Top Tier der Genetik - Ann Jette R - E-Book

Top Tier der Genetik E-Book

Ann Jette R

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4,95 €

Beschreibung

"Top Tier", englisch, bedeutet "Spitzengruppe" und ist Ausdruck der Intention zur Schaffung einer Spitzengruppe der Genetik, während im Deutschen mit "Top Tier" das beste Tier/Pferd, also ein Gewinnertyp, gemeint ist. Paradoxerweise sind die Leistungsdichte und das Niveau der Pferde im heutigen Pferdesport extrem hoch, während die zuchttaugliche genetische Gesundheit hinterherhinkt. Immer mehr Züchter und Pferdebesitzer fangen an, die genetische Gesundheit ihrer Pferde zu hinterfragen, und lassen ihre Pferde testen. Das Entsetzen ist groß, wenn die teuren Vierbeiner PSSM-positiv und aufgrund eines Gendefekts schon bald unbrauchbar sind. Verständlicher Weise gefällt dem Hengsthalter, Joern Jaeger, der mit seinen umjubelten Pferdestars Millionen verdient, der neue PSSM-Test überhaupt nicht und so lässt er sich einiges einfallen, um "PSSM" zu boykottieren. Für die Detektivin Helen ist er außerdem der Hauptverdächtige in einem Mordfall. Doch seine Überführung gestaltet sich auch deshalb als äußerst schwierig, weil ihm nie etwas nachzuweisen ist. Oder ist sie etwa auf der falschen Fährte?

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Seitenzahl: 280

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Ann Jette R

Top Tier der Genetik

Helens und Utes erster Fall

© 2021 Ann Jette R

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-37308-2

Hardcover:

978-3-347-37309-9

e-Book:

978-3-347-37310-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Vorwort

Dieser Krimi ist frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit Personen, Namen, Firmen, Handlungen und Orten sind rein zufällig. Das gilt auch für das Labor „Top Tier GmbH“ mit allen seinen Mitarbeitern, welches ebenfalls ausschließlich in diesem Buch existiert. „Top Tier“, englisch, bedeutet „Spitzengruppe“ und ist Ausdruck der Intention zur Schaffung einer Spitzengruppe der Genetik, während im Deutschen mit „Top Tier“ das beste Tier/Pferd, also ein Gewinnertyp, gemeint ist. Paradoxerweise sind in wenigen Jahrzehnten die Leistungsdichte und das Niveau der Pferde stetig gestiegen und im heutigen Pferdesport extrem hoch, während die zuchttaugliche genetische Gesundheit hinterherhinkt. Die beschriebenen Gentests (PSSM 1 und 2, WFFS, etc.) gibt es tatsächlich; sie könnten bei der Zuchtauswahl in Zukunft eine immer größere Rolle spielen. Dies wird auch notwendig sein, wenn man bedenkt, dass durch den Eingriff des Menschen der Genpool der Pferde über Jahrtausende stark eingegrenzt und damit Gendefekte begünstigt wurden. Weil die Thematik noch sehr neu ist, werden einige Grundbegriffe, sofern sie für das Verständnis notwendig sind, rudimentär erklärt.

Top Tier der Genetik

Helens und Utes erster Fall

 

Das Streben nach dem Besseren

macht uns blind für das Gute.

Deutsche Redensart

1. Kapitel

Greifenstein-Anwesen, Bad Homburg

Gesine stand auf dem Balkon ihres Anwesens und blickte ziellos in die Ferne. Es war ein angenehmer Spätsommerabend im September und ein leichter Windhauch wehte durch ihre langen kastanienbraunen Haare. Während sie dort stand, bewegte sich ein großer Schwarm Schwalben kreisend in Form einer Acht durch die Luft. Sie hörte das Rauschen der zahllosen Flügel, die wie in Wellen näherkamen, um sich anschließend wieder zu entfernen, und dachte an eine ihrer missglückten Dressurlektionen auf dem Turnier gestern. Aber sie wollte nicht an dieses Turnier denken und sich lieber auf die Schwalben konzentrieren. Beiläufig fiel ihr ein, dass tieffliegende Schwalben nach einer alten Bauernregel Vorboten von Regenwetter waren. Aktuell war am Himmel aber keine einzige Wolke zu sehen und auch auf dem Turnier war traumhaftes Wetter gewesen und nun hörte sie sich selber die Frage stellen, wann sie je wieder so gute Turnierbedingungen haben würde. Sebastian, ihr Ehemann, war noch nicht zu Hause und arbeitete wieder länger. Normalerweise würde sie um diese Zeit noch eines ihrer Pferde trainieren; doch nicht an diesem Tag, wo sie noch mit dem Misserfolg vom Wochenende haderte. Sie hatte so hart trainiert, die besten Trainer, teure Pferde und dann war ihre Nachwuchshoffnung Royal Class nur einen Tag vor dem Turnier lahm und fiel aus. Damit aber nicht genug, auch ihre anderen Pferde Walk of Fame und Queen Magic liefen auf dem Turnier bei strahlend sonnigem Wetter und besten Platzbedingungen verkrampft und unkonzentriert. All die Mühen der letzten Monate waren umsonst und so fuhr sie entkräftet, enttäuscht und mit keiner einzigen Platzierung nach Hause. Nun atmete sie tief durch und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Schon wieder hatte sie an dieses schreckliche Turnier gedacht, sie wollte doch nie wieder daran denken und sich lieber auf die Schwalben konzentrieren. Gleich würde Sebastian nach Hause kommen, würde ihr von seinen beruflichen Erfolgen erzählen, ganz sicher hatte er alle seine Ziele erreicht und konnte stolz auf sich sein. Hingegen sie, Gesine von Greifenstein, geborene von Wetterau stand mit leeren Händen da und war neidisch auf den eigenen Ehemann.

