Tony Ballard #17: Der Geisterberg - A. F. Morland - E-Book

Tony Ballard #17: Der Geisterberg E-Book

A. F. Morland

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Beschreibung

Tony Ballard Band 17 von A. F. Morland Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten. Ein schauriges Ächzen klang durch die Nacht, als sich der mumifizierte Leichnam bewegte. Unendlich langsam hob er den Kopf. Seine leeren Augenhöhlen starrten in die Dunkelheit. Seine trockenen Gelenke knarrten. Die angespannten Sehnen knirschten. Eine unheimliche Kraft zwang neues Leben in den verdorrten Körper. Der Tote richtete sich auf. Er traf Anstalten, den geflochtenen Korb, in den ihn seine Angehörigen zur letzten Ruhe gebettet hatten, zu verlassen. Mit Zeitlupenbewegungen hob der Leichnam sein rechtes Bein über den Korbrand. Doch plötzlich erstarrte er. Ein anderer Impuls hatte ihn erreicht. Er nahm das Bein zurück, sank langsam in die Hocke, sackte in sich zusammen und war kurz darauf wieder ebenso leblos wie die vielen anderen Toten, die neben ihm das unheimliche Felsengrab bevölkerten. Dies war der Auftakt von einer Reihe grauenhafter Ereignisse …

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A. F. Morland

Tony Ballard #17: Der Geisterberg

Cassiopeiapress Horror-Roman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Der Geisterberg

Tony Ballard Band 17

von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

 

Ein schauriges Ächzen klang durch die Nacht, als sich der mumifizierte Leichnam bewegte. Unendlich langsam hob er den Kopf. Seine leeren Augenhöhlen starrten in die Dunkelheit. Seine trockenen Gelenke knarrten. Die angespannten Sehnen knirschten.

Eine unheimliche Kraft zwang neues Leben in den verdorrten Körper. Der Tote richtete sich auf. Er traf Anstalten, den geflochtenen Korb, in den ihn seine Angehörigen zur letzten Ruhe gebettet hatten, zu verlassen.

Mit Zeitlupenbewegungen hob der Leichnam sein rechtes Bein über den Korbrand. Doch plötzlich erstarrte er. Ein anderer Impuls hatte ihn erreicht. Er nahm das Bein zurück, sank langsam in die Hocke, sackte in sich zusammen und war kurz darauf wieder ebenso leblos wie die vielen anderen Toten, die neben ihm das unheimliche Felsengrab bevölkerten.

Dies war der Auftakt von einer Reihe grauenhafter Ereignisse …

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

"Edition A. F. Morland" ist ein Imprint von Alfred Bekker & Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte des Titelbild-Logos by Jörg Martin Munsonius/Edition Bärenklau

Illustrator: Michael Sagenhorn, 2016

1

1945.

Zweiter Weltkrieg.

Auf Neuguinea tobten erbitterte Kämpfe. Der Urwald war in Aufruhr. Am schlimmsten wütete der Krieg in der Nähe von Lae. Hier standen sich amerikanische und japanische Soldaten gegenüber. Der Dschungel war erfüllt vom ohrenbetäubenden Peitschen der Schüsse. Pausenlos hämmerten die Maschinengewehre. Granaten explodierten. Es gab auf beiden Seiten große Verluste. Jede Armee kämpfte verbissen um den Sieg. Die Amerikaner forderten Verstärkung an. Als diese eintraf, mussten die 1500 Japaner dem gewaltigen Druck des Feindes weichen. Sie zogen sich in die Stollen eines Bergwerks zurück und igelten sich ein.

Ein amerikanischer Sturmangriff nach dem anderen scheiterte. Die Japaner verteidigten ihre Stellung mit heldenhaftem Mut. Es war den Amerikanern unmöglich, den Feind aus dem Bergwerk herauszuholen. Der Befehlshaber der US-Truppen beriet sich mit seinem Stab.

