Tokioregen - Yasmin Shakarami - E-Book
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Tokioregen E-Book

Yasmin Shakarami

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Beschreibung

»Ich muss ihn finden, weil er mich gefunden hat, als ich verloren war.«

Malu möchte nichts wie weg – weg von Zuhause, weg aus Deutschland, weg aus ihrem Leben. Als sie die Chance zu einem Schüleraustausch nach Japan bekommt, ergreift sie daher sofort die Gelegenheit. Und sie glaubt, sich bestens vorbereitet zu haben. Doch Tokio in seiner Andersartigkeit haut sie um, genauso wie ihr geheimnisvoller neuer Mitschüler Kentaro. Nur langsam lässt sie ihn an sich heran, aber Kentaro zeigt ihr sein ganz eigenes Tokio, und Malu entdeckt eine Seite an sich selbst, die sie alleine niemals gefunden hätte. Während romantischer Dates im neondurchtränkten Sommerregen, verrückter Karaoke-Sessions und magischer Momente im Mondschein auf den Dächern der Stadt wachsen ihre Gefühle füreinander unaufhaltsam. Doch dann sucht eine verheerende Katastrophe Tokio heim, und Malu muss alles daransetzen, im Chaos der verwüsteten Millionenmetropole ihre große Liebe wiederzufinden …

Ein einzigartiger, tief berührender Roman über Verlust, die Suche nach der großen Liebe und nach sich selbst.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 401

Veröffentlichungsjahr: 2023

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YasminShakarami

Tokioregen

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© 2023 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag in der

Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Alle Rechte vorbehalten

Coverillustration und Vignetten: Max Meinzold

Covergestaltung: buxdesign | Karina Wimmer

sh · Herstellung: AJ

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-29451-9V004

www.cbj-verlag.de

Für Katalin und Mehdi (meine Beschützer), Dan (mein Herz), Michelle (meine Verbündete), Antje Babendererde (meine Wundermacherin) und Mihály Franka (meinen Helden)

Prolog

Tokio hat sich in ein wildes Tier verwandelt, das sich von seinen Fesseln losreißen möchte. Die Stadt ist lebendig, genauso lebendig wie die Mächte, die sie erweckt haben. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich Augenzeugin einer solchen Katastrophe werde. Plötzlich ist alles anders – und ich bin mittendrin. Wenn die Natur zurückschlägt, kann selbst eine Megametropole wie Tokio ihrer ungeheuerlichen Kraft nicht standhalten. Wir sind alle Verlierer.

Und ich hätte längst aufgegeben, wüsste ich nicht, dass er irgendwo da draußen auf mich wartet. Ich muss ihn finden. Ich muss. Er hat mich vervollständigt. Er hat mir gezeigt, wer ich sein kann, wenn ich mutig bin. Ich muss ihn finden, weil er mich gefunden hat, als ich verloren war.

Ich kann nicht aufhören, an unseren ersten Kuss zu denken. Dreihundert Meter unter uns: Tokios magisches Neonleuchten. Tausend Lichtjahre über uns: die Sterne. Es war ein Versprechen.

Maja, ich brauche dich jetzt, zusammen sind wir stark. Nur mit dir kann ich diese außergewöhnliche Suche wagen. Du weißt, wie viel er mir bedeutet. Mir bleibt keine andere Wahl, auch wenn es heißt, dass ich mich in große Gefahr begebe.

Er hat einmal gesagt, dass echte Wunder für Zeiten wie diese gemacht sind. Er hat recht. Am anderen Ende der Welt, in einer Stadt mit achtunddreißig Millionen Einwohnern, haben wir einander gefunden. Und das schaffen wir auch ein zweites Mal.

Ich muss ihn finden.

1. Irasshaimase

Langsam, aber sicher keimt Panik in mir auf. In fünfzehn Minuten bin ich mit meiner Gastfamilie vor dem Kleidungsgeschäft UNIQLO verabredet. Laut Google Maps trennen mich zwei Gehminuten und hundertsiebzig Meter von meinem Ziel. Das klingt unproblematisch oder zumindest nicht absolut unmöglich, käme da nicht erschwerend hinzu, dass ich mich inmitten des betriebsamsten Bahnhofs der Welt befinde, und zwar in Tokio, der größten aller Millionenmetropolen. Dabei klingt Bahnhof wie die kühnste Untertreibung des Jahrhunderts, denn sie lässt ahnungslose Opfer wie mich im Glauben, dass man mit sechzehn Jahren Lebenserfahrung eine realistische Chance hat, sich irgendwie zurechtzufinden. Fehlanzeige. Shinjuku-Station – ein neondurchtränkter Koloss mit dreiundfünfzig Gleisen und sage und schreibe zweihundert Ausgängen – ist wie das Endlevel in einem Videospiel. Seit eineinhalb Stunden versuche ich, einen Weg aus dem Tunnellabyrinth zu finden, dabei zieht es mich immer tiefer in sein dröhnendes Inneres: Restaurants, 24h-Convenience-Stores, Boutiquen, Zeitungsstände, Friseursalons, Spielhöllen, Imbissbuden, Klamottengeschäfte, Buchhandlungen, Souvenirshops, Elektromärkte, Blumenläden, Smoking Areas und Karaoke-Bars, allesamt dekoriert mit grellem Kitsch und überdimensionalen Werbeschildern, deren reißerische Schriftzüge wie wild um die Wette blinken.

Ich fühle mich vollkommen verloren. Lähmende Erschöpfung zerrt an meinen Gliedmaßen und ich könnte schwören, dass die Gravitationskraft hier unten, in den metallenen Eingeweiden der Erde, dreimal so stark wirkt wie an der Oberfläche. An meinen Händen haben sich Blasen gebildet. Mein Reisekoffer hat genug von der Tortur und protestiert mit klemmenden Rädern und quietschender Attitüde. Er ist vollgestopft mit Gepäck für zwölf Monate und wäre vermutlich schon längst explodiert, hätte mein Vater ihn nicht mit einer ganzen Rolle Klebeband mumifiziert.

Es bleiben noch zehn Minuten.

Angeblich durchqueren täglich über vier Millionen Reisende die Shinjuku-Station, aber im Gegensatz zu mir scheint jeder ganz genau zu wissen, wohin er geht. Wie ein kunterbunter Strom fließt die Masse dahin, schnell und geschmeidig, als wäre jede Bewegung einstudiert. Ich bin die Einzige, die ständig stehen bleibt, die Richtung ändert und Chaos in die eigenartige Ordnung bringt.

Wohin?

Die Zahnräder in meiner Brust glühen, so heftig pumpt mein Herz. Hunger habe ich auch, sogar einen Bärenhunger, gleichzeitig ist mir so übel vor Aufregung, dass ich schon seit Stunden keinen Bissen mehr runterkriege. Was, wenn ich meine Gastfamilie niemals finde? Wieder überkommt mich diese brennende, irrationale Angst – die Supermarktangst –, die man als Kind verspürt, wenn Mama plötzlich hinter dem Marmeladenregal verschwindet. Allerdings ist das Marmeladenregal in meinem Fall ein ganzer Ozean und mein Supermarkt ein Bahnhof, der alles darangesetzt hat, mich zu verschlingen.

Meine Misere lässt sich schnell zusammenfassen: Ich bin mutterseelenallein in Tokio, einer Stadt, in der ich noch nie war, in einem Land, das ich nicht kenne, auf einem Kontinent, der endlose Kilometer weit weg von zu Hause ist (dreizehn quälende Flugstunden zwischen zwei dauerquasselnden Rentnerinnen, um genau zu sein). Und das Schrägste an der ganzen Sache: Ich bin freiwillig hier.

Vor einem Monat habe ich erfahren, dass ich für einen Schüleraustausch nach Japan ausgewählt wurde. Drei exklusive Plätze, und nur einer davon in Tokio. Da sich unsere Austauschprogramme bisher auf Europa beschränkt haben, war das brandneue Angebot, ein Jahr lang auf eine japanische Schule zu gehen, eine richtige Sensation – und der Ansturm dementsprechend riesig. Eigentlich bin ich eine ziemlich mittelmäßige Schülerin und weiß bis heute nicht, wie ich das heiß begehrte Goldene Ticket ergattern konnte. Ich glaube, meine überforderten Lehrer und meine ratlosen Eltern haben sich eines Vollmondnachts zu einer geheimen Ratsversammlung eingefunden und entschieden, dass es an der Zeit ist, die Außerirdische zurück auf ihren Heimatplaneten zu schicken. Und solange man nicht mit Lichtgeschwindigkeit an die Peripherie des Alls reisen kann, stellt das andere Ende der Welt eine akzeptable Alternative dar.

