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Stell dir vor, dein Haus läuft los – und du bist mittendrin! Tomtom und seine Familie dürfen in die berühmte Villa Knisterburg ziehen, ein großzügiges Mehrfamilienhaus am Rande der Stadt. Dort ist es noch wundervoller, als Tomtom es sich ausgemalt hat. Doch direkt nach dem Umzug erhebt sich die Villa plötzlich und läuft auf Beinen los – mit allen Bewohnern an Bord. Wohin ist die Villa unterwegs? Und wie lässt sie sich aufhalten? Tomtom und seine Freunde stecken in einem gewaltigen Abenteuer, das größer wird, je mehr sie über die geheimnisvolle Villa Knisterburg herausfinden! Band 1 des rasanten Abenteuers mit viel Phantasie und Humor, herrlich schräg illustriert von Johanna Lumme. »Ein mitreißendes Kinderbuch, über ein laufendes Haus, die Kraft der Freundschaft und darüber, wie wichtig Veränderungen im Leben sein können.« Linus Giese
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Seitenzahl: 207
Veröffentlichungsjahr: 2022
Siri Kolu
Band 1
Siri Kolu, Jahrgang 1972, arbeitet als Autorin, Dramaturgin und Regisseurin. In Deutschland wurde sie durch die Kinderbuchserie »Vilja und die Räuber« bekannt, die 2010 mit dem Finlandia Junior Preis ausgezeichnet wurde. 2015 kam die Verfilmung des Buches in die internationalen Kinos. Siri Kolu lebt in Vantaa bei Helsinki, Finnland.
Johanna Lumme, Jahrgang 1990, arbeitet als bildende Künstlerin und Illustratorin und ist in Finnland für ihre Schulbuch illustrationen für die Grundschule bekannt. Daneben hat sie ihre erste Bilderbuchserie veröffentlicht.
Weitere Informationen zum Kinder- und Jugendbuchprogramm der S. Fischer Verlage finden Sie unter www.fischerverlage.de
Deutsche Erstausgabe
Erschienen bei FISCHER E-Books
This work has been published with the financial assistance of
FILI – Finnish Literature Exchange
Die Übersetzerin dankt dem Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop für das Arbeitsstipendium.
Covergestaltung und
Coverabbildung: Johanna Lumme
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-7336-0399-1
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[Kapitel]
1. Der Brief
2. Der Umzugstag
3. Auf gehts!
4. zwischenfall auf dem Marktplatz
5. Die Straße ruft!
6. Spionage
7. Wasser und Essen
8. Besuch bei den K.s
9. Das Geheimnis der Villa Knisterburg
10. Die Villa rennt
11. Sicherheitsmaßnahmen
12. Operation Fahrrad
13. Ein neuer VerbUndeter
14. Tapetensterne
15. Die Geschichte der Knisterburg
16. Vollmond
17. Das Rätsel der oberen Aula
18. Sicherheit und Gefahr
19. Schwierige Schaltersuche
20. Die Sicherheitsgruppe spinnt
21. Oben auf dem Turm
22. Das Geheimnis von Pianist Simes
23. Der große Test
24. Die Feinde der Knisterburg
25. Noch ein Geheimgang
26. Aufstieg und Fall der eisernen Lady
27. Kämpfen oder fliehen
28. Der Feind kommt näher
29. Der Gegenangriff
30. Ein riskanter Plan
31. Das beste Haus der Welt
32. Ein Nachbar zeigt sein wahres Gesicht
Der Brief, der das Leben meiner Familie komplett umkrempeln sollte, segelte einfach so in unseren Briefkasten und wartete unschuldig, bis er gefunden wurde. Als hätte er keine verschnörkelte lila Schrift und kein edles Wappen auf dem Umschlag. Hatte er aber.
