Toni der Hüttenwirt 252 – Heimatroman - Friederike von Buchner - E-Book

Toni der Hüttenwirt 252 – Heimatroman E-Book

Friederike von Buchner

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Beschreibung

Diese Bergroman-Serie stillt die Sehnsucht des modernen Stadtbewohners nach einer Welt voller Liebe und Gefühle, nach Heimat und natürlichem Leben in einer verzaubernden Gebirgswelt. "Toni, der Hüttenwirt" aus den Bergen verliebt sich in Anna, die Bankerin aus Hamburg. Anna zieht hoch hinauf in seine wunderschöne Hütte – und eine der zärtlichsten Romanzen nimmt ihren Anfang. Hemdsärmeligkeit, sprachliche Virtuosität, großartig geschilderter Gebirgszauber – Friederike von Buchner trifft in ihren bereits über 400 Romanen den Puls ihrer faszinierten Leser. Erfolgreiche Romantitel wie "Wenn das Herz befiehlt", "Tausche Brautkleid gegen Liebe" oder besonders auch "Irrgarten der Gefühle" sprechen für sich – denn sie sprechen eine ganz eigene, eine unverwechselbare Sprache. Wilhelm Wetter fuhr den Lieferwagen auf den Hof und parkte ihn unter dem Dach des Unterstandes. Seine Frau Elisabeth, die Elli gerufen wurde, putzte das Schaufenster des Ladengeschäftes im Hinterhof. Sie stieg von der Leiter herab. "Grüß dich, Willi!", rief sie. Sie schaute auf die Uhr. "Mei, bist du heute früh dran! Ich dachte, von der weit entfernten Baustelle, kommst du erst später. Aber du hast Glück, ich bin gerade fertig geworden und kann gleich abschließen." Wilhelm legte den Arm um die Schultern seiner Frau und drückte ihr einen Begrüßungskuss auf die Wange. Sie waren über fünfundvierzig Jahre verheiratet und ihr Alltag war immer noch voller kleiner Zärtlichkeiten. "Wir waren mit dem Material zu Ende, da haben wir früher Schluss gemacht. Morgen ist auch noch ein Tag. Unsere Arbeiter hat es gefreut. Laut gejodelt haben sie. Sie freuten sich auf den längeren Feierabend. Mei, das kann ich verstehen. Die einen gehen mit Freunden in den Biergarten. Mein Vorarbeiter will seine Familie ins Auto packen und noch schwimmen gehen." Wilhelm lächelte seine Frau an.

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Toni der Hüttenwirt – 252 –

Junge Liebe, späte Liebe

Du musst dich nur trauen …

Friederike von Buchner

Wilhelm Wetter fuhr den Lieferwagen auf den Hof und parkte ihn unter dem Dach des Unterstandes.

Seine Frau Elisabeth, die Elli gerufen wurde, putzte das Schaufenster des Ladengeschäftes im Hinterhof. Sie stieg von der Leiter herab.

»Grüß dich, Willi!«, rief sie. Sie schaute auf die Uhr. »Mei, bist du heute früh dran! Ich dachte, von der weit entfernten Baustelle, kommst du erst später. Aber du hast Glück, ich bin gerade fertig geworden und kann gleich abschließen.«

Wilhelm legte den Arm um die Schultern seiner Frau und drückte ihr einen Begrüßungskuss auf die Wange. Sie waren über fünfundvierzig Jahre verheiratet und ihr Alltag war immer noch voller kleiner Zärtlichkeiten.

»Wir waren mit dem Material zu Ende, da haben wir früher Schluss gemacht. Morgen ist auch noch ein Tag. Unsere Arbeiter hat es gefreut. Laut gejodelt haben sie. Sie freuten sich auf den längeren Feierabend. Mei, das kann ich verstehen. Die einen gehen mit Freunden in den Biergarten. Mein Vorarbeiter will seine Familie ins Auto packen und noch schwimmen gehen.«

Wilhelm lächelte seine Frau an.

»Und was unternehmen wir, Elli? Wollen wir in den Biergarten?«

»Na, ich bin gern mit dir daheim, Willi. Das weißt du doch. Ich räume noch schnell die Putz-Sachen weg, dann schließen wir ab. Ich backe ein paar Brezeln und wir trinken zusammen ein Bier auf der Terrasse.«

»Lass mich dir helfen!«, sagte Wilhelm.

