesen. Wie immer hatte er eine seiner weitesten Spendierhosen angezogen und neben einem üppigen und vor allem kalorienreichen Buffet reichlich Champagner und andere edle Getränke auffahren lassen. Dennoch war er Nathalie diesmal irgendwie merkwürdig vorgekommen. Bereits die mehr als dreißigminütige Verspätung zu Beginn – angeblich hätte er noch ein wichtiges Kundengespräch führen müssen – war für ihn völlig untypisch gewesen, denn eigentlich war er, wenn es ums Feiern ging, meist der Erste. Und obwohl Essen normalerweise zu seinen absoluten Lieblingsbeschäftigungen zählte, hatte er sich diesmal auffällig zurückgehalten, stattdessen aber einen Whisky nach dem anderen in sich hineingeschüttet. Er hatte irgendwie abgehetzt und fahrig gewirkt, ganz anders, als man ihn sonst kannte. Nie zuvor war er ihr gegenüber derart distanziert, ja geradezu introvertiert aufgetreten. Außerdem hatte er das Lokal ungewohnt früh wieder verlassen, ansonsten zählte er eigentlich eher zu denen, die spät nachts das Licht ausknipsten.Vielleicht hatte er ja Ärger mit einem Klienten, Stress mit einer Frau oder irgendwelche anderen Probleme oder einfach nur begriffen, dass er bei mir nicht landen kann, hatte sie seiner ungewohnten Reserviertheit jedoch keine besondere Bedeutung beigemessen.

Es war Samstag, der Morgen nach Heinrich. Wenngleich es letzte Nacht recht spät geworden war, hatte es sie nur ein paar Stunden in ihrem Bett gehalten. Bei der morgendlichen Katzenwäsche starrte ihr eine übermüdete Gestalt mit tiefen Ringen unter den Augen aus dem Badezimmerspiegel entgegen. Noch halb verträumt schlüpfte sie in ihre Funktionsunterwäsche, die gegenüber den knappen Dessous, die sie sonst immer trug, beinahe etwas Liebestöterisches an sich hatte, und zog ein schwarzes langärmliges Shirt sowie die wetterfeste Laufjacke darüber. Ihre enganliegende, leuchtend rote Jogginghose betonte ihren knackigen Po. Unten an der Haustür stülpte sie sich schließlich ihr giftgrünes Fleece-Stirnband über den Kopf und begab sich mit zügigen Schritten auf den Weg. Während sie im Morgengrauen noch etwas schlaftrunken die menschenleere Poststraße überquerte, durchschnitten die dumpfen Schläge der Kirchturmuhr wie Pfeile die Stille der im Sterben liegenden Nacht. Ihr Weg führte sie weiter vorbei am Pfarrhaus, der Tourist-Information und der einstigen Vogtei, welche sie nach all den Jahren kaum mehr bewusst registrierte. Der Alte Strom mit seinen aufgereihten Fischerhäusern, deren Dächer von weißen Hauben überzogen waren, wirkte noch tief verschlafen. Ihre durchtrainierten Beine trugen sie an Geschäften und Restaurants vorüber, die zu dieser frühen Stunde noch friedlich nebeneinander schlummerten, ehe sie in Kürze schon ihren alltäglichen Kampf um zahlungskräftige Kundschaft eröffnen würden. Derweil flogen in Nathalies Augenwinkeln verschwommen die Bilder der bunten, alten Holzkutter vorüber, die an ihren vertrauten Liegeplätzen ruhten. Mit weißen Lettern auf rotem Untergrund warb der Zeitungskiosk gegenüber dem alten HotelAtlanticfür eine bekannte Illustrierte, während von der Mittelmole das unpersönliche Bürohochhaus einer Fährreederei mit deren bunter Leuchtreklame grüßte. Schließlich passierte sie den weiß-roten SeenotrettungskreuzerArkona, der an seiner Anlegestelle kurz vor dem Molenfuß hoffentlich vergeblich auf einen Einsatz wartete, und eine ausgefallene Bar mit verlockendem karibischem Flair, die in neudeutschem Slang exotische Drinks zum Bestprice während der Happy Hour feilbot.

