Tom Prox 43 - Jo Reuter - E-Book

Tom Prox 43 E-Book

Jo Reuter

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Beschreibung

Die Hitze lastet drückend über dem Grenzstädtchen und lässt die Gegenstände flimmern. Nicht einmal ein Hund ist auf der ausgedörrten Straße zu erblicken. Alles ist ruhig - gefährlich ruhig ...

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Seitenzahl: 160

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Cover

Impressum

Gefährlicher als ein Rudel Wölfe

Vorschau

Aus dem Wilden Westen

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Heinrich Berends

Illustrationen Innenteil: shutterstock

Datenkonvertierung eBook: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-9736-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Gefährlicher als ein Rudel Wölfe

Von Jo Reuter

Drückend lastet die Hitze über dem Grenzstädtchen und lässt die Gegenstände flimmern. Nicht mal ein Hund lässt auf der ausgedörrten Straße blicken. Alles ist ruhig – gefährlich ruhig …

Da taucht doch noch ein Mann vor der schmierigen Bar auf. Instinktiv bleibt er einen Schritt hinter der Schwelle stehen. Irgendetwas warnt ihn. Es ist nicht das Ticken einer Uhr, sondern es klingt verdammt danach, als würde hinter der Wand gegenüber ein Coltkolben auf Holz aufgeschlagen.

Links von der verrußten Theke hängen zwei Bilder. Bei dem größeren bewegen sich die dunklen Pupillen. Und dann ertönt eine Stimme:

»Treten Sie näher, Mr. Prox. Genehmigen Sie sich ruhig noch einen Drink, ehe Sie nach Boot Hill aufbrechen.«

1.

Die Hitze lastete drückend über dem Town. Schon auf zehn Meter Entfernung tanzten einem alle Gegenstände vor den Augen. Nicht einmal ein Hund war auf der ausgedörrten Straße zu erblicken.

Aber die Bewegungen des gutgewachsenen Mannes, der gerade vor Ned Burkes »Palace« aus dem Sattel glitt, waren frisch; sie verrieten noch viel Kraft.

Ned Burkes »Palace« war alles andere als ein Palast, obgleich man drei Stufen, knarrende, halbmorsche Eichenholzstufen, zu bewältigen hatte, um in die schmierige Bar zu gelangen.

Der Dunkelhaarige, dessen Augen funkelten, als betrete er den Garten Eden, nahm die drei Stufen mit einem einzigen federnden Satz.

Überrascht blieb er einen Schritt hinter der Schwelle stehen. Irgendetwas warnte ihn instinktiv.

Da vernahm er ein Knistern in irgendeiner Wand. Aber es war nicht das Ticken des Holzwurms. Es klang verdammt danach, als würde hinter dieser Wand ein Coltkolben auf Holz aufgeschlagen.

Links von der verrußten Theke hingen zwei Bilder. Das größere stellte einen indianischen Heiligen dar; vielleicht war es auch der zynische Benito Juarez. Man konnte das nicht recht ausmachen. Das Konterfei hatte kein Könner gemalt. Schon die Augen waren viel zu groß.

Der junge Mann auf der Schwelle lächelte immer noch wie in Gedanken versunken vor sich hin. Aber er beobachtete in Wirklichkeit aufmerksam diese großen Augen in dem Bild über der Theke. Manchmal sah es aus, als bewegten sich die dunklen Pupillen.

In dem Augenblick, wo er hinter sich ein Geräusch mehr spürte als hörte, kam unmerklich eine wiegende Bewegung in die Fußspitzen des Mannes.

»Guten Tag, Tom Prox!«, klang es plötzlich aus der Wand, an der das Bild hing. »Treten Sie näher. Genehmigen Sie sich ruhig noch einen Drink, ehe Sie nach Boot Hill aufbrechen.«

Tom Prox lachte, während er langsam auf die Theke zuging.

»Danke für die Freundlichkeit, nicht alle Tage bekommt man den Whisky umsonst serviert …«

»Verfluchter Spürhund! Dir wird das Lachen schon vergehen! Komm schon heran, nach rückwärts ist dir der Weg versperrt. Da stehen bereits zwei meiner besten Leute. Gieß dir doch endlich einen ein! – Ja, ja, so was geht an die Nieren, wie? Wände, die Augen und Ohren haben, dürften selbst einem so verrückten Hund wie dir zu viel werden. Haha …!« Ein schauriges Lachen erscholl hinter der Wand.