Er räumte die Leiter fort. Dann machte er die Kassenabrechnung für den Tag, während Elisabeth die Putztücher am Wasserhahn im Hof auswusch.

Ein kleines schwarzes Auto, das schon einige Jahre auf dem Buckel hatte, fuhr auf den Hof. Eine ältere Frau in Ordenstracht stieg aus. Sie schaute auf die Uhr und ging mit eiligen Schritten zur offenen Ladentür.

»Grüß Gott!«, sagte sie. »Der Beschreibung nach sind Sie Elisabeth und Wilhelm Wetter. Wie schön, dass ich Sie noch antreffe! Charlotte meinte, Sie machen meist pünktlich zu.«

»Sie kennen unsere Enkelin?«, fragte Elisabeth Wetter erstaunt.

Wilhelm Wetter kam dazu und grüßte.

»Die Schwester wird aus dem Kloster kommen, wo unsere Lotte jetzt dem Adam Mayerhofer bei der Restaurierung hilft.«

»Das stimmt. Ich bin Justina, die Leiterin des Klosters.«

»Es ist mit unserm Lottekind doch nichts passiert oder?«, fragte Elisabeth Wetter besorgt.

Die Mutter Oberin legte ihr die Hand auf den Unterarm.

»Sie können ganz beruhigt sein, Frau Wetter. Ihrer Enkelin geht es gut. Adam Mayerhofer, der bei uns die Restaurierungen durchführt, ist des Lobes voll. Sie ist sehr begabt. Im Augenblick bessert sie bei uns im Kloster eine Stuckdecke aus. Sie macht das sehr gut. Und dabei sieht man ihr die Freude an der Arbeit an.«

»Das freut mich«, strahlte Charlottes Großvater. »Des Madl hat schon immer viel Freude an dem Handwerk gehabt.«

»Es war ein Glücksfall, dass Sie ihr Talent unterstützt haben. Schließlich hat sie sich ja entschlossen, einen Beruf zu ergreifen, der vorwiegend von Männern ausgeübt wird.«

»Des hab ich gern getan, Schwester Justina. Genau wie meine Elli, habe ich mich nie gefragt, ob des wirklich ein sogenannter Männerberuf ist. Sicher, früher war es mal ein reiner Männerberuf, doch die Zeiten ändern sich. Es gibt immer mehr Madln, die das Stuckateur-Handwerk erlernen. Außerdem hätte niemand unsere Lotte davon abbringen können.«

Er schaute die Mutter Oberin fragend an.

»Sind Sie gekommen, um uns von Lottes guter Arbeit zu berichten, oder haben Sie ein bestimmtes Anliegen?«

»Das eine hat mit dem andern etwas zu tun, Herr Wetter. Ich will eine große und damit meine ich lebensgroße Skulptur eines Engels in Auftrag geben. Mit Charlotte habe ich schon darüber gesprochen.«

»Mei, da wird sich unser Madl gefreut haben. Wissen Sie, sie hat neulich zwei kleine Engel kreiert und dann noch eine etwas größere Engel-Figur.«

»An genau so etwas habe ich gedacht. Den größeren Engel konnte ich mir ansehen. Er ist wunderschön.«

»Dann wissen Sie, wo er steht?«, fragte Wilhelm Wetter.

Justina sah ihm die Überraschung an und war nicht verwundert. Sie ließ sich aber nichts anmerken.

»Ja, das weiß ich, ich war dort«, sagte sie, möglichst beiläufig.

»Wo?«, riefen Charlottes Großeltern wie aus einem Mund.

Die Ordensfrau lächelte geheimnisvoll. Sie ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

»Davon erzähle ich Ihnen gern später. Können wir vorher den Auftrag abwickeln? Charlotte ist bereit, die Skulptur zu fertigen. Wegen der Rechnung sollte ich mich an Sie wenden. Und hier bin ich.«

Wilhelm Wetter rieb sich das Kinn.

»Ja, ja, natürlich! Aber bitte verstehen Sie: Die Lotte hat ein großes Geheimnis aus der größeren der drei Figuren gemacht. In der letzten Woche war sie hier und hat sie mitgenommen, nachdem Hans Jäger sie aus Metall gegossen hatte. Meine gute Elli und ich rätseln, was das Madl damit vorhatte. Sie hat uns kein Sterbenswörtchen verraten.«

»Willi, hast du nicht gehört, dass die Mutter Oberin erst später drüber reden will«, tadelte ihn seine Frau.

