Torus der Tloxi - Matthias Falke - E-Book

Torus der Tloxi E-Book

Matthias Falke

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Beschreibung

Nach der Zerschlagung des Sinesischen Imperiums ist der Union die Herrschaft über die Galaxis in den Schoß gefallen. Auf dem Torus, der gewaltigen Raumstation der Tloxi, ist ein Kongreß einberufen, der die politische Neuordnung der Galaxis regeln soll. Doch nicht alle Völker sind mit der Führungsrolle der Union einverstanden. Die Zthronmic erheben sich. Auf ihrem abgelegenen Heimatplaneten kommt es zum Krieg. Gleichzeitig meutern die Tloxi, die sich zwischenzeitig als Verbündete der Menschheit ins Gespräch gebracht hatten.

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Matthias Falke

Torus der Tloxi

© 2013 Begedia Verlag

© 2008 Matthias Falke

Umschlagbild - Alexander Preuss

Covergestaltung und Satz - Begedia Verlag

Lektorat - André Piotrowski

ebook-Bearbeitung - Begedia Verlag

ISBN-13 - 978-3-95777-030-1 (epub)

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Das ENTHYMESIS-Universum

Eine Science-Fiction-Saga in sieben Trilogien

1. Laertes

2. Exploration

3. Gaugamela

4. Zthronmic

          - Torus der Tloxi

                      - Der Zthronmische Krieg

                - Palisaden von S'Déro

5. Tloxi

6. Jin-Xing

7. Rongphu

Der Autor

Matthias Falke wurde 1970 in Karlsruhe/Baden geboren. Nach Abitur und Grundwehrdienst studierte er Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Philosophie an den Universitäten Karlsruhe und Freiburg/Breisgau. Seit 1999 ist er freier Autor, Herausgeber und Übersetzer. Sein Stück »Kassandra-Szenen« wurde 2007 beim Ersten Autorenwettbewerb des Sandkorn-Theaters Karlsruhe mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Nach Ausflügen in nahezu alle literarischen Gattungen und Genres konzentriert sich Falke in den letzten Jahren zunehmend auf die Science Fiction. Seine Texte wurden mehrfach für den renommierten Kurd-Laßwitz-Preis nominiert.

Falkes Novelle »Boa Esperanca« wurde 2010 mit dem Deutschen-Science-Fiction-Preis als Beste Kurzgeschichte ausgezeichnet.

Matthias Falke ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Er lebt in Karlsruhe.

Kapitel 1 – Mr. und Mrs. Commodore

Clandestine Prophezeiung des Tloxi-Kontinuums vom 1. Runoff 13,12: »Und kommen wird das Hohe Paar und wird euch in die Freiheit führen. Aber hütet euch: Die Freiheit ist nicht die Freiheit, und auf den Krieg folgt immer der Krieg.«

Am 2. Takshin der Periode 10-293 erhob sich Pater Pu Rhea Bel von seinem Lager und striegelte sein peroxidfarbenes Haar. Er hatte im Stile jener Legenden geträumt, die ein Wiederanknüpfen an die Alte Zeit vorhersahen, und im Sich-Erheben hatte er begriffen, dass der Tag nicht mehr fern sein würde. Er streichelte seinen Meditationskaktus und sah dabei in die zinnoberrot erstrahlende Wüste hinaus. Hart und glanzlos, ein Kegel aus poliertem Platin, stieg die eisig brennende Sonne dieser lebensfernen Welt am Horizont herauf, dass die zinkroten Berge der östlichen Bruchzone Funken sprühten und die geborstenen Felsquader der Großen Ngév ihre violetten Schatten in den Grund schmolzen. Von seinem erhöhten Anwesen ging der Blick nach Süden, Tagesmärsche weit, wo die Stollen und Abraumhalden der Heiligen Minen unter dem Stahllicht lagen, das auch in der finstersten Mittagsglut nicht flimmern würde. Mit den Fingerspitzen zeichnete er langsam die filigranen und zerbrechlichen Glieder seines Kaktus nach und fuhr durch den weißen flaumigen Blütenschopf. Er begriff, dass Großes vor sich ging. Er begriff, dass sich vieles ankündigte. Er begriff, dass die Zeit der Stille vorüber war. Wieder einmal.

Auf der Raumstation Alpha Ceti Tau hatte sich die Katze Morgan schon seit achtundneunzig Umläufen unsichtbar gemacht. Kommandant Borissowitsch studierte missmutig die einkommenden Meldungen. Eher zufällig stieß dabei die Datumszeile in sein verschlafenes und übellauniges Bewusstsein vor. Dann horchte er auf. Drang nicht ein ausgesprochen klägliches Maunzen durch die leeren Stollen und Korridore der einhundertdreißig Teratonnen schweren Orbitalstation? Die Besatzung bestand nur aus zwölf Mann, die sich in dem Koloss aus Titanstahl verliefen wie ein Häuflein Versprengter auf einem eingefalteten und dunklen Kontinent. Ab und zu quälten sich Geräusche durch den ikosaedrischen Leib des Außenpostens, ein Winseln, als sei man in die Eingeweide einer leidenden Kreatur verschlossen. Aber das waren nur die Gezeitenkräfte, die das Artefakt auf seiner Bahn hielten und dabei sachte malträtierten. Und doch schienen sich animalische Laute unter das Stöhnen des Stahls zu mischen. Er stand seufzend auf, ließ die Konsole auf Automatik gehen und machte sich mürrisch auf die Suche.

Jennifer deaktivierte den oszillierenden Warp und ging auf konventionellen Antrieb. Die ENTHYMESIS verließ den Korridor und schwenkte in den Neptunraum ein. Als wären sie schockgefroren, rasteten die Sterne auf ihrer Drift ein und verwandelten sich wieder in den fixen Hintergrund, in die kalt glühende Signatur des Raumes, dessen unstoffliches samtiges Schwarz uns nach allen Richtungen und Dimensionen hin umgab.

»Rendezvous einleiten«, sagte ich.

Jennifer sah nicht von der Konsole des Hauptbedienplatzes auf. Ihr Pferdeschwanz pendelte leicht, als sie eine Anzeige zu ihrer Rechten ablas. Dabei wurde ihr Profil sichtbar, während ich in der Spiegelung der polarisierten Frontscheibe ihr kaum merkliches Lächeln sehen konnte, das wie ein Zahnstocher in ihrem linken Mundwinkel steckte.

»Routine aktiviert«, gab sie zurück.

Es war eine Formalie, dass ich ihr Kommandos gab, die sie längst ausgeführt hatte. Aber auch das gehörte zu den eingefahrenen Spielchen, die wir nach Jahrzehnten der interstellaren Exploration zelebrierten: dass ich Befehle erteilte, die sie um einige Sekunden antizipierte, und dass sie Meldung machte, obwohl das ebenso wenig nötig gewesen wäre.

Vor uns drehte sich die samaragdgrüne Sichel des Neptun, dessen Backbordseite fahl von der fernen Sonne angeschienen wurde. Links unten wanderte die ebenso feine Sichel des Triton langsam in den Planetenschatten hinein. Es war ein Bild von majestätischer Schönheit, das erhabene und lautlose Ballett zweier Körper, die hier seit Jahrmilliarden ihre Pirouetten drehten und die seit wenigen Dekaden die Zeugen menschlicher Aktivitäten geworden waren. Dieser Anblick: Die große heliumblaue und die kleine steinerne Kugel waren uns einmal das letzte Bild gewesen, das ein Verstoßener mit sich nimmt, der über die Schulter hinweg zu dem verschlossenen Stadttor seiner Heimat zurückschaut. Neptun und Triton waren uns wie Cherubim gewesen, die vor dem unbetretbaren Paradies des inneren Sonnensystems wachten, aus dem wir uns selbst nach dem sinesischen Annihilatorangriff vertrieben hatten. Für Jahre war der erdnahe Raum für uns tabu gewesen. Wir hatten in die Diaspora der extragalaktischen Weiten fliehen müssen, um dort den Gegenschlag vorzubereiten, der uns endlich wieder in unsere angestammten Rechte einsetzte.

»Keine weiteren Befehle«, sagte ich halblaut.

Obwohl ich hinter Jennifer saß, nickte ich bekräftigend. Sie konnte mich nicht sehen, aber auch diese Geste kannte sie.

»Leitstrahl aufgeschaltet«, erläuterte sie. »Übergebe an Tloxi-Kontinuum.«

Ich nickte noch einmal. Dann lehnte ich mich zurück. Das konnte jetzt noch einige Minuten dauern. Länger als der Flug von der Erde zur Neptunbahn. Es wurde ganz still auf der Brücke der ENTHYMESIS. Die Automatik blinkte und tirilierte. Rubinrote und strontiumgrüne Lichter flammten auf und erloschen wieder. Die Korrekturdüsen sprachen selbsttätig an und steuerten den Explorer in Feinarbeit auf seinen Annäherungskurs.

Ich warf einen Blick auf die Backbordseite der Brücke, wo einige Tloxi in lautlosem Stand-by verharrten. Sie rührten sich nicht. Nur ihre grün glühenden Augen verrieten, dass sie am Leben, besser gesagt: in Funktion, waren. Im Gegensatz zu Jennifer und mir, die wir von Gravigurten in unseren Sitzen gehalten wurden, standen sie frei und ungesichert da. Sie hatten einfach ihre persönlichen Feldgeneratoren online auf die Schiffsautomatik geschaltet und sie mit ihr synchronisiert. So wirkten stets die gleichen Kräfte auf sie wie auf die ENTHYMESIS. Solange wir nicht an einem Hindernis zerschellten, würden sie an Ort und Stelle bleiben, so als befänden wir uns auf einem festen Himmelskörper und nicht auf einem bulligen Schiff, das mit Mach dreihundert in die Scherkräfte am äußeren Rand des Gravitationstrichters eines Gasriesen eintauchte und schräg zu den Feldlinien in dessen hohen Orbit einschwenkte.

