Tote Mädchen - Richard Calder - E-Book

Tote Mädchen E-Book

Richard Calder

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Beschreibung

Großbritannien 2071. Ein Virus verwandelt pubertierende Mädchen in bluthungrige Cyborgs, »Tote Mädchen«. Wer von ihnen gebissen wird, zeugt selbst vampirische Wesen. Die regierende Partei »Human Front« ruft zum Massaker an den Puppen auf und riegelt London hermetisch ab. Doch der junge Ivan Zwakh weigert sich, seine Geliebte, die Sexpuppe Primavera, zu verlassen, auch wenn ihre Liebesbeweise ihn fast das Leben kosten. Den beiden gelingt die Flucht nach Bangkok, aber ihre Verfolger sind ihnen dicht auf den Fersen … Richard Calder entwirft eine düstere Zukunftswelt, in der Gelüste nach Sex, Schmerz und Macht die Existenz der Menschheit aufs Spiel setzen. Ein temporeich erzählter, fesselnder Roman über den Versuch einer unmöglichen Liebe im Cyborgzeitalter.

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Seitenzahl: 315

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Herausgegeben von Dietmar Dath

Band 3

Großbritannien 2071. Ein Virus verwandelt pubertierende Mädchen in bluthungrige Cyborgs, »tote Mädchen«. Wer von ihnen gebissen wird, zeugt selbst vampirische Wesen. Die regierende Reinheitspartei ruft zum Massaker an den Puppen auf und riegelt London hermetisch ab. Doch der junge Ignatz Zwakh weigert sich, seine Geliebte, die Sexpuppe Primavera, zu verlassen, auch wenn ihre Liebesbeweise ihn fast das Leben kosten. Den beiden gelingt die Flucht nach Bangkok, aber ihre Verfolger sind ihnen dicht auf den Fersen … Richard Calder wurde 1956 in London geboren. Er veröffentlichte zahlreiche Science-Fiction-Erzählungen und -Romane, darunter The Twist, Malignos und Impakto. Tote Mädchen ist der erste ins Deutsche übertragene Roman.

Richard Calder

Tote Mädchen

Roman

Aus dem Englischen

von Hannes Riffel

Mit einem Vorwort von

Dietmar Dath

Suhrkamp

Die Originalausgabe erschien 1992 unter dem Titel

Dead Girls

bei HarperCollins Publishers.

Copyright: 1992 © Richard Calder

Umschlagillustration: Christopher Tauber

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2012

© Suhrkamp Verlag Berlin 2012Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag: Göllner, Michels

eISBN 978-3-518-45250-0

www.suhrkamp.de

Dietmar DathPuppenherzblut

Mit künstlichen Augen aus finster feurigem Glas betrachtet Richard Calder eine Welt, die er schaffen musste, weil sie ihn dazu gezwungen hat. Sie ähnelt unserer nur insoweit, als sich in ihr deutlich aussprechen lässt, was in unserer nur verdruckst gemurmelt wird: 1. Niemand versteht, was alle bewegt; 2. Technik und Zauberei, zwei austauschbare Begriffe, sind unter den gegebenen Umständen der unterlassenen Hilfeleistung aller für alle nur zynische Göttinnen, die mit den Menschen spielen und dabei deren Freiheit einschränken, statt Werkzeuge zu sein, die von ihnen benutzt werden, um ihre Freiheit zu vergrößern; 3. Verlierer sein gilt als hässlich; 4. Der Kältere gewinnt; 5. Das Heilige ist eine magische, technische und soziale Vorrichtung zur Ermöglichung von Tempelprostitution; 6. Schöne oder kluge Menschen werden nicht gefeiert als Möglichkeiten, die in jeder und jedem angelegt sind, sondern zu Sachen hergerichtet, die reichen Menschen gehören; 7. Die Gewinner bekommen aufgrund der scheußlichen Beschaffenheit des Gesamtspiels, das der Menschenwürde überall ins Gesicht spuckt, auch nicht mehr als die Verlierer ‒ der einzige Unterschied ist, dass Erstere Letztere ungestraft erniedrigen dürfen.

Calder, der in einem unheimlichen Winkel eines Staates lebt, der einst die halbe Welt beherrscht hat, weiß, wie man diese schlimmen Befunde immer wieder neu als Filter der Wahrnehmung des Wahren durch die Prismen der dichterischen Unwirklichkeit gruppieren kann.

Ungefähr zehn Jahre lang, zwischen 1993 und 2005, hat der ehemalige Literaturprofessor die flackernden Lichterscheinungen, die Blitze der Qual und der hochfahrenden Hoffnung auf ein besseres Leben in Romanen und Erzählungen eingefangen. Sie alle handeln davon, dass auch unter der Herrschaft von halbmechanischen, hyperdimensionalen Teufeln mit Krallen aus Geld so etwas wie Schönheit möglich ist: In der Selbstverbrennung unbeugsamer Leidenschaften, im Versprechen sinnloser, gesetzeswidriger, den Mächtigsten trotzender Liebe, im Dienst an einem Gesicht, ohne das man nicht leben möchte, in der verspielten Unerziehbarkeit diabolischer Kinder, die ihre Eltern, Herrn und Frau Teufel, als phantasielose Pedanten entlarven und das Inferno als einen Spielplatz, der zu klein ist für Geschöpfe, die Alpträume und künstliche Paradiese erfinden können.

Die künstlerisch gestaltete Wahrheit über unhaltbare Verhältnisse ist die stärkste Droge, welche die Menschheit kennt. Sie versetzt in einen Zustand der erhöhten Aufmerksamkeit und der transzendenten Erregung, den diese Verhältnisse nicht mehr erreichen, nicht mehr trüben können ‒ so wie den Opiumrauchern ihre Gehorsamspflichten gleichgültig werden, lässt die Erkenntnis, dass die Welt die Hölle ist, alle Autoritätsansprüche der Folterknechte dieser Hölle zu Asche zerfallen.

Auf dem Höhepunkt seiner Nachtfahrt ins Innerste solcher Offenbarungen hat Calder 2005 mit dem Roman »Babylon« ein Hochplateau erreicht, auf dem die angebliche Vorgeschichte der Zivilisation, ihrer trügerischen Gegenwart und die von ihr erzählten Lügen über die Zukunft im Monumentalgemälde einer anderen Wirklichkeit zusammenfließen, das denen, die es betrachten, ebenso zärtlich wie heimtückisch enthüllt, wer sie sind: Monster, die keine sein müssten.