Sie wandte sich an Justina.

»Wir wollten hier gerade alles dicht machen und rauf zu uns gehen. Wir könnten uns einen Augenblick auf die Terrasse setzen, auf ein Bier und Brezeln. Darf ich Sie dazu einladen? Dabei können wir dann den Auftrag bereden.«

Justina nahm die Einladung gern an. Sie folgte Wilhelm und Elisabeth in die Privatwohnung im oberen Stockwerk. Von dort ging es hinaus auf die Terrasse. Bier lehnte sie ab, da sie noch Auto fahren musste. Sie trank einen Saft und ließ sich die ofenwarmen Brezeln schmecken, die Elli immer auf Vorrat zubereitete und einfror, um immer schnell ein paar davon aufbacken zu können, wenn sie welche brauchte.

»Ja, kommen wir zum Geschäft, Herr Wetter. Der Engel soll gut zwei Meter hoch sein, von den Füßen bis zum Scheitel. Wobei die Flügel natürlich darüber hinausragen.«

Justina entnahm ihrer Tasche ein Blatt Papier.

»Hier, das ist die Skizze, die Charlotte gemacht hat«, sagte sie.

Wilhelm und Elisabeth Wetter betrachteten den Entwurf.

»Da hat sich Lotte wieder selbst übertroffen«, sagte Charlottes Großmutter.

»Des stimmt, Elli.«

Wilhelm Wetter wandte sich an die Mutter Oberin.

»Ich bin nicht unbegabt. Meine Kunden sind mit meinen Stuckarbeiten sehr zufrieden. Aber wenn des Madl etwas macht, hat der Betrachter beim Ansehen das Gefühl, es ist kein toter Gips. Da ist irgendwie Leben drin. Wie das Madl des hinbekommt, ist mir ein Rätsel.«

»Vielleicht kann ich es Ihnen erklären, Herr Weller. Ich habe Charlotte die letzten Tage heimlich beobachtet. Sie lächelt, wenn sie arbeitet. Sie sieht so glücklich aus. Sie geht ganz in dem auf, was sie tut. Es ist für Lotte nicht nur Handwerk, es ist mehr. Sie legt ihre Gefühle und all ihre Liebe hinein, ihr ganzes Herz. Sie wird Erfolg haben in ihrem Leben, wenn sie so weitermacht. Wenn jemand etwas mit den Gefühlen in seinem Herzen tut, mit guten Gefühlen und mit Freude daran, wird er erfolgreich sein.«

»Des haben Sie schön gesagt. So ist es«, sagte Wilhelm Wetter.

»Also, was den Auftrag betrifft – die Rechnung und so, das kommt nicht in Frage. Meine Frau und ich stiften die Figur gern.«

»Das ist wirklich sehr großzügig von Ihnen. Da kann ich nur sagen, ein herzliches Vergelt’s Gott, liebe Frau und Herr Wetter!«

»Gern geschehen!«, sagte Wilhelm.

Er trank einen Schluck Bier und sah seine Frau an. Sie wusste, dass sie jetzt das Gespräch führen sollte.

»Schwester Justina«, sagte Elisabeth, »wir waren der Meinung, wir hätten ein sehr gutes Verhältnis zu Lotte. Sie ist unser einziges Enkelkind. Sie hatte immer Vertrauen zu uns. Wenn sie mal in der Schule getadelt wurde, hat sie es uns zuerst erzählt, bevor sie mit ihren Eltern sprach. Die meiste Zeit, als sie bei meinem Mann in der Lehre war, wohnte sie hier bei uns. Es ist wichtig, dass ich Ihnen das sage. Denn wir wundern uns doch sehr in letzter Zeit. Lotte machte ein großes Geheimnis um den dritten Engel. Sie verriet uns nicht, für wen er war, wie sehr wir auch versuchten, es ihr zu entlocken. Irgendwann gaben wir es auf. Lotte war eigentlich immer sehr sanft. Ja, sie hat ein liebes und sanftes Wesen, war nie frech und ungezogen. Doch sobald wir auf den Engel zu sprechen kamen, wurde sie ungehalten.«

