Total verhext - Terry Pratchett - E-Book

Total verhext E-Book

Terry Pratchett

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Beschreibung

Ein Klassiker von Terry Pratchett in neuer Übersetzung und Gestaltung

Aller guter Hexen sind drei. So denken sich das jedenfalls Esmeralda »Oma« Wetterwachs, Nanny Ogg und Magrat Knoblauch. Zusammen machen sie sich auf ins geheimnisvolle Märchenland Gennua, um dort die Pläne der bösen Hexe Lily zu vereiteln. Die will unbedingt das Stubenmädchen Ella mit dem Herzog verheiraten – um dann durch Ella an die Macht zu gelangen. Dass sie dabei ein paar alteingesessene Märchen wild durcheinanderwirbeln muss, stört sie nicht weiter. Doch zum Glück hat sie die Rechnung ohne das furiose Hexentrio aus Lancre gemacht. Das eilt zur märchenhaften Rettung …



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Seitenzahl: 422

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Terry Pratchett

Total verhext

Ein Scheibenwelt-Roman

Aus dem Englischen neu übersetzt von Regina Rawlinson

MANHATTAN

Inhaltsverzeichnis

CopyrightWidmung

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Witches Abroad« bei Victor Gollancz Ltd., London.

Die vorliegende Ausgabe ist eine Neuübersetzung des erstmals 1994 im Wilhelm Goldmann Verlag auf Deutsch erschienenen Romans.

Manhattan Bücher erscheinen im Wilhelm Goldmann Verlag, München, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH

1. Auflage Copyright © der Originalausgabe 1991 by Terry & Lyn Pratchett First published by Victor Gollancz Ltd., London Discworld ® is a trademark registered by Terry Pratchett Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1994 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Neuveröffentlichung 2012 Die Nutzung des Labels Manhattan erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Hans-im-Glück-Verlags, München Umschlaggestaltung: RME, Roland Eschlbeck/Ruth Botzenhardt Umschlagmotiv: © Tom Steyer/die KLEINERT.de Redaktion: Kerstin Jeske

eISBN: 978-3-641-18804-7

www.manhattan-verlag.de

www.randomhouse.de

All den Menschen gewidmet – und warum auch nicht! –, die den Autor nach dem Erscheinen von MacBest mit ihren eigenen Strophen für das Igellied überhäuft haben. Du liebes Lottchen …

Dies ist die Scheibenwelt. Sie ruht auf den Rücken von vier Elefanten, die auf dem Panzer der Himmelsschildkröte Groß A’Tuin stehen und von ihr durchs Weltall getragen werden.

Es war einmal vor langer Zeit, da wurde ein solches Universum für ungewöhnlich gehalten – und möglicherweise gar für unmöglich.

Doch damals, vor so langer Zeit, war auch alles noch sehr viel einfacher.

Denn damals war das Universum voller Unwissenheit. Wie ein Goldsucher, der an einem Bergbach hockt, durchsiebte der Wissenschaftler es nach dem Gold des Wissens, welches er aus dem Kies der Unvernunft und dem Sand der Ungewissheit herauswusch und zwischen den barteligen, achtbeinigen Schwimmkrabblern des Aberglaubens hervorklaubte.

Hin und wieder richtete er sich auf und gab einen Satz von sich wie: »Hurra, ich habe das Dritte Boylesche Gesetz entdeckt.« Und alle wussten, woran sie waren. Aber leider gewann zunehmend das Unwissen an Reiz, vor allem das tiefe, faszinierende Unwissen, das die ganz großen und ganz wichtigen Dinge wie beispielsweise Materie und Schöpfung betraf; die Menschen hörten auf, sich im Chaos des Universums aus rationalen Stöcken geduldig kleine Hütten zu bauen, und fingen stattdessen an, sich für das Chaos selbst zu interessieren – zum Teil deshalb, weil es wesentlich leichter war, ein Chaosexperte zu sein, hauptsächlich allerdings, weil dabei wirklich tolle Muster herauskamen, die man auf ein T-Shirt drucken konnte.

Und statt nun schleunigst mit der richtigen Wissenschaft1 weiterzumachen, behaupteten die Wissenschaftler mit einem Mal, es sei unmöglich, überhaupt irgendwas zu wissen. So etwas wie eine Realität, die man erforschen könne, gebe es eigentlich gar nicht, was natürlich wahnsinnig spannend sei. Ganz abgesehen davon, dass es von kleinen Universen vielleicht nur so wimmelt, die man bloß nicht sehen kann, weil sie in sich gekrümmt sind. Und übrigens: Wie finden Sie mein T-Shirt? Schick, was?

Demgegenüber ist eine große Schildkröte mit einer Welt auf dem Rücken praktisch eine Banalität. Wenigstens tut sie nicht so, als existiere sie nicht, und auf der Scheibenwelt hat auch noch nie jemand versucht zu beweisen, dass sie nicht existiert, nur für den Fall, die Theorie könnte sich womöglich bewahrheiten und man müsste plötzlich feststellen, dass man im luftleeren Raum schwebt. Was daran liegt, dass die Scheibenwelt am äußersten Rand der Realität beheimatet ist. Die kleinsten Kleinigkeiten können auf die andere Seite hinüberwechseln. Deshalb nehmen die Menschen auf der Scheibenwelt die Dinge ernst.

Märchen zum Beispiel.

Weil Märchen wichtig sind.

Die Menschen denken, Märchen würden von Menschen geformt. Dabei verhält es sich in Wahrheit genau umgekehrt.

