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Ein schauriger Leichenfund mitten im Zentrum von München stellt der Kripo vor allem eine Frage: Wer ist dieser Tote, dessen Gesicht komplett zerschossen wurde? Während eine erste Spur nach Italien führt, bekommt es die Polizei dort mit der Leiche eines ehemals erfolgreichen Geschäftsmanns zu tun, der eine mysteriöse Pleite erlebte. Gibt es Zusammenhänge zum Fall in München? In einem spannenden Verwirrspiel um Geld, Macht und dunkle Geschäfte mit Lebensversicherungen werden schließlich auch noch Hamburger Ermittler aktiv. Denn alles scheint sich plötzlich auf den Chef eines Fonds mit Sitz in der Hansestadt zu konzentrieren. Doch auch die mafiös organisierte Firma Ognissanti ist hinter diesem Mann her …
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Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2013
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RUPERT PFEFFER, Dr. jur., geboren 1934 in München, wuchs in Nürnberg auf und studierte in Erlangen und München Rechtswissenschaft. Seit 1962 lebt er in München und Wolfratshausen. Er war viele Jahre im Vorstand einer Bank tätig und befindet sich seit 2000 im Ruhestand. Er publizierte 2003 den Erzählband »Begegnungen mit Wagner«.
Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter
www.buchmedia.de
September 2012
© 2012 Buch&media GmbH, München
Umschlaggestaltung: Kay Fretwurst, Freienbrink
Printed in Germany · isbn 978-3-86520-453-0
Sie verließen das Theatermuseum, in dem eine Ausstellung zum Thema »Regie-Frauen. Ein Männerberuf in Frauenhand« lief.
»Eine etwas irreale Formulierung, findest du nicht?«, sagte Silke und lachte. »In Wirklichkeit sind Frauen doch immer Regisseure, sie schreiben sich nur nicht bei jeder Aufführung auf den Programmzettel.«
Sie sah ihren Freund Benno fragend an und erwartete seine Zustimmung. Der wich einer Antwort aus und trat aus den Hofgartenarkaden hinaus auf den Kiesweg. Von rechts, von der zum Odeonsplatz hin gelegenen Seite, hörte man das klackende Geräusch der aufeinanderprallenden Metallkugeln, die von den nimmermüden Boulespielern im hohen Bogen aus dem Handgelenk geschleudert und von anerkennenden oder bedauernden Rufen begleitet wurden.
Benno achtete auf das Spiel ebenso wenig wie auf Silkes Ausstellungskommentar, sondern schaute zu dem eleganten achteckigen Rundtempel hinüber, der in der Mitte des Hofgartens stand. Er war nach allen Seiten durch Bogenstellungen zum Garten hin geöffnet. So konnte man ihn in jeder Richtung durchschreiten, und hindurchsehen konnte man natürlich auch. Manchmal wurde er von Musikern als Aufenthaltsort für ihre Darbietungen benutzt, dann verwandelte er sich sozusagen in einen Musentempel. Die meisten Spaziergänger mochten das und gingen auf ihrem Weg um den Tempel herum, um die Künstler nicht zu stören. Man liebte diese spontanen Promenadenkonzerte, die auch an vielen anderen Plätzen in der Innenstadt abgehalten wurden. Die meisten Künstler waren Studenten der Musikhochschule, die sich etwas dazuverdienten.
»Hörst du das?«, fragte Benno, »da spielt einer auf den zwei Manualen eines Akkordeons die Toccata in d-Moll von Bach und es klingt wie eine große Orgel. Ist das nicht fantastisch.«
»Wirklich sehr schön«, stimmte Silke zu »aber mich gruselt es bei dieser Musik. Es hat etwas von Totentanz oder Jüngstem Gericht.«
»Stimmt«, erwiderte Benno, »eher von Jüngstem Gericht. Bei den Akkorden endet jeder ewige Schlaf.«
»Übrigens, ist die weibliche Bronzefigur auf dem Dach wieder einmal eine Patrona Bavariae oder Bavarica? Genau weiß ich nie, wie es richtig heißt.«
»Nein«, Benno lachte, »so heilig ist der Freistaat Bayern auch wieder nicht, dass überall Marienstatuen stehen. Die Frau ist eine allegorische Darstellung des bayerischen Landes.«
»Na ja, ein richtiges Meer habt ihr sowieso nicht.« Silke genoss den Stolz ihrer hanseatischen Abstammung. »Aber ich muss zugeben, der Blick von hier ist wirklich schön.«
»Für mich ist es der schönste Blick von ganz München. Da drüben, direkt vor uns, der Festsaalbau der Residenz, über dem du gerade noch die Zwiebeltürme oder, wie wir sagen, die welschen Hauben der Frauenkirche sehen kannst. Dann die ockerfarbene Fassade der Theatinerkirche, bei deren Ansicht man versteht, warum München oft die nördlichste Stadt Italiens genannt wird. Schließlich kannst du noch die ersten klassizistischen Fronten der Gebäude erkennen, die sich dann in die Ludwigstraße fortsetzen.«
»Okay, München leuchtet wieder einmal. Aber jetzt müssen wir gehen. Um vier liest der … du weißt schon.«
Sie wandten sich nach links, um über die Königinstraße in die Uni zu gehen. Als sie den Hofgarten an seiner Nordostecke verließen, blieb Silke wieder stehen und fragte: »Wer ist denn eigentlich dieser antike Knabe aus Gips dort drüben vor den zwei Bäumen?«
»Das ist der Harmlos, den kennt hier jeder«, gab Benno zur Antwort.