»Na, dann Prost!«, antwortete Tom Prox vergnügt und … tat, was ihm kein Boy unter Tausenden nachgemacht hätte, eigentlich dreierlei: Mit nahezu spielerischen Schritten näherte er sich der Theke, um seelenruhig der höhnischen Einladung des Unsichtbaren zu folgen. Aber in dem Augenblick, als seine Hand scheinbar nach der Whiskyflasche griff, glitzerte schon ein Colt darin. Und in der nächsten Sekunde, wo der Schuss aufblitzte und hinter der Wand jemand mit dumpfem Krach zu Boden fiel, flog Tom Prox auch schon im unglaublich geschmeidigen Dreh-Hecht nach rechts und segelte wie ein federleichter, beflügelter Roboter durch das nächste Seitenfenster.

Derjenige, der Tom Prox zugerufen hatte, dass schon zwei Mann hinter ihm ständen, hatte nicht gelogen. Diese beiden stürzten nun in den Raum und rasten zu den offenen Fenstern.

»Clifford«, stöhnte der eine, fast grau im Gesicht, »Tom Prox ist noch schlimmer als sein Ruf. Hol’s der Teufel, den haben wir noch lange an den Fersen!«

»Oder er uns!«, knurrte der andere und schob die Waffe wieder in das Holfter zurück.

Der Kumpan hatte immer noch dieses fahle Gesicht. Stumm wies er zur Wand hinüber, wo das Bild des undefinierbaren Ahnherrn hing. Sie traten durch die Tür, die in den Flur führte, und stießen eine zweite auf. Dann standen sie in einem winzigen Raum, der nur sparsam möbliert war. Dicht an der Wand zur Bar lag ein Mensch auf dem Rücken.

»Danke, Señores, haben Sie die Güte, Ihre werten Ärmchen etwas höher zu nehmen!« Es hörte sich an wie eine freundliche Aufforderung zum Tanz. Die zwei kamen Prox’ Aufforderung aber nicht nach, sondern ließen sich, wie an einem Strick zusammengekuppelte Marionetten, zu Boden fallen.

Die beiden sahen jetzt, wie Prox auf sie zu flog. Seine Fäuste wirbelten wie Kolben darauf los. Clifford erwischte als ersten ein so vollblütiger Schlag, dass er mit verzerrtem Kinn auf die Seite klatschte, aber Chat Bredow war jung und geschmeidig; er wand sich blitzschnell hoch. Doch Tom Prox schien sich die Taktik eines Kampffliegers zu eigen gemacht zu haben. Noch im Hechtsprung zielte schon seine Rechte gegen das Kinn seines Gegners. Anschließend kam er über den Gestürzten zu liegen, pfefferte ihm noch einen linken Haken in die Lade und wandte sich dann zu Clifford Staynes um, der gerade im Begriff war, wieder in die diesseitigen Gefilde zurückzukehren.

»Wo ist Clay Cumberland mit seinen Boys?«

Clifford Staynes aber antwortete nicht. Er lauschte, und auch Prox horchte auf. Wirbelnde Hufschläge näherten sich Burkes »Palace«.

Tom stutzte nun doch, als er diese wilde Meute sah. Er brauchte gar nicht erst lange zu fragen, ob es sich um Biedermänner oder um Komplicen der beiden handele. Der Herrgott zeichnete Gaunergesichter besser als der genialste Maler. Und Tom verstand sich aufs Gesichterlesen! Mindestens fünfzehn Desperados sprangen schon vor der Bar aus den Sätteln, als er geisterschnell aus dem Zimmer huschte, draußen über den Hof wetzte und in dem baufälligen Stall mit leichtem Scheunenaufbau verschwand.

Die nächsten Minuten bestätigten ihm, dass die wilden Reiter zu Stan Cottyard gehörten; denn da drinnen ging auf einmal ein fürchterliches Gebrüll und Gefluche los.

Tom Prox grinste zufrieden. Jetzt weiß ich endlich, dass euer sauberer Stan Cottyard gemeinsame Sachen mit Clay Cumberland drehte. Clay Cumberland … das war ein heißes Eisen! Der Bursche war sehr geschickt, selten unüberlegt, reagierte unsagbar schnell, fast … nun, fast ebenso schnell wie er selber.

