Himmlische Bestellung - Friederike von Buchner - E-Book

Himmlische Bestellung E-Book

Friederike von Buchner

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Beschreibung

Diese Bergroman-Serie stillt die Sehnsucht des modernen Stadtbewohners nach einer Welt voller Liebe und Gefühle, nach Heimat und natürlichem Leben in einer verzaubernden Gebirgswelt. "Toni, der Hüttenwirt" aus den Bergen verliebt sich in Anna, die Bankerin aus Hamburg. Anna zieht hoch hinauf in seine wunderschöne Hütte – und eine der zärtlichsten Romanzen nimmt ihren Anfang. Hemdsärmeligkeit, sprachliche Virtuosität, großartig geschilderter Gebirgszauber – Friederike von Buchner trifft in ihren bereits über 400 Romanen den Puls ihrer faszinierten Leser. Es war schon dunkel in Waldkogel. Norbert Seeberger ging mit seinem Mischlingshund Wuschel spazieren. Wuschel war ein folgsamer Hund, deshalb ließ er ihn meistens ohne Leine laufen.Plötzlich blieb Wuschel stehen. Er drehte den Kopf etwas, stellte die Ohren auf und rannte los.»Wuschel, hierher!«, rief ihm sein Herrchen nach.Doch Wuschel rannte laut bellend am Ufer des Bergsees entlang. So blieb Norbert Seeberger nur übrig, seinem Hund hinterherzurennen.Atemlos erreichte er seinen Hund, der begeistert um den Bürgermeister herumsprang.»Du, Fellbacher?«, staunte Seeberger. »Wenn ich gewusst hätte, dass du hier bist, hätte ich nicht so rennen müssen.Er setzte sich neben Fritz Fellbacher auf einen Baumstamm.»Hat es dich hierhergetrieben, Fritz? Die Ratssitzung ist wohl nicht zu deiner Zufriedenheit gelaufen?»Naa, des lief ganz und gar nicht in meinem Sinn, Norbert. Ich bin enttäuscht. Dass der Huber-Franz, Ruppert Schwarzers Bazi, von dem Industriegebiet begeistert sein würde, des hatte ich angenommen. Aber ich bin enttäuscht vom Weißgerber.

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Toni der Hüttenwirt – 207–

Himmlische Bestellung

Alexanders innigster Wunsch

Friederike von Buchner

Es war schon dunkel in Waldkogel. Norbert Seeberger ging mit seinem Mischlingshund Wuschel spazieren. Wuschel war ein folgsamer Hund, deshalb ließ er ihn meistens ohne Leine laufen.

Plötzlich blieb Wuschel stehen. Er drehte den Kopf etwas, stellte die Ohren auf und rannte los.

»Wuschel, hierher!«, rief ihm sein Herrchen nach.

Doch Wuschel rannte laut bellend am Ufer des Bergsees entlang. So blieb Norbert Seeberger nur übrig, seinem Hund hinterherzurennen.

Atemlos erreichte er seinen Hund, der begeistert um den Bürgermeister herumsprang.

»Du, Fellbacher?«, staunte Seeberger. »Wenn ich gewusst hätte, dass du hier bist, hätte ich nicht so rennen müssen.«

Er setzte sich neben Fritz Fellbacher auf einen Baumstamm.

»Hat es dich hierhergetrieben, Fritz? Die Ratssitzung ist wohl nicht zu deiner Zufriedenheit gelaufen?«

»Naa, des lief ganz und gar nicht in meinem Sinn, Norbert. Ich bin enttäuscht. Dass der Huber-Franz, Ruppert Schwarzers Bazi, von dem Industriegebiet begeistert sein würde, des hatte ich angenommen. Aber ich bin enttäuscht vom Weißgerber. Dass der sich auf die Seite vom Huber schlägt, das hat mich doch erstaunt.«

Fritz Fellbacher schüttelte den Kopf. Er bückte sich und hob Wuschel auf seinen Schoß. Er streichelte ihn.

»Geld regiert die Welt, Fritz. Des weißt du doch. Weißgerber ist Geschäftsmann. Der wirtschaftliche Druck, den bekommt er auch zu spüren. Es wird immer mehr Bauholz und Brennholz aus dem Ausland herangeschafft. Deshalb lockt Weißgerber natürlich die Möbelfabrik auf der anderen Seite des Bergsees.«

»Mir ist schon klar, dass Weißgerber in einem Interessenkonflikt steckt. Es scheint ihm sein Geldbeutel näher zu sein als die Interessen der Gemeinde Waldkogel«, seufzte Fellbacher.