»Tomas, für dich«, sagte Mama und drückte meinem Vater den Brief in die Hand. »Sieht ja speziell aus. Was hast du denn da wieder angestellt?«
Sie hatte meine kleine Schwester Ona auf dem Arm, die einen Zahn bekam und übelster Laune war.
»Ich habe mich für einen Job beworben«, sagte Papa zufrieden und zwinkerte mir zu, »irgendwann muss es ja mal klappen.«
Wir lasen den Brief erst nach dem Frühstück. Unsere Küche war so winzig, und wir waren so viele, dass man immer eins nach dem anderen tun musste, sonst wurde es chaotisch. Stand zum Beispiel die Milch noch im Kühlschrank und nicht auf dem Tisch, mussten erst drei Leute zur Seite rücken, ehe man an den Kühlschrank kam.
Beim Essen passte ich auf, dass die Haare meiner großen Schwester Onerva nicht in meinen Teller hingen. Onerva war noch schlechter gelaunt als Ona. Ob das Wetter schuld daran war, lag vielleicht ein Gewitter in der Luft?
Als meine zwei krakeelenden Brüder Toivo und Taisto vom Tisch aufstehen durften, öffnete Papa endlich den Umschlag.
»Also gut«, sagte er dazu und holte tief Luft, »schauen wir mal, was uns erwartet.«
Ich drückte unter dem Tisch fest die Daumen und hoffte das Allerbeste, wie jedes Mal. Papa suchte schon lange nach einem Job. Eigentlich hatte er ja zwei, doch die nützten ihm wenig. Wer brauchte heute noch einen Uhrmacher? Die Leute sahen auf ihre Handyuhr. Und auch als Reparateur oder Obstbaumbeschneider wurde er zu selten angerufen, dabei konnte er fast alles in Ordnung bringen.
Sehr geehrter Herr Tomas Mäki,
wir haben die Ehre, Ihnen mitzuteilen, dass wir uns aufgrund Ihrer Bewerbung und nach dem angenehmen Gespräch entschieden haben, Ihnen den Hausmeisterposten für die Villa Knisterburg in der Lotsenstraße 1 zu übertragen. Wie schon erwähnt, sollten Sie spätestens am ersten August beginnen. Die zugehörige Hausmeisterwohnung der Lotsenstraße 1 liegt im Erdgeschoss und im ersten Stock, sie ist frei und jederzeit bezugsfertig.
Bitte nehmen Sie Kontakt zu unserem Stiftungsbüro auf, und halten Sie Rücksprache wegen des Umzugstermins.
Hochachtungsvoll, Henrik Alasin-Niklasson,
Vertreter der Van-Böök-Stiftung
»Heißt das, wir ziehen um?«, rief Onerva und drehte den Kopf aufgeregt hin und her – von Mama zu Papa und wieder zu Mama. Ich musste mich wegbeugen, um nicht ihre wilden Haare ins Gesicht geschleudert zu kriegen.
»Jawohl«, antwortete Papa und hielt lächelnd die Faust in die Luft.
Ich schlug meine Faust an seine, Knöchel an Knöchel, drei Mal, unser Glücksbringer. Bämbämbäm oder auch tomtomtom.
»Ich bin so was von erleichtert«, seufzte Onerva. »In dieser engen Wohnung hätten wir es keinen Monat länger ausgehalten.«
Mama strahlte. »Herzlichen Glückwunsch, Tomas. Das klingt ja großartig. Habe ich richtig gehört, und es ist die Van-Böök-Stiftung, die dir schreibt? Die meinen wirklich diese Prachtvilla in der Lotsenstraße? Du meine Güte, ich fasse es nicht, da werden wir einziehen?« Mamas Gesicht wurde vor Aufregung ganz rot.