Zwischen ihnen knisterte das telepathische Fluidum, über das sie sich verständigten, wenn sie nicht gerade über Schallwellen mit uns tumben Erdlingen kommunizieren mussten. In gewisser Weise war es so ähnlich wie das wortlose Einverständnis, das zwischen Jennifer und mir herrschte, wenn auch die Informationen, die ihre kollektive Intelligenz dabei verarbeiten konnte, ungleich komplexer waren. Sie konnten sich auch unserer Bordautomatik aufschalten, von der ihre Anweisungen dann wie ein ferner Hall wahrgenommen und transkribiert wurden.

»Rendezvous in drei Minuten«, sagte Jennifer.

Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder der Frontscheibe zu. Und dann rückte das Ziel dieses Fluges allmählich nahe genug heran, dass wir es mit bloßem Auge wahrnehmen konnten. Anfangs waren es winzige, silbrig perlende Lichtpunkte, die sich vor den gewaltigen blaugrünen Gaswirbeln des Neptun abzuheben begannen. Dann schoben sie sich auseinander, wurden zu Perlenschnüren. Schließlich schuppten sich, wie bei einer Zellteilung, die sich im Zeitraffer vollzog, zwei längliche Strukturen auseinander. Es war, als wenn sich zwei DNS-Stränge voneinander lösten und langsam weiter auseinander schwebten. Gewebe, so zerbrechlich und filigran, dass sie am unteren Ende der Sichtbarkeit angesiedelt waren, aber zugleich so komplex und robust, dass sie den Eindruck unwiderleglicher Macht verströmten.

»Sieh doch …«, sagte Jennifer, und der warme Glanz ihrer Stimme reichte hin, mir die Begeisterung zu vergegenwärtigen, die in ihren Augen loderte. Ich richtete mich in meinem Gravisessel auf, um über ihre Schulter hinweg nach vorne sehen zu können. Selbst in die Gruppe der Tloxi kam Bewegung.

Und dann sahen wir die gewaltigen, kilometerlangen Gerüste, in denen das Skelett der MARQUIS DE LAPLACE II montiert wurde, des Schwesterschiffs unserer treuen MARQUIS DE LAPLACE, deren Jungfernflug zum Sirius geführt hatte und die nun flottgemacht wurde, einige Tausend Galaxien in der Großen Mauer zu erkunden.

Das neue Schiff würde etwas kleiner und bedeutend leichter sein. Die weiterentwickelte Warptechnologie machte es möglich, auf 60 Prozent der Masse des Reaktorblocks zu verzichten. Dennoch war das Titanstahlskelett beeindruckend genug: Über zwölf Kilometer lang hing es in den gravimetrischen Gerüsten, die auf einem hohen Orbit über den blauen Methanwolken des Neptun schwebten. Zehntausende von Tloxi wuselten darauf herum. Sie hatte ihre kollektive Intelligenz mit unseren KI-gestützten Automaten verschaltet und arbeiteten Hand in Hand mit unseren Schweißrobotern, Lastenträgern und Drohnen zusammen. Menschliche Arbeiter waren auf der Baustelle kaum anwesend. Einzig einige Bauingenieure, deren einsitzige Scooter an den gelben Blinklichtern erkennbar waren, schnellten zwischen den Bauabschnitten hin und her und koordinierten die Fortschritte der Arbeiten mit ihren Masterboards. Über Engstrahl kommunizierten sie mit der kollektiven Intelligenz der Tloxi.

Einige Kilometer entfernt, im schwachen Licht des Neptunraums als fernes Glitzern erkennbar, entstand die MARQUIS DE LAPLACE III. Die Arbeiten erfolgten synchron, die Schiffe wuchsen simultan aus ihren stählernen Kokons hervor wie der rechte und der linke Arm eines Embryos, der im Fruchtwasser seiner Geburt entgegenreift.

Pausenlos öffneten sich Warpkorridore, und riesige Schiffe materialisierten aus dem Hyperraum. Es waren Frachter, Transportschiffe, die Millionen und Abermillionen Tonnen Titan und anderer Rohstoffe von unseren Kolonien in allen Teilen der Galaxis herbeischafften. Von Lambdatriebwerken der neuesten Generation gesteuert, durchtunnelten die megatonnenschweren Schiffe in Augenblicken Tausende von Lichtjahren und versorgten die titanischen Schmieden, in denen unsere neuen Schiffe wuchsen, mit Nachschub. Er wurde von den zahlreichen Völkern und Welten bereitgestellt, die wir aus der Diktatur der Sineser befreit hatten und die nun mit uns Handel trieben, oder auch von unseren eigenen Asteroidenminen im Eschata-Nebel, noch jenseits des Kleinen Korridors, weit außerhalb der Milchstraße.

Die Ressourcen mehrerer Galaxien standen zu unserer Verfügung, ausgebeutet vom Ingenium unserer Techniker und dem Fleiß der Tloxi, vertraglich vereinbart mit Dutzenden von Zivilisationen, die wir noch kaum dem Namen nach kannten. Wir wussten bislang nicht viel mehr von ihnen als eben das, dass sie von Sina unterdrückt und versklavt gewesen waren. Wir hatten ihnen die Freiheit geschenkt und sie durch faire Verträge an uns gebunden. Dennoch sahen wir uns unüberschaubarer Fremdheit gegenüber.

Fasziniert ließ ich die Blicke über den kosmischen Bauplatz schweifen. Wenige Tausend Meter neben uns blähte sich der plasmablaue Rüssel eines Warpkorridors auf und spie eine tropfenförmige Cargodrohne aus. Sie materialisierte wie ein Holobild, das sich mit einigen leichten Störungen und Verzerrungen über einem Masterboard aufbaut, und glitt dann an uns vorbei. Es war ein gewaltiges Schiff von mehreren Millionen Bruttoregistertonnen. Seine Form glich der eines Kugelfisches, der sich drohend aufgeblasen hatte. Kurze Stummelflügel trugen die Steuerraketen, die pausenlos feuerten, um die ungeheure Masse auf ihren Rendezvouskurs auszurichten. Hinter dem Dorn des Haupttriebwerkes köchelten die Rückstände der Fusionsprozesse, die es in Augenblicken von einer der Verladestationen bei Eschata I, einige Hunderttausend Lichtjahre entfernt, hierher katapultiert hatten. Es ging vor uns herunter und schwenkte auf die Längsachse der im Entstehen begriffenen MARQUIS DE LAPLACE II ein, die es für die nächsten Tage mit frischem Rohstahl versorgen würde. Das vollautomatische und unbemannte Schiff hatte gewaltig gewirkt, als es lautlos an uns vorbeigezogen war. Jetzt wurde es winzig, als es sich dem unvollendeten Torso der MARQUIS DE LAPLACE näherte. Schließlich war es nur noch ein Tropfen vor der lang gestreckten Konstruktion.

»Das war knapp«, sagte ich.

Jennifer hob vor mir die Schultern.

»Die Warptunnel münden in feste Korridore«, erklärte sie. »Der Leitstrahl hat uns auf Sicherheitsabstand gehalten.«

Ich kratzte mich am Kinn und sah der Cargodrohne nach, die tief unter uns mit dem arbeitsamen Gewusel verschmolz.

»Sicherheitsabstand«, brummte ich. »Zu meiner Zeit …«

Jetzt wandte sie sich doch in ihrem gravimetrischen Pilotensitz zu mir herum und zwinkerte mich fröhlich an.

»Bei unseren ersten Manövern dieser Art war der Mindestabstand zu festen Körpern auf zehn Millionen Kilometer definiert. Heute«, sie nickte zu unseren Passagieren, die mit glühenden Augen in der Backbordabsperrung der Brücke standen, »heute ist man der Meinung, fünftausend Meter seien ausreichend.«

Damit ließ sie ihren Sessel in die Ausgangsposition zurückschnellen. Die Tloxi zwei Armlängen zu meiner Linken verzogen nicht die Miene.

»Mag sein«, sagte ich unbehaglich. Dass wir, zumindest technologisch, zu Juniorpartnern dieser drahthaarigen Knirpse wurden, wollte mir nicht recht behagen. Aber mir war noch etwas anderes aufgefallen. »Zoom!«, sagte ich mit jenem unpersönlichen Tonfall, der auf die Automatik abgestimmt war. »Folge der Cargodrohne über dem Baugerüst!«

Die polarisierende Scheibe vor uns verwandelte sich in einen holografischen Monitor, der jetzt auf den linken unteren Bildausschnitt fokussierte und ihn in einem abrupten Satz heranholte. Wir sahen die tropfenförmige Drohne über den filigranen Auslegern der Elastalstahlträger dahingleiten. Es sah aus wie ein Kugelfisch, der über einen Korallengarten schwimmt. Sein Schatten folgte ihm, immer wieder perspektivisch zerbrochen und zerknickt, über den Rumpf des unfertigen Schiffes. In dieser Vergrößerung sah man einzelne Tloxi und Menschen, die Schweißroboter dirigierten oder automatische Lastenträger anwiesen. Silberne Reflexe blinkten an den metallenen Flächen und Kanten. Die charakteristischen harten Schlagschatten des atmosphärelosen Raumes stanzten schwarze Löcher auf die Planken aus Titan.

»Wo steht die Sonne?«, fragte ich.

Die Automatik unserer braven ENTHYMESIS benötigte für die Antwort keine Sekunde. Tatsächlich hatte sie diese in einer Nanosekunde parat, stellte sie aber lange genug zurück, um sich der trägen menschlichen Aufmerksamkeit versichert zu wissen.

»9:42 Uhr, Azimut: -3,76°.«

Was so viel hieß wie: halblinks unter uns. Wie konnte sie dann auf den Bauplatz, der ebenfalls links unter uns war, Schatten werfen, noch dazu derartig harte Schlagschatten? Wir waren sieben Milliarden Kilometer von unserem Zentralgestirn entfernt.

Ich schüttelte irritiert den Kopf.

»Jetzt weiß ich, was du hast«, schmunzelte Jennifer. Sie schaltete die Steuerbordaußenkamera auf den kleinen Monitor, der in meine Armlehne eingelassen war. Er zeigte einen einzelnen magnesiumweißen Lichtpunkt inmitten der unendlichen schwarzen Finsternis des Raumes.

»Unsere Freunde haben einen kleinen Scheinwerfer aufgestellt«, fügte sie süffisant hinzu.

Ich betrachtete blöde den kleinen weißen Stern und versuchte, Entfernung, Lichtstärke und Energieverbrauch zu überschlagen.

