Tony Ballard #15: Das Haus der Verdammten - A. F. Morland - E-Book

Tony Ballard #15: Das Haus der Verdammten E-Book

A. F. Morland

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Beschreibung

Tony Ballard Band 15 von A. F. Morland   Der Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.   Zwölf Uhr - Mittag. Eine unheilvolle Schwärze lastete über London. Dumpfe Donner grollten über der Stadt. Grelle Blitze zerfetzten den hässlichen grauen Himmel. Sintflutartige Regenfälle überschwemmten die Straßen. Die Welt probte ihren Untergang und drohte zu ertrinken. Todesahnungen befielen die Menschen. Und einer von ihnen starb wirklich. Es war die Todesstunde von Oliver Blenford…

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A. F. Morland

Tony Ballard #15: Das Haus der Verdammten

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Das Haus der Verdammten

Tony Ballard Band 15

von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.

 

Zwölf Uhr - Mittag.

Eine unheilvolle Schwärze lastete über London. Dumpfe Donner grollten über der Stadt. Grelle Blitze zerfetzten den hässlichen grauen Himmel. Sintflutartige Regenfälle überschwemmten die Straßen. Die Welt probte ihren Untergang und drohte zu ertrinken.

Todesahnungen befielen die Menschen.

Und einer von ihnen starb wirklich.

Es war die Todesstunde von Oliver Blenford…

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

"Edition A. F. Morland" ist ein Imprint von Alfred Bekker & Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte des Titelbild-Logos by Jörg Martin Munsonius/Edition Bärenklau

Illustrator: Michael Sagenhorn, 2016

1

Wieder zuckte ein gleißender Blitz auf. Der Donner folgte gleich darauf. Oliver Blenford lag schwer atmend in seinem Krankenhausbett. Ein Mann von sechzig Jahren, hager, mit eingefallenen Wangen und glühenden Augen. Manchen Leuten lief es kalt über den Rücken, wenn Blenford sie mit seinen durchbohrenden Blicken anstarrte. Reichlich seltsam sah er aus. Der Kopf war oben kahl. Seitlich stand schlohweißes Haar ab. Blenfords Lippen waren schmal und immer schon beängstigend blutleer gewesen. Seine knöchernen Hände waren stets so kalt wie die eines Toten.

Das Zimmer, in dem Blenford lag, war klein. Mehr als ein Bett, ein Schrank und ein paar Besucher hatten hier nicht Platz.

Draußen rumorte das schwere Gewitter. Der Wind versuchte, die Fensterscheiben einzudrücken. Er zerwühlte die Kronen der Bäume und heulte gespenstisch.

»Es ist die richtige Zeit zum Sterben!«, sagte Blenford mit rauer Stimme. Seine Miene verfinsterte sich. »Ich habe genug vom Leben! Ich will nicht mehr länger dieses Menschendasein ertragen müssen!«

Fauchend zuckte ein Blitz aus den dunkelgrauen Wolken. Mit furchtbarem Getöse schlug er in den Blitzableiter des Krankenhauses ein. Jene Kranken, die sich ungehindert bewegen konnten, krochen furchtsam unter die Decke. Die anderen, die in Gips gepackt waren oder an Apparate angeschlossen waren, beneideten sie um den Platz unter der Decke. Das Licht flackerte kurz.

Blenford drehte die Augen nach oben. Furchtlos blickte er zum Fenster. »Es ist ein Sterbetag, wie ich ihn mir wünsche!«, murmelte er. Ein zufriedener Ausdruck lag auf seinen blutleeren Lippen. Er holte tief Luft und sammelte all seine Kraft, um zu rufen: »Satan! Teufel! Herr der Finsternis! Hörst du mich? Hörst du deinen Diener Oliver Blenford? Mich widert dieses Leben an! Ich beschwöre dich, komm zu mir und nimm dieses verdammte Leben an dich…!«

2

Lorie Karnak war Polin. Sie war blond, hatte ein nettes Puppengesicht, ein ansprechendes Wesen und war im ganzen Hospital bei Ärzten und Patienten sehr beliebt. Seit nunmehr vier Jahren versah sie in diesem Krankenhaus gewissenhaft ihren Dienst.