»Wer?«
»Wie ich sagte, der Harmlos. Das heißt, eigentlich wurde er bei der Anlage des Englischen Gartens vor über 200 Jahren als ›Genius der Gärten‹ gestiftet, aber die Münchner sagen zu ihm Harmlos.«
»Ich verstehe gar nichts. Ich bitte dich, was ist an diesem Stein harmlos?«
»An dem Stein, übrigens Tegernseer Marmor, ist gar nichts harmlos, aber er selbst ist harmlos. Wenn du es genau wissen willst, geh hin und lies es. Es steht auf dem Schild, auf das er sich stützt.«
Silke gab sich einen Ruck. »Jetzt will ich es genau wissen«, sagte sie und lief über die Wiese zu der Statue. Benno folgte ihr. Silke las etwas stockend: »Harmlos / wandelt hier / dann kehret / neu gestaerkt / zu jeder / Pflicht zurück.«
»Klingt ja reichlich verschroben, ist aber sicher gut gemeint. Es ist nur schade, dass auch hier wieder Sprayer ihre Farbe versprüht haben.«
Sie zeigte auf einige rote Flecken, die die Widmungsinschrift auf dem Sockel in ihrer Würde beeinträchtigten. Benno beugte sich hinunter und schaute sich an, was dem ersten Eindruck nach wie Sprayspritzer aussah. Dann sagte er langsam: »Ich bin nicht sicher, ob das Farbe ist. Es könnte auch Blut sein. Viel leicht hat sich ja jemand an dem scharfkantigen Stein gestoßen.«
»Ja, vielleicht, aber da ist noch etwas.« Silke zeigte auf den feuchten Rasen. Zwei parallel laufende Spuren, die von Schuh-absätzen stammen konnten, führten vom Denkmal weg, überquerten den Weg zum Prinz-Karl-Palais und zogen sich durch ein kleines eisernes Tor, das den Eintritt in den Finanzgarten ermöglichte. Dieser kleine Park war ein Stück hügeliges, etwas verwildertes Gelände, das eine bequeme Passage zwischen dem Hofgarten und der auf der anderen Seite verlaufenden stark befahrenen Straße ermöglichte. Er wurde nur von wenigen Fußgängern als Verbindungsweg genutzt, diente aber, wohl vor allem deswegen, unzähligen Kaninchen als Biotop. Benno und Silke waren neugierig geworden und gingen durch das Tor in den Park. Sie verfolgten die Spur weiter, bis sie an einem Laubhaufen endete.
»Aha, da haben wir es! Die Arbeiter von der Schlösserverwaltung haben im letzten Herbst das zusammengerechte Laub in Säcke gefüllt, herübergezogen und hinter dem Zaun ausgeleert.« Benno klang irgendwie erleichtert, weil die Sache eine harmlose Erklärung gefunden hatte. Er drehte sich um und schob mit seinem Schuh etwas Laub beiseite. Er erschrak. Unter den Blättern kam ein blauer Joggingschuh zum Vorschein.
»Silke, komm her!« Sie bückten sich und begannen, das Laub beiseitezuschieben. Vor ihnen lag ein Mann auf dem Bauch, er trug einen Trainingsanzug. Seine blonden Haare waren, wie man auf den ersten Blick sah, blutverkrustet. Ohne irgendetwas zu überlegen, fassten sie den Mann an Schultern und Hüfte und drehten ihn um.
»Nein«, schrie Silke auf, ließ los und rannte einige Schritte weg. Auch Benno fuhr in panischem Schrecken auf. Der Mann hatte kein Gesicht mehr. Genauer gesagt, seine Gesichtszüge waren zerstört, als wären sie von einer Ladung Schrotkugeln zerfetzt worden. Sie schauten sich Hilfe suchend um. Kein Mensch war zu sehen. Selbstverständlich hätten sie mit kühlem Kopf per Handy die Polizei anrufen können, aber Benno und Silke waren nicht in der Lage, das selbstverständlich Scheinende zu tun. Ihr Verstand war durch den Schock, den der Anblick verursacht hatte, wie abgeschaltet. Sie sahen vor sich den Flügelbau der Staatskanzlei und rannten einfach los, durch die Galerie aus Stahlträgern an der Seitenfront entlang. An der Ecke des Gebäudes bogen sie nach rechts ab, bis sie vor den gewaltigen Toren, die eher an ein Gefängnis als an einen Regierungssitz erinnerten, außer Atem geraten, stehen blieben. Aus der Tür trat in diesem Augenblick ein Amtsträger, der sich nach seinem Dienst wagen umschaute und die beiden inoffiziellen Besucher übersah. Sie nutzten die Gelegenheit, an dem Mann vorbei in die Eingangshalle zu gelangen. In einer Nische, die man in einem privaten Milieu als Portierloge hätte bezeichnen können, saß ein stämmiger Mann in Uniform, der, ohne dass es eines Wortes bedurft hätte, die strikte Anordnung verkörperte, hier komme ein Weitergehen nicht infrage. Die beiden unfreiwilligen Besucher duckten sich gewissermaßen unter seinem strengen Blick, brachten es aber mit Anstrengung doch fertig zu sagen: »Beim Harmlos liegt einer.«
