Toskanische Täuschung - Belinda Vogt - E-Book

Toskanische Täuschung E-Book

Belinda Vogt

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Beschreibung

Bizzare Morde vor idyllischer Kulisse – ein packender Krimi zwischen Wahn und Wirklichkeit. Ein Aufschrei geht durch das malerische Arezzo: Museumsdirektor Margoni wird tot aufgefunden – makaber inszeniert zu Füßen der etruskischen Chimärenstatue, mythisches Fabelwesen und Wahrzeichen der Stadt. Die Spur führt Commissario Roberto Fabbri in eine Klinik für Schlaftherapie, in der die deutsche Psychologin Pia Michaelis ihre Patienten mit Klarträumen behandelt. Sind diese bewussten Träume schuld an Margonis Tod? Als ein weiterer Patient des Schlaflabors gewaltsam ums Leben kommt, beginnt eine fieberhafte Jagd – und mit einem Mal ist Fabbri in seinem ganz persönlichen Alptraum gefangen.

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Seitenzahl: 428

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Belinda Vogt studierte Publizistik und Psychologie in Mainz und begann als Drehbuchautorin und Regisseurin für Industrie- und Imagefilme. Danach arbeitete sie lange Jahre als Redakteurin beim Fernsehen. Mittlerweile widmet sie sich ausschließlich dem Schreiben von Krimis und Kurzgeschichten und gibt Anthologien heraus. Belinda Vogt lebt mit ihrer Familie in Wiesbaden.

www.belinda-vogt.de

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

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© 2019 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: iStockphoto.com/cirano83

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer

Umsetzung: Tobias Doetsch

Lektorat: Susann Säuberlich, Neubiberg

eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-455-1

Originalausgabe

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Denn es sind, wie man sagt,zwei Pforten der nichtigen Träume:Eine von Elfenbein,die andre von Horne gebauet.Welche nun aus der Pfortevon Elfenbeine herausgehn,Diese täuschen den Geist durchlügenhafte Verkündung;Andere, die aus der Pfortevon glattem Horne hervorgehn,Deuten Wirklichkeit an, wenn sieden Menschen erscheinen.

Homer, »Odyssee«, 19. Gesang, 562–567,Übersetzung von Johann Heinrich Voß

Welche Chimäre ist doch der Mensch!Welch Unerhörtes, welch Ungeheuer,welch Chaos, welch widersprüchliches Wesen,welch Wunder!

Blaise Pascal (1623–1662),französischer Religionsphilosophund Naturwissenschaftler

Prolog

Arezzo, 15. November 1553

Am Vormittag waren erste Schneeflocken wie zarter Flaum zu Boden gesegelt, aus einem Himmel, der so grau war, dass man den Morgen nicht vom Abend unterscheiden konnte. Mittlerweile fiel Regen über die Baustelle an der Porta San Lorentino, wo Arbeiter einen tiefen Graben entlang der alten Stadtmauer von Arezzo aushoben und sich durch die nasse, kalte Erde pflügten.

Das brüchige Bauwerk sollte repariert und befestigt werden, um die Nordflanke der Stadt besser vor französischen Söldnertruppen und marodierenden Banden zu schützen, die durch die Toskana streiften. Auf dem freien Feld vor der Befestigung standen Hebekräne, Transportkarren und Seilzüge, Bottiche für den Mörtel und Holzbalken für das Gerüst. Aus den niedrigen Hütten klangen die Eisen der Steinmetze, die den Granit aus dem Steinbruch im nahe gelegenen Val di Chiana behauten. Frauen aus der Stadt rührten über offenen Feuerstellen in Suppentöpfen oder versorgten die Handwerker mit Brot und einem kräftigen Schluck Chianti gegen die Kälte.

Der köstliche Duft der deftigen Speisen wehte zu Carlo Ubertini herüber, dem erfahrenen Baumeister und Freund des ruhmreichen Architekten Giorgio Vasari. Während er in seinem Unterstand über dem Plan für die Instandsetzung brütete, unterdrückte er den aufkeimenden Hunger und die Kälte, die ihm unter den Umhang kroch. Gedankenverloren beobachtete er die trägen Regentropfen an der Wachstuchplane. Der Winter kam früh in diesem Jahr, die Tage wurden kürzer, und das schlechte Wetter machte allen zu schaffen. Doch einen Auftrag der Medici lehnte man nicht ab.

Seufzend wandte sich Ubertini wieder seinen Unterlagen zu. Er plante, die jahrhundertealte Mauer aus Backsteinen mit einer Natursteinmauer auf das Doppelte zu verstärken. Das war nicht nur wehrhafter, sondern sah auch schöner aus. Er hoffte, bis Weihnachten mit den Baumaßnahmen fertig zu sein, deshalb mussten die Arbeiten schnell und effektiv vorangehen, bevor ein weiterer Temperatursturz den Boden gefrieren ließ oder der Regen die Baustelle in eine Schlammwüste verwandelte.

Wenigstens das Fundament mussten sie in den nächsten Tagen setzen. Ubertini überlegte, mehr Männer zu verpflichten und die Arbeitszeit bis in die Nacht zu verlängern, beleuchtet von Fackeln, die er noch heute zu besorgen gedachte. Dann könnten sie vorankommen, falls ihnen der Regen keinen Strich durch die Rechnung machte.

Der Auftrag hatte ihn zurück in seine Heimatstadt geführt, doch wie war er erschrocken, als er durch die Straßen gewandert war. Die ehemals stolzen Patriziervillen waren verrottet und verfallen, die Dächer löchrig, die Holztüren morsch und verfault. Die Menschen liefen herum wie Bettler, selbst angesehene Kaufleute begrüßten ihn in schäbigen Roben. Die Stadt ging vor die Hunde, das war offensichtlich. Cosimos Steuern zwangen das edle Arezzo in die Knie, Geld, das der Herzog von Florenz für seine ständigen Eroberungszüge brauchte. Wenn sich das bitterarme Volk erhob, steckte er noch mehr Geld in seine Truppen, um die Aufstände niederzuschlagen, und die Menschen hungerten weiter. Ein Teufelskreis. Da war es geradezu ein Wunder gewesen, dass die Ratsherren der Stadt überhaupt die Mittel für das Bauvorhaben zusammengekratzt hatten, aber sie konnten es sich nicht erlauben, zusätzlich von Landsknechten ausgeraubt zu werden. Dafür sorgten schon Cosimos Steuereintreiber.

Gegen zwei Uhr am Mittag trat einer der Vorarbeiter unter das Zeltdach und berichtete von einem Widerstand, auf den die Männer beim Graben gestoßen waren.

Ubertini fühlte Unmut in sich aufsteigen. Was konnte das nun wieder bedeuten? Ein unterirdischer Felsblock? Ein solches Hindernis würde die Arbeiten vorläufig zum Erliegen bringen, im schlimmsten Fall müsste er die Verstärkung der Mauer anders konstruieren und den Graben neu ziehen lassen. Nicht auszudenken!

Unwillig setzte er sein Barett auf und folgte dem Mann zu der Stelle, an der die anderen Arbeiter bereits untätig an ihren Spaten lehnten. Einer der Männer stach in die Erde, um zu zeigen, wie das Blatt seiner Schaufel nach wenigen Zentimetern von etwas Festem blockiert wurde. Da und dort stocherte er im Boden herum und erzeugte ein schauderhaft kratzendes Geräusch.

Ubertini hob die Hand, um den Mann zu stoppen, dann ließ er sich selbst eine Schippe geben und stieg hinunter in den Graben. Der Arbeiter, ein junger Mann, der trotz der Kälte nur kurze, dünne Hosen trug und barfuß im Matsch stand, trat gehorsam zur Seite.

Die Leute besitzen hier wirklich nichts, dachte Ubertini, eine Schande ist das.

Zunächst schabte er mit dem Werkzeug, dann mit bloßen Händen die Erde von dem merkwürdigen Hindernis und legte ein Stück frei. Zum Vorschein kam eine Rundung aus Metall. Er hielt sie zunächst für die Ausbuchtung einer römischen Vase oder Bronzestatue, etwas, das häufig im Boden lag, wenn jemand mit einem Spaten in die Erde stach. Er gab den Befehl, den Gegenstand mit größter Sorgfalt zu bergen, und kletterte wieder nach oben, wo er vom Rand des Grabens aus jeden Handgriff kommentierte und gespannt darauf wartete, was der Boden enthüllte. Als die Männer tiefer vorstoßen mussten, um das Ding freizulegen, wusste Ubertini, dass sie auf etwas wirklich Großes gestoßen waren.

