Tödliche Vision - Lisa Gibbs - E-Book

Tödliche Vision E-Book

Lisa Gibbs

4,8

Beschreibung

Was wäre, wenn du sehen könntest, was geschehen wird? Was wäre, wenn du es trotzdem nicht verhindern könntest? Was wäre, wenn du diesen einen Moment, nach dem sich deine Seele verzehrt, niemals erleben darfst, weil die Zukunft sonst unaufhaltsam ihren grausamen Lauf nimmt?   Sie nennen ihn den Gestaltwandler der SGU, der Special Gifted Unit, einer verdeckt operierenden Spezialeinheit. Lukas Maska ist ein genialer Imitator und wichtiges Mitglied des Teams. Doch niemand ahnt, wer sich wirklich hinter dem charmanten und humorvollen Äußeren verbirgt. Und niemand ahnt, dass er seine Kollegin Jules Pelting schon eine Weile insgeheim mehr als bewundert.   Jules kämpft mit dem Team gegen Lester Grey, einem skrupellosen Wissenschaftler, der nicht nur an ihr bereits im Kindesalter herumexperimentiert hat. Wie jedes Mitglied der SGU verfügt sie über spezielle Fähigkeiten. Doch während Jules' übernatürliche Schnelligkeit eine nützliche Gabe ist, wird ihre Hellsichtigkeit immer mehr zum Fluch.   Am Ende stellt sich die Frage: Werden Jules' Visionen ihre Liebe vernichten, oder gibt es einen Weg, eine neue Zukunft zu erschaffen?

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Tödliche Vision

SGU 2

Lisa Gibbs

Tödliche Vision: SGU 2

Lisa Gibbs

Copyright © 2014 Sieben Verlag, 64354 Reinheim

Umschlaggestaltung: © Andrea Gunschera

ISBN Buch: 9783864433603

ISBN ebook-PDF: 9783864433641

ISBN ebook-epub: 9783864433658

www.sieben-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

Epilog

Die Autorin

1

Die letzten Takte des Pianostückes verhallten in der Dunkelheit wie unwirkliche Klänge einer sterbenden Melodie. Das zögerliche Klackern von Absätzen auf dem Steinboden wurde immer lauter. Das Geräusch kam langsam näher und kündigte ihr Kommen an, bis ihr Schatten schließlich an ihm vorbeihuschte. Die riesige steinerne Terrasse war der perfekte Ort, um sich einen Moment von dem Trubel im Festsaal zurückzuziehen.

Lukas hatte gewusst, dass sie diesen Ort wählen würde.

Genau deshalb stand er schon seit fünf Minuten hier draußen. Im Schatten der großen Flügeltür an der Wand lehnend, nahm er einen Schluck von seinem Drink und beobachtete sie. Einsam stand Irina Kingley an der massiven Steinbrüstung. Ihre zitternden Hände stützte sie auf die Barriere vor der Tiefe, auf der Suche nach der Antwort, ob ein Sturz aus dieser Höhe nicht die bessere Wahl wäre, als das Leben, in dem sie gefangen war. Während des Empfangs hatte Lukas jede einzelne ihrer Bewegungen verfolgt. Jede abwehrende Mikrogeste, die Anspannung ihrer Finger und jeder scheue Blick spiegelte ihre innere Haltung wider und gab Lukas einen weiteren Hinweis darauf, wie er auf sie zugehen musste, um ihr bedingungsloses Vertrauen zu erlangen.

Leise ertönte das nächste schleppende Pianostück, doch die sanften Töne beruhigten sie nicht, ihr Atem ging immer noch flach und kontrolliert. Das waren die Nachwirkungen einer schauspielerischen Meisterleistung, die sie mehr Überwindung gekostet haben musste, als ihr Körper ihr geben wollte.

Lukas konnte unter allen Gefühlen, die ihr Körper ausstrahlte, das eine am deutlichsten lesen.

Angst.

Ein Gefühl, das den menschlichen Geist Übermenschliches vollbringen ließ, alles eine Frage der Kontrolle. Und doch erinnerte sie Lukas an ein Reh, das im Scheinwerferlicht erstarrte, kurz bevor es von der Wucht des Aufpralls fortgerissen wurde. Sie war ihrem Martyrium ergeben, weil sie keinen Ausweg sah. Genau diese Schwäche würde Lukas verwenden, weil er wusste, wie es ihr ging, obwohl er noch nie ein Wort mit ihr gesprochen hatte. Diese Ohnmacht machte sie zur perfekten Informantin, sie wollte ihrem Begleiter schaden.

Als Peter Kingley mit Irina am Arm durch den Saal geschritten war, hatte Lukas die Abneigung in jedem einzelnen ihrer Schritte erkannt.

Trotz der hohen Absätze ging sie auf den Fußballen wie ein Sprinter, der auf sein Startsignal hoffte. Sie wollte flüchten.

Ihre knallrot geschminkten Lippen hatten ein makelloses Lächeln geformt, während sie die anderen Gäste wohlwollend begrüßte, doch ihre Körpersprache war eindeutig. Abscheu, Wut und Angst. Ihr Arm lag auf dem ihres Begleiters, doch seine andere Hand bedeckte wiederum ihre. Eigentlich eine liebevolle Geste. Bei Kingley jedoch war es anders. Er hielt sie damit in Schach, eine Machtdemonstration, die ihr galt und ihre Kapitulation und Demut forderte. Sie ließ es geschehen, doch ihre Hüften waren so weit wie möglich von denen ihres Begleiters entfernt.

Eindeutig kein Vertrauen oder sexuelles Interesse. Noch dazu waren ihre Schultern angespannt. Die Träger ihres Kleides schnitten in ihre makellose Haut und hinterließen den Eindruck, als wäre sie eher eine Schaufensterpuppe als die Frau eines mächtigen Mannes. Ein klares Zeichen dafür, dass sie Schutz suchte, sich kleinmachte. Es gab dem ganzen Auftritt einen seltsamen Charakter, schließlich hatte Kingley darauf geachtet, dass seine Begleitung verdammt sexy gekleidet war.

Das silberne lange Abendkleid war eine auffallende Verpackung für Kingleys weibliches Accessoire. Mehr war sie nicht, und genau das hasste sie. Die Hülle, in die er sie gesteckt hatte und das, was ihr Körper spiegelte, ergab eine erschreckende Mischung. Ambivalent, manisch, Lukas hatte keine Ahnung, welcher Begriff passte und eigentlich war es ihm auch scheißegal. Die Sache war krank, mehr gab es dazu nicht zu sagen.

Später hatte Lukas gesehen, wie Kingley seinen Arm um ihre Hüfte gelegt hatte, einzig um noch mehrBesitzanspruch geltend zu machen.

Jedes Mal, wenn ihr Mann ihren Blick gesucht hatte, hatte sie ihren Kopf gesenkt. Eine devote Geste. Lukas war sich sicher, dass Kingley ihr einwandfreies Benehmen eingetrichtert hatte, mit welchen Mitteln auch immer. Sie hatte darunter genug gelitten, deshalb nahm sie es jetzt ohne Widerspruch hin.

Lukas hasste Männer, die Frauen so behandelten, nur um ihr eigenes Defizit zu kaschieren. Aber er hatte alle Informationen, die er brauchte. Der Lauf seiner Beretta hatte die Kühle der Abendluft in ihren Stahl aufgenommen, sodass Lukas die Präsenz der Waffe klar wahrnahm. Wie immer lag sie an seinem Beckenknochen, als wäresie Teil seines Körpers. Früher hätte er diesem Scheißkerl verdammt schnell klargemacht, was Sache war. Aber mittlerweile war er Mitglied eines Teams. Er war nicht mehr der Alleingänger, dem es egal war, an welchem Ort er am nächsten Tag aufwachte und der seine eigenen Regeln hatte. Eigenartig, wie schnell er sich angepasst hatte, wobei ihm oft genug bewusst wurde, dass er auch hier jemanden spielte.

Wen? Das wusste er selbst nicht. Einen Kerl, der auf Risiko stand, wenig ernst nahm und oft scherzte. Aber die Dämonen, die er in sich trug, waren facettenreich, von wildem Hass durchtränkt. Sie meldeten sich oft laut in seinem Inneren, doch dort konnte nur er sie hören.

Ob er lachte oder nicht.

Showtime!

Bewusst langsam ließ Lukas bei jedem Schritt die Sohle seiner Schuhe schleppend über den Steinboden schleifen. Dann stellte er sich in ein paar Metern Abstand neben Irina an die Brüstung. Sofort zog sie ihre Schultern wieder nach oben, ihr Blick hatte ihn nur kurz zur Kenntnis genommen und doch wusste Lukas, dass er ihreAufmerksamkeit hatte. Er hatte sie weder begrüßt noch sich vorgestellt. Ziemlich taktlos bei so einem Anlass und so einer Frau.

