Tödliche Wollust - Samantha Prentiss - E-Book

Tödliche Wollust E-Book

Samantha Prentiss

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3,49 €

oder
  • Herausgeber: epubli
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2018
Beschreibung

Als auf einer Party Clairé Beauvais' eine gute Freundin von einem Scharfschützen ermordet wird, findet sich die attraktive Edel-Prostituierte einem Gegner gegenüber, der das Britische Empire in ein Chaos unbeschreiblichen Ausmaßes stürzen will. Und als wenn ein Gegenspieler nicht reicht, mischt auch noch die Londoner Mafia mit. Um die Katastrophe zu verhindern, begibt sich Clairé in tödliche Gefahr …

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Clairé Beauvais

Tödliche Wollust

Clairé Beauvais

Tödliche Wollust

Erotic – Crime – Fiction

Samantha Prentiss

Bibliografische Information durch

die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.de abrufbar

1. Auflage

Covergestaltung:

© 2018 Susann Smith & Thomas Riedel

Coverfoto:

© 2018 Depositphotos.com

Impressum© 2018 Samantha Prentiss

Verlag: Kinkylicious Books, Bissenkamp 1, 45731 WaltropDruck: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.deISBN siehe letzte Seite des Buchblocks

» Der Mensch hat den Mount Everest

bezwungen, er hat den Grund des Ozeans

erforscht, er hat Raketen auf den Mond

geschossen, Atome gespalten.

Er hat Wunder vollbracht

auf allen Gebieten menschlichen Strebens,

nur nicht in der Kriminalität.«

James Bond 007 – Goldfinger

Kapitel 1

Vinson Chambers war gewissermaßen Reisender in Sachen Tod. ›Mord auf Nachfrage‹ hieß sein dunkles Gewerbe, und auf seinem Gebiet war er absolute Spitzenklasse. Wilde Schießereien auf der Straße, in aller Öffentlichkeit oder Ähnliches gab es bei ihm nicht. Er war ein Killer mit Köpfchen und brauchte in der Regel nur eine einzige Kugel. Obwohl er in keiner Zeitung inserierte, hatte seine ›Murder Unlimited Company‹ Hochkonjunktur, deren Boss und einziger Mitarbeiter er war. Er konnte es sich sogar leisten wählerisch zu sein, denn sein Name hatte in der Branche genau den tödlichen Klang, den es für sein ›Bloody Business‹ brauchte.

Ob er wirklich Vinson Chambers hieß, wusste niemand zu sagen, und eigentlich konnte auch kein Mensch mit Bestimmtheit sagen, wie er aussah – denn die, die es genau wussten, lagen zumeist bereits ›Six Feet Under‹. Zu den wenigen, die noch lebten und sich sogar zu seinen Freunden zählen durften, gehörte der gerissene Rechtsanwalt Hudson Whitford, dem nachgesagt wurde, er würde für die Mafia arbeiten.

Hudson Whitford war in eine Situation geraten, aus der ihm nur noch ein Killer von der Qualität Chambers' heraushelfen konnte.

»Bei mir wurde eingebrochen«, erklärte Whitford und warf sich in den einzigen Sessel jenes Hotelzimmers, in dem er Vinson Chambers aufgegabelt hatte.

»Kann ich mir gar nicht vorstellen. Was sollte man denn bei dir schon klauen wollen? Ein paar Gesetzeslücken vielleicht?«, flachste Chambers und verzog sein pockennarbiges Gesicht zu einem Grinsen.

»Das Beweismaterial für einen Mord!«, erwiderte der Anwalt ernst.

Chambers wiegte den Kopf. »Und warum wendest du dich dann nicht an den Yard?«, fragte er lauernd.

»Mit den Brüdern verstehe ich mich nicht besonders gut. Außerdem glauben dir mir doch eh kein Wort, weil die Diebe mit meinem eigenen Schlüsselbund ausgestattet waren«, brummte Whitford resignierend.