Die 15. Triple-J-Auktion

Einige Tage später: „Du bist sicher, dass es nicht übertrieben ist?“ Nervös schaute Gesine an sich herunter und strich mit ihrer Hand über den seidig glänzenden Stoff ihres Kleides.

„Du bist schön wie Julia Roberts in ‚Pretty woman‘ und nun zapple nicht so rum“, entgegnete Sebastian lächelnd, während er stolz ihre Hand nahm und gemeinsam mit ihr über den roten Teppich lief.

Gesine fühlte sich in ihrem langen kirschroten, schulterfreien Abendkleid tatsächlich wie ein Filmstar. Sie trug eine auffällige Brillantkette und eine faustgroße Brosche in Form eines Herzens mit Brillanten besetzt, die in Hüfthöhe den Stoff ihres Kleides raffiniert asymmetrisch raffte. Als Gesine hochschaute, tauchte sie ein in die Welt der Blitzlichter und schritt hocherhobenen Hauptes mit Ihrem Mann über den roten Teppich zum VIP-Eingang. Ab heute sollte sich ihr Schicksal ändern, denn hier und heute würde sie zu ihrem zehnten Hochzeitstag von ihrem Ehemann den besten Dressurhengst aller Zeiten geschenkt bekommen; er würde ihn hier vor all ihren Freunden, Fremden und Neidern vor dieser märchenhaften Kulisse ersteigern, völlig unabhängig davon, was immer er kosten würde. Sie wollte und würde jede Sekunde dieser Veranstaltung genießen und sie sah viele bekannte Gesichter. Die bewundernden Blicke der anwesenden Zuschauer steigerten mit jeder Minute ihr Selbstbewusstsein. Sebastian hatte einen Tisch in der ersten Reihe reserviert, auf dem ein riesiger Strauß roter Rosen stand. Außerdem lagen dort zwei Hochglanzbroschüren mit den Beschreibungen und Abbildungen der Hengste, die gleich versteigert werden sollten. Die Tickets für diesen Tisch mussten sündhaft teuer gewesen sein, denn von hier aus hatten sie die beste Sicht auf die Arena und konnten außerdem links an der kurzen Seite den Auktionator mit seinen Mitarbeitern beobachten. Sebastian geleitete Gesine zu ihrem Platz und beide waren sich bewusst, dass sie von hier aus nicht nur den besten Überblick hatten, sondern genossen es, dass sie hier wie auf einem Präsentierteller von allen anwesenden Personen gesehen und wahrgenommen wurden. Ein Blick in den Hochglanzkatalog zeigte an neunzehnter Stelle, ihn: Land of Lakes von Leonardo Davi.

Gesine glänzten die Augen, als sie sagte: „Er ist das Schönste, dass ich je in meinem Leben gesehen habe.“

„Und du, mein Schatz, bist das Schönste, was ich in meinem Leben je gesehen habe, und wenn wir nicht bereits verheiratet wären, dann würde ich dich heute erneut fragen.“ Während Sebastian das sagte, nahm er eine rote Rose aus der Vase und überreichte sie ihr.

Gesine lächelte ihn an, während sie die Rose entgegennahm und in seine vertrauten blauen Augen schaute und flüsterte: „Ich liebe dich für diesen Abend, ich liebe dich für diese Rose, dafür, dass du mir meine Freiheit lässt und besonders, weil du mich bei den Pferden unterstützt und an mich glaubst.“

In diesem kurzen Augenblick waren all die Leute in den Zuschauerreihen vergessen und das Ehepaar schien unerreichbar für den Rest der Welt. Sie bemerkten nicht einmal, dass ein Reporter in genau diesem Augenblick mit einer Kamera mit langem Objektiv vor ihnen stand und das helle Blitzlicht ihre Gesichter erleuchtete.

Dann kam bereits die Ansage für den ersten Hengst, der für 17.500 € versteigert wurde. Weil noch etwas Zeit bis zur Versteigerung von Land of Lakes war, wollte sich Gesine noch schnell etwas frisch machen. Als sie die Toiletten wieder verließ, überkam sie plötzlich ein seltsames Gefühl, so als wenn sie durch irgendetwas aus längst vergangenen Tagen eingeholt würde. War da nicht gerade am Ende des Gangs ein Mann abgebogen, der aussah und sich bewegte wie Albert, ihr Bruder? Plötzlich glaubte sie, ihren Bruder zu erkennen, und so schnell sie konnte, rannte sie mit ihrem langen Kleid hinterher und rief dabei immer wieder seinen Namen: „Albert, Albert, so warte doch“. Dabei musste sie sogar über eine Absperrung klettern, was mit dem langen Abendkleid sicher sehr lustig ausgesehen haben musste.

