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Eine Ehe in der Krise. Der tyrannische Ehemann verschwindet, bevor sich seine Frau mit ihm aussprechen kann. Als sie herauszufinden versucht, was passiert ist, geschehen unerklärliche Dinge. Die Polizei kann ihr nicht helfen. Nur die beste Freundin steht Anne zur Seite. Aber ... ist sie wirklich vertrauenswürdig? Dann überschlagen sich die Ereignisse. Das Böse kann man hören, aber nicht sehen. Anne macht sich auf den Weg in die tote Stadt - bereit zum erbitterten Kampf. Hat sie wirklich eine Chance? Brigitte Burgert fesselt den Leser mit einer Geschichte, die eine Frau brutal aus ihrem Alltag reißt und ihr beinahe übermenschliche Kräfte abfordert. Dabei zeichnet sie das Bild einer starken Frau, die entschlossen ist, für das Liebste, das sie hat, zu kämpfen - selbst auf die Gefahr hin, alles zu verlieren ...
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Seitenzahl: 453
Veröffentlichungsjahr: 2020
Brigitte Burgert wurde in Stalinstadt (dem heutigen Eisenhüttenstadt) geboren, wo sie auch ihre Kindheit und Jugend verbrachte. Bereits früh begann sie, Kurzgeschichten und Gedichte zu schreiben, von denen einige veröffentlicht wurden.
Daneben gehörte ihre große Liebe dem Kanurennsport. 1968 errang sie gemeinsam mit Marieta Besançon auf dem sächsischen Knappensee den Deutschen Meistertitel im Zweier-Kajak und ging im selben Jahr auch bei der Spartakiade in Berlin-Grünau als Siegerin hervor.
Brigitte Burgert lebt nach wie vor in Brandenburg. Auf langen Spaziergängen mit ihrer Hündin Abby entlang der Oder lässt sie sich inspirieren. So entstand auch die Idee für den Thriller »Tote Stadt«, den sie im April 2020 veröffentlichte.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Epilog
Sie sah in den Spiegel, suchte und fand den Blick ihres Ebenbildes, dessen Augen rot umrandet, tief in den Höhlen lagen. Sie kannte die Frau nicht, die ihr entgegenstarrte. »Deine Augen sind so grau wie das Meer, wenn der Sturm beginnt.« Ihr Konterfei lächelte müde. Diese Worte stammten aus einer Zeit, in der ihr Leben noch eine gewaltige Symphonie gewesen war. Wie lange war das her … hundert Jahre? Oder noch mehr? Sie trat näher an den Spiegel, beugte sich dicht heran und hielt ihren Blick gefangen, versenkte sich in ihn. »Dein Mund ist so weich, er ist zum Küssen gemacht«. Dann betrachtete sie ihre Lippen und befeuchtete sie mit der Zunge.
Die Frau im Spiegel tat ihr leid. Ihr Mund würde sich nie wieder öffnen, nicht für einen Kuss, nicht für ein Lachen, welches davon geflogen war wie ein scheuer Vogel. »Deine Wangen sind zart und rosarot, sie laden zum Streicheln ein«. Sie hob die Hände, führte sie an ihr Gesicht und strich sanft darüber. Immer noch schnitt die Frau im Spiegel schlecht ab. Ihre Wangen waren blass. Die Jochbögen stachen spitz hervor.
Ich muss die Frau erlösen, dachte Anne Gartner. Sie wird unglücklich sein, wenn sie sich so sieht.
Anne nahm einen Lippenstift aus der Schublade und begann, ihr Spiegelbild zu übermalen. Zuerst die Augen. Bald waren sie verschwunden. Tote Augen müssen nicht mehr sehen! Anne fühlte sich besser. Jetzt die Nase, die Wangen, den Mund. Wild schmierte sie drauflos. Halt!
Die Nase kann sie behalten, die ist schön und darf ruhig von jedermann betrachtet werden.
Sie beendete ihr Werk. Für einen kurzen Moment schweiften ihre Gedanken in längst vergangene Zeiten. Du bist unbeherrscht, hörte sie die Stimme ihrer Mutter. Lerne endlich, deine Gefühle in den Griff zu bekommen!
»Ja, Mama«, antwortete sie ihrem bizarren Spiegelbild. Hörbar stieß sie die Luft aus ihren Lungen und ließ den Blick durch das Badezimmer schweifen, als sähe sie es zum ersten Mal. Sie betrachtete die zartgelb gefliesten Wände, die bis zur Zimmerdecke hinaufreichten und nur durch eine schwarze Fliesenreihe unterbrochen wurden. Anne ließ sich langsam auf dem Wannenrand nieder und richtete ihre Augen auf den Boden, der ebenfalls schwarz glänzte. Wenn es sie je interessiert hatte — und daran zweifelte sie nicht — beglückwünschte sie sich jetzt zu der Idee, die Badewanne in eine Nische einbauen zu lassen, um mehr Raum zu schaffen. Geschmackvolle, weiße Badmöbel rundeten das Bild ab und eine Palme, herangewachsen im Laufe von Jahren, bedankte sich mit sattem Grün.
Gedankenverloren drehte Anne den platt gedrückten Lippenstift in ihren Fingern. Als sie sich langsam erhob, warf sie ihn in das Waschbecken. Dann verließ sie mit energischen Schritten das Badezimmer, ohne das Licht zu löschen. Entschlossen stieg sie die Treppe ins Erdgeschoss hinab. Was gerade passierte, konnte nur ein böser Traum sein, aus dem sie gleich zu erwachen hoffte. Das wünschte sie sich mehr als alles andere. Dann würde sie über sich selbst lachen und sich kopfschüttelnd fragen, wie ein menschliches Gehirn derartigen Schwachsinn produzieren konnte.
Schwachsinn?
Oder doch Realität?
Schwachsinnige Realität, konstatierte sie und wusste doch: Das Debakel in ihrem Leben war kein Traum, auch wenn sie es sich noch so sehr wünschte. Es war Realität – und Anne hatte Angst.
In der Küche füllte sie ihren Becher bis zum Rand mit duftendem Kaffee und trug ihn zum Tisch. Langsam ließ sie sich nieder, sprang aber gleich darauf wieder auf. Es gelüstete ihr nach einer Zigarette, eine Angewohnheit, die sie eigentlich längst aufgegeben hatte. Was soll’s, dachte sie, ich kann jederzeit damit aufhören, wenn ich will. Aber jetzt will ich nicht. Wie zur Bekräftigung sog Anne den Rauch tief in sich hinein, nahm einen Schluck Kaffee und versank in tiefes Grübeln. Sie genoss die Stille und entspannte ein wenig.
Plötzlich ließ sie ein dumpfes, knirschendes Geräusch aufhorchen. Annes Blick wanderte in die Richtung, aus der es gekommen war.
Das Fenster!
Sie erstarrte.
Ungläubig sah sie zu, wie ein kreisrundes Stück Glas aus der Fensterscheibe in Bewegung geriet und zu Boden fiel. Das Klirren ließ sie zusammenzucken. Sie überlegte, ob man sie von draußen sehen könnte. Das gedämpfte Licht und der Winkel von Fenster zur Sitzecke sollten genügen, um ihre Anwesenheit zu verbergen. Anne umklammerte die Tasse, die sie vor Schreck umgestoßen hatte und realisierte nicht, dass sich der Rest ihres Getränkes auf die Tischdecke ergoss.
Erneut packte sie Angst, hielt sie unbarmherzig in ihren Klauen. Gebannt und wie gelähmt sah sie nun, wie sich etwas durch das Loch schob und Richtung Fensterriegel glitt. Es war eine Hand. Eine Hand in einem schwarzen Handschuh.
Annes Herz hämmerte wild.
Sie zog den Kopf ein, als befürchte sie, einen Schlag in den Nacken zu bekommen. Die Luft staute sich in ihren Lungen. Ein Heer von Ameisen krabbelte durch Annes Körper. Plötzlich vernahm sie einen gewaltigen Knall in ihrem Innern. Ein kurzer, greller Blitz schoss an ihren Augen vorbei, sie stieß hörbar die angestaute Luft aus. Im selben Atemzug war sie mit zwei großen, schnellen Schritten am Fenster, ergriff die Hand und zog nach Leibeskräften daran. Ihr war nicht klar, zu welchem Zweck. Irgendwie hatte sich ein Ventil geöffnet. Heftige Kaskaden des Widerwillens, gepaart mit Empörung und Angriffslust, überfluteten sie. Du bist unbeherrscht! mahnte wieder die Stimme ihrer Mutter. Unwirsch verbannte Anne sie aus ihrem Kopf.