»Ist das nicht bei jedem Menschen so?«, fragte Norbert Seeberger.

»Mei, Seeberg, das ist eine Frage, die nicht so einfach zu beantworten ist. Es kommt eben immer darauf an, was einem wichtiger ist. Ich muss als Bürgermeister ständig damit umgehen. Weißt du, Norbert, das mit der Möbelfabrik, drüben am Seeufer, das hört sich ganz wunderbar an: Arbeitsplätze, Steuereinnahmen. Aber alles hat zwei Seiten. Betrachtet man die Schokoladenseite, dann rasselt im Hinterkopf die Rechenmaschine und die Euros klingeln in der Kasse. Doch es gibt eine Rückseite. In der Möbelfabrik soll in drei Schichten gearbeitet werden. Damit soll es spätestens Ende nächsten Jahres losgehen. Jetzt rechne mal den Autoverkehr dazu, der auf Waldkogel losrollen wird. Wenn nur einhundert Leute Schichtwechsel haben, dann quälen sich zweihundert Autos durch die Hauptstraße und das im Rhythmus von acht Stunden. Außerdem planen die Herren Möbelfabrikbesitzer bis zu dreihundert Arbeitsplätze und es werden vielleicht noch mehr. Ich kann verstehen, dass sich die Investition rechnen muss. Die Maschinen müssen ausgelastet sein. Aber unser schönes Waldkogel wird auch sehr ausgelastet, um beim Wort zu bleiben. Ich würde meinen, Waldkogel wird überlastet ist zutreffender. Norbert, ich mache mir große Sorgen. Wie wirkt sich das auf den Tourismus aus? Bisher war alles gut. Wir haben unsere Stammgäste. Sie suchen Ruhe und Erholung in Waldkogel und den schönen Bergen. Viele kommen bereits in der zweiten und dritten Generation zu uns. Fast in jedem Haus entlang der Hauptstraße gibt es Fremdenzimmer. Wenn zum Beispiel nachts oder am frühen Morgen Schichtwechsel in der Möbelfabrik ist, dann ist das mit Lärm verbunden. Sag mal ganz ehrlich, würdest du irgendwo Urlaub machen, wo dich der Verkehr aus dem Schlaf reißt, wo du in deiner Nachtruhe und auch am Tag ständig gestört wirst?«

Norbert Seeberger nickte.

»Ich mache mir auch Sorgen, Fritz. Unser Hotel ›Zum Ochsen‹ hat fast an jeden Zimmer einen Balkon zur Straße. Ich will dir anvertrauen, dass ich befürchte, die Buchungen könnten zurückgehen. Wenn jemand in München, in der Innenstadt, ein Hotelzimmer bucht, weil er geschäftlich in der Stadt etwas zu tun hat, dann ist das etwas anderes. Aber zu uns kommen die Gäste, um sich zu erholen. Es sind die betuchteren Urlauber, die gern für den Komfort der vier Sterne bezahlen. Doch eine luxuriöse Ausstattung und ein erstklassiger Service können sie über die Lärmbelästigung durch Verkehr nicht hinwegtrösten.«

»Das stimmt! Und dabei haben wir noch gar nicht von den Lastwagen geredet, Norbert.«

»Du hast es vorhin in der Gemeinderatsitzung deutlich angesprochen, Fritz.«

»Ja, das habe ich. Aber Weißgerber und Huber haben meine Argumente vom Tisch gewischt. Sicher fahren die Lastwagen des Sägewerks durch den Ort. Aber das ist doch kein Vergleich mit den Brummern, die dann dazukämen. Jetzt sind sicherlich viele Waldkogler dafür. Doch das kann sich schnell ändern, wenn an den schönen alten Häuserwänden die ersten Risse entstehen durch die Erschütterungen des Schwerlastverkehrs. Dann wird das Geschrei und Gezeter groß werden. Ich sehe es kommen. Die Gästezahlen werden zurückgehen. Der Verkehr wird bald alle nerven. Die Luft wird voll mit Benzingestank sein. Von der Verschandelung des schönen Seeufers will ich gar nicht erst reden.«

»Ich bin völlig deiner Meinung. Wenn ich hier sitze und mir vorstelle, drüben an der anderen Uferseite brennen nachts ständig Lichter, schmerzt mich das sehr. Von Ruhe wird auch keine Rede mehr sein. Die Idylle wird zerstört. Was sagt Tassilo dazu? Hast du mit ihm schon geredet?«

