Tödlicher Tee - Ingeborg Höverkamp - E-Book

Tödlicher Tee E-Book

Ingeborg Höverkamp

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Beschreibung

Unverwechselbares fränkisches Flair, multikulturelle Protagonisten, ein ungleiches Ermittlerduo: "Tödlicher Tee" ist ein Regionalkrimi vom Feinsten.

Das E-Book Tödlicher Tee wird angeboten von Allitera Verlag und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Nürnberg, Bayern, Franken, Frankenkrimi, Franken-Krimi, Regional-Krimi, Regionalkrimi, Erlenstegen, Erpressung

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Seitenzahl: 241

Veröffentlichungsjahr: 2011

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INGEBORG HÖVERKAMP, geboren 1946 in Vilseck/Oberpfalz, lebt seit ihrem 13. Lebensjahr im Raum Nürnberg. Sie studierte Anglistik und Geschichte in Erlangen und war bis 1990 im Schuldienst tätig. Sie ist freie Autorin und Leiterin einer Schreibwerkstatt. 1991 wurde sie vom Freien Deutschen Autorenverband für ihre Lyrik ausgezeichnet; 1997 folgte der Elisabeth-Engelhardt-Literaturpreis. Veröffentlichungen u. a.: »Elisabeth Engelhardt – eine fränkische Schriftstellerin« (1994), »Zähl nicht, was bitter war …« (Roman, 2001) sowie die Anthologie »Nie wieder Krieg. Die Schicksalsjahre 1933 bis 1949« (2007).

Ingeborg Höverkamp

Tödlicher Tee

Ein Nürnberg-Krimi

Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter: www.allitera.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Mai 2010Allitera VerlagEin Verlag der Buch&media GmbH, München© 2009 Buch&media GmbH, MünchenUmschlaggestaltung: Kay Fretwurst, FreienbrinkFotos: Sebastian Dorn, Rückseite: Claudia JallonardoHerstellung: Books on Demand, NorderstedtPrinted in GermanyISBN 978-3-86906-115-3

Inhalt

Tödliche Teestunde

Klinikum Nürnberg, Notaufnahme

Kommissar Fuchs setzt sein Pokergesicht auf

Das Geheimnis des Amerikaners

Naomi und Wang Li

Bankgeheimnisse

Der Nebel lichtet sich

Ein italienischer Abend

Im Schatten des Regensburger Doms

Eine Trauerfeier und intime Geständnisse

Fuchs fühlt Naomi auf den Zahn

Verhör des Juweliers

Ein Geheimversteck gibt seinen Inhalt preis

Fingerabdrücke

Alte Briefe – neue Perspektiven

Ein mysteriöser Fall

Eine Lüge setzt Fuchs Schach matt

Fuchs verlässt seinen Fuchsbau

Wiedersehen mit einem alten Knastbruder

Eine respektable Zwischenbilanz

Die Gegenseite schläft nicht

Ein leeres Nest

Eine makabre Entdeckung

Fuchs und Ritter werfen ihre Netze aus

Eine brandheiße Spur

In der Höhle des Löwen

Hinter schwedischen Gardinen

Ein Phantom bricht sein Schweigen

Tödliche Teestunde

Die Reifen quietschten, als das Taxi um die Ecke bog. Mit einem Ruck kam der Wagen am Randstein zum Stehen. Die Taxiuhr zeigte 19,90 Euro. Professor Seeger kramte in seiner Geldbörse und zog einen 20- und einen 5-Euro-Schein heraus.

»Stimmt so. Bleiben Sie sitzen, ich schaff’ das allein mit dem Gepäck.«

Der junge Fahrer – sicherlich ein Student, dachte sein Fahrgast, – kritzelte rasch eine Quittung. »Besten Dank und eine gute Nacht.«

Seeger öffnete die Autotür. Vage nahm er noch die Stimme des Nachrichtensprechers im Autoradio wahr: »Barack Obama, der neu gewählte Präsident der Vereinigten Staaten, macht offenbar Ernst mit seiner Ankündigung, das Gefangenenlager Guantanamo aufzulösen. Gestern trafen sich …«

Seeger klemmte seine Aktentasche unter den Arm, stieg aus, etwas steif geworden vom langen Sitzen auf der Reise und hievte seinen schwarzen Trolley aus dem Kofferraum. Die Nachtluft war eisig. Er atmete tief durch. Irgendwo kläffte ein Hund.

Ein paar Schritte zum schmiedeeisernen Tor, dann den gepflasterten Gartenweg entlang. Seeger dachte an die Amtseinführung des ersten farbigen Präsidenten der USA, die vor acht Tagen im Fernsehen übertragen worden war. Bis zuletzt war es spannend gewesen, ob Obama es schaffen würde, Präsident zu werden. Seeger nahm sich vor, am Wochenende eine Biografie zu lesen, die er sich in Berlin gekauft hatte, um dem Geheimnis der charismatischen Persönlichkeit dieses Politikers auf die Spur zu kommen.

