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Seit nahezu zehn Jahren gilt Ellen, die Tochter des unter mysteriösen Umständen verstorbenen Red-River-Knee-Ranchers Humphrey Warton, als vermisst. Für Mort Silver, seines Zeichens Besitzer der Hufeisen-Ranch, Grund genug zu beantragen, Ellen endlich offiziell für tot erklären zu lassen. Denn Silver und Richard Wellow, der scheinbar wohltätige Bankvorsteher von Texasgate, glauben, dass das Land der Wartons weit mehr zu bieten hat als nur grünes Gras.
Dann aber taucht eine junge Frau auf und behauptet, Ellen Warton zu sein. Als schon am nächsten Tag ein Attentat auf sie verübt wird, kann Sam Burgton, der Verwalter des Warton-Besitzes, die vermeintliche Jungrancherin gerade noch aus der Schusslinie stoßen.
Tom Prox und seine Ghosts, mit der Klärung des Falles beauftragt, geraten in ein tödliches Ränkespiel um Macht und Money ...
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Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Die Schlucht der Verdammten
Vorschau
Impressum
Die Schluchtder Verdammten
Von Erik A. Bird
Seit nahezu zehn Jahren gilt Ellen, die Tochter des unter mysteriösen Umständen verstorbenen Red-River-Knee-Ranchers Humphrie Warton, als vermisst, sodass Mort Silver, seines Zeichens Besitzer der Hufeisen-Ranch, beantragt, Ellen endlich auch von Amtswegen für tot erklären zu lassen. Silver will sich die Red-River-Knee-Ranch unter den Nagel reißen. Denn er und Richard Wellow, der scheinbar wohltätige Bankvorsteher von Texasgate, glauben, dass dieses Land weit mehr zu bieten haben könnte als nur grünes Gras.
Dann aber taucht eine junge Frau in Texasgate auf und behauptet, Ellen Warton zu sein. Als nur einen Tag später ein Attentat auf sie verübt wird, kann Semper Burgton, der eingesetzte Verwalter der Red-River-Knee-Ranch, das Girl in letzter Sekunde aus der Schussbahn stoßen.
Tom Prox und seine Ghosts, die mit der Klärung des Falles beauftragt sind, geraten in ein verwirrendes, tödliches Ränkespiel um Macht und Money, bei dem es unmöglich scheint, zu erkennen, wer die Guten, und wer die Bösen sind ...
Der Rancher Mort Silver war breit wie ein Kleiderschrank. Er stand mehr als sechseinhalb Fuß hoch in seinen Reitstiefeln mexikanischer Machart.
Am Tresen lehnend, benötigte Mort Silver daher gut und gerne den Platz, der für zwei normal gebaute Männer gereicht hätte. Der Riese war in den Hüften so schmal wie ein Jüngling und dabei von einer solchen Geschmeidigkeit, dass diese bullige Gestalt die Menschen immer wieder in Verwunderung versetzte. Nur die ersten, leuchtenden Silberfädchen in dem ansonsten noch dunklen Haar deuteten an den Schläfen darauf hin, dass Mort Silver die Mitte der Vierzig bereits überschritten haben musste. Er trug das Haar kurz geschnitten, und buschige Brauen überschatteten die Augen.
Es waren gefühllose Fischaugen, die sein Gegenüber jedes Mal kaum zu beachten schienen und dabei doch blitzschnell alles erfassen konnten.
Auch jetzt, da Mort Silver an der langen Theke der Gastwirtschaft lehnte, um seiner Verpflichtung gegenüber der Cowboy-Crew nachzukommen, schienen diese hellen Augen an allem, was ringsum vor sich ging, nicht im Mindesten interessiert. Auch das Gesicht des Ranchers zeigte ob der hier herrschenden Fröhlichkeit kein Anzeichen von Freude, sondern blieb finster und abweisend. Dem Anschein nach bewegten den Rancher wenig erfreuliche Gedanken.
Dabei konnte Mort Silver eigentlich mehr als zufrieden sein. Die Herde der in diesem Jahre zum Verkauf getriebenen Rinder hatte aus mehr als dreieinhalbtausend Longhorns und etwa tausend Shorthorns bestanden. Die Tiere waren ohne Ausnahme gut im Futter, Gewicht und Fell waren erstklassig.
