Tony Ballard #285: Die Werwolf-Elite - A. F. Morland - E-Book

Tony Ballard #285: Die Werwolf-Elite E-Book

A. F. Morland

0,0

Beschreibung

Für uns stand fest, dass nur Clint Van Horn als Mörder von Joana Hargitay in Frage kam. Ein Mann, der sich, wann immer er wollte, in eine reißende Bestie verwandeln, der zwischen Gut und Böse nicht mehr unterscheiden konnte, der aus Lust am Töten killte. Er hatte die Frau zerfleischt, deren Geliebter er bis vor kurzem gewesen war, und vielleicht stand Tilda Bloom nun als Nächste auf seiner Liste.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 140

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



A. F. Morland

Tony Ballard #285: Die Werwolf-Elite

Cassiopeiapress Horror-Roman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Die Werwolf-Elite

Tony Ballard Band 285

von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

"Edition A. F. Morland" ist ein Imprint von Alfred Bekker & Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte des Titelbild-Logos by Jörg Martin Munsonius/Edition Bärenklau

Illustrator: Michael Sagenhorn, 2016

Über Tony Ballard:

... so hieß ich für meine Freunde. Meine Feinde aber nannten mich den Dämonenhasser. Und Feinde hatte ich viele – Kreaturen des Bösen, Vertreter der so genannten schwarzen Macht, kurz, die Hölle selbst war der Feind, gegen den zu kämpfen ich geschworen hatte. Ein Kampf, der damals in meinem Heimatdorf Griddledon, unweit von London, begonnen hatte, als ich es wagte, den sieben Hexen, die das Dorf alle hundert Jahre heimsuchten – nachdem mein Vorfahre, der Hexenhenker Anthony Ballard, sie aufgeknüpft hatte – die Stirn zu bieten.

Tatsächlich gelang es mir, diesen Fluch zu brechen und die Teufelsbräute zu vernichten, indem ich die Glut ihres Lebenssteins mit meinem Blut löschte. Aber ich hatte mehr getan, als nur mein Dorf zu erlösen – ich hatte meine Berufung gefunden. Fortan herrschte Krieg zwischen mir und den Vasallen der finsteren Mächte. Allerdings wäre ich schnell verloren gewesen, hätte ich mich meinen schwarzblütigen Gegnern mit bloßen Händen und allein gestellt. Was ich aber, gottlob, nicht tun musste ... Mir stand eine Reihe von Waffen zur Verfügung, allen voran mein magischer Ring: Nach meinem Sieg über die Hexen von Griddledon hatte ich ein Stück aus ihrem schwarzen Lebensstein gebrochen, in Form eines Pentagramms schleifen und in einen Goldring einsetzen lassen. Diesem Kleinod wohnten starke weißmagische Kräfte inne, die mir vor allem im Nahkampf gegen meine höllischen Widersacher hervorragende Dienste leisteten. Ebenfalls ständig bei mir trug ich einen Colt Diamondback, der mit eigens für mich gefertigten und geweihten Silberkugeln geladen war – absolut tödlich für viele Schwarzblütler. Meine stärkste Waffe jedoch war zugleich mein bester Freund und treuester Kampfgefährte: Mr. Silver, ein abtrünniger Dämon von der untergegangenen Silberwelt, der seine fantastischen Fähigkeiten für das Gute einsetzte.

Der hünenhafte Ex-Dämon mit dem Silberhaar konnte zum Beispiel seinen Körper in massives Metall verwandeln, ohne dadurch an Beweglichkeit einzubüßen. So schützte er sich vor Verletzungen, derweil er Gegnern mit seinen zu Hieb- oder Stichwaffen umgeformten Silberfäusten zu Leibe rückte. Außerdem konnte er aus seinen perlmuttfarbenen Augen vernichtende Feuerlanzen abschießen, er verfügte über ein »Dämonen-Radar«, und auch darüber hinaus überraschte er mich immer wieder mit neuen Kniffen. Seine »magische Trickkiste« schien unerschöpflich. Noch vor Mr. Silver hatte ich einen anderen Mann kennen gelernt, ohne dessen Hilfe mein Kampf gegen Dämonen, Vampire, Werwölfe und dergleichen weit weniger effektiv gewesen wäre: Der reiche Industrielle Tucker Peckinpah, dem die schwarze Macht selbst einen herben Schicksalsschlag beigebracht hatte, überredete mich, meinen Job als Polizeiinspektor in Griddledon aufzugeben und stattdessen als von ihm exklusiv beschäftigter Privatdetektiv in London ansässig zu werden, um mich so ausschließlich darauf zu konzentrieren, die Hölle in ihre Schranken zu verweisen. Ich willigte ein, und seither hielt mir Tucker Peckinpah mit seinem Geld den Rücken frei und öffnete mir mit seinen weitreichenden Beziehungen zahlreiche Türen, ohne die ich in vielen Fällen nie ans Ziel gelangt wäre. Mithilfe solcher Waffen und Freunde schaffte ich es nicht nur, immer wieder die Oberhand zu gewinnen, sondern letztlich auch den finalen Triumph zu erringen: Asmodis starb – und mit ihm die ganze Hölle!