Als sie ihn endlich erreichte, hielt sie ihn am Arm fest, aber als er sich zu ihr umdrehte, erschrak sie und noch völlig aus der Puste stotterte sie: „Oh, …“ und nach einer Sekunde des Schweigens: „Entschuldigen Sie bitte, ich habe Sie verwechselt.“

„Das kann passieren, kein Problem, schöne Frau“, entgegnete der Fremde und setzte seinen Weg fort, nachdem er sie eingehend gemustert hatte.

Auch einige Passanten drehten sich nun nach Gesine um und begannen, untereinander zu tuscheln. Sie war von der Vergangenheit eingeholt worden.

‚Wie konnte ich nur. Mein verstorbener Bruder Albert ist tot und Tote kehren nicht zurück. Werde ich etwa verrückt, so wie einige meiner Tanten und Onkels? Bitte nicht jetzt, bitte nicht heute Abend‘, schoss es ihr durch den Kopf und dann holte sie einmal tief Luft, um mit aufrechtem Gang ihren Weg zurück in die Arena fortzusetzen. Sie war von Kindheit an dazu erzogen worden sich zurück zu nehmen und immer Haltung zu bewahren und so hatte sie die Geschehnisse um die Ermordung ihres Bruders jahrzehntelang erfolgreich verdrängt. Auch heute würde sie sich niemanden anvertrauen und auch später würde es keinen Anlass geben über die peinliche Verwechslung zu sprechen. ‚Heute ist mein Tag‘, dachte sie, ‚und nichts soll dazwischenkommen, nichts in den Weg stellen und diesmal wähle ich einen besseren Weg und werde über keine weitere Absperrung mehr klettern.‘

Allerdings hatte sie sich in der Eile den Weg nicht gemerkt und so hastete sie verloren durch mehrere Gänge; und spätestens als sie zu einem Gang mit zahllosen weißen Türen gelangte, wusste sie überhaupt nicht mehr, welche Richtung sie nehmen sollte. Mittlerweile waren auch keine anderen Zuschauer mehr unterwegs, in der Ferne hörte sie bereits die Ansage für einen anderen Hengst und das applaudierende Publikum. In der Hoffnung, den richtigen Weg zu finden, versuchte sie nacheinander, die verschiedenen Türen zu öffnen und musste feststellen, dass die meisten der Türen abgeschlossen waren oder hinter der Tür befand sich ein Raum mit Putzutensilien oder gestapelte Stühle. In ihrer Verzweiflung öffnete sie sogar die Tür mit der Aufschrift „Zutritt strengstens verboten“, die zu ihrer großen Überraschung nicht abgeschlossen war und direkt in einen Stalltrakt führte. Vielleicht eine Abkürzung zu ihrem Tisch im VIP-Bereich, dachte sie, während sie schon mit ihren hochhackigen Schuhen in der sauberen Stallgasse stand. Rechts und links waren Pferdeboxen aufgestellt worden und in den Boxen standen die Pferde, die gleich versteigert werden sollten. Einige der Pferde liefen in ihrer Box nervös hin und her, während andere ruhig dastanden, um Heu zu fressen oder zu dösen. Auf Zehenspitzen schlich Gesine den Gang entlang und fragte sich, in welcher Box wohl Land of Lakes stehen würde. Obwohl niemand außer den Pferden da war, achtete sie auf alle Geräusche und schaute sich nervös immer wieder um. Dann erschrak sie.

‚Ich werde beobachtet‘, schoss es ihr plötzlich durch den Kopf. Vor ihrem inneren Auge sah sie schon die Schlagzeile: ‚Was hatte die Gräfin von Greifenstein mit ihren high Heels in der Stallgasse verloren?‘

Doch die dunklen, klugen Augen, die sie regelrecht fixierten, gehörten keinem Journalisten, sondern einem großen braunen Pferd mit einer auffälligen Blässe. Sie wollte gerade vor Erleichterung auflachen, da hörte sie diesmal wirklich Schritte und die kamen unaufhaltsam näher. Zu ihrem Glück stand in der leeren Box neben dem großen Braunen die Stalltüre offen und so konnte sie sich dort gerade noch rechtzeitig verstecken. Die Schritte kamen eilig näher und im Takt begann ihr Herz so laut zu schlagen, dass sie befürchtete, dass der näherkommende Fremde es hören könnte. Mit ihrem knallroten Kleid kauerte sie in dieser Pferdebox und als der Fremde stehenblieb, um die Boxentür des großen Braunen zu öffnen, hielt sie sogar die Luft an. Sie traute sich nicht zu atmen und dachte in Panik daran, dass jeden Moment ihr Herz stehen bleiben würde. Dann ging aber alles ganz schnell. Der Mann packte mit einer Hand den großen Braunen am Halfter, um mit der anderen Hand sehr geschickt eine Spritze in den Hals des Pferdes zu setzen. Anschließend streichelte er den Braunen lobend und verließ, nachdem er sich umgeschaut hatte, wieder schnellen Schrittes die Box und den Stalltrakt.

‚Das war knapp‘, dachte sie und atmete erleichtert auf. Nachdem außer den Pferden niemand mehr zu hören war, setzte sie ihren Weg fort Richtung Tribüne.

Zurück am Tisch angekommen, trank sie zu Sebastians großer Verwunderung sehr schnell zunächst ihr Glas Champagner und zusätzlich – ohne zu fragen – auch sein Glas in einem Zug aus.

