Tot ist nur, wer vergessen ist - C. J. Lyons - E-Book

Tot ist nur, wer vergessen ist E-Book

C. J. Lyons

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Beschreibung

DER Überaschungserfolg des letzten Jahres - Platz 2 auf der New-York-Times-Bestsellerliste! Sarah Durandt weiß, dass der Mörder ihres Mannes und ihres Sohnes tot ist - denn sie war Zeugin bei der Vollstreckung der Todesstrafe. Trotzdem findet Sarah wenig Trost in dem Wissen, dass der Psychopath, der ihre Familie auf dem Gewissen hat, niemals wieder töten wird. Da die Leichen nie gefunden wurden, begibt sich Sarah selbst auf die Suche, um endlich mit ihrer Vergangenheit abzuschließen. Doch was sie herausfindet, ist ungleich erschütternder, als sie es sich je hätte vorstellen können ... Ca. 400 Buchseiten

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Seitenzahl: 546

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C. J. Lyons

Tot ist nur, wer vergessen ist

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Dorothea Kallfass

Diesen Roman würde es nicht geben ohne

meine treuen Leserinnen und Leser.

Euch allen ist er gewidmet!

1

6. Juni 2007

Staatsgefängnis von Huntsville, Texas, Todestrakt

Sarah Durandt zuckte zusammen, als der verblichene blau karierte Vorhang sich ruckartig öffnete und den Blick auf den an einer Pritsche festgeschnallten Häftling freigab. Hinter sich hörte sie eine Frau nach Luft schnappen. Sarah beugte sich vor und legte eine Hand an die Scheibe, die sie und die anderen Zeugen von einer Bestie trennte. Sie atmete durch den Mund. Anders war die stickige Luft in dem engen Raum nicht zu ertragen.

Durch das dicke Glas wirkte jeder Gegenstand in dem weiß gekachelten Hinrichtungszimmer wie von einem Heiligenschein umgeben. Panzerglas. Was befürchteten sie, wer hier schießen würde? Der von den Beruhigungsmitteln inzwischen schon ganz benommene verurteilte Mann oder diejenigen, die hierhergekommen waren, um ihm beim Sterben zuzusehen?

Sarah schlang die Hände ineinander, legte sie in den Schoß und erschauerte, als der eisige Lufthauch aus der Klimaanlage sie traf. Mit ihr drängten sich elf weitere Menschen vor der Glasscheibe, alles Angehörige der anderen Opfer. Sie nahm jedoch kaum jemanden wahr. Die anderen waren hier, um einen Schlussstrich zu ziehen. Sarah hingegen wollte Antworten.

Aus schmalen Augen, denen kein Detail entging, musterte sie den Häftling auf der anderen Seite. Infusionsnadeln steckten in den zur Seite ausgestreckten Armen. Sieben Lederriemen fixierten seinen Körper, die Pose erinnerte auf fürchterliche Weise an eine Kreuzigung. Doch dieser Mann war kein Messias.

Er war der Teufel in Person.

Damian Wright war von durchschnittlicher Größe, einer, der nicht aus der Menge herausstach, mit einem nichtssagenden Gesicht ohne besondere Merkmale.

Sarah wusste es besser. Sie wusste von seiner Verschlagenheit, dass hinter der Fassade der Normalität das krankhafte Verlangen lauerte, andere Menschen zu foltern und zu verstümmeln. Selbst hier, auf seinem Sterbebett kannte er kein Erbarmen, verweigerte ihr auch den kleinsten Trost oder ein wenig inneren Frieden.

Sie wusste nicht, warum sich Damian unter allen Opfern bei seinen kranken Machtspielchen ausgerechnet auf sie konzentriert hatte. Sie war nur eine einfache Lehrerin aus einem Fünfhundert-Seelen-Dorf im Norden des Staates New York. Ihr braunes Haar band Sarah meist achtlos zu einem Pferdeschwanz zurück, nur bei besonderen Anlässen fiel es ihr offen über die Schultern – wie heute, bei der Hinrichtung eines Serienmörders.

Damians schweißbedeckte Haut glänzte im Schein der großen runden OP-Lampe. Sie war so grell, dass er die Augen fest zugedrückt hielt. Der Gefängnisdirektor nickte einem schwarz gekleideten Mann zu, der ein kleines Silberkreuz im Schoß hielt. Dann streckte er eine Hand aus, und als sie durch den Lichtkegel glitt, blitzte sein Ehering auf. Er zog das Mikrofon nach unten. Unwillkürlich strich Sarah über den Finger mit dem schlichten Ring daran, den Sam ihr vor sechs Jahren angesteckt hatte.

Das Mikrofon glitt wie eine Kobra nach unten, hielt knapp über Damians Mund inne und wippte dort hypnotisierend auf und ab. Mit einem kurzen Klick, der wie ein gedämpfter Schuss klang, schaltete der Gefängnisdirektor die Lautsprecheranlage ein. Damians kratziges Atemgeräusch erfüllte den Raum.

Unbewusst atmete Sarah in seinem Rhythmus mit, fast meinte sie, den Geruch von Desinfektionsmittel und Heftpflaster, von Schweiß und Angst durch die Scheibe hindurch wahrnehmen zu können. Alan Easton, der direkt neben ihr saß, drückte ihr aufmunternd die Hand.

»Alles in Ordnung?«, fragte er besorgt und klang dabei mehr wie ein Freund und nicht wie ihr Anwalt. Sarah war die einzige Angehörige, die für Sam und Josh hier war. Die ganze Familie, die Sam hinterlassen hatte. Josh – wie hätte sie für ihren Sohn nicht herkommen können?