Der Wachhabende, durch die Mitteilung keineswegs in Aufregung versetzt, fragte ruhig und routiniert: »Kennen Sie ihn? Wie ist sein Name?«
»Wissen wir nicht, er ist ja tot.«
»Ja so, warum sagen Sie denn das nicht gleich? Na ja, dann müssen wir halt die Funkstreife verständigen. Notarzt brauchen wir wohl keinen mehr.«
»Nein, bestimmt nicht, er ist erschossen worden.«
»Das wird ja immer lustiger. Woher wissen Sie denn das so genau?«
»Schauen Sie sein Gesicht an, dann wissen Sie es auch.«
»Sie, gell, Sie müssen übrigens da bleiben, wegen Ihrer Aussage.«
Er hatte inzwischen die zuständige Nummer gewählt, und es dauerte nur wenige Minuten, bis ein Streifenwagen vor der Tür stand. Bei der Staatskanzlei kann sich niemand eine Verzögerung leisten. Die beiden Studenten wiederholten ihre knappen Angaben, die der Wachhabende aufmerksam zur Kenntnis nahm und mit dem vorher Gesagten verglich. Er nickte befriedigt, weil er keine Widersprüche feststellen konnte. Die beiden Streifenbeamten forderten Benno und Silke auf, ihnen den Fundort der Leiche zu zeigen. Sie stiegen in den Wagen und dirigierten den Fahrer den kurzen Weg hinüber zur Pforte des Gartens. Als die Beamten den Zustand des Toten begutachtet hatten, stellen sie übereinstimmend fest: »Ein Fall für die Mordkommission.«
Diese wurde sofort verständigt und traf nach kurzer Zeit mit den Kollegen der Spurensicherung ein. Der Tatort wurde weiträumig abgesperrt. Die Aussage der Entdecker wurde zum dritten Mal aufgenommen, wobei der Hinweis auf die Blutspritzer am Harmlos-Denkmal und die Schleifspuren hinzukam. Dann wurden ihre Personalien festgehalten und schließlich wurde ihnen freundlich bedeutet, dass sich für den Augenblick keine weiteren Fragen ergäben.
»Wenn Ihnen noch etwas einfällt, können Sie mich jederzeit erreichen.« Der Kommissar gab ihnen seine Visitenkarte. Sie waren entlassen. Die Ermittlungsarbeit begann.
Kommissar Wendl drehte sich zu seinem Assistenten Mauritz um und sagte: »Sieht man auch nicht oft, was meinen Sie?«
Der nickte. Dann begann er, entsprechend dem auf der Polizeischule gelernten Ausschlussverfahren, zu überlegen und stellte fest: »An sich könnte es ein Jagdunfall sein. Einer, sozusagen ein Stadtwilderer, geht im Finanzgarten auf Kaninchenjagd und dabei läuft ihm versehentlich ein Jogger in den Weg. Für Jogger spricht auch, dass er keine Papiere bei sich hatte. Jetzt wäre der Todeszeitpunkt wichtig wegen der Lichtverhältnisse. Andererseits passen zu dieser These die Blutspritzer am Denkmal und die Schleifspuren nicht. Beim Harmlos gibt es keine Kaninchen.«
Wendl nickte. »Sehr richtig. Wenn es aber kein, wie Sie sagen, Jagdunfall war, macht die Schrotladung keinen Sinn.«
»Aber auf den Mann wurde geschossen.«
»Das stimmt, nur wissen wir nicht, ob der Schuss seinen Tod verursacht hat. Vielleicht war er schon tot, als auf ihn geschossen wurde!«
»Dann könnte es ein Akt der Rache gewesen sein. Vielleicht wollte der Täter auch, dass man seine Identität nicht feststellen kann. Zumindest hat er auf diese Weise die Identifizierung wesentlich erschwert.«
Wendl hob die Schultern. »Wir müssen die Ergebnisse der gerichtsmedizinischen Untersuchung abwarten.« Er winkte den Kollegen und gab ihnen den Auftrag, den Leichnam in die Gerichtsmedizin zu bringen. Als sie ihn hochhoben, konnte man sehen, dass der Trainingsanzug gar nicht passte; er war viel zu groß.
Zu Mauritz sagte Wendl: »Ach, bevor ich es vergesse, überprüfen Sie doch schon einmal, ob ein Mann mittleren Alters als vermisst gemeldet ist.« Dann ging er durch die Gartenpforte hinaus und sah sich um. Er kam rasch zu dem Schluss, dass auf dem offenen Wiesenstück zwischen Hofgarten, Finanzgar ten und Staatskanzlei eigentlich kaum geschossen worden sein konnte, weil dieses Areal keinerlei Sichtschutz bot, sodass der Täter damit hätte rechnen müssen, von Fußgängern beobachtet zu werden. Zunächst müsste die Feststellung des Todeszeitpunktes abgewartet werden, denn in der Nacht waren auch die Wege beim Harmlos einsam, aber wahrscheinlich war es nicht, dass dort geschossen worden war.
Mauritz holte ihn wieder ein und teilte ihm mit, dass in der Vermisstenkartei nur Frauen, aber kein Mann vermerkt waren.