Märchen existieren unabhängig von denen, die in ihnen mitspielen. Wer das weiß, für den ist Wissen Macht.

Märchen – große, flatternde Bänder aus geformter Raumzeit – wehen seit Anbeginn der Zeit durchs Universum. Und sie haben sich weiterentwickelt. Die schwächsten sind untergegangen, die stärksten haben überlebt und sind durchs Weitererzählen dick und rund geworden … Märchen, die sich durch das Dunkel schlingen und winden.

Ihre bloße Existenz überzieht das Chaos der Menschheitsgeschichte mit einem schwachen, aber unauslöschlichen Muster. Märchen ätzen Rillen hinein, die tief genug sind, dass ein Mensch ihnen folgen kann, genau wie sich Wasser einen Weg den Berg hinunter sucht. Jeder neue Akteur, der den Pfad eines Märchens einschlägt, tritt die Rille tiefer aus.

Man nennt dies die Theorie der narrativen Kausalität, was bedeutet, dass jedes einmal begonnene Märchen eine Gestalt annimmt. Es verinnerlicht sämtliche Schwingungen aller anderen Versionen dieses Märchens, die es jemals gegeben hat.

Das ist der Grund, warum sich die Geschichte ständig wiederholt.

Demnach haben tausende Helden den Göttern das Feuer geraubt. Demnach haben tausende Wölfe eine Großmutter gefressen, wurden tausende Prinzessinnen wachgeküsst. Millionen ahnungsloser Mitspieler sind dem Verlauf des Märchens nichts ahnend gefolgt.

Mittlerweile ist es ein Ding der Unmöglichkeit, dass der dritte und jüngste Königssohn, der aufbricht, um eine Aufgabe zu erfüllen, an der seine älteren Brüder bereits gescheitert sind, erfolglos heimkehrt.

Den Märchen ist es egal, wer in ihnen mitspielt. Es kommt allein darauf an, dass sie erzählt werden. Man kann es auch anders ausdrücken: Das Märchen ist eine parasitäre Lebensform, die aus nacktem Eigennutz mit Menschenleben Schindluder treibt.2

Man muss schon ein ganz besonderer Mensch sein, um sich dagegen aufzulehnen und selbst zum Treibmittel der Geschichte zu werden.

Es war einmal, vor langer Zeit …

Graue Hände packten den Hammer, holten aus und ließen ihn mit solcher Wucht auf den Pfahl niederkrachen, dass er einen Fuß tief im weichen Untergrund versank.

Nach zwei weiteren kraftvollen Schlägen steckte er unverrückbar fest.

Aus den Bäumen rings um die Lichtung sahen die Schlangen und Vögel schweigend zu. Alligatoren glitten wie tückische Strömungen durch den Sumpf.

Graue Hände hoben das Querholz hoch und zurrten es so fest, dass die Ranken ächzten, mit denen sie es umwickelten.

Sie beobachtete ihn. Dann nahm sie eine Spiegelscherbe und band sie ganz oben an den Pfahl.

»Den Gehrock«, sagte sie.

Er zog ihn über das Querholz. Weil die Stange nicht lang genug war, hingen die Enden der Ärmel schlaff herunter.

»Und den Hut«, sagte sie.

Der Hut war hoch und rund und schwarz. Er glänzte.

Die Spiegelscherbe glitzerte in dem Dunkel zwischen Hut und Mantel.

»Wird es funktionieren?«, fragte er.

»Ja«, sagte sie. »Auch Spiegel haben Spiegelbilder. Wir müssen Spiegel mit Spiegeln bekämpfen.« Finster blickte sie durch die Bäume zu einem schlanken weißen Turm in der Ferne. »Wir müssen ihr Spiegelbild finden.«

»Dann muss es aber eine sehr große Reichweite haben.«

»Ja. Wir brauchen jede Hilfe, die wir kriegen können.«

Sie sah sich auf der Lichtung um.

Sie hatte den Ross Mann angerufen sowie Lady Bon Anna, Hotaloga Andrasch und den Großen Schritt. Wahrscheinlich waren es keine besonders guten Götter.

Aber es waren die besten, die sie hatte erschaffen können.

Dies ist ein Märchen über Märchen.

Oder darüber, was es wirklich bedeutet, eine gute Fee zu sein.

Aber vor allem ist es eine Geschichte über Spiegelbilder und Spiegel.

Überall im Multiversum gibt es rückständige Stämme,3 die Spiegeln und Bildern misstrauen, weil sie glauben, dass sie dem Menschen einen Teil seiner Seele rauben. Und man könne einen Menschen nun einmal nicht in unendlich viele Stücke aufteilen. Menschen, die mehr Kleidung am Leib tragen als sie, tun das als bloßen Aberglauben ab, obwohl es eine Tatsache ist, dass jemand, der andauernd auf irgendwelchen Bildern zu sehen ist, nach und nach immer blutleerer wirkt. Was man dann mit Überarbeitung und – bezeichnenderweise – mit einer übermäßigen Ausschlachtung durch die Medien zu erklären versucht.

Bloßer Aberglaube. Doch ein Aberglaube muss nicht falsch sein.

Ein Spiegel kann sehr wohl einen Teil der Seele aufsaugen. Er kann das Bild des gesamten Universums enthalten, einen ganzen Himmel voller Sterne in einer versilberten Schicht, kaum dicker als ein Hauch.

Wer Spiegel versteht, versteht fast alles.

