Verlag: dotbooks Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Tödlicher Nachlass - Ein Fall für Engel und Sander 3 E-Book

Angela Lautenschläger  

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E-Book-Beschreibung Tödlicher Nachlass - Ein Fall für Engel und Sander 3 - Angela Lautenschläger

Das Morden in der Hansestadt geht weiter: Der Hamburg-Krimi „Tödlicher Nachlass“ von Angela Lautenschläger – jetzt als eBook bei dotbooks. Ein privater Auftrag hält Nachlasspflegerin Friedelinde Engel auf Trab: Für Victor Janssen, einen Hamburger Unternehmer, soll sie den Nachlass seines verstorbenen Onkels sichten und bewerten. In dessen Unterlagen findet sie mysteriöse Postkarten aus Griechenland und beschließt, dieser Spur zu folgen. Auf der griechischen Insel Thassos deckt sie mehr als nur ein Geheimnis des Toten auf – und begegnet zu ihrem Entsetzen ihrem Lieblingsfeind Kommissar Sander. Er ist auf der Fährte eines in Hamburg ermordeten Griechen und mischt sich wie immer uneingeladen in Friedelindes Recherchen ein … Verwickelte Fälle und zwei Ermittler zum Verlieben: Die Bestseller-Reihe um die eigenwillige Nachlasspflegerin Friedelinde Engel und Kommissar Nicolas Sander geht in die dritte Runde! Jetzt als eBook kaufen und genießen: „Tödlicher Nachlass“ von Angela Lautenschläger. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

Meinungen über das E-Book Tödlicher Nachlass - Ein Fall für Engel und Sander 3 - Angela Lautenschläger

E-Book-Leseprobe Tödlicher Nachlass - Ein Fall für Engel und Sander 3 - Angela Lautenschläger

Über dieses Buch:

Ein privater Auftrag hält Nachlasspflegerin Friedelinde Engel auf Trab: Für Victor Janssen, einen Hamburger Unternehmer, soll sie den Nachlass seines verstorbenen Onkels sichten und bewerten. In dessen Unterlagen findet sie mysteriöse Postkarten aus Griechenland und beschließt, dieser Spur zu folgen. Auf der griechischen Insel Thassos deckt sie mehr als nur ein Geheimnis des Toten auf – und begegnet zu ihrem Entsetzen ihrem Lieblingsfeind Kommissar Sander. Er ist auf der Fährte eines in Hamburg ermordeten Griechen und mischt sich wie immer uneingeladen in Friedelindes Recherchen ein …

Verwickelte Fälle und zwei Ermittler zum Verlieben: Die Bestseller-Reihe um die eigenwillige Nachlasspflegerin Friedelinde Engel und Kommissar Nicolas Sander geht in die dritte Runde!

Über die Autorin:

Angela Lautenschläger arbeitet seit Jahren als Nachlasspflegerin und erlebt in ihrem Berufsalltag mehr spannende Fälle, als sie in Büchern verarbeiten kann. Ihre Freizeit widmet sie voll und ganz dem Krimilesen, dem Schreiben und dem Reisen. Sie lebt mit ihrem Mann und vier Katzen in Hamburg.

Bei dotbooks erscheinen auch:

Stille Zeugen

Geheime Rache

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Originalausgabe Mai 2018

Copyright © der Originalausgabe 2018 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Redaktion: Philipp Bobrowski

Titelbildgestaltung: © HildenDesign unter Verwendung mehrerer Motive von Shutterstock.com

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (sh)

ISBN 978-3-95824-791-8

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Angela Lautenschläger

Tödlicher Nachlass

Ein Fall für Engel und Sander

dotbooks.

Kapitel 1

Friedelinde ließ die vorderen Seitenscheiben herunter. Das brachte zwar keine Abkühlung, aber immerhin Durchzug. Bei ihrem derzeitigen Glück würde sie von dem Luftzug Kopfschmerzen oder einen steifen Nacken oder beides bekommen. Oder irgendetwas Tödliches wie Schwindsucht. Seit dem Winter befand sie sich auf diesem fatalistischen Kreuzzug, wie ihre Freundinnen ihren Zustand bezeichneten, und damit hatten sie gar nicht so unrecht. Wenn sie jetzt stürbe, würde das niemandem auffallen. Außer vielleicht ihrem Kater Cäsar. Oder ihrem Vater. Oder Marie und Elvira. Aber sonst? Einem ganz bestimmten Kriminalhauptkommissar, der sich schon seit Monaten nicht bei ihr meldete, wäre das doch herzlich egal. Dazu müsste er es ja erst einmal mitbekommen. Und da er sich nicht nach ihrem Wohlbefinden erkundigte, standen die Chancen eher schlecht. Null Interesse. So einfach war das. Sie sollte wirklich mal damit anfangen, sich ihn aus dem Kopf zu schlagen. Und zwar mit geeigneteren Mitteln als bisher. Rund um die Uhr zu arbeiten, anderer Leute Kinder zu hüten, Elvira im Waschsalon auszuhelfen und ihrem Vater das Rasenmähen aufzudrängen, hatte bisher jedenfalls nicht ausgereicht. Der Name Nicolas Sander schwirrte immer noch durch ihre Ganglien und machte sie krank.

Beinahe verpasste sie die Abzweigung, wechselte, ohne zu blinken, auf die Linksabbiegerspur und veranlasste ihren Hintermann zu einem wilden Hupkonzert.

»Dann fahr doch nicht so dicht auf, du blödes Arschloch!«, motzte sie durch das geöffnete Fenster auf der Beifahrerseite, was der Angesprochene mit dem Zeigen des Mittelfingers aus seinem Seitenfenster quittierte. »Nur Arschlöcher unterwegs!«, schimpfte sie.

Sie bog in die Seitenstraße ab, die in das am westlichen Stadtrand Hamburgs liegende Gewerbegebiet hineinführte, und suchte die Hausnummern auf den Werbeschildern, Stelen und Hallen ab, bis ihr Blick auf eine große Kunststoffwand fiel. Karl Hermann Janssen, Kräutertees und Naturheilmittel, gegründet 1935. Darunter war die Abbildung eines komplizierten Konstrukts aus Gebäuden und Fahrwegen zu sehen. Zu kompliziert für sie. Friedelinde bog in die Zufahrt ein und hielt vor der Schranke. Aus dem kleinen Häuschen zu ihrer Linken kam ein älterer Herr in Stoffhose und kurzärmeligem blauem Hemd heraus, der nicht weniger schwitzte als sie. Nach einem kalten Winter und einem durchschnittlichen Frühling hatten sie seit zwei Wochen Hochsommer mit Temperaturen bis zu 30 Grad.

»Tach, junge Frau.«

»Hallo. Ich bin Friedelinde Engel und mit Victor Janssen verabredet. Wollen Sie meinen Ausweis sehen?«

»Nö, ist erst mal nicht nötig. Bin gleich wieder da.« Der Wärter kehrte in sein Häuschen zurück. Friedelinde konnte durch ein Fenster sehen, wie er zum Hörer griff. Gleich darauf kam er wieder heraus und im selben Augenblick hob sich die Schranke.

»Fahr’n se mal durch, junge Frau. Hinter der nächsten Halle links ab und auf der rechten Seite im weißen Gebäude finden Sie die Verwaltung. Die wissen Bescheid.«

»Danke, Herr …«

»Otto.«

»Danke, Herr Otto.«

»Nee, einfach nur Otto.«

»Gut, danke, Otto.«

»Gerne, junge Frau.«

Während auf der rechten Seite fünf oder sechs Hallen in nicht erkennbarer Ordnung standen, lagen linker Hand vier Hallen mit Fassaden aus Waschbetonplatten in einer Reihe. Friedelinde fand das Verwaltungsgebäude, vor dem auf dem Pflaster drei Besucherparkplätze aufgemalt waren. Man musste auch mal Glück haben.

Friedelinde warf einen prüfenden Blick in den Rückspiegel. Die Idee mit dem Durchzug war doch nicht so gut gewesen. Sie sah aus wie ein gerupftes Huhn. Im Frühjahr hatte sie sich nach Jahren mit langen Haaren eine Kurzhaarfrisur schneiden lassen. Maries Analyse, dass es sich dabei um einen Akt der Befreiung von einem Mann handelte, hatte sie entgegengehalten, dass dieser Schritt ausschließlich den Temperaturen geschuldet war. Marie hatte mit einigem Recht erwidert, dass zum Zeitpunkt des Haarschnitts 15 Grad herrschten und Friedelinde nach ihrer Kenntnis nicht der Profession der Hellseherei nachging und verlässliche Wettervorhersagen machen konnte.

Nachdem sie mittels Kamm und Spucke ihre Frisur einigermaßen in den Griff bekommen und etwas Lipgloss aufgelegt hatte, nahm sie ihre Tasche und stieg aus. Die Wagenfenster ließ sie offen. Das hier war Fort Knox und in ihrem Auto befand sich nichts des Diebstahls Würdiges.

Plötzlich hielt sie inne. Nach all den Autoabgasen und den üblen Gerüchen, die durch die Hitze verstärkt wurden, roch es hier angenehm nach Lavendel, Zitrone, Blumen, nach einem ganzen Meer wohlriechender Düfte. Einen Moment schloss sie die Augen. Wer hätte das gedacht, dass man mitten im Gewerbegebiet, nicht weit entfernt von der Müllverbrennungsanlage, das Gefühl hatte, auf einem Blumenfeld zu stehen?

Eine automatische Glastür ließ sie in einen klimatisierten Vorraum aus dunkelgrauen Steinplatten eintreten. Der Vorraum zum Paradies. Und da kam auch schon ein Engel auf sie zu. Eine junge blonde Frau in blauer, kurzärmeliger Bluse und blauem Rock, der Janssen-Uniform, die an ihr bedeutend besser aussah als an Otto. Dazu kamen ihr rot geschminkter Mund und lange künstliche Wimpern.