Nach und nach gab die Erde einen metallenen Körper frei, auf der Seite liegend, aber es war unmöglich, den Fund aus dem Boden zu heben, so sehr war er mit der Erde verschmolzen. Erst als die Arbeiter unter Ächzen und Stöhnen mit vereinten Kräften zulangten, kam ein Kunstwerk zum Vorschein, wie Ubertini es noch nie gesehen hatte.

Im fahlen Licht des trüben Nachmittags stand die Bronzefigur eines Löwen vor ihm, mit aufgestellter Mähne, riesigen Tatzen und aufgerissenem Maul. Trotz der Erdkruste und der Patina wirkte das Tier so lebensecht, als brauche es nur den Schmutz abzuschütteln, bevor es sich mit Gebrüll auf die Umstehenden stürzte. Instinktiv traten alle einen Schritt zurück.

Doch da war noch etwas anderes, Unheimliches.

Als im Regen weitere Erdbrocken herabfielen, sah Ubertini erschrocken den Ziegenkopf, der aus dem Rücken des Tieres wuchs. Das Zeichen des Teufels.

Bei diesem Anblick fielen die Männer auf die Knie und bekreuzigten sich heftig, riefen nach dem Beistand der Muttergottes und nach allen Heiligen zum Schutz vor dieser Ausgeburt der Hölle. Das Zwitterwesen starrte sie aus leeren Augenhöhlen an, als sei es einer düsteren Legende entsprungen. Auch Ubertini selbst hatte Mühe, sich zu fassen und die Männer mit ein paar Worten zu beruhigen.

Schnell ließ er den Fund in den Unterstand bringen und befahl, sorgfältig an der Stelle zu graben, um nach weiteren Überresten zu suchen, vor allem nach dem Schwanz, der diesem merkwürdigen Löwen offensichtlich fehlte.

Dann bat er sich Ruhe aus, umrundete die Figur, wischte dabei den restlichen Dreck ab und betrachtete sie von allen Seiten. Er klopfte gegen das Metall und stellte fest, dass die Statue hohl war. Ubertini war sich ziemlich sicher, dass sie aus einer etruskischen Werkstatt stammte, in der sie aus Bronze gegossen worden war. Nicht der erste Fund etruskischer Handwerkskunst, aber bei Weitem der atemberaubendste. Die Größe, die Ausarbeitung und die Lebendigkeit des Geschöpfs waren einzigartig, er war geradezu betäubt von der dunklen Aura des Kunstwerks.

Die Bestie befand sich in einem Kampf auf Leben und Tod. Wie ein in die Enge getriebenes Raubtier streckte sie ihre Vorderläufe von sich und reckte dem Angreifer wütend das Haupt entgegen. Doch es war ein Moment des letzten Aufbäumens, die Kreatur schien einen letzten Schrei auszustoßen, bevor ein tödlicher Stoß sie endgültig vernichtete. Der Ziegenkopf hing ebenfalls sterbend zur Seite geneigt, die Augen geschlossen, die langen Hörner gesenkt.

In diesem Moment ahnte Ubertini, was für ein Wesen er vor sich hatte. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Arbeiter den Schwanz in Form einer Schlange finden würden. Dann wäre die Figur komplett.

Mit ehrfürchtigem Staunen betrachtete er die Chimäre, das schrecklichste Ungeheuer der antiken Welt. Er hatte die Kreuzung aus Löwe, Ziege und Schlange als Kind auf einer griechischen Schale gesehen. Die Abbildung hatte ihn zugleich fasziniert und geängstigt. Daraufhin hatte ihm sein Vater die Geschichte von der unbezwingbaren Chimäre erzählt, der feuerspeienden Bestie, die die Menschen verschlang, bis der Held Bellerophon sie vernichtete. Die alte Sage hatte sich ihm tief eingeprägt. Was für ein grandioser Fund! Ein in Bronze gegossenes Höllenmonster!

Ubertini griff zu Papier und Feder und verfasste eine Nachricht an Herzog Cosimo de’ Medici, in der er ihm von der vortrefflichen Entdeckung berichtete. Die Bronzestatue würde das Glanzlicht der Sammlung sein, die der Herzog von Florenz seit Jahren aufbaute, nachdem die Medici bei einem Volksaufstand alles verloren hatten. Cosimo liebte Symbole, die auf die Überlegenheit seines Charakters anspielten, jedes Kunstwerk erhöhte seine eigene Bedeutung. Auch die Chimäre würde weit mehr sein als nur ein Schmuckstück für den Palast. Er würde darin die Bestätigung sehen, Nachfahre der etruskischen Herrscher zu sein, eine Überzeugung, die er schon lange im Herzen trug. Doch ob diese so grausam gewesen waren wie er selbst, wagte Ubertini zu bezweifeln. Es hieß, Cosimo betrachte jedermann mit Verachtung und Misstrauen, ausgenommen seine Gattin, die schöne Eleonora von Toledo, mit der er scherzte und speiste, während auf der Piazza della Signoria die Gehenkten am Galgen baumelten. Gott allein wusste, wann dieser Terror ein Ende hatte!

Umso wichtiger war nun dieser Fund. Ubertini konnte sich fortan darauf berufen, dass er es gewesen war, der dem Herzog dieses bedeutende Relikt verschafft hatte. Seine Überlebensgarantie, sollte auch er eines Tages in Ungnade fallen.

Bis zum nächsten Morgen hatte sich der Fund des Monsters in Arezzo herumgesprochen. Noch bevor der Bote sich mit dem versiegelten Brief auf den Weg nach Florenz machte, standen neugierige Einwohner am Rand der Baustelle. Ängstlich drängten sie sich unter den Torbogen der Porta San Lorentino, um von Weitem einen Blick auf das Ungeheuer zu erhaschen.

Ubertini schickte sie alle nach Hause. Er wusste, wie abergläubisch die Menschen hier waren und wie schnell sich schaurige Gerüchte verbreiteten. Schon machten die Arbeiter einen großen Bogen um das Zelt mit der Statue, wenn sie überhaupt noch auf der Baustelle erschienen. Sie sahen den Fund als böses Omen. Nur ein unerschrockener Zimmermann erklärte sich bereit, eine Transportkiste für die Chimäre anzufertigen.

Das einfache Volk hatte eben nichts als Unsinn im Kopf. Erzählte sich Schauermärchen und uralte Sagen, wie schon früher in seiner Kindheit. Doch die Zeit des Aberglaubens war vorbei, die Wissenschaft erklärte heutzutage die Dinge. Aber das wussten wohl nur die schlauen Leute.

Trotzdem war dem Bauvorhaben von da an kein Glück mehr beschieden. Der Regen wollte nicht aufhören. Die Arbeiter standen im Schlamm und kämpften um jeden Kubikmeter Aushub des wasserdurchtränkten Bodens. Von seinem Unterstand aus sah Ubertini, wie sich ihre Körper rhythmisch im Graben bewegten. Schaufeln, werfen, schaufeln, werfen. Sie kamen trotzdem schlecht voran.

Als dann noch ein junger Arbeiter von einem herabstürzenden Mauerteil erschlagen wurde, musste Ubertini am nächsten Tag einen weiteren Schwund des Personals verzeichnen. Verfluchtes Bauernvolk, das von einem Blutopfer sprach!

Doch auch er fühlte den Sog des Unheils, wenn er in die leeren Augen der Chimäre blickte. Ihn packte die Angst, die neue Stadtmauer nicht rechtzeitig zu Ende zu bringen und in Schmach und Schande vor den Herzog treten zu müssen. Was dann geschehen würde, wagte er sich nicht auszumalen.

Ubertini war deshalb mehr als froh, als sich zwei Tage später das Fuhrwerk in Bewegung setzte, auf dem die Kiste mit der Statue festgezurrt war. Begleitet von Cosimos Leibgarde verließ die Chimäre die Baustelle in Arezzo und machte sich auf den Weg nach Florenz, wo der Herzog sie ungeduldig erwartete.

Wie zum Abschiedsgeläut ertönte in diesem Moment die Glocke von San Donato zur Mittagsstunde. Ubertini lief ein Schauder über den Rücken. Dreimal hintereinander schlug er das Kreuz, genau wie die Arbeiter um ihn herum.