»Du musst doch echt völlig bescheuert sein!«, grinste Chambers ihn an kopfschüttelnd an. »Wenn du so blöd bist und dein Schlüsselbund auch überall herumliegen lässt, darfst du dich nicht wundern, dass ein paar labile Charaktere auf dumme Gedanken kommen«, fügte er tadeln hinzu.

»Rumliegen ist gut«, röhrte Whitford laut. »Als die sich das Schlüsselbund geschnappt haben, hing ich noch dran!«

»Klingt, als würde mich der Fall langsam doch interessieren. Verrat' mir mal, wie die Burschen das angestellt haben.« Chambers grinste wieder, denn sein Freund war ein Bulle von Kerl, der nicht gleich beim ersten Windstoß umzukippen drohte.

»Mit einer Kombination aus Gummi und Stahl, wobei ich noch dankbar sein kann, dass der Stahl innen und das Gummi außen herum gewesen ist, und nicht umgekehrt … Sonst könnte ich unter Garantie nicht mehr so munter mit dir plaudern.«

»Um welches Beweismaterial ging es bei dem Überfall?«

»Es handelt sich um ein Tagebuch …«, erwiderte der Anwalt. »Hast du in den Zeitungen von dem brutalen Mord an dem Callgirl Savannah Campbell gelesen?«

Chambers schüttelte den Kopf. »Ich muss gestehen, dass mich nur meine eigenen Kritiken wirklich interessieren«, antwortete er in einem Anflug von Zynismus.

»Sie war meine Klientin«, fuhr Whitford fort, »und mir auch sonst sehr zugetan. Ein ausgesprochen nettes Mädchen. Leider in der falschen Branche und auf Dauer recht anstrengend.«

»Welche Branche?«

»Callgirl!«

»Und was ist dagegen einzuwenden?« Chambers sah ihn fragend an. »Auch ein Bett besteht schließlich aus Brettern, die für viele die Welt bedeuten. Außerdem ist das ein florierender Wirtschaftszweig. Wenn eine von denen ihre Kohle zusammenhält und fleißig ist, kann sie es schnell zu was bringen … Jedenfalls bedeutend schneller, als eine alte Frau beim Stricken.« Er grinste vielsagend.

»Dem will ich nicht widersprechen, Vinson«, bestätigte Whitford traurig, »nur nutzt ihr diese Erkenntnis im Leichenschauhaus auch nichts mehr.«

»Hmm …, und wie soll mein Part aussehen? Du hast mich ja wohl kaum aufgesucht, nur um mir dein Herz auszuschütten, nicht wahr?«

»Ich weiß, wer das Tagebuch in seinen Besitz gebracht hat. Du sollst es zurückholen und verhindern, dass etwas von dem, was darinsteht, jemals bekannt wird.«

Chambers grinste verschlagen. »Und wer ist der Glückliche?«

»Es handelt sich um eine ›Die‹!«, entgegnete der Anwalt. »Die Dame ist eine Kollegin meiner Mandantin und heißt Clairé Beauvais.« Er reichte ihm ein Foto. »Die Adresse steht auf der Rückseite. Kann man nicht verfehlen. Ist eines dieser neuen Hochhäuser im Stadtteil ›Bromley‹, in der ›Shire Lane‹, auf Höhe ›High Elms Country Park‹.«

»Schade um die Lady«, bemerkte Vinson Chambers lächelnd, »sie ist schon so gut wie tot.« Es war ein gefährliches Lächeln, das nur um die Mundwinkel spielte, ohne von den dunklen Augen Besitz zu ergreifen. Augen, die starr und mitleidslos blickten, wie die einer Klapperschlange.