Viel Trauriges hatte die junge Krankenschwester in dieser Zeit erlebt: Kinder, die nach einem Unfall eingeliefert worden waren, denen man einen Arm oder ein Bein amputieren musste. Junge Menschen, die in der Blüte ihres Lebens gestanden hatten und plötzlich vom Tod aus diesem Leben gnadenlos herausgerissen worden waren. Alte, schwache Patienten, die um ihren Tod gebettelt hatten, ihn aber nicht bekommen hatten, weil das dem hippokratischen Eid widersprochen hätte…

Aber Lorie hatte auch schöne Dinge in diesem Krankenhaus erlebt: Geheilte Patienten, die mit Tränen in den Augen zu ihren Familien zurückkehren durften, Geburten, über die sich eine ganze Sippe von Leuten gefreut hatte…

Es war ein harter Job, den Lorie Karnak sich ausgesucht hatte, aber sie hing mit Leib und Seele an diesem Beruf, denn sie hatte den inneren Drang zu helfen und nirgendwo konnte sie das besser als in einem solchen Haus, wo so viele Menschen auf die Hilfe ihrer Mitmenschen angewiesen waren.

Lorie kam von der Röntgenabteilung.

Das Gewitter beunruhigte sie auf eine unerklärliche Weise. Sie ärgerte sich über ihre Unruhe, denn sie fand eine solche Reaktion einfach dumm. Trotzdem vermochte sie diese unterschwellige Furcht nicht aus ihrem Gesicht zu verbannen.

Die Krankenschwester schritt den breiten Korridor entlang.

Da vernahm sie plötzlich Blenfords unseliges Geschrei. Sie trat an die weiße Tür, die in Blenfords Zimmer führte.

»Satan!«, schrie der Mann mit kräftiger Stimme. »Komm und hole deinen Diener!«

Blenford musste sich selbst in Trance versetzt haben. Er hörte und sah die eintretende Krankenschwester nicht. Steif lag er im Bett. Sein Mund klaffte weit auf. Er brüllte seine schauderhaften Beschwörungen in die rollenden Donner hinein.

Lorie eilte an das Bett des Patienten. »Mr. Blenford …«

»Teufel! Herr der Finsternis!…«

»Mein Gott, Mr. Blenford, was ist denn nur mit Ihnen!«

»Ich beschwöre dich! Komm und lass dir von mir mein Leben überreichen!«

»Mr. Blenford!«, schrie Lorie bestürzt. Sie legte ihre Hand auf die Stirn des Mannes. Erschrocken stellte sie fest, dass diese wie im Fieber glühte. Blenford war nicht ansprechbar. Er schien den Verstand verloren zu haben, schrie immer wieder mit voller Lunge, der Teufel möge sich seine Seele holen.

Lorie stürmte hastig aus dem Krankenzimmer. Sie eilte den Korridor entlang und erreichte wenig später das Zimmer des Bereitschaftsarztes.

»Dr. Balgey! Dr. Balgey!«

Nick Balgey, ein Endvierziger mit feinnervigen Händen und einem auffallend freundlichen Gesicht, legte das Buch weg, in dem er gelesen hatte, und erhob sich.

»Was gibt’s denn, Schwester Lorie?«

»Der Patient von Nummer 14…«

»Oliver Blenford?«

»Ja. Er fantasiert.«

Balgey staunte. »Der Mann ist doch längst über den Berg. Soll morgen entlassen werden.«

»Er schreit schreckliche Dinge. Sie müssen sich das anhören. Seine Stirn ist heiß wie eine Herdplatte. Sie müssen Blenford sofort untersuchen.«

»Okay«, nickte Balgey. Er griff nach seinem Stethoskop. »Kommen Sie, Schwester. Wir werden den Mann mal ernsthaft unter die Lupe nehmen. Immerhin ist er gesund, zumindest ergab das die letzte Untersuchung.«

Blitze und Donner wechselten in ganz kurzen Abständen. Dr. Balgey rümpfte die Nase, während er mit Lorie Karnak zu Nummer 14 unterwegs war. »Ein Sauwetter ist das. Hoffentlich hört es bald auf. In einer Stunde kann ich nach Hause gehen… ich möchte nicht schwimmen müssen.«

Schon von weitem hörten sie Blenfords Geschrei.