Sie nickte abwesend, ihre ganze Aufmerksamkeit galt der Szene vor ihren Augen. Nur drei Menschen befanden sich in dem Hinrichtungsraum: der Gefängnisdirektor in seinem blauen Anzug mit gestärktem weißem Hemd und schmaler Krawatte, der schwarz gekleidete Pfarrer, und Damian Wright, der Mann, der ihr Leben zerstört hatte.

Wenn Sarah ihren Sechstklässlern zu Hause den Todestrakt beschreiben müsste, hätte sie ihnen erklärt, dass alles an dem abseits vom normalen Gefängnis gelegenen Gebäude darauf ausgerichtet war, eine Flucht unmöglich zu machen.

Nichts und niemand entkam diesem winzigen Bau mit den dicken, anstaltsgrün gestrichenen Wänden. Dem zweckmäßigen Hinrichtungsraum hinter dem Sichtfenster sah man ungeschönt seine Funktion an. Eine im Boden verankerte Pritsche mit ausklappbaren Armstützen war das einzige Möbelstück.

»Möchten Sie noch etwas sagen?«, fragte der Gefängnisdirektor den zum Tode Verurteilten.

Sarah horchte auf. Eine Fliege unterbrach das unheilige Prozedere, stieß unter ohrenbetäubendem Surren immer wieder mit den Flügeln gegen das Gitter vor den zwei flackernden Glühbirnen. Damian Wright, für schuldig befundener Mörder und Kinderschänder, öffnete die wässrigen Augen und richtete den Blick direkt auf Sarah. Sie entzog Alan die Hand und ballte sie zur Faust.

Sag es! Sag irgendetwas! Gib mir einen Hinweis!

Ihr stummes Flehen wurde jedoch nicht erhört. Damian schwieg, lag schlaff da, ohne sich gegen die Fesseln zu wehren. Einzig die Brust hob und senkte sich, während er auf seinen letzten Atemzug zusteuerte. Sarahs eigener Brustkorb schien vor lauter Anspannung zu bersten. Damian starrte sie weiterhin an und fing an zu lächeln.

Sarah blinzelte zuerst, gab bereitwillig nach. Sie würde alles tun, wenn es ihr dabei half, Sam und Josh zu finden.

Damians Lächeln wurde breiter. Doch er blieb stumm.

Vor Wut zog sich ihr Magen zusammen. Verweigerte er ihr den so verzweifelt ersehnten Schlussstrich, nur weil sie an jenem Tag, an dem er ihr Josh genommen hatte, bei dieser verfluchten Lehrerfortbildung gewesen war? Quälte er sie deshalb? Oder lag es daran, dass von all den Jungs, die er umgebracht hatte, einzig Joshs Vater zu kämpfen bereit gewesen war, bereit gewesen war, für seinen Sohn zu sterben?

Alan hatte vermutet, Sam habe Damians Ritual gestört. Ihn gezwungen, entgegen seiner kranken Fantasie vom geplanten Ablauf abzuweichen und erst Sam umzubringen, ehe er sich wieder Josh zuwenden konnte.

Der Pfarrer las aus der Bibel, hob den Blick dabei jedoch nicht ein einziges Mal vom Buch, um nach der verlorenen Seele zu schauen, für die er betete.

Vor zweiundzwanzig Monaten noch hätte der Psalm Sarah Trost gespendet, sie berührt – heute jedoch waren es nur mehr leere Worte, bedeutungsloser noch als das Surren der Fliege. Sie legte eine Handfläche an das kalte Glas, denn nicht durch Gottes Wort, sondern nur von Damian konnte sie erfahren, was sie wissen wollte.

Sie war ihr Leben lang gläubig gewesen. Wo aber war Gott, wenn sie ihn am dringendsten brauchte? Wo war er, als ihr Ehemann und ihr Sohn ihn gebraucht hätten?

»Tut mir leid, dass wir die Hinrichtung nicht aussetzen konnten«, flüsterte Alan. »Ich weiß, wie sehr du gehofft hattest …«

Sarah tat seine Worte mit einem Achselzucken ab, ihre Welt bestand nur noch aus dem Blick eines Mörders. Desjenigen Mannes, der zugegeben hatte, Sam und Josh umgebracht zu haben, sich aber weigerte, zu verraten, wo sie begraben waren.

Eineinhalb Jahre hatte sie gekämpft. Gegen Damian Wrights Schweigen, dagegen, dass er sich weigerte, sie zu treffen. Gegen das neue texanische Gesetz, das mit nie da gewesener Effizienz Hinrichtungen im Schnellverfahren möglich machte. Gegen sich selbst, weil sie eigentlich Damians Tod herbeisehnte. Nur ein einziger Wunsch wog stärker: ihren Mann und ihren Sohn zu finden.

Der Gefängnisdirektor trat vor und las monoton aus einem Dokument vor, was Sarah jedoch nur am Rande mitbekam.

Wo sind die beiden, du gottverdammter Scheißkerl? Sarah legte ihre ganze Verachtung und all ihren Hass in ihren Blick, um Damians Zunge während dieser letzten Sekunden, die er noch auf Erden weilte, zu lösen. Sie schlug mit der Faust gegen das dicke Glas, doch nur ein kaum hörbarer dumpfer Laut kam dabei heraus.

Der Mörder verzog keine Miene, starrte sie einfach nur an. Sagte aber immer noch nichts. Stattdessen legte sich etwas Mitleidiges in seinen Blick. Als wäre sie diejenige, die zum Tode verdammt wäre, und nicht er.