Ich kann es ihnen nicht verübeln. Schon eine ganze Weile passe ich nicht mehr rein, weder in meine Klasse noch in meine Familie. Nicht, dass es jemals besonders leicht für mich gewesen wäre, aber der Sommer vor zwei Jahren hat einfach alles verändert. Seitdem geht es nur noch bergab. Oder in meinem Fall in eine tiefe, dunkle Höhle mit einem einzigen Lichtblick: das Ganz-weit-Weg.

Mit dreizehn habe ich meine Leidenschaft für Anime entdeckt, besonders die fantasievollen Ghibli-Filme haben es mir schwer angetan. Mit vierzehn habe ich meinen ersten Roman vom japanischen Autor Haruki Murakami gelesen und mich sofort schockverliebt. Schnell wurde Japan zu einer Art geheimen Zuflucht, mein Sehnsuchtsort, und ich habe mir fest vorgenommen, irgendwann nach dem Abschluss den pazifischen Inselstaat zu bereisen. Und um mich gebührend auf mein Irgendwann-Abenteuer vorzubereiten, lerne ich seit vielen Monaten fleißig Japanisch.

Nun könnte man meinen, dass gerade mein Traum in Erfüllung geht, verfrüht und unverhofft, aber hier ist das Paradoxe: Im echten Leben mache ich einen großen Bogen ums Unbekannte. Irgendwann klingt gut, jetzt bedeutet Panik. Ich bin sozusagen eine leidenschaftliche, mutige, neugierige Weltenbummlerin, die ihr eintöniges, ereignisloses, todlangweiliges Zimmer niemals verlassen möchte. Träumerin – so nennen mich Mama und Papa, aber das ist eine viel zu romantische Diagnose für meine überschwängliche Tatenlosigkeit. Auch meine Freunde haben langsam die Nase voll von mir. Während alle vollkommen versessen darauf sind, ständig etwas Neues auszuprobieren (neue Leute, neue Cafés, neue Musik, neue Haarfarben, neu, neu, neu …), tue ich mich schwer mit Veränderungen. Verabredungen im letzten Augenblick canceln – das ist mein Spezialgebiet.

Nächsten Monat werde ich siebzehn. Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass mir nur noch ein winzig kleines Zeitfenster bleibt, um mich aus dem engen, klebrigen, schrecklich gemütlichen Kokon meiner Fantasiewelt zu befreien. Deshalb konnte ich Tokio auch auf keinen Fall absagen, denn diese Reise ist womöglich meine allerletzte Chance. So sehr ich die Vorzüge der Einsamkeit auch liebe, ich möchte auf keinen Fall als jungfräuliche Stubenhockerin sterben.

Noch fünf Minuten bis zur verabredeten Uhrzeit.

Ein bitterer Film überzieht meine Zunge. Irgendwie scheine ich den Staub des gesamten Bahnhofs magnetisch anzuziehen. Die eisige Luft, die aus dunklen Wandkiemen strömt, jagt mir eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken, trotzdem haben sich unter meinen Armen dicke Schweißflecken gebildet. Ich will gar nicht wissen, wie es um meinen Körpergeruch steht. Das Deo haben sie mir beim Sicherheitscheck weggenommen, als sei eine Bombe eine größere Bedrohung als meine müffelnden Achselhöhlen …

Dass ich auf dem Anmeldebogen angekreuzt habe, meine Gastfamilie brauche mich nicht vom Flughafen abzuholen, bereue ich mittlerweile bitterlich. Mein Ziel war es, so viel Small Talk wie nur möglich zu umgehen. Typisch ich und ebenso typisch, dass mir meine sorgfältig getroffene Entscheidung mal wieder gewaltig in den Hintern tritt.

Vielleicht sollte ich zu Hause anrufen? Und dann? Losheulen und meine Eltern anflehen, mich in Tokio abzuholen? Unrealistisch. Außerdem ist es Nacht in Deutschland. In Anbetracht der Tatsache, dass ich in den nächsten Minuten obdachlos werden könnte, bleibt mir nichts anderes übrig, als nach dem Weg zu fragen. Richtig geraten: Ich bin ziemlich verklemmt. Besonders, wenn ich mich unwohl oder unsicher fühle (also beinahe immer).

Ich bleibe vor einem kleinen Café stehen. Die Schaufenster sind mit verblichenen Plastiktorten, giftgrünem Lametta und einer Armee winkender Glückskatzen verziert. Wenigstens passt die bizarre Kulisse zum Super-GAU, der sich in meinem Inneren abspielt. Hinter mir trällern Kellner Irasshaimase, etwas, das hier in Japan immer getan wird, sobald man sich einem Restaurant, Café oder Geschäft nähert. Irasshaimase heißt auf Japanisch Willkommen, allerdings muss man sich an die Intensität, Lautstärke und Begeisterung, mit welcher einem das Wort entgegengeschleudert wird, erst einmal gewöhnen. Für jemanden, der sich gerne bedeckt hält, sind die enthusiastischen Bewegungsmelder ganz schön unvorteilhaft.

Während gefühlt hundert Menschen pro Sekunde an mir vorbeiströmen, suche ich nach einem potenziellen Opfer. In einer Doku habe ich gesehen, dass Löwen den Schockeffekt nutzen, um die schwächste Beute auszumachen. Na dann, Augen zu und durch.

»Sumimasen«, plärre ich und stürze blindlings in den verschwommenen Körperstrudel. Im Grunde sind meine Japanischkenntnisse mittlerweile ganz in Ordnung, allerdings nur, solange ich rede. Sobald ein Muttersprachler spricht, verstehe ich oft nur Bahnhof. Also wechsle ich ins Englische: »Verzeihung, könnten Sie mir bitte helfen?«

Zu meiner Überraschung bleiben bestimmt sechs Japanerinnen und Japaner gleichzeitig stehen und formen einen makellosen Kreis um mich und meinen Reisekoffer – freundlich lächelnde Gesichter, ein perfekter Ausdruck des sanften, wohlwollenden Abwartens.

Ich schlucke einen dicken Kloß hinunter und stammele: »Ich suche nach dem Kleidungsgeschäft UNIQLO, aber ich weiß nicht, welchen Ausgang ich nehmen soll.«

Mitfühlendes Nicken. Kurz wird Absprache gehalten, dabei fällt öfters das mir unbekannte Wort Gaijin. Schließlich tritt ein Mann in gestriegelter Businessmontur aus dem Kreis heraus und die anderen setzen ihren Weg so abrupt fort, als hätte die Unterredung niemals stattgefunden.

»Kite kudasai«, sagt er und winkt mit beiden Händen.

»D-danke«, stottere ich und folge ihm.

Rolltreppe links, Barriere rechts, dann wieder links, noch eine Rolltreppe, Rolltreppe, Rolltreppe, Aufzug, Rolltreppe, gefolgt von einer Halle, von der sich lange neongelbe Gänge wie Tentakelarme abzweigen. Inzwischen bin ich mir sicher, dass ich mich in einer unauflösbaren Endlosschleife befinde, in einer Simulation, die mächtig schiefgelaufen ist.

Doch dann erklingt es feierlich: »UNIQLO!« Der Mann ist stehen geblieben und deutet mit einer vagen Bewegung und einem umso strahlenderen Lächeln auf EXIT 9 (mit dem Finger auf etwas zu zeigen, gilt in Japan als unhöflich). Ich bedanke mich, während sich grenzenlose Erleichterung in mir breitmacht. Der Mann verabschiedet sich mit einer Verbeugung und einem energischen Ganbatte!, was auf Deutsch Viel Glück bedeutet.

Puh. Nächste Station: Gastfamilie.