Der Himmel riss auf, als der Tross über die holprige Straße nach Norden rumpelte. Lange noch stand Ubertini inmitten der Baustelle und wartete, bis die Kolonne hinter dem nächsten Hügel verschwunden war. Erst danach war er wirklich erleichtert.

1

Arezzo, heute

Wie eine einzige lange Tafel erstreckten sich die weiß gedeckten Tische über den Corso Italia, die Einkaufsstraße im Herzen der Altstadt. Wo sonst die Einwohner ihre Geschäfte erledigten, herrschte heute fröhliches Treiben unter bunten Girlanden, die sich zur Feier des Tages von Haus zu Haus spannten.

Aus den Bars und Restaurants am Corso flitzten Kellner herbei, um die dicht an dicht sitzenden Gäste mit allem zu bewirten, wonach ihnen gelüstete. Die Tische bogen sich unter Platten mit Bruschetta-Häppchen, Pizzastücken, Trüffelsalami, Pecorino-Käse, Landschinken, Polentawürfeln, Rosmarinbraten und duftendem Pinienkuchen. Je später der Abend wurde, desto schneller wanderten die Flaschen mit Chianti oder Sassicaia durch die Reihen. Jeder schenkte sich und seinen Nachbarn ein, wobei es keine Rolle spielte, ob er die Leute neben sich kannte oder ob es nur Touristen waren, die mitfeiern wollten.

Nicht weit entfernt auf der Piazza Grande spielte eine Band Italo-Pop aus den letzten zwanzig Jahren und feuerte das Publikum mit Gassenhauern an. Über den Platz tönte »Azzurro«, und eine kleine Gruppe sang lauthals mit, andere Zuschauer begnügten sich mit ein paar Tanzschritten, bis sie Freunde entdeckten und ihnen mit erhobenen Weingläsern entgegengingen.

Kinder in Festtagskleidung rasten kreuz und quer durch die Menge, wurden von ihren Müttern gelegentlich gepackt und nach einer kurzen Ermahnung wieder laufen gelassen. Die Jugend hatte es sich auf der Treppe vor der Kirche Santa Maria della Pieve bequem gemacht, stützte sich mit den Ellbogen auf die Stufen, nippte lässig an Bierflaschen und beobachtete entspannt die Szenerie.

Die ganze Stadt feierte »Il Ritorno«, die Rückkehr der Chimäre von Arezzo. Nach fast fünfhundert Jahren war das Wahrzeichen zurückgekehrt, die dreiköpfige Sagengestalt aus Bronze, das bedeutendste Werk etruskischer Kunst.

Direktor Enzo Margoni stand am Fenster seines Büros im Archäologischen Museum von Arezzo und lauschte in die Nacht hinaus. Von der Piazza schallte das Wummern der Bässe zu ihm herüber. Er hörte das Raunen und Lachen der feiernden Menschenmenge.

Die Leute haben Glück mit ihrem Volksfest, überlegte er. Vor allem das Wetter spielt mit.

Zwei Wochen vor Ostern war es normalerweise noch recht kühl in Arezzo, aber heute Abend wehte ein mildes Lüftchen durch die Gassen der Altstadt. Nach dem Regen der vergangenen Nächte stieg von der Grünfläche des Amphitheaters der Duft von feuchtem Gras und Melisse zu ihm auf.

Herrlich, dieser Geruch nach Frische und Frühling! Margoni nahm einen tiefen Atemzug.

Mit dem heutigen Tag hatte sich sein Lebenstraum erfüllt, die Chimäre war an den Ort zurückgekehrt, an den sie gehörte. Es war ihm und dem »Verein der Freunde des Museums« zu verdanken, dass die Bürger von Arezzo das Original zurückbekamen, nachdem sich Cosimo I. die grandiose Statue unter den Nagel gerissen hatte. Manche Leute hatten das dem gierigen Medici-Spross bis heute nicht verziehen.

Margoni lächelte. Hier in Arezzo tickten die Uhren eben anders.

Nach zähen Verhandlungen mit dem staatlichen Kultusministerium und der Provinzregierung hatte das Archäologische Museum in Florenz schließlich einer Dauerleihgabe zugestimmt und die Statue hergegeben. Margonis Traum hatte sich erfüllt. Endlich würde sein kleines Museum an Bedeutung gewinnen und Touristen empfangen, die allein wegen des faszinierenden Fundstücks nach Arezzo kamen und nicht nur wegen der hübschen Fassaden an der Piazza Grande.

Am Vormittag war die Statue in einem gepanzerten Wagen eingetroffen, begleitet von einer Polizeieskorte, bejubelt von Menschen am Straßenrand und fähnchenschwingenden Kindern der unteren Schulklassen. Was für ein Ereignis! Margoni hatte Tränen der Rührung in den Augen gehabt angesichts dieser Begeisterung.

Doch dann mussten der schwere Sockel aus Granit und die Figur aus Bronze in den großen Saal geschafft werden, beides in Kisten verpackt, die fluchende, stöhnende Handwerker nach oben schleppten. Als die Chimäre schließlich wieder auf ihrem Sockel stand, war ein Moment der Stille eingetreten, ein Hauch von Verwunderung über die Merkwürdigkeit dieses seltsamen Objekts.

Nach ihrer feierlichen Enthüllung sollte die Chimäre in einen gesonderten Raum kommen, als Einzelstück mit einem Wachmann in der Ecke. Der würde die Museumsbesucher im Auge behalten und darauf achten, dass keiner die Statue berührte.

In Florenz hatten sie Mühe gehabt, die Leute daran zu hindern, ihre Hände auf die Tatzen zu legen oder die Flanke zu streicheln, so groß war die Versuchung, sie zu berühren. Als ginge etwas Magisches von ihr aus.

Margoni kehrte zu seinem Schreibtisch zurück und sah sich noch einmal den Ablaufplan für den morgigen Festakt an. Zunächst spielte das Streichquartett des Teatro Petrarca ein Stück von Bellini, dann begrüßte Maria Santini, seine engste Mitarbeiterin, die Gäste und sprach ein paar einleitende Worte.

Die gute Maria. Sie hatte die Veranstaltung bis ins Kleinste organisiert, die Musik ausgewählt, das Catering bestellt und sogar ein Fernsehteam des Lokalsenders eingeladen. Liveübertragung in die ganze Provinz, das war wohl mehr als angemessen.

Margoni wurde etwas mulmig, wenn er an seinen Auftritt vor der Kamera dachte. Morgen musste er nicht nur eine glänzende Rede halten, sondern auch den Vorhang über der Statue lösen. Möglichst ohne technische Panne.

Er öffnete das Dokument mit seinem Vortragstext und überflog die einzelnen Abschnitte. Hatte er alle Ereignisse erfasst? Keine Jahreszahl vergessen? Er änderte da und dort einen Satz und fügte noch zwei Aspekte hinzu, die er für besonders erhellend hielt: dass die sterbende Chimäre sinnbildlich für das Ende der Etrusker stand, für den Untergang einer großen Kultur vor etwa zweieinhalbtausend Jahren. Und dass sie gleichzeitig das Vorbild für all die Drachenwesen war, die bis heute in Büchern und Fantasy-Filmen auftauchten. Das würde den Leuten gefallen.

Doch während Margoni tippte, verschwammen die Buchstaben vor seinen Augen, und eine tiefe Müdigkeit umhüllte ihn wie ein schwerer Mantel. Erschöpft lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme. Seine Lider wurden schwer, sein Kinn sank auf die Brust.

Der Stress der vergangenen Wochen macht sich bemerkbar, dachte er. Kein Wunder, dass ich so fertig bin.

Er hatte kaum geschlafen in den Tagen vor der Rückkehr des Standbilds, die Vorfreude hatte ihn in permanente Anspannung versetzt, aber auch die Sorge, ob das Ereignis reibungslos vonstattenging.

Er würde kurz die Augen schließen, nur fünf Minuten, eine kleine Pause einlegen, dann würde er für heute Schluss machen und nach Hause gehen.

Wohlige Wärme durchflutete ihn. Langsam glitt er in einen Zustand völliger Entspannung.

Als er kurze Zeit später wieder zu sich kam, war der Bildschirm erloschen. Auch die Schreibtischlampe brannte nicht mehr. Milchiges Dämmerlicht fiel in den Raum.