„Joern Jaeger ist auch gerade gekommen“, stellte Sebastian fest, während er mit einer Handbewegung in dessen Richtung zeigte.

Gesine schaute hoch und erkannte den eleganten grauhaarigen Mann auf der anderen Seite an einem runden Tisch mit einigen Herren sitzen. „Er sieht immer noch wirklich gut aus, ob Johanna auch da ist?“ Während sie das sagte, schaute Joern Jaeger zu ihr herüber und nickte ihr zu, was sie wiederum erwiderte, indem sie ihm ebenfalls zunickte. Neunzehn Jahre ist es nun her, dass sie und Joern ein Paar waren, aber es fühlte sich plötzlich so an, als sei das Ganze erst gestern gewesen. Hatten sie sich überhaupt geliebt oder war es nur ein jugendlicher Flirt? Sie war damals schon sehr enttäuscht gewesen, dass sie nach der Ermordung ihres Bruders Albert kurze Zeit später von ihrem Freund Joern verlassen wurde. Auch wenn sie es sich damals nicht eingestehen wollte, so traf sie der große Verlust auch doppelt hart, und dass Joern sie wegen Johanna, ihrer damaligen besten Freundin, verlassen hatte, machte die Angelegenheit noch um einiges schlimmer. Sie hatte das noch nicht zu Ende gedacht, da erschien auf der anderen Seite der Arena eine schlanke, elegante Frau, um sich an den Tisch von Joern zu setzen. Dann war Johanna also doch noch gekommen und auch sie sah in ihrer Abendrobe bildschön aus. Damals war sie mit ihrem Bruder verlobt, um nach Alberts Tod, nach nur kurzer Zeit, eine Beziehung ausgerechnet mit Joern anzufangen.

Auch Sebastian sah Johanna auf der anderen Seite und fragte: „Waren nicht erst im Februar Johannas Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen?“

„Ja, ich hörte davon und hatte eine Beileidskarte auch in deinem Namen geschrieben.“ ‚Durch das Erbe dürfte Joern ein reicher Mann geworden sein und damit dürfte auch er seine Ziele erreicht haben‘, dachte Gesine. War es Schicksal, dass sie sich hier an diesem Ort gegenübersaßen? Er und seine Frau als Verkäufer des besten Hengstes aller Zeiten und sie und ihr Mann als Käufer, die gleich genau dieses besondere Pferd ersteigern würden.

„Schau mal die Frau in Rot, da unten“, Helen stand neben ihrer Tante Ute und war gerade dabei, sich einen Platz auf der Tribüne zu suchen, als ihr die Frau in der kirschroten Abendrobe an dem VIP-Tisch direkt neben der Arena auffiel.

„Oh ja, kennst du sie nicht?“, entgegnete Tante Ute, während sie verschmitzt lächelte. Die Auktion war gut besucht und die beiden Frauen waren froh, als sie noch zwei freie Sitzplätze in einer hinteren Reihe fanden. Nachdem sie sich niedergelassen hatten, schaute Helen ihre Tante immer noch fragend an. „Das ist Gesine von Greifenstein, hast du sie nicht erkannt?“

„Wer?“

„Entschuldige bitte, mittlerweile ist sie verheiratet und hat den Namen ihres Mannes angenommen. Du hast sie früher unter ihren Mädchennamen, von Wetterau, kennengelernt.“

Gesine von Wetterau war damals vor vielen, vielen Jahren eine Jugendfreundin gewesen. Immer wenn sie ihre Tante besuchte, durfte sie Reitstunden nehmen und dort hatte sie sie regelmäßig getroffen. Damals war Gesine ein typischer Teenager in Reithosen und Jeans gewesen oder sie hatte diese elegante Seite von ihr einfach nicht kennengelernt. Heute saß da unten eine Frau, in perfekter Haltung, perfekt gestylt, im Rahmen dieser traumhaften Kulisse. Es war mittlerweile zwanzig Jahre her und Gesine war nicht nur erwachsen geworden, sie hatte eine bildschöne Ausstrahlung, die alles andere in den Schatten stellte. Wieso war ihr das früher nie aufgefallen oder war diese Freundschaft doch nur eine oberflächliche Urlaubsbekanntschaft gewesen? Irgendwann war Helen auch nicht mehr zum Reiten gegangen, denn wenn sie ans Reiten dachte, dann fiel ihr auch automatisch der Spruch ihres damaligen Reitlehrers ein: ‚Reiten lernt man nur durch Fegen.‘ Wenn an diesem Spruch nur irgendein Wahrheitsgehalt wäre, dann wäre sie sicher Weltmeisterin geworden. Vielleicht war ihr auch aufgefallen, dass Gesine früher nie fegen musste und dennoch im Reiten immer besser wurde. Der Herr Reitlehrer selber, hatte den Besen auch nur in der Hand, um ihn an die Schulpferdereiterinnen weiterzureichen. Heute saß sie dicht gedrängt auf den wackeligen Bänken eingehüllt in einer Dunstwolke bestehend aus kalten Zigarettenrauch und billigem Parfum und sah herab nur einige Meter entfernt zu Gesine die im Scheinwerferlicht glänzte. Bei jeder anderen früheren Freundin wäre sie aufgestanden, um hallo zu sagen, aber hier wäre es unpassend gewesen, sofern sie die Securitymitarbeiter zu den Logenplätzen überhaupt durchlassen hätten. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sitzen zu bleiben und nach unten zu schauen, während Gesine sie in der Menge der Zuschauer sicher nicht erkennen würde. Im Grunde hatte sich in all den Jahren nichts geändert, Gesine schien so nah und war doch so fern. Vermutlich war die Bekanntschaft vor allem durch das gemeinsame Hobby entstanden und später war neben Studium und Nebenjobs zum Reiten einfach nicht die Zeit und so hatten sie sich ja auch aus den Augen verloren, log sie sich selber an.