*

Zwei Tage später begann Vinson Chambers in seinem Schlafzimmer mit den Vorbereitungen. Neben die ausgetretenen schwarzen Schuhe hatte er die grauen Wollsocken, die Hose und das kragenlose Hemd auf das Bett gelegt. Die gefälschten Papiere, die ihm eine neue Identität verschafften, warf er dazu. Er hatte sich seit seinem Treffen mit Whitford nicht mehr rasiert, und ein leichter Stoppelbart wuchs ihm auf Kinn und Wangen. Er würde ihn später mit einem Klappmesser in absichtlich unbeholfener Weise entfernen. Die Aftershave-Lotion, in denen sich das Haarfärbemittel befand stand bereits im Regal im Badezimmer und musste nur noch eingesteckt werden. Seine Haare hatte er sich kürzer und kürzer geschnitten, bis es in bürstenartigen Büscheln zu Berge stand.

Er überprüfte noch einmal seine Vorbereitungen, um sicher zu gehen, dass er an alles gedacht hatte. Dann machte er sich ein Omelett, ließ sich bequem vor dem Fernseher nieder und betrachtete eine Seifenoper, bis es Zeit zum Aufbrechen wurde.

*

Schräg gegenüber dem Appartementhaus, in dem Clairé Beauvais ein ›Penthouse‹ bewohnte, stand ein weiteres Hochhaus.

Vinson Chambers musterte den hässlichen Kasten interessiert und dankte dem Bauherrn, dass er sich ausgerechnet diesen Platz ausgesucht hatte. Nun musste er nur noch ein leerstehendes Zimmer in der gleichen Höhe des ›Penthouses‹ finden, und seine Zufriedenheit würde keine Grenzen mehr kennen.

Chambers parkte seinen unauffälligen, grauen Wagen am Bordstein, nahm das kleine Diplomatenköfferchen vom Rücksitz und schlenderte fröhlich vor sich hinpfeifend auf das Hochhaus zu. Das altersschwache Gebäude wirkte, als wäre es im Freudentaumel der Friedensverhandlungen nach dem zweiten Weltkrieg erbaut worden. Irgendwie machte es einen windschiefen Eindruck und stand im krassen Gegensatz zu den Neubauten. Auch die Feuerleitern, die den Betonbau zusammenzuhalten schienen, sahen nicht gerade vertrauensweckend aus, denn sie selbst hielt offensichtlich nur noch der Rost zusammen.

Der Hausflur war finster und muffig feucht. Ohne viel Hoffnung drückte Chambers auf den Knopf für den Lift. Doch zu seiner Überraschung setzte sich weit über ihm ein altersschwaches Vehikel ächzend und stöhnend in Bewegung. Langsam kroch es ins Erdgeschoss hinab. Der Profikiller zögerte, bevor der den Fahrstuhl betrat, den das Ding machte den Eindruck, als würde es bei der leichtesten Erschütterung sofort auseinanderbrechen. Aber die Vorstellung, die fünfzehn Stockwerke zu Fuß zurückzulegen, ließ ihn seine Bedenken beiseite schieben. Er schloss die Tür und drückte den Knopf.

Ruckend setzte sich die Kabine in Bewegung, und die Anlage war durchaus willens, ihre Arbeit zur Zufriedenheit aller zu erledigen. Sollte dem Lift allerdings unterwegs die Puste ausgehen, saß der Fahrgast erst einmal hoffnungslos fest, denn es stand zu vermuten, dass sich nicht mehr viele Mechaniker in London an dieses vorsintflutliche Modell erinnerten, noch weniger in der Lage waren es auch zu reparieren. Aber der Lift machte seinen Job und hielt mit einem harten Ruck im 15. Stock.

Chambers atmete auf und beeilte sich, die altersschwache Kabin von seinem Gewicht zu befreien. Das Diplomatenköfferchen sorgsam unter den Arm geklemmt, schritt er den kaum richtig erhellten Flur entlang. Die Tapeten an den Wänden lösten sich bereits in ihre Bestandteile auf, und auch der Fußboden hatte genügend Ritzen und Risse, die eine Erneuerung wahrscheinlich schon vor Jahrzehnten gerechtfertigt hätten. Vor einer fast nur noch aus einzelnen Brettern bestehenden Tür blieb er stehen und drückte die Klinke. Die Tür war verschlossen. Ohne zu überlegen, lehnte er sich mit der Schulter gegen die Bretter und sprengte das Schloss mühelos auf.