Für Lukas gab es immer zwei Phasen. In der ersten Phase tastete er alles ab, für sein inneres Auge waren Bewegungen, Mikrogesten, Stimmfarben kleine Details, die in ein Raster eingeteilt wurden. Ein Merkmal allein sagte gar nichts aus. Doch Lukas konnte sie im Gesamten sehen und sich damit einen Eindruck schaffen, der menschliche Regungen in ein kalkulierbares Modell fasste. Alles erschloss sich blitzschnell zu einem großen Ganzen vor seinem inneren Auge. In der zweiten Phase nutzte er dieses Wissen und wurde zu dem Menschen, den sein Gegenüber sehen wollte oder der ihm momentan am geeignetsten erschien. Nicht nur ein klarer Vorteil beim Pokern, sondern auch, wenn einem jemand eine 9 mm an die Schläfe presste.

Er gab Irina einen Moment, damit sie sich an seine Anwesenheit gewöhnen konnte und um ihre Neugier zu schüren. Sein Russisch war gut, damit würde er ihr sofort ein positives Gefühl vermitteln.

Schließlich war das etwas, das sie an ihre Heimat erinnerte.

„Deine Seele liegt im Dunkeln.“

Nervös drehte sie ihren Kopf zu ihm. Sie hatte verstanden. Doch sie zögerte und wendete ihren Blick wieder dem nächtlichen Himmel zu.

Lukas hatte das alte russische Sprichwort nur ein wenig abgeändert und eine dunkle weiche Klangfarbe gewählt. Vertrauenerweckend, aber auch sinnlich.

„Sie haben mich erschreckt.“

„Ich weiß.“ Er sah sie bewusst nicht an, sondern betrachtete den nächtlichen Central Park. Eine Schönheit wie Irina war sich immer aller Aufmerksamkeit sicher. Umso mehr konnte man sie damit irritieren, das Offensichtliche nicht zu tun. Er konnte die kurzen verunsicherten Blicke spüren, aber sie hielt die äußere Fassade aufrecht.

„Ein altes Sprichwort aus Ihrer Heimat. Russland, nicht?“ Er lehnte sich auf die Brüstung, damit sie ungefähr auf einer Augenhöhe waren, zusätzlich schaffte er damit eine Lockerheit, die sie normalerweise nicht gewohnt war. Sie drehte sich kurz um und versicherte sich, dass sie allein waren.

„St. Petersburg. Aber ich weiß nicht, warum ich Ihnen das überhaupt erzähle…“

Er nickte leicht und sah ihr direkt in die Augen. „Weil du nicht allein sein möchtest.“ Da war es, dieses verschwörerische Aufflackern in ihren Augen, das ihm klar recht gab.Ihr Interesse war geweckt und sein Lächeln betonte die verbotene Intimität, die er zwischen ihnen geschaffen hatte.

„Sie sind kein Russe. Wer sind Sie?“ Schüchtern senkte sie den Blick und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr.

„Mein Name ist Lukas, und ich bin ebenso wenig Russe, wie du glücklich verheiratet bist.“ Die Direktheit seiner Worte ließ ihren Mundwinkel leicht zucken. Dann zog sie die Stirn irritiert kraus, das freche russische Mädchen, das sie einmal gewesen war und die traurige Schönheit, zu dersie wurde, schienen in ihr zu kämpfen. Die Wahrheit war eine verlockende Möglichkeit für sie, vielleicht ein Weg endlich aus dieser Ehe ausbrechen zu können. Lukas fixierte ihre Augen und verfolgte die Blickrichtung genau. Links unten, für einen Moment suchte sie nach der höflichen abwiegelnden Floskel, um ihm zu widersprechen. Aber dazu brauchte sie verdammt viel Fantasie.

Lukas grinste sie breit an, sie war viel zu jung, gerade mal zwanzig.

Kingley war sicher um die fünfzig, aber er hatte das Temperament seiner Frau gebrochen.

„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Ich amüsiere mich sehr wohl, ich brauchte nur ein wenig frische Luft.“ Ihre Hand hielt ihre Kehle, eine empfindliche Stelle bei einer Frau. Unbehagen stahl sich an die Spitze ihrer Gefühle. Ihr Unterbewusstsein gab ihm alle Indizien, die er brauchte. Er sagte nichts, die Stille war bedrückend. Was verschaffte ihr noch mehr Unbehagen? Zögerlich fuhr sie mit ihrer Hand über ihren schlanken Hals und rieb eine Stelle hinter ihrem Ohr.

Er hatte ins Schwarze getroffen.

„Was willst du wirklich, Irina?“ Der Blick rechts oben, einen kleinen Augenblick lang suchte sie die Wahrheit. Dann wieder dieses zögerliche Verharren der Augenlider und noch immer lagen ihre Finger auf dieser Stelle hinter ihrem Ohr.

„Ich weiß wirklich nicht, worauf Sie hinauswollen. Ich bin sehr glücklich.“ Nein, das war sie nicht.

Ihre Pupillen zuckten nach links, mittig. Gerade versuchte sie ihre Fantasie möglichst schnell in Gang zu bringen, um ihm eine glaubwürdige Antwort aufzutischen und doch fehlten ihr die Worte.

Unabhängig von den unzähligen kleinen Merkmalen ihrer Körpersprache, verrieten allein ihre Augen alles, was er wissen musste.

Das menschliche Unterbewusstsein war wie ein Lügendetektor, dessen Signale über den Körper ausgesendet wurden.

Mit dieser Technik arbeitete das FBI bei Verhören, doch Lukas hatte es schon in jungen Jahren intuitiv gewusst. Was Menschen fühlten, wie sie fühlten, wo die Schwachpunkte lagen, wer log und wer gleich ausrasten würde. Die Menschen waren berechenbar. Man musste nur auf die Kleinigkeiten achten. Und bei Irina war offensichtlich, dass sie sich an Kingley rächen wollte, doch sie hatte Angst. Berechtigte Angst.

Ihr Gatte war ein sehr mächtiger und gefährlicher Mann. Lukas ging einen Schritt auf sie zu, zielstrebig, er hatte nicht mehr viel Zeit.

„Darf ich?“

Sie sah ihn misstrauisch an, blieb aber stehen. Er strich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr und verharrte mit dem Daumen kurz auf der kleinen unnatürlichen Erhebung der zarten Haut. Eine sehr empfindsame Region. Doch Kingley hatte diese Stelle benutzt, um seinen Besitzanspruch zu festigen, er hatte ihr einen verdammten Ortungschip einsetzen lassen. Diesen Fremdkörper berührte sie immer, wenn sie sich verunsichert fühlte. Weil das Ding ebenso wenig zu ihrer Persönlichkeit gehörte, wie der Schmuck, den sie trug. Irinas Blick glitt schamhaft nach unten, andererseits genoss sie die sanfte Berührung, denn sie drehte ihren Kopf unmerklich ein wenig zu Lukas.

„Ich kann dir helfen, Irina. Wenn du mir hilfst, dieses Arschloch festzusetzen.“

Komm schon.

Zaghaft sah sie ihm wieder in die Augen. Eine schwierige Situation, sie wusste nicht, ob sie ihm vertrauen konnte, allein ihr Schweigen war gefährlich für sie. Aber Lukas legte einen unausgesprochenen Nachdruck in seinen Blick und ließ den Körperkontakt nicht abreißen.

Er hob ihr Kinn mit einer Hand hoch und nutzte die letzten fünfzehn Sekunden, ein Countdown, den die ruhige tiefe Stimme in seinem Ohr durchgegeben hatte. Emmet und Jules saßen in einem Van, der eine Querstraße weiter geparkt war. Emmet hatte den Saal im Blick, ebenso wie er sicher schon das Signal von Irinas Wanze geortet hatte. Auf Lukas’ Einheit war Verlass.

Fünfzehn Sekunden, dann würde Kingleys Gorilla bei Irina und Lukas auf der Terrasse stehen.

„Ich verspreche dir, du wirst nie wieder vor einem Abgrund stehen und überlegen, ob deine Verzweiflung groß genug für den Sprung ist. Dann hast du die Wahl.“

Er ließ seine Hand sinken und sah, wie sich die kleinen Härchen ihres Nackens aufstellten, weil ihr Körper die Wärme seiner Hand vermisste. „Sie haben hier im Hotel einen ausgezeichneten Spa-Bereich. Morgen elf Uhr.“

Vier Sekunden, er deutete mit dem Kinn in Richtung der Tür und ging langsam rückwärts.

„Warum sollte ich dir vertrauen?“

Eine gute Frage, sie hatte eine ehrliche Antwort verdient.„Du solltest niemandem vertrauen.“

Der Anflug eines Lächelns flog über ihre Mundwinkel. Er hatte sie.