In einem Trail von sechseinhalb Tagen hatte der Rancher diese gewaltige Herde ohne nennenswerte Verluste von seiner Ranch durch das große Hochwaldgebirge nach Amarillo gebracht. Dort hatte der Hufeisen-Rancher, wie er wegen des Zeichens seiner Ranch allgemein genannt wurde, einen Rekordpreis für die Herde erzielt.
Für den Ritt zurück hatten die von ihm zum Trailen ausgesuchten Ranchhands dann nur knapp vier Tage benötigt. Und wie üblich waren die Weidereiter nun wie die hungrigen Wölfe in den Saloon von Texasgate eingefallen. Hier gab es eine ausgedehnte Rast, bevor die Cowboys die letzten zwanzig Meilen bis zur Hufeisen-Ranch würden hinter sich bringen müssen, um dort wieder dem gewohnten Trott des Weidedienstes nachzugehen. Für die Verzehrkosten aber hatte der Rancher aufzukommen, so wollte es die Tradition.
Der Krach im Schankraum war unbeschreiblich. Die recht beachtlichen Mengen an Whisky, mit denen die verdreckten Reiter die staubigen Kehlen gründlich ausgespült und ihren Boss hatten hochleben lassen, begannen nun zu wirken und in den Köpfen der Männer zu rumoren.
Flüche, Gelächter und Stimmengewirr wurden noch von den Klängen eines blechern scheppernden Orchestrions übertönt, zu denen die Mehrzahl der Männer wild durcheinandergrölte. Einige der jüngeren Weidereiter hatten sich umfasst und walzten jetzt mit klirrenden Sporen inmitten der Tische und Stühle umher. Fünf aus der vierundzwanzig Köpfe zählenden Crew aber nahmen schon keinerlei Anteil mehr an der turbulenten Feier. Sie hockten oder lagen traulich beieinander in einer dämmerigen Ecke des langen Schankraumes und schliefen ihren schweren Rausch friedlich aus.
Henner Collterton, der dicke, kahlköpfige Gastwirt, der hinter der Theke hantierte, grinste in Vorfreude auf den zu erwartenden Geldregen über sein feistes Gesicht. Die ihm in der Hitze von der speckigen Stirn perlenden Schweißtropfen wischte er sich mit dem dicht behaarten Handrücken fahrig ab. Er war unermüdlich darum besorgt, die leeren Gläser nachzufüllen, sie auf seiner Schiefertafel anzuschreiben und neue Flaschen zu öffnen.
Das zufriedene Aussehen des Keepers änderte sich allerdings sofort, wenn seine Augen zufällig auf einen Tisch in der Nische neben dem Tresen fielen. Die beiden dort sitzenden Männer bemerkten weder den Unmut des Keepers noch schenkten sie dem tosenden Trubel Aufmerksamkeit.
Auf den ersten Blick musste jeder Beobachter diese beiden Gäste für Brüder halten. Sie hatten beide das gleiche, etwas störrische Blondhaar, das schon fast ins Weißliche überging, und die gleichen hageren, kantig geschnittenen Gesichter, aus denen kühle, blaugraue Augen blickten. Die braun gebrannten Männer trugen auch die gleiche, aus weichem, nicht gegerbtem Leder gefertigte Reitkleidung. Und ihre breiten Büffelledergürtel, an denen die Holster an auffällig tief herabhingen, waren mit genieteten Silberplättchen verziert und glänzten vor Fett. Beides untrügliche Zeichen dafür, dass sie es verstanden, mit ihren Colts umzugehen.
Erst bei genauerer Betrachtung konnte man erkennen, dass zwischen diesen beiden doch ein erheblicher Altersunterschied bestehen musste. Das Antlitz des einen Mannes war bis auf wenige Lachfältchen um die Augenwinkel herum glatt, während das Ledergesicht seines Begleiters von tiefen Falten durchzogen war.
Und in der Tat war Semper Burgton, der Verwalter der großen Red-River-Knee-Ranch, auf den Tag genau einunddreißig Jahre älter als sein Sohn John, der trotz seiner nur achtundzwanzig Jahre auf derselben Ranch bereits einen Job als Vormann der Cowboy-Crew und als Stellvertreter seines Vaters hatte.