In dem Zimmer dahinter saß ein altes Pärchen, beide weißhaarig, halb blind und taub. Sie bemerkten nicht einmal, dass ein Fremder ihre Wohnung betreten hatte. Ihre Blicke waren müde auf den Fußboden gerichtet, und ihre Gedanken schienen viele Jahre zurückgeschweift zu sein. Irgendwie wirkten sie wie Fossilien einer längst ver-gangenen Zeit, die sich schon lange überlebt hatte.

Chambers durchquerte den großen Raum und schob die Übergardinen von einem einzigen Fenster zurück. Ihm genügte ein Blick, um festzustellen, dass er sich im falschen Zimmer befand. Von hier aus würde die Schussbahn zu schräg verlaufen, worunter zwangsläufig die Treffsicherheit leiden musste. Er ging zur Tür zurück und zog sie von außen ins Schloss. Die beiden Alten hatten sich nicht einmal gerührt.

Zwei Zimmer weiter versuchte er erneut sein Glück. Auch diese Tür war verschlossen, machte aber einen deutlich solideren Eindruck. Chambers nahm Anlauf und warf sich mit der Schulter dagegen. Das Schloss splitterte heraus. Die Tür knallte dumpf gegen die Wand. Mit einem verlegen wirkenden Lächeln trat er ins Zimmer.

Vor ihm stand ein großer Mann von Anfang Vierzig, dessen sprachloser Gesichtsausdruck ihm nicht gerade einen hohen Intelligenzquotienten bescheinigte. »Was … was soll denn das?«, stotterte er fassungslos. Dabei sah er aus wie der Froschkönig, der beim Wachwerden übergangen wurde.

Chambers lächelte noch immer. »Ich will nur mal einen Blick aus Ihrem Fenster werfen«, erklärte er und schob den Mann beiseite.

Der Killer war noch keine drei Schritte weit gekommen, als der Riese seine Überraschung überwunden hatte, nach seiner Schulter griff und ihn herumwirbelte. »Machen Sie, dass Sie hier rauskommen, bevor ich ungemütlich werde!«, fauchte er.

»Sie sind aber nicht gerade gastfreundlich«, maulte Chambers und wischte sich die Hand von der Schulter, als hätte er einen Staubfussel entfernt. »Ich habe doch erklärt, dass ich nur kurz aus Ihrem Fenster sehen will. Was Sie mir ja sicher erlauben werden, oder?«

»Scher dich raus!«, knurrte der Mann lautstark und nahm eine drohende Haltung ein.

»Du forderst es ja geradezu heraus, mein Freund!«, erwiderte Chambers, bedauernd mit der Achsel zuckend, und schlug auch schon zu. Es war ein wuchtiger Schlag und im Ansatz nicht zu erkennen. Seine Faust traf den Riesen direkt an der Kinnspitze.

Der Kopf des Mannes wurde nach hinten geschleudert. Mit wild fuchtelnden Armen taumelte er zurück und stöhnte laut auf. Erneut malte sich Überraschung ins Gesicht des Hünen, lediglich überlagert von dem Schmerz des Schlages.

Chambers zögerte keine Sekunde und setzte sofort nach. Ein weiterer Schlag in den Magen seines Opfers, ließ den Mann eine vollendete Verbeugung vollführen. Und dann explodierte bereits wieder eine gestochene scharfe Rechte am Kopf des sich vor Schmerzen windenden Mannes. Noch im Fallen schickte Chambers ihm eine Dublette präzise geschlagener Haken an den Kopf hinterher, die den Riesen bereits ohnmächtig werden ließ, ehe er auf dem Fußboden aufschlug.