Vera wird vielleicht ausgegangen sein, es ist alles dunkel im Haus.

Er steckte den Schlüssel ins Schloss – nicht abgesperrt, wie leichtsinnig – und blickte auf die Leuchtziffern seiner Armbanduhr: Kurz nach 20 Uhr. Er knipste das Licht im weiträumigen, ganz in Blau gehaltenen Entree an, in dem eine fast lebensgroße, dunkelbraune afrikanische Skulptur aus Holz stand, eine sehr schlanke Wasserträgerin mit nacktem Oberkörper und festen, jugendlichen Brüsten. Neben der Figur zwei Sessel mit einem runden Tischchen für Besucher, die dort zu warten hatten, bis sie das Hausmädchen in den Salon bat.

Seeger wunderte sich, dass die Tür zum Salon offen stand. Im Winter sollte man die Türen geschlossen halten. Rasch stellte er sein Gepäck ab, hängte seinen Mantel an einen Haken der Garderobe, der Form und Farben eines kleinen Tigerkopfes hatte. Ein kurzer Blick in den großen Kristallspiegel mit einem Rahmen aus bunten Muranoglassplittern. Sein rotblondes Haar wurde an den Schläfen schon etwas grau und sein Jackett spannte ein wenig über dem Bauchansatz. Muss mehr trainieren …

In diesem Augenblick stelzte Bijoux, die hellgraue Kartäuserkatze, in königlicher Haltung aus dem Salon, strich um seine Beine und steuerte dann auf die Salontür zu, drehte sich nach ihm um, wie, um ihn aufzufordern, ihr zu folgen. Ihre bernsteingelben Augen trafen sich einen Augenblick lang mit seinen. »Ja, Bijoux, ich komme, wir schauen noch ein wenig Fernsehen, was hältst du davon?«

Als Seeger im Salon die große Kristalldeckenleuchte angeknipst hatte, wich er zurück, als habe ihn eine unsichtbare Faust getroffen.

Da lag sie. In einer großen Blutlache. Auf dem Zebrafell. Mit dem Gesicht nach unten. Die schwarzen Haare blutverschmiert.

Er fühlte ihren Puls. Blickte auf ihre langen schlanken Finger, die silberfarbenen Fingernägel, genau im Farbton ihres Hosenanzugs. Kein Herzschlag. Er hob ihren Kopf ein wenig an. Die weit aufgerissenen Augen starrten ins Leere. Wie in einem bösen Traum taumelte Martin Seeger zum Telefon und wählte die 110.

In jener kalten Januarnacht wollte Anna Sartorius nach den 20-Uhr-Nachrichten ihren Schäferhund Rex noch einmal ausführen. Man kannte die fast achtzigjährige Witwe im Villenviertel, wohnte sie doch seit mehr als einem halben Jahrhundert im Stadtteil Erlenstegen. Eingemummt in Nerzmantel, Nerzhut und Seehundfellstiefel, erkannte man sie sofort als Mitglied der besseren Gesellschaft. Ein- oder zweimal war sie von jungen Umweltschützern wegen ihrer Pelze zur Rede gestellt worden.

»Junger Mann, als ich jung war, gab es noch keinen Umweltschutz. Mein Beitrag ist, diesen schönen, warmen Mantel bis zu meinem Tod zu tragen.«

Sie öffnete die Gartentür. Rex fing sofort an zu bellen und zog sein schmächtiges Frauchen energisch weiter.

»Rex, was hast du nur, lauf’ nicht so schnell, da machen meine alten Beine nicht mehr mit.« Der Schäferhund steuerte zielstrebig auf ein parkendes Auto zu.

Dieses Fahrzeug hab’ ich hier noch nie gesehen, ein Volkswagen, direkt vor meinem Grundstück, wohl seit Monaten nicht mehr gewaschen.

Die Straßenlaterne warf ihr fahles Licht auf den Wagen, an dessen Autotür Rex sich aufrichtete und an der Scheibe zu kratzen begann. Die alte Dame blickte ins Wageninnere. Ein Mann lag über dem Steuerrad.

»Hallo, Sie da! Kann ich Ihnen helfen«, rief sie mit brüchiger Greisinnenstimme. »Hallo, Hallo!« Und klopfte dabei mit ihrem knochigen Zeigefinger an die Scheibe. Keine Antwort. Rex tänzelte um das Auto und bellte ununterbrochen.

»Sei still, Rex, du weckst ja das ganze Viertel auf! Bei Fuß!« Sie zerrte den widerstrebenden Hund hinter sich her, was ihre ganze Kraft kostete, schlurfte, so schnell sie ihre Beine trugen, ins Haus zurück und hob den Telefonhörer ab. Atemlos wählte sie die Nummer 112.