Plötzlich bebte der Boden unter ihren Füßen. Lorie erschrak. Sie fuhr sich bestürzt an die Lippen. Dr. Balgey lachte. »Haben Sie auch Angst vor so einem Gewitter? Die meisten Mädchen fürchten sich davor.«

»Dieses Beben!«, stieß Lorie verwirrt hervor. »Das wurde nicht vom Gewitter hervorgerufen, Dr. Balgey.«

»Natürlich wurde es das«, sagte der Arzt lachend. »Wodurch sollte es denn sonst hervorgerufen worden sein?«

Die Krankenschwester zuckte nervös die Achseln. »Ich… ich weiß es nicht, Dr. Balgey.«

Vier Schritte waren sie noch von Zimmer 14 entfernt.

»Blenford schreit nicht mehr!«, stellte das Mädchen bestürzt fest.

»Vielleicht ist er soeben draufgekommen, dass ihm gar nichts fehlt«, witzelte der Arzt. Er erreichte die Tür. Lorie blieb wie angewurzelt stehen. Ihre schönen Augen weiteten sich. »Sagen Sie, was haben Sie denn, Lorie?«

»Ich weiß es nicht, Dr. Balgey. Ich… kann es nicht erklären. Angst ist es. Ja. Angst.«

»Angst?«, fragte Nick Balgey erstaunt. »Wovor haben Sie denn Angst? Vor dem Gewitter?«

»Nicht vor dem Gewitter«, sagte das Mädchen und schüttelte hastig den Kopf. »Vor diesem Raum…, in dem Blenford liegt.«

»Nun machen Sie aber einen Punkt, Schwester Lorie. Es ist ein Zimmer wie alle anderen.«

»Er hat so schreckliche Dinge gerufen.«

»Was zum Beispiel?«

»Er hat geschrien, der Teufel soll ihm sein Leben nehmen… Und vorhin hat der Boden unter uns gebebt…«

Balgey lachte. »Jetzt verstehe ich. Sie denken, der Teufel wäre tatsächlich zu Blenford gekommen.«

»Er schreit nicht mehr.«

»Vermutlich ist ihm die Puste ausgegangen.«

»Wenn Sie erlauben, werde ich hier auf dem Gang auf Sie warten, Dr. Balgey.«

Der Arzt zuckte die Achseln. »Wie Sie wollen.« Er öffnete die Tür und trat in das Krankenzimmer. Zunächst stieg ihm ein penetranter Schwefelgestank in die Nase. Und dann traf ihn der Schock wie ein Keulenschlag. Steif und stumm lag Oliver Blenford im Bett. Gleichzeitig aber stand er daneben. Ein spöttisches Grinsen verzerrte sein hageres Gesicht. Neben dem stehenden Blenford stand eine grauenerregende Person. Balgey hatte gedacht, sie würde lediglich in der Fantasie der Menschen existieren. Zotteliges Fell, flammende Augen, kurze stumpfe Hörner auf dem hässlichen Schädel, ein peitschender Schwanz und ein stampfender Pferdefuß. Für einen kurzen Moment zweifelte Nick Balgey allen Ernstes an seinem Verstand. Wie konnte er – ein nüchterner Mediziner – so haarsträubende Dinge sehen? Dinge, die es nicht gab! Die es nicht geben durfte! Die ein Schlag in das Gesicht der Vernunft waren! Was war der Grund für diese haarsträubende Halluzination?

Als Balgey den Schock überwunden hatte, ging er auf Blenford und seinen zotteligen Kumpan zu.

Da flimmerte mit einem mal die Luft vor Balgeys Augen, und die schaurige Vision wurde trübe, durchsichtig und zerfiel schließlich vollends.

Benommen wandte sich der Arzt dem Patienten zu. Nick Balgey beugte sich über den Mann und stellte mit einem kurzen Blick fest, dass Oliver Blenford tot war.