»Der ist davon überhaupt nicht begeistert, das kannst du dir vorstellen. Er hat eine Musikproduktion im Schloss und braucht Ruhe. Es würde angeblich nicht viel Lärm über den See dringen, sagen diese Jungmanager.«

»Wer es glaubt, wird selig!«, rief Norbert Seeberger aus. »Du musst Tassilo ins Boot holen. Die Grafen von Teufen-Thurmann sind seit alters her hier angesiedelt und haben über Jahrhunderte die Geschicke der Waldkogler gelenkt. Sie haben das gut gemacht und sich um alle gekümmert. Deshalb gilt auch heute noch, was Tassilo sagt. Wenn er sich dagegenstemmt, hat das Einfluss. Je mehr Waldkogler die Möbelfabrik ablehnen, desto besser. Dann entsteht ein Druck, dem du dich nicht beugen kannst, Fellbacher«, blinzelte Norbert dem Bürgermeister zu. »Wenn du willst, dann können wir im großen Saal bei uns im Hotel eine Informationsveranstaltung abhalten. Du sprichst und Tassilo spricht. Wir spendieren Bier und Weißwurst.«

»Gute Idee, ich lasse es mir durch den Kopf gehen. Dazu brauchen wir handfeste Tatsachen, um die Leute zu überzeugen.«

»Meine Unterstützung hast du, Fritz. Was können wir sonst noch machen?«

»Das ist die Frage. Die Gemeinde Waldkogel könnte eine Gutachterfirma beauftragen, zu erforschen, wie sich die Fabrik auf die Gemeinde und das Leben hier auswirken würde. Das kostet viel Geld. Und was nützt es? Nix, sage ich dir! Bei den Unterlagen, die Mayer mir gegeben hat, ist schon ein Gutachten dabei. Das ist so wachsweich abgefasst, dass mir die Haare zu Berge stehen. Da drin wird alles schöngeredet, vielmehr schöngeschrieben. Mayer und der ganze Clan wissen, dass das niemals einer objektiven Überprüfung standhält. Deshalb wollen sie auch alle Kosten für vielleicht notwendige Infrastrukturmaßnahmen übernehmen. Die sind doch mit allen Wassern gewaschen. Das Ganze stinkt zum Himmel, Norbert. Warum sind sie so großzügig? Sie könnten doch ihre Fabrik in einem Industriegebiet bauen, in dem es schon alles gibt, was sie brauchen. Was haben sie im Hinterkopf? Warum muss es ausgerechnet Waldkogel sein?«

Die beiden schauten sich an und zuckten mit den Schultern.

»Sie besitzen hier Baugrund, den sie nicht kaufen müssen«, sagte Norbert Seeberger.

»Des stimmt, aber das Gelände ist nicht erschlossen. Sie wollen die Erschließungsgebühren übernehmen. Das Vorhaben muss ihnen lieb und teuer sein. Ich kann schon nicht mehr schlafen. Warum machen sie das?«

»Das weißt du doch, Fellbacher! Aus Werbegründen machen sie das, so steht es auch in den Unterlagen. Sie weisen auf die alte Tradition hin, an die sie anknüpfen wollen.«

»Ja, das steht dort – aber Papier ist ja bekanntlicher Weise geduldig.«

»Sollten die Möbel wirklich nach der hundertjährigen Tradition gebaut werden, dann werden sie damit Erfolg haben, Fritz.«

»Das wollen sie den Leuten so verkaufen, Norbert. Aber das stimmt doch überhaupt nicht! Auf dem alten Mühlengebäude sind mal Möbel gebaut worden, aber das ist schon mehr als fünfzig Jahre her, wenn nicht noch länger. Außerdem war das eine Schreinerei und Tischlerei, die einzelne Möbelstücke hergestellt hatte, keine Möbelfabrik!«

»Fritz, wir können bis morgen früh hier sitzen und uns die Köpfe heiß reden. Im Augenblick können wir nur warten. Der Gemeinderat war nicht vollzählig, weil der Hofer nicht da war.«

»Der Lorenz Hofer war nicht erreichbar. Er ist auf einer Exkursion, die die staatliche Forstbehörde angeordnet hatte. Da konnte er nicht fort. Was denkst du, wie er entscheidet?«