Papa nickte. »Ja. Bald gehören wir zu den Bewohnern der Villa. Wir sind sogar die Hausmeisterfamilie!«
Moment. Prachtvilla, Lotsenstraße, van Böök ... jetzt kapierte auch ich es. Es hatte geklappt. Und nicht nur das – Papas neuer Job würde mein ganzes Leben verändern! Ich rannte in den Flur, wo ich beinahe Toivo und Taisto umstieß, die mit einem Feuerwehrauto spielten. Auf dem kleinen Tischchen lag unser Familienhandy. Ich tippte auf die Nummer von Kajo. Kajos Zwillingsschwester Ruso ging ran.
»Rate mal, was bald passiert?!«, fragte ich aufgeregt und gab die Antwort gleich selbst: »Wir ziehen bei euch ein! Genauer gesagt, in die Hausmeisterwohnung. Es hat funktioniert! So, wie wir gehofft haben.«
Ein ganz neues Leben wartete auf uns, pünktlich zum neuen Schuljahr: ein tolles, wildes Leben in der alten Villa!
Ich wollte gerade auflegen, als Kajo plötzlich Ruso das Handy abnahm. »Es hat geklappt?«, fragte Kajo. »Komisch, die neue Hausmeisterfamilie hätte längst einziehen müssen. Ob was schiefgelaufen ist?«
Mist, das stimmte. Es war schon der zehnte August, der Brief war aber erst heute angekommen. Der Vertreter der Van-Böök-Stiftung hatte geschrieben, dass Papa am ersten August anfangen soll. Hoffentlich dachte er jetzt nicht, dass Papa kein Interesse an dem Job hatte!
Warum, verflixt nochmal, war die Post so langsam gewesen?
Mama und Papa hatten es auch schon bemerkt. Papa bat mich, schnell aufzulegen, und rief sofort bei der Stiftung an.
»Besetzt«, stellte er fest. »Hoffentlich haben sie die Hausmeisterwohnung jetzt keiner anderen Familie gegeben.«
»Bloß nicht!«, rief Mama. »Da ziehen wir ein und niemand sonst.«
»So sehe ich das auch. Ich radele mal eben hin«, brummte Papa, schlüpfte in seine Schuhe und rannte nach draußen. Ich stellte mich ans Fenster. Noch nie hatte ich jemanden so schnell Fahrrad fahren gesehen.
Papa würde alles geben. Er würde mit den Leuten von der Stiftung reden und dafür sorgen, dass er den Job bekam. Ich wusste, er würde es schaffen.
Bald darauf war es so weit: Papa hatte tatsächlich die Räder in der Van-Böök-Stiftung wieder zurückgedreht. Als unsere Sachen in den Umzugskartons verstaut waren und die Kartons im Möbelwagen standen, schrie ich vor Freude: Nun wurden wirklich wir die neue Hausmeisterfamilie. »Lotsenstraße, wir kommen!«, rief ich.
Ich sah mein Leben in der Villa in bunten Bildern vor mir. Es war einfach genial: Kajo Rimpinen und ich waren schon lange befreundet – jetzt wohnten wir im gleichen Treppenaufgang und konnten ab sofort gemeinsam zur Schule radeln. In der Klasse würden wir den anderen von unserem Leben in der Villa erzählen. Die würden Augen machen! Einladen konnten wir aber immer nur ein paar auf einmal, damit unsere Nachbarn sich nicht gestört fühlten.
Bislang hatte ich die Van-Böök-Bewohner immer nur aus der Ferne bestaunt. Sie veranstalteten jeden Sommer ein Fest mit Venedig-Motto, wofür sie extra die Straße absperrten. Sie saßen in schicker Verkleidung an langen Tafeln, aßen und tranken, und später wurde unter den Laternen, die in den Bäumen hingen, wild getanzt. Autos hatten an diesem Festtag nichts in der Lotsenstraße zu suchen. Auch an normalen Tagen erkannte man die Bewohner der Villa – an dem kleinen Abzeichen mit dem Haus, das sie am Kragen oder an der Brust trugen. Es hatte etwas von einem Geheimclub. Und jetzt gehörte unsere Familie dazu! Ich konnte es kaum fassen. Warum wir wohl ausgewählt worden waren? Ich hatte gehört, dass manche seit vielen Jahren in die Villa einziehen wollten und nie eine Einladung zum Vorstellungsgespräch bekamen. Papa musste bei seinem Termin im Stiftungsbüro einfach toll gewesen sein.