Nachdem der erste Schock überwunden war, spürte Anne, dass die Hand, an der sie zog und zerrte, dem Handschuh entglitt. Mit einem letzten, kräftigen Ruck zog Anne das kalte Leder ins Innere. Unsanft landete sie auf dem Boden. Vor ihrem Küchenfenster nahm sie hastiges Treiben wahr – so, als würden überstürzt Gegenstände in eine Tasche geworfen. Dann folgten Schritte, die sich schnell entfernten.
Anne besann sich, sprang auf, und rannte zur Eingangstür. Als sie mit zitternden Händen aufgesperrt hatte, hörte sie quietschende Reifen und konnte nur noch Scheinwerfer ausmachen, die ihr Licht in die Ferne sandten. Die Rücklichter des Wagens schienen ihr wie ein hämisches Grinsen. Einen kurzen Moment lang erwog sie, die Rasenfläche vor dem Küchenfenster abzusuchen; doch es war ihr klar, dass sie nichts finden würde.
Anne ging langsam und mit schlotternden Knien zurück in die Küche. Ihre Beine gehorchten ihr nicht mehr. Sie lehnte sich an eine Wand und verschränkte die Arme so fest sie konnte vor der Brust. Sie erschrak. Der Handschuh klebte noch immer fest in ihrer Hand. Hysterisch warf sie ihn weit von sich. Sie schloss ihre Augen und rang um Fassung. Als sich ihr rasender Puls etwas beruhigt und das Zittern ihres Körpers nachgelassen hatte, sah sie sich um. Das Loch im Fenster starrte sie aus der Dunkelheit wie ein großes, glotzendes Auge mahnend an.
Wie vom Teufel geritten zog Anne eine Schublade ihres Küchenschrankes auf und wühlte nach Klebeband und Schere. In Windeseile dichtete sie das Loch ab, um sich der Illusion hingeben zu können, dass nichts, aber auch gar nichts geschehen war. Dann fiel ihr Blick auf das Rund der Fensterscheibe, das am Boden vor ihren Füßen lag. Wieso war das Glas erst zerbrochen, als es auf den Küchenboden gefallen war? Warum nicht schon, als es herausgetrennt wurde?
Anne bückte sich und sah genauer hin. Sie entdeckte zwischen den Glasscherben ein eigenartiges Gebilde und schüttelte verwundert den Kopf. War das nicht so ein Teil, welches man benutzte, um Glas zu schneiden?
»Großer Gott, hilf mir doch«, flüsterte sie mit leiser, zitternder Stimme vor sich hin. »Wie soll das nur weitergehen, was soll ich tun?« Anne seufzte und sah hilflos zur Küchendecke. Offensichtlich war sie einem Irren ausgeliefert!
Jeder Nerv ihres Körpers vermittelte ihr das Gefühl, am Rande eines tiefen Abgrundes zu stehen. Sie musste sich jetzt nur fallen lassen, dann hätte alles ein Ende. Mit fest aufeinander gepressten Lippen starrte Anne ins Leere. Was war nur aus ihrem Leben geworden? Wann und wie hatte der Wahnsinn begonnen?
Ihre Gedanken wanderten einige Tage zurück …
Die erste Oktoberwoche erinnerte an launische Apriltage. Von Zeit zu Zeit verdunkelte sich der Himmel und schickte einige Regentropfen, die in der Erde versickerten. Der Wind kämpfte mit den Wolken – und wenn es ihm gelang, sie beiseite zu schieben, strahlte die Sonne warm und beschaulich. Anne zog die Gardine zur Seite und blickte nach draußen. Sie beobachtete das geschäftige Treiben ihres Mannes.
Was tat er da? Ihr Blick verdüsterte sich. Sie lehnte sich näher an die Fensterscheibe. Paul war dabei, sein Angelzeug im Land-Rover zu verstauen.
Anne schüttelte den Kopf. Das kann nicht wahr sein, dachte sie missmutig. Er wusste doch ganz genau, was für den heutigen Tag geplant war!
Elternbesuch hatten sie früher gern gescherzt, wenn sie Kind und Kegel im Auto verstaut und das Nordende der Stadt angesteuert hatten.
»Früher …«, murmelte Anne resigniert. Früher war so manches anders gewesen. Sie ließ die Gardine wieder vor die Scheibe gleiten. Ihre Stimmung sank auf den Nullpunkt. Den ganzen September hindurch hatte sich der Kontakt zu ihren Eltern auf Telefongespräche beschränkt. Beim letzten Besuch Ende August war sie mit Nora allein gefahren, weil Paul sich mit fadenscheinigen Ausreden gedrückt hatte. Anne seufzte. Wie es aussah, würde sie auch heute ohne ihren Mann aufkreuzen, würde wieder lügen müssen, um Paul nicht im schlechten Licht dastehen zu lassen.
Anne hatte das größte Interesse daran, ihren Eltern eine heile Ehe zu vermitteln. Aber war das überhaupt noch möglich? Von der Liebe, die einst ihrer beiden Leben bestimmt hatte, war nichts mehr übrig. Oft sah sie Hass in den Augen ihres Mannes, wenn er sie ansah. Er strahlte Kälte aus, die sie so an ihm nie gekannt hatte. Wenn sie sich im Haus begegneten, liefen sie wie zwei Fremde aneinander vorbei. Zudem war Paul wortkarg geworden. Gespräche, so wie früher, gab es nicht mehr. Und wo war sein Lachen geblieben, wo sein jungenhafter Übermut, wenn er sie hochgehoben und sich mit ihr im Kreis gedreht hatte! Mit der Geburt ihrer Tochter Nora, die inzwischen vier Jahre alt war, hatte sich ihre Ehe nicht, wie Anne gehofft hatte, zum Positiven entwickelt. Er war nicht der Vater geworden, den sie sich für die Kleine gewünscht hatte. Paul ließ seine Tochter spüren, dass sie einfach nur da war und ins Haus gehörte, wie ein Möbelstück.
Anne trat vor die Tür.
Als Paul sie bemerkte, sah er kurz zu ihr herüber. Anne beherrschte sich mühsam und fragte, so freundlich sie konnte: »Was tust du da?«
Ohne seine Frau eines weiteren Blickes zu würdigen, ging Paul zum Schuppen. Anne wartete, bis er zurückkam. »Paul!«
Er blieb stehen und setzte den kleinen Plastikeimer, den er aus dem Schuppen geholt hatte, ab. »Ich fahre angeln! Das ist doch wohl nicht zu übersehen, oder?«
Enttäuscht blickte Anne zu Boden.
»Oh bitte, Paul, nicht heute«, beschwor sie ihn. »Es ist höchste Zeit, dass wir uns mal wieder bei den Eltern sehen lassen. Wir sind mehr als überfällig.«
Wild aufbrausend ballte er die Fäuste. »Was soll der Quatsch? Es ist mir schnuppe, ob wir überfällig sind. Ich werde mein kostbares Wochenende nicht mit Kaffeeklatsch oder anderem Blödsinn verschwenden! Schon bei dem Gedanken, dem geistlosen Geplapper von dir und deiner Mutter zuhören zu müssen, wird mir übel.« Er nahm den Eimer und verstaute ihn wütend im Wagen.
Anne sah ihren Mann fassungslos an. Sie war seine Grobheiten gewohnt. Doch derartig krass war er bisher, zumindest verbal, noch nie gewesen. Unendlich traurig war ihr Blick, als sie wenig später zusah, wie ihr Mann den Land-Rover startete und davonraste. Sie schaute auf die Uhr. Es war kurz vor elf.
Gott sei Dank war Nora gerade im Nachbarhaus zum Spielen, so hatte sie das Spektakel nicht mitbekommen. Nur Benni, eine Mischung aus Schäferhund und Irisch Setter, war mit eingezogenem Schwanz ins Haus geflüchtet und hatte sich das Ganze aus sicherer Entfernung angesehen.