»Sie selbst brauchen das natürlich nicht«, führte Jennifer weiter aus. Es schien ihr wieder einmal Spaß zu machen, mich zu belehren. »Sie orientieren sich mittels Röntgensonar und kommunizieren über Engstrahl. Aber als kleine Aufmerksamkeit gegenüber ihren menschlichen Mitarbeitern haben sie die Baustelle ein wenig ausgeleuchtet.«

Die ENTHYMESIS nahm einen letzten Schwenk vor, der von den Feldgeneratoren abgefedert wurde, sich uns aber dennoch auf unterschwellige Weise mitteilte. Kein Erdenmensch wäre in der Lage, die hauchfeinen Beschleunigungskräfte zu registrieren, mit denen ein Offizier der fliegenden Crew nach einigen Jahrzehnten der interstellaren Exploration auf die leisesten Bewegungen und Manöver seines Schiffes reagierte. Erst einige Sekundenbruchteile später, als das Sichtfeld umherzutaumeln begann, nahmen wir bewusst wahr, was sich uns zuvor schon auf subtileren Kanälen mitgeteilt hatte. Die gewaltige, frei schwebende Baustelle der MARQUIS DE LAPLACE II glitt nach steuerbord davon. Ein im Vergleich dazu winziges Modul schob sich in unser Blickfeld. Es war eine Orbitalstation der neuesten Generation. Die schwerelose Bauhütte dieses Platzes, an dem gerade das ambitionierteste Projekt der unierten Menschheit verwirklicht wurde.

Wir hörten, wie die Bremsraketen zündeten, um die Annäherungsgeschwindigkeit der ENTHYMESIS der Eigengeschwindigkeit der Station anzupassen. Irgendwo zischten pneumatische und hydraulische Vorgänge. Landestutzen wurden ausgefahren, um das Ankoppeln vorzubereiten. Schleusen wurden mit Druckluft geflutet. Schotte geschlossen. Gewaltige Kräfte wurden umgelagert oder absorbiert. Von all dem nahmen wir nichts wahr, was über ein fernes Grummeln und Rumpeln hinausgegangen wäre.

»Rendezvous in 15 Sekunden«, zählte Jennifer. »14 … 13 …«

Man sah jetzt die Landeplattform der Station. Einige Tloxi-Techniker standen bereit. Immer noch war es ein irritierender Anblick, sie ohne Schutzanzüge im freien Raum operieren zu sehen. Aber sie benötigten weder Sauerstoff noch atmosphärischen Druck. Ihre körpereigenen Feldgeneratoren schützten sie vor der kosmischen Strahlung. Sie arbeiteten mit der gleichen Effizienz im Inneren eines Schiffes wie außerhalb. Und über die umständlichen Vorkehrungen unserer Extra Vehicular Activities hätten sie sich nur lustig gemacht, wenn dieses fleißige und genügsame Volk so etwas wie Humor besessen hätte.

Wir setzten auf. Sofort begann es unten zu wuseln. Tank- und andere Versorgungsschläuche wurden an der ENTHYMESIS befestigt. Wir wurden unaufgefordert mit Plasma, Wasser, Sauerstoff und anderem befüllt, das für uns lebensnotwendig war. Eine transparente Gangway aus Elastal wurde herangefahren und an die große Schleuse unseres Explorers angekoppelt. Mit leisem Zischen wurde der Druckausgleich hergestellt.

Einige Augenblicke später marschierten wir den mit Gravinoppen ausgelegten Verbindungstunnel hinunter. Im Vorraum der Schleuse wartete General a. D. Dr. Rogers. Er kam mit stampfenden Schritten auf uns zu und verzog das Gesicht zu einer weit ausholenden Grimasse. Zuerst schloss er Jennifer in die Arme. Seit er auf der Akademie unser Chefausbilder gewesen war, hatten wir ein enges Verhältnis zueinander. Und Jennifer war in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Art von Tochter für den alten Haudegen geworden.

»Schön, dass ihr da seid!«, knurrte er.

Dann begrüßt er auch mich mit einem kantigen Händedruck.

Eine Weile standen wir in enger Umarmung beieinander. Es war kühl in diesem Zwischendeck, das an die Wartehalle eines Provinzflughafens erinnerte. Rogers verströmte einen leichten Whiskeygeruch, und mir schien, dass seine Wangen noch röter, seine stahlblauen Augen noch eine Spur wässriger geworden waren. Für Sentimentalitäten hatte er nie viel übrig gehabt. Deshalb wunderte mich dieses Innehalten bei der Begrüßung, bei der die Sekunden sich zu dehnen begannen.

Die Tloxi, die mit uns gereist waren, kamen die Rampe herunter und gingen wortlos an ihr Tagewerk. Sie gliederten sich in das Arbeitskollektiv ein, das hier draußen gewaltige Schiffe aus dem Nichts erstehen ließ, und wurden von diesem an die Stellen geführt, an denen sie in den kommenden Monaten mit anpacken würden.

Rogers ließ uns los und wandte sich um. Gemeinsam gingen wir ein paar Schritte. Vor der großen Panoramascheibe blieb er stehen.

»Seht euch das an!«, sagte er und breitete die Arme aus.

Wir versanken erneut in den Anblick der MARQUIS DE LAPLACE II, deren unfertiger Titanstahlleib von Myriaden winziger Lichtpunkte umschwärmt wurde. Wie ein Wal in der Korona seiner Symbionten, dünte das Schiff in einer irisierenden Aura helfender Geister, die aus Optochips und Elastalstahlplatten, Schleusenringen und Quantenrechnern, Warpspulen und Feldgeneratoren, Zerokupplungen und Gravipandern einen eigenständigen und autarken Kosmos schufen, der in Kürze zehntausend Mitarbeitern beider Stäbe zur dauerhaften Heimat werden und Milliarden Lichtjahre zurücklegen würde.

»Dass meine alten Augen das noch sehen …«, sagte Rogers, wobei schon ein Gran Ironie in die Ergriffenheit einsickerte. Dann schüttelte er die besinnliche Stimmung endgültig ab. »Aber kommt! Wir sind nicht hier, um uns auf alten Lorbeeren auszuruhen. Es gibt viel zu tun!«

Er klopfte mir auf die Schulter und führte dann Jennifer am Arm den Gang hinunter, wo sich sein kleines Büro befand.

»Kaffee?«, fragte er jovial, als wir in sein neues Reich eintraten.

Ich nickte. Jennifer wünschte sich eine Holunder-Hühner-Milch. Ein junger Kadett, der in einer Regungslosigkeit, die jedem Tloxi Ehre gemacht hätte, bereit gestanden war, klappte zusammen und eilte davon.

Einige weitere Adjutanten waren anwesend, die Rogers uns jetzt mit knappen Gesten vorstellte. Sie verbeugten sich tief und schüttelten uns ehrfürchtig die Hand. Der General nannte uns mit dürren Worten ihre Aufgabenfelder. Er war nicht bei der Sache. Ich sah ihm an, dass er das steife Prozedere so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte.

Mich interessierte der Vorgang umso mehr. Die jungen, glatten Gesichter dieser Ordonnanzen und Offiziersanwärter bestürzten mich. Gerade wenn sie vor Bewunderung leuchteten, las ich darin weniger den Stolz, solch hochdekorierten Helden, wie wir nun einmal waren, persönlich die Hand drücken zu dürfen, als vielmehr das peinlich berührte Staunen darüber, Personen, die sie aus den Geschichtsholos der Akademie kannten, lebendig anzutreffen.

Eine neue Generation von Piloten und Offiziersanwärtern war in der Zwischenzeit herangewachsen, ausgebildet nach dem Sinesischen Krieg, aufgewachsen in einer Union, die mit der Galaxis identisch geworden war, und gewöhnt an den Umgang mit einer Technik, die uns Älteren wie Zauberei vorkommen musste. Wie jede Generation, die einen großen Krieg und eine Epochenschwelle mitgemacht hatte, waren wir viel älter als unsere Jahre, wir erschienen uns manchmal selbst als unsere Ururahnen, die sich unbegreiflicherweise bis in die Gegenwart erhalten hatten, als lebende Fossilien, die durch ihr bloßes Sein von vorsintflutlichen Äonen und unbegreiflich archaischen Landstrichen berichteten. Den Jungen war es eine Selbstverständlichkeit, dass wir mit den Schiffen der III. Generation jeden beliebigen Punkt des Universums erreichen konnten; dabei ahnten sie kaum mehr, dass der bekannte Raum sich noch zu unseren Lebzeiten vervielfacht hatte und dass das Universum unserer Jugend verglichen mit dem heutigen unfassbar eng gewesen war; es würde ihnen im Rückblick klaustrophobisch erscheinen. Heute war jede Welt dieser Abermilliarden Galaxien in den Speichern verzeichnet, und selbst die abgelegensten davon waren im oszillierenden Warp innerhalb weniger Tage zu erreichen. Und das in Schiffen wie den MARQUIS DE LAPLACEs II und III, die gegenüber dem ersten Raumer dieses Namens, dem langjährigen Flaggschiff der Union, um nahezu 60 Prozent ihrer Masse hatten verkleinert werden können. Der Jungfernflug jener MARQUIS DE LAPLACE I, den Dr. Rogers noch persönlich mitgemacht hatte, hatte zum Sirius geführt und war ein mehrjähriges Unternehmen gewesen. Das war den Absolventen eines heutigen Jahrgangs gar nicht mehr begreiflich zu machen.

»In Ordnung«, sagte Rogers barsch. »Kommen wir zur Sache!«

Er wedelte die Stabsangestellten aus dem Raum und wartete, bis die gravimetrische Tür hinter ihnen zurückgeglitten war. Dann hob er seinen Whiskey, und wir prosteten einander mit unseren drei Getränken, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, über seinen Besprechungstisch hinweg zu.

»Wir haben einiges vor uns«, brummte er. »Und es wird kein Zuckerschlecken!«

Er kippte seinen Whiskey herunter, sog scharf die Luft ein, wartete bis das Brennen des Alkohols in seinem Rachen nachgelassen hatte, und fixierte uns dann forschend.