Der Gefängnisdirektor war fertig und nahm die Brille ab, dann nickte er einmal kurz zu dem Raum hinüber, in dem der Henker saß. Sarah hatte sich informiert. Hinter dem von der anderen Seite durchsichtigen Spiegel legte jemand einen Schalter um. Medikamente flossen in Damians Armvenen. Zuerst noch mehr Beruhigungsmittel, dann ein die Muskeln lähmendes Gift und schließlich Kaliumchlorid, um sein Herz zum Erliegen zu bringen.

Die Zeit blieb stehen. Sarah wagte nicht zu blinzeln. Damian blinzelte ebenfalls nicht.

Drei Minuten später trat der Gefängnispfarrer zur Seite, als ein Mann in weißem Kittel dazukam und Damian mit einem Stethoskop abhörte. Anschließend richtete er sich wieder auf, streckte eine Hand aus und schloss dem Mörder die Augen.

Der Vorhang ging schlagartig zu.

Ein kollektives Seufzen ertönte, und allgemeine Unruhe breitete sich unter den Zeugen aus. Durch den blinden Nebel, der Sarah einhüllte, nahm sie das Schluchzen einiger Frauen und eines Mannes wahr, spürte, wie sich der Raum um sie herum leerte. Sie verharrte reglos mit brennenden Augen, die sich nicht schließen wollten.

Alan berührte sie sachte am Arm, löste ihre Faust von der Scheibe und half ihr auf die noch wackligen Füße. »Wir müssen jetzt gehen«, sagte er leise.

Bis zum letzten Moment reckte Sarah den Hals und starrte auf das dunkle Fenster. Als Alan sie schließlich bis nach draußen in den strahlenden Sonnenschein gebracht hatte, trafen die texanische Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit sie mit der Wucht eines Zehntonners.

Mit einem Mal schien sie diejenige zu sein, deren Lunge wie gelähmt war, sodass sie zu ersticken drohte. Ihr Brustkorb verkrampfte. Einen Moment lang war es ihr Herz, das zum Erliegen kam.

Sie zwinkerte kurz, und schon kehrte der Schmerz zurück. Dieses heftige Stechen hinter den Augen war seit zweiundzwanzig Monaten ihr treuer Begleiter und wurde weder durch Beruhigungsmittel noch durch die Hoffnung auf Erlösung gemildert. Im Gegensatz zu Damian Wrights Schmerzen.

Sie lebte. Zumindest körperlich. Auch der Verstand funktionierte. Ihre Seele jedoch – die lag irgendwo auf dem Snakehead Mountain in einem anonymen Grab.

Neben Sam und Josh.

* * *

Es ist vorbei, es ist vorbei, es ist vorbei … Die Worte woben sich in Sarahs Gedanken, verdichteten sich dort, bis sie einen weichen Kokon bildeten, der sie von jeglichem Gefühl abschirmte und ihr einen sicheren Ort bot, an dem sie sich verstecken konnte. Einen Ort, an dem sie nicht weiter nachdenken musste, nichts tun, nicht mehr reagieren. Nicht sein. Es ist vorbei, es ist vorbei, es ist vorbei…

Sarah schlang die Arme noch enger um den Oberkörper, drehte Alan den Rücken zu und lehnte sich an das Seitenfenster des Wagens, während sie das Gefängnis hinter sich ließen. Sie hatte sich geschworen, auf keinen Fall zusammenzubrechen, zumindest nicht, solange jemand dabei war.

Allerdings war Alan nicht irgendjemand. Alan verstand sie – er hatte das alles selber durchgemacht. Seine Frau war von einem Junkie getötet worden, der auf der Suche nach Bargeld in ihr Haus eingedrungen war. Deswegen hatte er die große Anwaltskanzlei, in der er gearbeitet hatte, verlassen, um sich für Opfer von Gewaltverbrechen einzusetzen. Um Menschen wie Sarah zu helfen.

Wie hätte sie die vergangenen Monate ohne Alan überstehen sollen?

Mit jeder Reifenlänge entfernten sie sich weiter von Damian Wright, von Sarahs letzter Aussicht darauf, Sam und Josh zu finden. Es ist vorbei, es ist vorbei, es ist vorbei …

Sie sackte in sich zusammen, instinktiv suchte die rechte Hand den einzelnen Ring an der linken. Einen Verlobungsring besaß sie nicht. Stattdessen hatte Sam ihr damals das gegeben, was ihm am meisten bedeutet hatte: ein Plektrum des legendären Stevie Ray Vaughn, das er gegen einen Diamanten austauschen wollte, sobald er seinen ersten Song zu Geld gemacht hatte. Sieben Jahre danach steckte immer noch das Plektrum in dem schwarzen Samtkästchen auf ihrer Frisierkommode.

Ihre Hand war kalt, dennoch strahlte der Ehering Wärme aus, ganz so, als ob sie Sam berühren würde. Sarah drehte den Ring im Rhythmus zu den Worten, die sich in ihre Seele brannten, sie zum Aufgeben verleiten wollten. Es ist vorbei, es ist vorbei, es ist vorbei …

Nein! Das darf nicht sein. Nicht auf diese Art und Weise.

Tränen wollten hinter ihren geschlossenen Lidern hervorbrechen. Sie umklammerte den schlichten Goldring noch fester. Er war ihre letzte Verbindung zu Sam, und durch ihn auch zu Josh. Sie war müde, so müde. Sie sollte aufgeben. Was blieb ihr anderes übrig?