Das Kreischen der Möwen durchdrang die sich allmählich zurückziehende Stille. Kurz bevor sie ihre Laufschuhe in Richtung Teepott trugen, schob sich dieSkånein ihr Blickfeld. Geradezu majestätisch steuerte sie auf die Hafenausfahrt zu, um bereits wenige Minuten später über die an diesem Morgen ungewohnt ruhige, beinahe spiegelglatte See davon zu gleiten. Viel zu oft schon hatte sie das über zehn Jahre alte Schiff auf seiner täglichen Reise zwischen Rostock und Trelleborg wegfahren oder ankommen sehen, als dass sie dieser lang gewohnte Anblick ausgerechnet an jenem Morgen aus ihrem zügigen Tritt hätte bringen können. Nur wenige Augenblicke später hatte sie den Leuchtturm passiert, wo der sogenannte Planeten-Wanderweg, ein maßstabgerecht verkleinertes Abbild unseres Sonnensystems, seinen Anfang nahm.MeinVaterErklärtMirJedenSamstagUnsereNeunPlaneten. Die alte Eselsbrücke, die schon Generationen von Schülern vor ihr als einfache aber effektive Lernhilfe diente, ging ihr immer wieder durch den Kopf, wenn sie mit geradezu professioneller Routine die weißen Tafeln mit den wichtigsten Eckdaten der jeweiligen Himmelskörper passierte. Nur unterschwellig drang das Rauschen des Meeres an ihre Ohren, das unentwegt seine Energie an dem langen, flach abfallenden Strand entlud. Mit gleichmäßiger Frequenz pflügten ihre Laufschuhe über den Untergrund, während kleine weiße Wolken im Rhythmus ihres Atems um Mund und Nase waberten. Ihr Stirnband war von einem Mix aus Schweiß und kalter Feuchte durchtränkt, und ihr Zopf wedelte wie ein nutzloses Anhängsel unkontrolliert hin und her. Kaum eine Menschenseele war zu dieser frühen Stunde auf den Beinen. Zwei Nordic-Walker kamen ihr mit langen Schritten und weitschwingenden Stöcken entgegen und grüßten die Unbekannte mit einem flüchtigen „Moin“. Ein kleiner Hund mit abstehenden Ohren – offenbar das Ergebnis einer nur schwer definierbaren Promenadenmischung – hatte sich von seiner Leine losgerissen, tollte ausgelassen durch die am Wegesrand aufgeschütteten Schneehaufen und ließ seinen Besitzer, der ihn bereits seit ein paar Minuten verzweifelt einzufangen versuchte, noch ein Stück weit älter aussehen, als er ohnehin schon war. Ihr Puls war bereits spürbar schneller geworden, als sich hoch vor ihr der klobige Betonklotz desNeptun-Hotels aufbaute, eigentlich ein architektonischer Sündenfall des DDR-Sozialismus, aber trotzdem auch heute noch das erste Haus am Platz. Gleich dahinter nahm das neue Wellness-Ressort langsam aber sicher Formen an, aber trotzdem mochte man nicht so recht daran glauben, dass es tatsächlich bereits Ostern eröffnen sollte.

In Gedanken vertieft trugen sie ihre durchtrainierten Beine beinahe mechanisch Schritt für Schritt voran, bis sie schließlich die Bahn des Saturns kreuzte. Das kahle Geäst der Bäume war von einer weißen, im Licht der Morgensonne kristallisch glänzenden Glasur überzogen und streckte seine weitverzweigten Tentakel in alle Himmelsrichtungen. Aus ihrem iPod tönte ein Song von Katy Perry, der so gar nicht zu diesem winterlich rauen Seeklima passen mochte, sondern eher an das lockere Beachfeeling Kaliforniens erinnerte. Der Uranus war soeben unbemerkt an ihr vorübergezogen, als plötzlich wie aus dem Nichts ein unförmiges Etwas in ihr Blickfeld platzte. Beinahe mechanisch stoppte sie abrupt ihren Lauf und vollführte unwillkürlich eine Vollbremsung, um zu ergründen, was genau da an einer etwas zurückgesetzten Birke lehnte. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und übertönte einen Moment lang sogar das Rauschen des Meeres, während sich Atmung und Puls ein rasantes Duell lieferten. Eine geradewegs erdrückende Angst bemächtigte sich ihrer und legte sich wie eine gewaltige Schraubzwinge um ihren Brustkorb. Entgeistert kniff sie ihre Augen zusammen, so als wolle sie dadurch mit aller Macht die Bilder verdrängen, die sich in diesem Moment auf ihre Netzhaut projizierten. Sie wollte schreien, aber irgendetwas schien ihr die Kehle zuzuschnüren.Lieber Gott, bitte mach, dass das nicht wahr ist, betete sie innerlich, obwohl sie eigentlich nicht gläubig war. Vielleicht war es ja nur eine Sinnestäuschung oder eine durch die Natur willkürlich geformte bizarre Struktur. Oder jemand hatte etwas Sperriges auf makabere Weise entsorgt. Oder sie hatte gestern Abend einfach nur zu viel getrunken oder einfach nur zu wenig geschlafen oder, oder, oder… Mit aller Macht versuchte sie wider besseren Wissens, die unausweichliche Realität aus ihrem Bewusstsein zu verdrängen. Doch so sehr sie sich auch dagegen wehren mochte: Sie hatte soeben irgendwo im Niemandsland zwischen Uranus und Neptun eine grausame Entdeckung gemacht.