»Wie geht es euch?«, fragte er. »Dich, Jennifer, brauche ich nicht zu fragen. Aber du, mein lieber Frank, wirkst etwas – wie soll ich sagen? – derangiert.«

Er grunzte in sich hinein. Dieses Grunzen hatte ich auf dem Ausbildungsplatz zum ersten Mal gehört, vor … vor sehr vielen Jahren.

»Du sitzt ja da wie ein Greenhorn«, grinste er, »das zum ersten Mal im Orbit ist und nicht genau weiß, ob es lachen oder heulen soll!«

»Lass gut sein!«, lachte ich und boxte ihn über seinen Direktorentisch hinweg gegen die Schulter. »Das alles ist nur ganz einfach – unglaublich …«

»Das ist es in der Tat!«, donnerte er. »Aber wir haben keine Sekunde Zeit, uns darüber zu wundern, wie weit wir es gebracht haben.«

Ich rührte in meinem Kaffee. Jennifer legte mir die Hand auf den Unterarm und ließ einen warmen Blick über mich gleiten.

»Frank braucht immer etwas länger«, sagte sie, »bis er eine neue Realität akzeptiert. Und seit er unfreiwillig zum Oberkommandierenden in einem galaktischen Krieg wurde, hat sich sein kontemplativer Zug noch verstärkt.«

Ich feixte und hielt vorläufig die Klappe. Rogers dagegen nickte ernst.

»Es hätte mich nicht gewundert, wenn du dich zur Ruhe gesetzt hättest nach dem großen Tanz. Ein Häuschen in Pensacola, die vielen Sonderprämien verzehren und allmählich an die Memoiren denken. Verdient hättest du es dir. Ihr euch beide!«

Ich hob die Schultern. Die Frage hatte ich mir selber oft genug gestellt. Sie hatte mich manche Nacht gekostet. Wir hatten den schwersten Krieg gefochten und die gewaltigste Schlacht geschlagen, die in den Geschichtsbüchern der Menschheit verzeichnet war. Da durfte man wohl ein paar Tage Urlaub machen.

»Aber jetzt sind wir hier«, brachte ich den Gedanken laut zu Ende.

Rogers klatschte donnernd in die Hände.

»Und daran sehe ich, dass ihr die Alten seid. Selbst meine morschen Knochen hätte es nicht in einem Pflegeheim gelitten.« Wieder breitete er die Arme aus und beschrieb einen raumgreifenden Schwenk über die Panoramascheiben aus polarisierendem Elastalglas. »Das ist unsere Zeit!«

Er kam mir plötzlich wie ein russischer Erdölingenieur vor, irgendwo auf Spitzbergen oder Nowaja Semlja. Die Alkoholfahne, die aufgekrempelten Ärmel, das zerzauste, ungekämmte graue Haar, die aufgedunsenen roten Wangen mit den geplatzten Äderchen unter den wasserblauen Augen: Ich sah ihn vor mir, wie er auf einer Arktisstation vor seinem Blockhaus saß und nach der Polarnacht das erste Sonnenlicht begrüßte. Selbst das Licht hier draußen, das so seltsam hart und fahl war, glich einem Märzenmorgen in den hohen Breiten unseres geschundenen Heimatplaneten. Ach ja, das Licht!

»Was ist das eigentlich …«, fragte ich und verrenkte mir den Hals, um über die gläserne Dachkonstruktion nach jenem beeindruckenden Strahler Ausschau zu halten.

Rogers stand auf und ging zu einem Instrumentenschrank, an dem er eine Skala regulierte. Die Polarisation der Scheiben nahm stark ab. Das Licht, das von oben hereinstand, wurde schmerzhaft.

»Wir nennen es die Tloxi-Sonne«, sagte er leichthin. Er dimmte die Polarisation wieder ab und kehrte an seinen Platz zurück. »Ein selbstregulierender Plasmabrenner. Einige Milliarden Exowatt oder so. Irgendwas mit schrecklich vielen Nullen.«

Er grinste hilflos.

»Direktor Reynolds könnte euch das vermutlich besser erklären. Aber, um ehrlich zu sein: Wir verstehen es noch nicht ganz …«

Eine künstliche Sonne …, stammelte ich innerlich. Und ein Dr. Rogers, der mehrere Jahrzehnte lang die Planetarische Abteilung geleitet und im Zuge der interstellaren Exploration einige Dutzend Welten für die unierte Menschheit in Besitz genommen hatte, dieser Dr. Rogers hob die Achseln und räumte ein, es nicht zu verstehen.

Jennifer schien denselben Gedankengang absolviert zu haben.

»Eine synthetische Sonne?«, fragte sie. »Und die haben sie hier so einfach angeknipst?«

Rogers strahlte jetzt wie ein Vater, der zugeben muss, dass er von seinem Jüngsten im Schach geschlagen wurde.

»Hat sie keine drei Tage gekostet«, kicherte er. »Sie steht exakt über Lagrange 4 bezogen auf Triton und leuchtet uns die ganze Werft hier aus.«

Jennifer und ich wechselten einen Blick. Rogers musterte uns.

»Ich weiß, was ihr jetzt denkt«, sagte er. »Sie sind uns über. Und ich kann nur sagen: Ja, das sind sie in der Tat! Sie haben Jahrzehnte an Vorsprung, selbst wenn wir unsere eigene fulminante Entwicklung der jüngsten Zeit extrapolieren. Vielleicht sogar Jahrhunderte. Und dabei wissen wir noch nicht einmal, ob sie das von den Sinesern gelernt haben oder ob die Sineser sich umgekehrt ihres Ingeniums bedient haben.« Wieder zuckte er mit den Schultern. »Jetzt arbeiten sie jedenfalls für uns!«

Ein lautes Schlürfgeräusch verriet, dass Jennifer ihre Holunder-Hühner-Milch geleert hatte.

»Dann wollen wir hoffen«, sagte sie, »dass sie das auch weiterhin tun.«

»In Ordnung«, stöhnte Rogers mit wegwerfender Miene. »Kommen wir zur Sache?!«

*

»Was hältst du davon?«

Jennifer war aus der Nasszelle getreten. Obwohl der Flug keine dreißig Minuten und die Besprechung bei Rogers kaum eine Stunde gedauert hatte, hatte sie sich bei einer warmen Dusche entspannt. Jetzt trat sie neben mich, nach Rosmarin und Sandelholz duftend, und band sich das durchscheinende Negligé aus Tloxi-Seide vor der Brust zusammen.

Ich stand noch immer vor dem kleinen Bullauge unserer Kabine. Diese glich unserer winzigen spartanische Suite auf der ENTHYMESIS ganz ebenso wie diese unserer Unterkunft auf der MARQUIS DE LAPLACE, die sich wiederum nur unwesentlich von dem genormten Wohncontainer unterschieden hatte, in dem wir während der Akademiezeit gehaust hatten. All das waren Standardzimmer, wie sie auf unzähligen Schiffen und Stationen, Siedlungen und Modulen verwendet wurden. Wir bewohnten das Modell »verheiratetes Offizierspaar der Kommandeursebene, 45+«. Allerdings machte auch das gegenüber dem Silo, in dem wir unsere Ausbildung absolviert hatten, nur einen Raumgewinn von wenigen Quadratmetern aus. Die Einteilung war stets die gleiche. Die Nasszelle, die Instrumentenschränke, die Spinde für den persönlichen Besitz – den jedes Mitglied der fliegenden Crew in einem Handköfferchen transportieren können musste – und die beiden gravimetrischen Matratzen. Es waren Schlafboxen, in denen man kaum mehr Zeit verbrachte als die paar Stunden am Tag, die der Bewusstlosigkeit geschuldet waren. An Privatleben konnte man sich nicht mehr leisten, als man in diesen voll automatisierten Käfigen unterbringen konnte.

Und doch: Indem Jennifer neben mich trat, sich an mich schmiegte, mir die Hand auf die Schulter legte und schweigend mit mir in den Raum hinaussah, fiel mir ein, wie viele kostbare und köstliche Stunden wir in diesem Zimmerchen und seinen Kopien auf den verschiedensten Schiffen und Basen zugebracht hatten.

Wir sahen über die auskragenden Aufbauten des Moduls hinweg, auf dem Rogers seinen neuesten Gefechtsstand aufgeschlagen hatte. Fünfzig Stockwerke unter uns schoben sich die frei schwebenden Landeplattformen gegen die Leere vor. Auf einer davon stand die ENTHYMESIS. Im Cockpit glühte ein schwaches Licht. Einige Tloxi-Techniker machten sich an dem Schiff zu schaffen. Und direkt dahinter, durch einen optischen Sprung zum Spielzeugmäßigen verkleinert, erblickte man das Werden der MARQUIS DE LAPLACE II. Sie würde einmal Jennifers Schiff sein. Aber daran dachten wir in diesem Augenblick noch nicht. Uns beschäftigte etwas ganz anderes.

Unermüdlich waren die Arbeiter und Ingenieure dort zugange. Die Tloxi arbeiteten 20 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Ein kleines Serviceschiff, das in der Nähe der gewaltigen Baustelle schwebte, konnte von ihnen angesteuert werden, um Verschleißteile zu erneuern, Schäden zu reparieren, die bei kleineren Unfällen im freien Raum unvermeidlich waren, und ihre Akkus aufzuladen. Darüber hinaus kannten sie keinen Feierabend und kein Wochenende, keinen Krankenschein und keinen Burn-out.

Die menschlichen Arbeiter hatten einen Dreischichtrhythmus eingeführt, um ebenfalls rund um die Uhr auf der Baustelle präsent zu sein. Sie waren nicht so tolerant gegenüber der Erschöpfung und den Anforderungen dieses Arbeitsplatzes. Es hatte schon einige Todesfälle gegeben, meist nach Unfällen mit Schweißrobotern. Und nach der ersten hochgemuten Phase hatte man den Akkord zurücksetzen müssen, um sich einschleichende Fehler und Flüchtigkeiten zu reduzieren.

Jennifer stand neben mir und wartete noch immer auf eine Antwort.

»Sie sind uns über«, wiederholte ich, was Rogers dazu zu sagen gehabt hatte.