Schließlich ging ihr Leben weiter. Sam hätte gewollt, dass sie glücklich wurde. Eines Tages. Ein zittriger Atemzug bahnte sich einen Weg, und sie bemerkte, wie sich Alan neben ihr in seinem Sitz regte. Alan – könnte sie sich eine gemeinsame Zukunft mit einem Mann wie ihm vorstellen? Einem Mann, der fast zwei Jahre seines Lebens darauf verwendet hatte, sie aus heillosem Schmerz und Leid wieder ans Licht zu führen und ihr diese allerletzte Chance verschafft hatte?

Letzte Chance, letzte Hoffnung, letzte Ölung.

Es ist vorbei, es ist vorbei, es ist vorbei.

Sarah richtete sich auf, öffnete die Augen und blinzelte in die grelle texanische Sonne. Sie streckte die Beine aus, glättete ihr dunkelblaues Kleid. Solange Josh und Sam nicht gefunden wurden, weigerte sie sich, in Schwarz zu gehen. Der dunkle Highway fesselte ihren Blick und lenkte ihn in die Zukunft.

»Geht es wieder?« Alan wandte den Blick von der Straße ab und starrte sie eine Zeit lang unverwandt an.

Ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen. »Ja. Es geht mir gut.«

Es ist vorbei, es ist vorbei, es ist vorbei … unablässig erdröhnten die Worte in ihrem Innern, traktierten sie wie ein bockiges Kleinkind, das wieder und wieder mit dem Kopf auf den Boden schlägt, weil es nicht bekommt, was es will. Josh hatte das früher auch manchmal gemacht. Bis er gelernt hatte, dass er so niemals das bekam, was er wollte.

Es ist vorbei, es ist vorbei, es ist vorbei!

Sarah schüttelte den Kopf – mehr brauchte es jetzt nicht, damit Josh verstand. Ein leichtes Kopfschütteln, ein Lächeln, und er würde aufhören, zu quengeln, stattdessen nach ihrer Hand greifen und sich an sie schmiegen. Tut mir leid, Mama, hatte ich vergessen.

Aber ich nicht.

Es ist vorbei, es ist vorbei, es ist vorbei … Nein. Das ist es nicht.

Es hat erst begonnen.

2

Mittwoch, 20. Juni

Zwei Wochen später

Supervisory Special Agent Caitlyn Tierney blickte gar nicht erst auf, als sie das zögerliche Klopfen an ihrer geöffneten Bürotür hörte. Stattdessen hob sie die Hand, um dem Besucher anzuzeigen, er solle sich gedulden, und las weiter in dem Bericht auf ihrem Monitor. Für die FBI-Anwärter, die sie ausbildete, war es die letzte Woche hier in Quantico. Da die Bekanntgabe der zukünftigen Einsatzgebiete bevorstand, waren alle nervös, und Caitlyn war an diesem Morgen schon einige Male behelligt worden.

Sie sah die Ergebnisse der letzten praktischen Prüfung ihrer Schützlinge zu Ende durch und nickte zufrieden. Die Absolventen hatten sich so gut geschlagen, wie sie gehofft hatte. Selbst Santos, dem zurückhaltenden, ernsthaften Sechsundzwanzigjährigen mit seiner Ausbildung in Teilchenphysik, war es gelungen, sich ins Team einzufügen. Eigentlich rechnete sie damit, ihn vor sich zu sehen, als sie ihren Laptop zuklappte und aufschaute.

Stattdessen stand einer der verhuschten Labortypen vor ihr. Ach, verflucht, sein Name fiel ihr nicht ein … er war für DNA-Analysen zuständig. Nicht Rogers, nein, aber so ähnlich. Während sie angestrengt versuchte, dem Gesicht einen Namen zuzuordnen, lächelte sie den Mann unverbindlich freundlich an.

Dann endlich machte es klick. Allerdings hatte es doppelt so lange gedauert, als es noch vor zwei Jahren, vor ihrer Verletzung, der Fall gewesen wäre. Das würde sie jedoch niemals irgendjemandem gegenüber zugeben.

»Hallo, Clemens«, begrüßte sie den Labortechniker herzlich und deutete auf einen der beiden Holzstühle neben ihrem bis zum Bersten vollgestopften Bücherregal. »Was führt Sie hierher zu uns nach Jefferson? Halten Sie einen Kurs ab?«

Er schüttelte den Kopf. »Dachte mir, selbst herzukommen wäre einfacher, als Sie rüber ins Laborgebäude zu bitten.« Da hatte er recht. Denn das gerichtsmedizinische Zentrum war stärker gesichert als Fort Knox. Selbst FBI-Mitarbeiter wie Caitlyn benötigten eine offizielle Einladung sowie eine schriftliche Sondergenehmigung, um hineinzugelangen. Clemens warf einen Blick zur halb geöffneten Tür und rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her.

Mochte Caitlyn auch nicht mehr ein so gutes Namensgedächtnis wie früher haben, was nonverbale Kommunikation anging, war sie immer noch ein Profi. Also stand sie auf, nahm die Lesebrille ab und schloss beiläufig die Tür, während sie durchs Zimmer ging, um sich auf den freien Stuhl neben ihn zu setzen.

»Was gibt’s?«, fragte sie, beugte sich ein wenig vor und schaute ihm direkt in die Augen.

Er kramte einen Ordner aus seiner Aktentasche hervor. Da die Dokumente weder als streng geheim ausgewiesen noch mit einem anderen Vermerk versehen waren, fragte sie sich zunächst, weshalb er sich derartig geheimniskrämerisch gab. Bis sie sah, um wessen Akte es sich da handelte. Damian Wright.