Mit Einbruch der Dämmerung erwartete sie die Rückkehr ihres Mannes. Anne war noch immer zutiefst verletzt. Sie hatte mit Paul ein Wörtchen zu reden, fürchtete jedoch seine cholerische Art, Dinge anzugehen, die ihm unangenehm waren und die ihn einen Angriff auf sein Ego befürchten ließen. Doch das war ihr vorerst egal. Denn so konnte das nicht weitergehen, sie mussten dringend einige Dinge klarstellen.
Bei jedem vorbeifahrenden Auto lief Anne ans Fenster. Vergebens. Paul Gartner war auch noch nicht in Sicht, als die Dämmerung schon einer tiefen Dunkelheit gewichen war. Um elf Uhr ging sie zu Bett. An Schlaf war aber nicht zu denken. Sie griff nach einem Buch.
Um Mitternacht löschte sie resigniert das Licht der Nachttischlampe und versuchte, zu schlafen. Vielleicht bleibt er ja zum Nachtangeln draußen, das hatte er schon öfter getan, dachte sie.
Aber Nachtangeln im Oktober? Eigentlich konnte sie sich nicht daran erinnern, dass er jemals in den kühleren Monaten draußen geblieben war.
Egal!
Irgendwann musste schließlich auch der fanatischste Angler ein Ende finden, auch wenn Anne sich im Stillen wünschte, dass er da draußen am Fluss mit seinen Fischen selig werden möge.
Immer wieder glitt ihr Blick in das leere Bett neben sich. Eine dunkle Ahnung ließ ihr keine Ruhe und bemächtigte sich all ihrer Sinne.
Erst weit nach Mitternacht sank Anne in einen unruhigen Schlaf und erwachte schon, als Tag und Nacht noch miteinander rangen. Mit halb geöffneten Augen tastete sie in das Bett neben sich, dahin, wo eigentlich ihr Mann liegen sollte. Das Bett war leer.
Sie sprang auf, griff nach dem Morgenmantel, den ihr Mann ihr zu Weihnachten letztes Jahr geschenkt hatte. Rasch ging sie in die Küche. Auch hier war er nicht. Er war nirgendwo im Haus, wie sie nach einer kurzen Inspektion feststellte. Anne sank auf den Küchenstuhl. Unruhe überkam sie. Sie fragte sich, was nun zu tun sei. Erst einmal Kaffee, dachte sie, dann wird man weiter sehen. Das schwarze, köstliche Gebräu war in letzter Zeit eine Art Zuflucht für sie geworden.
Nora schlief zum Glück noch tief und fest. Anne hatte Interesse daran, dass das so blieb. Sie brauchte jetzt etwas Zeit für sich. Leise verrichtete sie ihre Morgentoilette im Bad. Aus der Küche vernahm sie das vertraute Keuchen und Schnaufen der Kaffeemaschine. Der Duft frisch gebrühten Kaffees zog bis ins Obergeschoss. Anne folgte ihm nach unten in die Küche. Benni stand schwanzwedelnd vor der zur Terrasse führenden Tür und bettelte mit großen, treuen Augen darum, hinaus zu dürfen. Natürlich durfte er! Übermütig bellend stürmte Benni ins Freie. Dann zog Anne das Tuch vom Vogelbauer und versorgte das Sittichpärchen mit Futter und frischem Wasser. Die Vögel dankten es ihr mit fröhlichem Gezwitscher.
Was für eine heile Welt! War die Welt wirklich heil? Alle möglichen Gedanken wirbelten durch Annes Kopf. Sie suchte Antworten auf Fragen, die tief aus dem Verborgenen ans Licht krochen.
Wieso war Paul noch nicht zu Hause?
War ihm etwas zugestoßen?
Sicher nicht …
Das wüsste sie.
War da eine andere Frau?
Nicht, dass dieser Gedanke sie sonderlich aus der Fassung gebracht hätte; ihr sollte es recht sein. Aber dann hätte sie in der Vergangenheit doch irgendetwas bemerken müssen. Gab es nicht immer ein kleines, verräterisches Detail, das eine solche Vermutung erhärtete oder sogar bestätigte? Doch da war nicht die geringste Kleinigkeit gewesen.
Oder sollte er …
Sie wurde vom schrillen Klingeln des Telefons jäh unterbrochen. Erschreckt bis ins Mark sprang Anne auf, stieß dabei den Stuhl um, rannte in den Flur und riss den Hörer von der Gabel. In der Hoffnung, die Stimme ihres Mannes zu hören, meldete sie sich: »Hallo?« Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen.
»Mit wem spreche ich bitte!« rief sie nun genervt in den Hörer, doch sie hörte nichts als Schweigen. Und schweres Atmen.
Anne glaubte, einer Sinnestäuschung zu unterliegen; dieses eigenartige Geräusch musste wohl von draußen, durch das geöffnete Fenster zu ihr hereindringen. Aber nein! Sie irrte sich nicht. Stattdessen begann sie, zu frösteln. Aus dem Telefonhörer vernahm sie ein undefinierbares Geräusch. Es klang heiser, röchelnd und auf unbestimmte Art blechern. Anne war nicht fähig, auch nur ein einziges Wort zu sagen. Sie starrte mit bleichem Gesicht auf einen imaginären Punkt an der Wand gegenüber, fühlte sich wie versteinert. Wer war das?
Was, zum Teufel, war das?
Je länger Anne der bizarren Zusammensetzung von Lauten lauschte, die nicht von dieser Welt zu sein schienen, desto mehr beschlich sie kalte Angst. Die Angst kroch an ihrem Körper hinauf wie eine Schlange. Die feinen Haare auf ihren Armen richteten sich auf. Kleine Schweißtropfen perlten auf ihrer Stirn. Einen kurzen Moment lang kam es ihr vor, als betrachte sie die Szenerie von außen, völlig unbeteiligt und gespannt, wie die andere mit dieser absurden Situation fertig würde. Doch dieser Augenblick währte nicht lange. Anne stand kurz vor einer Panik. Etwas Unerklärliches, nicht Greifbares umhüllte sie.
Sie begann zu zittern und dann, wie aus dem Nichts, wurde ihre Erstarrung von brodelnder Wut abgelöst.
»Verdammt noch mal! Wer immer Sie auch sind! Was soll der Scheiß? Das ist ein ganz schlechter Scherz! Ich finde das überhaupt nicht lustig!«
Mit diesen Worten und der Art, wie sie sie sagte, wollte sie Mut demonstrieren, zeigen, dass sie nicht einzuschüchtern war … aber trotzdem schlotterte sie am ganzen Körper. Plötzlich zuckte sie heftig zusammen. Widerwärtiges, lautes Lachen drang an ihr Ohr. Es traf sie mit der Wucht einer Keule. Die Geräusche, die ihren Kopf zu zerschmettern drohten, konnten unmöglich von einem menschlichen Wesen stammen. Dann war die Leitung tot. Wütend, ratlos und aufs Äußerste verunsichert knallte Anne den Hörer auf die Gabel. Fassungslos ging sie trotz weicher Knie auf und ab. Was, zur Hölle, war das gerade gewesen? Anne stoppte und blieb vor dem Telefon stehen. Sie sah es an und nahm mit zitternden Händen den Hörer auf. Sie hielt ihn an das Ohr.
Das Freizeichen.
Was auch sonst?
Am nächsten Tag, einem Montag, fuhr Anne zum Polizeirevier um eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Als erstes sprach sie mit einem uniformierten Beamten, der sich Notizen machte. Nicht unfreundlich, aber sehr reserviert stellte er seine Fragen. Anne berichtete minutiös. Sie war erstaunt über das scheinbare Desinteresse, mit dem ihr der Polizist begegnete. Wie konnte der Kerl bloß so ruhig bleiben? Ihr Mann war verschwunden! Ertrunken vielleicht … oder überfallen und ausgeraubt, was auch immer!
Anne musste eine weitere halbe Stunde warten. Dann würde sie einem Hauptkommissar namens Göbel vorgestellt werden, sagte man ihr. Sie beobachtete die Polizisten bei ihrer Arbeit. Es herrschte ständiges Kommen und Gehen. Die Telefone läuteten unaufhörlich. Plötzlich stand, wie aus dem Nichts, ein Beamter in Zivil vor ihr. Anne musterte ihn flüchtig, er schien vertrauenserweckend. Lächelnd streckte er ihr die Hand entgegen und entschuldigte sich.