»Hallo, Frau Engel«, begrüßte sie Friedelinde, als hätte sie schon ewig auf sie gewartet. »Schön, dass Sie da sind.« Sie deutete auf eine Sitzgruppe aus weißem Leder. Auf dem niedrigen Tisch davor stand eine beschlagene Flasche Wasser, die nach der Aufschrift auf dem Etikett einen Zusatz enthielt. »Ich habe mir erlaubt, Ihnen etwas Erfrischendes hinzustellen. Bitte setzen Sie sich einen Augenblick. Sie werden gleich abgeholt.«

Friedelinde bedankte sich und nahm Platz. Das Flaschenetikett verriet, dass das Wasser mit Zitronengras versetzt war, das einen frischen, zitronenartigen Rosenduft enthielt und ein bekömmlicher Durstlöscher war. Tatsächlich schmeckte das Wasser sehr gut. Friedelinde leerte ein Glas und schenkte sich nach.

Als sie sich umsah, fiel ihr Blick auf die an den weiß gestrichenen Wänden und an Stellwänden angebrachten Informationstafeln, auf denen großformatige Fotos von blühenden Feldern in allen möglichen Farben zu sehen waren. Die Texte darunter enthielten Angaben zu den Wirkstoffen der Pflanzen und wozu die Firma Janssen sie verarbeitete. Eine etwas abseits stehende größere Stellwand enthielt eine Zusammenfassung der Firmengeschichte.

Friedelinde befasste sich gerade mit der Gründungsgeschichte, als sie jemand von hinten ansprach.

»Frau Engel?« Hinter ihr stand eine weitere Dame im Janssen-Outfit und reichte ihr die Hand. »Morlang, hallo. Ich bringe Sie zu Herrn Janssen.«

Es gab eine Treppe hinter dem Empfangstresen, aber Friedelinde war ganz froh, dass Frau Morlang sie zu einem Fahrstuhl führte, die Vier drückte und während der Fahrt einen Small Talk über das Wetter in Gang brachte.

Der Fahrstuhl entließ sie direkt im Vorzimmer, dem Arbeitsplatz von Frau Morlang, die den Raum mit festen Schritten durchquerte und am anderen Ende durch eine geöffnete Tür trat. »Frau Engel wäre dann da.«

Sie bat Friedelinde in ein elegantes Chefzimmer, in dem hinter einem gläsernen Schreibtisch ein gut aussehender Mann hervortrat, die Ärmel des weißen Oberhemdes hochgekrempelt, die Krawatte gelockert.

»Victor Janssen. Hallo, Frau Engel.« Er wies auf sein Jackett an der Garderobe. »Legen Sie darauf wert?«

»Nein, wirklich nicht. Sie haben es hier drinnen so angenehm temperiert, da muss man sich nicht unnötig quälen.«

»Danke. Bitte, nehmen Sie Platz.« Victor Janssen war groß und schlank, fast vollständig ergraut und wirkte wie jemand, der jeden Morgen fünf bis sechs Kilometer an der Elbe entlangjoggte.

»Was kann ich Ihnen anbieten? Auf alle Fälle etwas zu trinken«, beantwortete er seine Frage selbst. »Wir haben einen klasse weißen Tee. Der ist super bei diesem Wetter. Wollen Sie den mal probieren?«

»Gern.« Friedelinde setzte sich auf das bequeme Sofa. Das Ganze ließ sich schon mal gut an, auch wenn sie noch nicht so genau wusste, was sie erwartete. Üblicherweise wurde sie vom Gericht bestellt. Hin und wieder nahm sie auch private Aufträge an, um den leiblichen Vater ihres Auftraggebers zu suchen oder Personenstandsurkunden zu beschaffen.

Victor Jansen kam auch gleich auf die ungewöhnlichen Umstände, die zu diesem Auftrag geführt hatten, zu sprechen. »Also, wie gesagt, Olaf Müller, den Sie ja kennen, war ganz begeistert von Ihrer Arbeit. Er hat mir berichtet, wie gut Sie die Erbengemeinschaft, an der er beteiligt war, auseinandergesetzt haben. Ohne Sie wäre es nicht ohne Blutvergießen abgegangen, hat er gemeint.«

Friedelinde nickte. Tatsächlich hatten sich die Erben ziemlich gefetzt, und als schließlich jeder seinen Teil des Nachlasses erhalten hatte, war Olaf Müller an Sie herangetreten und hatte gefragt, ob er sie weiterempfehlen dürfe. »Das war für mich schließlich auch eine Bestätigung meiner Arbeit«, erklärte sie.

»Und für mich war die Empfehlung ein Lichtblick«, fuhr Janssen fort. »Deshalb habe ich Ihnen sofort die Mail mit meiner Anfrage geschrieben.«

Außerdem hatte Janssen angeboten, Friedelindes Zeitaufwand zu vergüten, selbst wenn sie den Auftrag nicht annahm. Das hatte interessant und fair geklungen, und deshalb war sie da.

»Schmeckt er Ihnen?« Janssen, der ihr eine Tasse Tee eingeschenkt hatte, sah ihr beim Trinken zu.

»Ja, wirklich.« Und das war nicht einmal gelogen.

»Schön.« Janssen setzte sich wieder. »Also, erst einmal möchte ich Ihnen danken, dass Sie sich auf meine kurze Mail hin auf den Weg gemacht haben. Eigentlich wäre es an mir gewesen, Sie aufzusuchen, aber ehrlich gesagt ist hier im Augenblick der Teufel los. Wegen der Hitze fährt unsere Produktion auf Hochtouren und wegen der starken Belastung fallen unsere Maschinen regelmäßig aus.«

Friedelinde stellte ihre Tasse ab. »Das ist kein Problem. Ich bin gern hergekommen.«

»Wenn Sie wollen, mache ich auch eine Führung mit Ihnen. Es ist wirklich interessant.« Janssen brach ab. »Tut mir leid. Ich gerate ins Schwärmen, und Sie sind eigentlich wegen etwas anderem hier.«

»Wie gesagt, nicht schlimm, und es würde mich schon interessieren. Ich habe selten so einen wohlduftenden Parkplatz im Gewerbegebiet erlebt.«

Janssen grinste. »Sollte man meinen, aber wenn wir unsere Abluft nicht anständig filtern, steigt uns die Behörde aufs Dach.«

Die Tür wurde geöffnet, und eine Frau mit einer Kurzhaarfrisur, die sehr viel besser in Schuss war als Friedelindes, steckte ihren Kopf zur Tür herein. »Ah, Ihr habt schon angefangen.« Während sie sprach, musterte sie Friedelinde, die sich nichts hatte zuschulden kommen lassen, außer pünktlich zu sein.

»Komm rein, Brigitte. Wir haben bisher nur über die Firma gesprochen.« Janssen erhob sich und ging der Frau entgegen. »Meine Frau Brigitte, Frau Engel«, stellte er vor.

Brigitte Janssen war ebenfalls schlank und trug einen eierschalenfarbenen Hosenanzug und eine weiße Bluse. Ihr war nicht anzusehen, dass es draußen brüllend heiß war. Sie hätte ohne weitere Vorbereitungen an einem Fotoshooting teilnehmen können, nahm stattdessen aber Friedelinde gegenüber auf einem Sessel Platz und lehnte die von ihrem Mann angebotene Tasse Tee ab.

»Gut, dann können wir ja in medias res gehen«, sagte Victor Janssen.«

Brigitte Janssen zupfte einen Fussel von ihrem Hosenbein. »Du kennst meine Meinung zu diesem Thema. Ich halte das alles für rausgeschmissenes Geld.«

Die Dame des Hauses schien eine Freundin klarer Worte zu sein, allerdings war die offensichtlich auf Friedelinde gemünzte Bemerkung nicht gerade ein Ausdruck von Höflichkeit.

»Jetzt lass uns doch erst mal anfangen. Wir wollten uns doch Frau Engels Meinung anhören.« Victor Janssen, der bisher den unverbrüchlichen Charme eines Berufsjugendlichen an den Tag gelegt hatte, klang ein ganz klein wenig genervt. Offenbar wurde das Thema, um das es hier ging, im Hause Janssen schon seit längerer Zeit diskutiert.

»Ich bin ganz Ohr.« Friedelinde lächelte ihn an. Brigitte Janssen stand nicht ganz oben auf der Liste ihrer beliebtesten Gesprächspartner.

»Also, es geht um unseren Onkel Henry. Henry Janssen. Er ist mein Onkel und der meiner beiden Geschwister Henry und Susanne. Er ist im Juni gestorben.«

Brigitte Janssen schlug die Beine übereinander, sagte aber keinen Ton.

»Das ist nicht unser Metier, aber nach dem, was wir so gegoogelt haben, sind wir als seine Neffen und Nichte Erben.«

»Wenn er nicht verheiratet war, keine Kinder hatte und Ihre Eltern verstorben sind, ja.«

Brigitte machte einen spitzen Mund. »Verheiratet.«

Friedelinde sah sie fragend an.

»Dazu hätte er erst mal eine Frau finden müssen«, erläuterte Brigitte Janssen.

»Und das wäre ein Problem gewesen?«

Brigitte Janssen blieb die Antwort schuldig. Friedelinde hasste es, wenn sie sich die Antworten auf ihre Fragen selbst geben sollte.

»Henry war ein echter Typ«, erklärte Victor Janssen stattdessen. »Sehr eigenwillig und individuell, aber in Ordnung. Auch wenn wir zuletzt keinen so guten Kontakt mehr hatten.«

»Er war also nicht verheiratet und hatte auch keine Kinder«, stellte Friedelinde fest.

Brigitte Janssen änderte die Beinhaltung. »Mein Schwager hat die Hoffnung, dass Henry Janssen in Wirklichkeit nicht sein Onkel, sondern sein Vater war. Aber das denkt er auch nur, weil sein Onkel reich war. Wäre er arm wie eine Kirchenmaus gewesen, wäre vermutlich Rockefeller sein Vater.«

Victor Janssen warf seiner Frau einen Blick zu. »Na ja, es gab natürlich in unserer Familie diese Überlegungen, warum unsere Eltern meinem Bruder denselben Vornamen gegeben haben, den mein Onkel trug«, schwächte er die Bemerkung seiner Frau ab. »Aber meine Mutter hätte sich wohl kaum mit dem Bruder ihres Mannes eingelassen. Wie auch immer.«

»Hat er denn ein Testament hinterlassen?«

Brigitte Janssen warf nun ihrem Mann einen Blick zu, den Friedelinde so interpretierte, dass ihre Fragen hier nicht willkommen waren. Vermutlich befürchtete sie, dass Friedelinde ihnen das Leben unnötig schwer machen wollte. Dabei hielt sie sich einfach nur an die richtige Vorgehensweise.