3

Wenn im Mittelalter ein Mädchen rotes Haar gehabt hatte, war es von vornherein als Hexe abgestempelt worden. Heute ist das anders. Manche Männer finden gerade rotes Haar besonders attraktiv, fühlen sich davon auf eine spezielle Art angezogen, erwarten von einem rothaarigen Mädchen Feuer in der Seele und eine alles versengende Leidenschaft. Hin und wieder kommt es jedoch selbst heute noch vor, dass man einem rothaarigen Mädchen hinter der vorgehaltenen Hand nachsagt, es könne eine Hexe sein. Von Clarissa Blenford wurde dies zum Beispiel behauptet.

Das Taxi blieb vor dem Hospital stehen. Clarissa bezahlte den Fahrpreis und betrat dann das Krankenhaus.

Das Gewitter, das um die Mittagszeit so heftig getobt hatte, war abgezogen. Ein bleigrauer Himmel hing jedoch nach wie vor über der Stadt. Man schrieb den 18. Oktober und der bevorstehende Winter streckte zum ersten Mal seine kalten Frostfinger nach London aus. Der Portier hob den Blick von der Zeitung.

»Zu Dr. Balgey«, sagte Clarissa ernst.

Der Mann erklärte ihr den Weg. Ohne sich zu bedanken, wandte sich Clarissa um und stieg gleich darauf in einen dumpf polternden Paternoster. Später hallten ihre Schritte über den Fliesenboden des Korridors. Obwohl Nick Balgeys Dienst schon zu Ende war, hielt er sich immer noch im Krankenhaus auf. Das hing mit dem seltsamen Ableben des Patienten Oliver Blenford zusammen. Diese böse Halluzination ging dem Arzt nicht aus dem Kopf. Immer wieder fiel Balgey ein, wie spöttisch Blenford gegrinst hatte. So, als wollte er sagen: »Siehst du, nun habe ich es doch geschafft. Was ist eure ärztliche Kunst gegen die Allmacht des Teufels.«

Clarissa klopfte an die Tür, vor der sie stehengeblieben war, und wartete.

»Ja. Herein!«, rief ein Mann dahinter. Das rothaarige Mädchen trat ein. Clarissa war achtundzwanzig Jahre alt. Gewiss hatte es Männer in ihrem Leben gegeben, jedoch keiner hatte es geschafft, ihr Herz zu erobern. Der letzte, der es bisher versucht hatte, hatte hinterher behauptet: »Clarissa? Die hat doch überhaupt kein Herz. Es stimmt schon, was man von ihr sagt. Sie ist eine Hexe. Nur den Satan kann sie wirklich innig lieben. Bei einem Mann jedoch ist sie so kalt wie Eis.«

Ihre Miene war düster, als sie in jenes Zimmer trat, in dem Dr. Balgey auf sie wartete. Das Kostüm, das sie trug, war grau und schlicht, vermochte aber trotzdem nichts von ihrer makellosen Figur zu verbergen. Sie reichte dem Arzt ihre Hand, die beinahe ebenso kalt war wie die ihres verstorbenen Vaters. Nick Balgey bot ihr einen Platz an. Sie setzte sich. Ihre Lippen presste sie fest aufeinander.

»Mein Beileid«, sagte der Arzt.

Clarissa nickte stumm. Balgey bewunderte sie. Sie hatte sich hervorragend unter Kontrolle.

»Möchten Sie etwas trinken, Miss Blenford?«

Clarissa schüttelte den Kopf. Ihre meergrünen Augen suchten den Blick des Arztes. Ihre Pupillen wurden zu Fragezeichen.

Unwillkürlich zuckte Balgey die Achseln. »Offen gestanden, ich stehe vor einem Rätsel, Miss Blenford. Es war eine einfache Operation. Geradezu harmlos. Heutzutage stirbt man kaum mehr an einer Blinddarmoperation. Ich meine, wenn man rechtzeitig zum Arzt geht und wenn man über eine so kräftige Konstitution verfügt wie Ihr Vater. Es gab weder während der Operation Komplikationen noch danach. Der Genesungsverlauf war geradezu vorbildlich. Wie Sie wissen, wollten wir Ihren Vater morgen nach Hause schicken. Noch nie ist in unserem Krankenhaus ein Mensch so unerwartet gestorben wie Ihr Vater, Miss Blenford.«

Nun seufzte das rothaarige Mädchen. »Vielleicht wollte er nicht mehr leben.«

Dr. Balgey lachte nervös. »Ich bitte Sie, dieses Nicht-mehr-leben-Wollen genügt bei einem gesunden Menschen doch nicht fürs Sterben. Und Ihr Vater war gesund. Sein Tod war für uns alle ein Blitz aus heiterem Himmel.«

Clarissa schloss für einen Moment die Augen. Ich weiß, woran er gestorben ist, dachte sie. Aber sie behielt dieses Wissen für sich.