Margoni nahm schemenhaft die Einrichtung wahr, während seine Hand den Schalter der Tischleuchte suchte. Wie viel Uhr mochte es sein? Die Zeiger der antiken Marmoruhr auf dem Schreibtisch standen auf halb eins, so wie immer, denn das schöne Stück war nur Dekoration. Mehrmals drückte Margoni den Schalter der Schreibtischlampe, aber sie funktionierte nicht. Seltsam.

Er stand auf, um die Deckenleuchte einzuschalten, aber auch der Wandschalter gab nur ein leeres Klicken von sich. Draußen im Flur war es dunkel, aus den Ausstellungsräumen fiel fahler Lichtschein in den langen Gang des Museums. Was war da los?

Margoni überlegte, wie er den Hausmeister erreichen konnte, um ihm von dem Stromausfall zu berichten, stellte jedoch fest, dass sein Handy verschwunden war – seine Hosentasche war leer, und er konnte sich nicht erinnern, wo er es hingelegt hatte.

Ein Gefühl der Unsicherheit beschlich ihn, eine unangenehme Kälte kroch seinen Rücken hinauf und breitete sich unter seiner Schädeldecke aus. Irgendetwas stimmte hier nicht, die ganze Situation erschien ihm reichlich bizarr.

Er lief bis zum Festsaal, vorbei an Vitrinen und Skulpturen und dem surrenden Getränkeautomaten in der Ecke. Komisch, hier lief der Strom. Egal. Er musste nachsehen, ob mit der Chimäre alles in Ordnung war.

Im Saal fiel Mondlicht gleichmäßig durch die großen Fenster und warf den verzerrten Schatten der Statue auf den Steinboden. Erleichtert atmete Margoni auf. Die Chimäre stand auf ihrem Podest in ihrer geduckten, kämpferischen Haltung und starrte ihn mit leeren Augenhöhlen an. Merkwürdig war nur, dass der Vorhang, der sie verhüllt hatte, wieder zusammengerollt unter der Decke hing. Er hätte schwören können, den weißen Stoff bereits herabgelassen zu haben, vorhin, als er den Raum zum letzten Mal kontrolliert hatte. Aber nun stand die Statue unverhüllt und düster im Halbdunkel.

Als ob sie auf ihn gewartet hätte.

Magisch angezogen ging Margoni zu ihr hinüber, strich mit der Hand über den Vorderlauf und spürte die eingravierten etruskischen Buchstaben. »TINSCVIL«, was bedeutete: Gabe an Tin, den höchsten Gott der Etrusker. Ein Zeichen aus einer anderen Welt, in die Bronze geritzt von einem Künstler der Vorzeit.

Margoni legte seine Hand auf die fein gearbeitete Tatze und ließ die Berührung auf sich wirken. Er spürte ein sanftes Prickeln, als wäre er über die Zeiten mit den Menschen verbunden, die dieses Kunstwerk geschaffen hatten. Ein intensives Gefühl. Doch etwas irritierte ihn: Das Metall fühlte sich warm an, nicht glatt und kalt, wie er es in Erinnerung hatte, sondern beinahe pulsierend und lebendig. Plötzlich verspürte er eine winzige Bewegung, ein Zucken in der Pranke, kaum mehr als eine Vibration. Erschrocken zog er seine Hand zurück.

Das ist unmöglich, dachte er. Ich muss mich getäuscht haben. Ein toter Gegenstand kann nicht zum Leben erwachen.

Doch dann sah Margoni, wie ein Zittern und Beben durch die Chimäre lief, als strömte Blut und Lebenskraft in ihren dunklen Leib.

Grundgütiger Himmel, was geschieht hier? Mit namenlosem Entsetzen beobachtete er, wie das Standbild zum Leben erwachte, wie sich die Sehnen des Löwen spannten, die Muskeln zu arbeiten begannen, wie er sich reckte und streckte und das Haupt mit der Mähne schüttelte. Dazu ließ er ein kurzes Schnauben hören.

Heißer, übel riechender Atem streifte Margonis Gesicht. Nicht bewegen, dachte er. Wenn mich das Biest entdeckt, wird es mich töten.

Gelähmt vor Angst verfolgte er das Erwachen des Ungeheuers, unfähig, den Blick von dem grauenvollen Schauspiel zu lösen. Geschmeidig bewegte sich die Bestie nach ihrem jahrtausendelangen Schlaf, verlagerte ihr Gewicht auf die Vordertatzen und machte Anstalten, vom Sockel zu springen. Gleichzeitig peitschte der entfesselte Schlangenschwanz in alle Richtungen, der Schlangenkopf zischte mit gespaltener Zunge und biss in die Luft.

Es war zu viel für Margoni. Mühsam klammerte er sich an den letzten Rest seines Verstands. Er erinnerte sich dunkel, dass er etwas unternehmen sollte, falls ihn unsichtbare Dämonen verfolgten, aber er wusste nicht mehr, was es war. Dies war kein unsichtbarer Dämon, sondern ein reales Ungeheuer. Es würde ihn umbringen, falls er nicht auf der Stelle flüchtete.

Er drehte sich um und rannte auf den Ausgang zu, doch die Tür entfernte sich von ihm, der Saal wurde breiter und größer, zu einer Halle mit gigantischen Ausmaßen. Sosehr sich Margoni auch bemühte, er kam keinen Schritt voran, seine Füße klebten fest am Boden, während er sich nach vorn streckte und hilflos mit den Armen ruderte. Hinter sich hörte er das Knurren und Hecheln der Bestie, konnte die wütende Hitze ihres Körpers spüren und ihren unbedingten Willen, ihn wie ein armseliges Schaf zu reißen.

Ich bin so gut wie tot, dachte er.

Mit letzter Verzweiflung nahm er alle Kräfte zusammen und konzentrierte sich allein darauf, seine Füße vorwärtszubewegen, wenigstens ein paar Zentimeter.

Heilige Muttergottes, steh mir bei!, flehte er. Hilf mir, der Bestie zu entkommen! Ich tue alles, was du von mir verlangst, aber rette mich vor diesem Monster!

Tränen schossen in seine Augen, in seiner Kehle formte sich ein verzweifelter Hilfeschrei, doch er brachte keinen Ton heraus.

Bleib ruhig, es ist alles Illusion.

Wie aus dem Nichts tauchte dieser Satz in seinem Bewusstsein auf. Eine Stimme in seinem Kopf redete beruhigend auf ihn ein.

Du musst dich dem Grauen stellen.

Er kannte diese Worte, hatte sie selbst schon oft gesprochen. In seinen Alpträumen.

Langsam dämmerte es ihm. Dies war nicht die Realität, es geschah nicht wirklich, sondern nur in seiner Phantasie. Es war ein verdammter Alptraum! Was sich hier abspielte, war völlig irreal, in Wirklichkeit saß er in seinem Büro am Schreibtisch und träumte – ein luzider Traum, wie er ihn schon oft erlebt hatte. Das wurde ihm schlagartig klar. Sein überspanntes Gehirn hatte ihm nicht nur den Weg zum Festsaal vorgegaukelt, sondern auch das Trugbild einer zum Leben erwachten Chimäre. Die defekten Lichtschalter, das merkwürdige Zwielicht waren klare Anzeichen gewesen, dass es sich nur um ein Hirngespinst handelte, aber im ersten Moment der Panik hatte er das nicht realisiert.

Langsam beruhigte er sich. Es lag alles in seiner Hand, er musste sich nur konzentrieren. Er könnte sich nun umdrehen und die Statue wieder zum Stillstand zwingen oder sich in sein Büro zurückwünschen und langsam aufwachen. Er entschied sich für Letzteres.

Während er sich anstrengte, seine tonnenschweren Lider zu heben, spürte er plötzlich etwas an seinem Hals. Etwas drückte ihm die Kehle zusammen und würgte ihn, erst locker, dann fester und unerbittlicher.

Mit einem Ruck war er hellwach. Vor sich sah er die Zeiger der Marmoruhr, den Computerbildschirm und die Tastatur. Instinktiv griff er nach der Schlinge an seinem Hals, während er ein angestrengtes Keuchen hinter sich hörte. Hasserfüllte Worte prasselten auf ihn nieder. Er verstand sie nicht.

Oh Gott, steh mir bei!

Margoni versuchte, sich zu dem Angreifer umzudrehen, doch er saß festgeklammert in seinem Schreibtischstuhl. Er zappelte und tobte, röchelte und schlug wild um sich, während Todesangst sein Gehirn überflutete und jeden klaren Gedanken davonschwemmte.

