Tony Ballard #301: Das 30. Opfer - A. F. Morland - E-Book

Tony Ballard #301: Das 30. Opfer E-Book

A. F. Morland

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Beschreibung

Aristea Panidis … Ich traute meinen Augen nicht. Sie stand oben an der Balustrade, trug einen weichen schwarzen Lederanzug, der sich wie eine zweite Haut an ihren schlanken Körper schmiegte, und wirkte wild entschlossen, zu töten. Ich wusste nicht, wer den schrillen, zornigen Schrei, der durch den Zeremoniensaal gegellt war, ausgestoßen hatte. Es musste einer der Kuttenträger gewesen sein, und er war gleichzeitig auch als Warnschrei gedacht, denn die Frau, die dort oben mit harter Miene und mit gnadenlos verkniffenem Mund stand, hielt einen Bogen in ihren Händen. Er war gespannt. Auf der Sehne lag ein silberner Pfeil. Jetzt sauste er los. Schnell wie ein Blitzstrahl. Mit der Durchschlagskraft einer Gewehrkugel. Und sein Ziel war … Sir Aldous Wellington!

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A. F. Morland

Tony Ballard #301: Das 30. Opfer

Horror-Roman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Das 30. Opfer

Tony Ballard Band 301

von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

"Edition A. F. Morland" ist ein Imprint von Alfred Bekker & Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte des Titelbild-Logos by Jörg Martin Munsonius/Edition Bärenklau

Illustrator: Michael Sagenhorn, 2016

1. Kapitel

Edsilia Roothan hätte nie gedacht, dass sie eines Tages im Rotlichtbezirk von Amsterdam landen würde. Und doch war es dazu gekommen. Dabei hatte ihr Leben so vielversprechend begonnen. Sie war als Kind eines Pastors und einer Theologieprofessorin wohlbehütet in Gouda aufgewachsen. Kurz vor Edsilias vierzehntem Geburtstag war die Familie nach Haarlem übersiedelt. Edsilia war all die Jahre eine allseits beliebte Vorbildschülerin mit herausragenden Lernerfolgen gewesen, und da sie musisch sehr begabt war, hatten ihre Eltern sie ans Amsterdamer Konservatorium geschickt.

Dort hatte das Schicksal dann (völlig unbemerkt) für die schöne rothaarige Studentin höchst unerfreuliche Weichen gestellt, indem es sie mit Gaspar ten Hove zusammenführte. Mit Gaspar ten Hove, dem verboten gut aussehenden blonden Mädchenschwarm, dem Sohn immens reicher Eltern, dem Taugenichts, der lieber Drogen nahm, als sein Studium seriös und ehrgeizig voranzutreiben, der das Leben in vollen Zügen genoss und wie ein Falter von einer Blume zur andern flatterte. Sein selbstbewusstes Auftreten und seine lockere Lebensart hatten Edsilia imponiert. Sie hatte sich Hals über Kopf in ihn verliebt und geglaubt, er würde ebenso für sie empfinden. Da sie in Liebesdingen noch höchst unerfahren gewesen war, war es ihm nicht schwergefallen, sie herumzukriegen.

