Tokio Vampire - Florine Roth - E-Book

Tokio Vampire E-Book

Florine Roth

0,0

Beschreibung

Das Leben an sich kann ja schon kompliziert genug sein. Aber was macht man, wenn man sich in den Freund seiner eigenen Schwester verknallt? Was, wenn dieser Freund der Frontmann einer bekannten Band ist? Und was, wenn man herausfindet, dass der sich von Blut ernährt?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 182

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Florine Roth

Impressum

© dead soft verlag

Originalausgabe, Mettingen 2010

http://www.deadsoft.de  -  Gay Storys mit Stil

[email protected]

© the author

[email protected]

Cover: Christopher Müller

Bilder:

© G. Light – fotolia.de

© Ivan Bliznetsov – fotolia.de

1. Auflage

ISBN 978-3-934442-58-0 (print)

ISBN 978-3-943678-54-3 (epub)

Widmung

für Bill

Es hat großen Spaß gemacht, etwas zu schreiben, was nicht so ist. Was aber vielleicht so sein könnte ...

 „Komm schon, Are. Ich wette, das Album verkauft sich mit dem neuen Titel besser!“

„Was machst du, wenn du die Wette verlierst?“

„Wenn ich daneben liege, kannst du dir was von mir wünschen.“

Ares Augen blitzten belustigt auf. „Ich glaube nicht, dass du bereit bist, diesen Preis zu zahlen.“

***

„Hast du schon das neue Album von ‚Devil in Blood’?“

„Nein, wie heißt es?“

„Tokio Vampire. Und ich sag dir – das musst du dir kaufen!“

Prolog

Ich nenne ihn Are. Das habe ich von Anfang an getan. Niemals „Air“, wie die anderen. Nur Are, ein ganz normaler Junge. Das dachte ich jedenfalls. Am Anfang.

Mein Name ist Liam, und ich bin 17 Jahre alt. Als ich Are kennenlernte, war ich 16. Niemals hätte ich gedacht, dass mein Leben sich so verändern könnte. Nie. Aber ich bereue keinen Tag.

- no apologies, no regrets* -

1

Ich saß am Tisch und drehte und wendete den Gummiritter in meinen Händen. Gedankenverloren betrachtete ich das Plastikschwert und die filigran gearbeiteten Elemente der Rüstung. Und für eine Sekunde wünschte ich mir, mit diesem Gummihelden tauschen zu können. Nur für ein oder zwei Tage.

„Ich kann auch bei Philipp übernachten“, bemerkte ich und versuchte es nebensächlich klingen zu lassen.

Leo, meine Schwester, drehte sich ruckartig zu mir um. „So’n Quatsch! Kommt gar nicht infrage. Du bist mein Bruder, und du bist selbstverständlich eingeladen!“

Ich seufzte und lächelte ein wenig verlegen. Leo, also eigentlich Leonara, wurde 18 Jahre alt. Und unsere Eltern hatten zugestimmt, ihr unser Haus für ein ganzes Wochenende zu überlassen. Vermutlich war das leichtsinnig, oder sogar völliger Irrsinn, denn die Freunde meiner Schwester waren überwiegend ... nun, ein wenig speziell.

Wie meine Schwester, und das machte mich unruhig. Was auch der Grund war, warum ich ihr eben den Vorschlag unterbreitet hatte, für das betreffende Wochenende auszuziehen. Aber ganz offensichtlich passte das Leo nicht in den Kram. Ich hatte nur noch nicht herausgefunden, warum sie mich unbedingt dabei haben wollte! Ich war ihr kleiner Bruder, im Gegensatz zu ihr völlig unscheinbar. Und das war auch so gewollt. Ich hatte nämlich Dinge zu verbergen, und da konnte es nicht schaden, nahezu unsichtbar zu sein. Aber dazu später.

Meine Schwester schob ihre schwarz gefärbten Haare aus dem Gesicht und musterte mich mit zusammengekniffenen Augen.