Während der Ghostchef im Heu über dem leeren Stall hockte und dem Gebrüll der Desperados lauschte, war er keineswegs untätig. Er zog verschiedene Utensilien aus der Tasche, die eigentlich eher in einen Friseurladen gepasst hätten als unter den Anzug eines Rangercaptains. Er entledigte sich sogar seiner sämtlichen Kleidungsstücke.

Als er die Kleider umgedreht und wieder angezogen hatte, trug er nicht mehr die Khaki-Cowboy-Kluft, sondern eine schwarzweiß karierte Herrenreiter-Hose, ein hellgrünes Hemd und sogar eine dazu passende Krawatte. Auch der Coltgurt wurde nicht mehr benötigt. Er ließ ihn tief im Heu verschwinden. Unter der linken Achsel barg er jetzt eine Pistole. Obendrein drehte er auch noch seinen Sombrero um. Der sah jetzt hellgrau aus. Vorher war er braun gewesen. Was jetzt Hutband war, das war vorher Schweißband gewesen.

Der Lärm drüben in der Bar verebbte langsam. Dafür fingen die Burschen zu saufen an. Und die Flüche, die sie dabei zeitweise losließen, waren nicht zu überhören.

Tom Prox war sich vollkommen klar, dass er viel riskierte, wenn er sich jetzt die ganze Gesellschaft drinnen genauer ansah, um sich diese Gaunergesichter für alle Zukunft einzuprägen. Aber er vertraute seiner Verwandlung, denn auch sein Gesicht war ein anderes geworden. Man konnte ihn für einen reichen Hidalgo halten, der sich ein wenig für Arizona zurechtgemacht hatte, um nicht gleich überall als Mexikaner aufzufallen. Die Backen-Koteletten, der kesse Spitzbart, und der kleine Lippenbart waren ein wenig meliert, sonst aber dunkelhaarig, fast schwarz wie der Kopfschmuck eines gewissen Tom Prox.

Als er in den Stall hinabgeglitten war, wartete er noch ein paar Sekunden, ehe er in den Hof trat. Dann stolzierte er auf das Haus zu. Im Flur stand ein Hüne von Mensch und starrte ihn an.

»Landlord, ist eben ein Gent mit einem Braunen losgeritten, der eine große Dreiecksblesse auf der Stirn hatte?«

Prox hatte mexikanisch gesprochen.

Der Dicke zuckte die Achseln.

»Müssen schon englisch reden, Señor, kapier nur die Hälfte«, sagte der Koloss.

Während ihm Tom zur Schenke folgte, wiederholte er seine Frage in gebrochenem Englisch mit mexikanischen Brocken vermischt. Er sprach absichtlich laut, und jeder in der Trinkstube musste ihn verstanden haben, denn das Grölen und Gläserklingen verstummte sofort. Siebzehn, no, jetzt achtzehn Galgengesichter maßen die beiden Eintretenden. Prox brauchte nicht erst zu fragen, wen sie so herausfordernd fixierten.

Er hätte gerne gewusst, wo sich der Besitzer von Ned Burkes »Palace« in dem Augenblick befand, als Stan Cottyard hinter dem Bilde starb. Vorläufig lachte er aber erst einmal recht ungezwungen und winkte den illustren Gästen zu, als freue er sich, sie so einträchtig beisammen zu sehen. In Wahrheit interessierten ihn jedoch nur die Gesichter zweier Männer.

Während er sich einen leeren Ecktisch aussuchte, stellte er befriedigt fest, dass ihn Clifford Staynes und Chat Bredow nicht wieder erkannten. Bredow zierte ein großer blauer Fleck am Kinn, Staynes Stirn war an zwei Stellen mit Beulen geschmückt.

Er zuckte unschlüssig die Schultern und blieb noch eine Weile stehen, ehe er sich setzte.

»Caramba, Señores, isch komme geritten mit meine Braune, sehe nach, wo ist Stall. Ich zurück vor die Haus. Mein Caballo weg, fort. Madre, auf … wie sag isch … auf leise Sohlfüßen.«

Ein breitschultriger Vierziger grinste behäbig. »Ob das mit Tonio zusammenhängt?«, hörte ihn Prox nicht allzu laut sagen.