Tick tock on the clock…– fast zur gleichen Zeit riss der Radiowecker Dr. Carsten Heinrich gnadenlos aus dem Tiefschlaf. Erst spät in der Nacht war er auf wackligen Beinen in die elegante Suite seines Hotels in unmittelbarer Nähe der Strandpromenade zurückgekehrt und hatte folglich wieder einmal viel zu wenig Schlaf bekommen –…but the Party don´t stop. Nun zeugte ein diffuser Kopfschmerz von den vorabendlichen Sünden. Er musste dringend unter die Dusche, um wenigstens ein bisschen von der Müdigkeit abzuspülen, die ihn noch immer mit ihren unsichtbaren Klauen umfangen hielt. Vor allem aber brauchte er eine oder auch zwei Aspirin und einen extra starken Kaffee. Schließlich wollte er sich in knapp zwei Stunden mit einem Kunden treffen, der an einigen Objekten in und um Warnemünde interessiert und offenbar bereit war, hierfür einen guten Preis zu bezahlen.

Während sich der Dreizentnerkoloss behäbig in seinem Bett aufsetzte und die Matratze unter der Last seines voluminösen Körpers ächzte, zogen noch einmal die Bilder des gestrigen Abends vor seinem geistigen Auge vorüber. Sie hatten reichlich gegessen und noch reichlicher getrunken. Nun hämmerte eine Armee aus tausend kleinen Männchen beinahe unaufhörlich von innen gegen seine Schädeldecke. Manchmal konnte die Rechnung einer durchzechten Nacht wahrhaft grausam sein. Allerdings hatte er die Party diesmal nicht so genießen können wie sonst. Selbst Nathalie Hartung, diese rassige Schönheit, in die er schon seit langem hoffnungslos verschossen war, hatte daran nichts ändern können. Zu sehr war er innerlich mit dieser zierlichen Blonden beschäftigt, die kürzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel in seinem Leben eingeschlagen hatte. Sie verfügte über dieses gewisse Etwas, für das es einfach keine passenden Worte gab, und gehörte zu jener Sorte Frauen, denen die meisten Männer früher oder später unweigerlich erlagen, ganz gleich, ob sie es wollten oder nicht. Ihn jedenfalls hatte es mit voller Wucht erwischt. Diese Kleine, die gut und gerne seine Tochter sein konnte, ging ihm einfach nicht mehr aus dem Sinn. Erst vor wenigen Wochen war sie zum ersten Mal in seinem Büro aufgetaucht. Sie war gerade mal geschätzte Anfang zwanzig, sah aber noch ein paar Jahre jünger aus und verkörperte den Inbegriff einer typischen Kindfrau. Ihr feingliedriges Gesicht und das halblange, engelsblonde Haar unterstrichen ihre unschuldige Aura, die in Wirklichkeit nichts weiter war als eine Maske, denn eigentlich hatte sie es faustdick hinter den Ohren. Ihr einnehmender Blick, mit dem sie, wenn sie nur wollte, beinahe jeden spielend um den Finger wickeln konnte, das offenherzige Dekolleté, welches ihre kleinen aber festen Brüste betont zur Schau stellte, und der knackige Hintern in ihrer engen Jeans, aus der sie gelegentlich betont lasziv ihren Tanga blitzen ließ, sprachen zumindest eine andere Sprache. Als gäbe es nichts Selbstverständlicheres, hatte sie ihm freimütig naiv ihr Interesse an einer der gefragten, überaus luxuriösen Eigentumswohnungen unweit des Alten Stroms offenbart und zunächst nur Heinrichs ungläubige Blicke geerntet.Woher nur um alles in der Welt soll diese Püppi so viel Kohle haben, um sich eine solche noble Bleibe leisten zu können?Ohne dass er seine Gedanken aussprechen musste, hatte sie ihm sodann freimütig von einem kürzlich verstorbenen Onkel berichtet, der ihr einen stattlichen Geldbetrag hinterlassen hätte. Freilich