Das böse Erwachen war drei Monate später gekommen. In einer alten, revitalisierten Mühle, die Gaspar ten Hove am Stadtrand von Amsterdam in ein gemütliches Liebesnest umfunktioniert und in der er sich schon mit vielen Mädchen vergnügt hatte. Auch mit Edsilia. Neben ihr hatte er es da auch immer wieder mit anderen willigen Bienen getrieben, von denen es – bedauerlicherweise – mehr als genug gab. Edsilia hatte ihn – naiv wie sie war – mit einem nicht angekündigten Besuch in der Mühle überraschen wollen. Sie hätte das lieber bleiben lassen sollen, denn was sie zu sehen bekam, war so widerlich und abartig, dass der Schock sie mit der Wucht eines Keulenschlages traf. Gaspar war gleich mit zwei heißen Flittchen, für die es keine Tabus gab, zugange. Alle drei waren splitternackt und so high, dass sie Edsilia, die in der offenen Tür stand, überhaupt nicht bemerkten. Während das Trio sich gegenseitig zu höchsten sinnlichen Wonnen hochschaukelte, brach Edsilia in Tränen aus und rannte davon. Bitter enttäuscht, verzweifelt und unglücklich warf sie sich in der Nähe der Mühle ins hohe Gras und weinte sich die Augen aus dem Kopf. Sie begriff nicht, wie Gaspar ihr so etwas antun konnte. Am liebsten wäre sie gestorben. Gleichzeitig hasste sie Gaspar so sehr, dass sie ihn hätte glatt umbringen können. Und seine beiden Dreckschlampen ebenfalls. O Gott, warum hatte sie nicht auf jene gehört, die ihr geraten hatten, um Gaspar ten Hove einen großen Bogen zu machen, unbedingt von ihm die Finger zu lassen, weil er zu wahrer, aufrichtiger Liebe nicht fähig sei und er sie nur enttäuschen und ins Unglück stürzen würde? Es war wohlgemeint gewesen, wie sich nun herausstellte, doch Edsilia hatte damals geglaubt, man würde ihr ihre himmelstürmende Liebe zu Gaspar neiden.

Sie wusste nicht, wie lange sie in der Wiese gelegen und geheult hatte. Irgendwann hatten die beiden Flittchen die alte Mühle verlassen und sich fidel und übermütig Arm in Arm zur nahen Bushaltestelle begeben. Edsilia sah sie einsteigen und wegfahren. Und was ist jetzt mit mir?, fragte sie sich völlig durcheinander. Und mit Gaspar? Wie soll es mit uns weitergehen? Soll es überhaupt weitergehen? Soll ich ihm verzeihen? Hätte das einen Sinn? Ich glaube nicht. Gaspar ist, wie er ist. Er wird sich niemals ändern. Er wird mir immer wieder skrupellos weh tun. Weil er ein herzloser Bastard ist – ohne Gewissen und Moral.

Sie erhob sich und betrat die Mühle noch einmal. Diesmal mit weichen Knien. Gaspar stand unter der Dusche.

Er wäscht sich die Schweinereien aus den Poren, die er mit diesen verkommenen Ludern während der letzten Stunden getrieben hat, dachte Edsilia angewidert.

Sie setzte sich und wartete. Das Rauschen des Wassers verstummte, und gleich darauf erschien Gaspar ten Hove. Nackt. Mit Tausenden glitzernden Wasserperlen auf der sonnengebräunten Haut. Er kämmte sich das dichte nasse Haar aus der Stirn. Das Ding zwischen seinen Beinen sah ausgepowert aus. Kein Wunder nach einem solchen Sex-Marathon.

Als er Edsilia bemerkte, stutzte er. »Häschen.« Er nannte sie immer Häschen. Er nannte all seine Eroberungen so. Damit verhinderte er, dass er sich mal verplapperte und jemanden mit dem falschen Namen ansprach. »Du hier? Das ist aber eine freudige Überraschung.«

Er setzte sein strahlendstes Lächeln auf und kam völlig entspannt auf sie zu. Es störte ihn nicht, dass er nichts an hatte. Sie schon.

»Würdest du dich bitte anziehen?«, sagte sie heiser und erhob sich.

Er lachte. »Hey, was gibt es an mir auszusetzen?« Er breitete die Arme aus und präsentierte sich stolz. »Ich brauche mich dessen, was ich zu bieten habe, nicht zu schämen. Mutter Natur hat mich großzügig bedacht, wie du siehst.«

Sie griff nach seinen Jeans und warf sie ihm zu. Da er für Edsilia ohnehin keine Munition mehr übrig hatte, zog er sie lässig an und zog den Reißverschluss langsam hoch. Als er Edsilia in die Arme nehmen und küssen wollte, stieß sie ihn brüsk zurück.

»Ist irgendwas?«, erkundigte er sich befremdet.

»Ich war vorhin schon mal hier«, erklärte Edsilia. Die eigene Stimme kam ihr fremd vor. Sie klang extrem heiser und bebte vor Wut und Abscheu.