Der Bodyguard trat über die Schwelle der Terrasse, während Lukas in der dunklen Nische neben der Tür verschwand. Mit einer Hand packte er das Tablett mit den Champagnergläsern, dann verharrte er eine Sekunde. Kingleys Wachhund lief mit schnellen Schritten auf die Veranda. Natürlich war er sauer, schließlich hatte sich Irina seinem Blick entzogen und das würde seinem Boss nicht gefallen. Er packte Irina grob am Arm und flüsterte eindringlich auf sie ein.

Mit einem lauten Klirren zerbrachen die teuren Champagnergläser auf dem steinernen Boden.

Wenn du nicht auffallen willst, tu genau das Gegenteil. Die Menschen sahen gern das Offensichtliche. Kingley hatte seine Leute von der russischen Mafia rekrutiert, passable Nahkämpfer, aber keine große Aufmerksamkeitsspanne. Lukas nuschelte eine Entschuldigung und sammelte die Scherben auf.

Während Irina zu einer Salzsäule erstarrte, ließ der Typ sie los, zu viele Augenpaare hatten sich auf einmal Richtung Terrasse gedreht.

Mit schnellen, gezielten Schritten lief Lukas in die Küche, stellte das Tablett im hektischen Treiben ab und knöpfte die Kellnerjacke auf.

Als er durch den langen Flur zum Hinterausgang des Restaurants ging, hörte er Emmets ruhige Stimme durch den Knopf in seinem Ohr.

„Das war verflucht knapp, Lukas. Aber der Sender funktioniert.“

„Alles eine Frage der Definition, Emmet.“ Lukas warf die Jacke beiseite, zog sich seine dunkle Mütze über und lief durch den kameraüberwachten Bereich des Hinterausgangs. Irina noch zusätzlich eine Wanze zu verpassen, hatte ihm nicht gefallen, aber sie mussten sich absichern. Außerdem würde sich der fingerkuppengroße Aufkleber in drei Stunden aufgelöst haben. Das würde ausreichen, um zu hören, ob Irina sich doch für Kingley entscheiden würde. Emmet hatte aus Sicherheitsgründen auf dieses Vorgehen bestanden, doch Lukas war sich hundertprozentig sicher, dass Irina ihn nicht verraten würde. Die Signale waren eindeutig.

Lukas zog die Schiebetür des dunklen Transporters auf und sprang rein. Emmet gab ihm Kopfhörer und deutete auf den Bildschirm. Über den Monitor konnten sie einwandfrei verfolgen, wie Irina von dem Gorilla zu Kingley zurückgeführt wurde. Kingley hielt ihren Nacken fest und drückte zu. Irina zuckte für einen Moment zusammen. Sein zischendes Flüstern war eine gefährliche Drohung.

„Warum machst du solche Schwierigkeiten? Ich habe mich doch unmissverständlich ausgedrückt, oder?“

„Verdammter Bastard.“ Lukas wurde erst bewusst, dass er laut geflucht hatte, als Jules ihn mit ihren unberechenbaren blauen Augen musterte. Es war selten, dass sie ihn direkt ansah. Für einen Sekundenbruchteil schnappte er dieses tiefe klare Blau auf, doch dann drehte sie sich wieder zu dem Monitor.

„Du bleibst ab jetzt hier, verstanden?“ Ein klarer Befehl. Irina nickte und wandte ihren Blick zu Boden.

Sie würde ihre Chance nutzen, so viel war klar.

Emmet startete den Wagen und fuhr zurück in den östlichen Teil New Yorks, nach Brooklyn. Dort lag das Hauptquartier der SGU,einem fünfköpfigen Team ehemaliger Elitekämpfer mit besonderen Fähigkeiten, die alle verrückt genug gewesen waren, sich zusammenzutun. Sie waren die SGU – die Special Gifted Unit.

Als der Transporter nach einer halben Stunde Fahrt auf das Industrieareal am Hendrix Creek einbog, öffnete das alte Stahltor automatisch und sie fuhren direkt in die Halle. Emmet legte das Signal der Wanze und der Überwachungskameras auf den großen Schirm, sodass sie alle mitverfolgen konnten, was Kingley tat. Emmet Carter war nicht nur der inoffizielle Anführer der SGU, er war auch ein ehemaliger Navy SEAL. Dieser Ausdruck stand für die Einsatzorte einer speziellen Sea-, Air- und Land-Einheit der US Navy. SEALs operierten bei schwierigen Einsätzen,im Meer, in der Luft und am Boden. Lukas wusste aus vielen Einsätzen, dass Emmet diese Bezeichnung mehr als verdient hatte. Er war ein Multitalent und ein verflucht guter Freund.

Emmet galt als Genie, weil er einen Intelligenzquotienten von geschätzten einhundertfünfundsechzig besaß und außerdem ein fotografisches Gedächtnis hatte. Lukas hatte einmal gehört, dass das Pentagon ihn direkt von der Militärakademie verpflichten wollte, aber Emmet mochte keine strengen Gefüge.

Genau das war Lukas sympathisch.

Lukas schnappte sich ein Stück Pizza und setzte sich neben Lou. Sie war das jüngste Mitglied der Truppe. Vorher hatte sie jahrelang als Sprengstoffexpertin fürs NYPD gearbeitet, bis sie zu ihnen gestoßen war. Lou war retrokognitiv veranlagt, sie konnte mit einer Berührung in die Vergangenheit einer Person oder eines Gegenstandes sehen.

Bevor sie zur SGU gekommen war, eher ein Fluch für sie, denn die Flashbacks stürmten unkontrolliert auf sie ein und machten ihr ein normales Leben unmöglich. Doch alle Mitglieder der Einheit hatten starke innere Barrieren und waren in der Lage,die Eindrücke für Lou zu filtern. Außerdem war sie mit Scar zusammen. Der stille Scharfschütze war ohne Lou komplett gefühllos, doch irgendwie schien sich Lous Gabe mit seinem Wesen zu ergänzen. Seitdem sie ein Paar waren, konnte Lou dank Scars Hilfe ohne Schmerzen in die Vergangenheit blicken und Scar konnte nicht nur fühlen, er konnte Schmerz abziehen, aber auch senden. Er kämpfte noch mit der Balance des Ganzen, aber Lou blieb immer an seiner Seite.

„Es scheint gut gelaufen zu sein.“ Lou warf Lukas ein Bier zu und deutete auf den Bildschirm. „Du kamst also nah genug an Kingleys Frau ran?“

„Morgen kommt er ihr noch viel näher.“ Noch bevor Lukas antworten konnte, kam ihm Jules zuvor. Gerade hatte sie noch neben Emmet gestanden, doch jetzt saß sie auf der anderen Seite des Raumes, biss in ein Stück Pizza und legte ihre langen schlanken Beine entspannt auf dem Tisch ab.

Jules war das fünfte Mitglied der SGU und der einzige Mensch, der Lukas sprachlos machen konnte. So wie jetzt. Die zarte Blondine war wie Wind, man konnte sie nicht greifen, gerade das machte sie zu einer unberechenbaren Gegnerin. Das Einzige, was noch von ihrer kurzen Nähe zeugte, war ein zarter Windhauch und ein Eindruck ihres Parfums. Pfirsich und Sandelholz. Lukas öffnete seine Bierflasche und versuchte den sinnlichen Eindruck zu vertreiben. Jules war eine der besten Fechterinnen der Welt, was unter anderem daran lag, dass ihre Reflexe übernatürlich schnell waren. Ihre Gabe machte ihren Körper zu einer tödlichen Waffe. Jede ihrer Bewegungen war geschmeidig, sie erinnerte an einen Samurai. Zielsicher und rasant.

Zusätzlich war Jules hellsichtig, ihre Visionen kamen einfach, sie konnte sie nicht kontrollieren. Der Deal mit dem Team war, dass sie ihnen alles sagte, egal, wie unwichtig es ihr erschien, denn ihre Prophezeiungen hatten sich bislang immer bewahrheitet. Alles an Jules war ein Rätsel für Lukas. Als sie zu der Einheit gestoßen war, hatte er am Anfang eigentlich nur vor, herauszufinden, warum er sie nicht eindeutig lesen konnte. Er hatte noch immer keine Antwort darauf.

„Sie wird da sein. Kingley ist ein Arschloch, sie wird uns alle Informationen geben, die wir brauchen. Aber wir müssen ihr einen falschen Pass besorgen, damit sie möglichst schnell untertauchen kann. Ich treffe sie morgen um elf im Spa vom Soho.“ Lukas verfolgte Irinas Schritte über den Monitor, bis sie den Bereich der Überwachungskameras verließ, doch der GPS Tracker verfolgte ihren Weg in Form eines leuchtenden roten Punktes in einem dreidimensionalen Modell des Hotels weiter. Irina war auch für die Einheit nur Mittel zum Zweck. Armes Ding, aber zumindest war sie nach dieser Geschichte dieses Arschloch los. Seit die SGU aus dem Dienst der Regierung ausgestiegen war, war Peter Kingley die erste Fährte zu einem Mann, der ihnen mehr als eine Erklärung schuldig war.