würde dieser für die angedachte Investition aller Voraussicht nach nicht ganz reichen. „Aber vielleicht lässt sich ja am Kaufpreis noch was machen“, hatte sie ihn mit einem unmissverständlichen Augenaufschlag umgarnt. Immerhin hatte sich längst herumgesprochen, dass der Dicke alles andere als ein Kostverächter war und sich hin und wieder auch gern einmal in Naturalien bezahlen ließ, vor allem, wenn die Kunden attraktive, junge Frauen waren. „Außerdem fände ich es echt cool von Ihnen, wenn Sie mir vielleicht wegen Ihrer Provision ein bisschen entgegenkommen könnten.“

Bereits zwei Tage später hatten sie sich vor einem Mehrfamilienhaus in Warnemünde wiedergetroffen, offiziell, um die avisierte Wohnung zu besichtigen, doch in Wahrheit vor allem, damit sie die erste Rate der Maklercourtage abarbeiten konnte. Natürlich durfte ein Fleischklops wie er nicht ernsthaft glauben, dass das, was zwischen ihm und der Kleinen lief, auch nur im Entferntesten etwas mit echten Gefühlen zu tun haben könnte. Ganz im Gegenteil, es war nichts anderes als eine pure Zweckgemeinschaft. Sie wollte den Preis für etwas bislang Unerreichbares drücken und Sex war die Währung, in der sie dafür bezahlte. Nur darum war sie ihm ein paarmal zu Willen gewesen, genau wie sie es für jeden x-beliebigen anderen auch getan hätte, solange es um ihren Vorteil ging.Doch irgendwie hatte sie es geschafft,ihm dermaßen den Kopf zu verdrehen, dass er unentwegt an sie denken musste, ein Zustand, den er freilich nicht gutheißen konnte. Ausgerechnet er, der Betuchte und Mächtige, in nahezu jeder Lebenslage über den Dingen Stehende, hatte offenbar vollkommen die Kontrolle über sich selbst verloren und war den Reizen dieser raffinierten Lolita willenlos erlegen. Er war fasziniert, ja geradezu besessen von ihr und musste sich dennoch zutiefst gedemütigt und erniedrigt fühlen, weil er zugleich wusste, dass sie ihn und seine Triebe in Wahrheit nur benutzte. Irgendwie erinnerte ihn die Situation fatal an Silke, seine einstige Jugendliebe. Auch sie war eine eher mädchenhafte Erscheinung mit blondgelockten Haaren, vor allem aberdieEnttäuschung seines Lebens gewesen. Zwar hatte sie sich mit der Aura einer Vierzehnjährigen umgeben, doch, wie sich bald herausstellen sollte, bereits frühzeitig über die Erfahrung einer Mittzwanzigerin verfügt. Ihr Interesse an ihm war rein materieller Natur gewesen, da er aus recht betuchtem Hause stammte. Doch dann war sie eines Tages einer noch ein Stück weit lukrativeren Partie begegnet und hatte ihn von heut auf morgen fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Er hatte sie wirklich abgöttisch geliebt und schon von einer gemeinsamen Zukunft mit ihr geträumt, doch plötzlich war eine Welt für ihn zusammengebrochen. Wochenlang hatte er sich damals in sein Schneckenhaus verkrochen und sogar darüber nachgedacht, erst ihrem und dann seinem Leben ein Ende zu setzen. Obwohl all das nun schon eine halbe Ewigkeit zurücklag, hatte er den Schmerz niemals richtig verwunden. Nie wieder hatte er sich danach auf eine ernsthafte Beziehung einlassen können, und die Frauen, die seither seinen Weg pflasterten, waren meist nichts weiter als flüchtige Episoden. Aber nun war diese zierliche, kleine Blonde wie aus dem Nichts auf der Bildfläche aufgetaucht und hatte, ohne es zu wissen, urplötzlich die schmerzliche Erinnerung wieder aufleben lassen. Das Trauma von einst war mit einem Mal zurückgekehrt.