Ungerührt stieg Chambers über den Reglosen hinweg und schloss die Tür. Er durchquerte den Raum und sah aus dem Fenster. Kein Zweifel, dachte er bei sich, hier bin ich richtig. Das Schussfeld ist geradezu optimal. Die Sicht ausgezeichnet. Mit ausgestrecktem Arm entriegelte er das Fenster und zog die nach innen zu öffnenden Flügel so weit auf, dass sie die Wohnzimmerwand berührten. Dann trat er ein paar Schritte zurück. Ein breiter Lichtschein des Vollmondes fiel schräg durchs Fenster auf den Teppich und ließ das restliche Zimmer dunkler erscheinen. Solange er nicht in den Bereich dieses Lichtstrahls trat, würde kein zufälliger Beobachter vom gegenüberliegenden Hochhaus etwas sehen können.

Im Schatten der zurückgezogenen Gardine schlich er sich dicht neben das Fenster und stellte fest, dass er ausgezeichnet in alle Richtungen einschließlich der Straße schaue konnte. Er rückte den Wohnzimmertisch von der Seite her bis auf einen Yard an das Fenster heran, nahm die Decke und die künstlichen Blumen herunter und legte ein paar Kissen von den Sesseln darauf. Sie sollten ihm als Schießauflage dienen.

Dann zog er seinen Mantel aus und krempelte die Ärmel hoch, stellte sein Diplomatenköfferchen auf den Tisch und öffnete es. Nacheinander entnahm er die Einzelteile eines zerlegten Präzisionsgewehrs. Liebevoll und gewissenhaft setzte er die Waffe zusammen – Verschluss und Lauf, obere und untere Kolbenstrebe, Schulterstütze, Schalldämpfer und Abzugszunge. Zu guter Letzt streifte er das Zielfernrohr über den Lauf, drehte es fest. Die Geschicklichkeit, die er beim Zusammenbau und dem Justieren an den Tag legte, bewies, dass er über ausreichend Übung verfügte.

Er stellte einen Stuhl vor den Tisch, setzte sich und spähte leicht über das auf den Kissen aufliegende Gewehr durchs Zielfernrohr. Der Kopf eines Mannes erschien in gestochener Schärfe im Blickfeld, als er das ›Penthouse‹ anvisierte. Er war so groß, wie eine Melone, die er auf seinem Weg hierher in der Auslage eines Gemüse- und Obstgeschäftes gesehen hatte.

Zufrieden stellte er drei Patronen, ausgerichtet wie Soldaten, am Rand der Tischplatte auf. Mit Daumen und Zeigefinger zog er den Gewehrriegel zurück und führte das erste der Explosivgeschosse in die Kammer ein. Eines würde genügen, aber er hatte noch zwei weitere in Reserve. Er schob den Riegel wieder vor und schloss ihn mit einer halben Drehung. Dann legte er das Gewehr sorgsam auf die Kissen zurück und suchte in seinen Taschen nach Zigaretten und Feuerzeug.

Er zog gierig an der ersten Zigarette und lehnte sich zurück, um auf den geeigneten Zeitpunkt zu warten.

Der Hüne am Boden regte sich keuchend.

Mit einem diabolischen Lächeln sah Chambers ihn an. »Wenn du muckst, mache ich kurzen Prozess mit dir!«, drohte er im Plauderton, als würde er ihm die Wasserstandsmeldungen der Themse verlesen.

Dennoch wusste der Mann am Boden sofort, dass sein Besucher nicht bluffte, denn es ging eine eisige Kälte von diesem unheimlichen Kerl mit dem pockennarbigen Gesicht aus, die direkt körperlich fühlbar zu sein schien. »Ich verhalte mich ruhig«, versicherte er deshalb eilig.

Vinson Chambers nickte zufrieden. Fast liebevoll streichelte er das Gewehr, während er seelenruhig rauchte. Immer wieder kontrollierte er das Geschehen im ›Penthouse‹. Nach einer weiteren Zigarette tastete er die gegenüberliegende Wohnung erneut mit dem Zielfernrohr ab. Noch einmal korrigierte er die Optik des Zielgerätes.