»Aber etwas anderes haben die Kollegen noch berichtet. Vorgestern war der Heini im Präsidium und hat angegeben, dass sein Freund Schorschi seit ein paar Tagen fort ist. Er meinte, es müsse nichts Besonderes bedeuten, weil der Schorschi im März immer sein Winterquartier unter der Wittelsbacher Brücke verlässt und ins Lehel übersiedelt, aber heuer sei es etwas zu zeitig, wegen dem späten Schnee. Er wollte es bloß sagen.«
Wendl verstand gar nichts. »Wer bitte ist der Heini und was bedeutet das mit diesem Schorschi?«
»Den Heini kennen in München viele Leute. Er ist ein Aussteiger und biwakiert seit mindestens einem Jahrzehnt –wie gesagt –unter der Wittelsbacher Brücke. Früher soll er ein bekannter Lokalpolitiker gewesen sein. Außerdem war er bekennender Extrembergsteiger. Eines Tages, hat er erzählt, ist ihm ein Stein auf den Kopf gefallen und seitdem wurde er recht sonderbar, man könnte sagen, er spinnt. Zuerst fing alles ganz harmlos an. Er wetterte gegen die Zinsknechtschaft. Der Ausdruck hat ihm sehr gefallen, er hat ihn immer wiederholt. Die Zinsknecht schaft muss gebrochen werden, hat er geschrieen. Dann hat er gefordert, dass die Eigentumsgarantie des Grundgesetzes durch den Satz ›Eigentum ist Diebstahl‹ zu ersetzen sei. Schließlich hat er erklärt, man müsse die Dinge ganzheitlich betrachten. Die Erwärmung des Erdklimas werde durch Reibungsenergie verursacht, die beim Aufeinandertreffen der Klasseninteressen entsteht. Danach war er dann in seiner Partei auch Randgruppen nicht mehr zu vermitteln und wurde nicht mehr aufgestellt. Nun begann er eine zweite Karriere als Penner, und da hatte er schon bald Erfolg. Im neuen Milieu erwarb er sich rasch Anerkennung, und die Polizei schätzt ihn auch. Er kümmert sich um die anderen Nomaden und schaut immer, dass alles im Rahmen bleibt. Die Leute in der Isarvorstadt mögen ihn, weil er gewissermaßen zusätzliche Sicherheit und Ordnung bietet. Im vergangenen Jahr feierte er übrigens seinen 75. Geburtstag. Da gab es unter der Brücke ein großes Bürgerfest, und der Bezirksausschuss-Vorsitzende hat ihn zum Ehrenwittelsbacher ernannt. Seine Pennbrüder nennen ihn seitdem Senator, und sie meinen es ernst. Sie haben ja auch Grund dazu.«
Wendl musste erkennen, dass ihm, obwohl er gebürtiger Münchner war, trotzdem gewisse Bereiche des gesellschaftlichen Lebens seiner Stadt bisher unbekannt geblieben waren. Er unterbrach den Redefluss seines Kollegen. »Sehr schön, aber das Problem ist doch nicht der Heini, sondern der Schorschi.«
»Problem ist zu viel gesagt. Der Schorschi ist kein Problem, sondern ein Original. Er ist der letzte Münchner Stadtindianer. Im Frühjahr verlegt er seinen Lebensmittelpunkt ins Lehel, in diesem Stadtteil liegen dann seine Jagdgründe. Er besucht regelmäßig die Geschäfte rund um den Odeonsplatz und nimmt mil-de Gaben in Empfang. Wenn er besonders gut aufgelegt ist, zelebriert er auf der Verkehrsinsel vor dem Haus der Kunst wilde Stammestänze, was die Verkehrspolizei nicht so gern sieht, vor allem nicht in der Stoßzeit, weil es deswegen halt immer größere Stauungen gibt. Zur höchsten Form läuft der Schorschi am Abend auf. Da geht er meistens ins P1, wo er jederzeit Zutritt hat. Er fungiert als eine Art Eintänzer, aber er leistet viel mehr. Wenn es dunkel wird, führt er gern Damen aus, in den Englischen Garten oder in seine Sommerresidenz.«
»Eine Residenz hat der?«
»Residenz, funktional betrachtet. Es ist ein Holzkasten mit Streugut hinter der Obersten Baubehörde, der nach dem Winter während des restlichen Jahres von der Straßenreinigung nicht benutzt wird. Unter den weiblichen Besuchern im P1 gilt der Sandkasten vom George –so wird er dort genannt –als Geheimtipp.«
Wendl wurde, nachdem seine Aufmerksamkeit für diese Münchner Geschichten nachzulassen begonnen hatte, plötzlich aufmerksam.
»Sie sagten, Schorschi alias George streife nachts in der Gegend des vermuteten Tatortes, jedenfalls des Fundortes herum. Vielleicht hat er ja etwas bemerkt. Fragen müssten wir ihn.«
Mauritz strahlte. »Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Wir müssen ihn unbedingt fragen.«
»Aber wie finden wir ihn?«
»Das dürfte kein Problem sein. Dafür haben wir jetzt wieder den Heini. Wenn wir ihm den Zusammenhang schildern, regelt der das in kürzester Zeit.«
So kam es. Das Informationssystem der Aussteiger funktionierte perfekt, und so betrat am nächsten Vormittag Schorschi das Polizeipräsidium und verlangte vom Pförtner, ihn beim Kriminalhauptkommissar Wendl zu melden. Auf dessen Frage, worum es gehe, erklärte Schorschi mit schwarzem Bass »um Mord«, wobei er das r so fürchterlich rollte, dass der erschrockene Mann sofort zum Hörer griff und die verlangte Verbindung herstellte.