Ihr erster Auftrag, als sie vor zwei Jahren wieder in den Beruf zurückgekehrt war. Caitlyn hatte einfach alles an diesem Fall gehasst: die Art des Verbrechens, die Reisen, die unerträglichen Migräneanfälle, die ihr Denken vernebelt hatten, bis sie vor Schwindel und Schmerz wie gelähmt war. Und am allermeisten hatte sie dieses dummbeutelige Arschloch von Vorgesetztem, Jack Logan, gehasst. Der Assistant Special Agent in Charge war ohne jede Vorwarnung oder Erklärung aufgetaucht und hatte den Fall übernommen. Das war umso ärgerlicher gewesen, weil Leute in seiner Position normalerweise reine Schreibtischtäter waren und niemals vor Ort ermittelten.

»Haben Sie schon gehört, dass Damian Wright tot ist?«, fragte sie den Labortechniker. »Hingerichtet, in Texas.« Sie schaute auf den Kalender. »Vor zwei Wochen.«

»Ich weiß.« Clemens’ Stimme klang traurig. »Das tut mir leid.«

Caitlyn erstarrte. Kleine helle Blitze schossen vor ihren Augen umher, bis sie nichts mehr erkennen konnte. »Leid? Sie wollen doch wohl nicht sagen, Sie hätten irgendetwas Entlastendes gefunden?«

Wie die meisten Kriminalbeamten war Caitlyn der Meinung, dass der Tod für einige dieser kranken Typen eine noch viel zu milde Strafe war – doch eine bessere Handhabe hatten sie nicht. Gleichzeitig lebte sie jedoch, ebenso wie viele ihre Kollegen, ständig mit der Angst, einen Unschuldigen in die Todeszelle zu schicken.

Deswegen hatte Caitlyn das gegen Wright vorliegende Beweismaterial auch selbst noch einmal geprüft, bevor Texas übernommen hatte, obwohl es zu diesem Zeitpunkt offiziell gar nicht mehr ihr Fall gewesen war. Die Anklage war hieb- und stichfest gewesen. Wright war mit dem noch warmen Leichnam seines letzten Opfers geschnappt worden, einem Jungen, den er gerade abgeschlachtet hatte, war geständig gewesen, hatte keinerlei Gnadengesuche in seinem Namen gestattet und war infolgedessen als erster Angeklagter überhaupt in dem gerade erst eingeführten texanischen Schnellverfahren hingerichtet worden. Einundzwanzig Monate von der Verhaftung bis zur Hinrichtung, ein neuer Rekord.

Clemens schüttelte den Kopf. »Nein. Wright hat die Jungen in Texas, Vermont, Tennessee und Oklahoma getötet.« Er hielt inne. Caitlyn atmete tief durch und verscheuchte die letzten hellen Blitze. »Nur bei dem in New York bin ich mir nicht so sicher.«

»Hopewell, New York. Josh Durandt und sein Vater. Kurz bevor Katrina zuschlug.« Caitlyn erinnerte sich. Bei der Tat hatte man keine Leichen gefunden. Der Schauplatz des Verbrechens befand sich auf halbem Weg einen Berg hinauf, und sie hatte in einem Rock dort hochwandern müssen, weil man sie direkt von der Totenfeier für den zweiten Vermont-Jungen weggeholt hatte. Logan hatte gelacht, ihr keine Zeit gegeben, sich etwas Passenderes anzuziehen, und auch dann keine Nachsicht walten lassen, als ihr während der Fahrt wegen der starken Kopfschmerzen schlecht geworden war. Stattdessen hatte er sie gefragt, ob sie schwanger sei, nachdem sie sich am Straßenrand die Seele aus dem Leib gekotzt hatte, und hinzugefügt, das sei eben das Problem mit dem »heutigen FBI«. Bei einem männlichen Kollegen hätte er sich nie sorgen müssen, dass der ihm mit »so Hormongeschichten« kommen würde.

»Jedenfalls war ich gerade dabei, unsere Rückstände aufzuarbeiten, und bin bei dem Stapel, der entsorgt werden sollte, über diese Proben gestolpert«, berichtete Clemens zögerlich und rutschte wieder auf seinem Stuhl herum. Offensichtlich war er sich nicht mehr ganz sicher, ob das alles eine gute Idee war. »Sie kennen ja die Vorgaben des neuen Direktors. Vor der Entsorgung muss jedes einzelne Beweisstück geprüft werden, selbst wenn es sich um einen abgeschlossenen Fall handelt. Es stellte sich heraus, dass die Ergebnisse aus Hopewell nie dokumentiert worden waren. Nirgends. Bei einem Fall wie diesem hätten die Proben eigentlich vorrangig behandelt werden müssen. Stattdessen wären sie beinahe im Müll gelandet. Wenn diese neue Regelung nicht erlassen worden wäre –«

»Was haben Sie gefunden?«, fragte sie, nahm ihm den Ordner aus der Hand und schlug ihn auf. Auf der ersten Seite sah sie die vertrauten dunklen Linien einer DNA-Analyse.