Gaspar tat so, als wüsste er nicht, was sie meinte. »Wann – vorhin?«

Edsilia kniff die Augen zusammen und fauchte: »Ich habe dich und diese widerlich geilen Weiber gesehen. Ihr wart so sehr in Fahrt …, in Rage …, in – in – in Ekstase, dass ihr mich überhaupt nicht wahrgenommen habt.«

Er grinste selbstgefällig, hob die Augenbrauen und kratzte sich ungeniert im Schritt. »Wir hatten eine Menge Spaß zusammen. Aber das hat doch nicht das Geringste mit uns zu tun, Häschen. Das mit den beiden war einfach nur tierisch geil. Das mit dir ist ganz was anderes. Es ist gut, nett, angenehm, schön und sauber. Doch wie man nicht immer nur seine Lieblingsspeise essen kann, brauche ich hin und wieder auch mal was Schmutziges. Das verstehst du doch, oder?«

»Nein«, erwiderte Edsilia leidenschaftlich. »Das verstehe ich ganz und gar nicht.«

Er wurde ernst. »Du hast doch nicht etwa vor, mir deswegen eine Szene zu machen«, fragte er verdrossen.

»Keine Sorge.« Sie zog die Mundwinkel verächtlich nach unten. »Du bist keine Szene wert. Ich bin nur zurückzukommen, um dir zu sagen, dass du dich zum Teufel scheren kannst. Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben. Nie mehr.«

Er hob die Hände und sagte blinzelnd, als wäre er verwirrt: »Moment. Moment mal, Häschen. Muss ich das so auffassen, dass du mir den Laufpass gibst?«

Sie wollte ihm weh tun, deshalb sagte sie: »Obwohl du nicht besonders hell bist, hat dein löchriges Spatzenhirn ausnahmsweise mal auf Anhieb richtig begriffen, was ich gesagt habe.«

Seine Lippen wurden schmal. »Mich hat noch nie eine Frau abserviert.«

Sie zuckte mit den Achseln. »Dann passiert es heute eben zum ersten Mal, und du bist um eine Erfahrung reicher.«

»Bisher habe immer ich Schluss gemacht«, sagte er. »Ich fürchte, ich kann mit einer solchen Situation nicht umgehen, Häschen.«

»Du wirst es lernen müssen.«

»Was, wenn ich deine Entscheidung nicht akzeptiere?«, fragte er mit einem Unterton, der Edsilia hätte warnen sollen.

»Ich denke nicht, dass du eine andere Wahl hast«, gab sie eisig zurück. »Du kannst mich nicht zwingen, bei dir zu bleiben, wenn ich es nicht will.«

»Vielleicht doch.«

»Das solltest du lieber erst gar nicht versuchen, Gaspar ten Hove.« Sie sah sich um. Ihr Blick fiel auf einen Baseballschläger, der – zwecks Dekoration (Gaspar konnte nicht Baseball spielen) – an der Wand hing.

Als sie ihn sich holte, brach Gaspar in schallendes Gelächter aus. »Häschen. Häschen. Was soll das? Du glaubst doch nicht allen Ernstes, mich damit beeindrucken zu können.« Er schüttelte sich. »Uuuah … Siehst du, wie ich vor Angst schlottere.« Er schüttelte sich noch einmal. »Uuuah … Dieses gefährliche Funkeln in deinen Augen. Es macht mir echt Angst. Ich kann gleich meinen Harn nicht mehr halten.« Er bewegte sich schleichend auf sie zu. »Weg mit dem Baseballschläger, Häschen.« Seine Miene wurde ernst. »Mach mich nicht böse. Tu den Schläger weg. Du hast ja ohnehin nicht den Mut, mich damit zu schlagen. Oder etwa doch?«

Sie umschloss den Baseballschläger mit beiden Händen. Und zwar so fest, dass ihre Knöchel weiß durch die Haut schimmerten. Langsam hob sie ihre »Waffe«. Ihre Miene drückte absolute Entschlossenheit aus.

»Weg mit dem Ding!«, verlangte Gaspar ten Hove in scharfem Befehlston. »Ich bin mit meiner Geduld am Ende. Jetzt finde ich das Ganze nicht mehr amüsant, Häschen.« Er betonte das letzte Wort, als wäre es eine gefährliche Drohung. »Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?«, brüllte er sie an.