War das Traum oder Realität? Es spielte keine Rolle mehr. Mit aller Kraft zerrte er an der Schlinge und grub mit den Fingernägeln blutige Kratzer in seine Haut. Er stemmte die Füße gegen den Schreibtisch, um sich aus der tödlichen Lage zu befreien. Brennend vor Schmerz gierten seine Lungen nach Luft, sein Herz raste, und seine pulsierenden Augäpfel quollen aus ihren Höhlen.

Ich will nicht sterben!, schrie er innerlich.

Dann sank er in einen bodenlosen Abgrund. In einem letzten grauenvollen Gedanken wurde ihm klar, dass es aus diesem Alptraum kein Erwachen gab.

2

Ein scharfer Märzwind schlug Roberto Fabbri entgegen, als er am Sonntagmorgen auf die Straße trat. Der milde Frühlingsanfang war über Nacht verflogen.

Er schlug den Kragen seines dunklen Jacketts nach oben. Er musste sich beeilen. Ein Informant hatte ihm geflüstert, dass ein professioneller Taschendieb während des Festakts im Museum zuschlagen würde, ein gut gekleideter Profi, der kaum von den Gästen zu unterscheiden war. Nicht zu verwechseln mit den armseligen Langfingern osteuropäischer Banden, die sich auf ahnungslose Passanten in der Fußgängerzone spezialisiert hatten, sondern ein Meister seines Fachs, der einer Dame die Goldkette vom Hals zog, ohne dass sie es bemerkte.

Fabbri würde sich unauffällig unter die Gäste mischen und seinen Blick schärfen. Wäre doch gelacht, wenn er den Kerl nicht erwischen würde.

Nach ein paar Schritten fluchte er leise. An der nächsten Laterne stand Gabriella, seine Nachbarin aus dem dritten Stock, in ihrem üblichen Dress aus einem leopardengemusterten Blouson, pinkfarbenen Leggins und goldenen Pantoletten. Drei ihrer vier kleinen Hunde zerrten an der Leine, während sie mit der Zigarette im Mundwinkel ein Blatt Papier an den Laternenpfahl heftete.

Schnell vorbei, dachte Fabbri, bevor sie wieder mit ihren Hundegeschichten anfängt.

Aber Gabriella hatte ihn schon entdeckt. »Guten Morgen, Signor Commissario«, rief sie mit ihrer tiefen Stimme, die durch das Alter und die zahllosen Glimmstängel rau geworden war. »Sehen Sie sich an, was ich hier Schönes habe.«

Sein Blick fiel auf das undeutliche Foto von Hundewelpen in einem Korb, die an den Zitzen ihrer Mutter saugten. »Echte Französische Bulldoggen zu verkaufen«, stand mit dickem Filzstift darunter.

»Gina ist wieder Mama geworden«, erklärte Gabriella stolz. »Sechs Welpen, alle gesund und munter, stellen Sie sich vor.«

Folglich würden bald zehn Hunde in der Wohnung über ihm herumlaufen und jedes Klingeln im Haus mit aufgeregtem Bellen vermelden.

»Tut mir leid, Signora Gabriella, ich muss zum Dienst«, entgegnete Fabbri. »Sie wissen ja, das Böse schläft nie.« Mit einem kurzen Lächeln wandte er sich zum Gehen.

»Warten Sie, Signor Fabbri«, rief sie hinter ihm her und zerrte die Hunde mit sich. »Möchten Sie nicht einen Hund kaufen? Wo Sie doch so allein sind.« Sie stockte. »Ich meine, wo Sie doch genug Platz hätten …«, verbesserte sie sich und sah ihn erschrocken an.

Fabbri kannte den bestürzten Gesichtsausdruck, wenn die Leute versehentlich auf den Tod seiner Frau zu sprechen kamen.

Vor lauter Verlegenheit wussten beide nicht, wie sie sich verhalten sollten. Fabbri sah, wie Gabriella die Lippen zusammenpresste, unschlüssig, ob sie Worte des Mitgefühls ausdrücken oder das Thema wechseln sollte. So ging es vielen, die ihm in den zwei Jahren nach Lenas Unfall begegnet waren. Fabbri bemühte sich dann, locker über die peinliche Situation hinwegzugehen, den Leuten die Scheu zu nehmen. Sein Schmerz ging nur ihn etwas an.

»Danke für das Angebot«, antwortete er ruhig. »Aber ich bin viel unterwegs, und außerdem ist da noch Isabella, um die ich mich kümmern muss. Scusa, leider nein, ich möchte keinen Hund. Einen schönen Tag noch, Gabriella. Grüßen Sie Ihren Mann von mir.«

»Ach der«, schnaubte sie und winkte empört ab. »Der wohnt nicht mehr hier. Lebt mit seinem Flittchen in Siena. Der Mistkerl hat mich mit den Hunden sitzen lassen, dabei war die Zucht ursprünglich seine Idee gewesen.«

Gabriella und ihr Mann Ricci hatten sich mit dem Verkauf Französischer Bulldoggen ein Zubrot verdient, um ihre magere Rente aufzustocken. Weil diese glotzäugigen Viecher gerade in Mode waren, konnten sie sich über mangelnde Nachfrage nicht beklagen und sorgten für steten Nachschub. Sicher waren sie nicht die einzigen Züchter, woher sonst kamen die vielen anderen kleinen Rassen, die über den Corso geführt wurden? Da war es fast schon ein Glück, dass momentan nicht Rottweiler oder Deutsche Schäferhunde an der Spitze der Beliebtheitsskala standen.

»Mit einer ehemaligen Kundin aus unserem Antiquitätenladen lebt er zusammen«, fuhr Gabriella fort. »Ein Mann über sechzig, doppelt so alt wie das Dreckstück, das ihn mir weggenommen hat. Ist das zu glauben?«

Teilnahmsvoll schüttelte Fabbri den Kopf. »Porca miseria. So eine Schande!«

Tatsächlich hätte Fabbri seinem Nachbarn einen solchen Schritt niemals zugetraut. Wenn er nicht selbst gesehen hätte, wie der hagere Ricci einmal im Monat einen Zwanzig-Kilo-Sack Trockenfutter aus dem Auto wuchtete, hätte er an seiner Existenz gezweifelt, so still und leise war der Mann. Von der Küche aus hörte er nur Gabriellas dröhnende Stimme, hinter der er Befehle und Anweisungen vermutete – ob für die Hunde oder ihren Mann, blieb unklar. Schon möglich, dass Ricci sich neu orientiert hatte.

»Ich muss wirklich los«, sagte Fabbri. »Sie werden sicher genügend Käufer finden für Ihre entzückenden Kleinen.«

Zufrieden bedankte sich Gabriella und begleitete ihn fröhlich über die Welpen plaudernd bis zum Ende der Straße, wo sie einen weiteren Zettel an einem Laternenmast aufhängte.

Fünfzehn Minuten später betrat Fabbri das Museum Gaio Cilnio Mecenate, in dem sich die antiken Funde der Stadt Arezzo befanden. Das ehemalige Benediktinerkloster aus dem 16. Jahrhundert war neben den Resten eines römischen Amphitheaters errichtet worden, weshalb das Gebäude eine halbrunde Form aufwies.

Fabbri kannte das Museum nur von außen – eine Schande für einen Bürger Arezzos –, aber die gleichförmige Fassade des Klosters hatte ihn zu sehr an ein Gefängnis erinnert. Die Gitter vor den Fenstern im Erdgeschoss verstärkten noch den Eindruck eines Zellentrakts. Der schmale, dunkle Zugang durch eine Art Portiersloge wirkte fast so einladend wie die Polizeipforte im Präsidium.

Vom Treppenabsatz im ersten Stock winkte ihm eine elegant gekleidete Dame zu, etwa Anfang fünfzig, schickes Kostüm, knallrote Lippen und ein Sammelsurium goldener Ketten um den Hals. Maria Santini, die rechte Hand des Direktors und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Museums. Sie war in seinen Plan eingeweiht und erwartete sehnlichst sein Eintreffen.