Ich fuhr mit meinem Rad hinter dem Umzugswagen her. Als ich in den Garten vor der Villa einbog, stand Kajo schon an der Haustür und rannte mir entgegen.
»Tomtom, das musst du unbedingt sehen! Sofort!« Vor lauter Schwung riss Kajo mich fast vom Rad.
Auch Ruso kam auf mich zugelaufen, allerdings mit etwas weniger Schwung. Ich ließ mein Fahrrad ins weiche Gras fallen. »Mensch Kajo, er muss sich doch erst mal in Ruhe umschauen«, sagte sie. »Bevor du ihn in unsere Geheimnisse einweihst, sollten wir ihm alles zeigen. Komm, Tomtom, wir erkunden die Bibliothek und die Aula und auch den Hinterhof, dort gibt es heute Sommersuppe mit viel frischem Gemüse.«
Aber Kajo hörte nicht auf sie, sondern packte mich am Arm und schleifte mich die Verandatreppe rauf, hinein ins Haus. In einem solchen Tempo, dass ich fast stolperte.
»Das hier war heute Morgen noch nicht da!«, rief Kajo und donnerte die Faust gegen die Wand.
»Du meinst die Tapete?«, fragte ich irritiert.
Kajo tippte mit dem Finger auf eine ganz bestimmte Stelle.
»Sie hat sich schon wieder verändert! Das Muster sah vorhin noch anders aus, ganz sicher! Ruso, hast du es fotografiert?«
Sie schüttelte den Kopf.
Was redeten die Zwillinge nur? Ich kapierte kein Wort. Ich stand verdattert in meinem neuen Zuhause, genauer gesagt einem großen Raum mit Bücherregalen und einem schwarzen Flügel, und sah mich um. Zwischen den Regalen befanden sich Wohnungstüren mit den Nachnamen meiner neuen Nachbarn drauf. Das hier musste eine Art Gemeinschaftsraum sein.
Ruso sah meinen fragenden Blick. »Dies ist die Aula, wie es im Grundriss der Villa heißt, oder auch Musikaula«, erklärte sie. »Den Flügel darf jeder benutzen, und auch die Bücher sind für alle da. Sie haben früher mal dem alten Herrn van Böök gehört. Es sind viele seltene Erstausgaben dabei und wertvolle Bildbände mit Zeichnungen. Er hat uns seine komplette Sammlung überlassen, ist das nicht toll?«
Kajo war mit den Gedanken noch bei der Wand, tippte weiter auf die Stelle und sah uns ernst an:
»Dieses Haus ist absolut eigenartig. Erst heute Nacht haben wir einen Fahrstuhl rumpeln gehört.«
»Ja, und dabei gibt es hier gar keinen Fahrstuhl«, ergänzte Ruso.
»Wir haben uns sofort aus unserem Zimmer geschlichen«, erzählte Kajo. »In der oberen Aula im ersten Stock konnte man es richtig laut und deutlich hören. Wir sind schnell runtergeschlichen ins Erdgeschoss, da gab es zwar kein Fahrstuhlgeräusch mehr, dafür hat die Tapete knisternde Laute von sich gegeben. Wir sind hier an diese Stelle gegangen und haben mit eigenen Augen gesehen, wie sie sich verändert.«
»Das klingt völlig verrückt«, sagte ich leise und merkte, wie mein Mund breiter und breiter wurde und ich von einem Ohr zum anderen grinste. Das fing ja phantastisch an! Ich war begeistert, echt begeistert.