»Hier Sartorius. Da ist ein Mann in seinem Auto zusammengebrochen.«

Kurze Zeit später traf der Notarztwagen vor der Seeger-Villa ein. Dr. Beiser schaute auf seine Armbanduhr, denn er musste die Uhrzeit später in seinem Protokoll vermerken. Der Notarzt sprang aus dem Wagen und lief im Eilschritt auf das Haus zu. Zwei Sanitäter folgten ihm. Professor Seeger wartete bereits an der Haustür. Nach einem kurzen Gruß drängte sich die Rettungsmannschaft an ihm vorbei und eilte ins Haus. Der Hausherr fröstelte, ob vor Kälte oder im Schock, wer konnte das genau sagen. Bijoux huschte an ihm vorbei ins Freie, offenbar flüchtete sie vor den fremden Menschen.

Im selben Augenblick hielt ein Streifenwagen vor dem Grundstück. Nachdem die Beamten ein kurzes Protokoll aufgenommen hatten, verständigten sie die Mordkommission. Etwa 20 Minuten später trafen die Kollegen in Zivil ein. Ein Team von Spurenermittlern in weißen Anzügen, weißen Hauben, weißen Handschuhen und weißen Überschuhen klingelte ein paar Minuten später.

Seeger nahm in einem cremefarbenen Sessel Platz, über den ein Tigerfell gebreitet war. Schweigend beobachtete er die fast lautlosen Aktivitäten der fremden Personen. Er fühlte sich als Zuschauer in einem absurden Theaterstück, das er nicht mit der Realität verbinden konnte.

Ein Beamter des Erkennungsdienstes schoss Nahaufnahmen von Vera, dann ging er ein paar Schritte rückwärts, suchte immer neue Perspektiven und vollzog dabei die unglaublichsten Verrenkungen, während der Arzt die Tote untersuchte, zunächst in der Position, in der er sie vorgefunden hatte. Dann drehte Dr. Beiser die Tote behutsam auf den Rücken. Seeger fühlte einen Stich in der Herzgegend und fing an zu zittern. Diese starren Augen, die Lippen, im Farbton ihrer Korallenkette geschminkt, wie in ungläubigem Staunen halb offen und das Blut, überall Blut.

Ihr Kopf hob sich ein wenig und Seeger schrie auf, denn er glaubte eine Sekunde lang, sie lebe noch, doch der Arzt hatte ihr nur den Pullover ausgezogen und dabei den Kopf der Toten bewegt. Die Beamten von der Spurensicherung fahndeten nach Fingerabdrücken, Haaren, Hautschuppen und anderen DNS-Spuren. Dabei unterhielten sie sich leise, ein eingespieltes Team, das seine Routine abspulte, professionell, sachlich. Der Notarzt hatte den Tod von Vera Seeger eindeutig festgestellt und verständigte telefonisch den Gerichtsmediziner.

Die beiden Beamten wandten sich nun an Seeger. Der ältere, ein untersetzter Typ mit Stirnglatze und einem mächtigen Schnurrbart, der seine gesamte Oberlippe bedeckte, stellte sich selbst als Hauptkommissar Fuchs vor, den jüngeren als Kommissar Ritter. Ritter lächelte verlegen und wusste nicht, wohin mit seinen Händen.

Fuchs ließ sich auf die Couch fallen, Ritter blieb stehen. Professor Seeger heftete seine Augen lange auf den jungen Mann, der wie die Karikatur eines Detektivs auf ihn wirkte. Baumlang und dürr, Bürstenfrisur, runde Nickelbrille, blau-weiß karierte Fliege, schwarzes Oberhemd, beiger Blouson, zerknautschte Jeans und nagelneue Turnschuhe.

»Herr Professor Seeger, ich muss Ihnen einige Fragen stellen«, lenkte Fuchs von seinem Kollegen ab. Er wusste, wie skurril Torsten Ritter bei jedem ersten Kontakt wirkte.

»Wann haben Sie die Leiche entdeckt?«

Die Sanitäter entfernten sich mit der leeren Trage, während Dr. Beiser über sein Handy einen Leichenwagen anforderte und anschließend seinen Bericht in ein Diktiergerät sprach.

»Ich bin von einer Geschäftsreise aus Berlin zurückgekommen und war kurz nach 20 Uhr im Haus«, antwortete Seeger. »Meine Frau lag hier im Salon, ich fühlte ihren Puls und blickte in ihre Augen, die ganz starr waren. Dann habe ich die Polizei verständigt.«

»Einen Augenblick bitte, der Doktor will gerade gehen, ich muss ihn noch sprechen.«

Fuchs eilte zu Dr. Beiser, die Geschwindigkeit hätte man ihm bei seiner Leibesfülle kaum zugetraut.

»Was können Sie jetzt schon sagen, Doktor?«

»Die Tote hat einen Einschuss in Höhe des dritten Halswirbels, einen weiteren am Haaransatz im Nacken und einen Streifschuss am rechten Ohr. Der Tod dürfte gegen 18 Uhr eingetreten sein.«

Die Spurenermittler riefen Fuchs zu: »Wir haben die Munitionshülsen. Es gibt auch noch einen Einschuss an der Stehlampe und einen am Türrahmen.« Fuchs besah sich die Hülsen genau, schwieg aber. Die Kugel, die den Lampenschirm getroffen hatte, hatte genau die Rüsselspitze des aufgemalten Elefanten durchlöchert.