„Komm schon, ich brauch deine Hilfe, Bruderherz.“

„Was soll ich denn tun? Die Getränke reichen? Oder die Kotze wegwischen?“

Leo grinste. „Beides natürlich.“

„Ach, Scheiße“, murmelte ich aufsässig.

„Meine Freunde mögen dich“, behauptete sie und widmete sich wieder dem Spaghetti-Topf, denn das Wasser kochte gerade über.

„Deine Freunde haben mich noch nicht einmal zur Kenntnis genommen“, korrigierte ich und stellte den Gummiritter zur Seite. „Und das sollte auch so bleiben.“

„Ich habe keine Ahnung, warum du dich versteckst, Liam. Du siehst passabel aus, bist nicht auf dem Kopf gefallen ...“ Sie warf einen kurzen Blick über ihre Schulter. „Okay, deine Klamotten sind jetzt nicht gerade der Hit ...“

„Danke!“

„... aber daran könnte man ja was ändern.“

Ich fand meine Klamotten ganz in Ordnung. Aber Leo und ihre Freunde standen auf schwarz, Leder, löchrig und schrill. Sogar jetzt trug meine Schwester einen Minirock und eine schwarze Korsage, dabei hatte sie nicht mal vor, heute noch rauszugehen. Aber klar, man konnte ja nie wissen – vielleicht stand ja plötzlich Robert Pattinson vor der Tür!

„Hannah und Lilyana finden dich übrigens süß.“

„Klar, Hannah und Montana, Bibi und Tina und Harry Potter“, ätzte ich.

Leo schwieg eine Weile, dann sagte sie: „Stehst du auf Daniel Radcliffe?“

Ich zog es vor, darauf nicht zu antworten. Daniel Radcliffe trug wenigstens keine löchrigen Strumpfhosen.

„Oder nur auf deine Gummiritter?“

Ich hatte keine Chance. Das Wochenende kam, unsere Eltern verabschiedeten sich – sah ich da nicht einen sorgenvollen Ausdruck in ihren Gesichtern? Ich konnte es ihnen nicht verdenken. Und ich steckte jetzt mit drin. Aus der Nummer kam ich nicht mehr raus. Ich schleppte mit meiner Schwester Getränkekisten und wurde ständig herumkommandiert. Und dann fing sie an, an meinem Aussehen herumzumäkeln. Das tat sie ja sonst auch, doch dieses Mal hatte sie es vor. Dieses Mal war sie fest entschlossen, mich für ihren Abend umzustylen.

„Liam, du bist immer noch Jungfrau! Rate doch mal, woran das liegen könnte?!“

Ich wurde ja nicht häufig rot, aber bei diesem Thema spürte ich, wie mir die Hitze in die Wangen schoss. „Ich ... ich ... keine Ahnung!“

Eine Stunde später saß ich in schwarzen Klamotten vor dem Spiegel, mit hochtoupierten Haaren und Lidstrich und dachte, wer-zur-Hölle starrt mich da an?!

„Geil, oder?“

Leo sah mich zufrieden an.

Mir fehlten die Worte. Aber so würde ich zwischen ihren Freunden sicher nicht groß auffallen. Ich räusperte mich. „Ich wusste gar nicht, dass du Halloween feierst.“

„Du bist ja echt lustig“, sagte meine Schwester. Denn faktisch war ihr Geburtstag am 31. Oktober. „Jetzt hopp, wir haben noch einiges zu tun.“

In dieser Aufmachung war ich noch unsicherer als ohnehin schon. Ich kam mir vor wie verkleidet. Ich war einfach nicht ich selbst. Und irgendwie war ich das sonst schon nicht. Es würde der blanke Horror werden. Und dieses Mal konnte ich mich nicht verstecken. Nicht in diesem Kostüm.