Unter den sechzehn Boys befanden sich vier Halbblute. Das also war die Bande Stan Cottyards! Tom Prox suchte eigentlich einen anderen: Clay Cumberland und dessen Team. Dass er dabei auf Cottyards Vögel gestoßen war, konnte die Sache eher erschweren als erleichtern.

Tom bestellte sich einen Whisky. Vergebens wartete er darauf, dass die Kerle wieder zu saufen und zu grölen anfingen. Im Moment tuschelten sie nur recht geheimnisvoll.

Stan Cottyard war tot. Er schien bereits einen energischen Nachfolger gefunden zu haben. Ein hässlicher Mensch, das hagere Gesicht von Messernarben entstellt, führte jetzt das Wort. Sobald er sprach, schwiegen die anderen und hörten ihm andächtig zu.

Einmal vernahm Prox den Namen New Bowie. Er kannte dieses Kaff nicht. Es gab ein Town namens Bowie unweit des San Simon Valley.

Der Mann mit dem vernarbten Gesicht erhob sich ziemlich schwerfällig. Prox staunte, wie lang dieser Bursche war; er maß mindestens einsfünfundneunzig. Als er jetzt auf den Ecktisch zukam, wurden seine Bewegungen elastisch. Der Hombre schien wirklich nur aus Gummi und Muskeln zu bestehen.

Er blieb, ein wenig vornübergeneigt, an Prox’ Tisch stehen und äugte herab. Tom nickte zu ihm auf wie zu einem alten Bekannten.

»Gent, Eurem bunten Dress nach könntet Ihr von drüben sein und auch wieder nicht. Ihr seht aus wie ’ne Mischung von Gringo und Greaser.«

»Isch habe misch nix gemacht, Caramba!«, lachte Prox. »Meine Vater, ihm war ein wirkliche Caballero, hat immer gesagen, Pedro, es ist Dios, ist Gott, wer hat erschaffen die Menschen, Gauner und Kanarienvögel!«

Der Riese grinste breit. Hinter ihm hob ein tosendes Gelächter an.

Tom Prox sprach natürlich mit sehr verstellter Stimme. Clifford Staynes und Chat Bredow ließen nicht erkennen, dass ihnen der Klang seines augenblicklichen Organs bekannt vorkam. Er hatte sie im Auge, wenn er am rechten Arm des Hünen vorbeisah.

»Ihr scheint also zu den Kanarienvögeln zu gehören. Euer seliger Vater hat recht gehabt«, begann der andere wieder. Plötzlich wurde seine Stimme drängend, hart.

»Bunt genug habt Ihr Euch ja ausstaffiert, Hombre, und Euren Gaul, den mag der Teufel selber geschluckt haben. Schätze allerdings, dass er Euch Euren Namen noch gelassen hat!«

Tom Prox nahm einen Schluck und, nickte freundlich.

»Si si, meine Namen, ihm habe isch noch, ihm verschenk isch nix.«

Der Zweimetermann schien leicht erregbar. Er krachte seine knochige Rechte auf den Tisch. »Eh, Hombrecito! Heiße Gray Morris und will wissen, wer hier vor mir hockt und mich so blöde anglotzt! Antwort!«

»Isch«, sagte Tom seelenruhig, »bei der Madonna, isch habe diese Gesicht und keine andere!«

»Gray, rüttle ihn mal durch; vielleicht fällt dann sein Name raus!«, grölte einer der Männer. Im Nu ging wieder das Gläserklirren los.

Offenbar hielten ihn die Galgenvögel mindestens für etwas beschränkt.

»Keeper, Zweistöckige, vielleicht kommt er dann zu sich!«, schrie Gray Morris, »Kanarienvögelchen muss man ab und zu ’ne Kleinigkeit zu saufen geben, sonst singen sie nicht!«

Er klopfte Tom Prox jetzt kameradschaftlich auf die Schulter und setzte sich ihm gegenüber. »Amigo, bist du überhaupt einmal in eine Schule gegangen?«

»Si, si, doch«, nickte Prox todernst, »das war in Corrilego.«

»Kenn ich nicht«, brummelte Gray Morris.