»Schön, Sie zu sehen, Commissario Fabbri«, begrüßte sie ihn herzlich und führte ihn zum Eingang des Festsaals. »Ich bin froh, dass Sie da sind. Kommen Sie, ich zeige Ihnen alles.«

»Salve, Signora. Machen Sie bitte keine Umstände. Ich möchte mich einfach im Hintergrund halten und sehen, was passiert.«

Maria Santini blieb abrupt vor der Tür stehen. »Es wäre furchtbar, wenn unsere Gäste im Nachhinein feststellen müssten, dass sie bestohlen worden sind«, erklärte sie eindringlich. »Das würde doch einen Schatten auf diesen wunderbaren Tag werfen, nicht wahr? Sie glauben ja nicht, wie stolz wir sind, dass wir die Chimäre zurückholen konnten. Da soll nichts dieses großartige Ereignis stören. Deshalb meine Bitte: Gehen Sie diskret vor. Schnappen Sie diesen Verbrecher, bevor er zuschlagen kann.«

»Keine Sorge, Signora, genau das habe ich vor.«

»Gut. Ich erläutere Ihnen zunächst den Ablauf der Feier.« Eifrig hielt sie Fabbri ihr Klemmbrett unter die Nase und deutete mit dem Kugelschreiber auf die einzelnen Punkte der Veranstaltung. »Zuerst hören wir die Streicher, danach beginne ich mit der Moderation. Dann begrüßt Direktor Margoni die Gäste und erklärt uns etwas über die Geschichte der Chimäre. Anschließend enthüllt er die Statue, womit wir eigentlich schon beim Höhepunkt der Feier wären. Es folgt die Rede des Bürgermeisters, und schließlich kommt der Präfekt zu Wort. Zum Schluss gibt es nochmals Musik und danach Essen für alle.«

Fabbri hörte genau zu, warf dabei aber einen Blick in den gegenüberliegenden Raum, wo eine Catering-Firma das Büfett für die Gäste aufbaute. Eine Mitarbeiterin polierte geistesabwesend die Sektgläser, während ihre Kollegen abgedeckte Platten und gefüllte Speisenwärmer die Hintertreppe hinauftrugen.

Er hatte die Leute überprüft, alles Mitglieder eines alteingesessenen Familienunternehmens, trotzdem würde er sie im Auge behalten. Ein weißes Hemd, ein schwarzer Anzug – mühelos könnte sich ein Dieb unter das Personal schmuggeln.

Maria Santini sah nervös den Gang hinunter.

»Stimmt etwas nicht?«, fragte Fabbri.

»Ich möchte nur wissen, wo der Dottore bleibt. Direktor Margoni wollte eigentlich schon vor einer Stunde hier sein.«

»Haben Sie ihn angerufen?«

»Ja, sicher. Es war nur die Mailbox dran. Bestimmt kommt er gleich. Wenn Sie mich bitte entschuldigen möchten, da sind die Leute vom Fernsehen.« Mit klimpernden Ketten eilte sie dem Team des Lokalsenders entgegen, das aus einer blonden Reporterin und einem schwer bepackten Kameramann bestand, der sein Equipment durch den langen Flur schleppte.

Fabbri ging in den Saal, das ehemalige Refektorium des Klosters, um sich einen Überblick zu verschaffen: akkurate Stuhlreihen für etwa sechzig Gäste, ein Rednerpult, Lautsprecherboxen und ein kreisrunder Vorhang, hinter dem sich zweifellos die Statue verbarg.

Der Raum selbst war groß, hell, lichtdurchflutet. Die Sonne fiel auf die blitzblanken Terrakottafliesen und spiegelte sich in den Vitrinen, die entlang der Wand standen. Vor den Fenstern hingen massive hölzerne Innenläden, die jedoch so aussahen, als würden sie nie geschlossen. Außerdem: keine Überwachungskameras, nicht einmal die Vitrinen waren alarmgesichert. Ziemlich leichtsinnig für Fabbris Begriffe. Das würde sich bestimmt ändern mit der Chimäre als Hauptattraktion und Besuchermagnet des Museums.

Mit einem Kopfnicken begrüßte er die Musiker des Streichquartetts, die bereits auf ihren Stühlen Platz genommen hatten und die Noten auf den Ständern auslegten.

Es war kühl im Saal, was wohl daran lag, dass eines der Fenster offen stand. Auch die Cellistin, die gerade ihr Instrument auspackte, bemerkte die Kälte und schloss die hohen Flügel. Ein letzter Windstoß erfasste den weißen Vorhang über der Statue und versetzte ihn in sanfte, schwingende Bewegungen.

Während die Musiker ihre Instrumente stimmten und dabei den üblichen Wirrwarr aus Tönen erzeugten, ging Fabbri an den vorderen Stuhlreihen entlang. Hier waren alle Plätze reserviert, die meisten sogar mit Namen. Fast der gesamte Magistrat war vertreten, dazu die Vorsitzenden der verschiedenen Innungen, die Quartiermeister der vier Stadtteile und nicht zu vergessen Polizeidirektor Banelli, sein Chef.

Fabbri begutachtete den Saal aufmerksam aus verschiedenen Blickwinkeln, dann griff er sich einen der Reservierungszettel und legte ihn auf einen der hinteren Stühle. Ausgezeichnet, sein Beobachtungsplatz war gesichert.

Das Fernsehteam bezog am Kopfende des Saals Stellung. Der Kameramann vollzog probehalber einen Schwenk vom Rednerpult zu der verhüllten Chimäre und zurück.

Fabbri ging wieder nach draußen und stellte sich in eine Nische gegenüber dem Eingang. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Besucher die Treppe heraufkamen, sonntäglich gekleidet nach dem obligatorischen Kirchgang und mit feierlichem Gesichtsausdruck nach der soeben gehörten Predigt. Allmählich füllten sie den Flur und strömten an ihm vorbei in den Festsaal. Fabbri achtete auf jede Person und jedes Gesicht. Wer gehörte zu wem? Wer waren die Einzelpersonen? Verhielt sich jemand fahrig, ungeschickt, trat zu nah an die Leute heran? Oder zeigte einen betont gelassenen Gesichtsausdruck bei gleichzeitig unruhigen Augen? Er konnte nichts Auffälliges erkennen.

Mit seinen dreiundvierzig Jahren hielt sich Fabbri für einen erfahrenen Polizisten. Zwanzig Jahre Polizeidienst, keine Skandale, keine Verwicklung in Korruptionsaffären, da war er sogar ein wenig stolz auf sich. Er fühlte sich fit und durchtrainiert, sein Körper war von Natur aus sehnig, sodass ihm manche Leute ein langes Leben prophezeiten. »Nicht unbedingt bei diesem Job«, erwiderte er dann.

Die Gäste zogen an ihm vorbei, Arezzos Prominenz erschien im Kreis der Familie, begleitet von Kindern und Halbwüchsigen. Zwischendurch trafen die höheren Chargen der Stadtverwaltung ein. Schließlich stieg auch Questore Banelli mit seiner Gattin die Stufen herauf, in prall sitzender Uniform über dem massigen Körper.

»Na, so was«, begrüßte er Fabbri verblüfft. »Was haben Sie hier zu suchen?« Ohne auf eine Antwort zu warten, hakte er seine Frau unter und ging weiter. »Nun ja, Sie werden es schon wissen«, brummte er.

Fabbri wartete noch ein paar Nachzügler ab, dann schlenderte er zurück in den Saal, vorbei an erwartungsvollen Gästen, die sich die Zeit bis zum Beginn der Veranstaltung mit zwanglosen Gesprächen vertrieben.

Verflucht und zugenäht, wo ist dieser verdammte Dieb! Während Maria Santini die Gäste begrüßte und die Streicher zum Auftakt ein getragenes Stück spielten, ließ Fabbri seinen Blick über die wohlfrisierten Köpfe der Besucher schweifen. Arezzos feine Gesellschaft. Hier saßen Menschen mit Macht und Einfluss, Geldleute, Immobilienbesitzer und hohe Beamte. Leute mit einem Palazzo an der Piazza Grande und moderner Kunst an den Wänden. Familien, die Bischöfe und Bankiers hervorgebracht hatten, aber auch sagenhafte Verschwender und Betrüger.

Fabbri fragte sich zunehmend, ob der Tipp mit dem Taschendieb ein reines Lügenmärchen gewesen war oder ob er etwas übersehen hatte. Der Gedanke gefiel ihm nicht.

Das Musikstück endete mit einem harschen Basston, der Fabbri in der Seele wehtat. Dann sah er, wie Maria Santini mit Bürgermeister Fanelli in der ersten Reihe sprach, der daraufhin hektisch ein paar Blätter aus seiner Mappe zog und die Seiten überflog. In der Zwischenzeit wandte sich Maria Santini an das Publikum.