Sechzig Sekunden trennen mich von unserem ersten Zusammentreffen. Während die Rolltreppe in Richtung Erdoberfläche klettert, gehe ich noch einmal ihre Namen durch: Die Gastmutter heißt Hana Nakano und der Gastvater Kiyoshi Nakano. Allerdings haben sich beide in ihrem Brief lediglich als Okāsan und Otōsan vorgestellt. Okāsan ist die respektvolle Anrede für eine Mutter, Otōsan für einen Vater. Der Name meiner Gastschwester ist Aya Nakano. Sie ist vor Kurzem siebzehn geworden und wir werden in dieselbe Klasse gehen. Mein Gastbruder, Haruto Nakano, ist jünger. Ich glaube, er ist erst zehn und geht noch in die Grundschule. Hoffentlich werde ich einen guten ersten Eindruck machen, hoffentlich.

Nervös zupfe ich an meinem grauen Kapuzenpulli, den ich mir extra für den langen Flug gekauft habe. In einen Spiegel habe ich schon seit meiner Ankunft nicht mehr geschaut, aber wenigstens sind meine Haare zu einem halbwegs ordentlichen Zopf zusammengebunden.

Frische Luft strömt in meine Lungen. Tageslicht. Eine hauchzarte Sommerbrise, das Gewicht schwirrender Augusthitze, der Duft von feuchtem Asphalt – in meiner Magengrube kribbelt es.

Als ich endlich Fuß auf Tokiotischen Boden setze – bereit für den letzten Sprint – bleibe ich wie angewurzelt stehen.

Natürlich habe ich meine Hausaufgaben gemacht, viele Stunden lang, obsessiv, habe Tokio praktisch komplett auseinandergenommen und jedes einzelne Puzzlestück einer Kernspintomografie unterzogen. Detektivisch bin ich sämtliche Google-Maps-Karten abgegangen, habe Fahrpläne auswendig gelernt und mir die hieroglyphischen Namen der Stadtviertel eingeprägt. Geek-Level: Expert. Ich dachte, ich wäre vorbereitet. Ich lag noch nie so falsch.

Wolkenkratzer aus schwarzem Spiegelglas und holografischem Silber, vollgehängt mit bunten Werbeschildern, dreidimensionalen Schriftzügen und flimmernden Großbildschirmen. Jeder der Giganten verströmt ein eigenes, magisches Leuchten, eine Art Aura aus pulsierendem Neon und elektrischen Seidenfäden. In den schattendurchwobenen Zwischenräumen der Wolkenkratzer lungern mittelhohe Gebäude, die sich in den Wirbeln aufsteigender Dampfschwaden zu bewegen scheinen. Ihre Fenster funkeln wie Katzenaugen und die Fassaden erinnern an große, metallene Schuppen. Winzige Buden nehmen die Plätze in der vordersten Reihe ein, ein Wirrwarr aus Farben und Formen, so bunt und plastisch wie Spielzeug. Manche erinnern an Ufos und futuristische Telefonzellen, andere an übergroße Kaugummiblasen und galaktische Tempel. Jeder noch so kleine Luftfetzen scheint zu leuchten, doch obwohl es mitten am Tag ist, wohnt der außergewöhnlichen Lichtkomposition auch eine geheimnisvolle Dunkelheit inne.

Nur langsam erhole ich mich von dem überwältigenden Anblick. Noch nie im Leben habe ich etwas Vergleichbares gesehen, ja nicht einmal gedacht, denn Tokio ist eine Stadt, die jegliche Vorstellungskraft übersteigt.

Stück für Stück sammele ich meinen zersprengten, vollkommen reizüberfluteten Verstand ein und versuche, mich auf meine Mission zu konzentrieren: Atmen – UNIQLO – Gastfamilie.

Das Kleidungsgeschäft befindet sich auf der anderen Straßenseite, direkt mir gegenüber. Ich greife nach meinem Reisekoffer (der plötzlich ganz sprachlos ist) und laufe los. Was mir sofort auffällt: Beinahe jeder hier trägt einen Stoffschirm, um sich vor der Sonne zu schützen. Dabei ist einer verspielter und farbenfroher als der andere. Und: Jedes Outfit ist einmalig. Ich bin definitiv die Einzige, die in einfarbigen Klamotten rumläuft.

Die Ampel zwitschert wie ein Vogel, als sie auf Grün schaltet. Überhaupt dringen Geräusche an mich, die ich nicht zuordnen kann: Knirschen und Scheppern, gleich einem mechanischen Kaugeräusch, wirbelnde Melodien, vermutlich aus irgendwelchen Lautsprechern, ulkige Cartoon-Stimmen, die vom Himmel tropfen, und ein allgegenwärtiges Dröhnen, beinahe wie ein urbaner Herzschlag. In dieser Stadt scheint jedes Atom vor Lebendigkeit zu platzen.

»Malu-san!«

Meinen Namen im Labyrinth der Fremde zum ersten Mal zu hören, ist reines Glück und gibt mir neue Kraft.

»Malu-san! Konnichiwa!«

Da stehen sie: Okāsan in einem eleganten, fliederfarbenen Kimono. Otōsan in Khaki-Hose und lustigem Hawaii-Hemd. Haruto in uniformartiger Detektiv-Conan-Aufmachung. Und Aya.

Es bedarf mehr als eines Blickes, um Ayas Outfit zu umreißen. Auch fehlt mir das nötige Gedankengut, um zu verstehen, was ich sehe. Ich habe keinen Schimmer, welche Art von Reaktion von mir erwartet wird. Schock? Begeisterung? Oder einfach so tun, als sei es völlig normal, als abgespacte Killer-Agentin rumzulaufen?

Brutal hohe Plateau-Springerstiefel, ein kurzer Minirock aus borstigem Kuhfell, ein silbernes Top (halb Ritterrüstung, halb Aluminiumfolie), kombiniert mit einem beigen, bodenlangen Trenchcoat und einer Baskenmütze aus graugrünem Tweed. Die schwarzen, spiegelglatten Haare reichen ihr bis zu den Hüften. An den Händen trägt sie Halbfingerhandschuhe aus abgewetztem Leder, die Umhängetasche hat die Form eines Revolvers.

»Hi, Malu«, sagt sie lässig und rückt ihre Wayfarer-Sonnenbrille zurecht. Die roten Lippen deuten ein Schmunzeln an. Dann verbeugt sie sich und der Rest der Familie tut es ihr gleich.

»Dōzo yoroshiku onegaishimasu«, verkünde ich, eine höfliche Begrüßungsformel, etwa wie Schön, Sie kennenzulernen. Und da ich Aya viel zu lange, viel zu intensiv angestarrt habe, setze ich zu einer ganz besonders hingebungsvollen Verbeugung an.

Plong.

Mit der Wucht eines Einschlaghammers stoße ich gegen den Ausziehgriff meines Reisekoffers. Haruto prustet lautstark los, aber ein strenger Seitenblick seines Vaters genügt und er verstummt.

»Hast du dir wehgetan?«, fragt Okāsan besorgt. Ihr Englisch ist etwas stockend, trotzdem verstehe ich sie gut.

»N-nein, alles in Ordnung«, lüge ich mit hochrotem Kopf und blinzle die Tränen weg, die sich in meine Augen schleichen wollen.

Meiner Panne folgt ein betretenes Schweigen, untermalt von nervösem Hüsteln und Räuspern. Wie peinlich. Das denkt bestimmt auch Aya, die ein schiefes Grinsen aufgesetzt hat.

»Am besten, wir bringen Malu-san nach Hause! Bestimmt ist sie müde von der langen Reise.« Okāsan tätschelt meine Schulter, während ich bloß dämlich nicke.

»Und hungrig!«, fügt Otōsan hinzu und lächelt so herzlich, dass ihm die Brille bis zu den buschigen Augenbrauen hochklettert.

Weil mir nichts Geistreicheres einfällt, streiche ich mir demonstrativ über die Stirn und rufe: »Atsui desu!« Dass ich meinen Gasteltern gesagt habe, mir sei heiß, bedauere ich sofort, denn Okāsan und Otōsan wirken so erschüttert, als seien sie höchstpersönlich für das tropische Klima Ostasiens verantwortlich.

»Gomen nasai«, entschuldigt sich Otōsan und keine Sekunde später zieht ihn Okāsan in den nächsten 24h-Convenience-Store.

»W-was geschieht gerade?«, frage ich Aya und lache verwirrt.