Plötzlich trat deutlich eine weibliche Gestalt hervor. Er ließ das Fadenkreuz höher wandern, bis sich das Gesicht der Frau genau im Schnittpunkt des Kreuzes lag. Es war eine hübsche, äußerst attraktive Frau mit fast schwarzen Augen, leicht hervortretenden, hoch angesetzten Wangenknochen und blau-schwarzen Haaren.

Chambers grinste. Da hab' ich dich! Kein Zweifel, du bist es! Er beruhigte seine Atmung, während sein Zeigefinger langsam zum Abzugsbügel kroch und sich darüber schob …

***

 

Kapitel 2

 

Clairé Beauvais' ›Penthouse‹ drohte aus allen Nähten zu platzen. Bei ihr war eine wilde Party im Gange, mit Leuten aus der ›High Society‹. Diplomaten waren diesmal ebenso vertreten wie Politiker des Ober- und Unterhauses, sowie eine Anzahl hochrangige Militärs.

»Wenn wir nicht gewaltig aufpassen, artet das Ganze hier noch in eine wüste Orgie aus … Und das verzeihen uns die Herrschaften nachher nie«, meinte Clairé, eine außergewöhnlich hübsche Frau Mitte Zwanzig, die die Geschmeidigkeit eines Panthers, den Körper einer Venus und Augen wie funkelnde schwarze Diamanten besaß.

Layla kicherte. »Aber vorher werden sie alle begeistert mitmachen!«

»Klar doch«, schmunzelte Clairé, »denn in ihren geheimsten Träumen haben die sich so etwas schon immer gewünscht. Es ist ihnen nur peinlich vor den Leuten, die ebenfalls beteiligt waren. Und dann reden sie sich darauf hinaus, dass sie zu viel getrunken hätten und ich an allem Schuld wäre.« Sie warf ihr langes blau-schwarzes Haar mit einer energischen Bewegung in den Nacken und blickte nachdenklich auf das muntere Treiben.

Ein betrunkener Schotte, der so stark nach Whisky roch, als wäre er in einem ›Glendronach‹-Fass in ›Aberdeenshire‹ aufgewachsen, schwankte auf sie zu. »Das ist noch echte Maßarbeit«, grinste er und starrte unverhohlen auf ihre Oberweite. »Kompliment an die Eltern!«, fügte er lallend hinzu und bestaunte auch ihre weitere Anatomie. »Komm' her, meine Süße! Für dich ist immer ein Platz in meinem Herzen und in meinem Bett.«

Clairé winkte ihm zu, und der riesige Texaner trottete brav wie ein gut dressierter Schoßhund hinter ihr her. Als sie ihn wenig später in einem freien Bett ihrer Gästezimmer verfrachtete, grabschte er nach ihren provozierend gewölbten Brüsten und versuchte, sie gewaltsam an sich zu reißen. Ein einziger Karateschlag beendete das Gerangel, und der Schotte schlief, immer noch auf eine heiße Liebesnacht mit ihr hoffend, schnarchend ein. »Noch zehn Jahre in diesem Gewerbe, und meine Nerven spielen nicht mehr mit«, stöhnte Clairé, als sie wieder neben Layla an der Balustrade der großen Terrasse lehnte.

Layla machte eine wegwerfende Handbewegung. »Immer nur lächeln, dann denken alle, du hättest den tollsten Job der Welt.«

»Pah!«, entfuhr es Clairé. »Schau sie dir doch an. Hier geht's zu wie in einer Sektkellerei: lauter Flaschen und alle voll!« Eine verächtliche Falte begann sich in ihre Mundwinkel einzugraben.

 

*

An der Bar standen zwei ausländische Diplomaten, die noch halbwegs nüchtern waren. Der eine hieß José Luis Rodriguez de Calahorra, ein echter spanischer Grande. Er war zwar bereits Mitte vierzig, aber heißblütig wie ein Achtzehnjähriger. Der Spanier befand sich zum ersten Mal auf einer von Clairés berühmten Partys und hatte den ganzen Abend über kein Auge von der schönen Hausherrin gelassen. Ihre erotische Ausstrahlung hatte bei ihm bereits seine Spuren in seinem Kleinhirn hinterlassen, sodass nicht einmal ein Presslufthammer sie mehr aus seinem Kopf herausgebracht hätte. »Was soll das heißen, sie sei ein käufliches Schmeichelkätzchen für zärtliche Stunden, Señor?«, fragte er, an seinem Whiskyglas nippend.