Sehen wir in den Spiegel …

… tiefer …

… bis zu einem orangeroten Licht auf einem kalten Berggipfel, tausende Meilen entfernt von dem dumpfig warmen Sumpf …

Die Einheimischen nannten ihn Bärenberg. Bären gab es dort allerdings keine, nur Beeren  – ein Tatsache, die zu zahlreichen profitablen Missverständnissen führte. Im nächstgelegenen Dorf erschienen oft Fremde, ausgerüstet mit schweren Armbrüsten, Fallen und Netzen, und verlangten herrisch nach Führern, die sie zu den Bären bringen sollten. Da die Menschen in der Umgebung mit dem Verkauf von Bärenbroschüren, Bärenhöhlenlandkarten, reich geschnitzten Bärenkuckucksuhren, Bärenwanderstäben und Bärenkuchen nicht schlecht verdienten, kam natürlich niemand auf die Idee, den irreführenden Rechtschreibfehler zu korrigieren.4

Außer Beeren hatte der Berg so gut wie nichts zu bieten.

Auf dem Gipfel hielten nur einige wenige Kiefern die Stellung, alle anderen Bäume hatten auf halber Strecke aufgegeben. Dadurch wirkte der Berg wie ein Glatzkopf, der seine letzten kümmerlichen Strähnen verzweifelt über den ansonsten kahlen Schädel drapiert.

Er war ein Versammlungsort für Hexen.

An diesem Abend brannte auf dem Berg ein Feuer, in dessen flackerndem Schein sich dunkle Schatten bewegten. Der Mond zog gemächlich über ein Spitzendeckchen aus Wolken hinweg.

Schließlich sagte eine hochgewachsene Gestalt, die einen spitzen Hut trug: »Soll das etwa heißen, wir haben alle Kartoffelsalat mitgebracht?«

Eine Hexe aus den Spitzhornbergen war dem Sabbat ferngeblieben. Hexen machen sich genauso gern einen netten Abend wie alle anderen Menschen auch, aber diese Hexe hatte einen dringenden Termin, den sie nicht verschieben konnte.

Desiderata Hohlig schrieb ihr Testament.

Als Desiderata Hohlig noch ein kleines Mädchen gewesen war, hatte ihr die Großmutter vier wichtige Ratschläge mit auf den unerwartet kurvenreichen Lebensweg gegeben.

Sie lauteten:

Traue nie einem Hund mit orangen Augenbrauen.

Lass dir von deinen Verehrern immer den Namen und die Adresse geben.

Gerate nie zwischen zwei Spiegel.

Und zieh jeden Tag saubere Unterwäsche an. Du kannst nie wissen, wann du womöglich von einem durchgegangenen Pferd totgetrampelt wirst. Wenn sich anschließend herumsprechen sollte, dass du einen unappetitlichen Schlüpfer getragen hast, würdest du vor Scham vergehen.

Desiderata war Hexe geworden. Ein Vorteil des Hexenberufs ist der, dass man ganz genau weiß, wann man sterben muss, weshalb man sich über seine Unterbekleidung nicht den Kopf zu zerbrechen braucht.5

Damals, vor achtzig Jahren, hatte sie es spannend gefunden, den genauen Zeitpunkt ihres Todes zu kennen, weil man natürlich als blutjunger Mensch insgeheim davon ausgeht, dass man ewig leben wird.

Doch das war damals gewesen.

Und jetzt war jetzt.

Und die Ewigkeit schien längst nicht mehr so lang wie früher.

Im Kamin zerfiel ein Holzscheit zu Asche. Desiderata hatte darauf verzichtet, Brennholz für den Winter zu bestellen. Wozu auch?

Und dann war da ja noch diese andere Sache …

Sie hatte das kostbare Stück gut eingewickelt und zu einem langen, schmalen Päckchen geschnürt. Jetzt faltete sie den dazugehörigen Brief zusammen, adressierte ihn und schob ihn unter den Bindfaden. Erledigt.

Sie blickte hoch. Desiderata war seit dreißig Jahren blind, doch das hatte sie noch nie sonderlich behindert. Sie war von jeher mit der Gabe des zweiten Gesichts gesegnet – falls »gesegnet« das richtige Wort dafür ist. Als ihre normalen Augen nicht mehr wollten, trainierte sie das zweite Gesicht vom Blick in die Zukunft einfach auf den Blick in die Gegenwart um, was auch noch wesentlich leichter geht. Und da der Augapfel des Okkulten nicht auf Licht angewiesen ist, sparte sie sich das Geld für Kerzen. Es gibt eben immer einen Silberstreifen am Horizont; man braucht nur zu wissen, wo man danach Ausschau halten muss. Sozusagen.

Vor Desiderata hing ein Spiegel an der Wand.

Das Gesicht darin gehörte ihr nicht. Ihres war rund und rosig.

Das Gesicht im Spiegel gehörte einer Frau, die es gewohnt war, Befehle zu erteilen. Kommandieren lag ganz und gar nicht in Desideratas Natur. Eher das Gegenteil.

Die Frau sagte: »Du stirbst, Desiderata.«

»Stimmt.«

»Du bist alt geworden. Das ist bei deinesgleichen immer so. Deine Macht ist fast erschöpft.«

»Da hast du Recht, Lilith«, antwortete Desiderata sanft.

»Das heißt, du kannst sie nicht mehr schützen.«

»Leider«, sagte Desiderata.