„Du warst früher in ihren Bruder Albert verliebt, nicht wahr?“, fragte Ute plötzlich.

„Verknallt vielleicht“, berichtigte Helen ihre Tante mit Nachdruck, während sie sich vor ihrem inneren Auge an sein Lächeln erinnerte.

„Mach dir nichts daraus, aber alter Adel, die bleiben unter sich. Wenn du dich allerdings heute in ein Pferd verliebst, dann kann ich dir das Geld vorstrecken“, bot Ute ihr an.

Helen sah sich beeindruckt in der Arena um. Die Veranstaltung war bereits seit Monaten ausgebucht und Tante Ute hatte in letzter Minute die Karten über eine ihrer alten Beziehungen ergattert. Es waren mittlerweile alle Sitzplätze belegt und die Zuschauer waren gezwungen, sich immer dichter zusammenzudrängen. Plötzlich ertönte Musik und der Auktionator begrüßte das Publikum und bedankte sich dafür, dass so viele gekommen waren. Dann erklärte er den Ablauf der Versteigerung und übergab das Mikrofon dem Gastgeber Joern Jaeger, der auch noch mal alle Gäste herzlichst zur fünfzehnten Triple-J-Auktion begrüßte. Bei Joern Jaeger hatte Helen keine Probleme, ihn wiederzuerkennen, obgleich sie ihn vor über zwanzig Jahren zuletzt im Reitunterricht gesehen hatte. Optisch hatte er sich in all den Jahren kaum verändert und früher als ländlicher Reitlehrer war er genauso perfekt gekleidet, wie heute als schillernde Persönlichkeit der Pferdeszene. Dann war es soweit, nacheinander wurden die Hengste in die Arena geführt, während auf einer Leinwand auf der gegenüberliegenden Seite kurze Werbefilme über den jeweiligen Hengst gezeigt wurden. Bevor die Versteigerung begann, zählte der Auktionator noch mal die Vorzüge, Eignung und Eigenleistungen jedes einzelnen Hengstes auf. Helen machte sich zu jedem Hengst ein paar Stichpunkte und dann, wenn es hieß: zum Ersten, zum Zweiten, … und der Hammer schließlich auf den Tisch schlug, notierte sie sich den Zuschlagspreis. Insbesondere bei den Pferden mit bekannten Stammbäumen schnellte der Preis rasant in die Höhe und so gab es bereits einige Hengste, die für den Preis in der Größenordnung eines Einfamilienhauses den Eigentümer wechselten. Helen ertappte sich immer wieder, wie sie zu Gesine von Greifenstein schaute, als ob sie machtlos gegen ihre Anziehungskraft war und magisch ihren Blick anzog.

Plötzlich wurde das Licht im Saal abgedunkelt und es wurde ganz still, so dass man eine Nadel hätte fallen hören. Dann ertönte die Stimme des Auktionators: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, heute ist es so weit, wir zeigen Ihnen jetzt und hier den besten Dressurhengst aller Zeiten – er, der sich mit einer Leichtigkeit bewegt und nur aus lauter Gnade den Boden berührt, ein geradezu himmlisches Reitgefühl vermittelt, in seiner Leistungsprüfung drei Mal mit der Note Zehn benotet wurde, und ich werde nicht müde, seine hervorragende Abstammung anzupreisen. Land of Lakes von dem wunderbaren zweimaligen Olympiasieger Leonardo Davi und seiner Mutter, der Europameisterin Diva …“, und weiter kam der Auktionator nicht, denn Land of Lakes wurde in die Arena geführt und trabte an der Hand im Scheinwerferlicht Runde um Runde, während das Publikum anfing, im Rhythmus zu klatschen. Nein, seinen Trab als Trab zu bezeichnen, wäre eine Frechheit gewesen; der große braune Hengst schwebte, er tanzte, er dominierte von der ersten Sekunde seines Erscheinens. „Wir starten das Gebot mit 20.000 €, wer bietet mehr?“ rief der Auktionator in die Runde und sofort gab es zahlreiche Handzeichen. Der Auktionator kam kaum hinterher, in die Richtung der Gebote zu zeigen und rief dabei „22.000 da drüben – 25.000 € die Dame mit Hut – 28.000 € der Herr hier vorne – Gebot 50.000 € aus Amerika – 70.000 €, 75.500 € – nein geht noch etwas? – ja 100.000 € …“. Immer wieder wurden kurze Videofilme von Land of Lakes gezeigt, wie er sich an der Longe oder in der Dreieckbahn bewegte und es bestand kein Zweifel, dass hier der beste und modernste Dressurhengst aller Zeiten brillierte. Mittlerweile ging es in Einhunderttausenderschritten weiter, bis plötzlich der Auktionator entzückt rief: „888.888 € sind von der Dame in dem grünen Kleid geboten, geht vielleicht auch 999.999 €?“

Helen ertappte sich gerade, wie sie wieder zu Gesine schaute und sah, dass Sebastian von Greifenstein die Hand hob und rief: „Ich biete 1 Mio. €“. Ein Raunen ging durch den Saal und alle schauten nach unten zu dem Mann im Sakko und seine Begleiterin in Rot.