»Nix weit von San José«, behauptete Tom Prox. Er hatte den Ortsnamen einfach erfunden. »Wir hatten nur Girls in die Klass. Isch war einziges Muchacho, alleiniges Knabe.«

Schallendes Gelächter quittierte diese Antwort.

Tom Prox staunte die großen Gläser an, die der Wirt gerade auf den Tisch stellte; aber bei sich dachte er: Der Karren läuft doch nicht, wie ich will. Statt dass ich etwas gewahr werde, quetscht dieser Erzhalunke mich hier aus.

»Prost, du komisches Würstchen«, kicherte Gray Morris.

»Prost! Señor Morris!«

»Also wie heißt du, Amigo?«

»Oh, santa paciencia! Wie isch heißen, Señor Morris? Warum Sie haben das nix gesagt vorher?«

»Scheint wirklich nicht mit Intelligenz gesegnet zu sein«, hörte Tom Prox.

»Ich heiße Pedro Moreno y Fereira und verkaufe Hornochsen von Texas nach Sonora. Jetzt ich will anfangen diese Job hier in Arizona, warum nicht?«

Tom brachte seine Worte gleichgültig in seltsam singendem Tonfall hervor. Gray Morris schien wirklich nichts damit anfangen zu können. Oder doch?

»So, so, Ochsen also handelst du, Amigo«, murmelte dieser, »nicht auch mal Rinder?«

»Si si, auch Rinder natürlich!«, nickte Señor Pedro Moreno y Fereira.

Der andere betrachtete ihn lange.

Tom Prox blinzelte ihm zu.

»Gerade oder krumme Tour?«

»Nur krummes«, sagte der angebliche Viehhändler aus Sonora.

»Hm.«

Ein Hagerer neben dem Tisch rückte seinen Stuhl herum und saß nun dicht neben Señor Moreno. Seine Hakennase stieß diesem beinahe gegen den Hutrand.

Wir scheinen uns jetzt näherzukommen, dachte Tom Prox. Viehhandel zieht immer bei Rustlern.

»Sind Kollegen«, meinte Gray Morris, nicht sonderlich laut, nicht sonderlich leise. »Ich arbeite mit meinen Boys hier in der Gegend. Könnt eventuell mit ins Geschäft einsteigen … Wo bezieht Ihr meistens Eure Jobs her?«

Aber die Antwort blieb aus.

Jetzt hatten es Clifford Staynes und Chat Bredow plötzlich sehr eilig, ganz nahe an den Tisch heranzukommen. Beide starrten fasziniert auf Tom Prox’ linke Hand. Am Mittelfinger seines Ringfingers hatte er seit einiger Zeit eine nicht sehr auffällige Narbe. Aber sie war so sonderbar, dass, wer sie einmal gesehen, sie sofort wieder erkennen musste. Leider war er gerade gezwungen, mit der Linken sein Glas zu fassen, da ihm Gray Morris zu dicht auf die Pelle gerückt war und rechts so gut wie keinen Spielraum ließ.

Die Narbe, die von einem Messerwurf herrührte, war wie ein Halbmond geformt. Tom Prox entschloss sich noch in dieser Sekunde, den Finger bei nächster Gelegenheit entsprechend behandeln zu lassen.

»Reden wir so leise, dass ihr euch hinter mir aufbauen müsst?«, knurrte Gray Morris ungehalten.

»Vorsicht, Gray!«, zischte Chat Bredow. »Vorsicht! Der Señor ist kein Señor, sondern …«

»Isch bin bestimmt kein Girl«, lächelte Tom Prox, der sich vergnügt seine Lippenzierde zwirbelte. Von dort bis zum Schulterhalfter betrug die Entfernung jetzt nur einen knappen Fuß beziehungsweise eine Bewegung, die höchstens eine Viertelsekunde beanspruchte.

»Was soll das heißen?«, forschte Gray Morris aufhorchend.

»Nur ein paar Fragen an den Kanarienvogel«, entgegnete Clifford rasch. »Eh, Hombre, könntet Ihr mir vielleicht sagen, wieso Eure Finger etwas angeschürft sind? Denke, Ihr habt vor nicht allzu langer Zeit ’nen kleinen Boxkampf gehabt …«

Tom Prox zweifelte schon jetzt nicht mehr daran, dass ihn die beiden »Biedermänner doch erkannt hatten.