»Also muss ich es nur noch mit der bösen Alten aus dem Sumpf aufnehmen. Und ich werde siegen.«

»Tja, so sieht es wohl aus.«

»Du hättest dir eine Nachfolgerin suchen sollen.«

»Dazu bin ich nicht gekommen. Planen war noch nie meine Stärke.«

Das Gesicht im Spiegel kam näher, als wäre die Frau auf der anderen Seite ein Stück an das Glas herangerückt.

»Du hast verloren, Desiderata Hohlig.«

»Da kann man nichts machen.« Mühsam stand Desiderata auf und griff nach einem Tuch.

Das Gesicht im Spiegel verfinsterte sich. Anscheinend war die Frau der Ansicht, dass ein Verlierer eine Trauermiene aufzusetzen hatte und nicht so aussehen durfte, als ob er sich auf fremde Kosten amüsierte.

»Verstehst du denn nicht, was verlieren bedeutet?«

»Mach dir darüber mal keine Sorgen«, sagte Desiderata. »Und tschüss.« Sie hängte das Tuch über den Spiegel.

Ein wütendes Luftschnappen noch, dann Stille.

Desiderata stand einen Augenblick in Gedanken verloren da.

Dann hob sie den Kopf und sagte: »Der Kessel hat gerade gekocht. Möchtest du ein Tässchen Tee?«

NEIN, DANKE, antwortete es direkt hinter ihr.

»Wie lange wartest du schon?«

EINE EWIGKEIT.

»Ich hab dich doch hoffentlich nicht aufgehalten?«

HEUTE NACHT IST NICHT VIEL BETRIEB.

»Ich wollte mir gerade einen Tee machen. Es müsste auch noch ein Plätzchen übrig sein.«

NEIN, DANKE.

»Falls es dich doch noch überkommt … die Plätzchendose steht auf dem Kaminsims. Eine echte klatschianische Töpferarbeit. Von einem echten klatschianischen Töpfer. Aus Klatsch«, fügte sie noch hinzu.

TATSÄCHLICH?

»Als ich noch jünger war, bin ich viel in der Welt herumgekommen.«

JA?

»Das waren noch Zeiten.« Desiderata schürte das Feuer. »Ich war beruflich viel unterwegs. Du bist sicher auch viel auf Reisen.«

JA.

»Ich musste ständig in Bereitschaft sein. Aber wem sag ich das? Vor allem wurde ich in Küchen gebraucht. Keine Ahnung, warum. Manchmal war es auch ein Ballsaal, aber meistens eine Küche.« Sie goss das siedende Wasser in die Teekanne, die auf der Feuerstelle stand.

AHA.

»Ich habe ihnen Wünsche gewährt.«

Tod machte ein verwirrtes Gesicht.

ACH JA? SO WAS WIE EINBAUSCHRÄNKE? ODER EINE NEUE SPÜLE?

»Nein, nein. Nicht den Küchen, den Menschen.« Desiderata seufzte. »Als gute Fee trägt man eine große Verantwortung. Man muss ganz genau wissen, wie weit man gehen darf. Denn Menschen, deren Wünsche sich erfüllen, sind hinterher oft nicht mehr die Nettesten. Gibt man ihnen also das, was sie wollen, oder das, was sie brauchen?«

Tod nickte höflich. Aus seiner Sicht bekamen die Menschen genau das, was sie verdienten.

»Wie zum Beispiel bei dieser Geschichte in Gennua –«, begann Desiderata.

Tod nahm ruckartig den Kopf hoch.

GENNUA?

»Du kennst es? Aber ja, hätte ich mir denken können.«

ICH … KENNE NATÜRLICH ALLE ORTE.

Desideratas Miene verklärte sich. Ihr Blick richtete sich ganz nach innen.

»Wir waren zu zweit, Lady Lilith und ich. Bei einer Taufe treten gute Feen ja immer als Pärchen auf. Patin zu sein ist ein mächtiges Amt. Es ist, als würde man Teil der historischen Entwicklung. Das Mädchen wurde unehelich geboren, aber das war weiter kein Beinbruch. Die Eltern hätten jederzeit heiraten können, sie sind bloß nie dazu gekommen. Lilith wünschte dem Kind Schönheit, Macht und die Vermählung mit einem Prinzen. Ha! Und daran arbeitet sie bis heute. Was hätte ich machen sollen? Gegen solche Wünsche ist kein Kraut gewachsen. Lilith kennt die Macht der Märchen. Ich habe mein Möglichstes getan, aber Lilith hat großen Einfluss. Wie ich höre, herrscht sie mittlerweile über die Stadt. Sie verändert ein ganzes Land, nur damit ein Märchen gut ausgeht! Aber jetzt ist es sowieso zu spät. Jedenfalls für mich. Deshalb gebe ich die Verantwortung weiter. So ist es üblich. Aus freien Stücken wird niemand eine gute Fee. Außer Lilith natürlich. Was das angeht, hat sie einen richtigen kleinen Fimmel. Ich schicke jemand anderen hin. Hoffentlich habe ich nicht zu lange gewartet.«

Desiderata war eine Seele von Hexe. Feen entwickeln ein tiefes Verständnis für die menschliche Natur; darum werden die Guten gütig und die Bösen mächtig. Desiderata hätte sich nie einer derben Ausdrucksweise befleißigt, und wenn sie ein Wort wie »Fimmel« in den Mund nahm, durfte man getrost davon ausgehen, dass sie damit jemanden beschreiben wollte, der in ihren Augen die Grenzen des Wahnsinns weit hinter sich gelassen hatte.