Die ersten Gäste trafen ein. Leute, die ich vom Sehen kannte. Freunde meiner Schwester, eigenartig uniformiert in ihrer schwarzen Aufmachung. Aber das war ich ja jetzt auch. Und es war seltsam skurril, dass wir uns in dieser Umgebung trafen. Unsere Eltern waren wirklich nicht spießig eingerichtet, aber wir alle sahen aus wie Draculas Kumpels – auf der Wohnzimmercouch unserer Eltern! Verrückt und ein bisschen peinlich.

„Du siehst cool aus heute“, bemerkte Hannah neben mir.

„D... danke“, stammelte ich und suchte fluchtartig das Weite. Nach dem Schrecken musste ich mir erst einmal ein Bier gönnen. Das stieg mir gleich in den Kopf, da ich ansonsten keinen Alkohol trinke. Aber außer einer angenehmen Schwere passierte nichts.

Meine Schwester stand plötzlich neben mir. „Mann, so wird das nichts!“, raunte sie mir ins Ohr. Ich machte einen erschrockenen Sprung zur Seite. „Sag mal, trinkst du etwa Alk?“

Ich sah sie verärgert an. Warum musste sie sich immer einmischen. „Ein Bier!“

„Du spinnst wohl! Du weißt doch, dass du keinen Alkohol trinken darfst, solange du die Medikamente nimmt.“

Ich grunzte ungnädig. Nicht die Leier! Ich war ja nicht geisteskrank oder so.

Doch zum Glück wurde diese Diskussion nicht weiter vertieft, denn es kam eine gewisse Unruhe unter den anwesenden Gästen auf. Leo sah zu den anderen hinüber.

Und plötzlich hörte ich: „Ich glaub das nicht!“ – „Er ist tatsächlich gekommen.“ – „Abgefahren. Hätte ich nicht gedacht.“

Ich horchte auf. Wen konnten sie meinen? Hatte meine Schwester letzten Endes doch noch einen Filmstar aufgetrieben? Der Gedanke war so verrückt, dass mir ein leicht dümmliches Grinsen auf das Gesicht kroch.

Leo ließ mich einfach stehen und trabte zu ihren Freunden. Ich atmete auf. Aber natürlich wusste ich, dass sie mit dem Thema noch einmal um die Ecke kam. Doch, wer immer gerade angekommen war, er schien ziemlich wichtig zu sein und die Aufmerksamkeit aller auf sich zu lenken. Das war hervorragend, denn so konnte ich mich umgehend verdrücken. Ich musste erst mal frische Luft schnappen. Das wurde mir alles zu eng, ich hatte das Gefühl, als könnte ich nicht mehr atmen. Ein Gefühl, das ich kannte. Ich wusste nicht, woher es kam. Aber ich wusste definitiv, dass ich es nicht lange aushalten konnte.

Ich wurde wütend, weil etwas mit mir passierte, das ich nicht beeinflussen konnte. In solchen Momenten, und die waren selten, fühlte ich mich wie behindert. Eingeschränkt. Unzulänglich. Verrückt.

Egal, wie ich es nannte, jetzt hatte es mich im Griff.

Verfluchte Kacke!

Ich biss die Zähne aufeinander und machte mich im Laufschritt auf, Richtung Terrassentür. Wirklich, ich versuchte, nicht aufzufallen. Ich hatte meinen Gesichtsausdruck eisern unter Kontrolle. Und vielleicht hätte ich sogar stehenbleiben können, wenn mich jemand angesprochen hätte. Auf jeden Fall wäre ich in der Lage gewesen, mir eine super Ausrede für meine Eile aus den Fingern zu saugen.

Und dann rannte ich in jemanden hinein.

BAMM!

Ich wurde nach hinten katapultiert, als hätte ich einen Baumstamm gerammt und landete auf dem Hintern. Verdutzt saß ich auf dem Boden, meine Landefläche schmerzte, und ich wusste wirklich nicht, was da gerade passiert war. Die Kollision hatte mich jedenfalls abrupt aus meinem Film befreit. Langsam schaute ich hoch. Meine Augen wanderten über schwarze Hosenbeine nach oben, blieben kurz an einem silbernen Nietengürtel hängen, der nicht komplett in die Gürtelschlaufen gezogen war und daher locker auf einem Oberschenkel ruhte. Es folgte ein dünnes schwarzes Shirt, mit langen Ärmeln, aber schulterfrei. Und dann wagte ich einen Blick in das Gesicht dieses Wesens, an dem ich abgeprallt war wie an einer Betonmauer.