Lester Grey war ein Megalomane. Ein kranker Freak, der sich Wissenschaftler nannte. Bei seinen Experimenten ging er über Leichen und seine krankhaften Forschungen dokumentierte er feinsäuberlich in Akten. Sie alle waren Teil seines perversen Lieblingsversuchs. Seit ihrer Kindheit war jeder Einzelne von ihnen überwacht und getestet worden. Grey wusste von ihren Fähigkeiten, denn er hatte schon ihre Eltern anhand derer Begabungen ausgesucht und mit Teststoffen behandelt.

Nachdem diese Experimente gescheitert waren, weil die angewendeten Stoffe unkalkulierbare Risiken mit sich brachten, testete er an den Kindern weiter und sorgte dafür, dass ihre Eltern aus dem Weg waren.

Jetzt hatte die Situation sich geändert, seit dem letzten offiziellen Job für die Regierung wussten sie, was Grey getan hatte. Trotzdem blieben sie eine Einheit, tauchten unter und besorgten sich Greys Akten.

Insgesamt waren es sechzehn Stück, also gab es noch elf weitere Menschen, deren Leben von Grey manipuliert worden war. Von Grey fehlte bislang jede Spur. Aber bei dem Einbruch in sein Labor hatte Emmet einen Virus auf den Server gespielt. Seitdem gingen alle Daten des Netzwerks ebenso auf Emmets Account ein.

Ein Name war immer wieder aufgetaucht und stellte somit eine heiße Spur zu Grey dar: Peter Kingley.

Es ging um eine Operation mit der Bezeichnung ‚Red Tide‘.

Emmet hatte sich in den CIA-Server gehackt und herausgefunden, dass Kingley Waffen nach Russland verschob. Aber wie das alles mit Grey zusammenhängen sollte, wussten sie bislang nicht.

Während Lukas Irinas Position auf dem Bildschirm verfolgte, driftete sein Blick immer wieder zu Jules ab. Sie starrte auf den Monitor und wippte mit dem Knie leicht hin und her. Das war immer so, sie war permanent in Bewegung. Aber das war nicht der Grund, weshalb er ihre Körpersprache nicht einwandfrei deuten konnte. Da war etwas anderes, Unkalkulierbares in ihrem Wesen, das in kein Raster passte.

Komischerweise störte ihn dieser Fakt gewaltig, warum auch immer, sie passte nicht in sein System.

„Hey Jules, Lust auf Training morgen nach dem Einsatz?“

Die Frage war nichts Ungewöhnliches, das ganze Team trainierte regelmäßig zusammen und ein Fechtkampf mit Jules war ein Highlight.

Doch in den letzten Wochen ging sie dem immer öfter aus dem Weg.

Lukas hatte sogar den Eindruck, dass sie gezielt ihm aus dem Weg ging. Das nahm ihm nicht nur die Möglichkeit ihre Bewegungen zu analysieren, es machte ihn regelrecht wütend und weckte den impulsiven Zorn in ihm, den er vor den anderen verbergen wollte.

„Ich habe morgen Nachmittag noch etwas zu erledigen.“ Beiläufig strich sie sich eine blonde Strähne aus der Stirn. Zu beiläufig?

„Momentan ist es gefährlich, allein loszuziehen.“ Es gefiel ihm gar nicht, dass sie so etwas überhaupt in Betracht zog. Sie war eine verdammt gute Kämpferin, sie trug immer eine Waffe bei sich und war nicht nur damit tödlich treffsicher. Aber Grey war ein mächtiger Fanatiker und sie konnten nicht wissen, wer alles in der Sache mit drin hing. Einen Augenblick lang herrschte Stille, selbst auf dem Monitor war zu sehen, wie der rote Punkt den Ausgang des Hotels ansteuerte.Nachdem er verschwunden war, schaltete Emmet den Bildschirm ab. Im dunklen Monitor spiegelte sich Jules’ Gesicht. Nur ihre geschürzten Lippen ließen die Vermutung zu, dass sie von seinem Einwand nicht begeistert war. Aber es bedeutete auch, dass sie nicht nur einen Vorwand gesucht hatte, um dem Training mit ihm aus dem Weg zu gehen. Lukas schnappte immer nur kleine Details von Jules auf, niemals ein verwendbares Gesamtbild, obwohl er jede noch so kleine Regung ihrer Mimik mit den Augen aufsaugte. Sie stand auf und ging in eine abwehrende Haltung. Sie wollte Abstand, so viel war sicher. Warum?

Was hatte sie vor?

„Leute, ich muss das machen, okay? Es hat nichts mit Kingley zu tun. Es geht um meine Akte. Meine Eltern sind in der Stadt, ich muss mit ihnen darüber sprechen. Allein.“

Lukas wusste, dass Jules’ leibliche Eltern wie viele andere auch von Grey nach seinen Forschungen getötet worden waren.Danach war Jules bei Adoptiveltern groß geworden. Lukas hatte Mario und Ines Pelting nie persönlich kennengelernt, aber er wusste, dass sie beide berühmte Zirkusartisten waren. Nach allem, was passiert war, konnte man sich nicht mehr sicher sein, wer von Grey beauftragt worden war und wer nicht. Und Jules’ Fall war etwas Besonderes, denn in ihrer Akte war ein kryptischer Zeitabschnitt dokumentiert. Anscheinend hatte sie vor der Adoption über ein Jahr in Greys Labor verbracht. Eine verdammt lange Zeit, doch Jules konnte sich an nichts erinnern. Lukas konnte verstehen, dass sie wissen musste, was genau passiert war. Und wie viel ihre Adoptiveltern darüber wussten. Aber ohne Unterstützung loszuziehen, kam gar nicht infrage.

„Wo sind sie?“ Den dunklen Unterton in seiner Stimme hatte er nicht einmal aktiv gewählt, der kam ganz automatisch. Jules’ Augen flackerten einen Moment auf. Ob sie sich provoziert fühlte oder den Ton in seiner Stimme nur unangebracht fand, konnte Lukas nicht erkennen. Dann sah sie in die Runde, doch keiner der Anwesenden würde sie in Gefahr bringen, alle erwarteten eine Antwort.

„Sie sind nur auf der Durchreise. In Harlem gibt es einen Jugendzirkus für Straßenkids. Sie arbeiten dort übers Wochenende ehrenamtlich. Ich treffe sie dort morgen Nachmittag. Ich vertraue ihnen.“ Vertrauen war ein mächtiges Wort, das Lukas schon lange keinem Menschen mehr zugeschrieben hatte. Sein Gefühl für die Mitglieder der Einheit kam der Bedeutung noch am nächsten, aber ansonsten verließ sich Lukas ausschließlich darauf, dass Menschen fehlbar waren.

Im Prinzip konnte er Jules verstehen. Niemand wurde gern belogen.

Aber er würde auf gar keinen Fall riskieren, dass Grey Jules noch einmal in die Finger bekam.

*

„Ich verstehe, dass du nicht mit der ganzen Einheit bei deinen Eltern auftauchen willst. Aber du brauchst Rückendeckung. Nimm Lukas mit.“

Shit, genau das wollte sie auf gar keinen Fall. Aber gegen Emmets Vorschlag zu protestieren kam nicht infrage, dann müsste sieerklären, warum sie es nicht wollte und das war noch schwerer, als Lukas einfach mitzunehmen.

Seit Wochen stand die Verabredung mit ihren Eltern und sie freute sich darauf. Auch wenn ein kleiner fahler Beigeschmack blieb. Seit sie diese kranke Akte, die Grey über sie angefertigt hatte, gelesen hatte, marterten sie Fragen. Im Team herrschte ein stilles Übereinkommen, bislang hatte sich niemand großartig über die individuellen Aufzeichnungen unterhalten. Es war schon furchtbar genug von deren Existenz zu wissen. Dass Jules als Vierjährige über ein Jahr bei Grey im Labor verbracht hatte, war nur durch einen Flashback von Lou ans Tageslicht gekommen. Ein verdammt beschissenes Gefühl, benutzt worden zu sein und sich nicht einmal daran erinnern zu können. Nicht einmal die Aufzeichnungen in ihrer Akte waren lesbar, den Großteil hatte Grey verschlüsselt. Alles nur um ihre Gabe zu erforschen. Es war widerlich, als wäre man eine Marionette in einem schrecklichen Schauspiel, das Grey selbst erschaffen hatte. Sie musste einfach herausfinden, ob und wenn wie tief, ihre Eltern daran beteiligt waren.

Zur Not auch mit Lukas.