»Elli, es war mehr als ungehalten«, ergänzte Wilhelm. »Erinnerst du dich? Gebrüllt hat sie, dass wir aufhören sollten, sie auszufragen. Der Engel sei ihre Angelegenheit und sie würde mit niemanden darüber sprechen. Dabei sind ihr richtig die Nerven durchgegangen. Wir waren richtig erschrocken, über ihre ungewohnt harte Reaktion. Das können Sie sicherlich verstehen.«

»Ja, ich kann verstehen, dass sie von Charlottes Verhalten überrascht waren«, sagte Justina milde. »Kreiden sie es dem Madl bitte nicht an. Sie hat mir viel von Ihnen beiden erzählt und sie liebt sie sehr. Sie hängt innig an Ihnen. Vielleicht wollte sie Ihnen keinen Kummer machen? Vielleicht dachte sie, es sei besser, wenn sie nichts davon wissen.«

»Warum denn? Mei, das Madl konnte doch immer über alles mit uns sprechen«, seufzte Elisabeth. »Das klingt, als wollte Lotte uns schonen.«

»Liebe Frau Wetter, ich kann über Charlotte nur sagen, dass sie eine sehr kluge junge Frau ist, die weiß, was sie tut und sich jeden Schritt genau überlegt.«

Wilhelms Nerven waren sehr angespannt.

»Wollen Sie uns nicht endlich sagen, wo sie die Engelskulptur gesehen haben? Oder dürfen Sie es uns nicht sagen?«, fragte Wilhelm sehr nervös.

»Oh, das kann ich Ihnen sagen. Das ist kein Geheimnis. Ich habe vor einigen Tagen einen Geistlichen besucht, zu dem unser Orden eine enge Verbindung hat. Gemeinsam haben wir schon viele Kinder aus dem Kinderheim in gute Familien vermittelt. Von Zeit zu Zeit treffen wir uns bei Kaffee und Kuchen. Dieses Mal fuhr ich zu ihm. Wir sprachen darüber, was es Neues gab. Unter anderem erzählte ich von der begabten Praktikantin Charlotte Holzer. Das Gespräch ging hin und her, und es stellte sich heraus, dass es sich dabei um die gleiche junge Frau handelte, die ihn aufgesucht hatte. Sie hatte ihn um Hilfe gebeten, bei der Aufstellung einer Engelsfigur auf dem Friedhof des Ortes und hat ihn um den kirchlichen Segen gebeten. Selbstverständlich kam er der Bitte der jungen Frau nach. Er lud sie zum Kaffee ein und fand sie ganz reizend. Pfarrer Zandler war begeistert von der Skulptur und zeigte sie mir. Ich gestehe, ich war beeindruckt. Nein, es war viel mehr. Ich war tief berührt. Danach sprach ich mit Lotte, ob sie eine ähnliche Skulptur machen könnte, wie die Figur auf dem Friedhof, einen Engel mit einem großen Rucksack zwischen den Flügeln, der ihn am Fliegen hindert.«

Wilhelm Wetter trommelte nervös mit den Fingern auf die Tischplatte und erntete tadelnde Blicke von seiner Frau.

»Und wo war das? Sie haben den Ort nicht erwähnt, Schwester.«

»Tatsächlich nicht? Ich rede von Waldkogel. Das ist ein kleiner Ort unterhalb des alten Pilgerwegs, der über die Berge nach Rom führt. Waldkogel liegt am Ende eines ruhigen Tales. Waldkogel ist ein sehr idyllischer Ort, mit einer wunderschönen Barockkirche. Es liegt unweit von Kirchwalden. Aber Kirchwalden ist sehr viel später entstanden, als Waldkogel.«

»Kann sein, dass ich den Namen Waldkogel schon einmal gehört habe«, sagte Wilhelm Wetter leise. Dabei tat er so, als versuche er sich zu erinnern.

Oberin Justina überging seine Reaktion kommentarlos. Sie vermutete, dass die Wetters den Geburtsort ihres Schwiegersohns kannten und auch über den Bruch von Charlottes Vater mit seiner Familie wussten. Sie sah Charlottes Großvater an, welche Gedanken durch seinen Kopf gingen. Er vermutete jetzt bestimmt einen Zusammenhang zwischen Charlotte und Alois Holzer, ihrem Großvater väterlicherseits. Ihm dämmerte wohl, dass Charlotte herausgefunden hatte, dass es da einen Großvater gab, der ihr bisher verschwiegen wurde.