»Es hat keinen Sinn, die Kerle weiter anzugreifen«, sagte der große, schlanke Mann mit grimmiger Miene. »Solange sie sich in diesem verdammten Bergwerk befinden, können wir kaum etwas gegen sie ausrichten. Ich warte auf Ihre Vorschläge, meine Herren.«

»Die Japaner haben kaum Proviant bei sich«, sagte ein drahtiger Mann aus dem Mittelwesten der Vereinigten Staaten. »Wir brauchen meiner Meinung nach nichts weiter zu tun, als darauf zu warten, bis sie nichts mehr zu beißen haben. Dann kommen sie ganz von selbst aus den Stollen.«

»Soviel Zeit haben wir nicht«, erwiderte der Befehlshaber und schüttelte entschieden den Kopf.

»Vielleicht sollte man ihnen über Lautsprecher die Ausweglosigkeit ihrer Lage klarmachen«, sagte ein anderer Offizier. »Unser Dolmetscher soll ihnen erklären, dass sie keine Chance mehr haben. Vielleicht lassen sich die Japs überreden, die Waffen zu strecken.«

»Die?«, rief der Mann neben dem Offizier, der soeben gesprochen hatte, mit einem gallebitteren Lachen aus. »Die ergeben sich in hundert Jahren nicht. Diese Japaner gehen lieber gemeinsam in den Tod, als sich zu ergeben.«

»Wir sollten es trotzdem versuchen«, verteidigte der andere seinen Vorschlag.

»Okay«, nickte der Truppenbefehlshaber. Er wandte sich an Captain George Bragg, der die Idee mit den Lautsprechern gehabt hatte. »Wir geben den Japanern diese Chance. Machen Sie die Sache mit dem Dolmetscher klar. Zwei Stunden Bedenkzeit. Das sollte reichen. Sollten die Japaner bis dahin ihre Waffen nicht gestreckt haben, gibt es kein Pardon mehr für sie.«

Captain Bragg salutierte. »Ich bin sicher, dass die Japaner Vernunft annehmen werden, Major.«

Die Lautsprecher wurden so nahe wie möglich an die Stolleneingänge herangefahren. Captain Bragg leckte sich nervös die Lippen. Er schob seinen Stahlhelm aus der Stirn und holte tief Luft. Der Dolmetscher, ein wendiger Bursche mit Fuchszähnen, stand neben ihm. Er hielt das Mikrophon in der Rechten und wartete auf Braggs Befehl.

Eine eigenartige Stille lastete über dem verfilzten Urwald, von dem das Bergwerk eingeschlossen war. Bragg wischte sich mit der Hand den feuchten Nacken trocken, nickte dem Mann neben sich zu und knurrte: »Okay, Minsky. Legen Sie los. Reden Sie diesen verdammten Dickschädeln ins Gewissen. Sagen Sie ihnen klipp und klar, dass sie nur auf eine Weise aus diesem Bergwerk lebend herauskommen: unbewaffnet und mit erhobenen Händen.«

Minsky sprach zehn Minuten in sein Mikrophon. Zehn Lautsprecher ließen seine Stimme in die Tiefe des Berges hinein dröhnen. Nichts sonst war zu hören. Nur Minskys hallende Worte in dieser abgehackten, fremden Sprache, die Captain Bragg nicht erlernen konnte.

Als Minsky fertig war, nahm ihm der Captain das Mikrophon aus der Hand. »Jetzt wissen sie, wie sie dran sind. Ich wünsche ihnen einen Vorgesetzten, der in der Lage ist, weise Entscheidungen zu treffen.«

Bragg gab Befehl zum Abrücken.

Nun fing das lange, nervenzermürbende Warten an. Jede Minute dauerte eine kleine Ewigkeit. Die Soldaten starrten mit kantigen Gesichtern auf ihre Uhren. Sie hockten in Gruppen beisammen und schwiegen.

1500 Japaner!

Wofür würden sie sich entscheiden? Für das Leben oder für den Tod?