„Das ist Gesines Ehemann, Sebastian von Greifenstein“, flüsterte Ute ehrfurchtsvoll zu Helen.

Dann ging das Bieterduell weiter zwischen den von Greifensteins und einer Dame in einem auffälligen bunten Kostüm. In Fünfzigtausend-Euro-Schritten bewegte sich die Preisspirale nach oben. Wie bei einem Tennisspiel folgten die Zuschauer den wechselseitigen Geboten, bis irgendwann die überschnappende Stimme des Auktionators ertönte: „Zwei Millionen Euro, meine Damen und Herren, zwei Millionen Euro!“

Gesine war in den Bann des wunderschönen Braunen gezogen worden und vor Glück schossen ihr die Freudentränen in die Augen, als sie sah, dass Sebastian die Hand für ein höheres Gebot heben wollte. Sie nahm die Rose in die Hand und hatte geplant, diese direkt nach der Ersteigerung von Land of Lakes an Sebastian zurückzugeben. Sie schaute sich nur kurz im Saal um und sah plötzlich in den Zuschauerreihen ganz deutlich ihren Bruder Albert sitzen. Völlig in Schockstarre hielt sie die rote Rose, die eben noch so wunderschön und anmutig in ihrer Hand lag, immer fester, bis sie sie sogar mit der Faust umklammerte. Sie spürte zunächst nicht die Dornen und bemerkte auch nicht, dass ihre Hand blutete, und nachdem sie – erschrocken über sich selbst – ihre Hand wieder öffnete, beugte sie sich blitzschnell vor, um Sebastians Hand nach unten zu drücken, so dass er kein neues Gebot abgeben konnte. Erwartungsvoll schauten nun alle Anwesenden in der Arena zu ihnen, auch der Auktionator, er sprach sie an und rief: „Schöne Frau, ich sehe Sie schon im Sattel von Sieg zu Sieg galoppieren und nun, wo die Nerven blank liegen, gebe ich Ihnen eine ganze Minute, eine Minute für die schöne Frau in Rot.“

Einige im Saal lachten laut auf und warteten nun gespannt auf das nächste Gebot der von Greifensteins. Ein Raunen war erneut zu hören, während der Auktionator rief: „Zwei Millionen Euro zum Ersten.“

„Willst du ihn doch nicht?“, fragte Sebastian fast flüsternd und sah dabei seine Frau an, die am ganzen Körper zitterte.

„Zwei Millionen Euro zum Zweiten“ und nach einer weiteren kurzen Pause fiel der Hammer auf das Pult und die Spannung löste sich in einen tobenden Applaus auf. Land of Lakes war für zwei Millionen Euro versteigert worden und bewegte sich nach einer letzten Runde im starken Trab Richtung Ausgang. Der Mann, der ihn führte, musste sogar rennen und kam dennoch kaum hinterher.

Auch Helen hatte beobachtet, dass Sebastian von Greifenstein die Hand für ein weiteres Gebot heben wollte, aber anscheinend durch Gesine daran gehindert wurde. Und obgleich der Auktionator Gesine mit der Dame in Rot direkt ansprach und der gesamte Saal in seiner Gruppendynamik auf ein weiteres Gebot wartete, wurde es dann doch mit dem Hammerschlag gegen die von Greifensteins entschieden. Land of Lakes wechselte für zwei Millionen Euro den Eigentümer. Obwohl Helen an diesem Bieterduell nicht beteiligt war, so hatte sie doch Gänsehaut bekommen.

„Da habe ich ja noch mal Glück gehabt, dass du mein Angebot nicht angenommen hast“, sagte Tante Ute erleichtert.

„Keine Sorge liebe Tante, aber zwei Millionen Euro könnte ich auch niemals zurückzahlen.“

„Noch nicht, meine liebe Nichte“, entgegnete Ute resigniert und fügte noch hinzu: „Wenn das mit deiner Karriere so weitergeht, dann kannst du dir sicher irgendwann auch so ein Pferd leisten.“

„Nein, nein dann kaufe ich mir lieber ein braves Freizeitpferd. Ist so ein Preis für ein Pferd überhaupt noch reell, ist es das eigentlich wert?“

„Oh ja, das ist es“, mischte sich ein älterer Herr ein, der neben ihnen saß. „Land of Lakes ist von der Chefin einer EU-Hengstbesamungsstation ersteigert worden und von dort aus wird sein Samen in die ganze Welt verkauft. Der Samen eines guten Hengstes kostet mindestens 2.000 € pro Portion; und wenn er tausend Stuten bekommt, dann ist das Geld schnell wieder verdient.“

Alle Hengste, die nach Land of Lakes versteigert werden sollten, hatten es schwer. Keiner konnte sich nur ansatzweise so gut bewegen wie er. Die von Greifensteins verzichteten auf weitere Gebote und noch bevor alle Versteigerungen beendet waren, wollten sie die Auktion verlassen. Das mussten die Jaegers gesehen haben, denn nur so war es zu erklären, dass die beiden Ehepaare am Ausgang aufeinandertrafen. Joern Jaeger ergriff zuerst das Wort und wollte es sich nicht nehmen lassen, sich für das Erscheinen zu bedanken und sich persönlich zu verabschieden. Nach einer anfänglich schleppenden Konversation, kam es dann doch zu einer kurzen Unterhaltung zwischen den Männern.