Der Keeper verfluchte innerlich sein Pech, das ausgerechnet heute, da die Trailreiter der Hufeisen-Ranch aus Amarillo zurückgekehrt waren, die beiden Burgtons zu ihm geführt hatte.
Zwischen diesen beiden Ranches bestand ein Weidekrieg, der schon seit einigen Jahren im Gange war, aber in letzter Zeit bedrohliche Formen angenommen hatte. Und während Henner Collterton noch räsonierte, begann das, was er von Anfang an befürchtet hatte.
Semper Burgton hatte sich langsam erhoben. Gemächlich zog er den Coltgürtel fester, warf seinem Sohn einen bedeutsamen Blick zu und schlenderte gelassen und mit leise singenden Sporen zum Tresen hinüber. Zwei dort lehnende Cowboys schob er energisch zur Seite und trat an den Hufeisen-Rancher heran. Er sah ihn an und stemmte seine Hände wie unabsichtlich in die Hüften.
»Ich dachte es mir schon, dass Sie heute vom langen Trail zurück sein würden, und habe hier auf Sie gewartet, Mister Silver«, begann er etwas schwerfällig. »Und daher dachte ich mir auch, ich sollte Ihnen gleich das sagen, was zwischen uns gesagt werden muss. Bin kein Freund davon, mit etwas lange hinter dem Berge zu halten, savvy.«
Da Mort Silver auf diese Worte keinen Ton erwiderte, sondern, wie üblich, auch durch Semper Burgton hindurch starrte, als ob dieser aus Glas wäre, wurde dessen Stimme schärfer.
»Okay, wie Sie wollen. Sie werden es hören müssen, das steht fest«, stieß der alte Burgton laut heraus. »Ich will Ihnen sagen, weshalb Sie Ihren Sohn mit blauen Veilchen um die Augen herum und ein paar dicken Beulen auf dem Schädel auf der Hufeisen-Ranch vorfinden werden. Der verdammte Boy hat sich erlaubt, auf unserem Land ...«
»Waaaas sagen Sie da?«, dehnte Mort Silver ungläubig. Sein Gesicht war unbewegt geblieben, aber seine Stimme klang eisig. »Wer hat gewagt, sich an Bug zu vergreifen?«
»Meine Wenigkeit war das, Mister Silver!«, rief jetzt John Burgton mit kräftiger Stimme vom Nischentisch herüber. Und plötzlich trat eisige Stille ein.
»Bleiben Sie mit der Hand vom Eisen, Mister Silver«, zischte der alte Burgton scharf, als die rechte Hand des Ranchers zum Coltkolben herunterfuhr. »Es ist für Sie besser, wenn Sie sich ruhig anhören, warum Ihr Ableger diese Abreibung von meinem Jungen bezogen hat, Mister Silver«, fügte er ernst hinzu.
Einer der Cowboys lachte vor Vergnügen laut auf, und mehrere andere Weidereiter kicherten mit. Die Männer verstummten aber sofort wieder, als die kalten Fischaugen ihres Bosses über sie hinwegglitten. Dieser starrte nun doch Semper Burgton an, als könnte er das Gesagte nicht glauben. »Damn, John hat es tatsächlich gewagt, sich an Bug zu vergreifen und ihn zu schlagen?«
»Yeah, das tat er – leider. Ich habe meinem John deshalb auch schon Vorwürfe gemacht. Es wäre viel richtiger gewesen, er hätte Bug niedergeschossen«, erklärte Semper Burgton trocken. »John hätte ein gutes Recht darauf gehabt, das zu tun, denn Bug forderte ihn unter Zeugen auf unserem eigenen Weidestück zum Duell und zog selbst sogar zuerst.« Burgton grinste plötzlich.
»Ihr Boy muss wohl keine gute Hand haben, denn seine Kugel ging bei einer Entfernung von nur knapp fünfzehn Yard drei Fuß vorbei.« Sein Grinsen verstärkte sich. »Na, aber statt mit dem Colt zu antworten, wie es zu meiner Zeit selbstverständlich war, verabreichte mein John ihm die humane Abreibung, von der ich bereits berichtet habe. Das wollte ich Ihnen nur sagen.«
Unter den Cowboys der Hufeisen-Ranch entstand Geflüster. Und die meisten Männer zwinkerten sich mit schadenfrohen Gesichtern verstohlen zu. Der hochmütige, eitle Sohn des Ranchers war bei ihnen wenig beliebt, und die meisten gönnten Bug Silver die Prügel von Herzen.