1500 Japaner!

Auf viele von ihnen warteten Frau und Kind zu Hause in Tokio, Osaka, Nagasaki, Yokohama …

War es denkbar, dass sie sich gegen ihre Familien entschieden? Eine Stunde war endlich um. Bei den Stollen keine Reaktion. Der Major knetete nervös seine Finger. Captain Bragg nahm den Stahlhelm ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Gott, wie er diesen verdammten Krieg hasste. Krieg! Was für eine scheußliche Erfindung des Menschen. Sie brachte Not, Leid und Elend über die Welt – und obwohl sich dessen jeder bewusst war, gab es immer wieder neue Kriege.

»Die ergeben sich nicht!«, sagte John Denger. »Hab’ ich’s nicht gleich gesagt? Die machen lieber vor unseren Augen Harakiri, um sich nicht in Gefangenschaft begeben zu müssen.«

Bragg schaute Denger scharf an. »Sie haben noch eine Stunde Zeit.«

»Sie werden sich in einer Stunde nicht anders entscheiden. Ein Japaner gibt nicht auf. Nie im Leben!«

»Sie haben gar keine andere Wahl«, sagte Bragg.

Denger grinste. »Doch. Doch, sie haben eine andere Wahl: den Tod. Wollen wir wetten, dass sie sich für ihn entscheiden?«

George Bragg schaute in die Gesichter der anderen Männer. Sie waren alle Dengers Meinung. Über ihren Köpfen erklang der auffallende Ruf eines Peitschenvogels. Bragg hob den Blick. Der Himmel war so blau wie auf den Postkarten, die Bragg zu Hause sammelte. Zu Hause. Gott, wie weit war er von zu Hause weg. Verdammt, was hatte er hier auf Neuguinea zu suchen? Dies hier war nicht seine Heimat …

Eine Stunde und fünfundvierzig Minuten waren vergangen. Die Soldaten wurden allmählich unruhig. Sie kehrten zu den Geschützen zurück. Bald würde der Sturm losbrechen. Noch fünfzehn Minuten. Dann hatten die Japaner ihre allerletzte Chance vertan.

Captain Bragg hoffte bis zuletzt, dass sich die Japaner ergeben würden.

Er wurde vom Feind schwer enttäuscht.

Der Major behauptete, die beiden Stunden wären ein sinnloses Geschenk an die Japaner gewesen.

Als die letzte Minute um war, ging es mit dem Schießen wieder los. Die Japaner erwiderten wütend das Feuer. Niemand hatte für möglich gehalten, dass sie so viel Munition in das Bergwerk geschleppt hatten.

»Bulldozer!«, brüllte der Major plötzlich mit zornfunkelnden Augen.

Captain Bragg starrte ihn entgeistert an.

»Verdammt noch mal, wir machen kurzen Prozess mit diesen Idioten!«, schrie der Truppenbefehlshaber wütend. »Captain Bragg!«

»Ja, Sir?«

»Fordern Sie die vier Bulldozer an, die in Lae stehen!«

George Braggs Augen weiteten sich. »Sir!«

»Tun Sie, was ich Ihnen sage!«

»Was sollen die vier Bulldozer hier?«

»Wir schütten diese verdammten Stolleneingänge einfach zu – und damit hat sich’s!«

Braggs Kehle schnürte sich zu. »Sir, in diesem Bergwerk befinden sich 1500 Mann!«

»Nun sehen Sie mal an, das weiß ich sogar!«, schrie der Major gereizt.

»Sie … Sie können diese Leute doch nicht einfach lebendig begraben, Sir!«

»Wieso kann ich das nicht, Bragg? Diese Japaner hatten ihre Chance. Sie haben sie nicht genützt. Ich kann mich von diesen Kerlen nicht mehr länger zum Narren halten lassen. Soll ich Ihrer Meinung noch darauf warten, dass noch mehr unserer Soldaten fallen?«

»Diese Männer einfach lebendig zu begraben …«

»Captain Bragg! Wir haben Krieg, falls Ihnen das immer noch nicht klargeworden ist! Denken Sie, dass die Japaner es mit uns anders machen würden, wenn wir uns in diesem Bergwerk befänden?«

»Es muss doch noch eine andere Lösung geben, Sir.«

»Es gibt keine andere Lösung, Bragg. Und nun veranlassen Sie, dass diese vier Bulldozer anrollen. Das ist ein Befehl!«

»Sir …«, versuchte Bragg einen letzten Einwand.