Wenige Kritiker (darunter John Clute) haben erkannt, was Calder mit »Babylon« geglückt ist: der toten Leere des Unnatürlichen und Übernatürlichen, vor dem sich Menschen seit Urzeiten fürchten, in die Karten zu schauen und zu erkennen, dass dieses Un- und Übernatürliche schon immer menschengemacht war ‒ nämlich etwas, das ungerechte, habgierige und vor jeder Selbsterkenntnis fliehende Leute anderen Leuten antun, weil sie nicht zulassen können, dass ohne Lüge und Angst gelebt wird, von den babylonischen Priestern bis zu Hitler und darüber hinaus.

»Babylon« ist die letzte Stufe der Calderschen Treppe aus verwunschenen Büchern (darunter sind so erschütternde wie die beiden Liebesgeschichten zwischen Ungeheuern, »Cythera« und »Frenzetta«, beide 1998 erschienen), auf denen er emporgestiegen ist zur Opferstelle, wo wir unsere höheren Möglichkeiten unserer niedrigen Bereitschaft zum Fraß vorwerfen, uns mit konsumfrommem, trägem, einfallslosem Dreck abspeisen zu lassen.

Das Buch jedoch, zu dem dieses Vorwort gehört, war die erste jener Stufen.

Mit »Tote Mädchen« begann der Kreuzweg einer verrückten Dichterseele, die stets so tut, als wäre sie unbeeindruckbar, als zeichne sie mit eisiger Genauigkeit die Resultate der Mordhurerei, des schreiendsten Unrechts, der schwärzesten Magie auf, nur um daraus schöne Figuren, betörend rätselhafte Wandbilder zu gewinnen. In Wirklichkeit ist dieser Mann natürlich ein unerbittlicher Moralist, dessen »l’art pour l’art« so gut wie dieselbe Parole bei Baudelaire oder Verlaine einfach die Verwerfung der schlechten Gesellschaft rings um ihn her bedeutet.

Der Roman von 1992 macht die gemurmelten Beschwörungen der bösen Geister des falschen Lebens, die täglich auf unseren Lippen sind, explizit als blutige, heftige Abenteuergeschichte (statt, wie bei uns im Alltag, nur einer unaufhörlich öden, anämischen, dumpfen Routine implizit zu sein).

Hier also flieht ein junges Mädchen namens Frühling mit einem ihr ergebenen, ebenso jungen Begleiter aus einer elenden, lieblosen, entfremdeten Bröselzivilisation (die ist britisch, könnte aber auch deutsch oder nordamerikanisch sein) in eine ärmliche, übervölkerte, farbenprächtige und gefährliche Gegend (die ist asiatisch, könnte aber auch afrikanisch oder südamerikanisch sein). Sie flieht aus dem Regen in die Traufe, weil sie kein virenverseuchtes, begehrtes und gefürchtetes Ding mehr sein will, an dem man sich die Lust abwischt, sondern eine Person ‒ lieber Mörderin als Sexspielzeug.

Alles, was an künstlichen Höhlen, verfallenden Palästen, wohlriechenden Giften und grausamen Gewalttaten die von Calder geschaffene Welt in diesem Buch sonst noch bevölkert, ist nur zu dem Zweck arrangiert, diese Entscheidung, nicht als Gegenstand dahinzuvegetieren, sondern als Subjekt kämpfen zu wollen, lieber ungehorsam tot sein zu wollen als gehorsam scheinlebendig, als genau die moralisch höchststehende Option hervortreten zu lassen, die sie in einer Situation der vollständig zusammengebrochenen Erwartung gerechterer Gemeinschaften tatsächlich ist, einer Lage mithin, wie wir sie seit dem Ende des 20. Jahrhunderts wirklich ertragen müssen.

Das Mädchen namens Frühling ist damit die legitime Urenkelin von Satan, wie ihn John Milton sah: Nachfahrin eines Engels, der zu stolz war, im Himmel zu dienen, und also lieber in der Hölle herrschen wollte.

Die Verhältnisse im späten zwanzigsten Jahrhundert, das Calder seine dunklen Träume hat träumen lassen, sind allerdings längst nicht mehr so idyllisch wie die bei Milton ‒ damals war das Bürgertum im Aufstieg begriffen und konnte sich noch einbilden, die Hölle, die es gerade einzurichten begann, ließe sich beherrschen.

Aus jener Herrschaft des stolzen Engels ist bei Calder das Sichdurchschlagen eines geprügelten Engels geworden, der sich Stolz nicht mehr leisten kann, dafür aber noch schöner ist als der gefallene Morgenstern Miltons. Das ist so, weil Chancenlosigkeit im Aufbegehren gegen unbesiegbares Unrecht die Seele immer schön macht ‒ je chancenloser, desto anziehender wird die vergebliche Geste namens »Ich will nicht so verkommen sein wie ihr, die ihr mich gemacht und verdorben habt«.

Calders im Februar 2001 in der nach einem von William S. Burroughs erfundenen Ort des technisierten Grauens benannten Science-Fiction-Zeitschrift »Interzone« erschienene Erzählung »The Nephilim«, die zu seinem »Lord Soho«-Zyklus von düsteren Märchen aus der fernen Zukunft gehört, stellt ein kleines, simples Kinderlied über die »sanfte Jane« vor:

»Gentle Jane was as good as gold

She always did as she was told;

She never spoke when her mouth was full,

Or caught bluebottles her legs to pull,

Or spilt plum jam on her nice new frock,

Or put white mice in the eight-day clock

Or fostered a passion for alcohol

Or vivisected her last new doll.«

Der Stimme, die dieses Liedchen bei Calder singt, liegt offensichtlich nicht allzu viel am Bravsein ‒ zu attraktiv sind die nur scheinbar zurückgewiesenen Ideen für boshafte Streiche, die Jane nicht begeht: Käferbeine ausziehen, die Kleidung mit Pflaumenmarmelade schmücken, weiße Mäuse in die Uhr fallen lassen.

Die letzte und dadurch, aber auch durch die Kursivierung im »Interzone«-Text deutlich hervorgehobene Zeile, enthält nicht weniger als das Grundmuster der Calderschen Erzählkunst insgesamt: Während man das brave Kind daran erkennt, dass es seine Puppen nicht aufschneidet, erklärt Calder in seinen Geschichten und Büchern die schönen lebenden Puppen, untoten Verliebten, lüsternen Spielsachen zu Heldinnen und Helden, denen er Messer und Zangen in die Hand gibt, damit sie uns auseinandernehmen ‒ uns, die angepassten Schatten, die schleichenden Unterworfenen, die leblosen Sklaven des falschen Daseins.

Manchmal findet so eine Caldersche Puppe dann in Einzelnen von uns ein Herz.

Das rührt sie ein bisschen.