Die Männer in Weiß wandten sich dem Couchtisch aus nachtblauem Glas zu, auf dem zwei zierliche Teetassen und zwei Teekännchen mit chinesischen Motiven standen, und gossen die Teereste in mitgebrachte Fläschchen, die sie mit Etiketten versahen. Wie durch eine Wattewand hörte Seeger: »Pfefferminztee und schwarzer Tee.« Dann sammelten die Beamten Kuchenreste ein. Assistent Ritter durchmaß den Raum mit riesigen Schritten und flüsterte Fuchs etwas ins Ohr. In diesem Moment traf der Gerichtsmediziner ein, ein ernster, kleiner, schmächtiger Mann mit dicken Brillengläsern.

Seeger war weiß wie eine frisch gekalkte Wand und auf seinen Wangen flackerten kleine rote Flecken, er wiegte sich rhythmisch hin und her und stammelte Unverständliches. Fuchs winkte Dr. Beiser heran, der den Professor in Augenschein nahm.

»Ich muss dem Mann eine Spritze geben. Heute ist er nicht mehr vernehmungsfähig.«

»Hm«, brummte Fuchs.

»Ich schicke ihn ins Bett und bleibe, bis er schläft. Es sei denn, er hat Freunde oder Verwandte in der Nähe«, murmelte der Arzt.

Seeger schüttelte den Kopf.

»Wir kommen morgen um 11 Uhr wieder«, sagte Fuchs zu Seeger und verabschiedete sich.

Die Spurenermittler und die beiden Ärzte arbeiteten weiter. Dr. Beiser kümmerte sich um den Ehemann der Toten, während der Gerichtsmediziner Dr. Hausig die Tote erneut untersuchte und dann seinen eigenen Bericht diktierte.

Gegen 23 Uhr fuhr der Leichenwagen vor. Bijoux, zu einer Statue erstarrt, hatte sich im nächtlichen Schatten der Thujahecke versteckt. Ihre gelben Augen leuchteten wie zwei Lichtpunkte eines körperlosen Wesens.

Klinikum Nürnberg, Notaufnahme

In der Notaufnahme des Klinikums herrschte in jener Januarnacht Hochbetrieb. Auf dem Gang trafen Notarzt und Sanitäter mit dem bewusstlosen Mann aus dem geparkten Auto auf einen Krankenpfleger, der einen Patienten Richtung Intensivstation schob.

»Herzinfarkt«, rief der Krankenpfleger den Ankommenden zu, »und was habt ihr?«

»Schwer zu sagen, wir müssen die Untersuchungen abwarten«, meinte der Notarzt, während sich die Flügeltür des Behandlungs- und Untersuchungsraums automatisch öffnete. Der Notarzt berichtete und zwei Schwestern hoben den Bewusstlosen auf eine Untersuchungsliege. Schwester Ruth, erst seit einem Jahr mit der Ausbildung fertig, hatte sich noch nicht den menschlichen Blick auf einen neuen Patienten abgewöhnt. Immer wieder sagten die Kolleginnen zu ihr: »Es wird nicht mehr lang dauern, bis du nur noch den Fall siehst.«

Da lag ein attraktiver Mann, um die sechzig, schätzte sie. Die schwarzen Locken von silbergrauen Fäden durchzogen, volle Lippen, eine römischaristokratische Nase, die Augen wie im Schlaf geschlossen, die bronze-farbene Haut wohl etwas blasser als sonst und eine stark behaarte Brust. Das völlige Ausgeliefertsein des Kranken berührte sie. Der Aufnahmearzt nahm den Patienten in rein medizinischen Augenschein und stellte als erstes fest, dass er stark erweiterte Pupillen hatte. Es folgten Puls- und Blutdruckmessung, EKG, Blutabnahme, Infusionen.

»Schwester Birgit, schauen Sie doch mal in den Sachen des Mannes nach, vielleicht findet sich ein Hinweis auf seine Identität«, bat der Arzt, der reichlich übermüdet wirkte, was sich vor allem in seiner langsamen Sprechweise niederschlug.

Birgit suchte im Jackett des Patienten und zog einen Pass und ein gefaltetes Blatt Papier aus der Innentasche. »Das ist ein Amerikaner«, rief die Schwester, »Benny Miller, geboren am 15. Juni 1945 in Chicago, ledig, lebt in Los Angeles und ist von Beruf Übersetzer. Und hier ist ein Programm von einem Kongress vom 24. bis 28. Januar im Nürnberger Grand Hotel.«

»Hm, geben Sie die Dokumente bitte zur Anmeldung, Schwester Birgit«, ordnete Dr. Beiser an, »und Schwester Annette, fahren Sie den Patienten auf die Intensivstation. Hier ist die Krankenakte. Schwester Ruth, Sie bleiben bei mir.«

Der Arzt strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht, das kalte grelle Neonlicht ließ ihn noch bleicher erscheinen, als er in Wirklichkeit war, seine Augen waren gerötet. Seit 12 Uhr mittags hatte er Dienst. Erst gegen Mitternacht sollte ihn Dr. Wedel ablösen. Die große weiße Uhr, die an Bahnhofsuhren erinnerte, zeigte zwölf Minuten nach 22 Uhr an. Als der Arzt ein Glas Mineralwasser in einem Zug leerte, schob ein Sanitäter eine Patientin im Rollstuhl herein.