Sie zuckte zusammen, als hätte er ihr einen Faustschlag versetzt. Und in der nächsten Sekunde tat er das wirklich. Der Treffer warf Edsilia gegen die Wand und tat höllisch weh. Blind vor Schmerz, Hass und Wut schlug sie zurück, ohne zu wissen, wie viel Kraft sie in den Schlag legte. Und Gaspar ten Hove brach wie vom Blitz getroffen blutüberströmt zusammen.

 

Sergio Bellini, der Halb-Dämon, war tot. Boram hatte ihn nicht nur gnadenlos vernichtet, sondern überhaupt nichts von ihm übrig gelassen.

Es sah so aus, als hätte es den italienischen Ravioli-Imperator, der von der Absicht besessen gewesen war, mich um jeden Preis zu töten, nie gegeben.

Mein dampfender Begleiter hatte ganze Arbeit geleistet. Aber es war mir höchst unangenehm unter die Haut gegangen, wie er das getan hatte.

Mir rieselte es kalt über den Rücken, als ich dort hin schaute, wo der Pasta-Kaiser aus Neapel noch vor wenigen Augenblicken gelegen hatte.

»Ist alles in Ordnung, Herr?«, fragte der Nessel-Vampir hohl und rasselnd.

Ich fuhr mir mit der Zunge über die trockenen Lippen. Ich hatte nicht gewusst, dass Bellini, der Mann, der wie ein Aasgeier ausgesehen hatte, halb Mensch und halb Dämon gewesen war. Boram hatte das erst mit seiner grausamen Attacke sichtbar gemacht, und ich fragte mich, wie viele halbe oder ganze Dämonen Bondelay zurzeit noch beherbergte.

»Herr«, sagte Boram, um sich bemerkbar zu machen.

Ich riss mich aus meinen Gedanken. »Ja«, sagte ich. »Alles in Ordnung.«

Aber stimmte das auch? Obwohl ich von Bellini einige Antworten bekommen hatte, gab es noch immer sehr viele offene Fragen. Ob wir in Bellinis Zimmer weitere Antworten finden würden?

Es konnte auf keinen Fall verkehrt sein, da mal einen Blick hineinzuwerfen. Als ich Boram gegenüber die Idee erwähnte, war er sofort dafür.

»Dann lass uns unsere Neugier befriedigen«, sagte ich und deutete mit dem Kopf auf die Tür.

Augenblicke später schlich ich den Flur entlang. Allein, wie es schien. Aber in Wirklichkeit war der Nessel-Vampir – unsichtbar – dicht hinter mir. Bellini hatte seine Tür nicht abgeschlossen. Er hatte offensichtlich sein Zimmer nur kurz verlassen, mich ganz schnell abknallen und gleich danach wieder hierher zurückkehren wollen.

Ein Glück, dass er es nicht geschafft hatte, dass es uns gelungen war, ihm einen dicken Strich durch seine fiese Rechnung zu machen.

Stimmen! Jemand kam die Treppe hoch. Vermutlich zwei Personen. Da ich nicht gesehen werden wollte, öffnete ich rasch die Tür und betrat Bellinis Zimmer.

Kaum hatte ich die Tür geschlossen, gingen zwei Männer daran vorbei. Möglicherweise waren es Alan Pogger und Lucien Morgeaux, aber beschwören hätte ich es nicht können.

Es dauerte nicht lange, bis die beiden ihre Zimmer erreicht hatten. Türen klappten zu. Dann herrschte Stille. Boram half mir, die Räume, die man Bellini zur Verfügung gestellt hatte, gründlich zu durchsuchen. Nichts deutete darauf hin, dass hier ein Halb-Dämon untergebracht gewesen war.

Bellini war in menschlicher Gestalt angereist, und er wäre wahrscheinlich in menschlicher Gestalt nach Neapel zurückgekehrt, wenn er mit seinem ehrgeizigen Vorhaben nicht gescheitert wäre und dadurch sein Leben verloren hätte.

Bestimmt hätte er das Buch des Schreckens gerne aus Sir Aldous Wellingtons Händen entgegengenommen und es zehn Jahre lang besessen, doch der Herr von Bondelay hatte sich für Jan van Vermeer entschieden.