Gesine, die keine Lust auf die Jaegers hatte, ging nach einem kurzen „Auf Wiedersehen und vielen Dank für dieses einmalige Erlebnis“ ein paar Schritte weiter, um dann etwas abseits von Johanna abgefangen zu werden:

„Schade, dass es mit Land of Lakes nichts geworden ist, ich bin sicher, dass du mit ihm sportlich alles erreicht hättest.“

„Es scheint doch tatsächlich mein Schicksal zu sein, dass ich kein Glück mit den Herren aus dem Hause Jaeger habe“, entgegnete Gesine kess.

Johanna wurde plötzlich sehr ernst und schaute in Richtung ihres Ehemannes, der einige Meter entfernt immer noch mit Sebastian in einer kurzen Unterhaltung vertieft war: „Das ist so viele Jahre her und wenn du ihn noch haben möchtest, dann kannst du ihn auf der Stelle zurückhaben.“

2. Kapitel

Ein Jahr später – Labor „Top Tier“1, Frankfurt

Die Sekretärin klopfte sachte an die Tür und aus dem Zimmer dahinter murmelte eine Männerstimme mit englischem Akzent: „Kommen Sie nur rein.“ Der kleine untersetzte Mann von Anfang Vierzig winkte sie hastig herbei, während seine gesamte Aufmerksamkeit dem großen Monitor gewidmet war. „Sehen Sie das? Und das?“, fragte er mit hochkonzentrierter Stimme und zeigte mit dem Finger auf eine Art Strichmuster auf dem Bildschirm.

„Herr Dr. Tappen, Sie wissen doch, dass ich das nicht verstehe“, entgegnete die junge Frau, die erst seit kurzem bei ihm angestellt war und stellte ein Tablett mit Kaffee auf den Tisch.

„PSSM 22, und zwar eindeutig reinerbig Px/Px3 und P4/P44, was bedeutet, dass seine beiden Elternteile denselben Gendefekt hatten und es beide an ihn weitervererbt haben.“

„Ja, aber so etwas sehen wir doch nicht zum ersten Mal?“, erwiderte sie achselzuckend, weil sie nicht verstand, worauf ihr Chef hinauswollte.

„Weil es nicht stimmen kann, weil sich PSSM 2 unvollständig-autosomal-dominant5 vererbt und es handelt sich hier um die Stute Discussion ends here, richtig?“ Dr. Tappen war ganz in seinem Element, und der kleine untersetzte Mann wirbelte herum zu seinem Schreibtisch, um mit dem Zeigefinger auf das Formular auf dem Tisch zu zeigen, auf dem in großen Buchstaben unter ‚Name des Pferdes:‘ Discussion ends here stand.

„Ja, das lese ich, aber was ist das denn für ein Name, heißt die wirklich so?“, fragte sie ungläubig.

„Ja, die Stute gibt es tatsächlich, aber die eingeschickten Haarproben gehören nicht zu ihr“, entgegnete Dr. Tappen mit strenger Stimme.

Die Sekretärin wurde blass und begann sofort stotternd: „Wie kann das sein, wir legen jeden Vorgang sofort in unterschiedliche Mappen ab, eine Verwechslung kann nicht vorkommen, dafür lege ich meine Hand ins Feuer.“

„Nein, entschuldigen Sie bitte, ich wollte nicht Sie beschuldigen, wir haben keinen Fehler gemacht“, beruhigte er sie und fuhr mit der Erklärung fort, während er seine Hand auf ihre Schulter legte: „Ich habe alle Haarproben kontrolliert und mit den Formularen verglichen und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass die falschen Angaben vom Pferdebesitzer kommen müssen. Aufgefallen war mir das, weil wir bereits vor Monaten mehrere Nachkommen dieser Stute testeten und alle Nachkommen waren P36-positiv.“

„Sind Sie ganz sicher?“, fragte sie nachdenklich.

„Ja, ich habe alles mehrfach überprüft, außerdem stammen diese Haarproben eindeutig von einem männlichen Tier.“ Während er das sagte, griff er nach dem kleinen schwarzen Büschel Haare auf dem Schreibtisch und fuchtelte ihr damit vor dem Gesicht herum.