Das glaubten wir jedenfalls, wiegten uns in Sicherheit und zogen uns ins Privatleben zurück, das wir uns so viele Jahre lang versagen mussten, weil stets das Damoklesschwert der schwarzen Macht über unseren Köpfen schwebte. Jetzt aber heiratete ich meine langjährige Freundin Vicky Bonney, wir kehrten in unser Heimatdorf zurück, wurden Eltern eines Sohnes und lebten glücklich und zufrieden. Doch diese Idylle war nur von kurzer Dauer ... denn das Böse erwachte zu neuem Leben und griff brutaler als je zuvor nach dem unseren! Die Einwohner von Griddledon wurden zu Handlangern der Hölle und vollstreckten das Todesurteil, das die Mächte der Finsternis über mich und meine Familie verhängt hatten. Und um mich so hart und grausam wie nur möglich zu bestrafen für meine unzähligen Siege über das dämonische Geschmeiß, zwang man mich, dabei zuzusehen, wie Vicky und unser zweijähriger Sohn Andrew, die ich mehr liebte als sonst etwas auf der Welt, mir in den Tod vorangehen mussten ... Das war der Augenblick, in dem die Hölle gesiegt hatte.

1. Kapitel

»Mr. Ballard?« Der Mann, der mir entgegentrat, war etwa so alt wie ich.

Ich nickte. »Ja.«

»Ich bin Inspektor David Muldoon von Scotland Yard.« Er trug – als wollte er dem klassischen Klischee entsprechen – einen hellen Trenchcoat, war groß und kräftig, hatte ein ehrliches Gesicht und hellgraue, wachsame Augen. Freundlich lächelnd streckte er die Hand vor. Ich ergriff sie. Sein Händedruck war fest. Er machte auf mich den Eindruck eines Mannes, der genau wusste, was er wollte.

»Hallo«, sagte ich. »Darf ich Ihnen Mr. Silver vorstellen?« Ich deutete auf den Hünen mit den Silberhaaren, der neben mir stand.

Muldoon gab auch ihm die Hand. »Mr. Silver.«

»Inspektor«, sagte der Ex-Dämon.

»Ich habe von oberster Stelle die Order bekommen, so eng wie möglich mit Ihnen zusammenzuarbeiten«, erklärte David Muldoon.

Ich sah ihn an. »Haben Sie damit ein Problem?«

Er schüttelte den Kopf. »Überhaupt nicht. Ich kann jede Unterstützung gebrauchen.«

Wir befanden uns in der Chefetage des Fernsehsenders »PerfectTV«. Ein grauenvoller Mord war verübt worden, und der reiche Industrielle Tucker Peckinpah hatte mich gebeten, mich in die Ermittlungen einzuklinken. Normalerweise ist das für einen »gewöhnlichen« Privatdetektiv nicht möglich. Aber erstens bin ich alles andere als ein gewöhnlicher Privatdetektiv, und zweitens ist für meinen Partner Peckinpah so gut wie nichts unmöglich. Er räumt mir mit seinen sagenhaften Verbindungen stets alle Stolpersteine und Fallstricke aus dem Weg, damit ich mich voll und ganz auf meinen gefährlichen Job kann – der Jagd nach Geistern, Teufeln und Dämonen.

»Haben Sie einen guten Magen, Mr. Ballard?«, erkundigte sich Inspektor Muldoon.

»Ich denke schon.«

Der Scotland-Yard-Mann richtete seinen Blick auf eine Tür. »Sie werden ihn brauchen.«

Ich las den Namen, der an der Tür stand: JOANA HARGITAY. Klingt ungarisch, dachte ich. Dem Opfer hatten drei Viertel des Senders gehört. Joana Hargitay hatte das Unternehmen so geführt, wie sie es für richtig hielt. Dem Vernehmen nach war sie hart und nicht besonders fair gewesen. Die Sekretärin Tilda Bloom saß jetzt zum Beispiel nur deshalb auf der Straße, weil sie sich mit dem Nachrichten-Anchorman Clint Van Horn eingelassen hatte, obwohl dieser noch – er hatte sich von ihr trennen wollen – Joana Hargitays Lover gewesen war. Doch der Mann, den sie anmaßend als ihren alleinigen Besitz betrachtete, solange es ihr passte, durfte keiner anderen Frau gehören.