Dr. Balgey wunderte sich, dass das Mädchen nicht weinte. »Ihr Vater muss obduziert werden«, sagte der Arzt leise. »Wir müssen wissen, woran er gestorben ist.«

»Er starb, weil er sterben wollte.«

»Wir werden herausfinden, was ihn das Leben gekostet hat, Miss Blenford.«

»Ich mag nicht, dass Sie an ihm herumschneiden!«, zischte das Mädchen zornig.

Nick Balgey hob die Schultern. »Tut mir leid, Miss Blenford, aber in solch einem Fall ist dies unumgänglich.«

Sie bekam die wenigen Habseligkeiten ihres Vaters. Man hatte alles in einen Karton getan. Clarissa musste mit ihrer Unterschrift bestätigen, dass man ihr die Habe des Toten ausgehändigt hatte. Danach wollte sie ihn sehen. Man ließ sie fünf Minuten mit dem Leichnam allein. Sie redete mit ihm. Was sie sagte, war durch die Tür nicht zu verstehen. Als sie das Krankenhaus schließlich verließ, wusste sie den Grund für Oliver Blenfords Tod und sie war davon überzeugt, dass die Ärzte nicht finden würden, was ihn umgebracht hatte.

So war es dann auch.

4

Zwei Tage danach wurde die Leiche für die Beerdigung freigegeben. Clarissa hatte inzwischen alle nötigen Vorbereitungen für die Feuerbestattung getroffen. Der Sarg wurde zum Krematorium überführt. Die schmucklose schwarze Kiste stand in der kahlen Aufbahrungshalle. Es gab keine Blumen, keine Kränze, keine letzten Grüße… Ein einziger Trauergast war anwesend: Clarissa Blenford. Sie stand mit düsterer Miene vor dem Sarg. Im Hintergrund der Aufbahrungshalle stand ein schmales Harmonium. Ein Blinder spielte darauf. Er war alt, hatte eisengraues Haar, trug eine schwarze Brille – und wenn er eines Tages nicht mehr hierherkommen konnte, würde man ihn durch ein Tonband ersetzen, das die Trauermusik abspielte.

Stumm starrte das Mädchen den schwarzen Sarg an.

Lag ein Vorwurf in ihren meergrünen Augen?

Sie war damit nicht einverstanden, dass sich ihr Vater auf diese Weise aus dem Staub gemacht hatte. Er hatte sie allein gelassen und das ärgerte sie. Es war nicht nötig gewesen, die Welt zu verlassen. Oliver Blenfords Kraft und Vitalität hätten noch zwanzig Jahre vorgehalten. Er hatte sich davongestohlen, ohne es Clarissa zu sagen, und das machte sie wütend. Nun stand sie allein im Leben, sie konnte mit niemandem mehr über ihre Probleme sprechen, würde an den kommenden langen Winterabenden niemanden mehr um sich haben. Sie fühlte, dass es lange Zeit dauern würde, bis sie sich an die Einsamkeit gewöhnt hatte.

Einfühlsam spielte der Blinde auf dem Harmonium seine Trauerlieder.

Seit fünfundzwanzig Jahren machte er das nun schon.

Eigenartig, dass er heute von einem so seltsamen, unangenehmen Gefühl beschlichen wurde. Er hatte eine Gänsehaut. Eine rätselhafte Beklemmung hockte in seiner Brust. Sein Herz schlug unruhig. Irgendetwas machte ihm Angst. Vielleicht der Tote im Sarg? Der Tod hatte für den Blinden nichts Schreckliches an sich. Es musste ihn geben, damit neues Leben erblühen konnte. Und es musste ihn geben, damit sich Leute wie er am Harmonium ein bisschen Geld verdienen konnten. Woher aber kam dieses unheimliche Gefühl, das dem Blinden die Seele fast erstickte?