Es ist so viel kleiner als ihres.

Für

Gilberte Swann, Dolores Haze

und Wednesday Addams

1Straße nach Nirgendwo

Sie krachten durch die Tür; ich sprang über die Balkonbrüstung und rannte los. Es war Mitternacht in Nongkhai City, und ich hatte mich verirrt. Was bisher geschah? Die Pikadon-Zwillinge, berüchtigte Komplizinnen von Madame K, hatten mich bis ans Ufer des Mekongs verfolgt. Aber wo war der Mekong? Allzu düster war es hier, zu still ‒ und ich an das grelle, lärmende Bangkok gewöhnt! Diese Stadt hatte mich trunken gemacht vor Schatten. Auf der anderen Seite des Mekong: Laos. Von Laos konnte ich nach China fliehen. Und von China ... Das Aufheulen zweier Harleys; Zwillingsscheinwerfer schändeten die Nacht. Dort drüben. Die Lichter eines Ufercafés. Da und da. Mondschein spiegelte sich im Wasser. Hinter mir stoben Hunde und Hühner auseinander.

Das Café, das White Russian, öffnete seine Arme; ich ließ mich hineinfallen. Farang-Gäste, Thais ‒ außer den als Matrjoschkas herausgeputzten Gynoiden musterten mich alle neugierig. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn, bemüht, meinen Atem und meine Hände zu beruhigen und in die Maske eines eben eingetroffenen Farang zu schlüpfen, der seine Erlösung von Europa feiert. »Ich bin wie ihr«, versuchte meine Körpersprache zu signalisieren, »ein Getriebener, nicht totzukriegen. Vielleicht sind meine Gene etwas unrein, aber hey, das merkt doch niemand!« Keine Polizei; sollte es mich kümmern, ob sie mir glaubten? Mein Knöchel war geschwollen; ich setzte mich. Die unüberwindbare Tiefe war von den Lichtern der Fischerboote übersät.

Vom anderen Ufer konnte ich es in weniger als einer Stunde bis nach Vientiane schaffen; aber eine Matrjoschka (dem Aussehen nach eine Fabergé-Imitation) erklärte mir im Vorbeigehen: »Nein, Sir, tut mir leid, vor Tagesanbruch geht keine Fähre mehr.« Ich saß in der Falle. Ende der Serie. Zu meiner Flucht gab’s keine Fortsetzung: Flugplätze und den TGV meidend, war ich mit meinem alten Mercedes bis nach Hat Yai gefahren (als wollte ich nach Penang) und dann denselben Weg zurück, mit staatlichen Bussen nach Norden, dann nach Nordosten, zur Grenze zwischen Thailand und Laos. Als ich an jenem Abend in Nongkhai eintraf, hatte ich mir ein Hotel gesucht und ein wenig geschlafen (zu lange), bis mich zwei halbmenschliche Rammböcke an der Tür aus dem Schlaf schreckten.

Die Pikadons!

Supercool, diese Killerinnen. Sie würden doch bestimmt nicht hier zuschlagen? Nicht in aller Öffentlichkeit, dachte ich. Aber sie waren hemmungslos.

»Wodka«, sagten Bang und Boom, die Pikadon-Zwillinge, »für unseren Freund, Mr. Ignatz.« Abspann. Keine aufheulenden Motorräder, dieses Mal nicht. Wie gespenstische Laser, wie Schnappmesser, diese Pikadons. Schwer legten sich mir Hände auf die Schultern, ließen mich jeden Gedanken an Flucht vergessen.

Wie ihre Herrin, Madame Kito, die Mama-san des Nana Plaza, die Drachenlady mit drei Generälen und einem Minister in ihrem Bett, waren die Pikadons die Töchter eines Japaners und einer Gynoiden. Bijouterie wurden sie genannt: Hybridjuwelen, im Unterschied zur kostbaren Joaillerie.

»Jungchen weglaufen.«

»Böser Bube. Madame dich vermissen.«

»Und Primavera. Arme Primavera. Vermissen dich auch.«

»Schreiben dir Liebesbrief, nein?«

»Primavera«, sagte ich, »hat mir das Leben zur Hölle gemacht. Ich gehe nicht zurück. Ich hab genug vom Töten.«

»Aber du töten gern, Mr. Ignatz, nein?«

Wollt ihr wissen, wie gerne?, dachte ich bei mir. Wenn ich eine Waffe gehabt hätte, selbst mein Skalpell, dann vielleicht ... Aber die Zwillinge trugen künstliche Spinnenseide am ganzen Körper, ein mitternachtsblaues Gewebe aus E. coli, das ebenso stark und lichtbrechend war wie die Fasern lasersicherer Westen.

Warum versuchten sie nicht, mich umzubringen?

»Primavera nicht mit anderen Jungen arbeiten.«

»Madame haben versucht ...«

»Primavera lieben Mr. Ignatz. «Die Zwillinge betrachteten die Schnörkel und Riefen ihrer Fingernägel, ihre Augen so kalt wie Mondsicheln. »Jede Pistole brauchen Finger an Abzug, Mr. Ignatz. Aber wenn du wollen gehen, vielleicht Madame lassen Primavera gehen. Nach Hause. Nach England.«

Kito war auf Primavera angewiesen. Primavera war die Primadonna der Killer von Bangkok. Eine Superschurkin. Hep Cat Shun ‒ tot. Terminal Wipes ‒ tot. Rip-Dot Delay ‒ tot. Ich war nur ihr Begleiter, nur Tarnung. Die Zwillinge blufften. Sie waren eifersüchtig. Je billiger die femmes, dachte ich bei mir, desto billiger die fatales.

»Kleine englische Halbpuppe.«

»Lilim.«

»Selbstreproduzierende Cyborgblutsauger, nicht wahr?«

»Totes Mädchen.«

»Mischpoke.«

»In Land der Hoffnung und der Herrlichkeit niemand mag Primavera, niemand mag Lilim.«

»Wenn Madame zur Polizei ...«

»Polizei Freunde von Madame!«

»Wenn Primavera gehen nach Hause ...«

Bang (oder Boom) drückte sich einen langen Fingernagel in den Unterleib.

»Schlitz!«

»Schrei, kleine Puppe.«

»Schrei sexy-sexy!« Die Zwillinge fingen an zu lachen.