Die dicken schwarzen Brillengläser verbergen ihre Augen und es macht mich nervös, nicht zu wissen, ob sie mich ansieht. Erst nachdem eine Kaugummiblase über ihren Lippen geplatzt ist, erwidert sie mit kühler Stimme: »Wir wollen nicht, dass dem Gaijin zu heiß wird.«

»Gaijin?«, frage ich – ein Wort, das ich seit meiner Ankunft schon mehrmals gehört habe.

»Nicht wichtig. Du bist aus Deutschland, nehme ich an?«

»N-natürlich.« Weiß sie überhaupt, dass ich ihr deutscher Schüleraustausch bin? »Da komme ich gerade her. Wobei ich mir mittlerweile nicht mehr ganz sicher bin. Ich habe das Gefühl, dass ich schon seit einer Ewigkeit unterwegs bin.«

Sie sagt nichts. Tough audience.

»GPS, das einen Weg aus diesem verfluchten Bahnhof findet, muss erst noch erfunden werden. Zweihundert Ausgänge und jeder einzelne versucht, sich vor dir zu verstecken. Ich schwöre, mein Google Maps hatte in den letzten zwanzig Minuten ein Burn-out.«

»Und trotzdem bist du hier.«

Begeisterung klingt anders.

»Sprichst du auch Deutsch?«, frage ich in meiner Muttersprache und hoffe, dass sie das irgendwie intelligent findet.

Das Eis gefriert weiter.

»Was?«, erwidert sie auf Englisch und verschränkt die Arme vor der Brust.

»Ich habe bloß gefragt, ob du auch Deutsch sprichst. Äh, auf Deutsch.«

»Ich weiß, dass das Deutsch war. Mein Freund spricht Deutsch.«

»Aya hat keinen Freund«, wirft Haruto mit teuflischer Fröhlichkeit ein und kassiert ein lautstarkes Donnerwetter auf Japanisch.

»Ich bringe dir gerne ein paar Wörter bei. Dann kannst du deinen Freund damit überraschen.«

Endlich deuten ihre Mundwinkel so etwas wie ein Lächeln an, doch der Triumph ist nur von kurzer Dauer: Schon schlüpft Aya wieder in die Rolle der unnahbaren Mystery-Agentin und in ihren Brillengläsern spiegelt sich Tokio wie eine unerreichbare Sternenstadt.

Haruto hingegen glotzt mich mit offenem Mund an. Ich bin mir sicher, dass sein bloßer Anblick dazu führt, dass Zähne von Karies befallen werden, so zuckersüß ist er. In seinem marineblauen Blazer wirkt er wie ein Professor für Regenbogenponys, und der Topfhaarschnitt unterstreicht seine pausbäckige Drolligkeit.

Als er merkt, dass ich ihn genauso ausgiebig mustere wie er mich, fragt er in beeindruckend gutem Englisch: »Willst du meine Freunde treffen?«

»Haru hat keine Freunde«, murmelt seine Schwester und ich höre Belustigung in ihrer Stimme.

Der kleine Junge rammt ihr den Ellbogen in die Seite. Erneut wird auf Japanisch gestritten, doch dann legt Aya eine Hand auf Harutos Schulter und augenblicklich herrscht Frieden.

»Ich würde gerne deine Freunde kennenlernen«, sage ich feierlich. »Und auch deinen Freund, Aya.«

Aya erwidert nichts, aber mir ist es, als sei ich an den Rand eines schwarzen Lochs getreten – ihre Ablehnung gegenüber mir ist so fühlbar, dass es mich in die Tiefe zieht.

Gerade will ich mich bei ihr entschuldigen (obwohl ich nicht den leisesten Schimmer habe, wofür), da eilen Okāsan und Otōsan herbei – mit vollgepackten Plastiktüten. Keine Sekunde später halte ich einen pinken Miniventilator in der einen und einen pinken Sonnenschirm in der anderen Hand. Aber das ist noch nicht alles: Sorgfältig positioniert Okāsan einen pinken Sonnenhut auf meinen Kopf und eine pinke Sonnenbrille auf meine Nase (sogar die Gläser sind pink). Dann ist Otōsan an der Reihe: Stolz präsentiert er eine Flasche Wasser, Eistee, Sonnencreme (mit Lichtschutzfaktor 50), einen – wer hätte es gedacht – pinken Fächer und Ersatzbatterien für den pinken Miniventilator.

Dankbarkeit mischt sich in mir mit dem Gefühl völliger Überrumpelung.

»V-vielen Dank. Das wäre nicht nötig gewesen.«

Otōsan öffnet die Wasserflasche und ich trinke gehorsam.

»Vielen, vielen Dank.«

Okāsan schaltet den Miniventilator ein und öffnet den Sonnenschirm.

»Wirklich, tausend Dank.«

Dann sprüht mir Haruto eine Ladung Sonnencreme ins Gesicht und alle kichern amüsiert. Und irgendwann muss ich laut mitlachen, denn trotz meines neuen Sahara-Survival-Sets fängt mein Hirn Feuer.

2. Gaijin

Ich habe noch nie so tief geschlafen und noch nie hat Schlaf so gutgetan. Keine Grübeleien, keine Träume, nur schwerelose Dunkelheit. Ganze zehn Stunden lang war ich ausgeknockt – nicht halb lebendig, sondern vielmehr halb tot. Obwohl ich schon seit einer Weile wach bin, liege ich bewegungslos auf meinem Futon und starre zur Zimmerdecke hinauf. Ich bin in Tokio, dröhnt es aus dem Dämmerwald meines Bewusstseins. Nein, ich bin noch nicht bereit. Seufzend kneife ich die Augen zusammen und stelle mir vor, in meinem gemütlichen Doppelbett in Deutschland zu liegen. Keine Chance. Nichts, was in irgendeiner Weise groß ist, passt in mein neues Zimmer, noch nicht einmal Fantasiemobiliar. Ich bewohne eine Miniaturwelt: winziger Schreibtisch, winziger Hocker, winziger Kleiderschrank, winziges Regal, winzige Matratze (ich lasse mich vom anspruchsvollen Wort Futon nicht blenden!), winziges Kissen, winzige Decke, alles ist winzig und dabei auf völlig irrwitzige Weise immer noch faltbar, verstaubar, verkleinerbar …

Das Haus der Familie Nakano befindet sich in Sendagaya, eine ruhige, idyllische Nachbarschaft, die wie Gischt vor dem gewaltigen Wolkenkratzerwall Shinjukus schimmert. Auch der Stadtteil Shibuya mit seiner berühmten Mega-Kreuzung und dem endlosen Erlebnisdschungel ist nur zwei Zugstationen entfernt. Zudem weiß ich, dass Harajuku ganz in der Nähe ist, das ultimative Sammelzentrum für ausgefallene Mode und Cosplay.

So gigantisch die Welt jenseits der Haustür erscheint, so klein ist sie hier drinnen.

Die Geschwister teilen sich ein Zimmer, und Ayas konstantem Augenrollen nach zu urteilen, wurde mir Harutos ursprüngliches Kinderzimmer zugeteilt. Küche und Wohnzimmer verlaufen ineinander, doch obwohl man mit dem Mikroskop nach Herd und Spüle suchen muss, handelt es sich um hochmoderne Gerätschaften. Das Schlafzimmer der Eltern wurde bei der (sehr kurzen) Haustour ausgelassen. Übrig bleibt das Badezimmer – und nur der Gedanke daran erfüllt mich mit blankem Horror.

Jeder hat schon mal von den sagenumwobenen japanischen Hightech-Toiletten gehört, aber ich wusste nicht, dass man einen Doktortitel braucht, um die Klospülung zu betätigen. Wenn es das nackte Böse auf Erden gibt, eine Verkörperung des Teufels höchstpersönlich, dann ist es die japanische Toilette. Zweimal habe ich mich letzten Abend in ihre Nähe gewagt und beide Male wurde ich brutal attackiert. Von wegen Vogelgezwitscher, vorgeheizte Klobrille und Popo-Föhner – mein großes Geschäft war eine einzige Nahtoderfahrung.

Es kratzt an meiner Zimmertür.

Ich schlage die Augen auf. Es ist so weit: Die Gegenwart holt mich ein. Eine Stadt wie Tokio lässt man nicht warten. Ich linse aufs Handy – wow, schon halb zwölf. Komischerweise habe ich bisher keinen Laut vernommen. Ob die Nakanos noch schlafen? Unwahrscheinlich. Andererseits ist heute Sonntag, also wer weiß.