„Entschuldige, hast du dir wehgetan?“ Diese Stimme ging mir durch und durch, sie setzte mich augenblicklich in Flammen.

Ich war komplett sprachlos. Dieses Wesen war ... männlich. Zumindest ging ich zunächst einmal davon aus. Obwohl das Gesicht so fein geschnitten war, dass er ohne Weiteres auch als Mädchen durchgegangen wäre. Die Augen waren auffällig schwarz geschminkt, der Mund schmal und zart geschwungen. Die Nase perfekt geformt, und die Augen in einem satten Braunton mit riesigen Pupillen ... Gott, diese Augen! Die Haare waren schwarz, länger als meine und zu wilden Stacheln frisiert. Ich musste ihn anstarren und machte mich sicher gerade komplett zum Idioten!

Weil ich immer noch nichts sagte, reichte der Junge mir die Hand, um mich hochzuziehen. Ich war froh, dass ich wenigstens darauf reagieren konnte.

Seine Hand war kalt und glatt. Er war bestimmt erst gerade von draußen hereingekommen. Mit einem sanften Ruck wurde ich wieder auf die Beine gestellt. Ich war erstaunt, dass er sich gar nicht anstrengen musste, denn er war kaum größer als ich und eher schmal. Schmale Schultern, schmale Hüften, fast wirkte er jünger als ich, obwohl er mit Sicherheit mindestens so alt war wie meine Schwester.

„Danke“, presste ich schließlich hervor.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte er besorgt.

„J... ja, klar.“

Ich war noch immer völlig durcheinander, meine Knie waren weich wie frisch gekochter Pudding. Wie konnte ein Typ so geil aussehen? Und wieso musste ich ausgerechnet in ihn hineinrennen? Und warum war ich überhaupt so überwältigt von einem Kerl? Okay, nein, diese Frage musste ich mir nicht wirklich stellen. Ich hatte es schon immer gedacht oder befürchtet. Ich hatte gehofft, ich hätte mich nicht festgelegt, und vielleicht war das auch so – denn immerhin sah Mr. Beton bei aller offensichtlichen Männlichkeit aus wie ein Mädchen. All diese und noch 2000 andere Gedanken schossen gleichzeitig durch meinen Kopf, was für das Gespräch, das sich vielleicht hätte ergeben können, nicht gerade förderlich war.

Und so schenkte mir mein Gegenüber noch einen amüsierten Blick und fragte im Weggehen: „Wie heißt du?“

„Lllll... Liam.“ NEIN! Das Gefühl des Versagens schlug über meinem Kopf zusammen. Ich zwang mich ruhig zu bleiben. Super, jetzt konnte ich nicht einmal mehr meinen eigenen Namen fehlerfrei sagen! Ich hätte mir in den Arsch beißen können. Ich hatte schon seit Ewigkeiten nicht mehr gestottert! Das konnte doch alles nicht wahr sein! Ich wünschte, der Boden würde sich auftun, um mich zu verschlucken. Aber das war nicht nötig, denn der Typ war bereits gegangen. Wäre ich wohl auch an seiner Stelle.

„Hee, was ist denn mit dir? Hast du einen Geist gesehen?“

Ich drehte mich zur Seite und sah in Lilyanas Gesicht. „Nein, alles okay. Ich bin nur gerade mit jemandem zusammengeknallt.“ Gut, okay, das Sprechen funktionierte wieder einwandfrei. Seltsam, aber gut.

Sie sah sich um, konnte aber in meiner unmittelbaren Nähe niemanden sehen. Ich auch nicht. Wie lange hatte ich hier wie versteinert herumgestanden?