Sein Gesprächspartner, Alexandre Dupont, ein alter Grandseigneur aus Frankreich, der die Welt, das Leben und die Frauen kannte, lächelte leicht. »Das bedeutet, dass die bezaubernde Clairé ein äußerst begehrtes Luxus-Callgirl ist, dessen Telefonnummer in der ›High Society‹ sehr hoch im Kurs steht.«

»No, no lo creo, Señor! Das kann ich nicht glauben«, entrüstete sich der Spanier. »Können Sie diese Ungeheuerlichkeit beweisen?«

Der Franzose lächelte immer noch. »Ich befürchte, viele hier im Raum können es. Aber vielleicht gelingt es Ihnen, das Herz der Schönen für sich allein zu erobern. Nur bleibt dann die Frage, wie sich diese Liaison mit ihrer diplomatischen Karriere vereinbaren lässt. Der etwas schizophrene Ehrenkodex der internationalen Diplomatie erlaubt zwar die Besuche bei Clairé als gesellschaftliches Vergnügen, reagiert aber äußerst unangenehm auf Bindungen, die außerhalb des festgelegten Kreises geschlossen werden.« Er schmunzelte und blickte in die Runde der Partygesellschaft. »Aber genug philosophiert, mein Bester, eine von Clairés Freundinnen wird uns jetzt eine heiße Striptease-Show bieten, und wie ich vermute noch einiges mehr.« Er legte dem Spanier kameradschaftlich eine Hand auf die Schulter. »Kommen Sie, mein Freund, gehen wir näher heran! Meine Augen sind nicht mehr die Jüngsten, und für eine Brille bin ich noch zu eitel.«

Clairé trat an das Geländer und klatschte dreimal in die Hände, während Layla die Musik leiser stellte.

Allmählich trat ein wenig Ruhe ein.

»Meine verehrten, lieben Gäste. Soeben ist der Wunsch laut geworden, noch in einen heißen Club zu fahren, … einige würden sich gern einen Striptease oder eine Live-Show anschauen.« Sie lächelte vielsagend. »Sehr gern hätte ich Ihnen diesbezüglich das ›Pleasers‹ gezeigt, aber da die meisten von Ihnen bereits mehr getrunken haben, als es die Polizei am Steuer eines Wagens für statthaft hält, wird ihnen meine Freundin Coralee eine entsprechende Show vorführen. Aber bitte, Gentlemen, behalten Sie Ihre Hände unter Kontrolle.«

In den aufbrausenden Applaus hinein betrat Coralee, die ohne weiteres Clairés Schwester hätte sein können, in einem enganliegenden roten Kleid, das Zimmer. Mit schwingenden Hüften schlenderte sie lässig in die Mitte und begann sich im Rhythmus der wieder eingesetzten Musik zu bewegen. Nach einer Weile ließ sie das Kleid fallen und zeigte sich in einem schlanken ›Betty Page Style‹ - rotschwarzer Spitzen BH, passender Strumpfgürtel und Höschen, Nylons und High Heels, sogar mit einem passenden Strumpfband am Oberschenkel.

Coralee nahm sich einen Stuhl mit offener Rückenlehne und bewies ihr Talent als aufreizende Stripperin, sehr viel ansprechender als das, was man in dieser Hinsicht allgemein geboten bekam. Gleich darauf löste sie ihren BH, worauf sie sternförmige Verzierungen an ihren Brustwarzen zeigten, an denen lange seidige Quasten hingen. Beifall brandete auf, als sie anfing ihren Körper im Takt der Musik zu drehen, was die Quasten zum kreisen brachte und ihre Brüste unverschämt schwingen ließ.