Der Hufeisen-Rancher schien weder von den hämischen Gesichtern seiner Leute noch von ihrem leisen Geraune etwas zu bemerken. Er nahm sein Glas von der Theke und stürzte den Inhalt auf einen Zug hinunter. Seine massige Gestalt schien noch zu wachsen.
»Und was, Mister Burgton, gab den Anlass zu diesem ... Streit?«, fragte er lauernd.
»Das ist schnell gesagt. John und einige unserer Cowboys trafen Ihren Sohn mit einem halben Dutzend Reitern an, als sie die Zuchtbullen der Hufeisen-Ranch auf unsere obere Weide trieben«, erwiderte der Verwalter der Red-River-Knee-Ranch. »Als mein Sohn ihn darauf aufmerksam machte, dass die Rinder auf unserem Grasland weideten, wurde Bug frech. Und so kam es dann zu der Abreibung.«
»Ich höre immer ›unser Land‹«, höhnte der Hufeisen-Rancher und zeigte zum ersten Male so etwas wie Anteilnahme. »Sie sind von uns als Verwalter eingesetzt, seitdem die Red-River-Knee-Ranch herrenlos ist. Sie sollten das nie vergessen, Mister Burgton.«
»Sie irren, Mister Silver. Aber gewaltig. Ich bin nicht von Ihrer Rancher-Genossenschaft eingesetzt, wenn Sie darauf abzielen wollen«, erwiderte Semper Burgton kühl. »Ich bekam meine Bestallung als Bevollmächtigter vom Gericht in Fort Worth und bin nur diesem Vormundschaftsgericht gegenüber verantwortlich.«
Nach diesen Worten trat plötzlich lähmende Stille ein. Jeder der Anwesenden wusste um die Bedeutung dieser Worte. Sie waren eine Kampfansage.
Während aber sämtliche anwesenden Gäste gebannt auf den Rancher und Semper Burgton starrten, wurde Henner Collterton nach einem verwunderten Blick über die Köpfe hinweg zur Tür plötzlich unruhig. Er gab ein paar unartikulierte Töne über den Tresen hinweg von sich, als wollte er den Hufeisen-Rancher auf etwas aufmerksam machen. Die Anstrengungen des schwitzenden Glatzkopfes blieben aber im Ansatz stecken, weil nun John Burgton aufgestanden und neben seinen Vater getreten war.
»Die Red-River-Knee-Ranch ist nicht herrenlos, Mister Silver«, erklärte er betont. »Die Ranch gehört zu sechzig Prozent der Erbin des verstorbenen Vorbesitzers Humphrey Warton, deren Interessen mein Vater genauso wie die der Rancher-Genossenschaft zu vertreten hat.«
»Und wo ist diese Erbin, mein kluger Boy?«, höhnte Mort Silver. »Was heißt überhaupt Erbin? Ein damals zwölfjähriges Mädchen, das seit fast zehn Jahren verschollen ist? Daran klammert ihr Burgtons euch doch nur, um Rancher spielen zu können! Auf einer Ranch, von der euch kein Grashalm gehört. Okay, der Traum ist aus, ihr Cowpuncher!« Ein Grinsen legte sich auf sein Gesicht. »Wir haben jetzt beantragt, Ellen Warton für tot zu erklären, denn die zehn Jahre, die nötig sind, werden in wenigen Wochen um sein. Was dann, Gents?« Er hob die Stimme. »Dann müsst ihr runter von der Ranch, und die Herrlichkeit ist aus, savvy.«
Die kantigen Gesichter der beiden Burgtons veränderten sich im Ausdruck nicht, aber an den geschwollenen Schläfenadern erkannte man ihren Zorn.