»Die DNA-Spuren vom Hopewell-Tatort, sie stammen nicht von Wright.«

»Es gab zwei verschiedene Blutspuren, wenn ich mich recht erinnere? Eine von dem Vater und noch eine weitere. Wir sind davon ausgegangen, dass sie von Wright stammt, weil es sich nach einem Schnelltest vor Ort um dieselbe Blutgruppe wie seine gehandelt hatte und die Fingerabdrücke auf der Speicherkarte, die wir dort gefunden haben, ebenfalls ihm zugeordnet werden konnten.«

»Genau, es waren seine Fingerabdrücke, und die Karte stammte aus seiner Kamera. Auf einigen der Fotos ist Wright als Spiegelung zu erkennen. Die Aufnahmen stammen also zweifelsfrei von ihm.«

»Wer war dann mit ihm dort am Schauplatz des Verbrechens? Denken Sie etwa, es gab einen Komplizen? Darauf hat nichts an den anderen Tatorten hingewiesen.« Sie fuhr sich durch das halblange Haar und rieb gedankenverloren über die vernarbte Stelle hinter dem rechten Ohr. Damals in Hopewell war ihr Haar noch nicht wieder nachgewachsen gewesen. Die Operationsnarbe hatte noch unter dem kurzen Haar hervorgeschimmert.

Clemens atmete geräuschvoll aus. »Hier wird die Angelegenheit ein wenig seltsam.«

Caitlyn richtete sich auf. Wenn einer der Spezialisten aus dem Labor Beweismittel als seltsam bezeichnete, verhieß das nichts Gutes. »Inwiefern seltsam?«

»Seltsam im Sinne von Verschwörungstheorien, Vertuschungsaktionen, Area 51, politischem und beruflichem Selbstmord.« Er verzog das Gesicht. »Ich habe alles ein Dutzend Mal geprüft. Die Daten stimmen. Die daraus gezogenen Schlussfolgerungen jedoch nicht.«

»Sie meinen meine Schlussfolgerungen, meine Untersuchungsergebnisse?«

Er blickte auf seine abgewetzten Adidas-Turnschuhe und nickte. »Ja.« Dann schaute er wieder auf und strich sich das Haar aus der Stirn. »Nun, Ihre und die von Assistant Special Agent in Charge Logan. Er war ja damals für den Fall zuständig. Sein Name steht in den Unterlagen. Aber da er inzwischen pensioniert ist, dachte ich, ich komme besser zu Ihnen.« Er schenkte ihr ein zaghaftes Lächeln. »Vielleicht können Sie mir sagen, was ich damit anfangen soll.«

Caitlyn starrte an ihm vorbei aus dem kleinen Fenster, von dem aus sie über ein kleines Wäldchen hinweg bis zur Yellow Brick Road schauen konnte, dem berühmten Hindernisparcours der Akademie. Die einfallenden Sonnenstrahlen erweckten die Kopfschmerzen erneut zum Leben. Sie hatte immer den Verdacht gehabt, Logan hätte ihr etwas verheimlicht. Unter dem Vorwand, Caitlyn werde bei den Aufräumarbeiten nach Katrina gebraucht, hatte er sie, so schnell es ging, von dem Fall abgezogen. Wochenlang hatte sie damals mit dem Zentrum für vermisste oder ausgebeutete Kinder zusammengearbeitet und insgesamt beinahe fünftausend Kinder aufgespürt, die wieder zu ihren Familien zurückgeführt werden konnten. Ein Einsatzgebiet, das nach Logans Auffassung eher den Fähigkeiten einer Frau entsprach. Da sie Wright wegen der anderen Morde bereits am Wickel gehabt hatten, hatte Caitlyn es dabei bewenden lassen.

Sie wandte sich Clemens zu. »Erzählen Sie mir alles!«

3

6. September 2005

Lieber Sam,

die Nachrichten sprechen nur noch von Tod und Zerstörung. Während aller Augen auf das Chaos im Süden und die Zerstörung durch Katrina gerichtet sind, hat die Suche nach Dir weitestgehend aufgehört. Natürlich nicht für mich.

Gott, ich klinge wie so ein CNN-Berichterstatter. Ich habe einfach keine Ahnung, wie ich das hier anstellen soll. Ich weiß nur, dass ich Dich brauche – mit Dir reden muss. Anders kann ich dem allen keinen Sinn geben.

Die Frau des Colonels kommt jeden Tag vorbei. Sie meint, über Dich zu sprechen, dieses Tagebuch zu führen, sei die beste Therapie für mich und es würde mir helfen, zu begreifen, dass sich Gottes großer Plan uns Sterblichen nicht erschließt; dass ich Dich und Josh loslassen und akzeptieren muss, dass ihr an einem besseren Ort seid. Dass ich mein Leben weiterleben muss. Du weißt ja, wie sie ist.

Heute habe ich zum ersten Mal etwas erwidert. Ihr ganz ehrlich verraten, wie ich mich fühle. Ich habe ihr gesagt, dass sie und ihr lieber Gott zur Hölle fahren können.

Der Colonel hat sie blitzschnell hinausbefördert, während sie sich immer noch weiter ereiferte, ich hätte sie, wenn schon nicht als Frau christlichen Glaubens, dann doch zumindest als Stiefmutter zu respektieren.

Manchmal könnte ich schwören, dass der Colonel sie nach Mamas Tod nur geheiratet hat, weil sie so gut backen kann und die Betten immer so perfekt macht. Was zum Teufel hat er sich bloß dabei gedacht? Sag nichts –ich höre Dich förmlich dieses Schmählied summen, das Du Dir für sie ausgedacht hast: »Requiem für die moralisch Überlegenen, aber menschlich Zurückgebliebenen«. Na jedenfalls bin ich sie los, also umso besser.

Dr. Hedeger sagt mir so ziemlich dasselbe wie die Frau des Colonels, nur versorgt er mich neben abgedroschenen Sprüchen auch noch mit Xanax. Lässt sich endlos darüber aus, der beste Weg, mein »Trauma zu entschärfen«, wäre, allen Schmerz und all meine Wut herauszulassen.