„Tick tock on the clock …“– hämmerten die letzten Töne geradezu erbarmungslos aus dem Radiowecker, ehe ihn Carsten Heinrich, als würde er mit der flachen Hand auf einen Buzzer schlagen, endlich verstummen ließ. Er fingerte die Packung Aspirin aus seiner Kulturtasche, torkelte mit noch halb geschlossenen Augen ins Bad, füllte kaltes Leitungswasser in ein unbenutztes Zahnputzglas und gab gleich zwei Brausetabletten hinzu. Gedankenversunken beobachtete er die aufsteigenden Bläschen, bis sich schließlich eine sprudelnde Lösung gebildet hatte, von der er inständig hoffte, dass sie seinem Brummschädel alsbald die dringend benötigte Linderung verschaffen würde. Mit zittrigen Händen griff er nach dem Gefäß, führte es bedächtig zum Mund und leerte es in einem Zug. Anschließend fuhr er sich ein paarmal lieblos mit dem Elektrorasierer über sein stoppeliges Kinn, putzte sich flüchtig die Zähne und entkleidete sich, um sodann unter der warmen Dusche die Spuren der zurückliegenden Nacht so gut es ging von seinem Körper abzuwaschen. Der wohltuende Wasserstrahl rann beinahe unaufhörlich seinen voluminösen Leib hinunter und holte ihn allmählich aus der Lethargie seiner trüben Gedanken zurück in die Realität. Eine gefühlte Ewigkeit später stand er im Bademantel auf dem Balkon seiner Suite und ließ die kühl-herbe Meeresluft in sich hineinströmen. Am Horizont wuchs langsam die Silhouette der aus Gedser kommendenKronprins Frederic, einer nicht mehr so ganz taufrischen Vertreterin der Scandlines-Flotte, um schon wenig später die Moleneinfahrt zu passieren. Unter dem immer lauter werdenden Kreischen der Möwen erhob sich die Strandpromenade allmählich aus ihrem Dornröschenschlaf.

4

Unsanft riss ihn ein schriller Geräusch-Potpourri aus seinem tiefen Traum. Tick, tack, tick, tack, brrrrrrrrr …Was ist das, wo bin ich? Gerade so, als wäre es von seinen eigenen Klängen selbst erschrocken, vibrierte das Mobiltelefon in spastischen Zuckungen auf dem Nachttisch vor sich hin, was um diese verschlafene Zeit nichts Gutes verheißen konnte. Wie in Trance tastete seine Hand nach dem fiesen, kleinen Ungeheuer, während sich die Lautstärke der Glockenschläge wie von Geisterhand ins Unermessliche zu steigern schien. Welcher Teufel hatte ihn nur geritten, dieses gellendeTime-Intro als Klingelton auszuwählen? Gelegentlich mochte dies ja durchaus ziemlich cool wirken, zu solch früher Morgenstunde allerdings nervte sogar Pink Floyd.