»Ob der Mann durchkommt«, schoss es ihm durch den Kopf, als er die neue Patientin, eine steinalte Frau, die sich vor Schmerzen krümmte, begrüßte.

Kommissar Fuchssetzt sein Pokergesicht auf

Punkt 11 Uhr stiegen die Ermittler Fuchs und Ritter vor der Seeger-Villa aus dem Wagen. Im Garten arbeiteten die Spurenermittler und ein Schäferhund schnüffelte diensteifrig den Weg entlang. Seeger kam ihnen am Hauseingang entgegen. Im dunkelgrauen Anzug mit schwarzer Krawatte wirkte er ausgeruht und gefasst.

Ritter machte das Aufnahmegerät bereit. »Herr Professor Seeger«, begann Fuchs das Verhör mit einem Pokergesicht, das er bei solchen Gelegenheiten immer aufsetzte, »Sie kamen also am 28. Januar gegen 20 Uhr von einer Dienstreise aus Berlin zurück. Wie lange waren Sie in Berlin und was hatten Sie dort zu tun?«

»Am 24. Januar bin ich nach Berlin geflogen. Ich führte letzte Informationsgespräche an der Humboldt-Universität. Man hatte angefragt, ob ich die Leitung eines Forschungsteams übernehmen wollte. Es ist ein interdisziplinäres Projekt, das mich sehr reizen würde. Germanisten, Sozialwissenschaftler, Historiker und Psychologen wollen die Prosa der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann nach verschiedenen Gesichtspunkten analysieren«, antwortete Seeger mit einem leisen Anflug von Eitelkeit. »Aber ich langweile Sie sicherlich mit diesen Einzelheiten.«

»Ganz und gar nicht, Herr Professor. Nun müssen wir routinemäßig Ihr Alibi überprüfen. Bitte übergeben Sie uns Ihre Hotelrechnung, Fahrkarten, Flugscheine und eventuelle Taxiquittungen.«

Der Hausherr hatte die gewünschten Papiere rasch gefunden und überreichte sie dem Kommissar, der sie an Ritter weiter reichte.

»Torsten, schau’s dir mal an und leg’s dann in unsere Akte Vera Seeger.«

Mit spitzen Fingern fasste der junge Mann die Unterlagen an, breitete sie dann umständlich auf dem Tisch aus und vertiefte sich darin, wobei er anfing, an seinen Fingernägeln zu kauen.

»Ich werde Herrn Ritter nach Berlin schicken, um dort vor Ort zu recherchieren. Bitte geben Sie uns die Namen und Telefonnummern Ihrer Berliner Gesprächspartner, Herr Professor.«

Als Seeger die gewünschten Visitenkarten an Fuchs überreichte, blieb sein Blick an der rechten Hand des Kommissars hängen. Narben, tiefe, lange Narben.

»Sind von einem Hund, den einer auf mich gehetzt hat, als ich ihn festnehmen wollte«, brummte Fuchs, als er den Blick bemerkte. »Würde mir heute nicht mehr passieren. Sind Sie allein gereist?«

Torsten Ritter pfiff leise durch die Zähne.

»Was gibt’s denn, Torsten?«

Der wurde über und über rot und stotterte: »Na, die horrenden Hotelpreise.«

Seeger lächelte.

»Nein, meine Assistentin Uschi Weber hat mich begleitet.«

»Kann ich Telefonnummer und Adresse Ihrer Assistentin haben?«

»Gewiss doch, Herr Kommissar. Aber, damit ich es nicht vergesse, ich habe im Terminkalender meiner Frau heute morgen zwei merkwürdige Schrägkreuze gefunden, eines an ihrem Todestag um 17 Uhr und das andere drei Tage vorher um 15 Uhr.«

»Bringen Sie mir doch bitte den Terminkalender! Hatte Ihre verstorbene Frau einen Computer?«

Bereits im Hinausgehen hörte Seeger ihn noch sagen: »Wir würden ihn gerne mitnehmen.«

Und schon forderte er per Handy zwei Kollegen an, die auf solcherlei Aufgaben spezialisiert waren. Während die beiden Beamten auf Seeger warteten, überlegte Fuchs laut:

»Vera Seeger war vermutlich verabredet. An ihrem Todestag zu Hause. Wo aber war sie drei Tage vorher?«

Professor Seeger übergab den Terminplaner an Fuchs. Für den heutigen Tag las er den Eintrag: 19.30 Uhr: Sitzung im Iglu.