»Das ist nicht bekannt«, antwortete Victor Janssen. »Wir sind darüber belehrt worden, dass man ein Testament beim Gericht abliefern und an Eides statt versichern muss, dass man niemanden von der Erbschaft ausschließt.« Er legte die Stirn in Falten. »Oder so ähnlich.«

»Das ist der Sache nach richtig. Es gibt ja eigentlich nur begrenzte Möglichkeiten, wo sich so ein Testament befinden könnte. Die Wohnung beispielsweise, ein Bankschließfach oder es wurde hinterlegt oder jemandem zur Aufbewahrung gegeben.«

Brigitte Janssen schnalzte mit der Zunge.

Ihr Ehemann schloss für einen Augenblick die Augen, ehe er weitersprach. »Nun, Sie werden sehen, dass es mit der Wohnung so eine Sache ist. Henry hat ein ziemlich großes, volles Haus. Sein Konto hat er bei der Bank, bei der wir alle unsere Konten haben. Dort hat er kein Schließfach, wie mir der Bankdirektor auf dem Golfplatz unter der Hand verraten hat. Und uns ist niemand bekannt, dem er sein Testament zur Verwahrung anvertraut hätte.«

»Aha.« Friedelinde nickte. »Wenn also in seinem Haus kein Testament gefunden wird, gehen Sie von gesetzlicher Erbfolge aus, und dann wären Sie und Ihre Geschwister Erben.«

»Ja, richtig. Da lagen wir also nicht falsch.«

»Nein. Alles richtig gegoogelt.« Friedelinde erwiderte Victor Janssens Lächeln und rechnete mit einem Vergeltungsschlag seiner Gattin. »Was kann ich denn jetzt für Sie tun?«

»Nun, wir würden Sie bitten, die Unterlagen im Haus zu sichten, vielleicht zu ordnen, eben nach einem Testament zu suchen und das Inventar aufzunehmen. Es steht da ziemlich viel …«

»… Kram rum«, fiel seine Frau ihm ins Wort. »Vielleicht können Sie sich dabei auf das Nötigste beschränken und nicht allzu viel Zeit auf den ganzen Krempel verschwenden. Vermutlich ist es das Einfachste, Sie stellen zwei Container auf. Einen für Papier und einen für den Rest.«

Brigitte Janssen begann ihr allmählich auf die Nerven zu gehen, und das war jetzt wohl der geeignete Zeitpunkt, ihre Tätigkeit und ihre Grenzen aufzuzeigen. »Frau Janssen, ich bin von Beruf Nachlasspflegerin und den Interessen der Erben und dem Wohl des Erblassers verpflichtet. Für den Fall, dass sich tatsächlich ein Testament im Haus befindet, das die Kirche oder das Tierheim begünstigt, kann ich nicht vorher alles in die Tonne werfen. Der Erbe würde dann ein leeres Haus vorfinden und wäre damit bestimmt nicht einverstanden.«

Brigitte Janssen atmete hörbar ein, aber Friedelinde ließ sie nicht zu Wort kommen.

»Nur unter der Voraussetzung, dass das von allen Beteiligten akzeptiert wird, kann ich für Sie tätig werden.«

»Selbstverständlich akzeptieren wir das«, stellte Victor Janssen klar. »Meine Geschwister und ich wollen die Angelegenheit anständig und ehrlich klären. Gerade deshalb haben wir Sie ja gebeten, uns zu helfen.«

»Gut.«

»Henrys Haus ist das eine, worum Sie sich kümmern sollen, das andere wäre Ihre Hilfe bei der Beschaffung der Urkunden. Wir brauchen doch sicher Geburtsurkunden und so.«

»Ja, bei gesetzlicher Erbfolge bräuchten Sie einige Geburts- und Sterbeurkunden. Hatte Henry außer Ihrem Vater weitere Geschwister?«

»Nein, unser Großvater Karl hatte nur zwei Söhne.«

»Dann dürfte das kein so großes Problem sein.« Friedelinde nahm noch einen Schluck Tee.

»Und was Ihre Vergütung angeht und die Frage, ob Sie den Auftrag überhaupt annehmen wollen, schlage ich vor, dass Sie sich das Haus einmal ansehen.« Victor Janssen lächelte zerknirscht. »Vielleicht gehen Sie auch gleich rückwärts wieder raus und überlassen uns den ganzen Kram.«

»Man muss schon wirklich einen festen Willen haben, um sich da durchzubeißen«, ergänzte Brigitte mit starrer Miene.

»Ich habe schon sehr viele, sehr schlimme Behausungen durchforstet. Mal sehen, wie Henry Janssen so gelebt hat.« Friedelinde lächelte Brigitte Janssen fröhlich zu. Die Dame des Hauses würde sich vermutlich nicht einmal in die Nähe der meisten Nachlasswohnungen trauen, auch wenn Friedelinde diese elegante Frau sehr gerne mal in eine richtig fiese mitnehmen würde.

Victor Janssen ging zu seinem Schreibtisch und nahm einen Schlüssel aus einer Schale. Dann griff er zum Hörer und besprach etwas mit Frau Morlang, die gleich darauf mit einem großen Paket mit dem Aufdruck Karl Hermann Janssen, Kräutertees und Naturheilmittel, gegründet 1935 hereinkam.

Janssen nahm es ihr ab. »Das ist für Sie. Ich trage es Ihnen natürlich ins Auto. Und das soll auch keine Bestechung sein. Das ist eine Auswahl unserer Produkte. Die können Sie selbstverständlich in jedem Fall behalten.«

»Vielen Dank.«

Das sah alles mächtig gesund aus. Das Herz ihrer Freundin Marie würde höherschlagen. Schon während ihrer Schwangerschaft hatte sie sich zu einem Gesundheitsapostel gewandelt, und seit die Zwillinge auf der Welt waren, hielt sie schon einen Cheeseburger für ansteckend.

»Ich werde mich gleich heute Abend darüber hermachen.«

»Schön, dann begleite ich Sie zu Ihrem Wagen. Ach so, und was Ihre Vergütung angeht, sind tausend Euro für eine erste Sichtung und Prüfung, ob Sie den Auftrag übernehmen werden, in Ordnung. Plus Umsatzsteuer?«

»Das ist in Ordnung.« Genau genommen war das ziemlich viel, aber allein wegen Brigitte Janssen verbot sich Friedelinde jegliche Andeutung darauf. »Können Sie mir vielleicht noch die Adressen Ihrer Geschwister mailen? Ich würde gern mit den beiden Kontakt aufnehmen.«

»Viel Vergnügen dabei«, bemerkte Brigitte Janssen. »Ich verabschiede mich hier.« Sie gab Friedelinde ihre kalte Hand.

»Auf Wiedersehen, Frau Janssen.«

Brigitte Janssen nickte nur und wandte sich beinahe im selben Augenblick ab.

Friedelinde folgte Herrn Janssen in den Fahrstuhl.

»Das ist wirklich ein sehr interessanter Beruf, den Sie da haben. Wissen Sie, zu den Aufgaben, die wir oben besprochen haben, kommt noch eine weitere hinzu. Olaf, also der, der Sie uns empfohlen hat, meinte, Sie wären in der Lage, die vielschichtigen Interessen der Erben unter einen Hut zu bringen, selbst wenn die sich am liebsten die Köpfe einschlagen würden.«

Der Fahrstuhl war im Erdgeschoss angekommen, und Friedelinde folgte Herrn Janssen auf den Parkplatz.

»Wissen Sie, ich will nicht sagen, dass das Verhältnis zwischen uns Geschwistern besonders eng ist«, sagte Victor Janssen und stellte den Karton auf den Rücksitz. »Wir verstehen uns grundsätzlich ganz gut, aber unsere Ansichten sind ziemlich unterschiedlich.« Er schlug die Wagentür zu. »Und unsere finanzielle Situation ebenfalls.« Er verschränkte die Arme vor der Brust und richtete den Blick in die Ferne. »Und dann sind da auch noch die Ehepartner. Also, mein Bruder ist nicht verheiratet, aber …«

Friedelinde hatte Verständnis dafür, dass er diesmal den Satz unbeendet ließ. Schließlich konnte Victor Janssen ihr gegenüber schlecht sagen, dass seine eigene Ehefrau Probleme machte. Dass sie den ganzen Aufwand für überflüssig und rausgeschmissenes Geld hielt, hatte sie deutlich gesagt.

Friedelinde lächelte ihm zuversichtlich zu. »Ihr Freund Olaf hat recht. Bisher ist es mir immer gelungen, alle Mitglieder einer Erbengemeinschaft dazu zu bewegen, einvernehmlich auseinanderzugehen. Ich sehe mir die Sache mal an und melde mich dann bei Ihnen. Und vielen Dank für das Paket.«

Sie stieg ein und fuhr davon, während Victor Janssen auf dem Parkplatz stehen blieb und ihr nachsah. Der Pförtner Otto erwiderte ihr Winken, und Friedelinde machte sich mit leicht verbesserter Laune auf den Heimweg.

Durchgeschwitzt und erschöpft stellte sie eine halbe Stunde später den Geschenkkarton auf ihrem Schreibtisch ab.

Als sie sich vor vielen Jahren als Nachlasspflegerin selbstständig gemacht hatte, war das Ladenlokal des Feinkostgeschäfts Riekmann frei geworden und beherbergte seitdem ihr Büro. Dahinter lag praktischerweise ihre Wohnung.