»Es muss doch wohl einmal in aller Öffentlichkeit gesagt werden, wie es steht«, versetzte der Alte gelassen. »Als wegen der Anteile der Genossenschaft an der Red-River-Knee-Ranch die Vereinigung der Rancher mich, nämlich die Vereinigung der Rancher mich als bevollmächtigten Verwalter vorschlug – und das auf Ihre Veranlassung hin –,
da hatten Sie eben verdammt falsch getippt, Mister Silver. Ich bin nicht bestechlich, um es ein für alle Mal deutlich zu sagen, Sir!«
Die mächtige Figur des Hufeisen-Ranchers schien noch höher zu wachsen, in seinen fischigen Augen stand kalte Mordgier. Bevor er aber etwas erwidern konnte, fiel John Burgton ein: »Sie haben meinem Vater aus bestimmten Gründen das Leben in den vergangenen Jahren verdammt schwergemacht«, erklärte er. »Und Sie wissen sehr gut, weshalb. Alles zielte nur darauf ab, die Ranch in Schwierigkeiten zu bringen, um sie aufteilen und schlucken zu können. Es war aber der Fehler Ihres Sohnes, die oberen Weiden schon jetzt als Eigentum der Silvers zu betrachten. Noch haben Sie das Grasland der Red-River-Knee-Ranch nämlich nicht geschluckt, Mister Silver! Noch sind wir ...«
»Zieh, Bursche!« Der Hufeisen-Rancher riss blitzschnell seinen Colt aus dem Holster, während auch die Rechte John Burgtons schon zum Coltkolben herunterfuhr.
Die Männer in der Nähe der Theke drückten sich erschrocken an die Wand zurück.
Der Donner der Schüsse dröhnte so gewaltig, als ob eine ganze Salve abgegeben worden wäre. Und tatsächlich waren es auch nicht nur zwei, sondern vier Kugeln, vor denen die Anwesenden unwillkürlich ihre Köpfe einzogen.
Die Kugel aus dem Colt des Vormanns war in die Decke gefahren, das Geschoss aus dem Revolverlauf Mort Silvers in den Fußboden eingeschlagen. Die beiden Schützen standen mit leeren Fäusten da und starrten fassungslos auf ihre Waffen, die polternd zu Boden geflogen waren. Mort Silver griff sich ächzend an das geprellte Handgelenk, und John Burgton verzog das Gesicht.
»Beg your pardon, Gentlemen, falls ich Ihnen etwas wehgetan haben sollte. Aber ich sehe es nun mal nicht gern, wenn sich in Gegenwart einer Lady Männer totschießen«, erklärte ein noch junger, schlank gebauter Mann mit wirrem, dunklem Haar von der Tür her. Mit einem leichten Lächeln schob er dabei die noch immer rauchenden 78er Colts ins Holster zurück. »Ich bin überzeugt, dass die Gentlemen sich ihrer guten Erziehung erinnern und die Stetsons abnehmen werden, Miss Warton«, wandte er sich an ein neben ihm im Türrahmen stehendes Mädchen. »Mehr braucht es dann auch nicht. So long, Mylady und Gentlemen!«
Damit war der so überraschend Aufgetauchte genauso urplötzlich wieder verschwunden, und nur die schlagenden beiden Flügel der Pendeltür zeigten, wohin er gegangen war. Dann trommelten draußen Hufschläge und verklangen schließlich.
Die Männer stierten das Mädchen an der Tür an, als wäre es ein höheres Wesen und von den Sternen gekommen. Mechanisch nahmen sie die Stetsons ab.
Semper Burgton hatte sich zuerst gefasst.
»Sie sind ... sind Miss Warton? Miss Ellen Warton?«, fragte er gedehnt und ungläubig. »Schwarzes Haar und haselnussbraune Augen, ja, es muss stimmen«, murmelte er mehr für sich noch.
»Und die kleine Narbe über der linken Braue, als mich das Pony abwarf und ich gegen den Felsen schlug, habe ich auch noch, Oldman«, erwiderte sie lächelnd, ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Dann wandte sie sich zu John Burgton um und sah ihn mit einem rätselhaften Gesichtsausdruck an. »Weißt du noch, John, wie du mir das Indianer-Tippi am Blue-Creek neben der Tränke gebaut hast und der übermütige Jungstier dich dann von hinten angegriffen, auf die Hörner genommen und mitsamt dem Tippi ins kalte Bachwasser befördert hat?« Sie lachte. »Wir nannten den Stier hinterher immer nur den ›Headpush-Bull‹, wegen seiner Angriffslust.«
»Yeah, ›Kopfstoß-Bull‹ lebt heute noch auf der Ranch, Ellen«, antwortete John Burgton ebenfalls fröhlich lächelnd.