Sie schenkte sich eine Tasse Tee ein.

»Das ist das Dumme am zweiten Gesicht«, sagte sie. »Man sieht zwar, was passiert, weiß aber nicht, was es bedeutet. Ich habe die Zukunft gesehen. Darin kommt eine Kutsche vor, die aus einem Kürbis gemacht ist. Und so etwas gibt es nicht. Die Kutscher sind Mäuse. Was nicht sehr wahrscheinlich ist. Eine Uhr schlägt Mitternacht, und dann war da noch etwas mit einem gläsernen Pantoffel. Das alles wird geschehen. Denn so funktionieren Märchen nun einmal. Aber dann fiel mir ein: Ich kenne die richtigen Leute, die so ein Märchen noch herumreißen können.«

Sie seufzte abermals. »Wenn ich doch nur selber nach Gennua reisen könnte«, sagte sie. »Die Wärme würde mir guttun. Und es ist auch nicht mehr lange hin bis zum Fetten Dienstag. Früher bin ich zum Fetten Dienstag immer nach Gennua geflogen.«

Eine erwartungsvolle Stille machte sich breit.

Dann sagte Tod: DU WILLST DOCH HOFFENTLICH NICHT, DASS ICH DIR EINEN WUNSCH GEWÄHRE?

»Ha! Niemand gewährt einer guten Fee einen Wunsch.« Desiderata hatte wieder den nach innen gekehrten Blick, und sie redete mit sich selbst. »Verstehst du? Ich muss die drei nach Gennua bringen. Sie müssen dahin, weil ich sie da schon gesehen habe. Und es müssen alle drei sein. Was bei diesen Charakteren nicht gerade einfach ist. Das geht nur mit Kopfologie. Ich muss dafür sorgen, dass sie sich selber hinschicken. Wenn man Esme Wetterwachs sagt, dass sie irgendwohin soll, geht sie schon aus reiner Sturheit nicht. Also braucht man ihr bloß zu sagen, dass sie bleiben soll, wo sie ist, dann hält sie nichts mehr, auch wenn sie über Glasscherben laufen müsste. Das ist das Problem mit der Familie Wetterwachs. Durch die Bank schlechte Verlierer.«

Der Gedanke schien sie zu amüsieren.

»Aber eine Wetterwachs wird das Verlieren jetzt lernen müssen.«

Tod schwieg. Von seiner Warte aus, überlegte Desiderata, war Verlieren etwas, das früher oder später jeder lernte.

Sie trank ihren Tee aus. Dann erhob sie sich, setzte feierlich ihren spitzen Hut auf und hinkte zur Hintertür hinaus.

In einiger Entfernung vom Haus war unter den Bäumen eine Grube ausgehoben worden, in die ein fürsorglicher Mensch eine kurze Leiter gestellt hatte. Desiderata stieg hinunter und wuchtete die Leiter hinauf ins trockene Laub. Dann legte sie sich hin. Und kam wieder hoch.

»Herr Kieselschiefer, der Troll aus der Sägemühle, hat sehr günstige Särge im Angebot, wenn man nichts gegen Kiefernholz einzuwenden hat.«

DAS MUSS ICH MIR UNBEDINGT MERKEN.

»Ich hab mir das Loch vom Wilderer Hurker graben lassen«, sagte sie im Plauderton. »Er kommt auf dem Heimweg vorbei und schüttet es wieder zu. Ordnung muss sein. Von mir aus kann’s losgehen.«

WIE BITTE? ACH SO. EINE REDEWENDUNG.

Er hob die Sense.

Desiderata Hohlig ging zur ewigen Ruhe ein.

»So«, sagte sie. »Das war ja ein Klacks. Und wie geht’s jetzt weiter?«

Und dies ist Gennua. Das Märchenreich. Die diamantene Stadt. Das Land des Glücks.

In der Mitte der Stadt stand eine Frau zwischen zwei Spiegeln und betrachtete ihr Abbild, das sich bis ins Unendliche fortsetzte.

Die beiden Spiegel standen inmitten eines zum Himmel hin offenen Achtecks aus Spiegeln auf dem höchsten Turm des Schlosses. Der Spiegelbilder waren so viele, dass man nur mit größter Mühe unterscheiden konnte, wo sie aufhörten und der eigentliche Mensch anfing.

Die Frau hieß Lady Lilith de Tempscire, auch wenn sie in ihrem langen und ereignisreichen Leben schon auf viele Namen gehört hatte. Je früher man sich darin übte, desto besser. Wer in dieser Welt vorankommen wollte – und das wollte sie, und zwar so weit wie möglich, das hatte sie von vornherein beschlossen –, durfte sich nicht unnötig mit Namen belasten und musste die Macht ergreifen, wo auch immer sie sich einem bot. Sie hatte drei Ehemänner unter die Erde gebracht, von denen mindestens zwei bereits tot gewesen waren.

Und man hielt sich nie zu lange an ein und demselben Ort auf. Weil die meisten Menschen sesshaft waren. Ein anderes Land, ein anderer Name, und mit dem richtigen Auftreten lag einem die Welt zu Füßen. Schon hundert Meilen hatten beispielsweise gereicht, um aus ihr eine Lady zu machen.

Inzwischen würde sie über Leichen gehen …

Die beiden größten Spiegel standen einander fast, aber nicht ganz genau gegenüber. Lilith konnte über ihre Schulter blicken und sehen, wie ihre Abbilder einmal um das gekrümmte Spiegeluniversum herumliefen.