»Mein Name ist Göbel. Ich hoffe, das Warten ist Ihnen nicht zu lang geworden, Frau Gartner. Montags geht es bei uns immer zu wie im Tollhaus. Am Wochenende scheinen sich einige unserer Mitbürger zu langweilen … na, Sie wissen schon«.
Anne wusste nicht.
Trotzdem nickte sie verständnisvoll und folgte dem Kommissar über einen langen Flur. Vor einer Tür am Ende des Ganges machte er Halt und bedeutete ihr, einzutreten.
Als sie ihre bizarre Geschichte ein zweites Mal erzählte, hörte Göbel aufmerksam zu. Er unterbrach sie nur selten, um Dinge klarzustellen, die er nicht einordnen konnte. Anne fiel auf, dass sich der Beamte keine Notizen machte und fragte sich, wo der Rekorder versteckt sein mochte, der alles mitschnitt, was sie sagte. Unauffällig sah sie sich um. Göbel lächelte.
»Ich habe ein gutes Gedächtnis, Frau Gartner. Im Übrigen ist der Vorgang von meinem Kollegen ja schon protokollarisch aufgenommen worden. Er wird es Ihnen noch zur Unterschrift vorlegen.
Anne errötete.
Der Kommissar half ihr aus der Verlegenheit. Er erhob sich und reichte ihr die Hand. Das Gespräch war beendet. Göbel geleitete sie zum Ausgang.
»Wir werden jetzt alles veranlassen, was nötig ist. Sie hören von uns, wenn wir etwas in Erfahrung bringen«, erklärte er auf dem Weg zum Ausgang.
An der Tür angekommen, reichte er ihr noch einmal die Hand und hielt sie fest. »Im Übrigen versteht es sich von selbst, dass auch Sie uns mitteilen, wenn Sie etwas Neues wissen.«
Anne lächelte verkrampft und nickte. Schnell ließ sie die Hand des Kommissars los, verabschiedete sich und unterzeichnete am Tresen das getippte Protokoll, das ihr eine junge Polizistin entgegen hielt. Dann verließ sie die Wache.
Schlagartig wurde ihr klar, dass der Kommissar sie bei einer Lüge ertappt hatte. Sie erinnerte sich an die Worte Göbels, als er Genaueres über ihre Ehe wissen wollte: Gibt oder gab es Schwierigkeiten in Ihrer beider Zusammenleben? Schnell, zu schnell hatte Anne den Kopf geschüttelt und verneint. Das war ungeschickt gewesen und könnte zu Verdächtigungen führen. Sie machte sich nun Sorgen. Leider war das nicht mehr zu ändern; Anne murmelte leise vor sich hin: »Blöde Kuh!«
Ihre Gedanken kreisten. Es würde nun ein Fahndungsaufruf mit einem Foto ihres Mannes an alle Polizeidienststellen herausgehen, nicht nur bundesweit, sondern im gesamten Raum des Schengener Abkommens. Anne drängte sich der Begriff Interpol auf, doch Göbel hatte diese Konstellation als Inpol bezeichnet.
Der Platz, an dem Pauls Auto mit offen stehender Tür gefunden wurde, war inzwischen mit Fährtenhunden gründlich abgesucht worden. Doch der Erfolg dieser Untersuchung war von vornherein fraglich gewesen. Der Regen hatte alle Spuren verwischt.
Paul war offensichtlich nicht einmal dazu gekommen, seine Angelausrüstung auszuladen. Sein Wagen war aufs Revier überstellt worden. Kriminaltechniker hatten ihn gründlich unter die Lupe genommen. Danach hatte Anne einen Anruf erhalten, dass das Auto abgeholt werden konnte. Jetzt stand es wie ein stummer Zeuge in ihrer Garage.
Bei einem späteren Gespräch mit Göbel wies Anne auf die ominösen Anrufe hin. Ihr war dabei keineswegs wohl in ihrer Haut gewesen. Sie befürchtete, dass er ihr keinen Glauben schenken würde. Doch der Kommissar hatte Annes Bericht durchaus ernst genommen, ihr aufmerksam zugehört und einige Fragen gestellt. Dann hatte er sie darüber aufgeklärt, dass eine Fangschaltung nur auf richterliche Anordnung eingerichtet werden konnte. Das ginge aber erst, wenn die Anrufe nach ein paar Tagen noch nicht eingestellt worden wären. Pauls Foto, welches Anne ihm bei dieser Gelegenheit überreicht hatte, schien ihn nicht unbedingt zufrieden zu stellen, doch ein Besseres hatte sie nicht gefunden…
Was ist nur aus meinem Leben geworden, dachte Anne, als sie die Scherben auf dem Küchenboden zusammenkehrte. Es war Zeit für das Abendessen.
Anne befürchtete, dass Nora das zerbrochene Fenster entdecken würde. Ihr kleines Mädchen spielte in ihrem Zimmer und hatte das Spektakel nicht mitbekommen. Das war gut so. Deshalb beschloss sie, Noras Abendessen herauf zu tragen. Mit dem Frühstück am nächsten Morgen konnte sie ebenso verfahren und dann würde man weitersehen.
Zerstreut suchte Anne die Sachen für den nächsten Tag zusammen und legte sie auf einen Hocker. Der Wetterbericht hatte einen kalten, regnerischen Oktobertag vorausgesagt. Anne war froh, die zwei Lieblingsstücke Noras, einen roten Rollkragenpullover und ihre blaue Thermohose, gefunden zu haben. Damit hatte sie einer morgendlichen endlosen und nervenden Diskussion vorgebeugt. Die junge Dame hatte nämlich trotz ihres zarten Alters von vier Jahren bereits genaueste Vorstellungen von den Sachen, die sie tragen wollte … und von denen, die ganz hinten im Schrank zu verstauen waren.
»Sind Pullover und Hose okay, Prinzessin?«
Nora nickte mit dem Kopf. An einer Antwort hinderte sie der Daumen im Mund, eine offenbar unumstößliche Angewohnheit vor dem Einschlafen.
Anne nahm ein dickes Exemplar gesammelter Werke der Brüder Grimm vom Regal und zog sich einen Stuhl an das Bett ihrer Tochter. Das Vorlesen eines Märchens war Ritual für Mutter und Tochter, und Nora freute sich jeden Abend darauf. Heute jedoch war es irgendwie anders. Nora blickte ihre Mutter mit großen, fragenden Augen an. Sie hatte die Anspannung ihrer Mutter wahrgenommen und teilte mit großer Wahrscheinlichkeit sogar die ihr eigentlich unbekannten Ängste. Anne begriff, dass sie mit der Kleinen reden musste.
Anne Gartner atmete tief ein, legte das Märchenbuch beiseite und sah in die Augen ihrer Tochter. Sie betrachtete das hübsche Oval des kleinen Gesichtes, das von blonden Locken umspielt wurde, Locken, die Nora von ihrem Vater geerbt hatte. Nora erwiderte den Blick. Anne seufzte tief.
»Nicht wahr Liebes, du vermisst den Papa«, sagte sie leise und schaute Nora forschend an. Am Tag zuvor hatte sich Nora, zu Annes Verwunderung, wenn auch eher halbherzig, nach dem Verbleib ihres Vaters erkundigt. Jetzt antwortete die Kleine nicht, lutschte dafür aber kräftiger an ihrem Daumen. Paul Gartner war als Vertreter einer renommierten Maschinenbaufirma ab und zu außer Haus, doch nie länger als für eine Nacht.
»Sieh mal Schatz.« Anne wählte ihre Worte behutsam. »Dein Papa kann jetzt noch nicht nach Hause kommen. Er hat viel Arbeit, deshalb bleibt er dieses mal länger fort, weißt du?« Nora reagierte nicht. Nur das heftige Lutschen am Daumen verriet ihre innere Anspannung. Wieder lächelte Anne und strich Nora ein paar Löckchen aus der Stirn. »Mal sehen«, ermunterte sie ihre Tochter, »vielleicht ruft der Papa ja morgen an.«
Anne lief es kalt über den Rücken. Oh ja, Anrufe hatte sie in der letzten Zeit mehr als genug. Anrufe, die sie fürchtete, die sie mit der Präzision eines Uhrwerkes immer abends zur gleichen Zeit erreichten und von denen sie nicht wusste, wer am anderen Ende der Leitung war. Lediglich der erste Anruf war am Tage gekommen, einen Tag, nachdem Paul verschwunden war. Über diese Ausnahme dachte Anne immer wieder nach. Gab es dafür einen bestimmten Grund?