Friedelinde ging als Erstes in die Küche, um sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank zu nehmen. Auf dem Küchenfußboden, der einigermaßen kühl war, lag Kater Cäsar, der sich bei ihrem Anblick auf den Rücken warf und alle viere von sich streckte. Sie beugte sich zu ihm hinunter und kraulte ihm den Bauch. »Leider hast du keinen Reißverschluss«, sagte sie zu ihm. »Ich könnte dir sonst das Fell ausziehen.«

Cäsars Appetit schien unter der Hitze allerdings nicht zu leiden. Er sprang auf die Füße und steuerte seinen durchaus nicht leeren Napf an, von wo er ihr einen leidvollen Blick zuwarf.

Nachdem sie ihren Schreibtisch aufgeräumt und einige eMails beantwortet hatte, verließ sie ihr Büro und ging in den Waschsalon auf der anderen Straßenseite, wo ihre Freundinnen bereits auf sie warteten. Friedelinde hievte erst ächzend den Karton der Firma Janssen auf den Tresen und dann ihr Hinterteil auf einen Barhocker vor dem Tresen im Waschsalon, wobei Elvira ihr interessiert zusah, während sie sich mit einem kunstvoll gearbeiteten Fächer Frischluft zufächelte.

»Ein Geschenk?« Marie rückte neugierig näher.

»Ja, aber für mich. Kann ich einen eiskalten Weißwein haben?«, fragte Friedelinde Elvira. »Du kannst aber reingucken«, bot sie Marie an. »Ist lauter gesundes Zeug drin. Also genau das Richtige für dich.«

Marie streckte Elvira die flache Hand hin. »Messer.«

Seufzend schob Elvira den Fächer zusammen. »Ihr kommt auch nur noch hierher, um euch bedienen zu lassen«, murrte sie und verteilte das Gewünschte.

»Und weil wir deine Gesellschaft schätzen«, versicherte Friedelinde.

»Genau.« Marie zog das Messer durch das Klebeband, das die Laschen auf der Oberseite des Kartons zusammenhielt.

Elvira studierte den Aufdruck auf dem Karton. »Wer ist denn Karl Hermann Janssen?«

»Der Gründer eines Unternehmens, das Kräutertees und Naturheilmittel herstellt, und der Großvater meiner potenziellen Auftraggeber.«

»Aha.«

Marie klappte den Karton auf und holte zahlreiche Schachteln und kleine Päckchen hervor. »Hu, das ist ja wie Weihnachten.« Ihre Wangen glühten. Im Augenblick versprühte sie sehr viel mehr Energie als die Zwillinge, die friedlich schnorchelnd nebeneinander in ihrer Zwillingskarre lagen. Die beiden waren noch kein halbes Jahr auf der Welt und erlebten schon einen der heißtesten Sommer des Jahrhunderts.

Friedelinde pickte sich eine Schachtel heraus. »Den nehm ich. Der schmeckt lecker.« Das war der weiße Tee, den sie in Janssens Büro getrunken hatte.

»Und warum nur potenzielle Auftraggeber?«, pickte sich Elvira ihrerseits den Haken an der Geschichte heraus.

»Ich weiß nicht. Der Herr Janssen, mit dem ich gesprochen habe, hat eine Frau …«

»Du suchst doch im Moment gar keinen Mann«, unterbrach sie Marie, die ihre Ohren wie immer weit offen hatte, obwohl sie ausführlich die kleinen Proben vor sich inspizierte.

»… die etwas schwierig ist«, fuhr Friedelinde fort. »Ich glaube, sie ist dagegen, überhaupt Geld zu bezahlen.«

»Wofür denn eigentlich?« Elvira fächelte sich wieder Luft zu.

»Ich soll den Nachlass des verstorbenen Onkels sichten und ihnen dabei helfen, einen Erbschein zu bekommen.«

»Also genau dein Ding.«

»Richtig, genau mein Ding.« Allerdings sagte Friedelinde ihr Gefühl, dass die Sache nicht ganz so einfach sein würde, wie sie sich anhörte. »Außerdem habe ich noch nicht mit seinen Geschwistern gesprochen, die auch einverstanden sein müssen.«

»Hä? Was ist das denn?« Marie hielt eine quadratische Schachtel hoch. »Basenpulver.«

»Du stillst noch. Du solltest vorher deinen Arzt oder Apotheker fragen, bevor du solches Zeug zu dir nimmst. Sonst werden Gabriella und Raphael noch high.«

Friedelinde nahm eine Schachtel nach der anderen in die Hand und las die Aufschriften. Omega-3-Fettsäuren, Kieselerde, Zink. Das ganze Zeug, das im Drogeriemarkt ein riesiges Regal füllte, weil es Gesundheit und schöne Nägel versprach. »Ich nehm mal das da.«

Marie nahm ihr das Päckchen weg. »Kieselerde, Zink und Biotin. Unterstützt Haut, Haare und Nägel.« Ratlos sah sie Friedelinde an. »Wobei?«

»Schenk noch mal ein«, forderte Friedelinde Elvira lachend auf.

»Und sonst so?«, erkundigte sich Elvira beim Einschenken.

»Sonst ist alles paletti.«

Marie hatte inzwischen einen beachtlichen Stapel vor sich aufgetürmt. »Kann ich das haben?«

»Kannst du. Ich frag Herrn Janssen mal, ob er auch was für junge Mütter hat.«

»Und für alte Frauen in den Wechseljahren.« Elvira stemmte die Hand in die Hüften. »Paletti im Sinne von was?«, fragte Elvira weiter. Sie war heute so verdammt hartnäckig, was unangenehme Themen betraf.

»Paletti im Sinne von ›die Dinge sind gut so, wie sie sind‹.«

Elvira nickte, Marie war geistig abwesend. Vermutlich ging ihnen das Thema inzwischen genauso auf die Nerven wie ihr selbst. Der Kommissar kriegte sein Privatleben nicht auf die Reihe, und Sven Keller, den sie im Winter kennengelernt hatte, gab so viel Gas, dass sie alle Hände voll damit zu tun hatte, ihn auf Abstand zu halten. Er wäre nur zweite Wahl, und das hatte er nicht verdient. Allmählich schien er das auch zu ahnen.

Und dann waren da die Versuche von Sanders Ehefrau, die gern mit ihr Kontakt aufnehmen wollte. Dabei gab es nichts, wovor Friedelinde sich mehr fürchtete, als vor einem Gespräch mit Maren Sander. Außer vielleicht einen Flug zum Mond.

Raphael wurde unruhig. Marie raffte ihre Beute zusammen und verstaute sie im Korb des Kinderwagens. »Ich muss jetzt meine Kinder zu Bett bringen. Tschüss.«

»Tschüss.« Friedelinde nahm die Teeschachtel und die mit der Kieselerde. »Ich geh auch mal rüber. Ich muss nach meiner Katze sehen.«

»Tschüss«, verabschiedete Elvira sie und wandte sich den Kunden ihres Waschsalons zu.

***

Sander schloss die Tür zum Büro des Polizeipräsidenten hinter sich und lehnte sich mit dem Hinterkopf dagegen. Soeben hatte Dr. Mühlenbeck ihm zum dritten Mal die letzte Abmahnung ausgesprochen. Daraus konnte man sicherlich den Schluss ziehen, dass der arme Mann ein weiches Herz hatte, aber genauso gut konnte Sander sich an seinen zehn Fingern abzählen, dass das Ende nahte. Er stieß sich von der Tür ab. Na, machte nichts. Es gab in der Kriminalgeschichte zahlreiche Kollegen, die aus dem Dienst geflogen waren. Und was waren die geworden? Detektiv. Das war doch immerhin ein Berufsziel.

Er ging zum Fahrstuhl und ließ sich in den dritten Stock runterfahren. Zielstrebig steuerte er das Büro der Polizeipsychologin Dr. Sybille Berg an, das ihm wohlbekannt war und um das er in den letzten Wochen wohlweislich einen großen Bogen gemacht hatte.

Sie saß hinter ihrem Schreibtisch und sah ihm lächelnd entgegen. Immerhin.

Er blieb im Türrahmen stehen. »Hi.«

Sie nickte. »Hi.« Danach sah sie ihn abwartend an, bis er kurz den Unterkiefer vorschob.

»Ist das alles? Sie stehen da, als seien wir zum Mittagessen verabredet«, sagte sie.

»Ja und? Ich hab keine Erfahrung damit, wie man sich verhält, wenn man sich zwischen zwei Terminen befindet, um sich eine Abfuhr abzuholen.«

Die Psychologin stemmte sich auf dem Schreibtisch in die Höhe. »Genau das ist Ihr Problem.«

Er deutete auf ihr Behandlungszimmer. »Da rein?«

Sie zog eine Grimasse. »Wenn es Ihnen recht ist, natürlich nur. Sonst gehen wir ins Vier Jahreszeiten.«

Er ging in das Behandlungszimmer, ließ sich in einen der beiden Sessel neben dem runden Tisch fallen und vergrub das Gesicht in den Händen.

»Henriette Klaws war auch schon hier.«

Sander sah auf. »Und?«

»Ärztliche Schweigepflicht.«

»Ach Quatsch.«

Dr. Berg schenkte sich einen Becher Tee ein und setzte sich zu ihm. »Wann wollen Sie dieses spätpubertäre Verhalten eigentlich mal ablegen? Oder wollen Sie das vielleicht gar nicht?«

»Ich benehme mich nicht pubertär. Um mich herum haben alle einen Knall.«

»Freud hätte Sie schon gekielholt. Hoffnungsloser Fall.«

Sander grinste. »Dürfen Sie so etwas überhaupt sagen? Ich könnte mich jetzt umbringen.«

»Ja, das könnten Sie. Werden Sie aber nicht tun.«

»Henriette auch nicht.«

»Seien Sie sich mal nicht so sicher. Und selbst wenn. Sie hat eine ganze Klaviatur an Möglichkeiten, wie sie sich an Ihnen rächen kann.«

Sander legte die Stirn in Falten. »Rächen? Seit wann rächt man sich für einen Kuss?«

»Meinen Sie das im Ernst? Ich hab nämlich keine Zeit dafür, mich von Ihnen verarschen zu lassen. Das können Sie mit anderen versuchen, aber nicht mit mir.« Die Psychologin war ernstlich böse geworden. Bislang hatte sie sich in ihren vom Polizeipräsidenten verordneten Gesprächsstunden immer charmant gezeigt. Vielleicht war bei ihr auch das Ende des Geduldsfadens erreicht.