»Aber darüber Sie wissen Bescheid, Mr. Ignatz.«

»Nicht wahr?«

Ich schüttelte den Kopf. Ich hätte auch gerne gelacht, sie verspottet. Aber es ging nicht. Ich hatte Maulsperre. Die eitle, gemeine, treulose Kito: Würde sie ihre kleine Ninja wirklich nach Hause schicken? Dort wartete die Puppenklinik auf sie. Aber warum hatte sich Primavera geweigert, ihre Arbeit zu tun? Sie liebte mich nicht mehr. (Hatte sie mich jemals geliebt?) Sie liebte nur das Blut, das Morden. Ihre Metamorphose war abgeschlossen. Meine Kleine würde nicht lange trauern müssen: Kito würde ihr einen anderen Kavalier suchen. Jemanden, bei dem sie sich auf Partys einhaken konnte, der sie ins Hotel brachte, an die Bar begleitete. Eine Maske. Ein menschliches Gesicht.

Eine der Zwillinge zauberte eine Zeitschrift aus ihrem Dekolleté.

»Madame Kito.«

»Ihr Leben, ihre Zeit.«

»Sonderausgabe. Seite neunundsechzig. Botschaft für Mr. Ignatz. Schauen ...«

Seite neunundsechzig, die Doppelseite in der Mitte, zeigte das Diorama eines Penthouses, das an einem Miasma von Kitsch erstickte: italienischer Marmor, Kunstdrucke von Dschungelkatzen, Springbrunnen, Möbel im Stil aufgewärmter Art Nouveau und Art Déco, Konzernkunst, Konzernspielzeug ‒ die Kulisse, so schien’s, für eine Seifenoper von außergewöhnlicher Geschmacklosigkeit. Die Zwillinge strichen mit den Händen über die Fotografie. Von ihrer biochemischen Signatur aktiviert, nahmen zwei Figuren Gestalt an und betraten die papierne Bühne. Sie bewegten sich. Bildautomateusen. Primavera und Madame K.

Sie setzten sich auf eine Chaiselongue mit Tigerstreifen ‒ Schulmädchen und Matrone. Jemand, der nicht damit vertraut war, wie sich die Stammbäume von Hybriden im Osten und Westen voneinander unterschieden, hätte angenommen, dass die Frauen miteinander verwandt waren. Beide hatten sie grüne Augen, volle Lippen und in Brennöfen lasierte Haut, die auf die Qualitätsarbeit von Cartier schließen ließen. Doch während die Puppe, von der Kito abstammte, wie alle Puppen im Big Weird in Bangkok eine Imitation gewesen war, konnte Primavera ihre Vorfahren mütterlicherseits bis zu den sagenhaften Automaten der Belle Époque Europas zurückverfolgen. Kito fuhr ihrem Schützling über das wasserstoffblonde Haar wie die böse Stiefmutter in Tausenden von Märchen. Sie konnte Bijouterie nicht leiden, die das Cartier-Emblem mit größerer Berechtigung für sich beanspruchen konnte als sie. Ihr Snobismus stand ihrer Bösartigkeit in nichts nach.

»Meine kleine englische Rose«, piepste Kito, ihre Stimme ‒ ganz im Gegensatz zu ihrem üblichen rauchigen Tenor ‒ dünn und verzerrt. »Aber was sein England doch für ein scheußliches Land.«

»Sie will mich abschieben lassen, Iggy«, sagte Primavera. »In die Heimat. Sie meint es ernst. Du weißt, dass alle meine Papiere falsch sind. Wie deine auch. Sie muss nur ihren Freunden Bescheid sagen. Komm zurück, Iggy. Komm zurück in den Big Weird. Ich vermisse dich. Wir werden viel Spaß zusammen haben. Wie früher.«

Primavera war eine melodramatische kleine Puppe. Sie trug ein bauchfreies T-Shirt, das sie zur Miss Nana ’71 erklärte (eine Lüge). Das dritte Auge ihres Nabels spielte Verstecken mit der Kamera, während sie sich zitternd bemühte, nicht in bittere Tränen auszubrechen.

»Ab in die Leichenhalle, Mr. Ignatz. Aufgespießt. Tzepa, wie ihr Engländer sagen. Gut, dass meine Pikadons dich finden. Ein Junge wie du haben keine Ort, wohin er fliehen. England jetzt ganz schlimm. Englische Roboto verrücktspielen. Puppe beißen Mann, Mann ficken Frau, und Frau kriegen Kind. Und Kind werden Puppe. Leute sagen, bald nur noch Puppen in ganze Welt. Nur noch Lilim.«

»Primavera hat alles getan, was Sie von ihr verlangt haben«, murmelte ich. »Nur weil sie einmal ein Mensch war...«

»Und ich nie Mensch? Das du wollen sagen, Mr. Ignatz?« Meine Hand zuckte von der Seite zurück ‒ die Zeitschrift lief mit interaktiver Software. Kito stand auf und ging zur fehlenden Wand der Vorbühne hinüber; ihr geishaweißes Gesicht nahm die ganze Seite ein. »Natürlich«, sagte sie. »Meine Mae war Roboto. Ich halb Maschine bei Geburt. Nanoingenieur in Bangkok nehmen Fötus als Vorlage ‒ Puppen nicht werden gezüchtet Atom um Atom wie in Land der Farang. Manchmal, nur manchmal, siamesische Roboto ovulieren.« Eine Augenbraue zuckte wie das Flattern eines Schmetterlingsflügels, das ein Unwetter auszulösen droht. »Aber Primavera ...« Ihre Lippen kräuselten sich, in der Ferne rollte Donner. »Oi! Ich mich erinnern, vor zwanzig Jahren Puppenplage beginnen. Nicht mit uns billige gefälschte Charliepuppe; nein, das Farang-Roboto, echte Cartier, kriegen Virus, werden verrückt, stecken Menschen an. Wenn jetzt kleine englische Mädchen kommen in Pubertät, sie auch werden Roboto. Du glauben, ich so sein wollen wie Primavera, Mr. Ignatz? Laufen durch Wände? Springen über Auto? Spucken Tod? Fliegen? Primavera sich reproduzieren. Ich steril, Maultier. Aber meine Software nicht scheiße verrückt ...«

Das Unwetter zog ab. Kitos Gesicht verschwand, und Primavera kam zurück ins Bild. Sie hatte sich wieder ihrer Kleinmädchenhysterie hingegeben, stampfte auf den Boden und raufte sich die Haare.

»Nicht den Tzepa. Iggy! Bitte!«

Primavera dramatisierte immer alles ...