David Muldoon öffnete die Tür. Seine Leute waren darum bemüht, so viele Spuren wie möglich zu sichern. Sie trugen weiße Arbeitsmäntel und einen Plastikschutz über ihren Schuhen.

In Joana Hargitays Büro sah es aus wie in einem Schlachthof. Blut, wohin man blickte. Auf dem Boden, an den Wänden, sogar an der Decke.

Die Leiche der Frau sah grauenvoll aus. Sie war total zerfetzt, und ihr Körper war nicht mehr komplett. Es fehlten der Magen, die Gedärme, das Herz ... Muldoon hatte Recht. Dieser Anblick war wirklich nichts für schwache Nerven. Hier hatte kein Mensch gewütet, sondern eine Bestie. Ein Werwolf, um es auf den Punkt zu bringen.

Ich warf Mr. Silver einen kurzen Blick zu. Er nickte kaum merklich, und seine perlmuttfarbenen Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.

Für mich stand fest, dass das hier Clint Van Horns Werk war. Ein Unbekannter hatte ihn entführen lassen und zum Monster gemacht, und das Besorgniserregende an der Geschichte, die auch so schon schlimm genug gewesen wäre, war, dass Van Horn offensichtlich nicht die Kraft des Vollmondes benötigte, um sich in einen Werwolf zu verwandeln. Er konnte jederzeit zur reißenden Bestie werden. Sogar am helllichten Tag. So etwas hatte es bisher noch nie gegeben. Werwölfe hatten immer nur in Vollmondnächten auf die Jagd gehen können.

Wie konnte dieses uralte Gesetz außer Kraft gesetzt werden?, fragte ich mich beunruhigt. Womit hat der Mann im Hintergrund das geschafft?

Wir blieben nicht lange in Joana Hargitays Büro.

»Habe ich zu viel gesagt?«, fragte Inspektor Muldoon.

Ich schüttelte den Kopf.

»Ich hatte noch nie so einen fürchterlichen Mordfall am Hals«, seufzte Muldoon. »Ich war bisher immer ein Gegner der Todesstrafe, aber dieses Mal bin ich der Meinung, dass eine dermaßen entmenschte Bestie nicht am Leben bleiben sollte.«

»Wer hat die Leiche gefunden?«, erkundigte ich mich.

»Eine Mitarbeiterin der Toten. Sie wollte sich von Joana Hargitay den Entwurf eines neuen Programmschemas absegnen lassen und fand dieses blutige Chaos vor.«

»Wie ist ihr Name?«

»Marisa Pill. Möchten Sie mit ihr sprechen? Sie ist nicht mehr im Haus. Sie hat einen Nervenzusammenbruch erlitten. Wen wundert's? Man hat sie ins Krankenhaus gebracht. St.-Innocent's-Klinik. Sie wird da wohl über Nacht zur Beobachtung bleiben, und dann wird man sie nach Hause schicken. Wenn Sie ihre Adresse haben möchten ...«

Ich notierte mir die Anschrift.

Selbstverständlich waren Reporter da, aber David Muldoon ließ sie nicht zur Leiche. Er rümpfte missmutig die Nase. »Sie sind wie Fliegen, scheinen Blut kilometerweit zu riechen. Niemand hat sie informiert. Keiner hat sie gerufen. Dennoch sind sie da. Mir ist klar, dass meine Einstellung ihnen gegenüber nicht ganz richtig ist, aber ich kann es einfach nicht verhindern. Ich habe seit Jahren ein gestörtes Verhältnis zu Presseleuten. Vermutlich deshalb, weil sie schon zu oft die Unwahrheit an die Öffentlichkeit getragen haben. Sie recherchieren schlecht, schnappen irgendetwas auf, geben es falsch wieder oder posaunen es absichtlich verfälscht heraus, bloß um mal wieder eine ›Sensation‹ – die eigentlich gar keine ist – auf Seite eins platzieren zu können. Zerlegt man einen Journalisten in seine Bestandteile, wird man nach Gewissen und Moral vergeblich suchen.« Eine tiefe Unmutsfalte erschien über seiner Nasenwurzel. »Einer der Schlimmsten ist Tim Spicer vom ›City Zenith‹. Er versteht es meisterhaft, einem das Wort im Mund umzudrehen und aus Mücken Elefanten zu machen. Vor dem muss man sich ganz besonders vorsehen.«

Ich wusste deshalb, wie Spicer aussah, weil sein Bild über jedem Artikel prangte, den er im »City Zenith« veröffentlichte. Der Mann war mittelgroß, extrem schlank und erweckte den Eindruck, dass ihn das Leben jeden Tag aufs Neue von morgens bis abends amüsierte.