Es war ein Gefühl, als verströmte sie sich – durch die Reflexionen unendlich vervielfacht – in sich selbst.

Als Lilith mit einem Seufzen zwischen den Spiegeln hervortrat, geschah etwas Verblüffendes. Ihre Spiegelbilder hingen noch einen Augenblick hinter ihr in der Luft, wie dreidimensionale Schatten. Dann lösten sie sich auf.

Hm … Desiderata war also dem Tode nah, dieses alte Weib, das sich immer und überall einmischen musste. Sie hatte den Tod verdient. Die Macht, die sie besaß, hatte sie nie richtig verstanden. Sie gehörte zu den Leuten, die Angst hatten, Gutes zu tun, weil sie befürchteten, damit womöglich Böses anzurichten. Bevor sie auch nur einer einzigen Ameise einen Wunsch gewährten, setzten sie sich mit ihrer moralischen Selbstquälerei selbst schachmatt.

Lilith blickte auf die Stadt hinunter. Nun war der Weg für sie frei. Das dumme Voodoo-Weib aus dem Sumpf war nur noch eine lästige Lappalie.

Nichts stand mehr zwischen Lilith und ihrem sehnlichsten Herzenswunsch.

Einem glücklichen Ende.

In den Sabbat auf dem Gipfel des Bärenbergs war ein wenig Ruhe eingekehrt.

Maler und Schriftsteller haben sich seit jeher ziemlich übertriebene Vorstellungen von den Vorgängen bei einem Hexensabbat gemacht. Das kommt daher, dass sie viel zu oft hinter zugezogenen Vorhängen in ihrem Kämmerlein hocken, statt mal an die frische Luft zu gehen.

Da wäre zum Beispiel die irrwitzige Idee, dass Hexen nackt auf einem Berg herumtanzen. Dabei kennt das durchschnittliche gemäßigte Klima kaum eine Nacht, in der irgendwer zu mitternächtlicher Stunde unbekleidet ein Tänzchen wagen würde. Von Problemen mit Steinen, Disteln und aus dem Nichts auftauchenden Igeln einmal ganz zu schweigen.

Oder das Gerede von ziegenköpfigen Gottheiten. Die meisten Hexen glauben nicht an Götter. Natürlich wissen sie, dass es die Götter gibt. Hin und wieder haben sie sogar mit ihnen zu tun. Aber sie glauben nicht an sie. Dafür kennen sie sie zu gut. Da könnten sie ja gleich an den Briefträger glauben.

Oder die Sache mit dem Essen und Trinken – Körperteile von Reptilien und so weiter. Davon halten Hexen gar nichts. Das Schlimmste, was man den Essgewohnheiten der älteren Hexen nachsagen kann, ist ihre Vorliebe, Ingwerplätzchen in den Tee zu tunken, der so viel Zucker enthält, dass man ihn nicht mehr umrühren kann, oder ihren Tee aus der Untertasse zu trinken, wenn er ihnen zu heiß ist. Untermalt von anerkennendem Geschlürfe, wie man es sonst eher bei billigen Sanitärinstallationen antrifft. Da wären Krötenbeine und ähnliche Delikatessen unter Umständen sogar vorzuziehen.

Was hingegen die sagenumwitterten Salben angeht, bewegen sich die Maler und Schriftsteller zufälligerweise auf recht sicherem Boden. Da die meisten Hexen nicht mehr die Jüngsten sind, haben sie eine gewisse Schwäche für Salben, und mindestens zwei der an diesem Abend Anwesenden hatten Oma Wetterwachs’ berühmte Gänseschmalz-und-Salbei-Brustsalbe aufgetragen. Dadurch konnten sie zwar weder fliegen noch hatten sie Visionen, aber wenigstens waren sie vor Erkältungen gefeit, wenn auch nur wegen des strengen Geruchs, den die Salbe nach etwa zwei Wochen verströmte und der ihnen ihre Zeitgenossen so weit vom Leibe hielt, dass sie sich gar nicht erst anstecken konnten.

Und dann wären da noch die Sabbate als solche. Die durchschnittliche Hexe ist von Natur aus kein geselliges Wesen, vor allem nicht, wenn es um die Gesellschaft anderer Hexen geht. Es kommt zu Kollisionen zwischen dominanten Persönlichkeiten. Sie sind eine Gruppe von Rädelsführerinnen ohne Rädel, eine Zunft mit einem ungeschriebenen Grundgesetz, welches da lautet: »Tu nicht, was du willst, sondern tu, was ich dir sage.« Die natürliche Größe eines Hexenzirkels ist eins. Hexen kommen nur zusammen, wenn es gar nicht anders geht.

Wie an diesem Abend.

Wegen Desideratas Abwesenheit kam das Gespräch wie von selbst auf das Thema Nachwuchsmangel.6

»Was denn, gar keine?«, fragte Oma Wetterwachs.

»Nicht eine einzige«, antwortete Mütterchen Brevis.

»Das ist ja furchtbar«, sagte Oma. »Eine Schande.«

»Hä?«, machte Muhme Dismass.

»Eine Schande!«, brüllte Mütterchen Brevis.

»Hä?«

»Keine Kandidatin! Um Desideratas Nachfolge anzutreten!«

»Ach so.«

Nach und nach wurde allen die Tragweite dieser Aussage bewusst.

»Falls eine von euch ihre Kruste nicht will, nehm ich sie«, sagte Nanny Ogg.