Hinter dem Stillleben des Apartments, hinter dem Panoramafenster, lag der Nana Plaza unter einer verheerenden Sonne, die am Himmel stillstand, in Raum und Zeit gefangen, für immer ohne Nacht. Nacht. Ha! Sofort wären die narzisstischen Kapitalisten zur Stelle, die kriegerischen Kaufleute, die Europa ‒ das »Empire de luxe« ‒ geplündert und sich mit ihren Ideen davongestohlen hatten, mit ihren Namen, ihren Plänen, um sie auf dem Markt der Diebe zu verkaufen, zu dem der Nana Plaza geworden war. Die Straßenverkäufer boten die zerstörten Träume Europas feil, ein Elsternhort nachgeahmter Objets und Couture: psychotrope Parfums von Chanel, extraterrestrische Juwelen von Tiffany und, den Schnitten eines Armani oder Lacroix, eines de Ville, de Sade oder Sabatier täuschend echt nachempfunden, Dermaplast, künstliche Haut ‒ die geächteten Farang-Textilien, aus lebenden Gewebekulturen gewoben. Dann würden Kitos Gynoiden ‒ Cartier und Rolex, Seiko, Gucci und Swatch ‒ aus ihren vakuumversiegelten Kisten steigen, Fleisch gewordene Versprechen, um die groteskesten Wünsche zu erfüllen. Und darum ging es Kito. Sie wollte Nana Plaza in eine Pornokratie der urheberrechtlich geschützten Zuhälter und Technoluden verwandeln; in eine Insel, auf der das raubkopierte Treibgut eines schiffbrüchigen Europas in neuem Glanz erstrahlte; in eine Verklärung aller nur denkbaren Fälschungen.

Und Primaveras Flehen, dieses SOS einer Puppe, die an menschlichen Ufern Schiffbruch erlitten hatte, war das auch nur vorgetäuscht? Eine Bildautomateuse hatte begonnen, Drinks zu servieren.

»Du immer so ein Gentleman«, sagte Kito. »Ich immer denken, alle Engländer ...«

Ich schlug die Zeitschrift zu, zermalmte die staubdünnen Prozessoren darin. Dann suchte ich das Titelbild nach dem Datum ab. Auch nach drei Jahren in Bangkok waren meine Sprachkenntnisse bestenfalls rudimentär. Ich mühte mich, die lodernden Zungen der thailändischen Schriftzeichen zu entziffern; die Pikadons gähnten.

»Das Magazin von gestern, Mr. Ignatz.«

»Primavera noch immer im Weird ...«

Ob Kitos Drohungen nun ernst gemeint waren oder nicht, sie boten mir jedenfalls einen Vorwand. (»Haltet die Klappe!«, fauchte ich die ‒ guten oder bösen ‒ Engel an, die mir »Trick! Schwindel!« ins Ohr flüsterten.) Vielleicht hatte ich während meiner Flucht genau darauf gewartet: auf einen Vorwand, zurückkehren zu können. Ich war ein Puppenjunkie; mein ganzer Körper sehnte sich nach den Küssen eines toten Mädchens. Nach Vampirküssen. Ich war ihr völlig verfallen.

Nicht den Tzepa. Iggy! Bitte!

Ein Hilferuf, der über ein von Begierden verwüstetes Kriegsgebiet hinweghallte. Sollte ich mich wieder ins Niemandsland begeben? Draußen schwankten Kokospalmen im Rhythmus fremdartiger Gezeiten. Primavera war hier, sogar hier, ihr Hunger der eines Hundes, der an den Überresten der Welt nagt; ihre Verstohlenheit das Trippeln einer Kakerlake. Flucht! Steh auf ‒ schnell, bevor ... Aber über mit Sternen bedeckte Reisfelder hinweg greift sie nach mir; wie eine Schlange spannt sie ihren Oberkörper, schnellt vor und ...

Primavera war zwölf gewesen; ihre DNA hatte mit der Rekombination begonnen. Im Unterricht saß sie vor mir, und in ihrem langen blonden Haar zeigten sich die ersten cartierschwarzen Strähnen. Primavera Bobinski. Da sagte eine Mitschülerin, deren Puppenmetamorphose ähnlich weit fortgeschritten war, etwas mit albernem Unterton zu ihr. Primavera schüttelte den Kopf. Während der ganzen Schulstunde ‒ Theologie? Geschichte? Geografie? ‒ tauchten auf ihrem Tisch kleine Zettel auf, an sie weitergereicht von Mädchen, die wie sie den grünen Stern der Rekombinanten trugen. Ich wurde allmählich nervös. Hatte ich Primavera zu lange angestarrt? War ich ihr zu oft die endlosen Korridore entlang gefolgt oder nach dem letzten Läuten durch den Park? Jetzt wurde die Angebetete jedenfalls dazu angestachelt, sich zu rächen. Schließlich gab sie nach, wie um zu zeigen, dass sie durchaus in der Lage war, eine Mutprobe zu bestehen. Sie wartete, bis unser Lehrer den Blick abwandte, drehte sich um, beugte sich ganz nahe zu mir nach hinten, entblößte die Zähne und schlitzte mir mit einem ihrer erst seit Kurzem vorstehenden Eckzähne die Lippe auf. »Oh?«, hauchte sie mit keckem Londoner Akzent, ihr Gesicht eine überhebliche Totenmaske. »Habe ich dir wehgetan?« Ihre Freundinnen lachten. Ich legte die Hand an die Lippen; spürte Blut; wurde puterrot.

Liebte ich sie immer noch?

London, Marseille, Bangkok. Vom Seven Stars zu den sieben Weltmeeren. Drei Jahre ist das jetzt her. Flucht! Wir hatten unser Leben, so unbedeutend es auch sein mochte, auf der Flucht verbracht. Aber der Verstand und die Sinne verfügten über Wachtürme, über Maschinengewehre und Bluthunde, vor denen es kein Entrinnen gibt.

»Nicht so schlecht für dich, Mr Ignatz.«

»Ein Team, du und Primavera.«

»Ihr beide aus Land von Sex und Tod.«

»Kommen in Land des Lächelns!«

»Du bei Madame bleiben.«

»Madame sagen, nur noch ein Auftrag, Mr Ignatz.«

»Jing-jing, Mr Ignatz, du wollen nicht fortgehen.«

»In Europa alles stinken.«

Es gab kein Entkommen. Ich war besessen. Und vor was war ich eigentlich geflohen? »Bastard«, flüstert sie, »Scheißkerl, Heuchler, Schnösel. Du hast mich zu dem gemacht, was ich bin. Du hältst dich wohl für etwas Besseres als sie? Als die Drogenfresser. Die Medicine Heads. Die Reinheitsfront. Aber ich weiß, was dir gefällt ...« Ich hebe eine Hand an die Lippen; wieder klebt dort Blut; wieder werde ich rot und spüre Begierde und Hass in mir aufsteigen.

»Ich komme«, sagte ich zu den Pikadons. »Natürlich komme ich.«

Uns Engländern ist Fatalismus zur zweiten Natur geworden.