Entschärfen. Als wäre ich eine tickende Zeitbombe, die bei der kleinsten Erschütterung hochgehen könnte. Tick, tick … bumm!

Genauso fühle ich mich. Ständig von unbändigem Zorn erfüllt, der in mir aufsteigt wie eine Giftschlange kurz vor dem Angriff. Zugleich eingeschlossen in einen undurchdringlichen Panzer aus Blei. Sie sagen mir, ich solle alles herauslassen, aber das wollen sie nicht wirklich. Ich will es jedenfalls nicht, Gott bewahre! Wenn ich es täte, könnte ich vielleicht nie wieder aufhören, zu schreien …

Also, jetzt weißt Du, wie es mir so geht. Wie läuft es bei euch? Passt Du gut auf Josh auf? Ich weiß, dass Du das tust – verflucht, sogar Damian Wright wusste das. Deswegen ist er euch auch in den Wald gefolgt. Ihm war klar, dass er dort eine größere Chance hätte, dich zu überrumpeln und an Josh heranzukommen.

Habe ich Dir erzählt, dass die Polizei eine seiner Speicherkarten gefunden hat? Während ich mit ein paar anderen Lehrern in Albany festsaß und mir anhören musste, dass »kein Kind aufgegeben werden soll«, hat diese Bestie Josh ausspioniert. Auf der Karte fanden sich unzählige Bilder von Dir und Josh im Park, auf dem Weg nach Hause, sogar eines, das Dich und Josh im Wohnzimmer zeigt, wo ihr auf dem Fußboden miteinander ringt. Oh, es gab auch noch andere kleine Jungs, die er beobachtet hat, aber sie waren schnell vergessen, sobald er Josh entdeckt hatte.

Unser bildhübscher kleiner Junge. Ich werfe Dir nichts vor. Die Polizei sagte, bei der Blutmenge, die auf dem Weg gefunden wurde, musst Du Dich tapfer gewehrt haben. Heroisch, hat es Chief Waverly genannt.

Sie haben auch Blutspuren von Damian gefunden. Hauptsache keine von Josh, dachte ich damals – wie dumm von mir! Aber damals griff ich nach jedem Strohhalm, hielt mich an jedem Funken Hoffnung fest.

Ich war so verdammt wütend. Weil ich nicht dort war, als ob ich irgendwie hätte verhindern können, was geschehen ist. Wütend auf die dämliche Regierung, die Zeit und Geld an ein dummes Gesetz verschwendet, das gut klingt, aus unseren Kindern aber kleine Lichter macht – entschuldige, diese Schimpfkanonade hast Du schon oft genug gehört, nicht wahr?

Größtenteils bin ich wütend auf Gott. Wie konnte er das zulassen? Diese zwei Jungs aus Vermont? Der andere, der in Tennessee gefunden wurde, nachdem ihnen Damian hier entwischt ist?

Und dann diese rothaarige FBI-Agentin – Du hättest über ihren burschikosen Kurzhaarschnitt, den schlecht sitzenden Rock und die klobigen Schuhe gelacht. Wie sie immer eine Hand in die Hüfte stemmte, als wüsste sie selbst nicht, ob sie eine Frau ist oder doch zu den Jungs gehört. Ich habe zufällig mit angehört, wie sie Chief Waverly erzählt hat, es sei typisch für Damian, sich seine Beute mit bloßen Händen zu schnappen, und dass er seine Opfer immer schnell und brutal umbringt, sich während der Tat durch den direkten Körperkontakt ein Machtgefühl verschafft – woher zum Teufel will sie das wissen?

Da hat Hal Waverly mich entdeckt und sie unterbrochen. Mich an den Schultern gepackt, zu seiner Mannschaft gebracht und mir etwas Heißes zu trinken gegeben, damit das Zähneklappern aufhört. Und er hat mir von dem Blut auf der Lichtung neben dem Weg berichtet. Dass sie dort Joshs zerfetzten Plüschtiger gefunden hätten. Wegen des Hurrikans jedoch die Suche abbrechen würden. Dasssie noch mal mit den Spürhunden rausgehen wollten, sobald es wieder aufklart.

Ich müsse vom Schlimmsten ausgehen und es akzeptieren. Als ob ich das jemals könnte. Ohne Dich und Josh tot gesehen zu haben. Wie könnte ich so leicht aufgeben?

Das war letzte Woche. Kommt mir vor wie ein anderes Leben. Die Suchhunde aus Saranac sind inzwischen alle unten in Mississippi und New Orleans im Einsatz. Das FBI ist längst wieder weg, nur das Absperrband hängt noch vor dem Zimmer drüben im Locust Inn in Merrill, dort, wo Damian Wright sich einquartiert hatte. In Tennessee sei er ihnen nur knapp entwischt, hieß es in den Nachrichten – »dem Mörder dicht auf den Fersen«.

Wenn ich Damian wäre, würde ich mich auf den Weg nach Texas machen, mich unter die Flüchtlinge mischen und in der Menge untertauchen. Ich frage mich, ob die Polizei diese Möglichkeit in Betracht zieht und ihn dort sucht? Immerhin schien er in südlicher Richtung unterwegs zu sein. Die Mutter in Tennessee hat wenigstens einen Leichnam, den sie beerdigen kann – ein paar Jäger haben Damian überrascht, ehe er den Jungen beiseiteschaffen konnte. Er hieß Nelson. Den Fotos in der Zeitung nach ein hübscher Junge. Schwarze Locken, große dunkle Augen, breites Lächeln.