»So was hat es zu meiner Zeit nicht gegeben«, sagte Oma. »Allein auf dieser Seite des Berges lebte ein Dutzend Hexen. Aber damals dachten ja auch noch nicht alle nur an ihr Privatvergnügen.« Sie rümpfte die Nase. »Darum wird heutzutage viel zu viel Wind gemacht. Als ich noch ein junges Ding war, gab es das nicht. Für so was hatten wir überhaupt keine Zeit.«

»Tempus fuckit«, sagte Nanny Ogg.

»Wie bitte?«

»Tempus fuckit. Das heißt, gestern war gestern und heute ist heute«, erläuterte Nanny.

»Das braucht mir keiner zu sagen, Gytha Ogg. Ich weiß, wann heute ist.«

»Man muss mit der Zeit gehen.«

»Wieso sollten wir? Ich sehe überhaupt nicht ein, warum wir –«

»Dann müssen wir wohl mal wieder die Reviergrenzen verschieben«, schlug Mütterchen Brevis vor.

»Geht nicht«, sagte Oma Wetterwachs wie aus der Pistole geschossen. »Ich hab schon jetzt vier Dörfer zu betreuen. Mein Besen läuft ständig heiß.«

»Ja, aber seit Mutter Hohlig von uns gegangen ist, sind wir wirklich unterbesetzt«, sagte Mütterchen Brevis. »Sicher, sie hat nicht viel gemacht, weil sie ja auch noch ihre andere Arbeit hatte, aber sie war da. Und darum geht es schließlich. Dass jemand da ist. Es muss immer eine Hexe vor Ort sein.«

Die vier Hexen starrten trübsinnig ins Feuer. Zumindest drei von ihnen. Nanny Ogg, die das Leben stets von der heiteren Seite betrachtete, röstete Brot.

»Unten in Weidenquelle haben sie sich einen Zauberer geholt«, sagte Mütterchen Brevis. »Weil sie für Oma Hoplis keine Nachfolgerin finden konnten, haben sie einen Zauberer aus Ankh-Morpork angeheuert. Einen echten Zauberer. Mit Stab. Er hat einen Laden mit allem Drum und Dran und einem Messingschild an der Tür, auf dem ›Zauberer‹ steht.«

Die Hexen seufzten.

»Frau Seng ist von uns gegangen«, sagte Mütterchen Brevis. »Und Mütterchen Piewig ebenfalls.«

»Tatsächlich? Die alte Amabel Piewig?«, sagte Nanny Ogg inmitten eines Krümelgestöbers. »Wie alt war sie denn?«

»Hundertneunzehn«, antwortete Mütterchen Brevis. »Ich sag noch zu ihr: ›Bergsteigen ist nichts für Leute in deinem Alter‹, aber sie wollte nicht auf mich hören.«

»Manche Menschen sind so«, knurrte Oma. »Störrisch wie die Maulesel. Sobald man versucht, ihnen etwas auszureden, kennen sie kein Rasten und Ruhen, bis sie es ausprobiert haben.«

»Ich habe sogar ihre letzten Worte gehört«, sagte Mütterchen Brevis.

»Ach ja? Und was hat sie gesagt?«, fragte Oma.

»›Verdammter Mist‹, wenn ich mich recht entsinne.«

»Genau so einen Abgang hätte sie sich gewünscht«, sagte Nanny Ogg. Die anderen Hexen nickten.

»Gut möglich, dass wir noch das Ende der Hexerei in dieser Gegend erleben«, sagte Mütterchen Brevis.

Sie starrten wieder ins Feuer.

»Hat jemand zufälligerweise ein paar Marshmallows dabei?«, fragte Nanny Ogg hoffnungsvoll.

Nachdenklich betrachtete Oma Wetterwachs ihre Hexenschwestern. Mütterchen Brevis konnte sie nicht ausstehen – die Alte arbeitete auf der anderen Seite des Berges als Schullehrerin und hatte die unschöne Angewohnheit, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, wenn man sie reizte. Muhme Dismass war höchstwahrscheinlich die nutzloseste Sibylle in der gesamten Geschichte des Orakelns. Und Nanny Ogg wollte sie diese zusätzliche Last auch nicht aufbürden. Sie war schließlich ihre beste Freundin.

»Wie wäre es mit Jung Magrat?«, fragte Muhme Dismass arglos. »Ihr Revier liegt doch direkt nebenan. Kann sie nicht ein paar zusätzliche Aufgaben übernehmen?«

Oma Wetterwachs und Nanny Ogg wechselten einen Blick.

»Sie ist nicht mehr ganz richtig im Kopf«, sagte Oma.

»Also wirklich, Esme«, protestierte Nanny Ogg.

»Dann findest du es wohl normal, dass sie dauernd mit sich selber Versteck spielt, ja?«

»Wieso das denn?«

»Na, weil sie ständig auf der Suche nach sich ist.«

»Sie will sich doch nicht suchen«, erklärte Nanny. »Sie will sich finden.«

»Eben«, sagte Oma Wetterwachs. »Dabei hab ich’s ihr noch lang und breit auseinanderklamüsert: Dümmchen Knoblauch war deine Mutter. Araminta Knoblauch war deine Oma. Yolande Knoblauch ist deine Tante. Und Magrat Knoblauch … bist du.«

Sie machte ein zufriedenes Gesicht, als hätte sie damit sämtliche Fragen zum Thema Identitätskrise erschöpfend beantwortet.

»Aber sie wollte nicht hören«, fügte sie hinzu.

Mütterchen Brevis runzelte die Stirn.