»Könnt Ihr mir verraten, wo Ihr diesen fabelhaften Blitzschuss gelernt habt, der Starr Cottyard umwarf, Mr Prox!«

Die Banditen waren – weil völlig unvorbereitet – so überrascht, dass sie samt und sonders hochfuhren und sich gegenseitig Sicht und Schussfeld nahmen. Auch Gray Morris war aufgesprungen. Er kam nicht einmal mehr dazu, sich richtig aufzurichten, da sackte er, von Prox’ Blitzhieb getroffen, Chat Bredow gegen die Brust.

Ein toller Sprung hatte den Ghostchef schnell an die seitliche Tür gebracht. Nur Chat Bredow und Clifford Staynes, die ihm am nächsten standen, sahen ihn eine Sekunde lang. Denn Tom duckte unsagbar schnell zu Boden, Chat Bredows Schuss fuhr über ihn hinweg.

Zwei Detonationen krachten wie eine. Die Rustler sahen nur, wie Bredow und Staynes lautlos umsackten. Dann erst hatten sie die Sicht auf die Tür und den Flur frei. Von Tom Prox war schon nichts mehr zu sehen.

Schüsse bellten auf, surrten blind durch die Gegend. Flüche, Scharren, Stampfen von Füßen, Stühle krachten um. Der ganze Haufe drängte über den Flur zum Hof.

Tom Prox hockte um diese Zeit bereits neben dem toten Stan Cottyard. An das Zimmerchen, das so wunderbar nahe der Tür lag, hatte keiner in der Aufregung gedacht. Tom hörte sie im Hof toben.

Irgendwo in der Nähe preschte ein Gaul über die Straße. Tom Prox grinste. Das kam wie bestellt. Richtig. Die Rustler rannten nach vorn. Gleich darauf hörte er die ganze Meute davongaloppieren.

Der dicke Wirt schrie um Hilfe und warf die speckigen Arme hoch, als Tom plötzlich vor ihm stand.

»Sag die Wahrheit, Hombre! Was weißt du von diesen wilden Knaben, los! Wird’s bald?!«

»Rustler, Señor … schwere Jungen. Schließlich kann ich meine Gäste nicht … äh …«

»Schon gut! Gray Morris ist jetzt ihr Boss, stimmt’s?«

»Ich glaube, ja …«, stammelte das Fass. »Sie treiben sich meist zwischen dem Dry Lake und der Grenze herum. Manchmal kommen sie hierher. Ich habe wirklich nichts damit zu tun!«

»Kennst du Clay Cumberland?«, drängte Prox.

»Ja und nein. Man redet von ihm, aber ich hab ihn noch nie gesehen, bei meiner Seligkeit, Señor!«

Tom Prox eilte hinaus. Der Wirt wunderte sich, dass er jetzt zum Stall hinüberrannte, wo doch sein Rappe noch vor dem Hause stand.

Kurz darauf sah er den »Señor«, diesmal mit einem Waffengurt versehen, zur Straße eilen und in den Sattel des Rappen fliegen.

Es war höchste Zeit.

2.

Vor dem Bankhaus von Chatters & Waycombe in Kansas City prallte ein recht behäbiger Herr in elegantem Sakko verdutzt zurück, als plötzlich ein seltsamer, langaufgeschossener Mensch mit einem markanten, faltigen Gesicht vor ihm stand. Die listigen Augen dieses Mannes blinzelten unergründlich.

Der Behäbige schaute zuerst amüsiert zu seinem Gegenüber auf. Er schien zu überlegen, ob er den Burschen schon einmal irgendwo in einem Zirkus gesehen hätte.

»Ah … sind Sie vielleicht Mr Greatscott?«, fragte der Mann sehr höflich.

»Irrtum«, erwiderte der andere, »aber darum brauchen Sie doch nicht dauernd mit Ihren Ohren zu wedeln. By Gosh, ich bin nicht dieser Gent, den Sie suchen! Ich bin das Geldverleihinstitut Ray Coster und genieße hier in Kansas City den Ruf …«

Der Fremde schien sich für den Ruf des Dicken wenig zu interessieren. Er schnitt eine undefinierbare Grimasse, lüftete seinen viel zu kleinen Hut und trat beiseite.

»Dann eben nicht, entschuldigen Sie, Gent!«