2Wein und Rosen

Wir saßen im Londoner, einem neu eröffneten Restaurant mitten im Weird, das die Morbidität der Nachtschwärmer Bangkoks zu befriedigen suchte. »Wenn das Kitos Vorstellung von einem Scherz ist«, sagte Primavera, »dann ...« Ein Aufschrei unterstrich, schrill und mädchenhaft, ihre empörten Worte, gefolgt von sanftem Applaus.

Die Tische waren um eine kreisförmige Arena herum angeordnet. In dem kleinen O in der Mitte wurde auf drei Seziertischen aus Marmor, die wie die Speichen eines Rades im selben Abstand voneinander platziert waren, Leben und Tod im England unserer Tage eindrücklich zur Schau gestellt. Auf jedem Tisch wand sich eine Gynoide in gespielter Pein nackt auf dem Bauch, die Handgelenke an einen Eisenring gefesselt; aus ihrem Rücken ragte eine funkelnde Nadel.

Ihr gedämpftes Seufzen verschmolz mit den leise geführten Gesprächen, dem Klappern des Bestecks, dem Knallen der Korken.

»Soll das heißen, dass du dich gar nicht geweigert hast zu arbeiten? Dass Kito gelogen hat, als sie sagte, dass sie dich nach England zurückschicken würde? Und dass du ebenfalls gelogen hast?« Verzeiht, meine Engel. Das nächste Mal höre ich auf euch.

Primavera rutschte auf ihrem Stuhl hin und her und stocherte in ihrem Eisbecher, der so blond war wie ihre gefärbten Haare und ihre Haut. »Jetzt reg dich doch nicht so auf! Ich habe dich einfach gern in meiner Nähe. Das war nur eine kleine Notlüge. Und überhaupt hat es Madame mir befohlen. Und was Madame sagt ...«

Ich schaute mich in dem Restaurant um. Unter dieser scheußlichen Theatralik schwärte irgendetwas; etwas Reales, etwas noch Scheußlicheres; ein Schnitt, und der Eiter würde herausquellen.

Ich war heute Nachmittag am Nana Plaza eingetroffen. Kito hatte sich nicht herabgelassen, mich zu empfangen; stattdessen hatte mich Mr. Jinx instruiert, ihr Assistent. Nein, Kito sei nicht wütend; ein letzter Auftrag, hatte er gesagt, und dann wären wir frei von allen Verpflichtungen. Darauf folgte mein Wiedersehen mit Miss Blutsauger ’71. Ohne Worte, nur Sexspiele (Pflaster klebten mir auf Brust und Leisten); schließlich waren wir losgezogen, und alles war wieder in Ordnung gewesen. Unser intimes Dinner wurde nur von den vorgetäuschten Todesqualen Englands gestört, während ich kurz davor stand, Primavera zu gestehen, wie abhängig ich von bestimmten Küssen war, und ihr zu versprechen, dass ich sie nie wieder verschmähen würde. Sie hatte längst ihre Siegesbeute eingefordert: meine Würde und meinen Stolz.

»Ich weiß, dass du mich nicht liebst, Primavera, aber warum musst du mich so demütigen?«

»Ich hab dir doch gesagt, du sollst dich nicht aufregen!« Sie schob ihren Eisbecher beiseite. »Eigentlich dürfte ich dir das gar nicht erzählen. Aber schließlich bist du ja zurückgekommen ... Na gut, es war ein Spiel, eins von Primaveras kleinen Spielen. Madame hat gesagt, dass du mich liebst; ich hab ihr widersprochen. Sie hat behauptet, sie kann es beweisen ‒ du würdest zurückkommen, wenn du glaubst, dass ich in Schwierigkeiten stecke. ›Wollen wir wetten?‹, hab ich da zu ihr gesagt.« Überraschung, Schmerz, Boshaftigkeit, ein schlechtes Gewissen ‒ Primavera konnte gleichzeitig die Betrogene spielen und wie eine Frau dreinblicken, die dabei ertappt wird, wie sie ihren Liebhaber vergiftet. »Iggy«, sagte sie mit gespielter Wehmütigkeit, »warum bist du weggelaufen? Bin ich wirklich so schlimm?«

»Dass Kito mich verfolgen lässt, kann ich ja verstehen«, erwiderte ich. »Ich kann auch verstehen, dass sie mir diese Killerinnen auf den Hals hetzt ‒ ich weiß einfach zu viel. Aber warum hat sie mich nach Bangkok zurückgeholt? Wenn du auch ohne mich arbeitest, braucht sie mich doch gar nicht!«

Primavera ‒ von jedem Drehbuch gelangweilt, in dem sie nicht die Hauptrolle spielte ‒ ließ ihren Blick von der Show zu der Galerie aus Zeitungsausschnitten an den Wänden schweifen: Schlagzeilen und Fotografien aus der englischen Regenbogenpresse. Unter Dutzenden unscharfer Pin-ups aufgespießter junger Mädchen standen Textzeilen wie: »Tatyana, 16, aus Brixton: Alle ihre Freundinnen sind mit der Reinheitsfront aneinandergeraten. Nach dem Wahlsieg der RF wurde auch sie ausgeweidet! Jetzt weiß sie, was es heißt, Bauchschmerzen zu haben! Verstanden, Tatyana? Wir wünschen einen schönen Tag auf dem Spieß!« Unter einem Entlüftungsgitter flatterte ein (seit der Auflösung des Königreichs einfarbiger) Union Jack wie auf dem Turm eines Außenpostens am Ende der Welt.

»Primavera ‒ ich rede mit dir!«

»Das war nicht nur geflunkert«, sagte sie, zwischen Verbitterung und Launenhaftigkeit hin und her gerissen. »Ich freue mich wirklich, wenn du da bist. Aber ich liebe dich eben nicht; ich bin eine Lilim ‒ wir ticken da anders. Aber manchmal vermisse ich dich schon.« Sie erschauderte. »Du stellst mir immer so interessante Jungs vor.«

»Irgendetwas riecht hier faul.«

»Und ich«, sagte sie und beugte sich über den Tisch, »rieche das Blut eines Engländers.« Ihre rote Zunge glitt über eine lange Reihe spitzer Zähne.