„Meinetwegen, wenn er sich von der Massage im Luxus Spa losreißen kann.“ Sie nickte Emmet zu und sah danach für einen Moment in Lukas’ grüne Augen. Er stand da und nahm sich das Recht heraus, ihr gegenüber diesen gefährlichen Ton anzuschlagen. Lukas Maska traute sich einiges. Aber diese Art funktionierte vielleicht bei Irina Kingley, sicher nicht bei ihr.

„Dann fahren wir morgen früh um neun mit zwei Wagen nach Manhattan. Ihr könnt danach weiter zu deinen Eltern.“ Emmet schien zufrieden und sie würde den Teufel tun und noch Einspruch erheben, auch wenn es ihr gehörig gegen den Strich ging. Aber jeder weitere Einwand würde einer Erklärung bedürfen und die hatte sie nicht. Als sie den anderen eine gute Nacht wünschte und sich auf den Weg in ihr Zimmer machte, spürte sie Lukas’ Blick an sich haften.

Warum war sie so aus dem Konzept? Im Prinzip war es gut, dass er dabei sein würde, dann würden alle erfahren, dass ihre Eltern integer waren. Denn Lukas würde eine Lüge sofort enttarnen, er war der Gestaltenwandler, wobei Jules die andere Seite seiner Fähigkeit viel erschreckender fand. Lukas schien Menschen zu lesen, er deutete Bewegungen und konnte so, ebenso wie sie, in die Zukunft sehen.

Doch im Gegensatz zu ihr konnte er seine Gabe kontrollieren.

Zudemspracher unglaublich viele Sprachen. Russisch,Spanisch, Italienisch, Französisch, wahrscheinlich noch viele mehr, von denen sie bislang nichts wusste. Er konnte sich auf der ganzen Welt frei bewegen. Sie wusste sehr wenig über seine Vergangenheit, aber sie hatte davon gehört, dass das FBI ihn früher oft als verdeckten Ermittler eingesetzt hatte, weil er jeden Menschen perfekt imitieren konnte. Gestik, Stimmlage, Ausdruck, die komplette Körpersprache.

Mithilfe einer Maske bot er eine unfassbar echte Täuschung. Perfekt für Undercover-Einsätze. Als sie vor über einem Jahr zur SGU gekommen war, arbeiteten Emmet, Scar und Lukas schon zusammen.

Sie mochte die Jungs auf Anhieb.

Doch vor Lukas hatte sie sich von Anfang an in acht genommen.

Nicht nur wegen seiner unberechenbaren Gabe. Freundschaft hin oder her, dieser Mann war ein Frauenschwarm, der die Frauen anzog, wie Motten das Licht. Klar, er sah gut aus. Dass er zur Hälfte indianischer Abstammung war, zeichnete sich durch dieses starke Charisma ab. Er war groß und muskulös gebaut. Dunkle Haare, klare Gesichtszüge, ein markantes Kinn und diese grünen Augen. Aber sein Charme war das Gefährlichste an ihm, dieses entwaffnende Lächeln verfehlte sein Ziel nie. Doch sie hatte keine Lust, darauf reinzufallen, auch wenn sie zugeben musste, dass er gar nicht versuchte, seine Gabe bei ihr in dieser Art einzusetzen.

Sie wusste selbst nicht, was mit ihr los war. Es hatte sie gewaltig gestört, als sie seine Unterhaltung mit Irina mitanhören musste. Lukas hatte eine Art mit den Menschen umzugehen, die beinahe hypnotisch war. Seine Stimme nahm dann diesen verrucht geheimnisvollen Zauber an, dem man nicht widerstehen konnte.

Und das war Irina offensichtlich nicht anders ergangen. Lukas hatte eine extrem charmante Wirkung und eine Ausstrahlung, die einem das Gefühl gab, alles wäre möglich. Der Typ konnte in einem Moment aus einem Flugzeug springen und kurz danach das perfekte Pokerface aufsetzen. Wer Lukas wirklich war, war Jules nie klar.

Sie putzte sich die Zähne und sah in ihr Spiegelbild. Im Gegensatz zu der jungen Russin war sie nicht so weiblich gebaut, sie war kleiner und zierlicher. Auch sie hatte Formen, aber nicht solche. Ihre blonden langen Haare fielen leicht gewellt über ihre Schultern und ihre blauen Augen ließen sie immer schnell unschuldig auf andere wirken. Im Kampf war das ein Vorteil, der Gegner unterschätzte sie grundsätzlich.

Aber bei Männern wirkte das wahrscheinlich nicht gerade begehrenswert. O Gott, worüber zerbrach sie sich da den Kopf? Das war überhaupt kein Thema.

Sie warf sich aufs Bett und starrte an die Decke. Alles fühlte sich irgendwie unwirklich an. Als wäre ihr ganzes Dasein ein Irrsplitter. So nannte sie kleine Details, kurze Trugbilder, die sich manchmal in ihre Visionen mischten. Diese kleinen Eindrücke schienen irgendwo auf der Zeitachse umherzuirren, als hätten sie keine klare Position auf der Zeitebene. Genauso fühlte sie sich. Getrieben, ohne seelischen Anker. Wo war diese taffe Kämpferin in ihr geblieben? Sie brauchte dringend Schlaf. Aber wie so oft in letzter Zeit war ihr das lange Wachliegen vertrauter als beruhigende Erholung. Am liebsten hätte sie ihr Gesicht einfach in ihr Kopfkissen gedrückt und laut geschrien.

Als sie den Traum zum ersten Mal hatte, war sie nassgeschwitzt aus dem Schlaf aufgeschreckt, aber sie hatte es als Albtraum abgetan. Nach weiteren Nächten wusste sie dann sicher, dass es weder ein normaler Traum noch eine Ansammlung von Irrsplittern war, sondern eine Prophezeiung. Sie kam immer wieder und ließ sie nicht los.

Leise fing sie an, vor sich hin zu summen. Eine alte Melodie, die ihr Adoptivvater immer vorgesungen hatte, wenn sie als Kind Angst gehabt hatte. Mario hatte ihr eine Menge beigebracht. Nachdem ihre Eltern gestorben waren, hatten er und seine liebevolle Frau Ines das kleine abgemagerte sechsjährige Mädchen aufgenommen. Sie hatten ihr die Chance auf ein Leben gegeben. Aus der Akte, die Grey über sie angefertigt hatte, wusste sie, dass ihre leiblichen Eltern bei einem Einsatz in Afghanistan getötet worden waren. Damals war Jules viereinhalb Jahre alt gewesen.

Den Aufzeichnungen war ein nüchterner Zeitungsartikel beigefügt mit der Schlagzeile: „Terroristischer Anschlag in Kabul“. Dort hieß es, dass ein militärisches Fahrzeug von Extremisten beschossen worden war und alle Insassen bei dem Anschlag ums Leben gekommen waren.

Mittlerweile wusste sie jedoch, dass ihre Eltern absichtlich beseitigt wurden, um an sie heranzukommen. An die Zeit, die seit dem Tod ihrer Eltern bis zu ihrer Aufnahme bei ihren Adoptiveltern vergangen war, konnte sie sich nicht erinnern.

Doch die Akte Nummer acht war dick und dementsprechend lang war die in ihr dokumentierte Vergangenheit. Grey hatte schon ihre Eltern mit Stoffen behandelt, die sich noch in einer Testphase befanden. Ihre Eltern dachten, es handelte sich um einen militärischen Impfstoff. In Wahrheit hatte Grey experimentiert und dafür hatte er einwandfreies genetisches Material gebraucht. Sie. Ihre Akte war voll von Blutproben und Hirnstrommessungen. Eine Vielzahl kryptischer Bezeichnungen und Codes. Vielleicht war es sogar besser so, dass sie keinerlei Erinnerung daran hatte. Die Fotos waren erschreckend genug.

Kaum zu glauben, dass sie dieses Mädchen war.

Die Vierjährige sah abgemagert und traurig aus, sie erkannte sich kaum wieder. Lester Grey hatte viel Zeit mit ihr verbracht. Danach hatte er sie einer Gehirnwäsche unterzogen und sie wieder zurück ins Leben geworfen. Er mischte sich erst später in einer anderen Rolle wieder in ihr Leben ein. Er trat als Jugendamtsmitarbeiter auf, so konnte er sie auch beobachten, als sie bei ihren Adoptiveltern ein neues Zuhause gefunden hatte. Der Gedanke daran, dass ihre Eltern von Grey gekauft worden waren, erschien ihr unmöglich. Doch je länger sie darüber nachdachte…

Nein, sie schämte sich allein bei dem Gedanken daran. Mario und Ines hatten von Anfang an mit offenen Karten gespielt und ihr erklärt, dass ihre leiblichen Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen waren, sie hatte ihnen geglaubt, denn sie schienen selbst nicht mehr darüber zu wissen. Ihre Adoptiveltern liebten sie wirklich und halfen ihr ein einigermaßen normales Leben zu führen. So normal, wie es in einem Zirkus eben sein konnte. Sie erinnerte sich an einen Moment, als sie zehn Jahre alt gewesen war. Damals hatte Mario mit ihr in der Manege trainiert.