Sie nickte nachdenklich: „Aber warum sollte jemand falsche Angaben machen, das hat doch überhaupt keinen Sinn.“

„Aus Angst. Bedenken Sie doch die wirtschaftlichen Folgen, insbesondere bei den betroffenen Zuchttieren.“

„Ja, aber was ist denn mit dem Tierschutz, soviel wie ich verstanden habe, verursacht dieser Gendefekt in den Muskeln der Pferde Schmerzen und wenn mit Hengsten mit diesem Gendefekt gezüchtet wird, wer kann denn ein Interesse daran haben, kranke Pferde zu züchten?“

„Die Probleme bei den Pferden treten aber erst im Erwachsenenalter auf, bis dahin ist der Defekt praktisch nicht zu sehen und einer Vermarktung der Pferde steht nichts im Wege oder besser gesagt: Stand bisher nichts im Wege.“ Dann ging Dr. Tappen zu seinem PC, um ein Forum zu öffnen. „Hier, schauen Sie sich das an“, und die Sekretärin begann, laut vorzulesen:

„Der Gen-PSSM-2-Test für Pferde von Top Tier ist nicht validiert7, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage und es gibt keinen Nachweis, dass die Genvarianten tatsächlich zu Krankheiten führen. Das kommerzielle Anbieten von nicht validierten Tests ist und bleibt unseriös und alleine der Umstand, dass es eine Nachfrage gibt, darf das nicht rechtfertigen, denn Nachfrage gibt es zweifelsohne auch nach Kinderpornografie, Koks und Auftragsmördern. Die Diagnosenot und Unwissenheit der überforderten Halter werden hier auf unlautere Art und Weise ausgenutzt. Ganz zu schweigen, dass bewährteste Hengste bis hin zu Olympiateilnehmern verunglimpft werden. Trixi_123.“

„Viele der Hengste haben Starkult und viele Leute kommen wohl nicht damit klar, dass ein hochdekorierter Hengst einen Gendefekt haben könnte, was offensichtlich dazu führt, dass sie uns mit kriminellen Leuten auf eine Stufe stellen.“ Dann griff er wieder zu der Maus und scrollte den Cursor weiter runter: „Und schauen Sie hier, was passiert, wenn sich jemand in dem Forum nach PSSM 2 erkundigt.“ An der gewünschten Stelle angekommen, öffnete er den Beitrag mit Doppelklick und sie las auch diese Beiträge laut vor:

„Eine Person, die sich Chicca nennt, fragt, wo man den PSSM-2-Test machen kann und jemand mit dem Namen Anna antwortet, der Test ist nicht validiert, das Geld könne sie sich sparen und eine weitere Person, die sich Isi-789 nennt, antwortet, der Test kostet über 300 € und ich kenne jemanden, der Stute und Fohlen auf PSSM 2 hat testen lassen und das Fohlen hat einen anderen Status als die Mutterstute. Eine Lillifee meinte, ja Anna hat vollkommen Recht, ich finde das langsam unglaublich, was hier ohne gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse losgetreten wird. Nicht zu vergessen die unlautere Methode von Top Tier, auf deren Webseite nicht darüber zu informieren, dass der Test nicht validiert ist. Als wenn die Zucht nicht schon genug Probleme mit überbewerteten Röntgen-TÜVs und WFFS8 hat, macht man jetzt eine neue Baustelle auf. Man stempelt gute Alt-Hengste als Träger ab und belegt deren Nachkommen mit einem Bann. Dann meldete sich wiederum diese Trixi_123: Man erfindet einen Gentest, wo fast alle Pferde bei irgendeiner Variante positiv sind, tut sich mit Tierärzten zusammen, die einen Heilungsplan und Spezialfutter kreieren und fertig ist ein super Geschäftsmodell.“

„Verstehen Sie jetzt, warum wir uns keinen Fehler erlauben dürfen?“, fügte Dr. Tappen ermahnend zu. Dann beugte er sich vor, wollte sich gerade eine Tasse Kaffee einschenken und ergänzte: „Und auch Kaffee ohne Tasse ist schlecht.“

„Oh Verzeihung, ich hole sofort eine“, flüsterte sie und eilte mit hochrotem Kopf aus dem Büro, um die fehlende Tasse zu holen.

Dr. Tappen war nun schon mehrere Jahre Geschäftsführer der Top Tier GmbH in Frankfurt und arbeitete in Kooperation mit verschiedenen Universitäten, Züchtern und Zuchtverbänden an Gentests für Hunde, Katzen und Pferde. Insbesondere sein neuestes Forschungsprojekt einer DNA-Analyse über den Gendefekt PSSM 2 bei Pferden, mit den verschiedenen Varianten P2, P3, P4, Px, P8, K1, dem sogenannten Equine-Myopathie-Panel, wurde in der Presse bereits kontrovers diskutiert und stand kurz vor seiner Validierung. Der jahrzehntelange Trend der Pferdezucht, immer und immer wieder die leistungsstärksten Pferde einzelner Disziplinen miteinander anzupaaren, hat zu der Fokussierung auf nur wenige Hengste geführt, sogenannte Linienbegründer. Die dadurch erreichte Verengung des Genpools machte es möglich, Pferdegenies im Reitsport zu schaffen und außerdem eine noch nie dagewesene Vererbungssicherheit zu garantieren, allerdings zu dem Preis, dass sich immer häufiger auch unerwünschte Gene einschlichen. Auch Gendefekte wurden vermehrt an die Nachkommen weitergegeben und verstärkten sich durch Inzucht mit jeder weiteren Generation. Auf der einen Seite war der sichtbare Zuchterfolg auf sportlich besser und besser wertende Pferde und auf der anderen Seite wuchs die Zahl der Pferde, mit denen kaum noch jemand zurechtkam. Angestachelt wurde das Streben nach dieser Hochleistungszucht vor allem dadurch, dass für die bewunderten Stars des Dressur- und Springsports Millionen bezahlt wurden.

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