Weil der Holländer seiner Ansicht nach der würdigste von allen potenziellen Nachfolgern war. Warum? Was stellte Jan van Vermeer über alle andern? Die Antwort war in Bellinis Zimmer leider nicht zu finden.

»Herr.«

Ich drehte mich um. »Ja?«

Boram zeigte auf das Doppelbett. Man hatte eine blutrote Kutte für Bellini bereitgelegt. Die sollte er vermutlich während der mitternächtlichen Zeremonie tragen.

Ich sah den Nessel-Vampir an und sagte: »Was meinst du, wer die um Mitternacht anziehen wird?«

 

»Gaspar?«

Gaspar ten Hove reagierte nicht.

»Gaspar?« Edsilias Stimme vibrierte. Ihr Herz raste. Kalter Schweiß glänzte auf ihrer Stirn. Sie starrte fassungslos auf ihren Ex-Lover, den sie mit dem harten Baseballschläger niedergeschlagen hatte.

Nur niedergeschlagen? Oder erschlagen? Sie wusste nicht, wie kräftig sie zugeschlagen hatte. Es war ein Reflex gewesen. Gesteuert von Wut, Hass, Abscheu und Enttäuschung. Gaspar hatte ihr einen derben, äußerst schmerzhaften Faustschlag versetzt. Sie hatte nur zurückgeschlagen, sich verteidigt. Dieses Recht stand nicht nur ihr, sondern jedem zu. Es war Notwehr gewesen. Man konnte sie höchstens wegen Notwehrüberschreitung mit Todesfolge vor Gericht stellen. Keinesfalls wegen vorsätzlichen Mordes, denn sie hatte nicht die Absicht gehabt, Gaspar ten Hove zu töten. Obgleich … Ganz kurz hatte sie mit diesem Gedanken schon gespielt. Aber es war nur ein Gedanke gewesen, den sie niemals wirklich in die Tat umgesetzt hätte.

Ein Hurrikan tobte in Edsilias Kopf. Er wirbelte alles so sehr durcheinander, dass es ihr fast nicht möglich war, einen klaren Gedanken zu. Der Baseballschläger rutschte ihr aus den kraftlos gewordenen Händen und polterte laut auf den Boden. Allmächtiger! Was hatte sie getan?

Sie hatte einem Menschen das Leben genommen! Man würde sie für eine sehr lange Zeit einsperren. Doch das würde sie nicht verkraften. Sie würde im Zuchthaus langsam zugrunde gehen.

»Ich – ich will nicht ins Gefängnis …«, stammelte sie tonlos. »Nicht wegen Gaspar ten Hove. Er war ein gottverdammter, skrupelloser Mistkerl. Er war kein wertvoller Mensch, hat gelogen, betrogen, getäuscht, enttäuscht, Herzen gebrochen, Drogen genommen, Mädchen, die ihm vertrauten, seelisch ruiniert … Irgendwann hatte es mit ihm ein böses Ende nehmen müssen.«

Sie wich mit kleinen Schritten zurück. Gaspar ten Hove hatte sich dieses Ende ihrer Meinung nach selbst zuzuschreiben. Er hatte sein Schicksal mit seinem niederträchtigen Lebenswandel permanent herausgefordert.

Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Edsilia sah nicht ein, dass seinetwegen auch noch sie vor die Hunde gehen sollte.

Das kann jeder getan haben, dachte sie. Gaspar hat schon so viele Mädchen betrogen, gekränkt, abserviert … Ich möchte nicht wissen, wie viele davon ihm schon den Tod gewünscht haben. Und eines von ihnen hat es schließlich getan. Sie hob den Baseballschläger noch einmal auf und wischte ihre Fingerabdrücke ab.

Niemand hatte sie die Mühle betreten sehen. Beim ersten Mal nicht. Und beim zweiten Mal auch nicht. Wenn sie also behauptete, sie wäre zur Tatzeit nicht hier gewesen, musste man ihr das glauben. Aber warum sollte sie überhaupt in die Situation kommen, so etwas behaupten zu müssen?