Wieder schabt etwas Scharfes an der Tür und ein leises Miauen ertönt.

Ein warmes Kribbeln breitet sich in mir aus. Deshalb fiel gestern so häufig das Wort Neko – die Nakanos haben eine Katze! In Windeseile krabbele ich über meine Matratze und öffne die Tür. Ein fadendünner Spalt genügt, denn die Katze hat sich bereits zu einer unbekannten Materie verflüssigt und huscht so schnell in den Raum, dass ich nur einen flüchtigen Schatten erkenne.

Weil in Japan für gewöhnlich alles süß und niedlich aussieht, habe ich mit einem glupschäugigen Flauschball gerechnet, aber jetzt, wo sich Mr Neko wie ein König auf meinem Futon ausbreitet, kann ich nicht anders, als erschrocken aufzustöhnen: eine pummelige, schrumpelige, potthässliche Nacktkatze mit gelben Echsenaugen und spitzen Vampirzähnen. Und dann erst diese Kronjuwelen! Kein normaler Mensch kann einen solchen Anblick ohne bleibende Schäden verkraften (besonders nicht vor der ersten Tasse Kaffee).

Das Monster miaut und klingt dabei wie eine außerirdische Ente.

»Vergiss es.«

Wieder ein Miauen, laut und kläglich.

»Husch, raus aus meinem Zimmer!«

Hysterisches, melodramatisches Quengeln.

»Okay, okay, ich mach ja schon! Weck bloß nicht das ganze Haus auf!«

Ich setze mich neben den Kater und streichele seine kleinen, felllosen Speckröllchen. Er beginnt zu schnurren und ein dicker Spuckefaden wandert meinem Kopfkissen entgegen.

»Sein Name ist Bratto Pitto«, erklingt es leise. Haruto steht vor der Tür und blickt schüchtern zu Boden.

»Guten Morgen, Haruto«, sage ich lächelnd. »Komm rein.«

»Ohayō gozaimasu, Malu-san«, vorsichtig betritt er das Zimmer und wirkt dabei wesentlich eleganter und würdevoller als sein nackter Stubentiger. »Wenn du willst, kannst du mich Haru nennen.« Er setzt sich neben mich und krault die Katze am Doppelkinn. »Hast du gut geschlafen?«

Seit wann sind Zehnjährige so höflich?

Ich überwinde meine plötzliche Sprachlosigkeit und erwidere: »Ja, ich habe richtig gut geschlafen. Danke.«

»Okāsan hat Frühstück für dich vorbereitet. Wenn du möchtest, begleite ich dich in die Küche.«

Ich schmelze dahin.

»Oh, das wäre toll! Ich habe einen Riesenkohldampf!«

»Pekopeko«, kichert Haruto und tätschelt seinen Bauch. »Wir sagen pekopeko, wenn wir hungrig sind.«

»Ich wünschte, mein Japanisch wäre annähernd so gut wie dein Englisch. Hast du das in der Schule gelernt?«

»Nein, meine Nanny hat es mir beigebracht«, erklärt Haru verlegen. »Keine Sorge, Malu-san, ich helfe dir dabei, Japanisch zu lernen. Ganbatte!«

Ich dachte immer, dass kleine Kinder nervig sind, aber gerade wünsche ich mir nichts sehnlicher, als Harutos beste Freundin zu sein. So verdammt knuffig!

Offensichtlich hat Bratto Pitto ein großes Problem damit, nicht der unangefochtene Star im Raum zu sein, denn er faucht beleidigt und stolziert mit erhobenem Schwanz und läutenden Kronjuwelen aus dem Raum.

»Tut mir leid«, murmelt Haruto. »Er ist sehr empfindlich, besonders wenn er noch nicht angezogen ist.«

»Schon gut. An seiner Stelle würde ich auch nicht gern nackig rumlaufen«, antworte ich lachend und spüre, wie die Nervosität langsam von mir abfällt. »Ich nehme noch kurz eine Dusche, dann komme ich in die Küche.«

»Hai, daijōbu desu!«, ruft Haruto mit erhobenem Daumen und sein Grinsen erfüllt den kleinen Raum mit einem großen Leuchten.

Als ich das Wohnzimmer betrete, stelle ich überrascht fest, dass die Nakano-Familie schon längst in den Tag gestartet ist. Alle vier sitzen mucksmäuschenstill auf dem schmalen Sofa und lesen – Okāsan ein Buch, Otōsan eine Zeitung, Aya ein Modemagazin und Haruto einen Manga. Sie sind hübsch herausgeputzt und erinnern ein wenig an Porzellanpuppen. Mit meiner ausgebeulten Jogginghose und dem einfarbigen T-Shirt fühle ich mich sofort wie eine Landstreicherin. Hätte ich mir bloß die Haare trocken geföhnt oder wenigstens ein bisschen Make-up aufgetragen …

Aya ist die Erste, die mich bemerkt. Sie brummt etwas auf Japanisch und wieder fällt das Wort Gaijin.

»Ohayō gozaimasu! Guten Morgen, Malu-san«, trällern die Eltern im Chor und Okāsan deutet auf den runden Esstisch. »Bitte, setz dich. Du bist bestimmt hungrig.«

»Pekopeko«, erwidere ich, woraufhin alle (bis auf Aya) begeistert in die Hände klatschen.

Keine Minute später schwebt Okāsan mit einem Tablett voll dampfender, himmlisch duftender Pfannkuchen aus der Küche und ich merke, wie sich meine Augen mit Tränen füllen. Innerlich habe ich mich schon auf ein typisch japanisches Frühstück eingestellt (nämlich Reis und Miso-Suppe, brrr), aber Okāsan ist definitiv eine Kennerin der europäischen Gaumenfreuden. Milchkaffee, frische Erdbeeren, knuspriger Speck und ein weiches Frühstücksei – wie eine Fee flattert sie umher und serviert eine Leckerei nach der anderen. Bratto Pitto umkreist vollkommen entgeistert seinen leeren Futternapf und krakeelt in Tiefseeungeheuer-Manier. Mittlerweile trägt er einen dottergelben Strampler und sieht darin aus wie Pikachu – wenn Pikachu in einem Horrorfilm mitspielen würde.

Erst nachdem ich zwei Pfannkuchen heruntergeschlungen und eine ganze Tasse Kaffee geleert habe, halte ich inne und frage leicht beschämt: »Habt ihr schon gegessen?«

»Hai, aber Malu-san hat den Schlaf dringend gebraucht. Lange, lange Reise. Deutschland ist sehr weit weg«, antwortet Okāsan und strahlt dabei so viel Verständnis aus, dass ich mich gleich besser fühle. »Malu-san möchte Tokio sehen, ja? Bestimmt bist du schon ganz gespannt.«

»Ich zeige ihr nach dem Essen den Yoyogi-Park«, wirft Aya ein, beiläufig wie ein Computer, der eine leere Information ausspuckt.

Erstaunen flutet den Raum.

»Das wäre schön«, presse ich heraus und bemühe mich um ein Lächeln.

Sie lächelt zurück, kurz und gequält.

Was habe ich dieser dummen Ziege bloß getan?

Mir wird aufs Neue bewusst, dass wir ein ganzes Jahr lang in dieselbe Klasse gehen werden und die Pfannkuchen in meinem Magen verwandeln sich in einen Stein.

Die Hitze liegt wie eine Zementdecke auf den Straßen und lässt die Konturen der Häuser verschwimmen. Der Asphalt trägt diesen besonderen Sommerduft – eine Mischung aus Nostalgie und Sehnsucht – und am Horizont flimmern die Wolkenkratzer wie grüne Flammen. Kaum jemand ist unterwegs. Es ist so ruhig, ich höre nur das Zirpen der Grillen und ein eigenartiges Brummen, das aus den Betonbäuchen der Gebäude herzurühren scheint. Vor mir erstreckt sich ein Sammelsurium aus Getränkeautomaten, Cafés, Convenience-Stores und schiefen Einfamilienhäusern, die durch ein verworrenes Stromkabelnetz miteinander verbunden sind. Und wieder: Obwohl es mitten am Tag ist, erzeugt die Stadt ihr ganz eigenes, geheimnisvolles Leuchten.