»Das ist schön, dass Sie das so schnell möglich gemacht haben, Herr …?«
»Der Name tut nichts zur Sache«, erwiderte Schorschi mit einer wegwerfenden Handbewegung, denn er war sich seiner gesellschaftlichen Stellung bewusst.
»Am Vormittag habe ich immer Zeit, sogar für die Staatsorgane.«
Wendl lächelte nachsichtig. »Es handelt sich nämlich um Folgendes: Gestern, am späten Mittwochnachmittag, wurde im Finanzgarten eine männliche Leiche gefunden. Den genauen Tatzeitpunkt wissen wir noch nicht, aber ich vermute, dass er nicht länger als 24 Stunden zurückliegt. Waren Sie zufällig in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch in der Gegend?«
»Zufällig nicht, aber gewohnheitsmäßig schon.« Schorschi strahlte eine unheimliche Souveränität aus.
»Wo waren Sie genau, wenn ich fragen darf?«
»Sie dürfen. Am Dienstagabend war ich im P1, das ist normal. Zwischen zwölf und ein Uhr bin ich mit einer Lady abgezogen, in meine Villa.«
»Sie meinen, in Ihren Sandkasten?«
»Na ja, wenn Sie es sowieso schon wissen.«
»Und was war dann?«
»Entschuldigen Sie, Herr Kommissar, aber versuchen Sie einen Mord aufzuklären oder treiben Sie Sexualforschung?«
»Ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten. Ich wollte nur fragen, ob Sie etwas bemerkt haben, ob Sie zum Beispiel einen Schuss gehört haben?«
»Wie wir rübergegangen sind, habe ich niemand gesehen. Aber als wir schon eine Zeit lang in der Kiste waren, ist ein Schuss gefallen, jedenfalls hat es so ähnlich geklungen. Ich kenne mich mit Schusswaffen nicht so aus.«
»Und wie haben Sie reagiert? Sind Sie nicht aus Ihrer Behausung herausgeklettert, um zu sehen was los war? Ein Schuss in unmittelbarer Nähe der Bayerischen Staatskanzlei ist doch ungewöhnlich und höchst verdächtig.«
»Also ich bitte Sie, ich stehe der öffentlichen Sicherheit und Ordnung prinzipiell durchaus positiv gegenüber, aber wegen einem Gewehrschuss unterbreche ich doch keinen Orgasmus, auch nicht in der Nähe der Bayerischen Staatskanzlei, nein wirklich nicht. Was hätte denn die Dame von mir gedacht? Ich habe ja auch einen Ruf zu verlieren.«
Hauptkommissar Wendl wusste in diesem Augenblick, dass sich die Spur Schorschi/George im wahrsten Sinne des Wortes im Sande verlaufen hatte. »Schade, aber trotzdem vielen Dank.«
Schorschi verneigte sich und schritt zum Ausgang. An der Tür blieb er noch einmal stehen und sagte: »Wenn Sie noch eine Frage haben, stehe ich Ihnen zur Verfügung, falls es meine Zeit erlaubt.«
Am Nachmittag klingelte das Telefon. Am Apparat war der Gerichtsmediziner. Wendl war gespannt. »Zunächst zum Zeitpunkt, zu dem der Tod eingetreten ist. Also, gestern zwischen Mitternacht und ein Uhr plus/minus, Sie wissen schon. Aber jetzt kommt das Interessante. Der Schuss war nicht tödlich, er wurde erst nachträglich abgefeuert.«
»Habe ich mir schon gedacht«, sagte Wendl.
»Ja, aber woran er gestorben ist, wissen Sie nicht«, hielt ihm der Arzt entgegen. »Er wurde vergiftet. Wir haben Spuren von Blausäure gefunden. Die genaue Wirkungsweise gebe ich Ihnen schriftlich. Sie bekommen meinen Bericht noch heute. Außerdem hatte er vor seinem Tod einige Cocktails mit Gin getrunken.«
»Und die Blutspuren am Denkmal?«
»Er könnte sich, als er das Bewusstsein verlor, beim Sturz an dem Stein verletzt haben. Sie wissen ja, dass man Wunden in dem Gesicht nicht mehr feststellen kann.«
»Ich weiß, aber so könnte es gewesen sein. Fürs Erste vielen Dank, Doktor. Die Leiche ist natürlich noch nicht freigegeben. Noch eins, nehmen Sie doch bitte Gewebeproben für einen eventuellen DNA-Abgleich.«
»Ist schon geschehen.«
»Nochmals vielen Dank.«
Wendl lehnte sich zurück. Dann rief er Mauritz an und berichtete ihm, was er erfahren hatte. »Trotz einer Reihe von Einzelhei ten, die wir wissen, fangen wir im Grunde genommen bei Null an. Keine Identität des Opfers, kein Hinweis auf seine Herkunft, vom Motiv gar nicht zu reden. Der einzige Anhaltspunkt ist jetzt das Gift und die Annahme, dass das Opfer absichtlich unkenntlich gemacht werden sollte.«
»Und die Wahrscheinlichkeit, dass das Opfer kurz vor seinem Tod in einer Bar einige Cocktails mit Gin getrunken hat. Die Bar dürfte den Umständen nach nicht allzu weit vom Tatort entfernt liegen.«
»Was haben wir denn da in der näheren Umgebung?«
»Ich kenne mich auch nicht so aus, aber ich frage einmal die Susi.«
Susi war die Sekretärin in der Mordkommission und in Lifestyle-Fragen im Allgemeinen gut unterrichtet. Sie freute sich jedes Mal, wenn sie die analytischen Fähigkeiten ihrer männlichen Kollegen mit ihrer weit gespannten praktischen Lebenserfahrung unterfüttern konnte, und diese waren ebenso froh, dass sie Susi hatten. Die Hoffnung, die sie in Susis Weltklugheit gesetzt hatten, trog auch diesmal nicht.