»Ihre Technologie ist der unseren weit voraus«, sagte Jennifer trocken, »und ihre Gesellschaftsstruktur für uns nach wie vor vollkommen opak. Sie lassen sich nicht in die Karten schauen.«

Ich starrte auf das, was in ein paar Monaten das Schwesterschiff der MARQUIS DE LAPLACE sein würde. Man konnte beinahe zusehen, wie die elegante Titanstahlkonstruktion an den selbsttragenden Gerüsten entlangwuchs. Aus dem Reich der reinen Konzeption schlug es sich in die Wirklichkeit nieder. Die Idee kondensierte in Milliarden Tonnen von Stahl und ausgefeiltester Technologie.

»Sie kennen keine Pläne oder sonstigen Aufzeichnungen«, führte Jennifer aus. »Keine Blaupausen, keine Konstruktionszeichnungen, keine Dokumentation. Alles ruht und fließt in ihrem Kontinuum.«

»Können wir nicht …«, ich überlegte, was das angemessene Wort sein mochte. »Können wir nicht mitschneiden, was sie da in ihrem Kollektiv beratschlagen.«

»Sie beratschlagen nicht«, sagte Jennifer. »Nach allem, was wir wissen. Und sie können sich zwar ihrerseits auf unsere Kommunikationsvorrichtungen aufschalten und sich prächtig mit unserer Schiffsautomatik austauschen. Aber dabei geben sie keinerlei eigene Informationen preis. Ihre kollektive Intelligenz, die wir das Tloxi-Kontinuum nennen, ist vollkommen abhörsicher.«

»Beeindruckend«, sagte ich leer. Unwillkürlich hatte ich aufgesehen und die Zimmerdecke abgesucht.

»Man fühlt sich beobachtet«, nickte Jennifer. »Belauscht. Ausgespäht.«

Ich zog die Mundwinkel nach oben.

»Ich habe nichts zu verbergen«, meinte ich. »Das ist es nicht, was mich beunruhigt.«

»Sondern?« Jennifers Frage war rhetorisch. Sie hatte sich abgewandt und die Polarisation der Scheibe verstärkt, sodass der beeindruckende Anblick unsichtbar wurde. Dann ließ sie das durchscheinende Nachtgewand von ihren Schultern gleiten und schlüpfte ins Bett.

»Wir dürfen technologisch nicht zu sehr von ihnen abhängig werden«, sagte ich und schob mich neben sie unter die selbstregulierende Decke. »Sonst werden wir erpressbar.«

»Der Kongress ist ja schon einberufen«, schnurrte sie noch, während ihre Hand an meiner Seite abwärts wanderte, »auf dem das geregelt werden soll. Aber jetzt entspann dich. Morgen ist dein großer Tag!«

*

Am Morgen machte ich mich zerstreut zurecht. In musealer Nacktheit standen wir nebeneinander. Ich rasierte mich, während Jennifer gurgelte. Dann zogen wir die Galauniformen an, die weißen zweiteiligen Anzüge, die nur bei großen Paraden, Empfängen oder Staatsakten getragen wurden. Ich löste die Achselstücke, die mich als Colonel der fliegenden Crew auswiesen, aus den Epauletten. Für einige Stunden würde ich nackt und ohne Rangabzeichen sein. Vielleicht war es das, was mich an diesem Morgen störte. Irgendetwas stimmte nicht. Einen Schritt neben mir machte Jennifer sich fertig. Auch sie im weißen Dress, auch sie mit leeren Schulterklappen, die auf die neue Dekoration berechnet waren. Das harte Weiß der Uniformen ließ sie blass erscheinen, als sie mir geistesabwesend im Spiegel zulächelte. Ihre Miene, ihre ganze Erscheinung – etwas war anders. Ich räusperte mich und strich verlegen an mir herum. Nun, die Ereignisse bei Sina waren an uns allen nicht spurlos vorbeigegangen. Dabei hatten wir eine Phase der Erholung hinter uns. Die Entdeckung jenes fernen Paradiesplaneten kam uns dabei zustatten. Es war uns gelungen, ihn aus den Karten der Union herauszuhalten. Wir waren die Einzigen, die von seiner Existenz wussten. Nur so war es möglich, ihn vor dem Boom des interstellaren Tourismus zu bewahren, der sich quer durch zahllose Galaxien auf die idyllischsten Strände und die majestätischsten Gletscher warf, auf die monströsesten Vulkane und die exotischsten Kulturen. Wann immer wir ein paar Tage freihatten, flogen wir in unserem sinesischen Shuttle zu jener Welt, die jenseits des Großen Korridors lag, und genossen dort die tropische Sonne, das seidige Wasser und die ungestörte Einsamkeit.

»Fertig?«

Jennifer holte mich in die Gegenwart zurück. Ich nickte ihrem Spiegelbild zu, das mich forschend musterte. Irgendetwas stimmte nicht. Sie wirkte hager. Hatte sie nicht gut geschlafen? Natürlich wurden wir alle nicht jünger. Aber ich konnte mich nicht erinnern, wann ihre Züge jemals so kantig – und plötzlich wusste ich!

»Was hast du mit deinem Haar gemacht?«

Sie rempelte mich mit der Schulter an, dass ihr Spiegelbild aus meinem Sichtfeld rutschte.

»Bravo«, tönte sie. »Hat der Herr es doch bemerkt. Ich wäre nicht aus der Kabine gegangen, ehe du nicht von selber draufgekommen wärst, und wenn ich den Rest des Tages hier hätte stehen müssen.«

Ich ließ den Spiegel Spiegel sein und wandte mich ihr in natura zu.

»Aber Jennifer, Liebes«, stammelte ich. »Warum nur …?«

Ihr Pony, den sie so energisch aus der Stirn zu streichen liebte, ihre ewig ungebändigten Strähnen, die sich um Wangen und Ohren ringelten, der Pferdeschwanz, dessen Wippen sensibler als jeder andere Gradmesser anzeigte, was in ihr vorging – alles war verschwunden! Sie hatte sich eine stoppelige Kurzhaarfrisur zurechtgemacht – Wann? Als ich neben ihr gestanden war? –, die eher an Jill Lamberts burschikoses Stachelhaar erinnerte als an das seidige Dunkelblond der Jennifer Ash, in die ich mich in unwiederbringlichen Akademietagen verliebt hatte.

»Sag ja nicht, dass es mir nicht steht!«, vorneverteidigte sie harsch.

Ich strich hilflos an ihren Schläfen herum, legte die Hand auf ihren ausrasierten Nacken. (Sie musste das gemacht haben, während ich unter der Dusche stand.)

»Es macht dich so …«

Alles, was ich sagen konnte, würde natürlich falsch sein.

»… so tough!« Es war ein dummes Wort, aber mir fiel gerade kein besseres ein. Mir fiel überhaupt kein anderes ein.

»Ein Pferdeschwanz passte wohl nicht mehr zu einer ENTHYMESIS-Kommandantin im Rang eines Commodore?«

»Blödmann.« Sie boxte mich vor die Brust. Ich schloss die Arme um sie und biss sie in den Nacken. Die viele nackte Haut an dieser Stelle war ein wenig ungewohnt. Aber vielleicht konnte man sich daran gewöhnen. Plötzlich bekam ich Lust, sie nackt zu sehen, a tergo, wie ihr schlanker, durchtrainierter Rücken in diesen schmalen mädchenhaften Nacken überging.

»Ich will gar nicht wissen, was du jetzt eben denkst!«

Sie machte sich von mir los und zog meine Uniform wieder straff, die unter der Rangelei ein wenig gelitten hatte.

»Pass auf deine Orden auf!«

Wir standen voreinander und zupften und rückten aneinander herum. Die Schlacht von Sina hatte uns beiden den Großen Stern der Union am Band eingebracht, und heute war ein Tag, ihn zu tragen. Daneben diverses anderes Lametta bis hinunter zu den Schützenschnüren und Offiziersnadeln unserer Akademiezeit. Albern, das alles. Aber warum sollte man es verstecken. Wir waren nicht irgendjemand!

»MARQUIS-DE-LAPLACE-Kommandantin im Wartestand«, fügte sie noch hinzu.

Das neue Schiff, das draußen im Entstehen begriffen war, würde das ihre sein, sowie wir von dieser Kongressmission zurück waren.

Ihre Finger waren an meinem Kragen, zogen die Spiegel straff, strichen wie unabsichtlich über mein Kinn. Mir schwante nichts Gutes.

»Deswegen habe ich auch noch ein Attentat auf dich vor.«

Ich seufzte.

»Eine Stunde«, sagte sie. »Länger dauert es nicht.«

Ich schielte nach der Uhr.

»Du müsstest nur auf das Frühstück verzichten.«

»An einem solchen Tag!«, entfuhr es mir. »Und wenn mir nachher auf der Tribüne komisch wird?«

Sie deutete mit den Fingerkuppen einen zärtlichen Klaps auf meine linke Wange an.

»Dir wird nicht komisch. Tu es für mich. Nur dieses eine Mal …«

Was redeten wir überhaupt? Es war ja längst entschieden! Und während wir auf den Gang hinaustraten und uns auf den Weg zur Schleusenkammer machten, setzte sie noch hinzu:

»Du bekommst auf der ENTHYMESIS auch eine Schokoladenmilch!«

Ich ließ mich in den Kommandantensessel fallen und aktivierte die gravimetrischen Gurte.

»Frei schweben!«, sagte ich lustlos. »Dann Kursbestimmung und Kleine Fahrt!«

Ich rührte in meinem Kaffee, der in einem Becher aus selbsterhitzendem Elastin schwappte. Den hatte ich mir auf dem Weg durch die Messe noch schnell aus dem Automaten lassen können. Jennifer hatte sich allen Ernstes für eine Schoko-Knoblauch-Milch entschieden.

Das Schiff begann zu booten. Draußen räumten die Tloxi-Techniker die Serviceschläuche weg. Der Tankstutzen fuhr zurück und versenkte sich in der Plasmakammer der Orbitalstation.

Vor mir schnalzte Jennifer agil auf ihrem Pilotensitz und ratterte mit der Rechten ihre Kennungen in die Konsole. Dann hackte sie die Kürzel der Vorstartroutinen in den Computer. In der Linken hielt sie dabei ihren ekelhaften Frühstücksdrink, aus dem sie hin und wieder laut schlürfende Schlucke sog.