»Meine sehr verehrten Herrschaften«, sagte sie mit artigem Lächeln, »ich bedaure sehr, dass es an dieser Stelle zu einer geringfügigen Programmänderung kommt. Ich bitte nun den verehrten Herrn Bürgermeister, uns ein paar Worte zur Bedeutung der Chimäre vorzutragen. Wir hoffen alle, dass Direktor Margoni in der Zwischenzeit zu uns stößt, um die Statue eigenhändig zu enthüllen.«

Margoni ist demnach noch nicht eingetroffen, dachte Fabbri. Auch das gefiel ihm nicht.

Während der Bürgermeister seine trockenen Ausführungen herunterleierte, fragte sich Fabbri, wem von den Leuten im Saal die Rückkehr der Chimäre am meisten nutzte. Denn nichts geschah in Arezzo, ohne dass jemand davon profitierte. Im schlimmsten Fall würde die Statue nach ein paar Jahren weiterverliehen oder gar verkauft, einfach, um die Stadtkasse zu sanieren.

Du denkst zu negativ, sagte er zu sich selbst, es soll Menschen geben, die von der Liebe zur Kunst und dem Respekt vor der Vergangenheit angetrieben werden. Denen Schönheit und Bedeutung wichtiger sind als Geld. Aber er glaubte nicht recht daran.

Er erinnerte sich, dass die adligen Erben des Vasari-Archivs versucht hatten, die wertvollen Handschriften und Dokumente des Renaissance-Baumeisters für eine geradezu astronomische Summe an einen russischen Ölmagnaten zu verscherbeln. Mit einem Schlag wäre die verschuldete Familie steinreich gewesen. Hätte das Gericht den Deal nicht untersagt, läge der Briefwechsel zwischen Vasari und Michelangelo heute vielleicht in einem schäbigen Neubau zwischen Moskau und Nowosibirsk. So viel zum Thema Respekt vor der Vergangenheit.

Nachdem der Bürgermeister den Applaus des Publikums entgegengenommen hatte, entstand eine kleine Pause, in der Maria Santini neben das Stadtoberhaupt trat und kurz besprach, wie es weitergehen sollte. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, unsicher, ob sie nicht doch noch ein paar Minuten warten sollte. Dann gab sie das Zeichen für die Enthüllung der Statue.

Feierlich trat Fanelli an den seidenen Vorhang und zog kräftig an der Schnur. In einer fließenden Bewegung glitt der Stoff geschmeidig zu Boden und ringelte sich sanft um den Sockel der Statue.

Die anschließende Schockwelle erreichte Fabbri nur Sekundenbruchteile nach den Besuchern in den vorderen Reihen. Fast gleichzeitig sprangen die Leute auf und schrien vor Entsetzen. Nach und nach kam der ganze Saal auf die Beine, alle wollten sehen, was da vorn los war. Schon stürzten die Gäste zu den Ausgängen und kamen dabei den Servicekräften in die Quere, die nach den ersten Schreien herbeigerannt waren. Mütter pressten die Gesichter ihrer Kinder an sich und ergriffen die Flucht.

»Lassen Sie mich durch, ich bin Polizist!«, rief Fabbri, während er sich durch die aufgebrachte Menge drängte. Er konnte sehen, wie der Kameramann des Lokalsenders seine Kamera auf die Schulter wuchtete, um näher am Geschehen zu sein. Andere Gäste versperrten Fabbri die Sicht, weil sie mit dem Smartphone den grauenvollen Anblick festhalten wollten, den ihre Augen nicht fassen konnten.

Mein Gott, was ist da vorn los?, dachte Fabbri.

»Treten Sie zurück«, hörte er Banellis Stimme, doch sie ging im Tumult unter.

Energisch schob Fabbri die Leute zur Seite, bis er endlich vor der Statue stand.

Er traute seinen Augen nicht. Unter dem Bauch der Chimäre hing ein Mensch! Nach vorn gebeugt steckte er zwischen den Beinen des Wesens auf dem Sockel fest, die Fußspitzen berührten gerade noch so den Boden. Ein Mann in grauer Hose und weinrotem Poloshirt, der wie ein schwerer Sack unter der Bronzestatue klemmte. Fast sah es so aus, als hätte das Monster soeben eine Beute geschlagen und würde sie nun davonschleifen wollen. Es fehlte nur das besitzergreifende Fauchen.

»Hören Sie sofort mit dem Knipsen auf«, brüllte Fabbri, als er die unentwegten Klickgeräusche der Handys um sich herum registrierte. Hatten die Leute denn keinen Anstand mehr im Leib?

Im nächsten Moment warfen sich ein paar Männer auf den schweren Körper, um ihn mit vereinten Kräften unter der Statue hervorzuziehen.

»Beeilung! Vielleicht lebt er noch!«, rief einer von ihnen.

»Los, helft ihm!«, befahl ein anderer.

Sie zerrten an dem Körper, den Beinen, den Schultern, zogen am Gürtel, drückten und schoben Arme und Oberkörper zwischen den Beinen der Chimäre hindurch. Stöhnend und fluchend mühten sie sich ab, bis er endlich vom Sockel rutschte und schwer wie ein Holzklotz auf den Boden krachte.

In absurd gekrümmter Haltung blieb der Mann liegen, Arme und Beine in grausiger Weise verbogen. Ein weiterer Aufschrei ging durch die Menge. Selbst der Kameramann ließ das Objektiv sinken.

»Enzo!«, kreischte Maria Santini. »Großer Gott, es ist Dottore Margoni!«

Mit weit aufgerissenen, blutunterlaufenen Augen starrte der tote Direktor hinauf zu den dunklen Deckenbalken.

3

Pia Michaelis stand in der Küche ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Altstadt von Arezzo und befüllte sorgfältig ihre moka, die traditionelle italienische Espressokanne. Sie schraubte den achteckigen Behälter ab, füllte ihn mit Wasser und schaufelte Kaffee in den Trichtereinsatz. Der warme Duft des Kaffees umhüllte sie, während sie mit dem Zeigefinger das überschüssige Pulver zurück in die Dose strich. Dann setzte sie die beiden Teile der Kanne wieder zusammen und stellte sie auf die Gasflamme. Das etwas umständliche Ritual steigerte ihre Vorfreude auf den kräftigen Kaffee, an dessen leicht verbrannten Geschmack sie sich mittlerweile gewöhnt hatte. Sie trank ihn schwarz und ohne Zucker.

Während sie vom Küchenfenster aus auf den kargen Hinterhof mit den gestapelten Obstkisten hinuntersah, wartete sie auf das Gurgeln der aufsteigenden Flüssigkeit und die Melodie, die die Kanne von sich gab, wenn der Espresso fertig war.

»Roma, Roma, Roma«, krächzte das Ding nach ein paar Minuten, die Hymne des Fußballvereins AS Rom. Laura und Fabio, ihre Assistenten im Institut für Schlafmedizin und Traumforschung, hatten ihr die »Moka Melody« geschenkt, als Pia an ihrem sechsunddreißigsten Geburtstag eine kleine Feier für die Kollegen ausgerichtet hatte. Die beiden waren glühende Anhänger des römischen Clubs und hatten sich köstlich über Pias Verblüffung amüsiert, als die heisere Melodie aus der Kaffeeküche erklungen war.

Pia holte ein Tässchen mit Unterteller aus dem Schrank, goss den Espresso hinein und balancierte ihn zu ihrem Schreibtisch im Wohnzimmer. Sie hatte sich Arbeit mit nach Hause genommen, Messdaten und mündliche Protokolle der Patienten aus dem Schlaflabor, die sie in aller Ruhe niederschreiben und auswerten wollte.

Sie klappte ihren Laptop auf, öffnete die Patientendateien und legte ein neues Dokument an. Der Cursor blinkte auffordernd am Rand der leeren Seite, aber Pia zögerte mit dem Abhören der Aufzeichnungen auf dem Diktiergerät. Sie konnte sich einfach nicht auf ihre Arbeit konzentrieren.

Hatte sie sich richtig entschieden? War sie nicht zu voreilig und abweisend gewesen? Zu ehrgeizig und verbissen in ihr Projekt? Diese Fragen gingen ihr seit gestern nicht aus dem Kopf. Seit Alexanders überstürzter Abreise aus Arezzo.