»Ja, ich weiß, ich hab Scheiße gebaut. Aber sie hat die ganze Zeit nichts gesagt.«

Der Tee schwappte über, als Dr. Berg ihren Becher heftig auf dem Tisch abstellte. »Ich spreche hier nur mit Ihnen, weil es mein Beruf ist, Sander. Wenn ich es nicht müsste, würde ich es nicht tun.«

»Autsch.«

»Hören Sie doch mal auf. Ich hab echt genug zu tun und werde heute Ihretwegen Überstunden machen müssen. Also. Sie haben der Frau Klaws vermittelt, dass Sie sich für sie interessieren, und Sie haben es auch sechs Monate lang nicht für nötig befunden, das klarzustellen.«

»Weil ich nicht wusste, dass das nötig ist.«

»Nein, natürlich nicht. Sie hatten die Kollegin nur unter Umgehung sämtlicher Dienstwege von der Verkehrsstaffel in die Mordkommission abgeordnet, sich ihr unsittlich genähert und sie dann grußlos in die Verkehrsstaffel zurückgeschickt.«

»Henriette Klaws war die Einzige, die hinter einem vermeintlichen Verkehrsunfall mehr vermutet hatte. Das sprach für eine gewisse Intelligenz und das richtige Gespür«, erklärte er. »So etwas spricht mich an.«

Die Psychologin nickte. »Ihr jugendliches Alter spielte dabei vermutlich eine untergeordnete Rolle.«

Sander überging ihren Einwand. »Ich konnte sie schlecht zur Kripo abordnen.«

»Das hat auch niemand erwartet, aber sie hätten vielleicht nicht gleich was mit ihr anfangen müssen.«

Sander seufzte. »Uns war kalt, und ich hab sie versehentlich geküsst.«

Dr. Berg schüttelte den Kopf.

»Personalführung ist eher nicht so mein Ding. Dafür hat Gernot eher ein Händchen«, fuhr Sander fort.

»Ihr Kollege Gernot Hagemann hat die Angelegenheit in beruflicher Hinsicht auch wieder geradegebogen. Wenn er das nicht getan hätte, säßen Sie überhaupt nicht mehr hier, sondern auf der Straße.« Dr. Berg beugte sich über den Tisch. »Er hat Ihnen den Arsch gerettet, und Sie erwarten wohl nicht, dass er auch noch Ihre persönlichen Angelegenheiten ordnet. Obwohl er das schon getan hat. Im Gegensatz zu Ihnen hat er mit Frau Klaws gesprochen.«

»Dann ist doch alles klar. Ihr habt doch alles viel besser im Griff als ich. Wozu braucht ihr mich da noch?«

Die Psychologin schnaubte und ließ sich wütend in ihren Sessel zurückfallen. »Ich hab echt keinen Bock mehr auf Sie. Ich werde versuchen, einen Kollegen aufzutreiben, der Lust hat, sich mit Ihnen abzugeben. Oder vielleicht finde ich auch irgendein Medikament.«

»Das dürfen Sie gar nicht. Ihre dienstliche Anweisung von ganz oben lautet, dass Sie sich um mi…« Sander wurde von seinem Handy unterbrochen und nahm es aus der Brusttasche seines Hemds. »Gernot, was gibt’s?«

»Eine Leiche«, antwortete der Kollege. »Kannst du kommen oder haben Sie dich schon eingesperrt?«

Sander warf Dr. Berg ein freundliches Lächeln zu. »Nein, ich kann kommen. Ich bin hier ohnehin nicht gern gesehen. Wir treffen uns unten im Fuhrpark.« Er steckte das Handy zurück in die Brusttasche und stand auf. »Ihr Wunsch ist schneller in Erfüllung gegangen als gehofft.«

»Jeden zweiten Tag, Sander. Also übermorgen. Selbe Zeit, selber Ort. Wenn Sie nicht kommen, werde ich Ihre Entlassung aus dem Dienst befürworten.«

»Ist okay. Ich werde mich bessern.«

Gernot stand bereits neben dem Dienstfahrzeug, das ihnen von der Fahrbereitschaft zugeteilt worden war. Er trug heute ein kurzärmeliges Hemd in verschiedenen pastellartigen Gelbtönen und eine weiße Leinenhose. Kleidungsstücke, bei denen man sich fragte, wo er die Sachen heutzutage herbekam. Vielleicht hatte er auch einfach nur einen Altkleidercontainer aus den Siebzigerjahren zu Hause stehen.

Als er Sander in der Tür erblickte, stieg er wortlos auf der Fahrerseite ein. »Bist du bewaffnet?«, fragte er, als Sander sich auf den Beifahrersitz setzte.

»Ich bin bei der Polizei.«

»Gut zu wissen.« Gernot gab zu viel Gas. »Dann hast du ja auch einen Dienstausweis bei dir.«

»Du nicht auch noch, Gernot. Ich hab mich schon mit Mühle und mit der Berg angelegt.«

Gernot bog so hastig in den fließenden Verkehr ein, dass Sander gegen die Tür prallte. »Dann kannst du mit mir gleich weitermachen. Kannst du mir mal verraten, warum du das so hast eskalieren lassen? Ich hab dir schon tausendmal gesagt, dass ich gern mit dir zusammenarbeite, aber du torpedierst deine Position mit allen Mitteln. Man könnte den Eindruck haben, dass meine Einstellung nicht auf Gegenseitigkeit beruht.«

»Doch, Gernot, ehrlich. Das weißt du doch.«

»Nee, das weiß ich nicht.« Gernot brachte den Wagen wenige Zentimeter vor dem letzten Auto an einer roten Ampel zum Stehen. Er musste wirklich aufgebracht sein. Normalerweise pflegte er den Fahrstil einer achtzigjährigen Rentnerin. »Du sagst nichts und du bringst es auch sonst durch nichts zum Ausdruck.«

»Meine Fresse. Das war im Winter und es war nichts.«

»Da kann man mal wieder sehen, wie sich ein Nichts im Winter zu einem ausgewachsenen Etwas im Hochsommer entwickeln kann.« Gernot gab beim Anfahren so viel Gas, dass die Räder durchdrehten.

»Herrje, ich weiß nicht, was mit der Klaws plötzlich los war. Ich hab versucht, es ihr zu erklären.«

Gernot lachte hässlich auf. »Das hättest du nicht tun sollen. Sie hat das Gegenteil von dem verstanden, was du angeblich gesagt hast.«

»Es tut mir leid. Ich weiß, du hast mit ihr gesprochen.« Und Sander wusste, dass Gernot sich über die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen ärgerte. Nicht mehr. Gernot hatte ihm mehrfach gesagt, dass die junge Kollegin Henriette Klaws mit dieser Situation, die darin bestand, sie während eines Diensteinsatzes im Winter am Bahnhof Neumünster zu küssen, nicht klarkam.

Sander besaß den Ruf eines Womanizers und hatte tatsächlich früher nichts anbrennen lassen. Aber nach Marens Unfall hatte er sich in Friedelinde Engel verliebt und gedacht, er hätte sich geändert. Trotzdem fühlte er sich nicht frei. Maren hatte sich von den Folgen des Unfalls erholt, und er kriegte es einfach nicht hin, sich eindeutig zur Engel zu bekennen.

Irgendwie war er bei dieser Sache ins Schleudern gekommen. Dabei war mit der Klaws überhaupt nichts gelaufen. Nichts, nada. Sie hatten nur mittags zusammen in der Kantine gehockt, waren mal im Kino gewesen. Und irgendwann hatte er ihr eben gesagt, dass er ein wenig kürzertreten müsste, was ihre Treffen anging. Daraufhin hatte sie angefangen, ihn mit SMS und Nachrichten auf allen Kanälen zu bombardieren. Und dann hatte sie die größte Waffe gezückt und sich ganz oben über ihn beschwert. Sander sah förmlich vor sich, wie ihr einige vom Leben und von ihm enttäuschte Kolleginnen dabei geholfen hatten.

»Ich hab immer gedacht, dass du mit zwei Frauen schon genug an der Backe hast. Du hast mir doch selbst gesagt, dass du dich in die Frau Engel verknallt hast.«

»Ja, Herrgott. Das ist eben nicht so einfach.«

»Nö, klar. Da ist es einfacher, noch eine Dritte an der Nase herumzuführen.« Gernot wirkte ungewöhnlich aufgebracht. Üblicherweise war er ziemlich ausgeglichen und verständnisvoll. Hier drohte ganz klar noch bei jemand anderem der Geduldsfaden zu reißen.

»Ich bring das wieder in Ordnung.«

Aber Gernot schwieg und schmollte noch eine Weile vor sich hin. Das hielt er durch, bis sie vor einem kleinen Hotel in der Langen Reihe in der Nähe des Hauptbahnhofs zum Stehen kamen.

Erst da fiel Sander auf, dass er sich nicht danach erkundigt hatte, worum es in ihrem neuesten Fall eigentlich ging. Aber jetzt war es zu spät. Gernot war schon draußen und stieg die Stufen zum Hoteleingang hoch, der von einem uniformierten Beamten bewacht wurde.

Seufzend folgte Sander ihm. Die Liste der Menschen, mit denen er es sich verdorben hatte, wuchs stetig an. Er fand Gernot im Gespräch mit einem kleinen untersetzten Mann, der seine raspelkurzen Haare in einem grauenvollen Gelbton gefärbt hatte und an jedem Finger mehrere dicke Silberringe mit oder ohne Stein trug. Das war deshalb so gut zu erkennen, weil er theatralisch mit beiden Händen in der Luft gestikulierte. Er stand hinter einem Tresen unterhalb einer Treppe aus dunklem Holz, die in die oberen Stockwerke führte. Die Wände waren in demselben dunklen Holz getäfelt. Die einzigen Farbtupfer bildeten der rote Teppich und der riesige Leuchter mit kunterbunten Kristallen, der an einem langen Drahtseil hing, das ganz oben unter dem Dach befestigt zu sein schien. Zwei Kollegen waren da, einer bewachte den Treppenaufgang, der andere stand neben einer Tür, die offenbar zum Frühstücksraum führte. Jedenfalls hörte man dahinter Stimmen und Geschirrklappern.