»ENTHYMESIS klar zum Abheben«, sagte sie nach einer Weile.

Die Automatik löste die Gravikupplungen, die den Explorer an der Landeplattform von Rogers’ Modul festgehalten hatten. Durch das Nachgeben der Federungen, die in die sechs klobigen Füße unseres Gefährtes eingelassen waren, stieß es sich ab und schwebte langsam auf. Jennifer wartete, bis die Station einige Hundert Meter unter uns abgefallen war. Dann gab sie Kleine Fahrt auf das Haupttriebwerk und drehte nach Backbord ein.

Vor uns lag die gewaltige, von blaugrünen Wolkenstrudeln bedeckte Halbkugel des Neptun, zum kleineren Teil von der fernen Sonne angeleuchtet. Der größere Teil lag im Dunkel und hob sich schemenhaft vom Sternenhintergrund ab. Davor wanderte die kleine Sichel des Triton scheinbar noch immer in den Planetenschatten hinein. Da die kosmische Baustelle samt Rogers’ Station und der Tloxi-Sonne auf die Lagrangepunkte des Trabanten ausgerichtet waren, folgte ihm der gesamte Apparat auf seiner gemächlichen Wanderung um den Gasriesen herum.

Jennifer drückte die Schnauze der ENTHYMESIS nach unten und beschleunigte auf lächerliche 60 oder 70 Mach. Ich lehnte mich zurück und nuckelte an meinem Kaffee, der nach aufbereitetem Wasser und altem Elastin schmeckte.

»Manuelle Steuerung«, sagte sie. Aber das war lediglich fürs Protokoll. Da unser Ziel schwerlich einen Leitstrahl senden würde, blieb ihr nichts anderes übrig, als die ENTHYMESIS von Hand zu fliegen. Denn eine formelle Kursberechnung lohnte für die paar Kilometer nicht.

Ich sah zur großen Bugscheibe hinaus. Der Torso der MARQUIS DE LAPLACE II kam rasch näher. Die filigranen Stahlstrukturen glitzerten im Licht des künstlichen Sterns, der in unserem Rücken flammte. Dann hupte auch schon die Automatik.

»Einkommender Ruf, nur für den Kommandanten!«

»Freigeben«, sagte ich. »Hier spricht der Kommandant!«

Es knackste in der Leitung, als die Automatik die hereinkommende Anfrage durchschaltete. Dann war die unpersönliche Stimme des Tloxi-Kontinuums zu hören, bei der man unwillkürlich immer die harten grünen Augen und die maskenhaften Gesichter dieser Wichte vor sich sah.

»Hier spricht die Bauleitung! Identifizieren Sie sich! Sicherheitsabstand für Schiffe der Lambda-Klasse fünf nautische Kilometer!«

Jennifer konnte ein Prusten nicht unterdrücken. Ich rang mir ein Schmunzeln ab. Mit einem Tastendruck auf den kleinen Monitor in meiner Armlehne gab ich die verschlüsselte Kennung frei, die unsere IDs samt sämtlicher Daten der ENTHYMESIS überspielte.

»Commander Frank Norton«, sagte ich laut. »Erbitten Einflugerlaubnis in Servicekorridor!«

Es knisterte. Immer überlegte man sich ja, wer da jetzt mit wem beratschlagte und wer am Ende die Entscheidung traf. Es dauerte jedenfalls ziemlich lange, bis die kollektive Superintelligenz sich zu einer Antwort herabließ.

»Der Servicekorridor ist nur für Servicefahrzeuge geöffnet. Laut den offiziellen Frachtpapieren des Explorers ENTHYMESIS führen sie weder Personal noch Material an Bord, das in den Aufstellungen der Servicekräfte verzeichnet wäre. In diesem Fall benötigen Sie eine Sondergenehmigung …«

Jennifer schüttelte unwillig den Kopf. Ha! Das war die trotzige Bewegung, die ihr in Jahrzehnten zur Gewohnheit geworden war. Normalerweise hätte sie ihr den Pony aus der Stirn gewischt, und ihr Pferdeschwanz hätte ihre Schulterstücke gefegt. Davon konnte heute keine Rede sein. Nackt leuchtete ihr weiß rasierter Nacken vor dem polarisierten Sichtfeld, auf das die Automatik die Daten unserer Annäherung projizierte.

»Die wissen wohl nicht, wen sie vor sich haben!«, schimpfte sie.

Wir kamen jetzt schon ziemlich dicht heran. Cargodrohnen und die kleinen Scooter der Bauingenieure kurvten im Raum über der kilometerlangen Großbaustelle herum.

»Sondergenehmigung erteilt«, sagte ich müde, um dem Firlefanz ein Ende zu bereiten.

»Sir?« Das Tloxi-Kontinuum schien verblüfft. Nun, auch das musste man erst einmal hinbekommen. »Sind Sie dazu autorisiert?«

»Hier spricht Frank Norton«, sagte ich. »Kommandant der MARQUIS DE LAPLACE im militärischen Rang eines Commodore, derzeit ranghöchster Offizier in diesem Gebiet …«

»Noch nicht«, kicherte Jennifer leise vor sich hin.

»… und ich erteile mir hiermit selbst die Sondergenehmigung, den Bauplatz zu besichtigen!«

Obwohl ich nicht daran glaubte, dass sich das telepathische Medium der Tloxi auf uns übertragen konnte, meinte ich in diesem Augenblick, so etwas wie ein tausendfaches Innehalten zu spüren. Tausende metallene Hände verhielten für einen Moment in ihrer rastlosen Tätigkeit. Tausende grün schimmernde Augenpaare richteten sich synchron nach jenem kleinen Lichtpunkt aus, der auf die gewaltigen Stahlskelette herabschwebte.

»Entschuldigen Sie, Sir«, surrte es unpersönlich aus der Automatik. »Wir wussten nicht, dass …«

»Ich war noch nicht fertig«, donnerte ich, jetzt im Kasernenhofton. »Pilotin dieses Fluges ist Jennifer Ash, Kommandantin im Rang eines Commodore, die die MARQUIS DE LAPLACE II nach ihrer Fertigstellung als Oberbefehlshaberin übernehmen wird!«

Ein Mensch hätte jetzt eine Niederlage herunterzuschlucken gehabt. Seine Antwort hätte einen Unterton gehabt, sei es einen beleidigten, sei es einen speichelleckerischen. Bei den Tloxi konnte davon nicht die Rede sein.

»Es ist uns eine Ehre«, fuhr das Kontinuum unbeeindruckt fort, »Sie auf der Baustelle begrüßen zu dürfen.«

Das Geschmeicheltsein klang ebenso wenig überzeugend wie zuvor die einschüchternd gedachte Strenge. Für einen Augenblick blitzte die Überlegung durch meinen Schädel, was geschehen wäre, wenn wir uns nicht ausgewiesen hätten. Hätten sie uns abgeschossen? Meines Wissens war das hier Hoheitsgebiet der Union, die als Bauherr beider Schiffe auftrat. Die Tloxi waren lediglich die ausführenden Techniker. Dennoch schienen sie sich als die legitimen Eigentümer anzusehen.

»Bitte gehen Sie längsseits und warten Sie, bis wir Ihnen einen Landeplatz zugewiesen haben. Welcher Bereich interessiert Sie besonders?«

Ich tauschte mit Jennifer, die ihren Sessel herumgeschwenkt hatte, einen fragenden Blick. Aber sie schüttelte nur den Kopf und hob dabei das linke Handgelenk, an dem ihre kleine Sternenuhr prangte.

»Vielen Dank«, sagte ich. »Wir wollen uns nur einen Überblick verschaffen. Geben Sie uns Koordinaten für einen Überflugkorridor.«

»Erfolgt«, schnarrte das Kontinuum im selben Sekundenbruchteil.

Jennifer drückte in gespielter Anerkennung die Unterlippe vor.

»Vielen Dank«, sagte ich noch einmal. Und dann rang ich mir noch folgenden Satz ab: »Sie leisten großartige Arbeit. Die Union ist sehr stolz auf Sie!«

Auch diesmal ließ die Antwort nicht lange auf sich warten.

»Wir sind sehr stolz, Sie beide in unserem Bereich empfangen zu dürfen. Genießen Sie Ihren Flug!«

Ein Summen der Automatik zeigte an, dass die Übertragung unterbrochen war.

Dieser Austausch von Höflichkeiten, dachte ich, hat etwas Asiatisches. Verlassen kann man sich auf derartige Sympathien nicht. Ich erinnerte mich daran, was mir gestern Abend durch den Kopf gegangen war, als wir uns über die Tloxi unterhalten hatten. Sie haben schon einmal gemeutert und mitten in der Schlacht die Fronten gewechselt. Wer sagte uns, dass die Loyalität uns gegenüber dauerhafter war?

Jennifer hatte die Steuerung an die Automatik übergeben, die den Koordinaten folgte, die vom Tloxi-Kontinuum bereitgestellt worden waren.

Die ENTHYMESIS schlug einen Haken und beschrieb eine weit ausholende Schleife. Dann bogen wir, vom Bug her kommend, in die Längsachse der MARQUIS DE LAPLACE II ein. Bei gedrosseltem Tempo – langsam genug, dass wir uns alles ansehen konnten, aber auch zügig genug, dass man uns bald wieder los sein würde – glitten wir über den Torso des neuen Schiffes dahin. Jennifer war aufgestanden und an die große Panoramafront herangetreten. Außerdem hatte sie alle verfügbaren Außenkameras und Scanner der ENTHYMESIS auf ihr neues Mutterschiff ausgerichtet. Ich sah vor mir, wie sie in den kommenden Wochen, wenn wir an diesem langweiligen Kongress herumhingen, die Aufzeichnungen studierte und die Tage zählte, bis sie das herrliche Schiff endlich würde übernehmen können.