»Ich stecke in dem Lorenz Hofer net drin. Vielleicht schlägt er sich auf deine Seite, Fritz. Ich denke, es kann aber auch sein, er schlägt sich auf die andere Seite. Das Gelände ist zugewuchert. Ich weiß, dass alle seine Versuche gescheitert sind, die Eigentümer zur Natur- und Landschaftspflege zu verpflichten. Er hat geschrieben und sie sogar auf die Brandgefahr hingewiesen. Das Unterholz ist sehr dicht. Ein einziger Funke kann ein schönes Feuerchen entzünden. Es ist schlimmer, als es auf den ersten Blick aussieht. Der breite Schilfgürtel verbirgt das ganze Ausmaß.«

»Woher weißt du das?«

Norbert Seeberger schmunzelte.

»Das habe ich Wuschel zu verdanken. Im Frühjahr war ich spazieren mit ihm und er verschwand in dem Gelände. Zufällig begegnete ich Hofer. Er half mir, Wuschel zu suchen. Weit sind wir nicht gekommen. Es gab zu viel trockenes Unterholz. So habe ich gewartet, bis Wuschel von allein wiederkam. Lorenz und ich hatten Zeit, uns zu unterhalten.«

»Er kann als Forstmeister amtlich dagegen vorgehen, Lorenz. Ich verstehe nicht, warum er es nicht macht. Mit mir hat er nicht darüber gesprochen.«

»Er meint, das dichte Unterholz halte wenigsten die Kinder davon ab, sich in den Ruinen der alten Mühle aufzuhalten, wie wir es alle gemacht haben. Wenn gerodet worden wäre, dann hätte in einem zweiten Schritt die Ruine gesichert werden müssen. Er sagte außerdem, dass sich eine rechtliche Maßnahme über Jahre hätte hinziehen können. Deshalb hat er davon abgesehen.«

Fritz Fellbacher starrte Norbert Seeberger mit großen Augen an.

»Es könnte möglich sein, dass Hofer mit seinen Briefen erst die Idee von der Möbelfabrik geweckt hat.«

»Du musst mit dem Hofer reden, sobald er zurück ist.«

»Das mache ich«, nahm sich Fellbacher vor. Er schaute auf die Uhr. »Es ist Zeit, meine liebe Irene wird auf mich warten. Aber ich war in ziemlich schlechter Stimmung, nach der Sitzung heute Abend. Da dachte ich, ich mache noch einen Spaziergang, damit ich mich ein bisserl beruhige. Die Ruhe hier, die Schönheit des Bergsees, in dem sich die Sterne und der Mond spiegeln und die Berge, besonders unser ›Engelssteig‹ mit dem Gipfelkreuz, die haben mir wieder etwas Frieden gegeben.«

Die beiden standen auf. Norbert Seeberger nahm Wuschel an die Leine. Sie gingen langsam zurück. Den größten Teil des Wegs schwiegen sie.

»Fritz, es wird sich alles zum Besten von Waldkogel finden. Auch ich als Geschäftsmann, musste in meinem Leben manche Entscheidung treffen, die mir Kopfzerbrechen bereitete. Als Hotelier wäre es in dem einen oder anderen Fall besser gewesen, mich für eine bestimmte Sache zu entscheiden, doch als Mensch sträubte sich etwas in mir. Da vertraute ich mich den Engeln vom ›Engelssteig‹ an und fand immer eine gute Lösung.«

»Besonderen himmlischen Beistand hatte Waldkogel immer. Hoffen wir, dass es dieses Mal auch so sein wird. Mögen die Engel uns beistehen!«, seufzte Fellbacher aus tiefstem Herzen. Dabei warf er einen Blick hinauf zum Gipfelkreuz.

Sie gingen weiter und schwiegen. Plötzlich blieb Fellbacher stehen und strahlte.

»Norbert, mir kam da gerade eine Idee. Ich gestehe dir, dass ich denke, die Engel haben mir die Idee in meinen Kopf und noch mehr in mein Herz gegeben. Das ist es! Dem Himmel sei Dank! Das könnte die Lösung sein.«

»Mei, ganz ruhig, Fritz! Erzähle!«

Fellbacher rieb sich vor Freude die Hände.

»Das Argument gegen die Möbelfabrik hat einen Namen: ›Höllentor‹. Das ›Höllentor‹ liegt nahe dabei auf der Seite des Bergsees. Und wir wissen alle, wie weich der Fels ist. Deshalb ist der Berg für Wanderer, Kletterer und Bergsteiger, ja, für jeden gesperrt. Eine Steinlawine oder ein Geröllabgang größeren Ausmaßes könnten der Fabrik gefährlich werden.«

Fellbacher grinste vergnügt.