Der Major wurde kreidebleich. »Mann«, presste er wutentbrannt hervor. »Mann, wenn Sie meinen Befehl jetzt nicht auf der Stelle ausführen, bringe ich Sie vor das Kriegsgericht!«

Captain Bragg wandte sich mit eckigen Bewegungen um und führte den Befehl des Majors aus …

2

1977.

Kendal Blake schritt durch die kleine Zeltstadt, in der der gesamte amerikanische Filmstab untergebracht war. Blake war der Regisseur jenes Abenteuerstreifens, der hier, auf Papua-Neuguinea, entstehen sollte. Er hatte allen erdenklichen Komfort von Australien herüberfliegen lassen, damit sich die Stars seines Films hier in dieser Wildnis wohlfühlten. Blake blieb stehen und ließ seinen Blick über die nahe Dschungelwand schweifen. Er schüttelte den Kopf. Drüben, in Australien – die moderne Welt des zwanzigsten Jahrhunderts. Hier – die tiefste Steinzeit. Er war froh, dass es diesen Kontrast heute noch gab. So etwas machte sich im Film immer gut. Die Leute wollten für das Geld, das eine Kinokarte kostete, einen Trip in eine Welt machen, die sie normalerweise nie erreichen konnten. Sie wollten Dinge sehen, die ihnen fremd und unvorstellbar waren. Und Kendal Blake zeigte seinem Publikum, was es sehen wollte. Darauf basierte ein Teil seines Ruhms. Hinzu kam die reiche Filmerfahrung, die Blake sich in vielen Jahren erworben hatte. Er war der Assistent von zahlreichen namhaften Filmregisseuren gewesen, ehe er seinen ersten eigenen Film in Angriff genommen hatte.

Die Produktionsfirma machte mit Blakes erstem Streifen ein enormes Geschäft. Seither war Kendal Blake einer der großen Männer in dieser Branche. Es gab nichts, wobei er kein Mitspracherecht hatte. Er bestimmte, wie die Drehbücher aussehen sollten, er verteilte die Rollen, warf die Listen in den Papierkorb, die ihm das Besetzungsbüro vorlegte, und stellte seine eigenen Listen auf. Andere Regisseure konnten sich das nicht leisten. Kendal Blake schon.

Man hatte absolutes Vertrauen zu ihm, denn sein Endprodukt garantierte in aller Welt volle Kinos. Mehr konnte keiner verlangen.

Blake war fünfzig, blond, hatte helle Augen und kräftige Zähne in einem schmallippigen Mund. Er trug Jeans und ein gelbes T-Shit. Unter seinen Achseln waren große Schweißflecken zu sehen.

Der Regisseur betrat eines der Zelte.

Auf dem Feldbett lag Bud Haggins. Er war einer der meistbeschäftigten Kameraleute Hollywoods. Ein kleiner Mann mit schütterem Haar und einem geschulten Auge für alles, was in seinen Filmkasten hinein sollte.

»Na, Bud«, sagte Blake grinsend. »Wie geht’s?«

»Verdammt heiß in dieser Gegend, was?«

»Funktioniert dein Klimagerät nicht?«

»Kaum. Wie viel Grad schätzt du?«

»36 Grad Celsius. 98 Prozent Luftfeuchtigkeit«, sagte Blake.

Haggins stand auf. Er lachte. »Donnerwetter, du hast es aber genau.«

»Habe vorhin Thermo- und Hygrometer befragt.«

Haggins öffnete den Kühlschrank. »Ein Bier?«

Blake schüttelte den Kopf. »Für mich nicht. Je mehr ich trinke, desto mehr schwitze ich.«

Haggins lachte. »Schwitzen soll gesund sein.« Er klappte die Kühlschranktür wieder zu. Es zischte, als er die Bierdose öffnete.