»Was sagt ihr? Ein Cocktail auf Gin-Basis? Kennt ihr Schumanns Bar?«
Mauritz antwortete als Erster. »Meinst du die an der Ecke Maximilianstraße/Altstadtring?«
Susi lachte schallend. »Ihr seid wirklich megaout. Schumanns ist schon seit Jahren neben dem Filmkasino. Der Hendricks Tonic ist derzeit ein Insiderdrink bei Schumanns, Hendricks ist eine hervorragende Gin-Marke.«
Wendl und Mauritz schauten sich erstaunt an. »Filmkasino? Das ist doch gleich neben der Galeriestraße, wenige Hundert Meter vom Tatort entfernt?«, riefen beide unisono. »Wir gehen noch heute hin.«
»Nehmt ihr mich mit?«, bat Susi, »es könnte die Ermittlungen fördern. Ich kenne mich dort aus.«
Selbstverständlich waren sie dazu bereit, ja sogar dankbar, denn bei der Vorstellung, dass zwei ältere Herren eine derart modische Bar besuchen, empfanden sie einen leichten Minderwertigkeitskomplex.
Gegen 17 Uhr wurde der Autopsiebericht gemailt. Er enthielt Näheres zum Gift und seiner Wirkung. Es war Blausäure, die sofort resorbiert wird und ein Enzym blockiert, wodurch die Zellatmung unterbrochen wird. Der Erstickungstod tritt dann sehr schnell ein. Und dann war noch etwas: An der Innenseite der rechten Hand des Toten waren mehrere winzige Einstiche festgestellt worden. Wendl rief umgehend den Gerichtsmediziner an.
»Ich lese gerade Ihren Bericht. Hochinteressant. Zyankali also. In den Drink kann es nicht gemischt worden sein, sonst wäre er im Lokal umgefallen. Wir haben übrigens eine Idee, wo er die Drinks zu sich genommen haben könnte. Aber deswegen rufe ich nicht an. Mich interessiert vielmehr etwas anderes. Sie erwähnen Einstiche im Handteller. Können Sie mir dazu noch Näheres sagen?«
»Das hat mich natürlich auch interessiert. Ich habe ein bisschen in meiner Bibliothek gestöbert und bin auf ein altes medizingeschichtliches Werk gestoßen. Sie kennen doch das alte Sprichwort: Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, fehlt dir nichts?«
Er wartete auf eine zustimmende Reaktion, die aber nicht kam.
»Ja, also kurz gesagt, bereits im Mittelalter kannte man den Gebrauch sogenannter Giftringe. Dabei war der Ringkörper hohl und enthielt das Gift. An der Außenseite des Rings waren winzige Stacheln, die ebenfalls hohl waren. Wenn der Täter dem Opfer kräftig die Hand drückte, bohrten sich die Stacheln in dessen Haut und durch den Druck wurde das Gift aus dem Ring durch die Stacheln in die Blutbahn des Opfers gepresst. Diese Praxis war in ganz Europa verbreitet. Vor allem aus Venedig gibt es dazu zahlreiche Berichte.«
Wendl schwieg.
»Hallo, sind Sie noch da?«
»Ja, ich bin allerdings da, und mir wird in diesem Augenblick klar, wie es passiert sein könnte. Der Täter hat sich vom Opfer beim Harmlos verabschiedet. Danke, Doktor, Sie haben mich ein ganzes Stück weitergebracht.«
Wendl rief dringend nach Mauritz und informierte ihn über das Gespräch. Jetzt war der Tathergang beiden klar. Täter und Opfer waren zusammen durch die Galeriestraße gegangen und hatten sich beim Harmlos verabschiedet. Die Sache macht aber nur Sinn, wenn das Opfer seinen Weg in Richtung Osten fortsetzen wollte, aber nicht zu weit, sonst hätte es am Odeonsplatz die U4 oder U5 oder auch den 100er-Bus genommen.
»Lassen Sie alle Hotels und Pensionen zwischen Isar und Altstadtring befragen, ob seit vorgestern ein männlicher Gast vermisst wird?«
»Wird erledigt.«
»Das Beiseiteschaffen der Leiche und die Geschehnisse im Finanzgarten sind etwas anderes, darauf kommen wir später. Aber jetzt gehen wir zum Schumann.«
»Zu Schumanns, wenn ich mir den Hinweis erlauben darf!«
»Gut, rufen Sie die Susi.«
Als sie die Bar betraten –es war früher Abend –hielt sich der Publikumsandrang noch in engen Grenzen.