»Was, bitte, ist Iglu?«

»Meine Frau hat sich im sozialen Bereich stark engagiert. Sie war im Vorstand des Vereins Iglu, der sich um obdachlose Mädchen kümmert, und im Verein Netz, der sich Flüchtlingsfrauen annimmt, war sie stellvertretende Vorsitzende. In Veras Terminkalender finden Sie übrigens alle wichtigen Adressen und Telefonnummern, ich nehme an, dass Sie den Kalender mitnehmen möchten.«

»Danke für Ihre Kooperationsbereitschaft, Herr Professor«, murmelte Fuchs gedehnt. »Bitte um Verzeihung, aber wir müssen Ihnen diese Frage stellen: Wie würden Sie die Beziehung zu Ihrer Frau beschreiben?«

Hauptkommissar Fuchs fühlte sich unbehaglich mit all diesen sprachlichen Bücklingen gegenüber dem Herrn Professor. Gleich heute morgen hatte der oberste Chef bei Fuchs angerufen und ihm äußerste Diskretion und Samthandschuhe anempfohlen, Seeger sei schließlich eine prominente Persönlichkeit.

Es entstand eine lange Pause, bis der Witwer antwortete: »Wissen Sie, Herr Kommissar, wir hatten viele Gemeinsamkeiten, die Liebe zu Afrika und zur Literatur. Und wir haben einander geschätzt und geachtet …«

Fuchs sah, dass kleine Schweißperlen auf Seegers Stirn traten. Und er legte nach: »Haben Sie Ihre Frau geliebt?«

»Ja, natürlich«, gab Seeger zurück. Seine Augen schweiften unruhig im Raum hin und her.

»Apropos Afrika«, schaltete sich Kollege Ritter ein, und Fuchs war nicht wenig erstaunt über dessen Kühnheit, denn bisher glänzte Torsten stets durch Schüchternheit, »ich bin fasziniert von Ihren afrikanischen Figuren. Haben Sie die Skulpturen in Afrika erworben?«

»Ja.« Der Hausherr nahm eine kleine Figur vom Couchtisch, die aus schwarzem glänzendem Holz geschnitzt war, eine Mutter, die ihr Kleinkind auf dem Rücken trug und auf ihrem Kopf eine Holzlast balancierte. »Sehen Sie, diese Figur hat Vera im letzten Jahr in Nairobi entdeckt. Meine Frau kaufte die Skulpturen nur direkt bei den Künstlern. Unsere Leidenschaft für Afrika hat übrigens sehr verschiedene Wurzeln, aber da muss ich ein wenig ausholen, wenn es Sie überhaupt interessiert«, fuhr der Professor fort.

Beide Beamte nickten.

Der wird ja richtig gesprächig, ging es Fuchs durch den Kopf.

»Als Pfarrerssohn sollte ich natürlich in die Fußstapfen meines Vaters treten, deshalb habe ich Germanistik und Theologie studiert, ersteres aus privater Neigung. An der Universität habe ich auch Vera kennengelernt. Nach dem Studium hatte ich vor, nach Afrika in die Mission zu gehen, aber meine Frau zog es vor, in Deutschland zu bleiben, denn sie hatte bereits eine Anstellung an der Stadtbibliothek in Nürnberg. Dann fand sie für uns beide einen Kompromiss: Wir würden jedes Jahr in Afrika Urlaub machen, aber weiterhin unseren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben. Und sie überzeugte mich auch, dass es für meine Karriere besser sei, meinen Weg im Fach Germanistik zu beschreiten. Die Früchte dieser Entscheidungen sehen Sie hier im ganzen Haus.«

»Sind Sie in Erlangen tätig?«, lenkte Fuchs das Gespräch in eine andere Richtung.

»Seit etwa sechs Jahren habe ich eine Professur für Neuere Deutsche Literatur in Regensburg, vorher war ich in Würzburg, habilitiert wurde ich in Erlangen.«

»Da haben Sie also schon lange eine sogenannte Wochenendehe geführt, Herr Professor? Wie kamen Sie beide damit zurecht?«

Bijoux schlich sich in den Salon, blieb vor der Sitzgruppe stehen und beobachtete die beiden Fremden. Nach einer Weile sprang sie auf Seegers Schoß und schmiegte sich an ihn, der, während er sprach, zärtlich ihr Fell streichelte.

»Bijoux vermisst meine Frau sehr. Ja, zu Ihrer Frage. Es hat eigentlich keine Probleme gegeben. Wir haben die Wochenenden dafür umso intensiver miteinander gestaltet. Seit meine Frau vor vier Jahren in Pension gehen musste – sie hatte einen schweren Herzinfarkt und anschließend eine komplizierte Bypass-Operation – hat sie sich im sozialen Bereich ehrenamtlich engagiert und konnte endlich ausgiebig Ihrer Leseleidenschaft frönen. Wir haben uns arrangiert, würde ich sagen.«

Es klingelte an der Haustür. Ritter wand sich umständlich aus dem Sessel und lief mit seinen Riesenschritten durch den Salon, dabei hätte er fast eine Zimmerpalme umgestoßen. Mit einer linkischen Verbeugung entschuldigte er sich beim Hausherrn.