»Ich möchte, dass du mit mir kommst, Bud.«

»Okay. Wohin?«

»Wir sehen uns die Gegend an und besprechen die Einstellungen, mit denen wir morgen anfangen.«

»Meinetwegen«, sagte Bud Haggins.

»Ich hol’ schnell das Drehbuch.«

»In Ordnung.«

Wenig später verließen sie die kleine Zeltstadt. Bald war das Brummen des Diesel-Stromaggregats nicht mehr zu hören. Haggins wusste, dass sie sich auf dem Weg zum ›Totenfelsen‹ befanden. Es machte ihm nichts aus. Er war in dieser Beziehung nicht zimperlich. Der Pfad stieg steil an. Blake schnaufte. Der Schweiß rann ihm in breiten Bächen an den Wangen hinunter. Er blieb stehen.

»Weißt du, was sich hier in der Nähe im zweiten Weltkrieg zugetragen hat?«, fragte der Regisseur, während er keuchend nach Atem rang.

Haggins schüttelte den Kopf.

»1500 Japaner wurden von einer amerikanischen Übermacht in ein Bergwerk gedrängt. Man hat sie aufgefordert, die Waffen zu strecken, aber die Japaner wollten davon nichts wissen. Da haben die Amerikaner kurzerhand die Eingänge zu den Stollen mit Bulldozern zugeschüttet. Die Japaner waren lebend begraben. Noch heute ruhen ihre Leichen tief im Berg. Verhandlungen, die ihre Bergung zum Ziel hatten, scheiterten vor einigen Jahren.«

Haggins’ Kinn klappte nach unten. »Diese 1500 Japaner sind tatsächlich immer noch in dem Berg?«

»Natürlich. Wer hätte sich die Mühe machen sollen, sie herauszuholen?«

Sie gingen schweigend weiter.

Blake blieb erst wieder stehen, als sie ihr Ziel erreicht hatten. Das Ziel: der seltsamste, unheimlichste Friedhof der Welt.

Haggins blickte zu dem grauen Felshang hoch, der sich breit gegen den Himmel drängte.

In geflochtenen Körben hockten dürre Mumien. Die Toten der Kuka-Kukas, die unweit von hier ihr Dorf hatten.

»Sieht das nicht phantastisch aus?«, sagte Blake begeistert.

»Phantastisch ist meines Erachtens nicht das richtige Wort«, sagte Haggins mit einem schiefen Grinsen.

»Weißt du, was die Kuka-Kukas machen, wenn einer ihrer Angehörigen stirbt?«

»Sie bringen den Toten hierher.«

»Richtig. Aber zuvor räuchern sie ihn.«

Haggins schaute Blake misstrauisch an. Nahm der Regisseur ihn etwa auf den Arm?

Kendal Blake fuhr fort: »Sie hängen die Leichen etwa sechs Wochen lang in den Rauchfang ihrer Hütten über das Feuer. Die Weiber wischen mit Gras das Fett ab, das aus den Leichen tritt. Das ist wahr, Bud. Du brauchst mich nicht so misstrauisch anzusehen. Wenn die Toten genügend mumifiziert sind, werden sie in feierlicher Prozession hier herauf getragen und mit dem Gesicht zum Dorf in diese Astgabeln gezwängt, die wie Körbe wirken. Von hier starren sie mit leeren Augen hinab auf die Hütten ihrer Sippe, und eben im Glauben der Kuka-Kukas noch zwanzig Jahre so weiter, von den Angehörigen und Freunden stets mit Opfergaben wohlversorgt.«

Haggins grinste breit. »Wie man sieht, hast du dich gründlich vorbereitet.«

Sie besprachen an Hand des Drehbuchs die ersten Einstellungen.

Haggins machte seine Vorschläge. Wenn Blake sie gut fand, machte er sich im Drehbuch Notizen. Die Mücken waren lästig. Speziell den schwitzenden Regisseur plagten sie pausenlos. Und je mehr er wütend um sich schlug, um so mehr Insekten lockte er damit an.

Plötzlich blieb Bud Haggins wie angewurzelt stehen.