Unter meinem T-Shirt fließt mir der Schweiß in Strömen über den Rücken. Wir sind erst zwanzig Minuten unterwegs, trotzdem macht sich bereits eine seltsame Erschöpfung in mir breit, vermutlich der Jetlag. Ich schiele zu Aya, denn ich kann einfach nicht glauben, wie unbeschwert sie sich durch den glühenden Sonnensturm bewegt. In ihrem weißen Paillettenkleid sieht sie aus wie eine Prinzessin. Die langen Haare trägt sie in einem aufwendigen Flechtzopf, der mit echten Blumen verziert ist. Dieses Mal sind ihre Lippen perlmuttrosa geschminkt, passend zu den mattgoldenen Herzohrringen. Und während ich mit meinem pinken Sonnenhut bestimmt wie der letzte Volldepp aussehe (Okāsan hat mich nicht ohne aus dem Haus gehen lassen), hält sie einen Sonnenschirm in der Hand, der so prunkvoll ist, er hätte auch der Queen von England gehört haben können.

Wir reden nur wenig. Aya erzählt ein bisschen über die Nachbarschaft (Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants, Verkehrsanbindungen), allerdings bin ich viel zu aufgeregt, um mir Details merken zu können. Dann philosophiere ich über das Wetter und Aya blinzelt gelangweilt zum Himmel hinauf. Aber hin und wieder erwische ich sie dabei, wie sie über ihr Kleid fährt, an ihrer Frisur zupft oder ihr Make-up im Taschenspiegel kontrolliert. Ist sie vielleicht genauso nervös wie ich?

Die Antwort ist ja – jedoch bin ich nicht der Auslöser.

Als wir uns dem Eingangstor zum Yoyogi-Park nähern, vernehme ich plötzlich laute Musik. Auf einem kreisrunden Platz haben sich um die dreißig Leute versammelt, die ausgelassen feiern. Schwarze Lederjacken, hautenge Rockabilly-Kleider, zerfetzte Röhrenjeans und bunte Irokesen – ein Outfit ist wilder als das andere. Stürmische Rock-’n’-Roll-Klänge laden die Luft mit Elektrizität auf und sogleich ertönt Heartbreak Hotel von Elvis Presley. Es wird gejubelt und Luftgitarre gespielt, während immer ein Paar aus der Menge tritt und eine atemberaubende Tanzeinlage hinlegt.

Das Wort Staunen wird dem, was ich fühle, nicht gerecht. So viel Energie und Lebensfreude! Wahrscheinlich würde ich für immer hier stehen bleiben, in einem Zustand entzückter Schockstarre, würde Aya nicht meine Hand nehmen.

Einen Augenblick mal – träume ich?

Sie zieht mich an den wirbelnden Körpern vorbei und lotst mich zu einer Reihe hoher Ginkgobäume.

»Wohin gehen wir?«, frage ich verwundert, während ihre Hand in meiner kalt und feucht wird.

Und dann begreife ich endlich: Auf einer niedrigen, efeubewachsenen Mauer sitzt ein Junge, versunken in sein Skizzenbuch und so weltfremd, als wäre er gerade aus einer anderen Dimension gefallen. Er trägt einen smaragdgrünen Herren-Yukata, kombiniert mit japanischen Holzsandalen und einem weißen Vintage-Bandana. Sonnensprenkel schimmern wie Sterne in seinen schwarzen Locken und in den Schattentunneln seiner Kleidung entdecke ich die feinen Linien geheimnisvoller Tattoos.

»Konnichiwa, Kentaro-san«, fiept Aya, und von ihrem Bombenselbstbewusstsein fehlt auf einmal jede Spur. »Genki desu ka?«

Der Junge sieht auf und sein Blick durchfährt mich wie ein glühender Blitz. Unter einem Kamm aus dichten Wimpern funkeln seine Augen wie Gold und Bernstein.

Während ich ihn anstarre – oder vielmehr: seziere, studiere, analysiere und wieder zusammensetze –, springt er von der Mauer und stellt sich gegenüber von Aya auf. Als Nächstes verbeugen sich beide gleich mehrere Male voreinander und mein Starren artet in ein schräges Glotzen aus. Kurz werden japanische Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht, so zurückhaltend und andachtsvoll, als handele es sich um ein hochoffizielles Regierungstreffen. Dann steht er plötzlich vor mir und ehe ich begreife, was geschieht, verneigt er sich.

Ich weiß, dass diese ritterliche Geste in Japan vollkommen normal ist. Hier schüttelt man sich nicht die Hände, hier verbeugt man sich. Trotzdem bin ich so verblüfft, dass ich mich nicht mehr unter Kontrolle habe: Ich beginne zu glucksen, fabriziere ein schweineartiges Grunzen und breche dann in hysterisches Gelächter aus.

»Was hast du?«, blankes Entsetzen rauscht in Ayas Stimme.

Keine Ahnung, Aya. Vielleicht ist meine allgemeine Seltsamkeit für diesen Fauxpas verantwortlich, vielleicht aber auch die Tatsache, dass eine Art Jedi-Ritter vor mir steht, als wäre das die normalste Sache der Welt …

Er verharrt in seiner Verbeugung und wartet darauf, dass ich die Begrüßung erwidere.

Mit einem unsanften Seitenhieb setzt Aya meiner Grunzattacke ein Ende. Endlich verbeuge ich mich (eine Unke hätte mehr Eleganz an den Tag gelegt), geohrfeigt von glühender Scham. Meine Gastschwester grummelt etwas vor sich hin und abermals fällt das Wort Gaijin.

»Es bringt nichts, sich dem Unbekannten zu widersetzen. Nur wenn du dich auf Tokio einlässt, kannst du wirklich verstehen, warum du hier bist.«

Dass der tätowierte Jedi Deutsch spricht, flößt mir einen Schrecken ein, und ich brauche einen Moment, um mich zu sammeln. »W-wie bitte?«

»Ein guter erster Schritt wäre, sich nicht über das Begrüßungsritual des Gastlandes lustig zu machen.«

»Das würde ich niemals tun!«, protestiere ich und merke, wie Flugsaurier in meiner Magengrube zum Leben erwachen.

»Dann bin ich es, den du auslachst?« Er runzelt die Stirn.

Normalerweise hätte ich mich an dieser Stelle bei ihm entschuldigt, wäre da nicht dieses verschmitzte, amüsierte Funkeln in seinen Augen.

Als aus meinem halb offenen Mund kein Ton entweicht, streicht er über seinen Yukata und bemerkt trocken: »Nein, das ist kein Bademantel.«

»Ich … Das weiß ich.«

Er reagiert mit einem breiten Grinsen. »Übrigens finde ich deine Hutwahl auch ziemlich fragwürdig.«

Der Boden unter meinen Füßen verpasst mir Stromschläge. Ich bin nicht gut darin, neuen Menschen zu begegnen, schon gar nicht, wenn es sich um aufgeblasene, eingebildete, arrogante, selbstverliebte, besserwisserische Möchtegern-Weltallritter handelt.

»Wenigstens lästere ich nicht über jemanden, der direkt neben mir steht.«

Er legt den Kopf schief: »Ich kann dir nicht folgen.«

»Gaijin – ständig nennt man mich so. Nicht gerade ein Kompliment, nehme ich an?«

»Du hast recht. Gaijin bedeutet Außenseiter.«

In meinem Hals bildet sich ein dicker Kloß.

»Nimm dir das nicht zu Herzen. Auch ich war mal ein Gaijin. Meine Mutter kommt aus Deutschland. Wir haben in Berlin gelebt, bis ich zehn war, dann sind wir nach Japan gezogen.«

Das erklärt seinen Körperbau. Er ist deutlich größer als Aya und überragt sogar mich um einen ganzen Kopf (hierzulande falle ich unter die Kategorie Zirkustauglicher Riese).

Kurz löst sich sein Blick von mir und driftet in das schwirrende Durcheinander der Rockabilly-Tänzer. »Der Anfang war schwer. Aber wenn du dich bewährst, und Tokio seine Pforten öffnet, gehört dir das Paradies. Eine solche Stadt gibt es kein zweites Mal auf dieser Welt.«

Schon seit geraumer Zeit duellieren sich Panik und Hoffnung in Ayas Gesicht. Doch jetzt scheint die Angst vor den Missetaten der Deutschen zu siegen, denn sie unterbricht unser Gespräch mit knochenzermalmender Schrille: »Malu, das ist Kentaro-san. Er geht in unsere Klasse.«

Na toll, auch das noch. Und dann dämmert es mir: Ist das etwa Ayas deutschsprachiger Freund? Ihr fester Freund?