»Die Fabrik ist nicht zu versichern, da sie in einer Gefahrenzone liegt.«

»Am Rande einer Gefahrenzone!«, verbesserte ihn Norbert Seeberger.

»Ja, wenn man es genau nimmt. Dann müssen wir eben die Gefahrenzone ausweiten.«

»Das ist eine gute Idee, Fritz. Du solltest es aber nicht an die große Glocke hängen. Es würde sofort auffallen, dass dir das gerade jetzt einfällt, um den Bau der Möbelfabrik zu verhindern.«

»Sicher, es muss von anderer Seite kommen. Ich rede mit Leonhard Gasser. Er wird eben auf seinem nächsten Rundflug, bei dem er mal wieder das ›Höllentor‹ inspiziert, sehr alarmiert sein.« Er grinste. »Und gegen die Vorsichtsmaßnahmen der Bergwacht bin ich als Bürgermeister leider absolut hilflos. Niemand kann mir und dem Gemeinderat zumuten, ein Industriegebiet zu genehmigen, in dem Menschenleben gefährdet sind.«

»Du musst die Leute daran erinnern, wie das damals war, als der ganze Hang runterkam und die Eltern von Franziska und Sebastian unter sich begrub. Es ist zwar nicht schön, an den tragischen Unfall zu erinnern, doch er ist noch jedem im Gedächtnis. Der Wald der Bichlers lag ganz unten, aber das weißt du. Wer hätte gedacht, dass so etwas geschehen könnte?«

Norbert Seeberger nickte ihm zu. »Rede mit Toni und den Baumbergers! Der Xaver kann in seinem Wirtshaus die Sache in Erinnerung rufen. Damit bist du fein heraus.«

»Das ist gut, Norbert. Das ist sehr gut! Das bleibt unter uns!«

»Des musst du net erwähnen. Wir sind ganz schön trickreich, Fritz, meinst du nicht auch?«

»Es zählt nur das Ergebnis, Norbert. Und wie heißt es? ›In der Liebe und im Krieg sind alle Mittel erlaubt‹, richtig?«

Norbert Seeberger stimmte zu. Sie sprachen sich ab.

Fellbacher wollte die Angelegenheit diskret mit Leonhard Gasser bereden, dem Leiter der Bergwacht in Kirchwalden. Norbert Seeberger wollte seinen Jugendfreund Xaver Baumberger aufsuchen, diskret natürlich, und ihn als Helfer gewinnen. Norbert war sich sicher, dass er bei Xaver und bei Meta offene Türen einrennen würden. Die beiden liebten Franzi und Basti und vergaßen nie, welches Unglück sie zu ihren Enkelkinder gemacht hatte.

Es musste einfach eine Stimmung entstehen, dass aus der Mitte der Öffentlichkeit, kritische Stimmen lauter wurden, und der gesunde Menschenverstand die Oberhand gewann.

Mit diesen hoffnungsvollen Gedanken trennten sich Norbert und Fritz auf der Hauptstraße. Fellbacher ging heim. Norbert wollte noch in der Hotelbar einen Schlummertrunk zu sich nehmen.

*

Es war später Abend. Julia saß am Computer und schrieb eine Mail. Ihre Freundin Monika hatte sie und den kleinen Alexander eingeladen. Die Sommerferien stünden vor der Tür. Das sei die beste Gelegenheit, mal aus allem herauszukommen.

Julia war seit einem Jahr Witwe. Ihr Mann war bei einem Autounfall umgekommen. Damit hatte sich ihr Leben dramatisch verändert. Ihre erste Sorge galt ihrem sechsjährigen Jungen. Alexander hatte sich sehr verändert. Aus dem fröhlichen und zu allen Streichen aufgelegten Lausbuben war ein stilles Kind geworden. Er ging zur Schule und lernte gut. In dieser Hinsicht konnte sie nicht klagen. Aber er zog sich immer mehr zurück. Er traf sich nicht mehr mit seinen Freunden. Selbst bei Hochsommerhitze wollte er nicht nach draußen gehen. Er saß lieber alleine in seinem Zimmer und spielte. Manchmal konnte sie ihn dazu überreden, zum Spielplatz zu gehen oder ins Schwimmbad. Das tat er aber nur, wenn sie mitkam. Julia nahm große Rücksicht auf Alexander.