»Es tut mir auch sehr leid, Herr Kramer«, hörte er Gernot auf den aufgeregten Ringträger einsprechen. »Aber wir müssen unsere Arbeit machen, und da haben die Kollegen schon ganz richtig gehandelt.«

Sander stellte sich neben Gernot und betrachtete den kleinen Herrn Kramer. Und ganz langsam sickerte etwas in sein Hirn. Kein Mensch verunstaltete sich freiwillig derartig. Es sei denn, er war schwul. Lange Reihe. Klar, sie waren hier im tiefsten Schwulenparadies. Na toll. Das schien heute ganz genau sein Tag zu sein. »Wo liegen denn die Probleme, Herr Kramer?«

Der Hotelier, der eben noch aufgebracht auf Gernot eingeredet hatte, wandte sich Sander zu und seine Gesichtszüge entspannten sich. »Sie sind ebenfalls von der Polizei?«

Sander hätte gern etwas anderes behauptet, weil ihm unschöne Bilder von Handschellen und Lederpeitschen durch den Kopf gingen. Wonach ihm heute überhaupt nicht der Sinn stand, war, als Schwulenikone durch den Tag zu gehen. »Kriminalhauptkommissar Sander. Bitte folgen Sie den Anweisungen meines Kollegen Hagemann.« Aus dem Augenwinkel sah er, dass Gernots Mundwinkel zuckte.

»Selbstverständlich verstehe ich, dass die Herren nur Ihre Arbeit machen, Herr Kommissar. Es ist nur so: die Gäste sind völlig verstört. Einige waren noch gar nicht aufgestanden und wurden von den Beamten mehr oder weniger aus ihren Betten gezerrt.«

»Das ist natürlich auch erforderlich, wenn …« Sander hatte keine Ahnung, womit sie es eigentlich genau zu tun hatten. Er erinnerte nur dunkel, dass Gernot eine Leiche erwähnt hatte.

»… eine Leiche gefunden wird«, ergänzte Gernot.

»Genau.«

Kramer senkte den Kopf. »Ja, natürlich.«

»Gut. Hier unten bleibt alles, wie es ist, und Sie zeigen uns mal den Fundort der Leiche.«

Herr Kramer klappte die Luke des Tresens hoch und stellte sich neben Sander, dem er nicht mal bis zur Schulter reichte. »Selbstverständlich.«

Als sie sich in Bewegung setzten, um dem kleinen Mann zu folgen, entging es Sander nicht, dass Gernot jetzt unverhohlen grinste. »Ich bring dich um«, zischte Sander.

»Mein ist die Rache, sprach der Herr«, sagte Gernot würdevoll.

Sie stiegen in den zweiten Stock hinauf. Die dunkle Treppe war ebenfalls mit einem roten Läufer ausgelegt, und an den Wänden hingen merkwürdige Gemälde. Genau genommen war das ein ziemlich schönes Hotel, aber Sander würde sich eher die Zunge abbeißen, als die Hütte zu loben.

Kramer trug eine zerknitterte Leinenhose und ein dunkles Shirt, das über seinem Bauch spannte. Neben einer Zimmertür, die ebenfalls von einem Kollegen bewacht wurde, blieb er stehen. »Da drin.« Er deutete auf die Tür.

»Danke, Herr Kramer. Bitte warten Sie unten. Wir müssen gleich noch mit Ihnen und den Gästen sprechen.«

»Ogottogottogott, ist das denn wirklich nötig?«

»Leider ja, es muss sein«, knurrte Sander.

Kramer nickte und lief eilig die Treppe hinunter.

»Schön, sein Tag ist gerettet«, stellte Gernot fest, zog Latexhandschuhe über und drückte die Türklinke runter.

»Wenn du mir nicht beistehst oder irgendjemand im Präsidium davon erfährt, bist du ein toter Mann.« Sander folgte Gernot in das Hotelzimmer.

»Schatz, hier sind jede Menge Kollegen anwesend, die nur darauf brennen, die Neuigkeit in der Zentrale zu verbreiten: Nachdem es ihm mit den Frauen zu viel wurde, hat Kollege Sander sein Glück jetzt bei den Gleichgeschlechtlichen gefunden.«

Sander war so froh, dass Gernot ihm nicht mehr böse war, dass er ihm die Bemerkung durchgehen ließ.

Das Parkett knarrte unter ihren Füßen. Auf den ersten Blick war in dem Zimmer nichts Ungewöhnliches zu sehen. Ihr Blick fiel auf ein ungemachtes Doppelbett, einen Kleiderschrank, dessen Türen beide offen standen, einen kleinen runden Tisch, auf dem sich eine kleine Vase mit drei Blumen darin befand – und keine Leiche. Nur der Geruch im Raum verriet, dass hier ein Körper in den Zustand der Verwesung eingetreten war.

»Ah, da haben wir ihn ja.« Gernot war auf die andere Seite des Bettes getreten. Sander sah ihm über die Schulter. Dort lag tatsächlich ein Toter. Er trug Boxershorts und quer über seine Kehle verlief ein unschöner Schnitt, der zu der riesigen Blutlache unterhalb seines Kopfes geführt hatte.

»Sind wir uns einig, dass der Mann tot ist?«, fragte Gernot über die Schulter.

»Mausetot.«

»Gut, dann brauchen wir die Spuren hier nicht weiter zu zerstören. Sollen die Spusi und die Rechtsmedizin ihr Werk tun, wir sprechen inzwischen mit dem Personal und den Gästen.«

»Ach, muss das sein? Kann ich nicht hierbleiben?«, jammerte Sander.

»Strafe muss sein.«

Herr Kramer stand hinter dem Tresen, das Doppelkinn in beide Hände gestützt, und sah sie traurig an.

»Wir haben auf den ersten Blick keine Sachen im Zimmer des Toten gesehen. Haben Sie die schon rausgeräumt?«

»Nein, es müsste alles da sein. Bei uns wird nicht gestohlen.«

Aber gemordet, dachte Sander. »Schön, wie heißt der Tote?«

»Äh.« Kramer blätterte in dem Reservierungsbuch, das vor ihm lag. Als er offenbar gefunden hatte, was er suchte, beugte er sich tief hinunter und kniff die Augen zusammen.

Kopfschüttelnd drehte Sander das großformatige Buch zu sich herum. »Wo steht er?«

»Hier.« Kramer deutete mit seinem Wurstfinger auf einen Eintrag.

»Was soll das heißen? Ich seh hier nur Gekrakel.«

»Das ist die Unterschrift des Gastes«, erklärte Kramer.

»Das ist Gekrakel«, beharrte Sander. Er deutete auf die leeren Felder in den Spalten links neben der Unterschriftenspalte. »Wieso sind hier keine Eintragungen?«

»Da wurde möglicherweise nicht mit der gebotenen Sorgfalt gearbeitet«, erklärte der Hotelier. »Selbstverständlich tragen wir die Daten unserer Gäste immer vollständig und korrekt ein.«

»Tun Sie nicht. Bei dem Kollegen da oben haben Sie es versäumt. Und ich sehe hier noch eine ganze Reihe weißer Felder.« Sander kniff die Augen zusammen. »Haben Sie vielleicht was zu verbergen?«

»Um Himmels willen, nein, natürlich nicht. Hier geht alles ganz korrekt zu.«

»Tut es nicht! Wie heißt der tote Mann da oben?«

Einen Moment hielt Kramer Sanders drohendem Blick stand, dann drehte er das Reservierungsbuch zu sich herum und fuhr die unleserliche Unterschrift mit dem Zeigefinger entlang, während er vor sich hin murmelte. Mit ängstlicher Miene sah er schließlich auf. »Ich kann das nicht lesen.«

»Ich auch nicht. Keiner kann das lesen.«

»Haben Sie denn kein computergestütztes Reservierungssystem?«, fragte Gernot versöhnlich.

Kramer schüttelte den Kopf. »Das ist so eine teure und aufwendige Angelegenheit. Und jedes Mal müssen Sie das neue Personal einarbeiten. Selbst den Nachtportier für die spät anreisenden Gäste.«

Mit wissender Miene sah Sander sich um. »Das scheint mir hier ein Eldorado für die Steuerfahndung und die Gewerbeaufsicht zu sein.«

»Oh Gott, nein.« Kramer war blass geworden.

»Gut.« Selbst Gernot sah verdrießlich aus. »Wann ist der Tote angereist?«

Kramer überprüfte den Eintrag. »Vor zwei Tagen. Am Dienstag.«

»Wer hat ihn in Empfang genommen und kann uns etwas über sein Gepäck und über ihn sagen?«

Kramer studierte einen Plan, der mit Tesafilm an die Wand hinter ihm geklebt war. »Der Leviathan. Der kommt heute Nachmittag. Um 18 Uhr beginnt sein Dienst.«

»Rufen Sie ihn an. Er soll gleich kommen.«

»Selbstverständlich.«

»Wer hat den Toten gefunden?«

»Die Martha, unser Zimmermädchen. Die sitzt in der Küche und heult.«

»Gut, mit der spreche ich als Nächstes. Und mit dem übrigen Personal auch. Haben Sie selbst den Toten heute gesehen?«

Kramer schüttelte mit ängstlichem Gesicht den Kopf.