Blake fiel das nicht sofort auf. Als er es dann merkte, fragte er: »Sag mal, Bud, ist dir eine Fliegende Untertasse erschienen, oder was ist los mit dir?«

Haggins wies mit der ausgestreckten Hand auf einen der Totenkörbe, sagte jedoch nichts.

Blake schaute sich um. »Was ist denn?«

Haggins sagte immer noch nichts. Da packte ihn Kendal Blake an den Schultern und schüttelte ihn kräftig. »Komm wieder zu dir, Bud. Was ist denn auf einmal los mit dir?«

Haggins schaute den Regisseur mit großen Augen an. »Ich schwöre dir, ich habe heute bloß zwei Dosen Bier getrunken.«

»Na schön. Das geht in Ordnung.« »Ich will damit sagen, dass ich ganz bestimmt nicht betrunken bin, Kendal.«

»Kein Mensch hat das behauptet.« »Du wirst es aber gleich behaupten, Kendal.«

»Wie kommst du denn darauf?« »Ich weiß, es hört sich verrückt an, Kendal. Aber ich gebe dir mein Wort, dass ich gesehen habe, wie sich dieser Tote dort bewegt hat!« Blake schüttelte grinsend den Kopf.

»Komm, komm, Bud. Lass den Quatsch. Wir haben nicht die Absicht, hier einen Gruselfilm zu drehen!« Haggins blieb bei seiner Behauptung. Blake glaubte ihm jedoch kein Wort.

3

1945.

Der Dschungel erbebte vorn Lärm, den die Bulldozer verursachten. Ihre stählernen Raupen fraßen sich in das Erdreich. Die tonnenschweren Schaufeln schoben riesige Erdwülste vor sich her und auf die Stolleneingänge zu.

Kein Schuss fiel mehr.

Die Bulldozer allein verrichteten ihr grausames Vernichtungswerk. Captain Bragg beobachtete fassungslos, was hier geschah. 1500 Menschen! Verdammt noch mal, es waren in erster Linie Menschen – und dann erst Feinde. 1500 Menschen wurden soeben von diesen dröhnenden, stählernen Ungeheuern lebendig begraben.

Die mächtigen Schaufeln pressten Erdreich und Gestein tief in die Stollen hinein. Bei jedem neuen Anlauf schoben sie noch mehr davon gegen das Bergwerk.

Der Major war davon überzeugt, den einzig richtigen Befehl erteilt zu haben.

Viele seiner Soldaten waren seiner Meinung.

Captain Bragg verfolgte erschüttert das schreckliche Schauspiel. Mit einem Schlag erstarb das Dröhnen der Bulldozer-Motoren. Totenstille breitete sich aus.

George Bragg konnte den Mann neben sich atmen hören.

Er nahm den Stahlhelm ab und sagte heiser: »Ein Grab, Kamerad. Was du dort vorn siehst, ist ein riesiges, schreckliches Massengrab, und es ist unser Werk.«

»Die Japaner wollten es nicht anders«, erwiderte der Mann neben dem Captain.

Bragg schüttelte langsam den Kopf. »Das kann ich mir nicht vorstellen.« Und er wiederholte: »Ein riesiges, schreckliches Massengrab haben wir mit diesen Bulldozern geschaffen. Aber wir haben keine Toten begraben, sondern lebende Menschen. Kannst du dir vorstellen, wie denen nun zumute ist?« Bragg seufzte schwer. »Ich sage dir, Gott wird es nicht leichtfallen, uns das zu verzeihen!«

4

London, heute.

Der Industrielle Tucker Peckinpah gab eine Party, und da ich nichts Besseres vorhatte, ließ auch ich mich da blicken. Mein Smoking saß wie angegossen. Ich hatte mich kurz vor dem Weggehen noch mal rasiert, mich mit Agua Brava erfrischt und dann eingecremt. Soviel Mühe machte ich mir selten mit meiner Toilette. Diesmal war die Mühe jedoch angebracht, denn in Peckinpahs Haus hatte sich die Creme de la Creme von London eingefunden.