Die Steuerungseinheiten in der elegant ausgezogenen Schnauze waren fertig, ebenso die großen Serviceeinrichtungen in den Segmenten II bis IV. Die Wohn- und Schlafmodule, die Gewächshäuser und Proteinfabriken. Die Werkstätten und die Recyclingstationen. Die Vergnügungsdecks und die verschiedenen Außenstellen der Planetarischen Abteilung, die über das ganze Schiff verteilt waren. Das Kleine Drohnendeck war noch halb offen. Man ahnte die kilometerlange Halle, in der einmal Shuttles, Drohnen und geflügelte Tloxi ein und aus gehen, gewartet und betankt werden und sich erneut durch die knisternden Kraftfelder, die die Atmosphäre im Inneren des Schiffes hielten, in den Raum hinauskatapultieren würden. Jenseits der großen Kupplung, die einmal zu Segment V führen würde, gähnte noch die Leere. Lediglich einige Gerüste zeichneten die einstigen Umrisse dessen, was hier entstehen würde, in den Raum. Und etliche Kilometer entfernt blitzten die Schweißarbeiten des Reaktorblocks, der weitgehend fertiggestellt zu sein schien. Von beiden Seiten arbeiteten die Montagetrupps sich aufeinander zu und schufen dabei den Rumpf eines gewaltigen Schiffes, das in nicht allzu ferner Zukunft Jennifers Kommando unterstehen würde.

Die drei gewaltigen Dorne des Haupttriebwerks glitten unter uns hindurch – jeder einzelne um ein Vielfaches größer als die ENTHYMESIS – und sanken nach achtern ab. Wir schwebten in den freien Raum hinaus. Ein Klicken der Automatik verkündete, dass die Tloxi-Steuerung offline gegangen war und dass der Explorer auf neue Kursvorgaben wartete. Es wurde ganz still auf der kleinen Brücke.

Jennifer stand noch immer an der Scheibe und starrte hinaus, obwohl dort außer einigen Servicedrohnen nichts mehr zu sehen war. Ich sah ihr Profil, das hager und asketisch wirkte. Ihr Hals und ihre Wangen hatten etwas Ausgemergeltes, von dem ich mir nicht einzureden vermochte, dass es ausschließlich an der neuen Frisur lag. Ihr Blick war düster und in sich gekehrt. Plagten sie irgendwelche Vorahnungen?

Ein Thema, das wir bei den Vorbesprechungen – im offiziellen wie auch im privaten Rahmen – stets umgangen hatten, war die Tatsache, dass wir langen Zeiten der Trennung entgegensahen, wenn jeder sein eigenes Kommando hatte. Den Oberbefehl über ein Schiff der III. Generation, über eine MARQUIS DE LAPLACE – die bislang immer nur im Singular und mit dem bestimmten Artikel existiert hatte –, ließ man sich nicht entgehen. Ein solches Angebot auszuschlagen, war etwas, was nicht zur Diskussion stand. Und nun waren wir in der komfortablen und ein wenig peinlichen Situation, dass wir beide vor der Erfüllung unserer Wünsche standen, beide den Traum eines jeden Mitgliedes der fliegenden Crew wahr machen konnten. Nur konnten wir es nicht gemeinsam. Dass einer von uns beiden zurückzog und sich als Subkommandeur dem anderen unterstellte, war undenkbar. Allein schon, weil der jeweils andere es ihm nicht gestattet hätte. Ein Leben lang hatten wir auf dieses Ziel hingearbeitet. Jahrzehnte der interstellaren Exploration hatten in letzter Konsequenz diesem Zweck gedient. Einen furchtbaren Krieg hatten wir dafür durchgefochten. Nun konnten wir uns nicht durchgehen lassen, vor dem letzten Schritt zurückzuschrecken. Dass wir beide in diesen höchsten Genuss kommen würden, der einem Offizier der Union vorstellbar war, hatten wir uns selbst noch vor wenigen Jahren nicht träumen lassen. Als die Pläne zum Bau der beiden Schwesterschiffe aufkamen, hatten wir uns kaum dafür interessiert. Unser Schiff war die MARQUIS DE LAPLACE, dieMARQUIS DE LAPLACE. Und als die ersten Gerüchte über einen bevorstehenden Kommandeurswechsel die Runde machten, hatten wir uns angesprochen gefühlt, aber jeder hatte den anderen für den Favoriten gehalten.

Dass ich auf der Karriereleiter stets eine Sprosse über Jennifer gestanden hatte, war schlicht und ergreifend der Tatsache geschuldet, dass ich ein paar Jahre älter war als sie. Ich war schon auf der Akademie mit einem gewissen Vorsprung ins Rennen gegangen, und dabei war es während all der Jahre geblieben. Durchgefochten hatten wir immer alles gemeinsam. Und dass sie die beste Pilotin war, die die Union jemals in ihren Reihen gesehen hatte, wurde von niemandem bestritten. Wenn ein Platz zu vergeben gewesen wäre, hätte er ihr zugestanden. Aber nun waren es zwei. Sogar drei. Aber wer einmal den Oberbefehl über die MARQUIS DE LAPLACE III führen würde, stand noch in den Sternen.

Auch der Termin, zu dem wir unterwegs waren, war geheim. Die Vorgänge hier draußen hatten uns nicht interessiert. Erst als jene ominöse Nachricht Dr. Rogers’ eingetroffen war, hatte sich alles geändert.

»Erwarte euch im Neptunhimmel«, hatte er in altertümelndem Telegrammstil gefunkt. Und vage Andeutungen hatten sich angeschlossen, die unsere kühnsten Hoffnungen übertrafen. Jetzt waren wir hier. Ein Gutes hatte der bevorstehende Kongress. Wir würden für die Dauer der Verhandlungen noch zusammenbleiben können.

Jennifer kehrte an den Hauptbedienplatz zurück und nahm ihre Konsole wieder in Besitz.

»Kurs aufs Mutterschiff«, befahl sie der Automatik.

Dann schossen wir, während sich unter uns die blaugrünen Methanwolken der Neptunatmosphäre drehten, in den Raum hinaus. Wieder dauerte es nur ein paar Augenblicke, bis erneut die Bremsraketen ansprachen und unseren Flug verzögerten. Und in diesem Moment war es wie Heimkommen: Vor uns lag das größte Schiff der Menschheit, das Flaggschiff der Union, der gebeutelte Veteran der Schlachten von Persephone und Sina, vor uns lag die MARQUIS DE LAPLACE.

Wir gingen längsseits und reihten uns in den Parkraum ein, wo auch schon die drei anderen ENTHYMESIS-Explorer und einige andere große Shuttles und Lambdadrohnen schwebten. Man musste das Große Drohnendeck vollständig ausgeräumt und leer gefegt haben. Ich spürte, wie mir mulmig wurde. In diesem Augenblick hätte ich doch lieber ein richtiges Frühstück im Magen gehabt statt des fahlen Maschinenkaffees, der mir schon jetzt wässrig aufstieß.

Mit dem Shuttleüberwanden wir den halben Kilometer. Dann schwebten wir aufs große Drohnendeck der MARQUIS DE LAPLACE ein. Meine schlimmsten Befürchtungen wurden übertroffen. An der Stirnseite der anderthalb Kilometer langen Halle hatte man eine wuchtige Tribüne aufgebaut, auf der die Honoratioren beider Stäbe und einige Abgesandte der irdischen Stellen Hof hielten. Das Parkett, auf dem für gewöhnlich Triebwerke getestet und Drohnen gewartet wurden, bevölkerten die zehntausend Mitarbeiter, die Kameraden von der fliegenden Crew und die Kollegen der planetarischen Abteilung, die Einwohner der kleinstadtstarken Gemeinde, die die MARQUIS DE LAPLACE war.

Eine Abordnung der Tloxi, nach unseren Begriffen ein halbes Bataillon, stand regungslos Spalier.

Und in einer kleinen Loge, am Rande des Geschehens, erkannte ich Commodore Wiszewsky, den früheren Kommandanten der MARQUIS DE LAPLACE, der mehrere Jahrzehnte der interstellaren Exploration von seinem spartanischen Appartement direkt über der Brücke aus geleitet und den kleinen Staat aus Piloten und Wissenschaftlern wie ein Duodezfürst regiert hatte. Nach der Schlacht von Sina war er demissioniert. Er hatte jedoch darum gebeten, weiterhin an Bord des Schiffes wohnen und es auf seinen zukünftigen Flügen begleiten zu dürfen. Dieser Bitte hatte man gerne entsprochen, zumal er auf der Erde keinerlei Angehörigen mehr hatte und seine ewige Mätresse, die Weißrussin Svetlana Komarowa, nichts dagegen einzuwenden gehabt hatte, auch weiterhin an seiner Seite zu bleiben.

Als wir aus dem Shuttle stiegen, brandete Applaus auf. Eine Blaskapelle spielte die Hymne der Union. Ein paar Ordonnanzen nahmen uns in Empfang und geleiteten uns auf die Tribüne. Dort schüttelten wir eine Viertelstunde lang Hände. Schließlich konnten wir Platz nehmen. Der Festakt konnte beginnen. Abgesandte der Union und der irdischen Stellen hielten Grußworte.

Unter anderem sprach auch Gordon Kauffmann, der ehemalige Referent Seiner Eminenz des Kanzlers der Zivilregierung, der uns die persönlichen Grüße Cole Johnsons übermittelte. Er selbst, Kauffmann, wechselte als Attaché der Zivilregierung zur Union. Er würde uns also auf der MARQUIS DE LAPLACE erhalten bleiben und auch die Passage ins Horus-System mitmachen. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Johnson ihn mit dieser Aufgabe betraut hatte, um ihn los zu sein; er hatte ihn weggelobt. Allzu unverhohlen hatte Kauffmann sich während der sinesischen Krise seinen eigenen Ambitionen gewidmet und sich als potenzieller Nachfolger des Kanzlers ins Gespräch gebracht. Der hatte sich seiner jetzt auf ebenso probate wie elegante Weise entledigt.

Dann kletterte General Rogers ans Rednerpult. Er hielt eine lange pathetische Ansprache, die unseren gesamten Werdegang rekapitulierte und der ich kaum mit einem halben Ohr folgte. Die gemeinsame Zeit auf der Akademie, die Anfänge der interstellaren Exploration, die Konflikte mit den Sinesern, die Verlegung der MARQUIS DE LAPLACE in den extragalaktischen Raum der sternarmen Korridore, unsere Kolonisierung der Eschata-Region, unsere Entdeckung der Dunklen Materie und unsere Verschleppung durch das rätselhafte Museumsschiff direkt in die Höhle des Löwen, nach Sina City, unsere Flucht und unsere wundersame Rückkehr zur Erde, schließlich die Aufstellung der neuen Flotte und die Schlacht um Sina, die mit der totalen Auslöschung dieser aggressiven Zivilisation geendet hatte.