„Aha.“

Da ich keine Anstalten machte, das Gespräch fortzusetzen, wollte sie mich ebenfalls stehen lassen, da gab ich mir einen Ruck. Ich musste mich jetzt zwingen, nicht immer darüber nachzudenken, ob ich vielleicht bei irgendeinem Wort hängen bleiben würde. Meine echte Stotterzeit war schon lange her, ich wollte diese Angst davor, die langsam wieder aus einem Winkel meines Gehirns kroch, aus meinem Bewusstsein verbannen. Langsam und deutlich fragte ich: „Sag mal, der Typ, der aussieht wie ein Mädchen – wer ist das?“

Sie runzelte die Stirn. „Meinst du, Air? Der ist Hammer, nicht?“

„Air? Was ist denn das für ein Name?“

„Are heißt er, aber so nennt ihn wohl keiner. Der ist die neueste Errungenschaft deiner Schwester. Singt in einer Band ... Devil in Blood. Kennst du die nicht?“

Ich durchforstete mein Gehirn, denn irgendwie kam mir der Bandname bekannt vor. Lilyana musterte mich in der Zwischenzeit, als hätte ich den Verstand verloren.

„Warum willste denn das wissen?“

„Ach, ich frage nur, weil ich mit dem zusammengestoßen bin. Und ich habe ihn noch nie vorher gesehen“, redete ich mich heraus. Are. Air. – Na,wie Luft hatte er sich nicht gerade angefühlt.

„Also, was ist – willst du jetzt hier vor der Klotür stehen bleiben?“

Hm, nein, am liebsten hätte ich mich im Badezimmer verbarrikadiert. Es wäre besser gewesen, wenn ich bei Philipp übernachtet hätte. Da passierte etwas mit mir, das ich nicht unter Kontrolle hatte.

„Ich wollte gerade etwas an die frische Luft.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Na dann ...“

2

Die frische Luft tat mir gut, aber es war arschkalt. So hielt ich es nicht ewig draußen aus, tigerte nur ein paar Mal im Garten auf und ab. Meine Schuhe waren nass, als ich wieder auf die Terrasse trat. Ich hörte gedämpftes Lachen von drinnen. Das Geräusch verursachte ein unbestimmtes Gefühl in mir, das wahrscheinlich ich-will-nicht-wieder-rein bedeutete. Ich gehörte nicht dazu. Und das war schon immer so gewesen. Ich war nicht „out“, ich war nicht der Arsch, über den sich alle lustig machten. Aber ich war auch noch nie „in“ gewesen. Selbst im Kindergarten hatte ich mich fremd gefühlt. Außerirdisch. Mein Stottern und die Schmerzattacken hatten ihr übriges dazu getan. Im Rückblick war es erstaunlich, dass ich trotz des Stotterns nie ein richtiger Außenseiter gewesen war. Natürlich hatte es immer wieder unschöne Momente gegeben. Aber seit ein paar Jahren war ich – dank einer speziellen Therapie – nahezu stotterfrei. Und dieser verdammte Sprachfehler hatte in meinem Leben nichts mehr verloren. Und jetzt so was!

Mit klammen Fingern öffnete ich die Terrassentür. Und dann kam mir ein Gedanke – war das Stottern vielleicht nur von dem Bier ausgelöst worden, das ich getrunken hatte? Klar, natürlich! Finger weg vom Alkohol. Das alles hatte überhaupt nichts mit Are zu tun oder mit unserem Zusammenstoß oder damit, dass allein der Gedanke an ihn mich fast euphorisch machte. Ohohoh ... Jetzt reiß dich mal zusammen, mahnte ich mich. Einmal triffst du jemanden, der dir vielleicht etwas gefällt und schon fällst du vollkommen aus dem Rahmen.

Jetzt ging es erst mal darum, wieder zu den anderen zurückzukehren, einigermaßen normal zu wirken und vielleicht noch den ein oder anderen Blick auf Are zu riskieren. Ganz unauffällig, versteht sich.