Seitdem er seine Frau vor gut zwei Jahren durch einen tragischen Autounfall verloren hatte, lebte Sebastian Treblow allein mit seiner bald vierzehnjährigen Tochter Melanie in dieser weitläufigen, für zwei Personen eigentlich viel zu großen Eigentumswohnung im Hansaviertel, einer sehr beliebten Wohngegend unweit der Rostocker Innenstadt. Auch den nahegelegenen Barnstorfer Wald mit dem Zoo konnte man von hier aus bequem erreichen. Als die Familie noch vollständig war, hatten sie dort vor allem an den Wochenenden viele schöne gemeinsame Stunden verbracht. Im Arbeitszimmer stapelten sich massenhaft Fotoalben und Videoaufnahmen als stumme Zeugen jener glücklichen Tage. Immer wenn die Trauer mal wieder gar zu heftig an die Tür zu seiner Seele klopfte, halfen ihm diese Erinnerungsstücke ein wenig über seinen Schmerz hinweg. Oft saß er dann bis spätabends mit Tränen in den Augen zwischen den bildhaften Relikten seiner einstigen großen Liebe. Und dann folgte wieder mal eine dieser nicht enden wollenden schlaflosen Nächte, in denen er sich bis zum Morgengrauen von einer Seite auf die andere wälzte und seine Hand nach der anderen Betthälfte griff, um dort nur eines zu spüren: eine kalte Leere, die sich anfühlte wie ein abgetrenntes Körperglied. Manchmal schien es, als hätte er sie gerade gestern erst verloren.

Während seiner jugendlichen Sturm- und Drangzeit war er ein wahrhaftiger Weiberheld gewesen. Meist genügte ein müdes Fingerschnippen, und die heißesten Bräute lagen ihm zu Füßen und bald schon in seinem Bett. Bis zu jenem Tag, an dem Jana seinen Weg kreuzte. Mit ihren langen, rotblonden Haaren, den leuchtend blauen Augen und ihrer Wahnsinnsfigur sah sie unverschämt gut aus und sollte sein Leben ein für alle Mal verändern. Sie war ihm auf der Geburtstagsparty eines Freundes begegnet und hatte – wie konnte es anders sein – im Handumdrehen seine männlichen Instinkte geweckt. Schnell hatte er sie als Opfer für die kommende Nacht auserkoren und genau so hemmungslos wie selbstgefällig angebaggert. Aber sie hatte ihn eiskalt abblitzen lassen, damit jedoch erst recht seinen Jagdtrieb geweckt. Sie war die erste Frau gewesen, um die er richtig kämpfen musste. Und wenn er ehrlich zu sich selbst war, war sie auch die erste, die er wirklich mit jeder Faser seines Herzens liebte und nicht nur körperlich begehrte. Am 7.7.1997, einem witterungsmäßig eher durchwachsenen Sommertag, gaben sie sich das berühmte Versprechen,in guten wie in schlechten Zeiten füreinander da zu sein,bis dass der Tod euch scheide, ohne zu ahnen, dass dieser sein unheilvolles Werk weit früher als erwartet auf so grausame Weise vollenden würde. Dennoch hatten sie ihre gemeinsame Zeit mit größter Intensität gelebt. Schon kurz nach ihrer Heirat waren sie nach Rostock gezogen und hatten sich hier von Anfang an wohl gefühlt. Für Sebastian war der Wechsel in den Osten mit einem gewaltigen Sprung in seiner beruflichen Karriere verbunden, auf den er ansonsten noch viele Jahre oder womöglich gar bis in alle Ewigkeit vergebens hätte warten müssen. Nicht wenige seiner neuen Kollegen hatten ihre Polizeilaufbahn in der einstigen DDR begonnen, sodass ihre damit oftmals beinahe zwangsläufig verbundene politische Vergangenheit irgendwann einem weiteren Aufstieg auf dem Boden der Demokratie nach westlichem Verständnis entgegenstand. Dementsprechend war der Eindringling von drüben hier zwar nicht gerade mit offenen Armen aufgenommen worden, hatte sich aber vor allem aufgrund seiner außergewöhnlichen kriminalistischen Kombinationsgabe schon bald Achtung und Respekt erworben. Selbst in schwierigsten Situationen blieb er hochkonzentriert und immer auf das Wesentliche fokussiert und erwies sich bereits nach kurzer Zeit als echter Gewinn für sein neues Team. Da auch Jana einen gutbezahlten Job in einem