Nora hatte den Worten ihrer Mutter gelauscht und fiel ihr plötzlich unversehens um den Hals. »Wenn Papa wieder nach Hause kommt, soll er lieb zu dir sein. Er ist immer böse mit dir und schimpft dich aus. Ist er lieb zu dir, wenn er kommt?« Die Augen des Mädchens schienen in denen ihrer Mutter lesen zu wollen. Anne sah Unverständnis in ihnen. Sie konnte spüren, wie verunsichert ihre Tochter war, wie viele Fragen, die beantwortet werden wollten, Nora mit sich herumschleppte. Schmerzlich berührt hielt Anne ihre Tochter im Arm. Sie blinzelte, um die Tränen zurückzuhalten, die ihr in die Augen stiegen, und brachte so etwas Ähnliches wie ein Lächeln zustande.
Wie hatte sie nur glauben können, dass das Mädchen nichts von den Eskapaden ihres Vaters mitbekam, von der Spannung, die zwischen ihren Eltern knisterte und zunehmend unerträglicher wurde. Paul war nicht gerade das, was man einen liebevollen Vater und Ehemann nannte. Anne konnte es ihm nie recht machen. Seine lauten, hässlichen Worte stachen ins Herz wie spitze Dolche. Auch geschlagen hatte er sie. Anne fragte sich mit bittersüßen Sarkasmus, ob sie froh sein konnte, dass es bisher nur bei Ohrfeigen geblieben war. Unbewusst fasste sie sich an ihren Kopf. Sie tastete die immer noch schmerzhafte Stelle ab, an der sich vor nicht allzu langer Zeit eine gewaltige Beule befunden hatte. Eine offen stehende Schranktür war ihr zum Verhängnis geworden. Anlass für Pauls kraftvollen Schlag war eine fehlende Krawatte gewesen. Später stellte sich heraus, dass sich die Krawatte im Seitenfach des Koffers befand, den er für seine Dienstreisen zu packen pflegte. Er hatte vergessen, sie herauszunehmen. Noch nie zuvor war Anne derart gedemütigt worden. Etwas in ihr war nach und nach für alle Zeit zerbrochen.
Sie sah sich nicht in der Lage, Nora aus ihrem Dilemma heraus zu helfen. Wie hätte sie ihre Gedanken und Ängste mit der Kleinen teilen können? War es möglich, ihrem Kind zu sagen, dass sich der Vater, den es trotz allem kindlich, unbedarft und vorbehaltlos liebte, mehr und mehr zu einem bösartigen Monster entwickelte?
Nein!
Entschieden nein!
Sanft befreite sie sich aus den Armen ihrer Tochter, und Nora kuschelte sich in die warmen Kissen. »Schlafenszeit, kleine Zappelmaus«, rief Anne betont locker und krabbelte Noras Bauch, wobei sie lachte. Normalerweise hätte das Mädchen sich jetzt quiekend unter die Bettdecke geflüchtet, doch der Spaß blieb aus. Nora drehte sich auf die Seite und zog ihren Teddybär fest an sich. Anne seufzte, streichelte ihrer Tochter zärtlich über die Haare, und verließ resigniert den Raum.
Im Wohnzimmer lehnte sie sich an die Wand und atmete tief durch. Der Gedanke, jetzt noch zu arbeiten, stimmte sie nicht gerade heiter. Sie war als Buchhalterin für eine Wäscherei tätig und musste bis zum nächsten Tag die Lohnabrechnungen für die Mitarbeiter fertig haben. Eigentlich war es nicht gestattet, Unterlagen aus dem Büro mit nach Hause zu nehmen – doch das war ihr ziemlich egal. Dazu kam, dass sich Anne seit dem Verschwinden ihres Mannes schlecht konzentrieren konnte. Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab. Sie gingen alle möglichen Wege, ohne sich aufhalten zu lassen. Dann kam es vor, dass sie auf den Monitor ihres Computers starrte, Tabellen sah, aus denen ihr unzählige Ziffern und Zahlen entgegen sprangen, mit denen sie für den Moment nichts anzufangen wusste. Zum Glück nahm Therri, ihre langjährige Kollegin und Freundin, ihr einen großen Teil der Arbeit ab. Sie war im Bilde der Geschehnisse.
Anne fühlte sich zerschlagen und müde, ihre zierliche Gestalt wirkte zerbrechlich. Sie war blass, und ihr einst hübsches, braunes Haar, das sie schulterlang trug, war glanzlos und hing schlaff an ihrem Kopf herab. Die Abrechnungen würden sie jetzt zwei bis drei Stunden kosten, und Anne fragte sich, wie sie das bewerkstelligen sollte. Ach könnte sie doch, wie Dornröschen, in einen tiefen Schlaf versinken! Vielleicht nicht gerade in einen hundertjährigen; acht Stunden am Stück würden ihr schon reichen.
Zu allem Übel meldete sich pünktlich, wie ein Blick auf die Uhr bestätigte, das Telefon. »Aha, der allabendliche Spaß.« Sie nahm den Hörer ab und spürte eine nie gekannte Wut in sich aufsteigen. Heiß, zügellos. Noch ehe sie dem Anrufer eine Gelegenheit ließ, zischte sie in den Hörer: »Deine Mama hat dir also Disziplin beigebracht, du Scheißkerl! Spielchen will der Junge spielen, bitteschön! Kannst du haben! Doch heute lache ich zuletzt klar? Und außerdem Schätzchen, habe ich gar keine Zeit für Dich.«
Der Mann am anderen Ende schien überrascht. Er hatte offensichtlich nicht mit dieser Reaktion Annes gerechnet. Es kam ihr so vor, als hielte er eine Sekunde lang mit dem Atmen inne. Diese Pause nutzte sie. »Ich muss mir nämlich Gedanken machen, wie ich einem Wichser wie dir, das Licht ausblasen kann! Und, Paul …« Annes Stimme war nun gefährlich leise, fast flüsternd. »… solltest du derjenige sein, der diesen Terror mit mir veranstaltet, drehe ich dir eigenhändig den Hals um! Das schwöre ich dir! Wenn du mit uns nichts mehr zu tun haben willst, verpiss dich. Hau einfach ab und lass uns in Ruhe!« Krachend landete der Hörer auf der Gabel. Mit einem Ruck zog Anne das Telefonkabel aus der Dose. »Jesus«, flüsterte sie, »wo habe ich bloß diese ordinären Worte her?«
Na und? – Das hat der Arsch verdient, verteidigte sie sich selbst. Sie schickte zur Bekräftigung noch den erhobenen Mittelfinger Richtung Telefon, dann ging sie, umgeben von einer Aura aus Kraft und neu geschöpften Mut in die Küche, um sich einen starken Kaffee zu brühen. Während sie das schwarze Pulver in den Filter füllte, wurde ihr unbehaglich.
Was war das?
Irgendwas war anders.
Irgendetwas fehlte.
Sie konnte es nicht einordnen, kramte in ihrem Gehirn und wurde unruhig. Die Stille im Raum kam ihr unnatürlich vor, ungewohnt, fast unheimlich. Dann schoss es ihr durch den Kopf.
Die Sittiche!
Wieso war es so still im Vogelbauer? Solange noch Licht im Zimmer war, pflegten die Tiere unaufhörlich vor sich hin zu plappern, ihr Zwitschern hatte stets eine gleichbleibende Präsenz.
Und jetzt diese Stille.
Grabesstille!
Langsam näherte sich Anne dem Käfig … Schritt für Schritt, als hätte sie Angst etwas zu entdecken, was sie eigentlich schon längst wusste. Dennoch fasste sie es nicht, konnte nicht glauben, was sich ihren Augen darbot. Sie nahm ihren Kopf in beide Hände, ging in die Hocke, um näher hinsehen zu können. Ungläubig und kopfschüttelnd starrte sie auf die Sittiche, die am Boden des Käfigs lagen. Die kleinen Knopfaugen waren weit aufgerissen und die Schnäbel, wie nach Luft ringend, offen.
Anne merkte kaum, dass ihr unaufhörlich Tränen an den Wangen herunterliefen. Ihr Körper war wie gelähmt. Sie starrte und starrte, konnte den Blick nicht lösen. »Oh mein Gott«, flüsterte sie. »Das kann nicht sein, das darf nicht sein!« Sie ahnte, nein sie wusste, dass dies erst die Spitze des Eisberges war.