Eigentlich hatten sie das ganze Wochenende miteinander verbringen wollen, nachdem ihre letzte Begegnung schon drei Monate zurücklag. Eine lange Zeit für eine Beziehung, die erst drei Jahre dauerte und seit zwei Jahren durch Pias Arbeit in Italien auf die Probe gestellt wurde. Und dann war ihr Treffen von Anfang an schiefgelaufen.

Am Freitagnachmittag hatte sie Alexander vom Flughafen in Florenz abgeholt und ihn schon von Weitem erkannt: Jeans, Jackett und ein zur Schlaufe gebundener grauer Schal. Er sah gut aus, nicht umwerfend, aber doch etwa so attraktiv wie ein Schauspieler in einer Vorabendserie. Sympathisches Gesicht, rotbraune, lässig zur Seite gekämmte Haare, blaue Augen und ein breiter Mund mit schönen weißen Zähnen. Die schwarze Hornbrille gab ihm etwas Intellektuelles, Kreatives, was in seinem Beruf als Architekt bestimmt von Vorteil war.

Seine Umarmung war fest und herzlich gewesen. Pia hatte die Wärme seines Körpers gespürt, die Kraft der durchtrainierten Muskeln an seinen Oberarmen. Ein schönes und geborgenes Gefühl.

Sie waren gleich in eine fattoria vor den Toren Arezzos gefahren, einen Landgasthof, der toskanische Speisen nach alter Tradition servierte. Auf der Fahrt dorthin hatte sie sich seine Neuigkeiten angehört, über sich, seine Arbeit, das Wetter in Frankfurt. Sie hatte sein aufgeregtes Gesicht gesehen, als er von einer tollen Überraschung erzählte, die er sich aber für später aufheben wolle.

Was das wohl ist?, hatte sie gerätselt. Hoffentlich nichts Weltbewegendes. Denn auch sie musste ihm etwas sagen.

Als sie bei Tisch saßen, beobachtete Pia, wie Alexander die Pasta hastig herunterschlang, er konnte es wohl kaum abwarten, zum eigentlichen Höhepunkt des Abends zu kommen. Während sie noch in ihren Salbei-Ravioli herumstocherte, erzählte er die neuesten Geschichten aus dem Freundeskreis, von einem Wasserschaden in der Wohnung über ihm und wie einsam er sich ohne sie fühle. Keine Fragen zu ihr oder dem Projekt. Sie kam gar nicht zu Wort. Stattdessen wartete er ungeduldig, dass sie mit ihrer Vorspeise fertig wurde.

»Fang doch schon mit dem Hauptgericht an«, sagte sie.

Alexander gab dem Kellner ein Zeichen und bestellte den nächsten Gang.

Sie waren früh dran, quasi die ersten Gäste in der alten Kelterhalle eines Weinguts, unter deren Gewölbe blanke Holztische mit Stühlen und Bänken standen. Aus der Küche strömte der Duft der bäuerlichen Speisen, die die Frauen der Kooperative an jedem Wochenende zubereiteten. Bei früheren Besuchen hatte Pia erlebt, wie die Leute Schlange standen, um einen Platz in der fattoria zu ergattern, denn Reservierungen gab es nicht.

Als der Kellner kam, ließ sie den halb vollen Teller mit den Nudeln zurückgehen und widmete sich dem Lammfilet mit Rosmarinkartoffeln. Es schmeckte köstlich, aber sie konnte das Gericht kaum genießen, weil Alexander gedankenlos alles in sich hineinschaufelte, getrieben von dem Moment, in dem er seine Überraschung loswerden konnte. Seine Hektik verdarb ihr schließlich so den Appetit, dass sie das Besteck weglegte.

Nachdem die Teller abgeräumt waren, ergriff er bedeutungsvoll Pias Hände und sah sie an. Er machte es wieder einmal mächtig spannend.

»Pia, du weißt, wie viel du mir bedeutest«, begann er. »Von allen Frauen, die ich kenne, bist du die schönste, intelligenteste, aufregendste, mit der ich je zusammen war. Du bist und bleibst meine erste Wahl.«

Pia stieß die Luft aus den geblähten Backen. Puh, ein typisches Alexander-Kompliment. Gut gemeint, aber ungeschickt und bei näherer Betrachtung fast schon eine Beleidigung. Aber besser konnte er es eben nicht.

»Du bist natürlich auch meine erste Wahl«, erwiderte sie mit gespieltem Ernst. »Wie ein Grundstück in Eins-a-Lage.«

Sie fing Alexanders verdutzten Blick auf, dann mussten sie beide lachen.

»Meine Rede, Schatz, du hast es erfasst«, sagte er grinsend, ließ Pias Hände los und wischte sich die Haare aus der Stirn. »Ich habe mir alles genau überlegt. Dein Aufenthalt in Arezzo neigt sich ja nun dem Ende zu, zwei Jahre Italien, sicher eine schöne Erfahrung und jede Menge neue Eindrücke. Das war bestimmt toll für dich. Aber ich bin froh, dass du nun zurückkommst und wir endlich unser gemeinsames Leben planen können.«

Er schenkte ihnen beiden Rotwein nach, als ob sie auf seine kleine Rede anstoßen sollten.

»Das klingt ja so, als hätte ich hier nur Urlaub gemacht«, erwiderte Pia gereizt. »Pizza, Pasta und Dolcefarniente, oder wie stellst du dir das vor? Alexander, ich stecke noch mitten in der Arbeit, ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht, um ehrlich zu sein.«

»Was soll das heißen?« Alexander sah sie erstaunt an.

»Ich habe Patienten, deren Therapie noch nicht abgeschlossen ist und die ich nicht allein lassen kann«, erklärte sie. »Das ist das Wichtigste. Ich habe noch nicht genug Daten für meine Studie, von der Auswertung ganz zu schweigen. Außerdem möchte Professor Moretti unsere neue Technik noch auf andere therapeutische Bereiche ausdehnen, was ich sehr spannend finde. Du siehst, ich kann noch gar nicht weg, das dauert alles viel länger als ursprünglich gedacht.«

Alexander war lächelnd den Bewegungen ihrer Hände gefolgt, mit denen sie ihre Worte begleitet hatte.

Hört er überhaupt zu?, fragte sich Pia. Oder amüsieren ihn die italienischen Gesten, die ich mir angewöhnt habe? Anfangs war ihr das Gefuchtel ziemlich chaotisch vorgekommen, aber nachdem sie gelesen hatte, dass die Handzeichen dazu dienten, Missverständnisse abzubauen, setzte auch sie sie im Gespräch ein.

»Du wirst hier noch zur richtigen Italienerin«, sagte Alexander prompt. »Na ja, du warst ja schon früher sehr sprachbegabt.«

»Geht so.« Es hatte mehrere Sprachkurse und ihre Examensarbeit über den italienischen Psychiater Franco Basaglia und seine offene Psychiatrie gebraucht, um ihr Italienisch auf das heutige Niveau zu bringen. Sonst hätte sie die Einladung von Professor Moretti wohl nicht annehmen können.

Alexander holte tief Luft, bevor er weitersprach. »Ich habe ein Haus gekauft.« Er ließ den Satz wirken.

»Du hast was?« Pia spürte, wie sich jede Faser ihres Körpers zusammenzog. Das war seine große Überraschung!

»Ein Haus für uns beide«, erklärte Alexander stolz. »Eine nette kleine Stadtvilla etwas außerhalb des Zentrums. Genauer gesagt, am Riedberg, dem neuen Wohnviertel im Norden von Frankfurt. Ein tolles Objekt, Reihenendhaus, oben drei Zimmer, unten ein riesiger Wohn-/Essbereich, Terrasse und zwei Räume zusätzlich. Da kannst du eine Praxis einrichten, mein Schatz. Du siehst, ich habe an alles gedacht.«

Ihr fehlten die Worte. Er weiß überhaupt nicht, was ich mache, dachte sie. Die Rede war nie davon gewesen, dass sie sich eine Praxis erträumte, schon gar nicht in einer Reißbrettsiedlung am Stadtrand. Wie kam er denn auf so etwas?

»Das Haus ist noch nicht komplett fertig«, plauderte er munter weiter. »Man hat individuellen Einfluss darauf, wie es ausgestattet werden soll. Die Böden, die Beleuchtung, die Fliesen, das überlasse ich alles dir. Hauptsache, du kommst zurück.«