»Wann haben Sie ihn zuletzt lebend gesehen?«

»Gestern, gestern Nachmittag. Ich habe bis 18 Uhr gearbeitet, es muss vorher gewesen sein. Vielleicht so um vier. Er kam wohl vom Shoppen. Hatte eine Papiertüte dabei mit Kordelgriff. Ich würde sagen von einem Feinkostladen, jedenfalls erinnere ich mich an einen Flaschenhals mit Korken.«

»Immerhin sind Sie ein guter Beobachter«, lobte ihn Gernot. »Klingt, als hätte er Besuch erwartet.«

Kramer lächelte schüchtern. »Ja, vielleicht.«

»Kam jemand zu Besuch?«

»Nicht, während ich Dienst hatte. Wir müssen den Leviathan fragen. Der kam um 18 Uhr und hat mich abgelöst.«

Sie wurden unterbrochen, als drei Männer das Hotel betraten, einer davon war ein ziemlich dicker Mann. Der Gerichtsmediziner Dr. Hornecker und einige Kollegen der Spurensicherung. Gernot erklärte ihnen den Weg ins Obergeschoss und bat sie, sich bei ihnen zu melden, wenn sie mit ihrer Arbeit fertig wären.

»Schön. Wo ist die Küche?«, fragte Gernot.

»Hier rechts.« Kramer deutete auf einen Durchgang.

»Dann gehe ich jetzt zum Personal und du in den Frühstücksraum«, schlug Gernot vor und verschwand in dem Durchgang, bevor Sander etwas sagen konnte.

Er atmete tief durch, ehe er die Tür zum Frühstücksraum öffnete. Das Grinsen des Beamten, der die Tür bewachte, ignorierte er geflissentlich.

Bei seinem Eintreten hörte das geschäftige Treiben im Raum schlagartig auf und unzählige Augenpaare sahen ihm aufmerksam entgegen. Männliche Augenpaare. Der liebe Gott hatte eine wirklich merkwürdige Art, Sünder zu bestrafen.

Sander räusperte sich, dann stellte er sich vor. Auf der gegenüberliegenden Seite des Frühstücksraums stand eine doppelflügelige Balkontür offen.

»Ich möchte Sie bitten, sich nacheinander dort draußen bei mir einzufinden und Ihre Aussage zu machen. Und bitte bringen Sie Ihre Stühle mit.« Er befreite ein kleines Tischchen von einer Saftkaraffe und ein paar Gläsern und trug es zusammen mit einem Stuhl nach draußen. Dann lieh er sich von Kramer Papier und Stifte. Polizeiarbeit nach alter Manier. Wenn er gewusst hätte, worum es ging, hätte er einen Laptop eingepackt.

Sie kamen immer paarweise nach draußen. Die meisten blieben verlegen einen Moment in der Balkontür stehen, ehe sie sich zu ihm hinauswagten. Sander notierte die Personalien, die Daten ihres Aufenthalts und ihre Tagesabläufe am Vortag und am Morgen. Eine ziemlich eintönige Arbeit.

Bei dem heißen Wetter waren sie alle abends lange unterwegs gewesen, hatten Eis gegessen, waren an Alster oder Elbe spazieren gegangen und spät heimgekehrt. Am Morgen hatten sie lange geschlafen und waren entweder gerade im Frühstücksraum erschienen oder noch nicht wach gewesen, als die Polizei an ihre Zimmertür geklopft hatte. Der ganz normale Ablauf eines Urlaubstages. Selbst ihre Berufe waren normal.

Die beiden Paare, die ihre Zimmer neben dem Toten gehabt hatten, befragte er etwas eindringlicher, aber das eine war um 23 Uhr, das andere um 22 Uhr ins Hotel zurückgekehrt. Sie hatten danach nichts mehr gehört. Sander bat sie, sich daran zu erinnern, ob sie die Toilettenspülung, Stimmen oder etwas anderes gehört hätten, aber alle vier verneinten. Aus dem Zimmer des Toten waren am Abend keine Geräusche gedrungen.

Nach zwei Stunden hatte er sie alle befragt. Im Frühstücksraum bedankte er sich noch einmal bei den Gästen für ihre Geduld, leerte ein Glas Saft in einem Zug und suchte dann Gernot in der Küche. Der hatte für die drei Leute vom Personal, die mit blassen Gesichtern herumstanden, genauso viel Zeit gebraucht. Wie Sander seinen Kollegen kannte, hatte er eine Menge beruhigender Worte eingestreut.

»Und?«, fragte Gernot, als sie wieder in der Eingangshalle standen.

»Gestern Abend hat niemand mehr etwas aus dem Zimmer gehört. Da war er vermutlich schon tot. Leider hat auch niemand etwas gesehen. Sie sind alle spät zurückgekehrt und in ihren Zimmern verschwunden. Besucher sind niemandem aufgefallen.«

Gernot seufzte. »Die da drin wissen auch nicht mehr. Das Zimmermädchen Martha hat heute Morgen geklopft, und als niemand geöffnet hat, ist sie ins Zimmer. Sie hat das leere Bett gesehen und gedacht, dass der Gast beim Frühstück ist. Sie ist weiter ins Zimmer rein und wollte das Fenster öffnen, weil es so schlecht roch, und da hat sie ihn entdeckt.«

»Und die beiden anderen Bleichgesichter?«

»Sind heute Morgen um halb sechs erschienen, um das Frühstück vorzubereiten. Der Frühstücksraum wird schon immer am Vormittag am Ende der Frühstückszeit für den nächsten Tag vorbereitet. Morgens gehen sie dann gleich direkt in die Küche.«

»Wieso hat hier keiner was gesehen?«, fragte Sander. »Die sind doch irgendwie auch nicht anders als andere und trotzdem konnte hier unbemerkt einer rein und raus.«

»Tja, eine bislang unerforschte Eigenschaft der Spezies Homosexuales: seine Unsichtbarkeit.«

»Gernot, du bist heute irgendwie komisch.«

»Da kannst du mal sehen. Du bist jeden Tag so. Wollen wir mal nach oben gehen?«

Die Beamten der Spurensicherung stiegen im Flur vor dem Zimmer des Toten gerade aus ihren weißen Schutzanzügen.

»Na, Kollegen?«, begrüßte sie Sander.

»Wir haben Scherben einer grünen Flasche gefunden. Der Doc meint, dass eine Scherbe auch die Tatwaffe war«, antwortete Heinrichs, der Leiter der Spurensicherung.

»Und sonst?«

»Nicht viel«, antwortete Heinrichs. »Wir haben einige Haare sichergestellt. Ansonsten ist so ein Hotelzimmer natürlich ein schwieriges Pflaster. Was wir überhaupt nicht gefunden haben, sind Kleidung, Papiere, Portemonnaie und so.«

»Och nö!« Sander guckte grimmig. »Soll das heißen, wir wissen immer noch nicht, wie der Tote heißt?«

»Ja, ich weiß es nicht«, stellte Heinrichs klar.

»Ein Raubüberfall?«, fragte Gernot. »Hier im Hotelzimmer? Und der Dieb klaut gleich die ganze Kleidung?«

»Na ja, vielleicht war das ein Drogenkurier oder er hat etwas anderes Illegales bei sich gehabt. Kunst oder so. Das hat ihm jemand abgenommen und eben auch alles andere, um Spuren zu verwischen.«

Sander warf einen nachdenklichen Blick in den Raum, wo der dicke Gerichtsmediziner ächzend neben der Leiche hantierte. »Der soll gestern Abend eine Flasche Champagner bei sich gehabt haben.«

Heinrichs nickte. »Dazu würde die Scherbe passen, die wir gefunden haben. Aber der Täter muss die übrigen Scherben eingesammelt und ebenfalls mitgenommen haben. Das, was wir gefunden haben, reicht nicht aus, um daraus eine ganze Flasche zusammenzusetzen.«

»Ein ziemlich reinlicher Täter.«

Heinrichs hob die Schultern. »Wohl eher einer, der alles mitgenommen hat, was nicht zur Einrichtung gehörte.«

»Hatte er …?« Gernot schloss die Augen.

»Sex?«, fragte Heinrichs grinsend. »Musst du den Doc fragen. Wir haben auf alle Fälle erst mal das Laken mitgenommen.«

»Vielleicht ist das auch irgend so ein Schwulending«, mutmaßte Sander.

»Und das wäre genau was?«, erkundigte sich Heinrichs. »Ich mein, ich lern gern dazu.«

»Tja, keine Ahnung. Kenn mich da nicht so aus. Aber vielleicht so was wie ein Blinddate mit Quälen bis zum Abwinken, und das ist schiefgegangen.«

Heinrichs wickelte seinen Schutzanzug zusammen und stopfte ihn in seine Tasche. »Das ist leider auch nicht mein Fachgebiet. Wir befassen uns im Labor mit der mageren Spurenlage. Oder sollen wir hier sonst noch was untersuchen?«

»Nö. Danke.« Sander ging in das Hotelzimmer, wo Dr. Hornecker sich gerade mit sehr viel Mühe an der Fensterbank hochzog und zum Stehen kam. »Na, Doc?«

Der Gerichtsmediziner schüttelte den Kopf. »So ein schöner Mann. Wirklich schade drum.«

»Nanu, ich wusste gar nicht, dass Sie auf Männer stehen?«

»Tu ich auch nicht. Ich kann doch trotzdem den Verlust eines gut aussehenden Menschen bedauern.«

»Selbstverständlich. Tun Sie sich keinen Zwang an.« Sander warf einen Blick über die Ecke des Bettes. Tatsächlich sah der Kerl da unten ganz gut aus. Schwarze Haare, leicht gewellt, behaarte muskulöse Brust, schlank und ziemlich groß. »Und, wie lautet die Diagnose?«

»Tot. Vermutlich hat ihm jemand mit einer Glasscherbe, die sich nicht mehr hier im Raum befindet, die Halsschlagader durchtrennt. Der hat im Nullkommanix so viel Blut verloren, da war nichts mehr zu machen.«

»Von den Scherben, die Heinrichs gefunden hat, kommt keine in Betracht?«, fragte Gernot.