Die beiden Computerspezialisten stapften herein. Seeger begleitete sie in Veras Arbeitszimmer.

Zögernd kam Seeger wieder in den Salon zurück, blieb aber stehen und Fuchs verstand den Wink mit dem Zaunpfahl.

»Ja, Herr Professor, wir wollen Ihre Zeit nicht über Gebühr in Anspruch nehmen«, – schon wieder diese Bücklinge –, dachte Fuchs wütend, »aber Sie würden uns sehr helfen, wenn Sie uns die Personen aus dem Umfeld Ihrer Frau nennen würden, die mit ihr am engsten verbunden waren.«

»Da ist vor allem ihr Bruder Stefan Eigner. Er hat nach dem Tod des Vaters das Juweliergeschäft in München übernommen. Vera hat ihren Bruder sehr geliebt. Es hat vor einem Jahr zwar Unstimmigkeiten wegen des Erbes gegeben, meines Wissens ist der Zwist aber mit einem Kompromiss beigelegt worden, doch da müssen Sie ihn selber fragen, ich habe mich da nicht eingemischt.«

Seeger legte seine Stirn in Unmutsfalten, die sich aber gleich wieder glätteten.

»Dann unser Hausmädchen aus Kenia, wir nennen Sie Naomi, denn sie hat einen für Europäer fast unaussprechlichen Namen.«

Ritter notierte eifrig mit, auch das Band lief weiter. »Würden Sie bitte den Pass-Namen von Naomi buchstabieren?«

»Ist Ihr Hausmädchen vielleicht ein Schützling Ihrer Frau gewesen? Ich denke da an den Verein für Flüchtlingsfrauen, dem Ihre Frau angehörte«, kombinierte Fuchs.

»Ganz richtig. Vor etwa einem Jahr – unser bisheriges Hausmädchen hat Zwillinge bekommen und gekündigt – hat meine Frau Naomi hier auf dem Hauptmarkt aufgelesen. Das Mädchen saß auf den Stufen des Schönen Brunnens, wirkte apathisch und hilflos. Vera lud das Mädchen in ein nahes Café ein und erfuhr von seinem Schicksal. Naomi ist aus Kenia wegen Stammesfehden geflohen, im Zirndorfer Asylantenheim gelandet, von dort wegen Misshandlungen fortgelaufen. Zurzeit hat Naomi eine Woche Urlaub. Ich habe eine große Bitte, Herr Kommissar, Naomi ist immer noch sehr verängstigt, gehen Sie behutsam mit ihr um.«

Fuchs brummte etwas Unverständliches, setzte aber wieder sein Pokergesicht auf.

»Wie ist Ihre Frau mit dem Mädchen zurechtgekommen?«

»In den ersten Wochen war es schwierig, denn Naomi verstand kaum Deutsch und versteckte sich immer wieder im Haus, aber allmählich wurde sie selbstbewusster. Nur einmal, erzählte meine Frau, hat es einen Eklat gegeben. Wegen einer Kleinigkeit rannte Naomi in die Küche und zertrümmerte einige Tassen und Teller. Mit der Zeit gewann sie Zutrauen zu meiner Frau, blieb aber auf Distanz.«

»Hatte Ihre Frau eine Busenfreundin, wie man so schön sagt?«

»Anita Bürger. Eine ehemalige Mitarbeiterin meiner Frau. Die beiden Frauen arbeiteten auch im Netz und Iglu zusammen. Frau Bürger ist eine reizende Dame, ja, die beiden hatten eine sehr enge Freundschaft.«

»Die Adressen der Vorsitzenden der beiden Vereine finden wir im Terminplaner?«, fragte Fuchs und blickte auf seine Fingernägel.

Seeger nickte.

»Ja, nun zu Ihrem Umfeld, Herr Professor. Die Namen und Telefonnummern Ihrer Berliner Gesprächspartner mailen Sie uns bitte.«

Fuchs überreichte ihm seine Visitenkarte.

»Und bitte die Daten Ihrer Assistentin, wie war doch der Name?«

»Uschi, äh, Dr. Ursula Weber«, Seeger errötete, senkte den Blick und las: Hauptkommissar Ewald Fuchs – Polizeipräsidium Nürnberg – Diensttelefon: 0911 / 11 11 227.