»Hi Susi«, der Kellner Mike grinste, »heute mit doppelter Bedeckung!«
Susi überhörte den anzüglichen Ton und sagte knapp und sachlich: »Heute auf dem Dienstweg.«
»Da bin ich aber gespannt.«
Wendl und Mauritz zeigten ihre Dienstausweise. Wendl eröffnete die Runde. »Herr Mike, wenn ich so sagen darf, wir ermitteln in einem Mordfall, und es gibt Gründe für die Annahme, dass die Tatbeteiligten kurz vor der Tat Ihr Lokal besucht haben. Waren Sie am Dienstagabend hier?«
»Ja, bis zum Schluss.«
»Gut, das passt. Uns interessiert nämlich vor allem der Zeitraum eine halbe Stunde vor bis eine halbe Stunde nach Mitternacht.«
»Da waren nicht mehr viele Gäste da.«
»Ist Ihnen ein Mann aufgefallen, ungefähr 1,75 Meter groß und blond, der vielleicht einen Trainingsanzug trug?«
»Also mit einem Trainingsanzug kommt zu uns eher selten einer rein. Der vom Dienstagabend, den Sie beschrieben haben, hatte bestimmt keinen an. Er war übrigens nicht allein.«
»So, wer war denn bei ihm?«
»Eine Dame.«
»Eine Dame? Können Sie diese beschreiben?«
»Logisch, Damen immer. Normale Größe, ein elegantes graues Kostüm und auffallend hohe Absätze. Die sehe ich sofort, ich stehe auf legs, wenn Sie wissen, was ich meine?«
Wendl wusste.
»Sie hatte rote Haare und eine auffällige Frisur. Die war so aufgebrezelt, dass es eine Perücke hätte sein können –stehe ich nämlich auch drauf.« Mike schnalzte mit der Zunge.
»Das ist sehr instruktiv, was Sie da erzählen. Sie könnten uns sicher bei der Anfertigung der beiden Phantombilder helfen.«
»Logisch, ich kann Ihnen sogar noch ein drittes liefern, wenn Sie wollen?«
»Reden Sie bitte, wir sind sehr gespannt.«
»Also, bevor die zwei gegangen sind, kam noch ein Mann herein, in einem hoch geschlossenen dunklen Mantel und mit einer Sonnenbrille. Er war groß und ziemlich kräftig. Er schaute herum, als ob er jemand sucht, wie gesagt, es waren nur noch wenige Gäste da. Über der Schulter trug er übrigens einen schwarzen Golfsack. Da ich die Dame nicht aus den Augen gelassen hatte, man weiß ja nie, fiel mir auf, dass sie seinen Blick erwiderte. Er ist dann sofort wieder hinausgegangen. Mir kam es so vor, als wollte er ihr einen Wink geben. Sie hat dann die Rechnung verlangt, bezahlt, und dann sind sie auch gegangen.«
»Sonst gab es nichts mehr, was Ihnen auffiel?«
»Nein, sonst war nichts mehr, aber das war doch schon was.«
»Allerdings, das war schon sehr gut.«
»Mike, du bist Spitze«, rief Susi und Wendl fügte hinzu: »Das nächste Mal trinken wir einen Hendricks Tonic, ich nehme an, er heißt so. Wir wünschen noch einen schönen und vor allem ertragreichen Abend. Auf Wiedersehen.«
Sie gingen langsam die Galeriestraße entlang, schweigend, bis Mauritz sagte: »Das ist ja wie ein Puzzle. Ein Stück passt zum anderen. Die beiden gehen die Straße da vor wie wir jetzt. Der dritte Mann läuft parallel dazu auf der Hofgartenseite durch die Arkaden. An der Ecke wartet er und beobachtet, wie sie die Sache mit dem Giftring durchzieht und dann verschwindet. Er läuft hin und erledigt den Rest. Das heißt, er zieht den Ermordeten in den Finanzgarten, wechselt sein Gewand gegen den Trainingsanzug und verpasst ihm die Schrotladung. Die Flinte hatte er natürlich in dem Golfsack. Ziemlich cool, war wohl ein Profi. Der Tathergang ist damit ziemlich wahrscheinlich, jetzt müssen wir nur noch wissen, wer wer war?«
»Nur noch«, sagte Wendl und atmete tief durch.
Die Befragung der Hotels und Pensionen brachte keine Ergebnisse. Ab Freitag standen die Phantombilder zur Verfügung. Sie wurden über das Wochenende in den Clubhäusern aller Golf-clubs in der Umgebung Münchens gezeigt, aber niemand erkannte eine der dargestellten Personen, und niemand erinnerte sich an jemanden, der mit einem schwarzen Golfsack eine Run-de gespielt hätte.
Die Presse berichtete täglich Nichtssagendes.