Immer und immer wieder sandten die Medien Berichte in die Wohnzimmer behüteter Bürger, die genau wie sie selbst glaubten, ihnen könnte so etwas nicht passieren. Anne nahm Mord und Totschlag, Entführung und Vergewaltigung nur als Außenstehende zur Kenntnis. Sie war keinesfalls kritiklos diesen Dingen gegenüber, hätte sich aber im Traum nicht einfallen lassen, dass auch ihr Leben eines Tages völlig aus dem Gleichgewicht geraten würde.
Langsam löste sich ihre Erstarrung. Wie ein gehetztes Tier sah sie sich nach allen Seiten um. Dann rannte sie, zwei Stufen auf einmal nehmend, ins obere Stockwerk und riss die Tür zu Noras Zimmer auf. Das Mädchen lag in ihrem Bett, den Daumen im Mund. Nora schlief fest, ihr gleichmäßiges Atmen drang bis zu Anne. Mit der freien Hand hielt das Mädchen ihren Teddybär fest an sich gedrückt.
Erleichtert, doch völlig am Boden, schloss Anne die Tür des Kinderzimmers. Jetzt brach sich die unmenschliche Anspannung der letzten Tage Bahn. Hemmungslos weinend sank sie auf die obere Treppenstufe, die Arme auf den Knien verschränkt und den Kopf darin vergraben. Ihr Körper schüttelte sich in Krämpfen.
Plötzlich spürte sie einen leichten Druck auf ihrer Schulter. Mit einem lauten Schrei fuhr sie herum. Nora stand hinter ihr, sie hatte ihre Mutter weinen hören. Schnell wischte sich die junge Frau die Tränen von ihrem Gesicht, stand auf und nahm Nora auf den Arm.
»Was machst du denn hier draußen mein Schatz? Du sollst doch schlafen!«
»Mama, warum weinst du? Hast du Bauchweh?« fragte Nora ihre Mutter mit kindlicher Unbedarftheit.
Anne drückte ihre Tochter fest an sich und schloss einen Moment lang die Augen. Schön wär's, dachte sie. Die heftigsten Bauchschmerzen würde sie liebend gerne eintauschen gegen das, was ihr widerfuhr. »Nein Kleines, ich habe kein Bauchweh, nur den Zeh hab ich mir gerade an der Treppe gestoßen und das hat ganz schön weh getan, weißt du?«
»Ach, das wird bald wieder gut, nur einmal schlafen und dann merkst du gar nichts mehr«, meinte Nora altklug und streichelte ihr tröstend das zerwühlte Haar.
Anne musste, trotz der unerträglichen Situation, die ihr Leben heimgesucht hatte, lachen. Das waren haargenau die gleichen tröstenden Worte, die Anne zu ihrer Tochter sagte, wenn diese einmal Schmerzen hatte. »Na gut, ich will versuchen, ganz tapfer zu sein und werde den dummen Zeh einfach vergessen, okay? Jetzt aber schnell ab ins Bett.«
Nachdem Anne ihre Tochter gut verpackt und schlafend wusste, stieg sie die Stufen leise wieder hinab und begab sich ins Wohnzimmer. In die Küche zu gehen, war ihr unmöglich. Der Anblick der toten Vögel war mehr, als sie jetzt verkraften konnte. Anne ließ sich in den Sessel fallen. Tausend Gedanken rasten ihr durch den Kopf. Wie war es möglich, dass die beiden Vögel leblos und steif auf dem Boden ihres Käfigs lagen? Sie hatte immer für Futter gesorgt, nicht zu viel und nicht zu wenig. Auch frisches Wasser hatten sie mehrmals täglich erhalten. Zeichen einer Krankheit waren heute Morgen nicht mal andeutungsweise zu erkennen gewesen.
Hier war etwas geschehen, von dem sie nicht wusste, was es war … aber sie war sich sicher, dass die Tiere keines natürlichen Todes gestorben waren. Konnte Nora, trotz des Verbotes, den beiden etwas durch den Käfig gesteckt haben?
Nein! Nora liebte das Sittichpaar viel zu sehr. Sie war ja praktisch mit ihnen aufgewachsen; Anne war sicher, ihre Tochter hatte hundertprozentig verstanden, dass die Vögel nichts anderes als ihr Futter bekommen durften, damit sie nicht krank werden konnten, nicht sterben mussten. Nein, den Gedanken konnte Anne vergessen, sie legte ihre Hand dafür ins Feuer.
Aber was war geschehen?
Sie fror erbärmlich und kuschelte sich tief in den Sessel. Jetzt merkte sie, dass sie am ganzen Körper zitterte. Sie konnte die Tränen nicht zurückhalten.
Anne ging durch die Hölle.
Sie hatte Angst.
Wer war es, der sein teuflisches Spiel mit ihr trieb? Dem sie macht- und hilflos wie ein kleines Kind zusehen musste, wie er sie zerstörte.
War es Paul? Hatte er den Angelausflug zum Vorwand genommen, um sich abzusetzen? Konnte es sein, dass er inzwischen so verbittert war, dass er sich rächte, indem er sie terrorisierte? Anne machte sich über ihre Ehe schon lange keine Illusionen mehr, sie wusste, da war nichts mehr zu kitten.
Wann hatte es angefangen, aus dem Ruder zu laufen? Was war aus ihnen geworden?
»Himmel, was soll ich nur tun«, flüsterte sie. »Ich werde Therri anrufen. Auf keinen Fall kann ich jetzt allein bleiben.«
Ein Blick zur Uhr zeigte, dass es noch nicht zu spät für einen Anruf war. Anne wusste, dass sie Therri jederzeit, auch nachts, anrufen konnte, wenn sie in Not war. Bisher hatte sie davon noch keinen Gebrauch gemacht, bislang hatte sie die schrecklichen Auswirkungen der täglichen Anrufe immer allein durchgestanden. Nun aber brauchte sie Hilfe. Mehr, als je zuvor. Mit zitternden Händen wählte sie Therris Nummer.
»Hallo?«, hörte Anne die vertraute Stimme.
»Therri, ich bin es. Kannst du kommen?« Tränen erstickten Annes Worte.
»Mein Gott Anne! Mädel!«, rief Therri aufgeregt in den Hörer. »Was ist passiert? Du hörst dich ja ganz furchtbar an!«
»Ich, ich …« Mehr zu sagen, war Anne nicht fähig, sie schluchzte heftig.
»Ganz ruhig, hörst du?«, sprach Therri sanft auf Anne ein. »Bleibe im Haus, ich bin in ein paar Minuten bei dir. Und beruhige dich, um Himmels Willen, okay?«
Anne nickte, als könnte ihre Freundin sie sehen; etwas zu sagen, wäre ohnehin zwecklos gewesen. Therri hatte bereits aufgelegt.
Anne ging, sich nach allen Seiten umblickend, zur Küchentür und schloss sie hastig. Schnell ließ sie die Türklinke los, als befürchte sie, sich daran zu verbrennen. Auch vergaß sie nicht, das Telefonkabel wieder herauszuziehen. Noch ein Anruf von diesem Verrückten hätte ihr gerade noch gefehlt. Schutz suchend kuschelte sich Anne wieder in den Sessel im angrenzenden Wohnzimmer. Sie zog die Knie an und versuchte, ihren rasenden Puls in den Griff zu bekommen, indem sie sich zwang, tief ein- und auszuatmen.
Nicht lange danach klingelte es an der Haustür — einmal lang, zweimal kurz, einmal lang. Das hatten die beiden Frauen ein paar Tage zuvor so vereinbart; in Anbetracht der Situation war es zweifelsohne unklug, die Tür zu öffnen, ohne zu wissen, wer Einlass begehrte. Anne atmete befreit auf. Therri war ihr Fels in der Brandung, so ganz anders geartet, als sie selbst. Jetzt wird alles gut, dachte sie.
Anne öffnete die Tür. Therri trat ein und drehte den Schlüssel, der im Schloss steckte, wieder zweimal herum. Sie legte den Arm um die Schultern ihrer Freundin, sah ihr prüfend in das Gesicht und führte sie wie ein schutzloses Kind ins Wohnzimmer. Sie drückte Anne in den Sessel und nahm ihr gegenüber Platz. Ein Blick in Annes Gesicht zeigte der Freundin deutlich, wie sehr diese litt.