Sie wollte auf das Hochseil, doch ihr graute fürchterlich davor. Die Angst zu fallen und so direkt vor seinen Augen zu versagen, war riesengroß. Vor dem Menschen, der sie aufgenommen hatte, dem sie ohne jeden Zweifel vertraute und zu dem sie aufsah. O Gott, sie erinnerte sich genau an diesen Moment, sie hatte auf dem hohen Podest vor dem gespannten, dünnen Drahtseil gestanden und schrecklich gezittert. Aus neun Metern Höhe hatte selbst Mario ziemlich klein ausgesehen. Schon damals wusste sie, dass ihr Körper viel leisten konnte, was anderen Menschen unmöglich erschien. Sie war sehr dünn und leicht, außerdem immer wahnsinnig flink. Ihre Reflexe übernatürlich schnell. Das hatten die anderen Artisten spätestens dann erfahren, als sie mit acht Jahren das erste Wurfmesser im Flug mit der bloßen Hand gefangen hatte. Aber dort oben auf dem Hochseil half das wenig, wenn sie stürzte, würde sie einfach fallen. Auch wenn das Sicherheitsnetz ihr Leben retten würde, sie hätte versagt.

Ihr Ziehvater hatte zu ihr nach oben gesehen und ihr Mut gemacht.„Du wirst immer Angst haben, Julie. Das ist gut so. Die Furcht schärft deine Sinne. Glaub an deinen Instinkt, du wirst nicht fallen. Sieh nicht nach unten. Dort siehst du nur, was du nicht willst. Fokussier alles in dir auf das, was du erreichen möchtest. Dann liegt es vor dir. Wenn du es wirklich willst und an dich glaubst, gibt es nur diesen einen Weg. Er führt durch deine Sinne nach vorn. Du wirst nicht fallen, glaub an dich. Wenn du das tust, wird alles möglich.“

Jules vertraute Mario hundertprozentig. Er und seine Frau waren ihre neue Familie. Sie ließen ihr die Zeit, die sie brauchte, um sich bei ihnen einzugewöhnen und förderten sie trotzdem. Mario und Ines waren beide seit mehr als zwanzig Jahren Artisten im Zirkus. Sie gaben ihr ein liebevolles Zuhause und Jules wollte ihnen auf jeden Fall beweisen, dass sie ihre Zuneigung wert war.

Damals hatte sie nach vorn gesehen, den Kopf erhoben, ihre Arme angespannt und den rechten Fuß langsam auf das dünne Seil gleiten lassen. Ihr Körper straffte sich unter der Anspannung. Aber sie tat genau das, was er ihr gesagt hatte. Sie konzentrierte jeden Muskel auf das Seil und die Energie ihres Körpers. Der harte Draht prägte sich tief in die dünnen Ledersohlen ihrer Schuhe. Aber die Dynamik ihrer Muskeln ließ sie schon damals nicht im Stich. Ihre Reflexe waren so schnell, dass sie selbst das Zittern des Drahtseils perfekt ausgleichen konnte. Sie balancierte es einfach aus. Als sie merkte, wie ihr Körper mit dem Seil arbeitete, atmete sie tief durch und machte mehrere beherzte Schritte. Sie schaffte es auf Anhieb.

Danach hatte sie nie wieder Angst vor der Höhe. Sie glaubte daran.

Sie glaubte an sich.

Später schlug sie Räder auf dem Seil und noch so einige andere waghalsige Kunststücke wie zum Beispiel den Rückwärtssalto. Sie war komplett in ihrem Gleichgewicht. Ihre Eltern waren sehr stolz auf sie. Für Jules wurde es das Normalste der Welt, waghalsige Manöver in schwindelerregender Höhe zu vollführen. Ihr Geist und ihr Körper befanden sich im perfekten Einklang. Sie fühlte sich in der Manege wohler, als im normalen Leben. In Balance. Als bräuchte ihr Körper die Herausforderung, als wäreer dafür geboren worden.

Die Kunststücke waren leicht zu trainieren, schwieriger war der Umgang mit den Zukunftsvisionen, die sie einfach überfielen.

Und diese hier war grauenvoll.

Den Deal, dass sie über jede Vorhersehung mit ihrer Einheit sprechen würde, hatte sie in diesem Fall gebrochen.

Allein das machte sie fertig. Aber es war unmöglich, bei dieser Vision gab es nichts, woran sie glauben sollte oder auf was sie all ihre Sinne fokussieren konnte. Nichts gab ihr Halt. Es war eine Prophezeiung und kein Seil. Das war nicht greifbar, sie konnte die Vision nicht kontrollieren wie ihren Körper oder ihre übernatürlichen Reflexe nutzen. Sie fühlte sich der Nacht hilflos ausgeliefert mit all den Schatten und Ängsten.

Es würde wahr werden. Seitdem sie sich sicher war, versuchte sie zu verhindern, was sie in der Vision gesehen hatte. Es fühlte sich an, als würde sie gegen Windmühlen kämpfen. Bisher waren all ihre Visionen real geworden, sie hatte keinen Einfluss darauf. Doch dieses eine Mal würde sie es aufhalten. Sie würde die Zukunft verändern.

Schärfe deine Sinne! Fokussiere das, was du erreichen willst! In Gedanken wiederholte sie die Worte ihres Vaters immer wieder, wie ein geheimes Mantra.

Wenn du es wirklich willst und an dich glaubst, gibt es nur diesen einen Weg. Er führt durch deine Sinne nach vorn. Du wirst nicht fallen, glaub an dich. Wenn du das tust, wird alles möglich.

Ein warmer Schauder lief über ihren Rücken, sie war so unfassbar müde. Sie wünschte sich nur ein wenig Ruhe, nur einen Moment des Loslassens. Ihr Körper war vollkommen erschöpft und ihr Geist überreizt. Sie fühlte sich zerschlagen und kraftlos. Nur nicht träumen, wenn sie es schaffen würde so lange wach zu bleiben, dass ihr Körper den Schlaf so dringend brauchen würde, hätte ihr Geist keine Chance mehr sich gegen die Erschöpfung durchzusetzen.

Nur nicht träumen…

„Awenasa.“ Lukas sprach nicht, doch Juleskonnte hören, wie dieses Wort durch seine Gedanken hallte. Er hielt sie in seinen Armen und blickte sie mit seinen grünen Augen an. Sein Blick war nicht so frech wie gewohnt, er schien eher ernst. Dann strich er über ihre Wange und küsste sie zärtlich. Seine warmen, weichen Lippen auf ihrem Mund erzeugten ein Feuerwerk in ihrem Körper. Ihr Herz schlug so schnell, dass sie den Eindruck hatte, gleich ohnmächtig zu werden. Sie konnte sich seinem Kuss nicht entziehen, es war wie hypnotische Leidenschaft, die sie in ihren Bann zog.

Sie ließ sich davon treiben, es fühlte sich unfassbar gut an. Ihre Finger krallten sich in seine Haare, sie wollte diesen Augenblick festhalten. Nur diesen einen Moment mit ihm, dieses eine Mal einfach nachgeben und nicht kämpfen müssen. Sie nahm nur ihn wahr.

Obwohl ihre Augen geschlossen waren, sah sie kleine zarte violette Blitzlichter. Sie strömten unfassbar schnell durch ihre Gedanken. Wie minimierte Universen. Wunderschön und flüchtig. Als sie die Augen wieder öffnete, lagen sie auf einem Bett. Sie sah, wie Lukas sie anlächelte, sein muskulöser Oberkörper ragte über ihr auf, während Wogen der Lust in ihr aufstiegen.

Schlagartig wurde ihr klar, dass sich die Szene wie ein Déjà-vu anfühlte. Ihr Instinkt schlug Alarm, gleich würde etwas Schreckliches passieren und sie hatte es gewusst. Wo war sie? Sie brauchte irgendein Anzeichen. Sie musste ihn schützen, doch sie bekam keinen Ton heraus, alles um sie herum schien in einer Unschärfe zu liegen.

Alles war unwirklich, surreal, als wäre der Schock schon da. Sie waren in akuter Gefahr. Lukas schien es nicht zu spüren und sie konnte es ihm nicht sagen. Ihre Lippen waren wie taub. Sie war nicht Herrin ihrer Sinne. Sie wusste, dass etwas Schreckliches passieren würde. Und sie konnte es nicht verhindern. Er war bei ihr, sie hatte ihn nicht geschützt. Und jetzt lag ihr Körper einfach da, während ihre ganze Seele um Hilfe schrie.

Lukas sah in ihre Augen und erkannte das Entsetzen in ihrem Blick.