Die beiden Beamten verabschiedeten sich und liefen schweigend zu ihrem Dienstwagen. Als Fuchs die Autotür des Opels öffnete, seufzte er: »Einmal mit einem BMW oder Porsche lospreschen, das wär’ doch was Torsten, oder? Und nicht mit dieser lahmen Mühle herumschleichen. Na, wenn ich mal im Lotto gewinne …«

Das Geheimnis des Amerikaners

Wie durch einen Schleier nahm der amerikanische Patient seine Umgebung wahr, als er nach zehn Tagen aus dem Koma erwachte. Die weiß gekachelten Wände, weiße, unscharf umrissene Gestalten, die sich im Zeitlupentempo zu bewegen schienen, dünne Schläuche um ihn herum, ein Bildschirm mit unruhigen Zacken, der immer wieder vor seinen Augen verschwamm. Als sich eine weiße Gestalt seinem Bett näherte, sprach er sie auf Englisch an: »Wo bin ich und was ist los?«

Er lauschte der fremden Stimme, die er wie durch eine dicke Watteschicht hörte.

»Sie sind im Krankenhaus in Nürnberg. Man fand Sie vor zehn Tagen bewusstlos in einem Auto.«

Miller versuchte, dem Gehörten einen Sinn abzugewinnen, aber die Worte purzelten einzeln in seinem Kopf herum und fügten sich nicht zusammen. Bald schlief er wieder ein. Am nächsten Morgen kam der behandelnde Arzt an sein Bett, rückte sich einen Stuhl zurecht, nahm Platz und räusperte sich.

»Herr Miller, wie geht es Ihnen?«, fragte er in seinem besten Schulenglisch.

»Ich bin sehr müde«, antwortete der Kranke.

»Ich lege Ihren Pass auf Ihr Nachtkästchen, die Mitarbeiter von der Anmeldung haben ihn gebracht. Ja, wir haben in Ihrem Blut eine extrem hohe Konzentration von LSD gefunden. Sind Sie abhängig?«, begann der Doktor so sachlich wie möglich das schwierige Gespräch.

»Ich bin nicht abhängig«, erwiderte der Patient unwillig.

»Haben Sie irgendwelche Probleme, Herr Miller? Wenn wir Ihnen helfen sollen, so sprechen Sie bitte mit uns.«

Benny Miller setzte sich im Bett auf: »Ich habe keine Probleme, was soll das Theater?«

Ratlos kratzte sich der Arzt hinter seinem rechten Ohr und überdachte seine weitere Gesprächstaktik.

»Man nimmt für gewöhnlich nur dann eine so große Menge LSD ein, wenn man sich das Leben nehmen will, Herr Miller.«

»Sind Sie verrückt, Doc, warum hätte ich mir das Leben nehmen sollen?«, schrie der Patient.

»Bitte regen Sie sich nicht auf«, beschwichtigte der Arzt und blickte besorgt auf die Anzeigen der Kreislaufüberwachung. Miller schloss die Augen und schwieg. Der Arzt blieb sitzen und wartete. Zäh flossen die Minuten dahin, als er den Kranken plötzlich fast unhörbar flüstern hörte.

»That bad old witch! She tried to kill me.«

Das hausinterne Sprechgerät piepste, dann hörte man eine verzerrte Stimme: »Dr. Katen, Dr. Katen, bitte sofort auf Zimmer 509!«

In seiner Mittagspause machte Dr. Katen wie gewöhnlich einen Spaziergang über das Klinikgelände. Es hatte frisch geschneit und er wählte Wege, auf denen noch keine Fußspuren die Schneedecke zerstört hatten. Im unberührten Schnee zu gehen, das war fast so, wie wieder Kind zu sein. Wie reimte sich das Puzzle um den amerikanischen Patienten zusammen? Energisch weist er einen Selbstmordversuch zurück, das kann auch Selbstschutz sein. Und wen meint er mit der bösen alten Hexe, die ihn töten wollte – wo ist da ein Zusammenhang? Entweder die Hexe ist der Grund, weswegen er nicht mehr leben wollte oder …

Eine Amsel stocherte mit ihrem gelben Schnabel im Schnee und hüpfte auf den Arzt zu.

… die böse Hexe hat ihm das LSD gegeben. So könnte es gewesen sein. Ich muss die neue Situation mit den Kollegen besprechen, möglicherweise muss man die Kripo einschalten. Der Zustand Millers hat sich ja Gott sei Dank stabilisiert, wir werden ihn morgen auf die normale Krankenstation verlegen. Dort kann ihn auch die Kripo verhören. Und wir werden einen Psychologen zuziehen.

Dr. Katen eilte ins Klinikgebäude, um die nötigen Anweisungen zu geben.

Am nächsten Morgen, gegen 11 Uhr, kamen zwei Beamte in Zivil auf die Krankenstation, stellten sich als Kommissare Bock und Wanner vor und fragten nach der Zimmernummer von Benny Miller. Als sie die Zimmertür öffneten, fanden sie ein leeres Bett vor. Unbemerkt musste sich der amerikanische Patient, in Straßenkleidung und mit seinem Trolley, aus der Klinik entfernt haben. Schwester Birgit kam auf die Idee, im Grand Hotel nachzufragen, denn sie erinnerte sich an den Prospekt des Kongresses im Grand Hotel im Jackett des Patienten. Doch von dort hieß es: »Herr Miller ist bereits am 28. Januar abgereist.«

Naomi und Wang Li

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