»Tomtom, das Haus heißt nicht umsonst Knisterburg«, sagte Ruso und klang nachdenklich. »Es lebt. Es verändert sich. Es verändert sich die ganze Zeit.«
»Ja«, sagte Kajo, »an den Tapeten sieht man es deutlich. Jede Wohnung hat ein anderes Tapetenmuster, das sich langsam, aber sicher verwandelt. Früher waren die Tapeten vollkommen weiß. Dann tauchten dünne Linien auf, die aussahen wie Bleistiftschmierereien. Mama wurde stinksauer und dachte, dass wir das wären. Aber wir sind unschuldig, die ersten feinen Striche gab es schon, als wir einzogen. Sie wurden dicker und immer mehr. Wie Pflanzen, die wachsen. Und irgendwann waren bunte Muster da. Aber das ist längst nicht alles. Immer, wenn man denkt, jetzt kennt man das Haus vom Keller bis zum Dachboden, verändert sich wieder etwas.«
»Wie ist das möglich?«, fragte ich.
»Ich sage nur eins: Herr van Böök«, flüsterte Ruso.
Kajo zuckte zusammen und sah sich unruhig um. Als könnte uns jemand belauschen.
»Genau«, bestätigte Kajo und warf Ruso einen mahnenden Blick zu. »Jedenfalls ist es großartig, dass du da bist, Tomtom«, Kajos Stimme klang schon wieder entspannter. »Wir brauchen dich, und die Villa braucht dich auch!«
Ruso wollte noch etwas sagen, aber Kajo würgte sie mit einer Geste ab. Hörte uns irgendjemand zu? Ich spitzte die Ohren. Außer dem Gepolter der Umzugsmänner konnte ich nichts hören. Die schweren Schritte hallten durchs gesamte Haus.
»Ich schätze, ich sollte mal zu meiner Familie gehen und mit anpacken«, sagte ich.
Ruso sah aus, als wollte sie dringend noch etwas loswerden.
»Wenn die Villa wirklich ein Geheimnis hat, dann werden wir dahinterkommen«, versuchte ich sie aufzumuntern. »Wir behalten die Stelle hier in der Aula einfach im Auge. Und in ein oder zwei Tagen schauen wir zusammen nach, okay? Wenn die Wand sich dann noch weiter verändert hat, gehen wir der Sache auf den Grund.«
Ich war zuversichtlich, doch ich hatte ja keine Ahnung, was uns noch alles erwartete.
In der ersten Nacht in meinem neuen Zuhause, in den geheimnisvollen Stunden nach zwölf, als alle schliefen, verwandelte die Villa sich weiter. Während alle in ihren Betten lagen und auch ich und meine Familie zwischen unseren Umzugskartons träumten, tat die Villa Knisterburg etwas absolut Verrücktes.
Sie löste sich vom Erdboden und wackelte sanft mit den Beinen, die sonst tief im kühlen Erdreich steckten. Sie dehnte und streckte sich, aktivierte ihre Mechanik, wechselte vom Barfuß- in den Schuhmodus für Spaziergänge und setzte sich langsam in Bewegung. Mit ruhigen, sicheren Schritten ging sie die Lotsenstraße entlang und ließ an ihrem alten Platz einen gewaltigen Krater zurück. Das alles geschah so friedlich, dass niemand von uns Bewohnern aufwachte.
Unser neues Zuhause trug uns dem Abenteuer entgegen.
Die Treppen der Knisterburg
Hallo Amir! Hoffentlich erreicht dich mein Brief. Du wunderst dich bestimmt schon, wo ich abgeblieben bin. Mach dir bloß keine Gedanken, es hat nichts mit dem Fahrrad zu tun, das wir neulich im Graben gefunden haben. Das hatten wir doch geklärt. Du hast es zuerst gesehen, und wenn sich kein Eigentümer meldet, kannst du es behalten. Also, tut mir leid, falls du dir Sorgen gemacht hast, weil ich einfach verschwunden bin. Es ist alles okay, aber ich werde wohl noch eine Weile wegbleiben. Im Moment habe ich keine Ahnung, wann ich wieder in die Schule komme.