Plötzlich wurde sein Oberkörper erschüttert und sein Mund klaffte auf. Ein zarter roter Regen rieselte auf Jules’ Gesicht, doch sie konnte die Augen nicht schließen. Der Schock war zu groß. In Lukas Brust klaffte ein faustgroßes Loch, während er auf sie herabblickte. Voll Erschrecken. Voll Trauer. Voll maßloser Verzweiflung.

Jules Kehle entrang ein erstickter Laut, als ihr Herz zerbarst.

Sie nahm sein Gesicht in beide Hände und fing seinen Körper auf, als er neben ihr zusammensackte. Sie strich ihm immer wieder über das Gesicht und flüsterte: „Lukas, o mein Gott, bleib am Leben. Es tut mir so leid.“

Seine Finger fuhren ein letztes Mal über ihr Gesicht und fielen dann leblos herunter. Lukas starb in ihren Armen. Jules stockte, sie schüttelte seinen toten Körper, nur um nicht begreifen zu müssen, was doch unvermeidbar war.

Als sie aufschreckte und sich schweißgebadet aufsetzte, liefen ihr immer noch Tränen übers Gesicht. Sie presste die Hände auf ihren Hals, um dem Drang, zu schreien, entgegenzuwirken, aber das Entsetzen hallte in ihren Gedanken nach. Die Tränen auf ihren Wangen fühlten sich an wie Blut. Panisch wischte sie sich mit dem Laken über das Gesicht, um den Eindruck zu vertreiben. Wieder einmal hatte sie den Kampf verloren. Schon so oft hatte sie versucht herauszufinden, wo sich die Vision abspielte. Bereits kleine Hinweise könnten helfen, aber die Prophezeiung ließ sie im Dunkeln. Sie nahm nur Lukas wahr. Aber eines hatte sie sich geschworen, sie würde nichts mit Lukas anfangen und ihm aus dem Weg gehen. Damit ihre Vision auf keinen Fall Wirklichkeit werden würde. Diesen Kuss würde es nie geben und diese Nacht niemals geschehen. Dieses Szenario war sowieso unmöglich. Sie stand auf und sah auf die Uhr – Sieben. Also wieder nur vier Stunden Schlaf, wenn man das überhaupt so nennen konnte. Nach einer langen heißen Dusche suchte sie sich ein weißes Top und ihre Lieblingsjeans raus. Sie freute sich wahnsinnig darauf, ihre Eltern wiederzusehen. Ihre ganze Konzentration würde sie einfach darauf richten, dann würde sie gar nicht dazu kommen an die Vision zu denken. Sie schloss die Augen, massierte sich die Schläfen und sagte zu sich selbst: „Verflucht nochmal, das wird nie geschehen, vollkommen unmöglich.“ Als ob das helfen würde. Meine Güte, die Fahrt bis nach Harlem dauerte höchstens eine halbe Stunde, dann würde sie ihre Eltern treffen. Außerdem würde davor noch das Treffen mit Irina stattfinden. Alles kein Problem.

Wem machte sie hier was vor? Das war definitiv ein Problem.

Einmal tief durchatmen.

Sie konzentrierte sich auf ihre Messerwand. Das war ihr Ritual. Allem, was eine Klinge hatte, war sie verfallen. Es gab keine schöneren und eleganteren Waffen für sie. Deshalb hütete sie ihre Degen und Schwerter wie einen Schatz. In jedem Raum, in dem sie länger als eine Woche übernachtete, legte sie Wert auf eine Klingenwand, so nannte sie es gern. Jede Waffe war etwas Besonderes für sie. Am liebsten mochte sie das Katana, ein japanisches Langschwert, das mit Schriftzeichen verziert war. Wie eine alte Samurai-Waffe, selbst der Klingenschliff war selten. Wie Lukas es geschafft hatte an so eine Waffe zu kommen, war ihr schleierhaft. Aber er sprach so viele Sprachen und kannte so viele Menschen, dass es nicht verwunderlich gewesen wäre, wenn er das Schwert direkt aus Japan geholt hätte. Das Geschenk lag damals einfach vor ihrer Tür, ohne einen Zettel oder einen Hinweis auf die Person, die ihr das Schwert geschenkt hatte.

Doch sie hatte Lukas bei dem letzten Einsatz eine Kugel erspart, deshalb wusste sie von Anfang an, dass es nur von ihm sein konnte. Darüber gesprochen hatten sie bisher nicht. Lukas war damals einfach für zwei Tage wie vom Erdboden verschwunden gewesen, und als er wieder auftauchte, fand sie nicht den passenden Moment, um sich zu bedanken. Aber irgendwie hatte sie auch den Eindruck, dass er es genau so wollte. Lukas scherzte viel, aber in manchen Momenten war er anders. Unnahbar.

Sie nahm bei den meisten Kämpfen das Katana mit sich, weil es ein großartiges Schwert war, aber auch um zu zeigen, dass sie es mochte.

Doch heute griff sie lieber zu ihrem vertrauten schmalen Dolch, den sie oft in einer Scheide am Rücken oder am Oberschenkel trug. Der Sportdolch war eine Maßanfertigung. Eine zweischneidige, leicht geschwungene Klinge machte ihn zu einem tödlichen Instrument. Das schmale Lederhalfter des Dolches roch nach dem Kamelienöl, mit dem sie ihn pflegte, damit es sich wie eine zweite Haut an ihren Körper schmiegte. Mit dem bloßen Auge konnte man die Titanklinge unter ihrem Shirt nicht einmal erahnen. Selbst sie fühlte die Waffe kaum noch an ihrem Körper, so sehr war sie daran gewöhnt, sie zu tragen.

Als sie in die Küche kam, waren die anderen schon dabei ihre Sachen zu packen, sie schnappte sich einen Bagel und versuchte sich auf den Auftrag zu konzentrieren. Eigentlich hoffte sie, dass Irina ihnen möglichst viele Informationen zu dieser Operation ‚Red Tide‘geben konnte, auf der anderen Seite graute ihr irgendwie davor, wie Lukas an diese rankommen würde.

*

Auf der Fahrt nach Manhattan saß Jules ihm gegenüber, doch sie beachtete ihn kaum. Ob sie sauer war oder nicht, war ihm ziemlich gleichgültig. Emmet hatte recht. Lukas war froh, dass er sie begleiten würde. Wenn ihre Eltern etwas mit der Sache zu tun hatten, würde er es sehen. Trotzdem wäre es für ihn einfacher gewesen, sich jetzt auf den kommenden Einsatz zu konzentrieren, wenn sie wenigstens irgendein Anzeichen für Wut oder Trotz gezeigt hätte. Auffallend war nur, dass sie das Katana nicht trug, aber das konnte auch ganz praktische Gründe haben. Vielleicht wollte sie einfach nicht wie eine Elitekämpferin bei ihren Eltern auftauchen. Wenn es doch daran lag, dass sie wütend auf ihn war, dann war es so.

Scheiße, sie waren Freunde, verdammt nochmal. Lukas hatte wirklich andere Probleme, in ein paar Minuten musste er Irinas Angst brechen und jede Information über ‚Red Tide‘ aus ihr herausbekommen. Und sich darauf mental vorzubereiten war schwer, wenn er diesen Geruch in der Nase hatte. Ihr Parfum, oder was auch immer das war. Das machte ihn wahnsinnig. Seit er Jules kannte, fragte er sich jeden verdammten Tag, woran ihn dieser Geruch erinnerte.

Eine sinnliche Mischung. Weich und sanft und doch reizvoll und geheimnisvoll. Scheiße, er hatte keine Zeit für so was. Er schottete sein Innerstes ab und holte genau die Figur aus sich heraus, die für Irina am ansprechendsten wirkte. Ein Beschützer, der ihr ein unwiderstehliches Angebot machen würde. Freiheit.

Als der Van hinter dem Nobelhotel hielt, sprang Emmet vor ihm aus dem Wagen. Lukas folgte ihm, ohne sich noch einmal nach Jules umzusehen. Untypisch, denn normalerweise wünschten sie sich vor getrennten Einsätzen immer Glück. Aber ob es Lukas passte oder nicht, die Zeiten hatten sich geändert.

Emmet lenkte den Portier ab, sodass Lukas ungestört in den Spa-Bereich kam. Nachdem Lukas den Masseur betäubt hatte, nahm er dessen Stelle ein.

Per Funk stand die ganze Einheit in Kontakt. Lukas hörte, als er die Tür zu Massageraum Zwei schloss, dass Emmet ihm Meldung gab.

„Lukas, du hast eine halbe Stunde.“

„Geht klar.“ Zwei Minuten vor elf. Lukas ließ die Jalousien des bodenlangen Fensters hinunter, steckte seine Beretta in den Hosenbund zurück und zog das weiße Shirt darüber. Zögerlich senkte sich die Türklinke hinunter und Irina schob sich in den Raum. Als sie ihn erkannte, nickte sie ihm zu und setzte sich in ihrem weißen Bademantel auf die Liege vor ihm.