Als ich das Wohnzimmer wieder betrat, sah ich, dass irgendwie Aufbruchstimmung herrschte. Häh? Einige Leute zogen sich Jacken an. Ich suchte mit den Augen nach meiner Schwester und fand sie schließlich auch. Aber was ich sah, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Sie lag in einer Blutlache auf dem Teppich. Ein Beil ragte aus ihrer Brust. – Nein, quatsch, was ich sah, war viel schlimmer. Sie stand dicht an Are geschmiegt, der einen Arm um ihre Taille gelegt hatte. Und sie lachte ausgelassen. So ausgelassen, dass ich sofort wusste, wie verschossen sie war. S.c.h.e.i.ß.e.

„Was’n los?“, fragte ich Martin, der zufällig gerade neben mir stand.

„Ach, du bist es“, sagte er überflüssigerweise. „Air hat gerade vorgeschlagen, dass wir alle ins TWILIGHT gehen. Da ist heute Rabenschwarze Nacht.“

Ach, meine Güte, was für ein Zufall: Es war Halloween und zufälligerweise Rabenschwarze Nacht. Mann, Mann, Mann ...

Diese Information löste unterschiedliche Gefühle in mir aus. Zum einen dachte ich darüber nach, ob ich wohl mitkommen konnte. Ich war ja erst 16, das TWILIGHT hatte aber einigermaßen strenge Kontrollen am Eingang. Zum anderen dachte ich spontan, ob Are es hier bei uns vielleicht zu spießig fand. Warum sonst schlug er vor, Leos Geburtstag in einer Disco zu feiern?! Das ärgerte mich aus irgendeinem Grund.

Aber ich wollte in Ares Nähe sein und bleiben, daher holte auch ich meine Jacke. Ich war doch optisch gerüstet für das TWILIGHT. Niemandem würde auffallen, dass ich jünger war. Das jedenfalls hoffte ich, denn ich hatte auch keine Lust, als Einziger vor der Tür bleiben zu müssen. Das wäre tierisch peinlich!

Das Fahrproblem hatten sie wohl schon im Vorfeld geklärt, denn vor der Haustür verteilten sich alle auf die drei zur Verfügung stehenden Autos. Ich sah, dass Are als Fahrer in einen schwarzen fetten Nissan stieg. Okay, er war wohl schon über 18, was ich auch vermutet hatte.

Martin und Hannah waren ebenfalls mit dem Auto da, und während ich noch überlegte, wo ich mitfahren sollte, konnte, durfte, traf mich Ares Blick mit einer solchen Intensität, dass ich kurzzeitig dachte, mir würde die Schädeldecke vom Kopf fliegen. Der Schmerz war überraschend und so heftig, dass ich schwankte. Ich schloss die Augen, und als ich sie wieder öffnete, stand meine Schwester Leo neben mir. Kräftige Hände hielten mich an den Oberarmen.

„Liam? Alles okay?“

Ich starrte erst Leo an, dann Are, denn es waren seine Hände, die mich hielten. Wie war er so schnell hergekommen? Hatte er nicht eben bereits bei seinem Wagen gestanden?

„K-k-klar.“

Leo warf mir einen irritierten Blick zu. Sie hatte es mitbekommen. Sie spürte, dass irgendwas ganz und gar nicht stimmte.

„Geht schon wieder. Mir war nur kurz schwindelig.“ Ich zwang mich zu einem Lächeln.

„Du fährst bei mir mit“, bestimmte Are.

Ich sah mich kurz um und stellte fest, dass alle anderen bereits in den Autos saßen. Und ich lieferte hier so eine Sondervorstellung. Bestens.

„Sollen wir hier bleiben?“, fragte meine Schwester vorsichtig.

„Quatsch!“, blaffte ich sie an.

Sie nickte langsam, aber ich erkannte den Zweifel in ihren Augen. Das würde morgen sicher ein unangenehmes Gespräch geben. Sie hatte mich immer schon behandelt wie ein rohes Ei. Das war total ätzend.