»Freut mich«, sagt Kentaro ebenfalls auf Englisch und zwinkert.

»Malu-san und Kentaro-san kommen beide aus Deutschland. Wir können ab jetzt ganz viel zusammen unternehmen!«

Aya so zittrig und aufgekratzt zu erleben, ist zutiefst irritierend. Ich zwinge mich zu einem Lächeln und nuschele: »Klar.«

Kentaro unterzieht mich einer letzten Musterung, ehe er nichtssagend mit den Schultern zuckt und murmelt: »Man sieht sich.«

Kotz.

Zwischen ihm und Aya wird ein intensiver Verbeugungstanz eingeläutet. Schließlich bewegt sich Kentaro zurück zu seiner Mauer und Aya grinst so selig, als hätte sie gerade einen Sechser im Lotto gewonnen. Bedröppelt watschele ich neben meiner Gastschwester her, die nun Richtung Park steuert.

Doch dann fasse ich mir ein Herz und drehe mich zu Kentaro um: »Übrigens habe ich mir den Hut nicht selbst ausgesucht. Ich trage ihn aus … Höflichkeit.«

»Wie unhöflich – jetzt bleibt mir gar nichts, womit ich dich aufziehen kann.«

Er lächelt und plötzlich wird Tokio ganz still.

3. Shōganai

Liebe Maja,

ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es sich anfühlt, in die richtige Richtung zu gehen. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass Tokio ein Gestaltwandler ist. Jedes Mal, wenn ich links abbiege, gelange ich in ein spiegelverkehrtes Rechts, und wenn ich eine Treppe runtergehe, laufe ich in ein paralleles Oben. Wo 712 der Hausnummer 3 folgt, ist Google Maps genauso nutzlos wie eine Seegurke mit Strohantenne. Tragischerweise reicht mein IQ nicht aus, um einer japanischen Wegbeschreibung zu folgen. Ich könnte mir genauso gut Alufolie um den Kopf wickeln und einen Getränkeautomaten befragen. Auf jeden Fall habe ich gelernt, dass Verlorengehen ein Dauerzustand sein kann. Wenigstens fühlst du dich wieder näher an. Irgendwie wusste ich, dass du hier auf mich warten würdest.

Morgen geht die Schule los und beim Gedanken daran wird mir speiübel. Wie überlebe ich ein ganzes Schuljahr mit Admiral Aya und ihren sicher nicht minder merkwürdigen Mitschülern? Du wüsstest die Antwort. Du hättest Aya schon längst gezeigt, wer der Boss ist. Eigentlich kann sie einem ja leidtun. Den halben Tag verbringt sie damit, crazy Outfits zusammenzustellen, um sie anschließend in Harajuku zur Schau zu stellen (richtig geraten: Ich passe genauso gut in das überstylishe Harajuku wie ein Marabu in ein Pfauengehege). Wenn Aya von einem Fashion-Blogger fotografiert wird, war ihr Tag erfolgreich. Dann bimmelt ihr Instagram im Sekundentakt und ihr Stimmungsbarometer ist zumindest für ein paar Stunden nicht im absoluten Negativbereich. Ansonsten ist sie der Inbegriff einer Eiskönigin – hübsch, aber ungenießbar. Ich bin mir sicher, dass sie jede freie Minute jenseits ihres Kleiderschranks damit verbringt, über alles und jeden zu urteilen. Und ich bin einfache Beute. Nicht, dass sie offen gemein zu mir wäre – nein, Aya operiert im Untergrund. Es sind die Blicke, das Unterschwellige, die bissigen Kommentare.

Ich wünschte, ich könnte einfach loslassen. Mir nicht ständig den Kopf darüber zerbrechen, was andere Leute über mich denken. Freude finden am Verlorengehen. Ich wünschte, ich wäre mehr wie du – stark und mutig.

»Es bringt nichts, sich dem Unbekannten zu widersetzen. Nur wenn du dich auf Tokio einlässt, kannst du wirklich verstehen, warum du hier bist.«

Normalerweise halte ich nichts davon, Kotzbrocken zu zitieren, aber irgendwie gehen mir seine Worte nicht mehr aus dem Sinn. Ich muss gestehen, dass ich gelegentlich an ihn denke. Ich denke an ihn und verspüre das dringende Bedürfnis, mich zu übergeben. Der Typ ist Trouble – das kann ich dir jetzt schon sagen!

Shōganai – mein neues Lebensmotto. Denn mit diesem Wort bringen es die Japaner einfach perfekt auf den Punkt: Nur wenn man das Unveränderliche akzeptiert, kann man einen Zustand der Sorglosigkeit erreichen. Oder anders ausgedrückt: Shit happens. Move on. Ich glaube, jetzt lächelst du.

»Malu, wie lange brauchst du noch?«, plärrt Aya. Die Tür ist dünner als Pergamentpapier, trotzdem plärrt sie.

Ich klicke auf Senden und schließe den Laptop – next round. Aya hat sich mit zwei Freundinnen zum Mittagessen verabredet und ich muss mit. Bratto Pitto, der spürt, dass ich ihn nicht mag, und mir deshalb (so wie es sich für eine professionelle Katze gehört) seit Tagen nicht mehr von der Seite weicht, mustert mich abwartend.

»Fünf Minuten! Ich beeile mich!«, brülle ich zurück. Die Tür ist dünner als Pergamentpapier, trotzdem brülle ich.

Bratto Pitto miaut echauffiert.

»Was?«, knurre ich. »Wenn ich dir zu laut bin, dann zisch ab. Bestimmt wartet schon dein sechstes Frühstück auf dich.«

Die Nacktkatze tötet mich mit ihrem neongelben Drachenblick.

»Du mich auch, Brad Pitt. Und zieh gefälligst den Bauch ein.«

Stöhnend rolle ich mich aus dem Bett (ich korrigiere: Futon) und durchforste meinen Kleiderschrank nach einem passenden Outfit. Mir ist klar, dass Aya wieder absolut fabelhaft gekleidet sein wird, während ich es gerade mal schaffe, als ihr grauer Schatten durchzugehen – und das auch nur, wenn ich mich besonders anstrenge. Ich fische ein blaues T-Shirt und eine beige Hose aus dem eingepferchten Durcheinanderland meiner Habseligkeiten. Dann halte ich inne und linse auf mein rotes »Partykleid«, der einzige Farbklecks in meiner tristen Kollektion.

»Wow, Malu-chan! Kirei! So hübsch!«, Okāsan kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. »Malu in Farbe!« Jubelndes Händeklatschen.

Es ist mir ein Rätsel, weshalb alle Aufmerksamkeit auf mich und mein langweiliges Pünktchenkleid gerichtet ist, während Aya sich in einer Art Sexy-French-Maid-Outfit präsentiert – inklusive superkurzem Puffrock und bodenlangem Matrix-Ledermantel. Ihre Haare trägt sie in zwei zusammengedrehten Odango-Zöpfen à la Sailor Moon, in die silberne Halbmonde gesteckt sind. Selbstverständlich fällt auch das Schuhwerk spektakulär aus: schwere Rüstungsstiefel, genauso gefährlich und tough wie ihr Gesichtsausdruck. Trotzdem bin ich es, die wie ein Dschungelexot begutachtet wird.

»Vergiss nicht, Malu nach dem Essen zum Uniform-Shop zu bringen.«

»Hai«, brummt meine Gastschwester gequält, und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als in einen japanischen Hochgeschwindigkeitszug zu springen und in die komplett entgegengesetzte Richtung zu fahren. Aber Aya hat mich gefragt, ob ich mit ihr und ihren Freundinnen Rio und Momo essen gehen will, und ich Idiotin habe überschwänglich Ja gesagt.

Bevor wir das Haus verlassen, gebe ich Bratto Pitto noch eine letzte Streicheleinheit (die Nacktkatze versteht sich darin, den Publikumsjoker einzusetzen) und verabschiede mich von Okāsan mit einer semieleganten Verbeugung. Natürlich landet auch der pinke Sonnenhut wieder zielsicher auf meinem Kopf, schließlich darf der deutsche Godzilla von keinem der achtunddreißig Millionen Einwohner Tokios übersehen werden.