Ich versuch’s mal zu erklären, ist eine längere Geschichte. Papa hat einen neuen Job, und wir sind mit ihm umgezogen, wie immer. Eigentlich nur in die Lotsenstraße, also echt nicht weit. Theoretisch! Denn praktisch hat unser neues Haus gleich in der ersten Nacht eine Beinfunktion ausgefahren und stiefelt nun mit uns irgendwohin. Kajo und Ruso sind auch dabei, sie wohnen ja hier im ersten Stock. Wir sind also insgesamt drei, die jetzt in der Klasse 3B fehlen. Ihr wundert euch bestimmt. Vielleicht kannst du dir irgendeine schlaue Erklärung ausdenken? Oder sag einfach allen, dass wir verreist sind. Sind wir ja irgendwie auch. Allerdings haben wir keine Ahnung, ob die Villa jemals wieder umkehrt. Es könnte also eine längere Reise werden.
Schade, dass du nicht dabei bist! Aber ich habe mir vorgenommen, alles genau für dich aufzuschreiben. Wenn du meine Briefe liest, ist es fast so, als würdest du alles miterleben.
An den ersten Tagen in der Knisterburg habe ich mich ständig verlaufen. Eigentlich gibt es nur das Erdgeschoss, den ersten Stock, einen Dachboden und den Turm. Und zwei Treppenhäuser, den Treppenaufgang A und den Treppenaufgang B. Der Wohnblock, in dem wir vorher gelebt haben, ist viel größer, und trotzdem habe ich mich da schneller zurechtgefunden. Hier verlaufe ich mich ständig und muss jeden Tag dazulernen. Ich bin noch in der Orientierungsphase. »Liebe Knisterburg«, habe ich einmal gesagt, »ich lerne dich erst kennen. Hilf mir dabei.«
Am besten klappt es, wenn ich mich mit geschlossenen Augen fortbewege. Die Treppen kenne ich inzwischen ganz gut: Wenn man unten vor der Villa steht, sind es fünf steile Stufen rauf zur Veranda. So steil, dass man sich wie ein Bergsteiger fühlt. Die Veranda liegt also ziemlich hoch, und von links nach rechts ist sie so breit wie das ganze Haus. Von der Treppe bis zum Aufgang A sind es wieder fünf Schritte. Noch ein Schritt mehr, schon steht man in der Musikaula. Bis zu unserer Wohnungstür sind es dann genau zehn Schritte.
Die Musikaula hat einen ziemlichen Hall, davon darf man sich nicht irritieren lassen. Einfach weitergehen. Wenn man an unserer Wohnungstür steht und sich wieder umdreht, sind es nur vier Schritte bis zur Treppe.
Die Treppe führt nach oben in den ersten Stock. Zehn Schritte, einen für jede Stufe, dann steht man auf einem kleinen Treppenabsatz, auf dem man sich umdrehen muss. Noch einmal zehn Stufen, und man ist oben. Fünfzehn Schritte den Flur entlang, und du stehst vor der Wohnung von Kajo und Ruso, wobei du für die letzten Schritte um die Ecke biegst. Wichtig zu wissen: Die Treppe knarrt. Auf der zweiten Hälfte sind die Stufen zwei und drei besonders laut, vor allem dicht am Geländer. Wenn man schleichen will, sollte man besser einen riesigen Schritt von der ersten auf die vierte Stufe machen.
Die Treppe ist nicht gerade gut beleuchtet, das kann abends also Probleme bereiten. Wenn man oben losgeht und runterwill, gibt es nur ein kleines Licht auf halber Strecke am Treppenabsatz. Die letzten Schritte bis runter in die Aula geht man wie ins Nichts. Man muss einfach vertrauen, dass die Stufen da sind. Denn das sind sie.