„Komm schon!“ Ich setzte mich in Bewegung. „Ich will hier nicht fest frieren. Ich bin wirklich okay, mir geht’s gut.“

Ich kletterte auf den Rücksitz und zwängte mich neben Lilyana und Andreas, genannt Ann. Dafür, dass der Wagen von außen so massig wirkte, war innen erstaunlich wenig Platz. Leo setzte sich auf den Beifahrersitz. Ich hätte dort auch gern gesessen. Mit Are allein im Auto. Dann hättest du ihm in aller Ruhe etwas vorstottern können, meldete sich eine boshafte Stimme in meinem Hinterkopf. Hach, das wäre so romantisch gewesen.

Dieses Stottern ... Als ich 13 war, hatte ich sogar mal eine Psychotherapie angefangen. Aber der Therapeut hatte selbst einen Sprachfehler – er lispelte! Das ging mir auf den Keks. Ich wollte ja keine Selbsthilfegruppe für Sprachgestörte aufmachen!

Der Weg zum TWILIGHT war zu kurz, um sich allzu viele Gedanken zu machen. Ich hatte im Grunde die ganze Zeit nur sinnlos nach draußen gestarrt.

Ganz entgegen meiner Befürchtung kam ich unbesehen ins TWILIGHT hinein. Niemand fragte nach meinem Ausweis. Ich hatte sogar den Eindruck, als hätte mich niemand bemerkt. Was auch irgendwie frustrierend war.

Das TWILIGHT war ein etwas größerer Club. Die erste Adresse für Leo und ihre Freunde. Und heute war, wie schon gesagt, Rabenschwarze Nacht. Nahezu alle Anwesenden waren schwarz gekleidet, schwarz geschminkt, gepierct und tätowiert. Das hatte zur Folge, dass ich Leo und ihre Gäste schnell aus dem Auge verlor. Ich sah mich ein wenig irritiert um. Im TWILIGHT war ich bisher noch nicht gewesen, ich musste mich erst mal orientieren. Es war ziemlich düster, ich brauchte ewig, bis sich meine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten.

Zum Glück rechtzeitig, denn sonst wäre ich die drei Stufen heruntergefallen, die zur Tanzfläche führten, auf der es kaum noch einen Stehplatz gab. Die Musik war laut, rockig, schwarz und irgendwie cool.

Ich hielt mich links, da waren die Theke und einige Stehtische.

Shit, ich hatte nicht mal daran gedacht, mein Geld mitzunehmen. Sonst hätte ich mir jetzt eine Cola kaufen können zum Dran-Festhalten.

Aber so stand ich wie bestellt und nicht abgeholt herum und suchte vergeblich nach einem bekannten Gesicht. Und als ich endlich eines fand, da wäre ich froh gewesen, keines gefunden zu haben. Ich sah nämlich meine Schwester Leo – und Are. Die beiden standen eng umschlungen an einer der Säulen und sie schienen über das Stadium des Händchenhaltens bereits hinweg zu sein. Ich mochte ja nicht so genau hinschauen, aber es sah so aus, als würden die beiden sich auffressen. Dieser Anblick verursachte ein seltsames Durcheinander in meinen Eingeweiden. Scheiße, was war nur los mit mir? Leo konnte knutschen, mit wem sie wollte! Und auch Are ... nun, hm, na ja ... Es war nur so, dass ... Irgendwas störte mich. Warum zum Teufel war ich nicht zu Hause geblieben?

Jemand stupste mich an – Lilyana. Wer auch sonst?

„Der Song“, rief sie.

„Song?“

„Der Song, der gerade läuft ... ‚Killerlover’ ... der ist von Devil in Blood.“

„Oh, cool“, sagte ich etwas lahm. Aber ich hörte noch einmal genauer hin. Der Song war echt klasse. Und dann nahm ich zum ersten Mal bewusst den Gesang wahr, hörte auf die Stimme des Sängers. Denn das war Ares Stimme. Oh Himmel! Vielleicht hätte ich das besser nicht getan?!