»Setz dich hin«, murmelte ich, »und mach den Mund zu. Möchtest du, dass das jemand sieht?«

»Aber es gefällt dir doch, Iggy! Und du weißt, dass es nur ein klein wenig wehtut.«

Wie hübsch sie war! Bevor sie jemanden tötete, war sie immer am großartigsten. Heute Abend trug sie ein schwarzes Cocktailkleid aus Dermaplast, das sich an sie schmiegte wie die abgeschürfte, aber noch immer lebendige Haut einer Schönheitskönigin aus Harlem. Mit ihren fünfzehn Jahren (sie war genauso alt wie ich, aber meine Anämie ließ mich älter erscheinen) und ihrer milchweißen Blässe war sie der Fleisch gewordene Traum femininer Sünde: verhasst, weil begehrt; begehrt, weil verhasst. Sie war der Traum unseres Zeitalters.

An einem benachbarten Tisch hatten japanische Geschäftsleute einen Kellner gerufen. »Die da ‒ sie tot ‒ wir bekommen neue, ja?« Der Kellner, der einen Operationskittel, Gummihandschuhe und Mundschutz trug, sorgte dafür, dass eine frische Gynoide ihre kataleptische Schwester ablöste. Ihre Programmierung simulierte die obligatorische Ängstlichkeit. Auf allen vieren, die Hände angekettet, die Stahlnadel auf die rituelle Stelle genau zwischen Schamhügel und Bauchnabel gerichtet, blieb der verurteilten Puppe nichts anderes übrig, als erwartungsvoll zu zittern, bis der Kellner sie an den Füßen packte und daran zog ... Die Geschäftsleute, die Augen in unterschiedlichen Stadien voyeuristischer Erleuchtung zusammengekniffen, klatschten und pfiffen in trunkener Schadenfreude.

Gott, hat Einstein einmal gesagt, würfelt nicht; Primavera dagegen schon. Ihre grünen Augen wurden größer, strahlender, während sie sich auf etwas jenseits der Wände des Restaurants konzentrierten, jenseits des Big Weird, jenseits der Welt. Einen Moment lang hielt das Universum den Atem an, und die Realität existierte nur noch in diesen Augen, hinter denen sich grenzenlose Möglichkeiten verbargen. Für Primavera war das Universum ein abgekartetes Spiel. Wenn die Würfel fielen, richteten sie sich nach ihrem Willen.

Gläser explodierten, Singha-Bier und geborstenes Glas regneten auf die Japaner herab. Kellner tupften ängstlich besudelte Anzüge ab und zupften Splitter aus mit Bier durchtränktem Haar. Das Feuer in Primaveras Augen erlosch, zurück blieb eine schwelende Glut. Newton und Einstein regten sich unruhig in ihren Gräbern.

»Mitten durch ihr Uhrwerk, Iggy. Mitten durch ihre Matrix! Darüber hätten sie nicht lachen dürfen.«

Der Bauch einer Puppe (sagen die Lilim) ist heilig; er ist die Wiege der Ungewissheit; der Quell der Unvernunft; der quantenmechanische Sitz des Bewusstseins.

»Manchmal«, sagte Primavera, »manchmal sind mir Jungs zuwider.«

»Tja, morgen Abend werden sie sich wohl mit der Soi Ginza zufriedengeben. Jetzt aber Schluss mit den Spielchen ‒ er ist gerade hereingekommen.« Ein hochgewachsener Farang in einem maßgeschneiderten Anzug wurde an einen Tisch ganz vorne geführt.

»Ist das der Junge, den ich töten darf? Solche mag ich ganz besonders.«

»Antoine Sabatier. Ein Pariser Modeflittchen. Er ist sauer auf Kito, weil sie seine Designs geklaut hat. Er hat bei der ASEAN Klage gegen sie eingereicht.«

»Soll ich es hier tun?«

»Wenn es dir nichts ausmacht, dein neues Kleid mit Blut zu besudeln?«

»Meine Tischmanieren sind tadellos. Aber kann ein Mädchen nicht einmal mehr in Ruhe zu Abend essen?«

»Ich suche uns später einen netten Imbiss.«

»Aber Iggy, du hast das Töten doch so satt, schon vergessen?«

Ich klopfte ganz leicht mit einem Löffel gegen ein Glas, damit das Herumgekaspere endlich aufhörte. »Wir müssen nur warten, bis der maître de ... Da. Er wird ans Telefon gerufen. In ein Hinterzimmer. Genau wie Mr. Jinx gesagt hat. Komm, los ... okay, er geht hinaus.«

Primavera ließ ihre blondierte Mähne fliegen ‒ sie war bereits aufgestanden. Hastig nahm sie einen Spiegel aus ihrer Handtasche und zog ihren Lippenstift nach. Dann tupfte sie sich ein wenig von ihrem Lieblingsparfum Virgin Martyr hinter die Ohren.

»Für dich, Titania, reizende Königin der Puppen«, flüsterte sie und berührte die Brosche an ihrer linken Brust ‒ ein Pentagramm aus Smaragden, das Symbol wiedergewonnenen Stolzes und vielleicht das Einzige, was sie besaß, an dem sie wirklich hing. Ich schaute ihr nach und verfolgte, wie sich die beiden vertikalen Strumpfnähte an ihren Waden wie die exotischen Zeichnungen eines seltenen und tödlichen Reptils zwischen den Tischen und Stühlen hindurchschlängelten. Die Türen, die zur Küche und zu den Toiletten führten, schlossen sich hinter ihr. Bon appétit, kleine Hexe, dachte ich bei mir.

Ein philippinisches Quartett hatte eine Coverversion von »Oh doctor, doctor, I wish you wouldn’t do that« angestimmt, dem neusten Hit der englischen Zygodiddly-Band Imps of the Perverse. Die Kellner hatten ihren Mundschutz hochgezogen und waren in die Rollen verrückter Gynäkologen geschlüpft. Sie führten zwischen den Tischen unsägliche Pantomimen auf. Ich versteckte mich hinter der Speisekarte ‒ Fish ’n’ Chips, Pie ’n’ Eel, Steak ’n’ Kidney Pudding (Blei hat die Römer in den Wahnsinn getrieben) ‒ und setzte den Kopfhörer auf, der an meinem Stuhl hing. »... die wundervollen sorglosen Tage der Aube du millénaire waren vorbei: England machte sich auf das gefasst, was ihm bevorstand ...« All die Filme, die sie uns in der Schule gezeigt hatten: Hamlet, Richard III., Henry V.! Der Sprachgenerator war auf Olivier eingestellt. Ich wählte etwas anderes und drückte auf Play.