Wir verabschiedeten uns von Inspektor Muldoon, fuhren mit dem Lift zum Erdgeschoss hinunter und sprachen mit dem Mann am Info-Point von »PerfectTV«. Er hieß Neil Rickman. Das stand auf dem Schild, das an die Brusttasche seiner Uniform geheftet war. Ich nannte meinen Namen und zeigte ihm meine Detektiv-Lizenz.

»Schlimme Sache, die da oben passiert ist«, seufzte er. »Ganz schlimme Sache.«

»Wer hat Sie informiert?«, erkundigte ich mich.

»Miss Hargitays Assistentin.«

Ich erwähnte Clint Van Horn.

Neil Rickman wusste von dessen Entführung. Er schüttelte den Kopf. »Manchmal frage ich mich: In was für einer schrecklichen Zeit leben wir eigentlich? Kriege. Terror. Selbstmordattentate. Flugzeugentführungen. Autobomben. Sprengsätze in Zügen. Mord und Totschlag, wohin man sieht. Kidnapping. Wirtschaftskriminalität. Bestechungsaffären. Attentate auf Politiker. Das Verbrechen blüht und gedeiht wie nie zuvor.«

»Wann haben Sie Mr. Van Horn zuletzt gesehen, Mr. Rickman?«

»Warten Sie ...« Er dachte nach, senkte den Kopf, wodurch sein Doppelkinn anschwoll. »Ich glaube, das war einen Tag, bevor er entführt wurde.«

»Danach nicht mehr?«

Rickman sah mich mit großen Augen an. »Das würde ja bedeuten, dass die Kidnapper ihn wieder freigelassen haben.«

Ich nickte. »Davon gehen wir aus.«

»Tatsächlich?«

»War Mr. Van Horn heute hier?«, wollte ich wissen.

»Nicht, dass ich wüsste«, antwortete Neil Rickman. Er musterte mich aufmerksam. »Sie bringen ihn doch nicht etwa mit dem Mord an Joana Hargitay in Verbindung, oder?«

Diese Frage ließ ich unbeantwortet.

Als wir wenig später das Gebäude des Fernsehsenders verließen, rief jemand hinter mir meinen Namen. Ich blieb stehen und drehte mich um. Tim Spicer. Meine Miene verfinsterte sich.

»Soll ich ihn uns vom Leib halten, Tony?«, fragte Mr. Silver.

Ich schüttelte den Kopf. »Keine magischen Tricks.«

Der Reporter erreichte uns. »Mr. Ballard, ich bin Tim Spicer vom ›City Zenith‹.«

»Was wollen Sie?« Ich klang nicht besonders freundlich. Ich hatte noch im Ohr, was Inspektor Muldoon über ihn gesagt hatte.

»Gestatten Sie mir, Ihnen ein paar Fragen zu stellen?«

»Woher wissen Sie, wer ich bin?«, fragte ich.

Er griente schlitzohrig. »Oh, in meinem Beruf ist es äußerst wichtig, stets top informiert zu sein. Werden Sie in diesem bestialischen Mordfall ermitteln?«

»Ja.«

»Was hat Ihnen Inspektor Muldoon erzählt?«

»Nächste Frage.«

»Haben Sie schon einen Verdacht, wer Joana Hargitay umgebracht hat?«

»Nächste Frage.«

»Also ja«, sagte Tim Spicer grinsend. »Irgendjemand scheint es auf diesen Sender abgesehen zu haben. Zuerst wird der Nachrichten-Anchorman gekidnappt. Dann kommt dessen weiblicher Boss auf grausamste Weise ums Leben. Ist Ihnen eigentlich bekannt, dass Clint Van Horn der Geliebte von Joana Hargitay war?« Er nickte. »Er hat es gleichzeitig mit zwei Frauen getrieben – mit der Hargitay und mit einer Sekretärin namens Tilda Bloom.« Er lachte schmutzig. »Sodom und Gomorrha bei ›PerfectTV‹. Ich erinnere mich an einen TV-Gewaltigen, der einmal erklärt hat: In seinem Unternehmen wären alle Weiber – er hat tatsächlich bewusst abwertend das Wort Weiber verwendet ... In seinem Unternehmen wären alle Weiber Luder, Schlampen und Matratzen.«