Die Augen waren rot und verquollen, die Hände, die unablässig mit einem hoffnungslos zerknüllten Taschentuch spielten, zitterten heftig. Therri atmete tief ein, ließ sich nicht anmerken, wie erschüttert sie beim Anblick ihrer Freundin war. Anne tat ihr unendlich leid und Therri hatte das Gefühl, das Herz müsse ihr zerreißen. Sie nahm das Tuch aus Annes Händen und legte diese stattdessen in die ihren.
»Na, Schatz, geht es wieder so einigermaßen? Möchtest du reden?«
Anne schluckte heftig und dann brach es ihr heraus: »Das Sittichpaar, die Vögel, in der Küche, sie sind, sind … oh mein Gott Therri, jemand hat sie …« Anne war nicht fähig, weiter zu sprechen. Immer ungläubiger und ungeduldiger war Therris Blick geworden. Sie runzelte ihre Stirn und stand kurzerhand auf, um sich in die Küche zu begeben. Anne blieb auf ihrem Sessel sitzen. Sie hatte bereits genug gesehen.
»Heiliger Strohsack, das ist ja der Hammer!«, hörte sie Therri aus der Küche rufen. »Was ist denn hier passiert? Von jedem ein Bein!«
Ein Bein?
Anne hob den Kopf, blinzelte die immer wieder aufsteigenden Tränen zurück und sah in die Richtung, aus der Therris Stimme kam. Was, zum Teufel, faselte sie da? Nun lief auch sie in die Küche und beugte sich neben Therri dicht an den Käfig heran.
Jetzt sah sie das Unglaubliche, das sie vorhin in ihrem
Schreck übersehen hatte: Jedem Vogel fehlte ein Bein! Anne schnappte nach Luft und rannte zur Gästetoilette. Nach oben, ins Bad, hätte sie es nicht mehr geschafft. Sie erbrach sich, bis ihr Magen völlig leer war, keuchte und hustete würgend, bis nichts mehr kam und sie total erschöpft auf den Boden neben die Toilette sank.
So fand sie Therri, die ihrer Freundin gefolgt war. Sie zog Anne an den Armen hoch und führte sie ins Wohnzimmer. »Komm – leg dich einen Augenblick hin, du bist ja weiß wie die Wand.« Therri zog fürsorglich eine Decke über Annes Beine. »Soll ich dir irgendwas zu Trinken holen?«
Dankbar sah Anne ihren Schutzengel an und nickte. »Im Kühlschrank steht eine angebrochene Flasche Wodka. Schenk mir ein großes Glas ein, ja?«
»Den kann ich jetzt auch gut gebrauchen«, seufzte Therri, die ebenso erschüttert war wie ihre Freundin.
Bald saßen sie beim zweiten Glas. Das erste hatten beide gierig in einem Zuge hinuntergestürzt.
»Was läuft hier ab?« fragte Annes Freundin, den Blick unverwandt auf das Fenster gerichtet. Resigniert ließ Anne ihren Wodka im Glas kreisen. Unendlich verzagt sah sie ihr Gegenüber an.
»Ich gäbe alles dafür, wenn ich das wüsste, Therri. Manchmal glaube ich, dass ich kurz davor bin, verrückt zu werden. Aber da ist ja noch Nora. Für sie muss das Leben weitergehen wie bisher … aber ich weiß bald nicht mehr, wie ich das bewerkstelligen soll. Sie beginnt sich vor mir zu verschließen. Und das Schlimmste ist …«, sprach Anne weiter, »… dass ich mit ihr nicht offen sprechen kann, dazu ist sie einfach noch viel zu klein. Sie würde es nicht verstehen«.
Annes rechter Zeigefinger malte unsichtbare Kreise auf die Decke, die sie sich bis zum Hals hochgezogen hatte, um so ein winziges Stück Geborgenheit zu erhaschen. »Was würde passieren …«, sponn sie den Faden weiter, »… wenn ich daher käme und ihr sagte: Es tut mir leid, mein Kind. Dein Vater liegt wahrscheinlich mausetot im Fluss und falls nicht, hat er eventuell die Schnauze voll von uns und zog es vor, die Mücke zu machen! Alles klar?
Therri nickte verständnisvoll. »Kalkulierst du denn die Möglichkeit, dass Paul einfach abgehauen ist, ernsthaft ein?« fragte sie und stellte ihr leeres Glas auf den Tisch.
»Derzeit kalkuliere ich so ziemlich alles ein«, antwortete Anne. »Ich traue Paul einiges zu, auch das da.« Annes Kopf zeigte in Richtung Küche.
»Im Grunde ist er ein bedauernswerter Mistkerl. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken, in der letzten Zeit. Es kam so einiges zum Vorschein, was ich in die hintersten Schubladen meines Kopfes verbannt hatte. Alles zusammen genommen ist das Ergebnis erschreckend, ja bedenklich. Jetzt bist du erstaunt, was?«
Therri sah ihre Freundin an. Aus ihrem Blick sprach Verständnis und Wissen. »Nein Anne. Offen gesagt bin ich nicht sehr verwundert. Schließlich habe ich Augen im Kopf und gelernt, zu sehen. Du selbst sprachst Bände, ohne zu reden«.
»Oh!« Anne war etwas peinlich berührt. »War das so offensichtlich? Manchmal, wenn ich es gar nicht mehr aushalten konnte, habe ich dir ja so dies und das erzählt. Ich musste mein Herz ausschütten, sonst wäre ich wahrscheinlich geplatzt. Zu meinen Eltern konnte ich mit diesen Problemen nicht gehen. Sie sind immer gleich so grenzenlos besorgt und das wollte ich nicht.«
»Einen Teil hattest du mir anvertraut … und den Rest konnte ich mir zusammenreimen«, entgegnete Therri lächelnd.
Ein Blick inniger Freundschaft sprach aus Annes Augen. Sie kannte Theresa Bade seit ihrer Schulzeit und auch wenn sie damals nicht unbedingt Freunde waren, so hatten sie sich doch immer gut verstanden. Nach
Abschluss der Schule hatten sich ihre Wege getrennt. Therri war mit ihren Eltern in eine andere Stadt gezogen und Anne verlor sie aus den Augen.
Nach Beendigung ihrer Lehre als Buchhalterin hatte Anne hier und da versucht, Fuß zu fassen aber nirgendwo war sie zufrieden gewesen. Später hatte sie über ein Inserat in der Zeitung die Wäscherei ausfindig gemacht, bei der sie, wie sie hoffte, langfristig ihrem Job nachgehen konnte. Der Betrieb bestand schon viele Jahre.
Anne musste lächeln, als sie an den ersten Tag zurückdachte, an dem sie etwas aufgeregt ihrem künftigen Chef, Richard Bogner, gegenüber saß und der sie, nach einem langen, ausführlichen Gespräch zu ihrem Arbeitsplatz führte.
Anne glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als der leitende Angestellte die Tür zum Büro öffnete und sie dort Theresa Bade an einem Schreibtisch sitzen sah. Noch ehe Bogner dazu kam, die beiden einander vorzustellen, lagen sie sich in den Armen und konnten nicht glauben, dass sie von nun an als Kolleginnen zusammenarbeiten würden. Verwundert und nicht minder erstaunt als die beiden Frauen war er einen Schritt zurückgetreten. »Ah … die Damen kennen sich offensichtlich. Dann erübrigt sich ja, dass ich Sie miteinander bekannt mache. Also viel Erfolg und einen schönen Tag noch«. Etwas steif hatte Bogner das Büro verlassen.
Anne und Therri hatten sich unendlich viel zu erzählen. Im Laufe der Zeit wurde aus der Kollegialität eine feste, unerschütterliche Freundschaft; sie verbrachten soviel Zeit wie möglich miteinander, teilten Höhen und Tiefen. Anne hatte Therri zur Seite gestanden, als sie ihren Mann durch einen Autounfall verloren hatte, und nun war Therri in einer, nicht minder tragischen Situation, an der Seite der Freundin.
Annes Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Sie sah zu Therri hinüber, die ihren eigenen Gedanken nachhing. »Was machen wir jetzt mit den Vögeln? Die darf Nora morgen früh auf keinen Fall so sehen«.
»Wir werden die Polizei benachrichtigen müssen«, meinte Therri. »So kann das auf gar keinen Fall weitergehen!« Mit entschlossenen Schritten steuerte sie das Telefon an, doch Anne erwischte sie am Ärmel und hielt sie zurück.