Pharmaunternehmen bekleidete, konnten sie sich so manchen Traum erfüllen: zwei schnittige Mittelklassewagen, unvergessene Reisen in ferne Länder und nicht zuletzt diese geräumige, stilvoll möblierte Maisonettenwohnung mit einem fantastischen Panoramablick über die Stadt. Mit der Geburt von Melanie vor inzwischen fast vierzehn Jahren schien ihr Glück vollkommen. Inzwischen war sie zu einem ausgesprochen hübschen Teenager herangereift, der sich mit unübersehbar großen Schritten langsam aber sicher zu einer attraktiven jungen Frau entwickelte. Schon seit geraumer Zeit drehten sich die Männer immer häufiger nach dem hochgewachsenen, schlanken Mädchen mit seinen langen, leicht rötlichen Haaren und den sinnlichen blauen Augen um. Ihr und vor allem ihrem Vater waren diese Blicke auf die Dauer natürlich nicht verborgen geblieben, und es war wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die Jungs bei ihr Schlange stehen würden. Anders als die frühreife Julia aus ihrer Klasse hatte sie allerdings mit dem anderen Geschlecht bisher nicht allzu viel am Hut gehabt. Wenn da nicht dieser große Blonde gewesen wäre, Nils aus der Neunten, der bei Hansa in der B-Jugend trainierte. Schon ein paarmal hatte er sie auf dem Schulhof angelächelt, doch sie war seinen Blicken stets mit puterrotem Gesicht ausgewichen. Eigentlich fand sie ihn ja ganz süß, und immerhin hatte sie begonnen, sich für Fußball zu interessieren, was ihr ohne ihn vermutlich niemals in den Sinn gekommen wäre. Den frühen Verlust ihrer Mutter schien sie – so wirkte es zumindest nach außen hin – ziemlich gut weggesteckt zu haben. Freilich konnte niemand wissen, wie es in den Hinterzimmern ihrer Seele aussah. Schließlich war ihr die wichtigste Bezugsperson von einem Tag auf den anderen auf tragische Weise abhanden gekommen, was gerade für ein Mädchen in der Pubertät, jener unberechenbaren Phase zwischen körperlicher Wandlung und seelischer Aufbruchsstimmung, ein besonders schwerwiegender Verlust sein mochte.

Treblow brauchte eine Weile, um sich zu sammeln und einigermaßen zu verarbeiten, was die Stimme am anderen Ende der Leitung scheinbar ungerührt in wenigen sachlich nüchternen Worten von sich gegeben hatte: eine Frauenleiche, stark verstümmelt, entdeckt von einer Joggerin im Küstenwald. Trotz seiner Müdigkeit war ihm schlagartig klar, dass ihn der Beamte vom Kriminaldauerdienst, KDD, soeben zum Schauplatz eines Verbrechens von außergewöhnlicher Brutalität gerufen hatte. Pflichtgemäß informierte er umgehend die diensthabende Staatsanwältin, die Spurensicherung sowie die Bereitschaft des rechtsmedizinischen Instituts, ehe er die Nummer seiner Kollegin wählte, um auch diese zum Fundort zu beordern.

Elin Tarhan, eine athletische Brünette mit türkischen Wurzeln, bevorzugte sportlich legere Kleidung und legte wenig Wert auf Makeup, welches ihr hübsches Gesicht eigentlich auch gar nicht nötig hatte. Ihre Haare trug sie ziemlich kurz, weil ihr dies in ihrem Job einfach als das Praktischste erschien. Bereits als kleines Mädchen war sie mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen und im damals noch eingemauerten Westteil Berlins aufgewachsen. Schnell war sie in ihrer neuen Umgebung heimisch geworden, sodass sich jegliche Debatte über Integration bei ihr von vornherein erübrigte. In der Schule hatte sie von Anfang an zu den Besten gehört und schließlich ein Eins-Komma-Sechser-Abitur gebaut. Dem Ruf einer inzwischen längst verödeten Liebe folgend, war sie gleich nach ihrem Studium an die Ostsee gezogen und hatte zunächst eine Zeitlang beim Kriminalkommissariat Wismar ihren Dienst versehen. Vor gut fünf Jahren war sie dann schließlich zu Treblows Team gestoßen und seither aus diesem nicht mehr wegzudenken. Wie kaum ein anderer, vermochte sie sich in die Psyche vermeintlicher Täter hineinzuversetzen