Die ganze Zeit sah ich diagonal über den riesigen Raum und die lauschende Menschenmenge hinweg zu einer zweiten, sehr viel kleineren Tribüne, die man vor einer der Seitenwände aufgeschlagen hatte. Dort wurde, als wäre es ein Ausstellungsstück auf einer Raumfahrtmesse, unser Shuttle präsentiert, das sinesische Shuttle, in dem wir aus Sina City geflohen waren und einmal die Reise um die Welt gemacht hatten. Wir hatten den Radianten des Universums darin ausgemessen. Und da stand es nun, in seiner geduckten, sonderbar gedrungenen Form, die an eine Insektenlarve erinnerte, die kurzen Stummelflügel eng an den stromlinienförmigen Rumpf gepresst, der hinten im charakteristischen stumpfen Dorn des Warptriebwerks auslief. Es war kaum größer als ein Mannschaftsbus. Seine Außenhaut aus KI-gesteuerten Polymeren schimmerte graugrün im Schein der Festbeleuchtung.

Jennifer war meinem Blick gefolgt. Dann war ihr Auge ebenfalls lange mit warmem Glanz auf dem Shuttle gelegen. Unter dem Tisch berührte sie meine Hand.

Dann sah ich wieder zu der kleinen Loge hinüber, auf der Wiszewsky in einem Thron aus rotem Samt saß und nach Art alter Leute mit dem Kopf nickte: Man wusste nicht, stimmte er dem Gesagten aus eigener leidvoller Lebenserfahrung zu – oder konnte er ganz einfach den greisen Schädel nicht mehr ruhig halten. Die Komarowa hockte auf einem Schemel neben ihm. Ab und zu wischte sie mit einem Lätzchen seine Mundwinkel. Der Alte schien ein wenig zu sabbern. Als sie bemerkte, dass wir zu ihr hinübersahen, winkte sie affektiert, wobei sie das Lätzchen als Fahne verwendete, die sie affig schwenkte. Jennifer, die sie seit Jahrzehnten hasste, wandte sich ab. Ich grüßte sie so distinguiert, wie es mir möglich war.

Es schallten Fanfaren, wir mussten nach vorne, zu Rogers’ Rednerpult. Er schüttelte uns unter dem brandenden Beifall der Zehntausend die Hände, schloss uns in die Arme, klopfte uns auf die Schultern, brüllte uns launige Bemerkungen ins Ohr, die wir bei dem Lärm sowieso nicht verstanden; vermutlich war es besser so. Dann brachte er unsere neuen Schulterstücke an, überreichte uns die Ernennungsurkunden und führte uns offiziell in unsere neuen Ämter ein. Mir wurde die MARQUIS DE LAPLACE unterstellt, Jennifer wurde Erste Offizierin und bekam den Oberbefehl über die ENTHYMESIS-Flotte. Sowie die MARQUIS DE LAPLACE II fertiggestellt sein würde, würde sie als Kommandantin auf die dortige Brücke wechseln. Wir wurden beide in den militärischen Rang von Commodores befördert.

Stundenlanges Händeschütteln schloss sich an. Und dann schob sich Laertes’ weißer Haarschopf durch die Menge. Der selbst ernannte Chefideologe zeigte sich heiter wie eh und je. An ihm schienen die Jahre und die dramatischen Ereignisse spurlos vorbeigegangen zu sein. Schon vor Jahrzehnten hatte er als graue Eminenz das riesige Schiff durchstreift, wo es sein konnte, dass er auf seinen philosophischen Spaziergängen für Tage oder Wochen verschwunden blieb. Dann kam er unvermittelt auf die Brücke und verwickelte einen in ein Fachgespräch über die Ontologie oder das Sphärenproblem, mit dem er sich während der letzten Zeit beschäftigt hatte. Besonders mit Jennifer unterhielt er sich gerne über die metaphysischen Aspekte der Prana-Bindu-Trance oder über scholastische Begriffsdefinitionen. Und so tauchte er auch jetzt ganz plötzlich auf und drückte uns die Hände, wobei sein würdevolles Haupt sich zu einem spitzbübischen Zwinkern neigte.

Endlich wurde das Festbankett eröffnet, auf dem ich meinen knurrenden Magen besänftigen konnte. Schließlich Tanz und Feier, die sich über den gesamten Riesenstahlleib der MARQUIS DE LAPLACE ausbreiteten und bis in die Morgenstunden dauerten. Wie es bei solchen Anlässen zu gehen pflegt, hätten wir uns am liebsten mit unseren alten Freunden von der fliegenden Crew unterhalten, wurden aber hauptsächlich bei den Honoratioren weitergereicht. Wir begrüßten den Hohen Rat Xanda Salana, einen schöngeistigen, aber harmlosen Berufspolitiker, der mit Rogers den Kongress zu leiten haben würde, der aber eher ein Weinkenner und Kunstliebhaber als ein ernst zu nehmender Verhandlungsführer war. Zu seiner Entourage gehörte Staatssekretär Dr. Moran Flitebuca, dessen Haarschopf wirr um seinen länglichen Schädel hing. Er galt als Drahtzieher auf dem jungen Feld der interstellaren Politik und stand im Ruf, ein ausgebuffter Profi zu sein. Außerdem der gelbhäutige Kommissar Jorn Rankveil, ein völlig undurchschaubares Individuum. Sie alle redeten endlos auf uns ein. Ich verstand kein einziges Wort. Ab und zu boxte Jennifer mich in die Seite. Dann hatte ich wohl wieder mit allzu offenbarem Desinteresse in die Luft geschaut.

Irgendwann fanden wir uns in unserer Kabine wieder, in der wir während der gemeinsamen Flüge manches Jahr verbracht hatten.

Wieder standen wir vor dem Fenster, dem kleinen Bullauge aus polarisierendem Elastalglas. Noch trugen wir die Uniformen, die durchgeschwitzt und ramponiert waren. Der Wäscheservice würde sich daran beweisen können. Wir hielten schlanke Kelche in der Hand, in denen echter Champagner perlte. Nachdem wir die dröhnenden Ohren und die schmerzenden Augen im Anblick des schweigenden Neptun gekühlt hatten, wandten wir uns einander zu und stießen klingend an.

»Gratuliere«, sagte Jennifer sanft. »Herr Commodore!«

»Gratuliere«, gab ich zurück. »Frau Commodore.«

Wir tranken einen Schluck.

»Wie soll ich dich nennen?«, fragte ich. »Commodora, Commodorin, Mrs. Commodore?«

Sie ließ ihren Kelch sich klirrend an dem meinen reiben, und ihr Mezzosopran vertiefte seine dunkle Färbung um einige Nuancen.

»Sag einfach Darling«, gurrte sie.

Sie leerte ihren Kelch und warf ihn in die offen stehende Lade unseres Serviceschranks. Dann begann sie, meine Uniformjacke aufzuknöpfen.

»Was hast du heute Morgen gedacht?«, fragte sie.

Ich wusste nicht, was sie meinte.

»Als du meine neue Haartracht zur Kenntnis nahmst. Da wurde dein Blick für einen Moment ganz leer, als maltest du dir etwas aus.«

Ich besann mich auf die appetitliche Vorstellung, die mich da überkommen hatte. Genüsslich trank ich mein Glas aus und folgte ihrem Beispiel. Dann machte ich mir an ihrer Uniform zu schaffen.

»Dieses verklärte Grinsen«, gluckste sie. »Genau wie jetzt!«

Ich sagte es ihr.

»Sooo«, säuselte sie lang gezogen.

Sie stieß mich zurück und hielt mich mit vorgestreckter Hand auf Distanz. Dann schlüpfte sie aus den Schuhen und legte Stück für Stück die Uniform ab. Als sie nackt war, kroch sie aufs Bett und rekelte sich dort auf allen vieren. Sie machte einen Buckel und fauchte wie ein böses Kätzchen. Dann drehte sie die Hüfte heraus, machte ein Hohlkreuz und zog den Kopf zwischen die Schultern. Ich ließ die flache Hand an ihrer Wirbelsäule nach oben wandern, bis ich sie um ihren glatt rasierten Nacken schließen konnten.

»Ich glaube«, sagte ich, »ich werde mich daran gewöhnen.«

Die nächsten Wochen vergingen mit der Inbetriebnahme der generalüberholten MARQUIS DE LAPLACE. Das Schiff war abgespeckt und verschlankt worden. Altertümliche Technologie, vor allem im Bereich des Reaktorblocks, war entrümpelt worden. Stattdessen hatten es die Tloxi an nichts fehlen lassen, um das gute alte Flaggschiff der Union mit allem auszurüsten, was bei ihnen State of the Art war. Steuerung und Kommunikationseinrichtung, Antrieb und wissenschaftliche Ausstattung – alles war umgekrempelt, ausgetauscht und aktualisiert worden. Im Grunde war es ein neues Schiff; es würde ein zweiter Jungfernflug sein, zu dem aufzubrechen wir kaum erwarten konnten. Umso bedauerlicher war es, dass der Marschbefehl nur einer politischen Mission galt, jenem obsoleten Kongress, den man im Horus-System einberufen hatte und zu dem wir unsere Delegation als imposanter Begleitschutz und repräsentative Eskorte zu chauffieren hatten.

Die Jahre der Diaspora, die Zerlegung im Zuge der Kolonisation, das Schlachtgeschehen und die Umrüstung waren nicht spurlos an dem Schiff vorbeigegangen. Der Raumer wirkte – trotz neuer Elastalstahlpolituren und KI-aktiver Tloxi-Abschirmungen –angestaubt und zusammengeflickt. Ab und zu, wenn unsere Dienstpläne es uns erlaubten, nutzten Jennifer und ich die Gelegenheit, in einem Shuttle zu den Baustellen der Schwesterschiffe hinüberzufliegen. Und ich konnte mich dann eines Anfalls von Neid kaum erwehren, wenn wir von der silberblitzenden und noch eleganteren MARQUIS DE LAPLACE II