Sollte mal der Strom ausfallen und damit das Licht, kann man sich auch mit der Nase orientieren: Unten in der Aula riecht es immer nach Essen. Meine Mutter kocht viel, weil ständig jemand Hunger hat, vor allem Baby Ona. Und oben riecht es irgendwie nach Parfüm und Blumen. Kajo und Ruso finden das auch, aber aus ihrer Wohnung kann es nicht kommen, sagen sie.
Auch in unserer Wohnung gibt es eine Treppe. Eine Wendeltreppe, die vom Wohnzimmer nach oben in das Zimmer von Onerva und mir führt. Siebzehn schwarze Eisenstufen, zwischen denen man hindurchschauen kann. Die ersten Male hatte ich deshalb Angst, aber jetzt finde ich es gut. Denn die Erwachsenen kommen nur, wenn es etwas Wichtiges gibt. Die Wendeltreppe gehört Onerva und mir, das Zimmer teilen wir uns allerdings. Meine Familie wird wohl nie so reich sein, dass alle ein eigenes Zimmer haben.
Jetzt noch die Eingangstür B: Wenn man unten vor dem Haus steht, wieder die fünf Stufen rauf zur Veranda. Dann drei Schritte zum Aufgang B. Von dort sind es etwa fünfzehn Schritte zur Turmtreppe. Und die Turmtreppe hat unglaublich viele Stufen, noch habe ich sie nicht gezählt. Das ging bisher nicht, ich durfte nicht rein in den Turm.
Papa sagt, dass ich mich in der Villa erst richtig auskennen und mit ihren Bewegungen klarkommen muss, bevor ich bei unseren Nachbarn, den Kajanders, fragen kann, ob sie mich in den Turm lassen. Der Zugang zur Turmtreppe befindet sich nämlich in ihrer Wohnung. Aber sobald ich im Turm war, schreibe ich dir! Und natürlich auch, wenn etwas anderes Spannendes passiert mit unserer guten Villa Knisterburg.
Knisterburg. Vergiss mich bitte nicht, lieber Amir! Und reparier bloß das tolle Fahrrad aus dem Graben! Wenn ich wiederkomme, will ich damit eine Runde drehen. Obwohl – wer weiß, ob ich wiederkomme.
Oder doch. Na klar!
Tschüs, Tomtom
»Hallooo! Huhuuu!«
Jemand drückte die Klingel draußen am Aufgang A und riss die Tür auf. Hektische Schritte trippelten durch die Aula, die Treppe rauf und nach einer Weile wieder runter. Immer wieder rief eine Frau »Hallo!« und »Huhu!« und klopfte an die Türen der Nachbarn. Bis sie schließlich als Letztes bei uns klopfte.
»Hallöchen, liebe Hausmeisterfamilie, wir treffen uns in einer Viertelstunde in der Musikaula!«, rief die Frau.
»Wie sollen wir das schaffen, wir sind alle noch im Schlafanzug«, brüllte Mama.
»Kommt einfach im Schlafanzug, das machen die anderen auch«, sagte die Frau und trippelte weiter.
Unsere Bademäntel lagen tief unten in den Umzugskartons. Ich zog mir schnell den Schlafanzug aus und eine Hose und ein T-Shirt über. Da klopfte es draußen am Fenster. Vor der Scheibe schwang die Strickleiter gefährlich hin und her.
»Hey, Tomtom!«
Kajo baumelte wie ein Affe vor meinem Zimmer.
Ich brauchte einen Moment, bis ich das Fenster aufbekam.
»Schon gemerkt? Das Haus bewegt sich!«, sagte Kajo begeistert.
»So ein Quatsch«, wollte ich erst sagen, aber dann fiel’s mir wieder ein: Ich hatte es in der Nacht selber gespürt. Und sogar gehört, wie der Boden des Hauses über Büsche schleifte. Aber nachts, im Dämmerzustand zwischen zwei Träumen, kam einem so was fast normal vor.
