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Im Castello di Vezio, das hoch über dem Städtchen Varenna am Comer See aufragt, wird eine japanische Reisegruppe von einem gespenstischen Fund geschockt. Gleichzeitig werden zwei Angestellte des Castello vermisst. Der stets elegant und teuer gekleidete Commissario Flavio Mancino und seine hübsche, schlagfertige Kollegin Elena Rossi versuchen diesen Fall zu lösen. Dabei ist die schöne Elena dem Commissario immer einen Schritt voraus.
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Seitenzahl: 26
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Marion Mollenhauer + Ingrid Siano
Tödliches Saisonende
Comer See Kurzkrimi
Dieses eBook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Tödliches Saisonende
Impressum
Tödliches Saisonende
Lautlos schwebte ein Käuzchen über dem Burghof des Castello di Vezio am Comer See. Doch es war nicht auf der Jagd. Laute menschliche Stimmen und ungewohnte Geräusche hatten die Stille der Nacht unterbrochen und es aufgeschreckt. Auch die gezähmten Raubvögel, die in einer Voliere hinter dem Burgturm lebten, waren alarmiert. Minuten lang hallte das aufgeregte Kreischen und Krächzen der Tiere durch das alte Gemäuer. Dann beruhigten sie sich wieder und es wurde totenstill. Eine vermummte Gestalt eilte den schmalen Weg zum Burgtor hinunter. Im Schein des blassen Mondes blieben ein paar bewegungslose weiße Figuren im Burghof zurück, die misstrauisch von dem Käuzchen beäugt wurden.
“Porca miseria!” Marco Pollini zog die Schirmmütze tiefer ins Gesicht, um sich vor den dicken Regentropfen zu schützen, die an diesem frühen Oktobermorgen auf Varenna herunter prasselten. Noch am Vortage hatte die Herbstsonne die phantastische Landschaft des Comer Sees vergoldet. Doch heute Morgen war, so weit das Auge reichte, alles diesig und grau. Verdrossen schob Marco eine große, dreiräderige Karre über den Burghof des ehrwürdigen Castello di Vezio, das hoch über dem malerischen Städtchen Varenna aufragte.
Aus dem Dunst tauchten jetzt die Umrisse einiger weißer, gespenstischer Gestalten auf. Regungslos saßen sie auf der Brüstung der Burgmauer oder auf den steinernen Bänken. Manche lehnten sich an die alten Olivenbäume im Burghof, als suchten sie Schutz vor dem Regen. Nur eine der Gestalten lag in merkwürdig verkrümmter Haltung auf dem Boden.
„Na Kollege, du hast wohl gestern Abend zu viel getrunken und bist von der Bank gerutscht?“, grinste Marco und tätschelte der weißen Figur gönnerhaft den Kopf. Dann stellte er seine Karre neben der steinernen Bank ab und schaute sich prüfend um. Auf der anderen Seite des weitläufigen Burghofes war sein Kollege Luca Mazzotta bereits emsig bei der Arbeit. Doch von Giovanni, der erst seit ein paar Wochen hier arbeitete, war weit und breit nichts zu sehen. Sofort sank Marcos Laune wieder auf den Gefrierpunkt und das Grinsen verschwand aus seinem Gesicht. Verärgert schob er seine Schirmmütze wieder in den Nacken und fluchte sofort laut los: „Porco dio!“ Ein Schwall Regenwasser war in seinen Kragen gelaufen und hatte ihn bis aufs Hemd durchnässt. Er schüttelte sich wie eine dicke, nasse Katze und machte sich daran, die unheimlichen Gestalten auf seine Handkarre zu laden.
Die „Gespenster“ wurden alljährlich im Sommer, während des Burgfestivals, von jungen Künstlern hergestellt. Besucher der Burg, die sich freiwillig zur Verfügung stellten, wurden in jeder nur möglichen Körperhaltung mit feuchten Gipsbinden umwickelt. Nachdem der Proband vorsichtig aus dem Gips heraus geschnitten wurde, fügte man die so entstandene Skulptur wieder kunstvoll zusammen und stellte sie als „Schlossgespenst“ im Hof des Castello aus. Jeder, der von Varenna oder vom See aus zum Castello hinauf sah, konnte die gruselig-skurrilen Gestalten schon von Weitem sehen.