»Magrat?«, sagte sie. Wenn sie an die jüngste Hexe in den Spitzhornbergen dachte, hatte sie nur ein verschwommenes Bild vor Augen – eine weinerliche Miene verzweifelter Gutmütigkeit, eine Figur wie ein Maibaum und eine Frisur wie ein Heuhaufen nach einem Orkan. Gnadenlos im Tun guter Taten. Ein ewiges Sensibelchen. Ein Mensch, der aus dem Nest gefallene Jungvögel rettete und bittere Tränen vergoss, wenn sie starben, also genau dem Schicksal anheimfielen, das die gütige Mutter Natur für aus dem Nest gefallene Jungvögel vorgesehen hat.

»Das klingt mir aber nicht sehr nach unserer Magrat«, fuhr sie fort.

»Außerdem will sie selbstbewusster werden«, sagte Oma.

»Was hast du denn dagegen?«, fragte Nanny. »Selbstbewusstsein ist schließlich das A und O der Hexerei.«

»Hab ich etwa das Gegenteil behauptet?«, sagte Oma. »Daran ist nichts auszusetzen. Und das hab ich ihr auch gesagt: Solange du tust, was man dir sagt, kannst du so selbstbewusst sein, wie du willst.«

»Schön damit einreiben, dann ist es in ein, zwei Wochen wieder weg«, sagte Muhme Dismass.

Die anderen drei Hexen warteten gespannt, ob noch etwas nachkäme. Doch es kam nichts.

»Und sie gibt jetzt – wie heißt das noch mal, was sie gibt, Gytha?«, fragte Oma.

»Selbstverteidigungskurse«, antwortete Nanny.

»Aber sie ist doch eine Hexe«, bemerkte Mütterchen Brevis.

»Das hab ich ihr auch gesagt«, entgegnete Oma Wetterwachs, die sich zeit ihres Lebens nie davor gefürchtet hatte, des Nachts durch den Bergwald zu gehen, obwohl es da von Räubern nur so wimmelte, weil sie getrost davon ausgehen durfte, dass ihr dort nichts begegnen würde, was furchterregender war als sie selbst. »Das wäre ihr schnuppe, hat sie geantwortet. Schnuppe!«

»Bei ihren Kursen macht sowieso keiner mit«, sagte Nanny Ogg.

»Ich dachte immer, sie heiratet mal den König«, meinte Mütterchen Brevis.

»Das dachten alle«, sagte Nanny. »Aber ihr kennt ja Magrat. Springt auf jeden fahrenden Zug auf. Momentan hat sie sich darauf versteift, dass sie kein Lustobjekt mehr sein will.«

Den letzten Satz mussten sich die Hexen erst einmal gründlich durch den Kopf gehen lassen. Schließlich sagte Mütterchen Brevis, aus faszinierenden Gedankenuntiefen auftauchend: »Aber sie war doch noch nie ein Lustobjekt.«

»Ich für mein Teil bin heilfroh, dass ich nicht mal weiß, was ein Lustobjekt überhaupt ist«, sagte Oma Wetterwachs bestimmt.

»Ich weiß es«, sagte Nanny Ogg.

Die anderen musterten sie skeptisch.

»Unser Joschi hat mal eins von seinen Reisen mitgebracht.«

Die Musterung hielt an.

»Es war braun und dick, mit Perlen dran, und es hatte ein Gesicht und zwei Löcher für die Schnur.«

Doch auch damit konnte sie gegen ihre zweifelnden Blicke nichts ausrichten.

»Wenigstens hat er behauptet, dass es eins wäre«, fügte Nanny hinzu.

»Ich glaube, du meinst ein Fruchtbarkeitssymbol«, sprang Mütterchen Brevis ihr bei.

Oma schüttelte den Kopf. »So etwas sieht Magrat gar nicht ähnlich.«

»Das taugt doch keinen Pfifferling«, verkündete Muhme Dismass von dem Punkt auf der Zeitachse, an dem sie sich gerade befand.

Welcher das genau war, wusste niemand zu sagen.

So konnte es jedem ergehen, der das zweite Gesicht besaß. Das war Berufsrisiko. Der menschliche Verstand ist eigentlich nicht dafür ausgelegt, auf der großen Autobahn der Zeit hin und her zu rasen, weshalb es vorkommen kann, dass er sich aus seiner Verankerung losreißt, zufällige Abstecher in Zukunft und Vergangenheit unternimmt und nur noch gelegentlich in der Gegenwart vorbeischaut. Muhme Dismass litt unter zeitweiliger Fokusverschiebung. Was sich darin äußerte, dass sie eine Bemerkung, die man im August fallen ließ, wahrscheinlich erst im März hörte. Am besten sagte man gleich, was man zu sagen hatte, und hoffte darauf, dass ihr Verstand es aufschnappen würde, wenn er das nächste Mal wieder des Weges kam.

Oma fuchtelte mit den Händen ein paarmal vor Muhme Dismass’ blicklosen Augen herum.

»Sie ist wieder weggetreten«, stellte sie fest.

»Wie wär’s mit Millie Hüpfgut aus Schnitte, wenn Magrat nicht in Frage kommt?«, fragte Mütterchen Brevis. »Sie ist ein fleißiges Ding. Auch wenn sie noch schlimmer schielt als Magrat.«

»Das macht nichts. Ein eindrucksvoller Silberblick hat noch keiner Hexe geschadet«, sagte Oma Wetterwachs.

ENDE DER LESEPROBE