»Vermutlich nicht. Das waren dickere Scherben. Ich nehme an, vom Flaschenboden. Der Schnitt wurde eher mit einer dünneren Schnittfläche ausgeführt.«

Sander sah an dem dicken Mann vorbei auf die Fensterbank. Dort war die weiße Farbe an drei dicht beieinanderliegenden Stellen beschädigt. »Vielleicht hat jemand hier die Flasche dagegengeschlagen und hatte dann den Flaschenhals in der Hand, mit dem er die Tat ausgeführt hat.«

Dr. Hornecker tupfte sich die schweißnasse Stirn. »Glauben die Kollegen von der Spusi auch. Könnte hinkommen.«

»Und wann wird das wohl gewesen sein?«

Der Gerichtsmediziner wiegte den Kopf. »Die Leichenstarre hat sich schon wieder gelöst, nach Ausbildung der Totenflecken und dem Geruch zu urteilen, irgendwann gestern Abend.«

»Der soll um 16 Uhr mit der Champagnerflasche ins Hotel zurückgekehrt sein. Die Gäste, die um 22 Uhr zurückgekehrt sind, haben danach nichts mehr aus dem Zimmer gehört.«

»Dann wird es zwischen 16 und 22 Uhr passiert sein.«

Sander zog eine Grimasse.

»Hätte man da noch was machen können?«, fragte Gernot. »Erste Hilfe?«

»Nee. So dicht beim Herzen sprudelt das Blut wie aus einer Fontäne. Das kriegen Sie nicht gestillt. Und das gibt dann so eine Mordsschweinerei.« Er deutete auf die Blutlache.

»Wie alt ist der Mann?«

»40, 50, so.«

»Oh Mann, wir haben nichts über den«, beklagte Sander.

»Vielleicht haben wir seine Fingerabdrücke in der Datei«, tröstete ihn Gernot.

Sander sah sich um. »Haben die Kollegen hier eine Papiertüte von einem Feinkostgeschäft gefunden?«

Der Rechtsmediziner schüttelte den Kopf. »Soweit ich weiß, nicht.«

»Gut, dann fragen wir den Kramer, wie die aussah, und dann war es das wohl erst mal hier.« Sander lief schon die Treppe hinunter, während Dr. Hornecker den Abtransport der Leiche organisierte. Sie wiesen die Kollegen an, das Zimmer zu versiegeln, sobald der Leichnam abgeholt worden war, und ließen sich von Kramer die Tüte noch einmal genauer beschreiben.

Aus dem kleinen Büro hinter dem Tresen kam ein groß gewachsener junger Mann, bekleidet mit einer engen, schwarzen Hose aus Kunstleder und einem weißen Shirt, das seine muskulösen Oberarme zur Geltung brachte.

»He, du«, wandte er sich an Sander. »Bist du auch von der Polizei?«

»Bin ich.« Der Typ sah so gut aus, dass die Gäste seinetwegen den ganzen Tag ein- und auschecken würden, wenn er an der Rezeption stand.

»Hab schon gehört. Schlimme Sache, das.« Er strich sich durch eine komplizierte Frisur, die er aus seinem beneidenswert dichten Haar frisiert hatte. »Ich bin der Leviathan.«

Sander seufzte. »Und der Nachname lautet wie?«

»Krause.«

Sander konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Leviathan Krause. Man konnte auch mal Pech haben im Leben. »Herr Krause, Sie waren am Dienstagnachmittag an der Rezeption, als der Gast von Zimmer 10 eingecheckt hat.«

»Richtig.«

»Es gab keine Eintragung im Gästebuch, und die Unterschrift des Gastes ist unleserlich. Wie heißt der Mann?«

Krause schnalzte mit der Zunge. »Tja, hab ich eben noch mal geprüft. Dumme Sache das. Also ich hab mir schon den Kopf zerbrochen, aber es fällt mir nicht ein. Ich bin gar nicht sicher, ob er überhaupt einen Namen genannt hat.«

»Kein Nachname? Vielleicht ein Vorname?«

»Tja, darüber haben wir nicht so ausführlich gesprochen. Er hatte es ein bisschen eilig, in sein Zimmer zu kommen, und da hab ich gesagt, er soll das später nachholen.«

Kramer, der dem jungen Kollegen gerade bis zur Brust reichte, machte ein weinerliches Gesicht. Sander konnte ihm nicht ersparen, auf diesem Punkt herumzureiten. »Hatte dieser Mann nicht reserviert?«

Krause schüttelte den Kopf.

»Es kommt hier irgendein Mann rein, Sie wissen nicht, wie er heißt, und Sie kennen seine Heimatadresse nicht, und trotzdem geben Sie ihm ein Zimmer und den Schlüssel. Ohne Sicherheit oder Vorauszahlung? Kreditkarte?«

»Du, das war nicht nötig«, sagte Krause. »Der machte einen echt vertrauenswürdigen Eindruck.«

»Sie sollten Ihr Bauchgefühl untersuchen lassen. Der Mann ist ermordet worden.«

Leviathan Krause schwieg beleidigt.

»Welche Sprache hat der Mann gesprochen? Deutsch, Englisch, Ausländisch, Serbokroatisch?«, erkundigte sich Gernot.

»Englisch. Mit Akzent. Italienisch? Südlich, würde ich sagen. Kann Griechisch gewesen sein.« Krause war immer noch ein wenig verschnupft.

»Worüber haben Sie gesprochen? Hat er irgendwas dazu gesagt, woher er kommt? Was er hier will?«

Krause schüttelte den Kopf. »Tut mir leid. Mein Fehler.«

»Ist schon in Ordnung«, tröstete Gernot den Schönling. »Konnten Sie ja nicht ahnen. Er kam also rein, Sie haben ihm das Zimmer gegeben, und dann? Wie spät war es, als er ankam?«

»Ich hab meinen Dienst um 18 Uhr begonnen und war noch damit beschäftigt, die Buchungen zu checken und die Reservierungen. Und dann rief noch jemand an und hat sich nach einem Zimmer erkundigt, deshalb war ich vielleicht ein bisschen kurz angebunden.«

»Ist er an dem Abend noch mal weggegangen?«

»Hab ich jedenfalls nicht mitgekriegt. Ich sitz nicht immer hier. Manchmal bin ich in der Küche oder hinten im Büro. Die Zimmerschlüssel sind gleichzeitig Hausschlüssel. Die Gäste können unser Haus also verlassen und betreten, ohne dass sie sich an der Rezeption melden müssen.«

Gernot rollte mit den Augen. »Gibt es hier wenigstens eine Kamera?«

»Nein, wirklich nicht. Wir überwachen unsere Gäste nicht.«

»Was für Gepäck hatte er am Dienstag dabei?«

Krause legte die hübsche Stirn in Falten. »Kann mich nicht erinnern. Wird nicht mehr als ein Koffer gewesen sein.«

»Gestern Nachmittag war er in einem Feinkostgeschäft und ist anschließend mit einer Flasche Champagner zurückgekehrt. Er muss abends Besuch bekommen haben. Besuch von seinem Mörder.«

Krause machte ein Gesicht, als würde er gleich anfangen zu weinen. »Ehrlich. Ich hab gestern nichts mitgekriegt.«

»Sie sollten den Job wechseln. Ob Sie hier an der Rezeption sitzen oder nicht, ist doch völlig egal. Das ist wirklich verdammt mager«, beschwerte sich Sander. »Falls Ihnen doch noch was einfällt, sagen Sie es uns. Das Zimmer da oben bleibt vorerst versiegelt, und es wäre wirklich schön, wenn Sie die Gästebewegungen hier zukünftig besser dokumentieren würden. Und wenn Gäste abreisen, will ich das wissen. Und ich will auch die Adresse haben, wohin die reisen.«

»Puh«, machte Gernot, als sie wieder auf der Straße standen. »Ganz schön warm da drinnen.«

»Stimmt«, bestätigte Sander. »Und das bei der Hitze.«

Lachend stiegen sie in den Wagen. Vielleicht war das der passende Fall für diesen Tag, der so beknackt angefangen hatte: Der Mord an einem unbekannten Schwulen.

Kapitel 2

Friedelinde war zweimal an der Adresse vorbeigefahren, bis sie feststellte, dass sich hinter der riesigen Hecke die Hausnummer 19 befand, die sie suchte. Henry Janssen hatte in einer Seitenstraße der Elbchaussee in einer guten Wohngegend gelebt, aber von Gärtnern hatte er offenbar nicht viel gehalten. Die Pforte vor der Auffahrt, auf der das Gras kniehoch stand, war von Brennnesseln und Gräsern eingewachsen.

Sie würde gar nicht erst den Versuch unternehmen, die Pforte zu öffnen. Stattdessen stellte sie ihren Wagen auf dem sandigen Streifen vor dem Grundstück ab. Zwischen Hecke und Pforte fand sie eine Lücke, durch die sie sich hindurchzwängte.

Der gesamte Vorgarten war dicht bestanden von riesigen Rhododendren, deren Blüten wegen des Wassermangels vorzeitig verdorrt waren. Sie hätte eine Machete gebrauchen können. Bisher war nur von dem Innern des Hauses die Rede gewesen. Dass sie erst einen Dschungel durchqueren musste, um überhaupt dorthin zu gelangen, hatte keiner gesagt. Na schön, aber Brigitte Janssen brauchte nicht zu glauben, dass sie sich von ein bisschen Flora und Fauna abhalten ließ.

Auf dem unebenen Untergrund knickte sie ein paarmal um, doch schließlich erreichte sie die Stufen zum Hauseingang, der unterhalb eines kleinen Turmes an der rechten Hausecke lag. Das Haustürschloss war ein Witz. Der große Schlüssel würde nicht einmal als Zimmerschlüssel taugen. Sollte sie den Auftrag tatsächlich übernehmen, würde sie als Erstes ein Sicherheitsschloss einbauen lassen.

Sie fummelte eine Weile mit dem Schlüssel im Schloss herum, bis es knackte. Nachdem sie sich zweimal gegen die Tür geworfen hatte, schwang sie endlich auf.

Friedelinde war schon in unzähligen unbewohnten Häusern und Wohnungen gewesen, in denen bis kurz vor ihrem Eintreffen noch jemand gelebt hatte. Aber das hier war anders. Das war unheimlich. Nicht nur der große Schlüssel und der verwilderte Garten vermittelten den Eindruck eines Märchenschlosses. Hier drinnen war es nach der Wärme draußen kühl, und die dicken Mauern schirmten alles ab. Es waren nur die Geräusche zu hören, die das Haus selbst verursachte.