»Europa während der Aube du millénaire, ein historischer Zeitabschnitt, der gelegentlich mit der Belle Époque unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg verglichen wird, verleibte sich das sterbende Sowjetreich ein und wurde zum Dreh- und Angelpunkt der Weltwirtschaft. Ohne zu versuchen, mit dem rein auf Produktion ausgerichteten pazifischen Block zu konkurrieren, den Japan und sein Juniorpartner Amerika dominierten, bestimmte Europa künftig, was als elegant galt und was nicht. Es wurde zu einem Modeimperium, zu einem Luxusgüterkonglomerat, das sich ganz der Aufgabe widmete, das narzisstische Streben der Reichen nach Gesundheit, Schönheit und Langlebigkeit zu befriedigen. Das Ziel lautete grenzenlose Miniaturisierung: die Schöpfung von Dingen, die die entwurzelten Neureichen, die Karrieristen des Informationszeitalters, bei oder in sich tragen konnten, um ihren gesellschaftlichen Wert und Status zu definieren. Diese Dinge verloren zunehmend jegliche Funktion und wurden zu objets, und das Empire de luxe wurde zu einem magischen Spielzeugladen, wo die Wunschträume der Erwachsenen erfüllt wurden. Und unter all diesem Kitsch war nichts so begehrt wie die Automata.

Der Cartier-Automat wurde von dem Mann entwickelt, den wir heute nur als ›Dr. Toxicophilous‹ kennen, und gehörte zu einer Baureihe, die den Namen L’Eve Future trug. Von 2034 bis 2043 in Paris und London produziert, war diese Serie der Versuch, eine Synthese zwischen der Welt der klassischen Physik und der submikroskopischen Quantenwelt herzustellen. Wie auch damals schon lange bekannt war, unterscheidet sich das menschliche Gehirn grundlegend von jeder künstlichen Intelligenz, weil es gelernt hat, sich Quanteneffekte nutzbar zu machen. Mithilfe von Nanotechnologie setzte Toxicophilous seine Maschine aus immer kleineren Komponenten zusammen; er manipulierte Partikel und Wellen. Dieser Vorgang, den Toxicophilous als ›fraktale Programmierung‹ bezeichnete und bei dem Hardware und Software nicht mehr voneinander zu trennen waren, brachte zwar keine menschliche Intelligenz hervor, dafür aber ein Gehirn, ein Automatenbewusstsein, das als Brücke zwischen klassischen und mikrophysikalischen Welten diente, ein Bewusstsein, das ›Quantenmagie‹ manifestierte.

›Kunststücke‹, sagte der Erfinder von L’Eve Futur, ›das ist alles, was sie zustande bringen: Kabinettstückchen. Feux d’artifice!‹ Aber schon damals waren ihre Programme vor allem von Mühen und Macken bestimmt ...«

Nichts Neues. Dasselbe Zeug, das sie uns auch in der Schule eingetrichtert hatten. Ich drückte auf Schnellvorlauf.

»Die Lebensdauer von ... Für die Puppen ist es unumgänglich, sich über einen menschlichen Wirt fortzupflanzen ... infiziert Männer durch ...«

Ein Farang hatte sich auf Primaveras Stuhl niedergelassen. »Da ist besetzt«, sagte ich und nahm den Kopfhörer ab.

»Sie müssen mir verzeihen.« Ein Amerikaner, der schleppende Akzent der Konföderierten; ein Nobodaddy-Somatotyp mit weißen Haaren und Bart. »Ich wollte schon immer einmal einen Engländer kennenlernen, und der Kellner hat gesagt ...« Ich war ein Slowake der zweiten Generation: Welcher Thai wäre in der Lage gewesen, die mitteleuropäische Verfälschung meiner Ostlondoner Vokale zu erkennen? Mein Akzent war so unerforschlich wie Primaveras balkanisierter Cockney.

»Ich bin kein Engländer«, sagte ich.

»Aber der Kellner war sich völlig sicher!«

»Ich stamme aus der Slowakei.«

»Da lebt noch jemand?« Er unterdrückte ein Lachen und verzog angewidert das Gesicht, als hätte er einen Schleimklumpen verschluckt. »Tut mir leid, das war nicht komisch.«

»Meine Schwester kommt jeden Moment ...«

»Arme Mädels.« Er hatte sich der Theateraufführung zugewandt. »Ich weiß, dass das nur Maschinen sind, aber was ist mit den jungen Frauen drüben in England? Wie heißen die noch mal? Ach ja, Lilim.« Er deutete auf eine Gynoide, die einen Todesorgasmus vortäuschte, wobei sie eher einer Gymnastin, einem Schlangenmenschen oder einer Tänzerin ähnelte als einem grausam misshandelten Mädchen. »Herrschaftszeiten, die ist doch nicht älter als meine Tochter!« Er streckte den Arm aus und zeichnete Kringel in eine Bierlache auf dem Tisch.

Ich blickte auf die Uhr. Primavera war jetzt zehn Minuten fort. Das war lange für sie. Nach wochenlanger Abstinenz würde sie ihren Freier in aller Ruhe abmurksen. Mit ihm spielen. Das Flittchen bis auf den letzten Tropfen aussaugen. Ich beschloss, den Störenfried bei Laune zu halten; irgendwie musste ich mich von meiner Eifersucht ablenken.

»Er ist äußerst sparsam«, sagte ich.

»Verzeihung?«

»Der Inhaber: Er achtet darauf, für seine Gynoiden nicht zu viel Geld auszugeben. Diese Mädchen gehören zu einer ganzen Charge von Gigoletten aus zweiter Hand ‒ sie stammen aus den Diskotheken des Big Weird. Seiko-Imitationen, würde ich sagen. Sie sind hergerichtet worden, damit sie wie Lilim aussehen, aber man kann die Münzeinwurfschlitze zwischen ihren Brüsten sehen.«

»Ja, das stimmt.«

»Zehn Baht pro Boogie«, sagte ich. »Das waren noch glückliche Zeiten.«

»Hören Sie, es tut mir leid, dass ich Sie belästigt habe, Mr. ...« Ich ging nicht darauf ein. »Ich darf Ihnen doch noch einen Drink spendieren, bevor ich gehe.« Er rief nach einem Kellner. »Junge, Junge, das wäre wirklich toll, wenn Sie Engländer wären. Immerhin sind es jetzt fünf Jahre, seit mein Land wieder diplomatische Beziehungen aufgenommen hat. Vielleicht kann ich der Insel ja irgendwann mal einen Besuch abstatten!« Zwei Biere wurden serviert. »Jack Morgenstern«, sagte er und streckte die Hand aus, während er mit der anderen ordentlich Trinkgeld gab. »Prost! Hoffen wir, dass es mit diesem traurigen kleinen Land unter der Reinheitsfront wieder etwas aufwärtsgeht.«

Ich trank einen Schluck Bier. »Die Führer der Reinheitsfront«, sagte ich, »sind Abschaum.« Morgenstern strich nervös an seinem Glas auf und ab.