Langsam sank der Sarg in die Tiefe.

Clarissa blickte der schwarzen Holzkiste so lange nach, bis sich der Boden, der auseinander gefahren war, darüber wieder zusammengeschoben hatte.

Ein schwarzgekleideter Mann stand plötzlich neben ihr. Er kondolierte ihr. Sie wusste, dass er ein Angestellter des Krematoriums war.

»Wann wird er verbrannt?«, fragte Clarissa mit fester Stimme.

»In wenigen Minuten.«

»Ich möchte dabei zusehen!«, sagte das Mädchen.

Der Mann leckte sich die Lippen. Aus dem Munde eines Mädchens war ein solcher Wunsch reichlich ungewöhnlich. »Wenn Sie mir bitte folgen wollen, Miss Blenford«, sagte er, während er Clarissa mit einem befremdeten Blick musterte. Sie nickte und ging mit ihm. Ein kleiner Fahrstuhl brachte sie zur Leichenverbrennungsanlage. Clarissa begegnete dem Sarg ihres Vaters wieder. Er stand auf einer metallenen Rollenstraße, die in den Verbrennungsofen führte.

Kalter Marmor kleidete die Wände.

»Hier entlang, Miss Blenford«, sagte der schwarz gekleidete Krematoriumsangestellte.

Vor einer Glasfront blieb er stehen.

Clarissa blickte ihn abwartend an. »Nun?«, sagte sie eisig.

»Es ist nicht immer ein schöner Anblick…«

»Ich kann ihn ertragen!«, behauptete das Mädchen mit schmalen Lippen.

»Wie Sie meinen«, gab der Mann zurück. Er drückte auf einen roten Knopf. Der Ablauf der Verbrennung setzte ein. Aus Tausenden Düsen schlugen mit einem mal Flammen. Der Sarg fuhr in den Ofen. Die Flammen leckten über ihn, wurden länger, entwickelten eine unwahrscheinliche Hitze. Wie Zunder brannte der schwarze Brettersarg innerhalb weniger Augenblicke.

Der Mann neben Clarissa zog sich diskret zurück.

Jetzt zerbrach der brennende Sarg. Die Umrisse des Leichnams waren zu erkennen. Auf eine unheimliche Weise, schien der Tote zu neuem Leben erwacht zu sein. Oliver Blenfords Körper bäumte sich in dieser enormen Hitze jäh auf. Sein Leib war von Flammen bedeckt. Sie tanzten über seinen ganzen Körper und fraßen sich gierig in ihn hinein.

Plötzlich weiteten sich Clarissas Augen.

Anscheinend übermittelten ihr die Flammen eine Botschaft aus der Hölle.

Schaurige Szenen spielten sich in den hochschlagenden Flammen ab. In wilder Aufeinanderfolge sah das Mädchen mehrere Morde, die alle von ihrem Vater begangen wurden. Eine Zukunftsvision? Fast schien es so. Clarissa hielt den Atem an. Der Leib ihres Vaters fiel in sich zusammen. Langsam wurde der Leichnam zu Asche…

Fünfzehn Minuten danach besprach Clarissa mit dem Angestellten des Krematoriums die Überführung der Urne. Den Mann überlief es kalt. So nüchtern wie dieses Mädchen hatte noch niemand mit ihm gesprochen. Ihr Vater war doch eben erst verbrannt worden. Gab es denn nichts, das ihn mit ihr verbunden hatte? O ja, es gab sogar mehr, als dieser Mann ahnen konnte.

Sobald geregelt war, was geregelt sein musste, verließ Clarissa das Krematorium. Sie war ganz in Schwarz gekleidet. Ein schwarzer Schleier verbarg ihr blasses Gesicht. Ihre Augen glänzten zornig. Ein kleiner Park lag um das Feuerbestattungsinstitut. Der Herbst hatte die Blätter von den Bäumen geholt. Sie bedeckten in verschiedenen Brauntönen den Boden und waren verurteilt, auf die Fäulnis zu warten.

Plötzlich hob sich ein Wind.