„Er lässt mich töten, wenn er erfährt, was ich hier mache.“ Sie schlang ihre Beine übereinander und störte sich nicht daran, dass der Bademantel einen Ausblick auf ihre nackte Haut bot. Interessant.

„Er wird es nicht erfahren. Wir holen dich da raus.“ Lukas hielt den Abstand zu ihr ein, sie war noch etwas misstrauisch, aber da war noch etwas anderes in ihrem Blick. Furcht ja, keine Nervosität oder Scham.

Ein Mädchen, das die Regeln brechen wollte und mit ihrem Körper kokettierte.

„Was wollt ihr wissen?“ Schmale Lippen, angespannter Kiefer, der Oberkörper nach vorn gebeugt. Sie wollte Rache. Irina wollte ihrem Mann Schaden zufügen, deshalb war sie zu dem Treffen gekommen und hatte das Risiko in Kauf genommen.

„Sagt dir ‚Red Tide‘ etwas?“ Irritiert schüttelte sie den Kopf, aber sie dachte angestrengt nach. „Oder der Name Lester Grey?“ Wieder nichts. Er zog ein Foto von Grey aus seiner Jackentasche und zeigte es ihr.

„Doch, Peter hat ihn einmal getroffen. Am Hafen. Ich musste im Wagen warten, aber das war der Mann, er saß im Rollstuhl.“

Jackpot, das war Lester Grey.

„Wann war das?“

„Vor zwei Tagen. Sie haben kontrolliert, wie Container auf ein Schiff geladen wurden.“

„Weißt du, was in den Containern war oder etwas über die Route des Schiffes?“

„Auf den Containern stand auf Russisch: Gefahrengut. Also nehme ich an, dass sie aus Russland kamen. Wohin das Schiff gefahren ist, weiß ich nicht.“

Lukas kannte solche Leute wie Kingley. Sie waren nicht besser als Straßendealer. Nur die Ware war exklusiver. Und je mehr Geld im Spiel war, desto einflussreicher wurde auch ein kleiner Krimineller.

Kingley war mächtig, zumindest so, dass Grey mit ihm Geschäfte machte und er sich eine Frau wie Irina gefügig machen konnte.

„Egal ob ich einen neuen Namen habe oder auf einen anderen Kontinent flüchte, er findet mich. Ich kann nicht weg. Er ist ein sehr gefährlicher Mann. Er wird mich umbringen oder ihr tötet ihn vorher.“

Lukas wollte gar nicht wissen, mit welchen Mitteln Kingley Irina so viel Angst eingejagt hatte.

„Ich verspreche dir, dass wir uns um ihn kümmern. Wenn dir noch etwas auffällt oder du Hilfe brauchst, dann ruf uns an. Du hast eine Bestätigungsmail für den Massagetermin bekommen. Wenn du die angegebene Telefonnummer wählst, erreichst du uns.“

Nach einem kurzen zögerlichen Nicken stand sie auf und ging Richtung Tür. Doch sie verharrte einen Augenblick.

„Du wirkst nicht wie ein Bulle.“

„Wir sind noch schlimmer als Bullen.“

Sie erwiderte sein Lächeln und schlüpfte aus der Tür.

Nach zwei Minuten verließ auch Lukas das Hotel, auf dem Weg zum Wagen sprach er mit Emmet.

„Kingley ist nur Mittelsmann. Er verschiebt irgendwas für Grey, darauf verwette ich meinen Arsch.“

„Die Frage ist nur was. Ich werde mir die Frachtpapiere besorgen. Jules wartet am Jeep auf dich.“

„Alles klar, ich sehe sie.“ Lukas musste gegen die Sonne anblinzeln, um Jules’ Silhouette zu erkennen, aber er spürteihre Nähe.

Es war eigenartig, da war dieses Gefühl, sein Puls beschleunigte und doch wurde er innerlich ruhig. Eine Art prickelndes Urvertrauen, er wusste selbst noch nicht genau, wo er es einordnen sollte. Sie stand mit verschränkten Armen an den Wagen gelehnt und beobachtete ihn.

„Hey!“ Sie warf ihm die Autoschlüssel zu und ging zur Beifahrerseite.

Was auch immer in ihr vorging, sie schien sich mit der Tatsache arrangiert zu haben, dass er sie begleitete. Aber sie hatte auch keine andere Wahl.

2

Jules hatte keine Ahnung, wie sie sich verhalten sollte.

Irgendwie war sie total durcheinander. Die Vorfreude ihre Eltern wiederzusehen, wurde von der Angst vor den Antworten, die sie von ihnen erhalten würde, überschattet. Und Lukas’ Anwesenheit trug nicht zu innerer Ausgeglichenheit bei. Jules wusste, dass er gern fuhr, vielleicht würde ihn das auch ein wenig ablenken und sie konnte sich darauf konzentrieren, innerlich ruhig zu werden. Grinsend schwang er sich auf den Fahrersitz und startete den Wagen.

„Wie fühlst du dich?“ Seine Frage entlockte ihr ein kleines Lächeln, es war eigenartig mit ihm allein zu sein. Dieser Situation war sie in letzter Zeit aus dem Weg gegangen.

„Was denkst du?“

Er linste zu ihr hinüber und zog die Augenbrauen hoch.

„Nervös, aufgeregt, gespannt. Ich habe keine Ahnung.“ Der Ausdruck in seinen Augen veränderte sich. Als wanderten seine Gedanken durch ungewohnte Gefilde und seine Augen zeigten kleine vorbeihuschende Impressionen, von belustigt bis hin zu fasziniert. „Sag es mir.“ Dass Lukas mit seiner Gabe bei ihr an gewisse Grenzen stieß, fand sie beruhigend. Sie hatte schon bei vielen Einsätzen gesehen, wie er seine Gabe anwandte. Und sie hatte sich im Lauf der Zeit so viel wie möglich zu merken versucht. Auf Mikrogesten achtete sie genauso wie auf ihre Hände. Aber es war irre anstrengend sich permanent auf die unbewussten Signale ihres Körpers zu konzentrieren, gerade wenn sie mit ihm allein war.

„Ja, momentan bin ich etwas nervös. Ich zweifle nicht an meinen Eltern, aber es ist eine schwierige Situation. Ich wünsche mir, dass sie nichts mit Grey zu tun haben…“ Keine Ahnung, wie sie das beschreiben sollte. Hatte sie doch Zweifel? Es lag nicht an ihren Eltern, es lag an Grey. Er war unberechenbar und das, was er ihnen angetan hatte, war so unfassbar, dass sie mit dem Schlimmsten rechnen musste.

„Aber du kannst es nicht mit Sicherheit sagen und du willst sie nicht verlieren.“ Lukas hatte recht, sie wollte sie auf gar keinen Fall verlieren, natürlich musste sie die Wahrheit erfahren, aber nicht um jeden Preis. „Du weißt nicht mehr genau, woran du glauben sollst, das ist verständlich. Durch Grey ist dein Urvertrauen angegriffen. Deine Reaktion ist natürlich, versuch loszulassen Jules. Du kannst sowieso nichts kontrollieren.“

Ja, das spürte sie am eigenen Leib. Sein Lächeln sandte ein erregendes Prickeln in ihren Bauch. Er hob eine Augenbraue und sah sie aus den Augenwinkeln an. Irgendwie fühlte sie sich ertappt und fuhr sich durch die Haare. Plötzlich folgte sein Blick ihrer Hand.

Verdammt, genau so etwas hatte sie eigentlich vermeiden wollen.

Jetzt war da diese vertraute aufgeladene Stimmung, als flirrte zwischen ihnen ein erwartungsvoller Schimmer.

Ablenkung, sie brauchte dringend andere Gedanken. Einen Augenblick lang presste sie die Schulterblätter zusammen und fühlte dort das lederne Halfter. Das ist real, komm runter, Jules.

Sie atmete tief durch und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren.Eins nach dem anderen. Erst einmal würde sie ihre Eltern treffen, danach alles Weitere.

„Wie viele Männer hast du deinen Eltern eigentlich schon vorgestellt?“

O Gott, daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Um Himmels willen, natürlich würden ihre Eltern denken, dass Lukas ihr Freund sei. Und so wie es aussah, fand er das ziemlich amüsant.

„Vier.“

Lukas trat dermaßen schnell auf die Bremse, dass der Wagen beinahe einen Satz machte. Ihre Antwort hatte ihn aus dem Konzept gebracht. Jetzt sah er sie verdutzt an und sie spürte, dass sie sich das Lachen nicht länger verkneifen konnte.

Auf Lukas entwaffnende Art zu kontern war nicht einfach, umso mehr konnte sie diesen irritierten Gesichtsausdruck genießen. Plötzlich purzelte das Lachen nur so aus ihr heraus und auch er zog einen Mundwinkel nach oben, bevor er leise raunte.