und hatte damit schon so mancher zwischenzeitlich ins Stocken geratenen Ermittlung völlig neue Impulse verliehen. Sebastian schätzte Elin nicht nur als Kollegin, sondern vor allem auch als Mensch. Wann immer es Probleme gab, auf sie konnte er immer zählen. Gerade nach dem Tod seiner Frau hatte sie ihm beigestanden und sich als einer der wenigen wirklichen Freunde erwiesen. Dabei glich ihr eigenes Privatleben einer Achterbahn. Seit zwei, drei Jahren – ganz genau wusste sie das wohl selber kaum – lebte sie bereits von Martin, ihrem einstigen Lebensgefährten, getrennt. Allerdings war es ihr anscheinend unmöglich, ihn endgültig loszulassen. Phasen abgrundtiefster Abneigung, in denen sie ihn am liebsten sonst wohin verfluchte, wechselten regelmäßig mit unvermittelten, heftigen Liebescomebacks, welche üblicherweise zwar intensiv, jedoch meist nur von kurzer Dauer waren. Liebe und Hass wechselten zwischen den beiden wie Ebbe und Flut. Denis, ihr mittlerweile fünfzehnjähriger Sohn, mochte – wie es sich für einen pubertierenden Teenager gehört – den On-/Off-Mann im Leben seiner Mutter nicht sonderlich und gab sich wenig Mühe, seine Abneigung gegen ihn auch nur ansatzweise zu verbergen. Stattdessen hatte er seine Mutter in letzter Zeit immer häufiger mit Fragen nach seinem leiblichen Vater gelöchert, ohne ihr allerdings allzu viel über diese offenbar höchst unangenehme Episode ihrer Vergangenheit entlocken zu können. Infolge eines One-Night-Stands war sie bereits kurz nach dem Abi Mutter geworden und hatte ihre letzten Prüfungen mit einem scheinbar zum Platzen aufgeblähten Bauch absolviert, aber über den Erzeuger ihres Kindes nie ein Sterbenswort verloren. Der dunkle Teint und vor allem das leicht gekräuselte schwarze Haar des Jungen ließen diesbezüglich allerdings durchaus gewisse Spekulationen zu. Für Sebastian waren solche Dinge jedoch völlig uninteressant. Er achtete Elin als loyale Kollegin, schätzte sie als enge Vertraute und war in höchstem Maße dankbar für ihre aufrichtige Freundschaft. Welche Rolle spielte es da schon, welche ihrer Jugendsünden der Vater von Denis war.

Leiche – Küstenwald – Frau – entstellt – Joggerin... – wie giftige Pfeile bohrten sich die Vokabeln ungeordnet und periodisch wiederkehrend in Treblows Gehirn, als er den Wagen anließ, welcher nur Sekunden später nahezu vollständig in seiner eigenen Abgaswolke zu verschwinden drohte. Die Straßen wirkten noch immer verschlafen und es herrschte kaum Verkehr.Eigentlich ein viel zu schöner Morgen, um einem Mord nachzugehen!, ging es ihm durch den Kopf. Wie Krebsgeschwüre zogen nacheinander die mittlerweile ganz schön in die Jahre gekommenen Satellitenstädte entlang der B 103 an ihm vorüber. Schon baute sich in der Ferne die Silhouette Warnemündes vor der Windschutzscheibe seines Wagens auf. Von weitem erfassten seine noch immer etwas verschlafenen Augen die weithin sichtbaren Umrisse desNeptun-Hotels sowie die leuchtend weiße Kugel auf dem Dach des Wetterturmes, in dem seit ein paar Jahren eine Jugendherberge residierte und in dessen Nähe sich vermutlich der Drehort eines fürchterlichen Verbrechens befand, zu dem man ihn vor einer knappen halben Stunde gerufen hatte.Fucking Perfect, dudelte es aus dem Autoradio, ohne dass Sebastian die Musik wirklich wahrnahm. Zu sehr kreisten seine Gedanken bereits vorab, um den gewiss nicht gerade appetitlichen Fund, der ihn in wenigen Minuten im nahegelegenen Küstenwald erwarten würde. Beinahe wie ein seelenloser Roboter trat er das Gaspedal viel zu weit durch und registrierte nicht einmal den Blitzer nahe der Abfahrt Lichtenhagen, jenen unbestechlichen Zeugen seiner geistesabwesenden Raserei. Bald schon waren es nur noch ein paar hundert Meter bis zu einem Ziel, von dem er sich schon wenig später wünschen würde, es nie erreicht zu haben.