Ja, Elisabeth und Wilhelm wussten von dem großen Schweigen darüber. Ihre Tochter Monika, Charlottes Mutter, war darüber nicht glücklich, dass ihr Mann so tat, als gäbe es keine Verwandten von seiner Seite, bis auf Harald, seinen älteren Bruder, und dessen Familie, seine Frau Karola und die Kinder Kuno und Sophie.

Schweigen lastete auf der kleinen Runde.

»Es fällt Ihnen bestimmt wieder ein, Herr Wetter«, bemerkte Justina höflich. »Und vielleicht fahren Sie einmal zusammen mit Ihrer Frau hin und schauen sich die Arbeit ihrer Enkelin an? Es ist wirklich eine außergewöhnlich beeindruckende Skulptur. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Vielleicht klärt sich alles, wenn sie hinfahren und sich die Skulptur ansehen?«

Justina schaute auf die Uhr. Sie stand auf.

»Oh, ich muss fahren! Meine Mitschwestern warten auf mich. Es war schön, Sie kennenzulernen. Ich bedanke mich noch einmal für Ihre großzügige Spende.«

Wilhelm und Elisabeth Wetter standen auf.

Justina sah, dass sie sich fragende Blicke zu warfen. Das bestärkte sie in ihrer Annahme, dass ihre unausgesprochene Botschaft, in Form eines sanften Hinweises auf Waldkogel, angekommen war.

Elisabeth und Wilhelm begleiteten die Klosterleiterin zu ihrem Auto.

»Vielen Dank, für Ihren Besuch!«, sagte Wilhelm Wetter.

Die Mutter Oberin lächelte Lottes Großeltern an.

»Haben Sie Geduld mit Charlotte! Vielleicht muss sie noch viele solche Engel formen, bis sie die Kraft hat, über etwas zu sprechen, was sie tief in ihrem Herzen bewegt. Geduld fordert viel Kraft, das weiß ich. Aber mit Geduld kommt man oft schneller zum Ziel, als mit Ungeduld.«

Die Ordensfrau ließ den Motor an und wendete. Das Autofenster war heruntergekurbelt. Sie winkte den Wetters zu und wollte abfahren.

Wilhelm Wetter rief: »Noch einen Augenblick, bitte!«

Sein Herz klopfte. Seine Frau und er hielten sich an den Händen, als sie neben dem Auto standen.

»Frau Oberin, können Sie sich an die Gräber erinnern, die in der Nähe des Platzes sind, an dem Charlotte die Engelsfigur aufgestellt hat?«

»Sie hat sie nicht auf einem Platz aufgestellt, sondern auf einem Familiengrab.«

»Sage Sie bitte, wer ist da beerdigt?«, brach es aus Wilhelm hervor.

»Ich erinnere mich nur an einen Namen. Die Frau ist erst vor einigen Jahren gestorben. Die goldene Schrift auf dem Grabstein war noch gut zu lesen. Es ist eine sehr gepflegte Grabstätte. Der Name der Verstorbenen war Hedwig Holzer.«

Wilhelm und Elisabeth Wetter schauten sich betroffen an.

»Holzer, sagen Sie, und Hedwig der Vorname?«, fragte Wilhelm nach, so als hätte er es nicht verstanden.

Die Mutter Oberin lächelte, wie jemand, der mehr wusste, aber schwieg. Justina wünschte den beiden Gottes Segen und drehte das Autofenster hinauf, obwohl es ein sehr warmer Sommerabend war. Es war die deutliche Geste, dass sie nichts mehr zu dieser Angelegenheit sagen wollte. Wilhelm und Elisabeth warfen sich Blicke zu und nickten. Sie hatten verstanden.

Mutter Oberin Justina fuhr davon. Wilhelm legte den Arm um seine Frau. Sie sahen dem Auto nach. Dann gingen sie wortlos zurück ins Haus.

Sie setzten sich auf die Terrasse und schwiegen, denn sie waren noch nicht in der Verfassung, darüber zu sprechen. Sie waren sehr aufgewühlt.

*