Als wir in das silbergestreifte Mittagslicht treten, bewegt sich der Boden unter meinen Füßen. So plötzlich, dass ich nicht begreife, was gerade geschieht. Ein tiefes Dröhnen, das vom Himmel herabzusinken scheint. Der Asphalt ist auf einmal weich und lebendig. Ich bleibe wie angewurzelt stehen und obwohl in der nächsten Sekunde schon wieder alles vorbei ist, schreie ich panisch auf.

Aya dreht sich verwirrt nach mir um: »Was ist los?«

»War das ein Erdbeben?«, keuche ich entsetzt.

»Klar, hier bebt es ständig«, entgegnet Aya gelassen.

»Was meinst du mit ständig?«

»In Tokio bebt die Erde täglich. Oft sogar mehrmals am Tag. Unter uns treffen gleich vier tektonische Platten aufeinander.« Sie runzelt die Stirn. »Wusstest du das nicht?«

»Doch«, zische ich den Tränen nahe. »Trotzdem hat mir das gerade eine Scheißangst eingejagt!«

»Okay. Kommst du jetzt? Wir sind spät dran.«

»Mann, das war ein Erdbeben! Ein richtiges Erdbeben!«

»Es wird nicht dein letztes sein.«

Ich spüre, wie Wut in mir hochkocht: »Tut mir leid, dass ich nicht so tiefenentspannt bin wie du! Aber da, wo ich herkomme, verwandelt sich der Boden nicht einfach mal so in zitternde Watte.«

Aya geht auf mich zu und ich bin mir sicher, dass sie gleich eine fette Laserpistole aus der Manteltasche zieht und mich grillt. Doch stattdessen nimmt sie mich in die Arme und flüstert: »Du brauchst keine Angst vor Erdbeben zu haben. Die meisten spürt man gar nicht. Tokio kann so schnell nichts etwas anhaben.« Und dann geschieht gleich das zweite Wunder in Folge: Aya lächelt.

Ich bin so perplex, dass meine Vitalzeichen noch eine ganze Weile brauchen, um in meinen Körper zurückzukehren. Langsam wandert mein Blick über die majestätischen Spiegeltürme, die sich friedlich sonnen. Jetzt, wo ihre Abertausend Fenster nicht erleuchtet sind, wirkt es beinahe so, als würden sie schlummern. Unvorstellbar, was gerade geschehen ist. Auf einmal erscheint mir Tokio wie ein unverwundbares, übernatürliches Geschöpf, das sogar ein Erdbeben dezent verschlafen kann.

Der Stadtteil Harajuku, wo wir verabredet sind, erinnert an eine kunterbunte Süßigkeitentüte. Die Beleuchtung ist fröhlich, die Gerüche zuckerüberzogen und sogar die Geräusche klingen so, als stammten sie aus einer riesengroßen Spielzeugkiste. In den überfüllten Straßen findet man keine Kanten, nur puffige Weichheit und bauschige Niedlichkeit. Jedes Restaurant, jedes Geschäft und jedes Café ist auf süß getrimmt – ein Schlaraffenland für erwachsene Kinder mit absolut irrsinnigem Modegeschmack. Kostüme, Perücken, Overknees, überladen mit Glitzer, Neon und Spitze, kombiniert mit auffälligen Accessoires und schrägen Anhängseln wie Plüschtieren, Katzenohren, Roboterhunden oder echten Schlangen – die Liste der Kuriositäten ist endlos und ich bin mir sicher, dass es in Harajuku nichts gibt, was es nicht geben könnte.

Auch dass wir in einem Schnellimbiss hocken, in dem die Kellner als leicht bekleidete Zaubermatrosen herumlaufen, wundert mich nicht mehr. Hyperaktive Popsongs flattern durch die Luft und die Kasse schrillt laut. Pure Reizüberflutung. Meine ganze Aufmerksamkeit gilt jedoch der Schüssel vor mir, in der glitschige Ramen-Nudeln zwischen noch glitschigeren Shiitakepilzen vor sich hinschwimmen. Die Katastrophe ist vorprogrammiert. Und alle Blicke sind auf mich gerichtet.

Wieder sage ich etwas, um den desaströsen Ausgang dieser Nudelverkostung hinauszuzögern: »Ich habe gehört, dass es Unglück bringt, wenn man Stäbchen senkrecht ins Essen steckt.«

»Hast du gar keinen Hunger?«, fragt Momo ungeduldig.

»D-doch.«

»Schmeckt es dir nicht?«, bohrt Rio nach und rülpst leise in die Papierserviette. Sie hat bereits aufgegessen – bestimmt ein neuer Fall für das Guinnessbuch der Rekorde.

Ich liebe Ramen, allerdings esse ich das traditionelle japanische Gericht normalerweise mit Gabel und Löffel (und ohne Zuschauer), denn es ist einfacher, Zirkuslöwen durch einen Feuerring zu lotsen, als Ramen-Nudeln in den Mund.

»Sollen wir dir zeigen, wie es geht?«

Ich weiß nicht, was ich in meinem letzten Leben verbrochen habe, aber es muss fürchterlich gewesen sein, denn Ayas Freundinnen sind ganz eindeutig schlechtes Karma. Zu allem Übel gehen die beiden Mädchen auch noch in meine neue Klasse. Es war naiv, anzunehmen, dass Aya und ihr Boyfriend mein einziges Problem sein würden. Wie heißt es so schön? Schlimmer geht immer.

»Daijōbu, alles gut«, erwidere ich mit gedämpfter Stimme.

Momo giggelt und die Schlappohren ihres Hasen-Onesies wackeln. Sie lacht jedes Mal, wenn ich etwas auf Japanisch sage. Sie lacht übrigens auch, wenn ich meinen pinken Sonnenhut auf- oder absetze. Aber am allermeisten amüsiert es sie, wenn ich auf dem Klo den hinter(n)hältigen Hochdruckfontänen zum Opfer falle – und das geht mir nahe.

»Lasst Malu in Ruhe, es gibt wichtige Dinge zu besprechen«, eröffnet Aya, und endlich wittere ich meine Chance …

Eins Nudel

Zwei Nudel

Drei Nudel

Verdammt, schmeckt das gut!

»Malu, hörst du überhaupt zu?« Rios schneidende Stimme beendet meinen kurzen, aber ekstatischen Nudelgasmus.

»W-was?«, nuschele ich mit vollem Mund.

Aya holt angestrengt Luft, ehe sie mit fachmännischer Stimme erklärt: »Heute bekommst du deine Schuluniform.«

»Ja.« Meine Nase läuft von der heißen Brühe und ich kann nicht anders, als lautstark den Rotz hochzuziehen. »Aber keine Sorge, wenn ihr etwas Besseres zu tun habt, gehe ich gerne allein hin. Ich glaube, der Laden ist sowieso ganz in der Nähe.«

»Und was, wenn Ōnamazu aus der Erde steigt und dich verschlingt?«

»Ōna-was?«

Wieder hält sich Momo kichernd die Hand vor den Mund und ich entscheide, dass ich sie nicht leiden kann, Schlappohren hin oder her.

Aya murmelt etwas auf Japanisch und augenblicklich schlägt die Stimmung von Kaffeekränzchen zu Businessmeeting um. Nach einer kurzen, aber umso bedeutsameren Pause verkündet sie: »Ikemen arbeitet im Uniform-Geschäft.«

»Sollte mir der Name etwas sagen?«, frage ich verwirrt.

»Ich spreche von Kentaro.«

»Ayas Freund«, erläutert Momo, und ich muss mich zusammenreißen, damit ich nicht die Augen verdrehe.

»Klar. Ich erinnere mich.«

Alle drei lehnen sich mit verschwörerischer Miene zu mir vor: »Du könntest ein bisschen recherchieren.«

»Spionieren«, verdeutlicht Rio, die wie ein schwarzer Ninja angezogen ist – wenn Ninjas ihre Funktionskleidung gegen Skinny Jeans und High Heels eintauschen würden.

»Du könntest ein wenig nachforschen, die Lage abchecken. Du weißt schon, schnüffeln.« Die treuen Untergebenen kommen jetzt so richtig in Fahrt. »Ihr sprecht beide Deutsch, das ist von Vorteil. Du kannst ihn richtig aushorchen, ihm seine dunkelsten Geheimnisse entlocken – so von Gaijin zu Gaijin.«