Genau wie Du und Josh. Ich weiß, dass Josh bei Dir ist. So muss es sein. Diese Hoffnung hält mich aufrecht, sorgt dafür, dass ich nicht den Verstand verliere. Zu wissen, dass ihr beide zusammen seid.

Ich werde euch finden. Bald. Versprochen. Vielleicht wird der Regen euch hervorbringen. Falls Damian euch nicht zu tief vergraben hat. Ich bekomme die Bilder nicht aus meinem Kopf heraus – von dem, was Damian mit Josh angestellt haben mag, nachdem er mit Dir fertig war.

Tut mir leid, da bin ich wieder. Manchmal muss ich mich kurz im Bad einschließen, dann drehe ich sämtliche Wasserhähne auf und schreie mir die Seele aus dem Leib, bis meine Stimme versagt und das Zimmer voller Wasserdampf ist. Dann stelle ich mir vor, Du wärst neben mir im Spiegel zu sehen und Josh schliefe wohlbehaltenhinter der Tür. Halte den Atem an, bis der Nebel sich verzieht und es niemand, der noch bei Verstand ist, länger leugnen kann, dass ich allein bin. Allein mit meinen Gedanken, meinen Ängsten, dem Zorn und der Verzweiflung – Ihr fehlt mir beide so sehr, doch ich bin nicht imstande, das mit Worten auszudrücken.

Hal Waverly ist meine größte Stütze. Als Polizeichef hat er natürlich schon viel Schlimmes erlebt – und selbst jemanden verloren, also versteht er mich besser als irgendjemand sonst. Er hält Distanz und ist doch gleichzeitig immer in meiner Nähe, schaut zwischen den Einsätzen ab und zu nach mir und sorgt dafür, dass immer genug Essen im Haus ist und ich nicht drei Tage hintereinander dieselben Kleider trage. Was jedoch am wichtigsten ist, er lässt mich einfach, wenn ich alldem mal entkommen muss – meist hinaus in den Nebel und den Regen, der uns in der letzten Woche zu ertränken versucht hat.

Alle anderen verziehen den Mund und fragen sich, ob ich endgültig verrückt geworden bin – oder ob die tickende Zeitbombe nun endlich explodiert ist. Nicht so Hal.

Selbst die Frau des Colonels war mir eine Hilfe, auch wenn ich es ungern zugebe. Sie scheucht alle Besucher fort, putzt das gesamte Haus und schickt mich nach einem heißen Bad und einer Tasse ihres Kräutertees, der nach Großmutters Umarmung schmeckt – so warm und zimtig –, ins Bett. Ich werfe sie immer wieder hinaus, aber anscheinend sieht sie mich als ihr persönliches Projekt. Als wäre sie die Einzige, die mich retten könnte. Ich sage ihr nicht gern, dass sie nur ihre Zeit verschwendet.

Ich kann nicht klar denken. Der Colonel muss mir noch mehr Xanax in den Tee getan haben. Vielleicht auch Prozac. Oder beides. Er schleicht um mich herum wie der Nebel um den Berg. Sie alle beobachten mich – der Colonel, seine Frau, Hal Waverly, Dr. Hedeger, die Kollegen in der Schule. Die ganze Stadt wartet mit angehaltenem Atem darauf, dass ich durchdrehe. Tick, tick, bumm!

Sie denken, ich könnte mich umbringen oder mir sonst irgendwie schaden. Doch das könnte ich niemals. Nicht, ehe ich Euch gefunden habe.

Dann werden wir weitersehen. Ein Danach kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.

Umarme also Josh für mich und sag ihm, er solle sich nicht fürchten und dass Mami ihn über alles liebe! Sag ihm, dass ich euch finden werde! Ich werde euch beide finden. Irgendwie, irgendwann, eines Tages.

Ich liebe Dich. Gott, wie sehr ich Dich liebe – warum war ich damals bloß nicht hier? Warum hat es nicht mich treffen können?

Ich schlafe mit geöffneten Vorhängen, damit ich den Berg aus dem Nebel aufsteigen sehe. So habe ich das Gefühl, dass Du irgendwo dort oben im Dunkel über mich wachst. Und wenn ich das Licht anlasse, dann können Du und Josh vielleicht den Weg nach Hause finden …

4

Sarah wappnete sich innerlich und zog die Tür zum Rockslide Café auf. Stimmengewirr und der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee und Zimtschnecken drangen ihr entgegen. Hinter der Theke stand der Colonel und schwenkte unter dem morgendlichen Ansturm wie üblich Pfannkuchen und gebratenen Speck, was ihn aber keineswegs von regen Gesprächen mit den Umstehenden abhielt. Ihre Urlaubspläne für den Sommer würden ihm nicht gefallen. Aber sie war seine Missbilligung gewohnt.

An der Schwelle hielt sie kurz inne. Das American Diner im Fünfzigerjahre-Stil war ganz in rotem Kunststoff und Chromflächen gehalten, an den Wänden hingen Bilder, die nach Meinung des Colonels Beachtung verdienten. Eines zeigte Sarah, noch mit fester Zahnspange, bei ihrem Highschool-Abschluss, dann gab es noch ein Foto ohne die Spange, auf dem sie ihr College-Diplom entgegennahm. Letztes Jahr hatte eines Tages ohne jegliche Vorwarnung ein Bild von Sam und Josh einen Ehrenplatz an der Wand bekommen. Josh hielt darauf einen Hecht in den Händen, der fast so groß war wie er selbst. Sam hatte von hinten die Arme um seinen Sohn geschlungen und lächelte mit stolzem Blick in die Kamera.

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