»Wir befinden uns jetzt im sogenannten Saal des Diomedes«, sagte die junge Archäologin zu der Besuchergruppe, die sie führte. »Der Saal ist nach der Marmorstatue in der Mitte des Raumes benannt, die den griechischen Helden Diomedes darstellt. Er spielte dem Mythos nach eine wichtige Rolle im Trojanischen Krieg. Im zehnten Jahr dieses Krieges schien es so, als ob die Belagerung der Stadt Troja durch die Griechen letzten Endes erfolglos sein würde. Ein Orakel hatte geweissagt, dass die Stadt nicht fallen könne, solange ein altes Götterbild im Tempel des Palastes verwahrt und verehrt würde. Zwei der griechischen Kämpfer, nämlich dieser Diomedes und Odysseus, waren bereit, das Abenteuer zu wagen und die Statue zu entführen. Sie überwanden nachts die Mauern der Stadt, drangen heimlich in den Palast ein und raubten das Heiligtum. Als sie sich auf dem Rückweg in das griechische Lager befanden, fasste Odysseus den Entschluss, den vor ihm gehenden Kameraden mit einem Schwertstreich zu töten, um den Ruhm des Diebstahls allein genießen zu können. Als er seine Waffe zückte, blitzte die Klinge im Mondlicht, wodurch Diomedes aufmerksam werden und den Plan vereiteln konnte. Diesen Augenblick zeigt das Marmorbild. Diomedes wendet sich gerade um und erkennt die Absicht des Odysseus. Sie müssen sich vorstellen, dass er hier im linken Arm die Beute und mit der rechten Hand das Schwert trug. Es handelt sich übrigens, wie bei den meisten Standbildern, um römische Kopien der griechischen Originale, die in Bronze gegossen waren. Die Originale sind, bis auf wenige Ausnahmen, verloren gegangen, weil sie im Laufe der Jahrhunderte wegen ihres Materialwertes eingeschmolzen wurden. In diesem Saal haben wir nur ein Original einer Marmorstatue, die Athena dort hinten in der Ecke, der der Kopf abgeschlagen ist.«
Eine Besucherin hob den Finger. »Mir ist immer schon aufgefallen, dass bei vielen antiken Statuen der Kopf oder wenigstens die Gesichtshälfte abgeschlagen ist. Hat das einen besonderen Grund?«
Die Führerin war für das geäußerte Interesse dankbar und antwortete: »Ein Grund liegt sicher darin, dass der Kopf ein exponierter Körperteil ist, der leicht abbrechen kann. Es ist aber auch so, dass man in späteren Jahrhunderten, in christlicher Zeit, in antiken Statuen nicht in erster Linie Kunstwerke sah, sondern heidnische Götzenbilder, deren Erinnerung möglichst ausgelöscht werden sollte. Das geschah am wirksamsten dadurch, dass man die Gesichter zerstörte, die die Individualität des dargestellten Wesens spiegelten. Es handelte sich also um einen Akt des Glaubens. Ich darf Sie jetzt aber bitten, mir in den nächsten Raum zu folgen.«
Ein einzelner Besucher, der nach der Gruppe den Saal betreten hatte, war stehen geblieben und hatte einen Teil der Erklärungen mitgehört, hatte sich allerdings nicht sehr darauf konzentrieren können und war dann auch ziemlich rasch weitergegangen. Er wirkte unruhig und lief durch den Raum mit den Giebelfiguren des Äginetentempels, ohne auf die Exponate, die den kostbarsten Besitz des Museums darstellten, zu achten. Erst als er zwischen den zahlreichen schlanken Steinsäulen stand, von denen Portraitbüsten römischer Kaiser und anderer Würdenträger ernst und streng auf ihn herabblickten, blieb er wieder stehen. Er hatte ein Gefühl, wie wenn er sich auf einen Friedhof verirrt hätte, auf dem sich der Komtur aus Mozarts »Don Giovanni« vervielfacht hatte. Als er sich plötzlich dem gemütlichen Mopsgesicht des Kaisers Nero gegenübersah, fühlte er sich geradezu erleichtert, obwohl er nach den überlieferten Schauergeschichten von diesem Mann am wenigsten Gutes hätte erwarten können. Aber das wusste er nicht. Unruhig drehte er sich um und ging den Weg, den er gekommen war, wieder zurück, passierte die Gruppe der ihm schon bekannten Besucher, denen gerade vor den beiden Äginetenscharen der Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Trojanischen Krieg erläutert wurde, was ihn aber nicht zu einem weiteren Aufenthalt veranlasste, und blieb erst in der Rotunde mit dem Barberinischen Faun wieder stehen.
Seine Unruhe verriet, dass er die Glyptothek nicht aus archäologischem Interesse besuchte. Er machte vielmehr den Eindruck, als habe er sich mit jemandem verabredet, als erwarte er jemanden, und zwar an einem Ort, der nicht gerade populär zu nennen und der deshalb ausgewählt worden war, weil er ein unauffälliges Treffen ermöglichte. Immer wieder schaute er auf seine Armbanduhr, und der Anblick des lässig hingestreckten Satyrs, der augenscheinlich keinerlei Zeitdruck verspürte, steigerte seine Unruhe nur noch. Er zog ein Notizbuch aus seiner Jackentasche und kontrollierte die kalendarische Eintragung, aber der Termin stimmte. Er ging in Gedanken durch, was verabredet worden war, konnte aber keine Unklarheit entdecken. Er war es nicht gewohnt, warten zu müssen, und der Unmut über die gegebene Situation wurde auch nicht wesentlich durch den Gedanken gemildert, dass seine nach Stunden berechneten Honorarsätze recht ordentlich bemessen waren.