»Ja, ich habe es auch gemerkt!«, sagte ich und dachte: Genial. Unser Haus kann sich bewegen. Besser geht’s doch gar nicht! Jetzt werden wir bequem zur Schule getragen. Aber das Haus ging nicht Richtung Schule. Es marschierte, wohin es wollte.
»Bis gleich beim Treffen«, rief ich, und schon verschwand Kajo nach unten.
Bei der Versammlung in der Aula wurde mir erst richtig klar, wer alles im Haus wohnte und wie viele wir waren. Kajo hatte schon versucht, die Leute zu beschreiben, und es ziemlich toll hinbekommen. Ich konnte alle einordnen.
»Schön, dass ihr da seid und wir vollzählig sind«, sagte die Frau, die herumgegangen war und an die Wohnungstüren geklopft hatte. Das musste Silke Sumelius sein, die sich oft verhielt, als wäre sie die Chefin der Villa – so hatte Kajo sie charakterisiert. Sie war blond und trug ein grelles Gewand aus Seide. »In herausfordernden Momenten wie diesen sollte man dankbar sein für Kleinigkeiten. Bedanken wir uns also zuerst bei den Matti-Mikkolas, die mich dabei unterstützt haben, auch alle aus dem Treppenaufgang B zusammenzutrommeln.«
Sie machte eine Pause und schien Applaus zu erwarten.
»Es stimmt also, dass wir uns fortbewegen«, sagte Papa und sah freundlich in die Runde. »Das ist ja wirklich ein Ding.«
»Das ist es«, grummelte Herr Sumelius, der eigentlich Husch-Sumelius hieß. »Aus einem uns bisher unbekannten Grund hat das Objekt, ich meine die Villa, beschlossen, ihren Standort in der Lotsenstraße 1 zu verlassen. Ihre Aktivität begann irgendwann zwischen drei und fünf Uhr nachts. Dafür gibt es Augenzeugen.«
Kajo kniff mir unauffällig in den Oberarm und nickte in Richtung des Redners. Mir fiel direkt wieder ein, was Kajo über ihn gesagt hatte: Nachbar Harri Husch-Sumelius könnte ein Geheimagent oder Spion sein, jedenfalls drückte er sich immer korrekt aus und war sehr pingelig.
»Im Moment steht das Haus aber still«, warf ein älterer Mann mit Schnurrbart ein. Das musste Herr Kajander sein, der in der Küstenschifffahrt gearbeitet hatte und zusammen mit seiner Frau in der Wohnung mit dem Turmzugang lebte. »Wir befinden uns übrigens vor dem Rathaus auf dem Marktplatz.«
»Auf dem Marktplatz?!«, rief Mama.
»Ja, und wenn das jemandem zu viel wird und er oder sie die Reise lieber abbrechen möchte, dann am besten jetzt«, fuhr Herr Kajander fort. »Wir wissen ja nicht, wieso die Villa losmarschiert ist und wieso sie jetzt eine Pause einlegt. Besser man steigt aus, während sie stillsteht, nicht bei vollem Tempo. Eine Bremsfunktion konnten wir bisher nicht finden.«
Der Kommentar von Herrn Kajander löste große Unruhe aus. Frau Sumelius presste ihren bebrillten Sohn heftig an sich, Pianist Simes strich mit seinen langen Fingern besorgt über den Flügel, als würde ihn im Grunde nur die Sicherheit des Instruments interessieren, und Mama zog ihre Stirn in tiefe Sorgenfalten. Alle begannen durcheinanderzureden. Meine Geschwister Toivo, Taisto und Onerva, die auf der Treppe hockten, zischten und zickten sich gegenseitig an. Ich setzte mich zu ihnen und beruhigte sie. Von hier oben hatte man einen guten Überblick.