Mir missfiel diese diskriminierende Äußerung in höchstem Maße, deshalb sagte ich: »Dafür sollte man ihm die Zugehörigkeit zur Gattung Mann aberkennen.«

Jetzt kam mir Tim Spicer auf die schleimige Tour. »Bin ganz Ihrer Meinung, Mr. Ballard. Jeder Mann sollte einer Frau Achtung, Respekt und Wertschätzung entgegenbringen. Selbst dann, wenn sie tatsächlich ein Flittchen ist.«

Ich war ziemlich sicher, dass das nicht wirklich seine Meinung war. Er redete mir nur nach dem Mund, um an weitere Informationen zu kommen, doch ich gab mich sehr zugeknöpft und ließ ihn – gewissermaßen – am ausgestreckten Arm verhungern. Tim Spicer löcherte mich mit unzähligen Fragen. Die meisten beantwortete ich gar nicht. Den Rest nur sehr knapp. Ich sah dem Reporter an, dass er unzufrieden war, aber das war sein Problem, nicht meines.

Ich hatte wahrlich andere Sorgen, als ihn mit umfassenden Antworten oder erschöpfenden Statements zufriedenzustellen. Immer wieder schob sich der Anblick von Joana Hargitays entsetzlich zugerichteter Leiche zwischen ihn und mich. Das war die Tat eines Raubtiers gewesen, das Werk eines Werwolfs. Aber mit dieser Behauptung hätte Tim Spicer nichts anzufangen gewusst, deshalb behielt ich sie für mich.

Er erfand zwar mit Sicherheit immer wieder selbst eine Menge Geschichten, wenn die Realität nichts Rechtes hergab, aber wenn er sich eine solche Horror-Story aus dem Finger gesaugt hätte, wäre er wahrscheinlich seinen Job beim »City Zenith« losgewesen. Monster in London – so etwas hatte es einfach nicht zu geben. Werwölfe durften nur in Büchern agieren, wie Roger Whitford sie schrieb. Und da hatten sie auch zu bleiben. Oder in Filmen. In der realen Welt hatten sie nichts zu suchen.

Meine Gedanken kreisten um Roger Whitford, Clint Van Horn und Bud Carhart. Der Schriftsteller war kurz zu Hause gewesen, dann aber gleich wieder verschwunden.

Warum war er so schnell wieder abgehauen? Um seine Frau zu schützen? War ihm bewusst geworden, welche Gefahr er für Chiara darstellte? Hätte er ihr – wenn er geblieben wäre – das gleiche angetan wie Clint Van Horn seiner Arbeitgeberin? War es Werwölfen überhaupt möglich, ihren grausamen Mordtrieb zu steuern? Konnten sie ihn unterdrücken?

Manchmal vielleicht, nahm ich an. Bis zu einem gewissen Grad. Unter bestimmten Umständen.

Der Unbekannte, der Whitford, Van Horn und Carhart entführen ließ, hatte Werwölfe geschaffen, die vom Vollmond unabhängig waren. Mich schauderte, wenn ich daran dachte, was schon bald noch alles auf uns zukommen konnte. Der grauenhafte Mord an Joana Hargitay war nur der schreckliche Auftakt eines Dramas gewesen, das noch sehr blutig werden würde. Ich befürchtete, dass mit weiteren Werwolfattacken jederzeit zu rechnen war. Wo trieben sich die Bestien zurzeit herum? Waren sie zusammen oder ging jeder seinen eigenen Weg?

Wenn Tim Spicer geahnt hätte, was in meinem Kopf vorging, während er mir unermüdlich seine neugierigen Fragen stellte, wären ihm vermutlich die Haare zu Berge gestanden, und es hätte ihm wohl zum ersten Mal in seinem Leben die Sprache verschlagen.

 

*

 

Roxane, die die Fähigkeit besaß, zwischen den Dimensionen hin und her zu pendeln, war auf der Suche nach einer Pforte, durch die sie das schwarze Nirwana verlassen konnte. Es war ihr nicht möglich, einfach – wie ein Raumschiff – abzuheben und sich auf den Heimweg zu machen. Es gab Dimensionstore. Schleusen, durch die man von Hüben nach Drüben gelangte, wenn man wusste, wie so etwas zu bewerkstelligen war. Und eine solche Öffnung musste sie finden. Manchmal waren sie bewacht. Manchmal waren sie magisch gesichert. Und manchmal waren sie so unscheinbar, dass man sie ganz leicht übersehen konnte.