»Hell and devil, Sie haben eine verdammt auffällige Erinnerung an diese gewissen Szenen aus der Jugendzeit von Ellen Warton, Girl«, fauchte Mort Silver böse dazwischen. »Sie werden sich daher wohl auch erinnern, dass ich seit dem Tode Humphrey Wartons zum Vormund für seine Tochter bestellt wurde. Ich hätte da als solcher eine Frage: Wo hat sich ...?«
»Sie waren zum Vormund bestellt, Mister Silver. Ich bin jetzt volljährig«, unterbrach sie ihn kühl. »Und Sie wurden lediglich Vormund, weil Sie sich darum beworben hatten. Wo Ellen Warton die ganze Zeit über war, während der sie verschollen galt? Nun, Sie sollen es wissen: Ein sehr guter Freund meines Vaters hatte etwas gegen Ihre Vormundschaft, wie er auch etwas gegen die Art hatte, mit der mein Vater ums Leben kam.« In ihren Augen stand ein seltsames Leuchten. »Sie sollten also lieber fragen, warum ich nach Texasgate gekommen bin, Mister Silver!«
»Das interessiert mich wenig, denn ich glaube Ihnen von alledem kein Wort, Miss ... hm ... Unbekannt«, knurrte Mort Silver in verächtlichem Ton. »Sie werden erst einmal genau beweisen müssen, dass Sie wirklich Ellen Warton sind und nicht nur eine von ... hm ... gewissen Leuten ...«, er machte eine Pause und sah Semper Burgton durch die verkniffenen Lider höhnisch an, »... gewissen Leuten lancierte Person darstellen, um die Red-River-Knee-Ranch zu fischen und dann ...«
»Nicht, Onkel Semper!«, legte das Mädchen schnell die Hand auf den Arm Semper Burgtons, als dieser zum Colt greifen wollte. »Ich werde selbstverständlich ...«
»Hände von den Colts! Wer hat hier geballert, he?«, röhrte jetzt eine Stimme wütend von der Theke her.
Der Besitzer dieses wahren Löwenorgans stand im selben Augenblick auch schon mitten im Schankraum. Es war ein kleiner, aber drahtiger Mann mit einem energischen Gesicht. Er hielt ein wuchtiges Schießeisen in der Faust, und seine schwarzen Kohlenaugen glitten pfeilschnell über die Gesichter der Männer hinweg. Bei der halben Drehung, die er dabei vollführte, blitzte der Sheriffstern auf seiner linken Brustseite matt in dem durch die Fenster einfallendem Licht.
»Damn, stecken Sie Ihren verdammten Kracher fort, Sheriff Bulver«, kreischte der Keeper hysterisch. »Ich habe genug von dem Theater. Mein Saloon ist ein Saloon und keine Schießbude, zum Teufel noch mal! Zwei Löcher, eines in der Decke und das andere im Fußboden, genügen mir.«
»Wer hat die Löcher fabriziert? Ich werde ihn ...« Erst jetzt erblickte der Sheriff das Mädchen. »Entschuldigen Sie, Ma'am.« Er ließ seinen Colt ins Holster gleiten und fasste sich mechanisch an den Kopf. »Zounds, ich hatte ja keine Zeit, den Stetson aufzusetzen, als ich den verdammten Krach hörte«, murmelte er ärgerlich vor sich hin.
»Diese Miss ... hm ... Unbekannt behauptete vorhin, Miss Warton, Miss Ellen Warton, zu sein, Sheriff«, erklärte der Hufeisen-Rancher mit eisiger Stimme.
»Hello, doch nicht etwa das verschollene Girl von der Red-River-Knee-Ranch?« Sheriff Buster Bulver musterte das Mädchen sichtlich ungläubig, wenn nicht misstrauisch. »Ellen Warton war doch ein Kind von zwölf Jahren, als sie ...«