»Langsam Therri, nicht so eilig! Hast du schon vergessen, was ich dir erzählt habe? Wie hat denn die Polizei reagiert, als ich Pauls Verschwinden gemeldet habe?«, fragte sie eher rhetorisch. »Sie haben die Hunde ein wenig am Land-Rover schnüffeln lassen und womöglich nach Drogen gesucht! Einfach lächerlich, findest du nicht? Mit Sicherheit hätten die Kriminaltechniker jede Menge Fingerabdrücke entdecken können.«
»Na klar!«, echote Therri.
»Logisch!«, insistierte Anne mit hochrotem Kopf. »Und wessen werden sie da wohl finden? Pauls, meine und Noras. Bestenfalls noch die von meiner Mutter. Aber das war's dann auch schon!
»Und was war«, fuhr sie aufgeregt fort, »als ich von den ominösen Anrufen berichtete, die ich jeden Abend erhalte und die ich nur über mich ergehen lasse, weil ich hoffe, einen Anhaltspunkt entdecken zu können? Eine Fangschaltung?» Sie ahmte den Kommissar nach. »Sicher! Aber erst, wenn ich reif für die Klapsmühle bin – und dann auch nur auf richterliche Anordnung!« Anne hatte sich in Rage geredet, ihre Augen irrten wild im Zimmer umher.
Therri spürte die Qual ihrer Freundin fast körperlich. Beruhigend und sanft strich sie über Annes Arm. »Was können die schon auf ihrer Habenseite verbuchen, hm? Nichts wissen sie! Gar nichts!«
Resigniert ließ sich Anne in den Sessel sinken, mutlos und ausgelaugt.
»Nun«, gab Therri vorsichtig zu bedenken. »Woher sollen sie Informationen bekommen, wenn du nicht mit ihnen zusammenarbeitest? Denk doch mal vernünftig nach! Jeder Hinweis, und sei er noch so vage, hilft denen doch, was zu tun. Jede Information ist wichtig … und ich finde, du hättest inzwischen eine Menge zu erzählen, glaubst du nicht?« Aufmunternd lächelte Therri ihre Freundin an und bemerkte dabei deutlich die Zwiespältigkeit, die in Anne tobte.
»Ich weiß nicht.« Anne seufzte. »Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich denen gleichgültig bin, nicht besonders wichtig.«
»Unsinn!« Therri ergriff Annes Hände. »Anne! Die machen ihren Job, wie du und ich! Sie brauchen aber auch ein paar Informationen, um ihn gut machen zu können. Denke in Ruhe darüber nach, okay?«
Anne beharrte auf ihrem Standpunkt. Trotzig vollzog sie das Gespräch auf dem Revier noch einmal nach. »Ach, hör bloß auf, Therri! Ich kam mir vor wie ein Idiot, als dieser Hauptkommissar mich befragte. Der hat mich angesehen, als sei ich schuld an dem ganzen Mist. Ich habe dir doch erzählt, wie er reagiert hat, als ich zu bedenken gab, dass Paul ja auch in den Fluss gestürzt sein könnte!«
Anne zog, wie sie es bei Göbel gesehen hatte, theatralisch die Mundwinkel nach unten und äffte erneut den Kommissar nach: Liebe Frau Gartner! Das ist alles sicher nicht leicht für Sie und wir tun im Rahmen unserer Möglichkeiten, was wir können, um Ihren Mann zu finden. Taucher in den Fluss zu schicken, halte ich für zwecklos. Die Strömung ist viel zu stark, um da was zu finden … verzeihen Sie, ich wollte nicht pietätlos sein. Wenn Ihr Mann ins Wasser gestürzt ist, hat ihn die Strömung sicher mit sich fortgetrieben. Es tut mir leid, Ihnen das so sagen zu müssen, aber in diesem Falle würde über kurz oder lang, äh, hm, pardon, seine Leiche auftauchen. Anne hatte das Gefühl beschlichen, dass alles weitere dem Zufall überlassen schien. Das anfängliche Vertrauen in die Fähigkeiten der Polizei hatte sich schlagartig verflüchtigt.
Erschöpft setzte sich Anne auf das Sofa, nachdem sie unruhig im Zimmer auf und ab gegangen war. Sie sah in die Augen ihrer Freundin, in denen tiefe Besorgnis geschrieben stand.
»Der Höhepunkt war«, nahm Anne den Faden wieder auf, »als Göbel mir durch die Blume zu verstehen gab, dass täglich Menschen in der Bundesrepublik verschwinden. Wollte man jedem nachrecherchieren, der abhaut und gedenkt, eben mal ein neues Leben anzufangen, würde die Polizei überhaupt nicht mehr fertig werden.«
»Alles schön und gut«, beharrte Therri. »Ich meine trotzdem, dass du dich diesem Göbel anvertrauen solltest.«
»Ach, was ist denn schon groß passiert?«, versuchte Anne das Geschehen herunter zu spielen, obwohl sie es besser wusste.
Therri war nun ernsthaft entrüstet. »Dann frag ich dich, was ist das da in der Küche? Sind die toten Vögel nur eine Halluzination? Und was soll der Scheiß mit deinem Küchenfenster? Das ist auch nur ein Irrtum, oder täusche ich mich? Du kannst mich gerne berichtigen, wenn ich falsch liege! Wie viel muss noch passieren, bis du was unternimmst?«
Anne war in Schweigen versunken. Ihre Augen ruhten auf einem gerahmten Foto auf der Anrichte gegenüber dem Sofa. Es zeigte eine glückliche, kleine Familie. Das Bild hatte Annes Vater vor ungefähr vier Jahren geschossen. Nora war gerade erst auf die Welt gekommen. Irgendwie unterschied sich die Stimmung auf diesem Bild erheblich von der Atmosphäre, die in letzter Zeit im Hause Gartner zu spüren war.
Paul hatte sich in Positur gestellt; ein stolzer Vater, der die kleine Nora im Arm hielt. Er trug Jeans und ein kurzärmliges, kariertes Hemd. Er strahlte über das ganze Gesicht, das braungebrannt von wirren Locken umspielt wurde. Anne schmiegte sich an ihn, klein, zart und fast zerbrechlich wirkend. Sie hatte ihr dickes, braunes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Auch sie war von der Sonne gebräunt; ein hübscher Kontrast zu ihrem weißen, luftigen Kleid, das sie trug. Ihr Blick strahlte Lebensfreude aus. Ein schöner Mund entblößte strahlend weiße Zähne.
Therri folgte Annes Blick und betrachtete ebenfalls das auf dem Schrank. Wo war das Lachen der beiden geblieben? Es war nicht ausgeblieben, dass Therri die Veränderung in Anne bemerkt hatte. Woche für Woche schien ihre Freundin gebeugter, resignierter.
»Okay, das entscheidest du letztendlich selbst«, warf Therri ein. »Ich würde zunächst mal vorschlagen, dass ich die Vögel samt Bauer mitnehme. In meiner entfernten Verwandtschaft gibt es eine Laborantin. Die werde ich bitten, mal in die Tierchen hineinzusehen. Kann durchaus sein, dass sie fündig wird. Du erzählst Nora morgen früh, dass die Vögel bei mir sind, weil ich immer so einsam bin oder sonst was – lass’ dir was einfallen — und dass sie in ein paar Tagen wieder daheim sind. Ich versuche inzwischen ein Paar aufzutreiben, das den beiden hier zum Verwechseln ähnlich ist, okay?«
»Klingt gut, könnte klappen.« Anne war erleichtert.
»Dann noch was«, hakte Therri nach. »Hast du eigentlich schon überprüft, ob im Haus irgend etwas fehlt?«
»Ich glaube, es fehlt nichts … aber ehrlich gesagt habe ich noch nicht genauer nachgesehen«, gab Anne zu.
»Wollen wir das gleich mal zusammen machen?«
Anne nickte zustimmend. Nach einer Viertelstunde stand das Ergebnis fest. Alles im Haus war an seinem Platz.
»Nun wissen wir wenigstens, dass unser Einbrecher kein Dieb ist. Aber das ergibt auch keinen Sinn«, meinte Therri nachdenklich. »Wer steigt schon in ein Haus ein, ohne was zu klauen? Das ist doch verrückt, oder? Zumindest verrückt genug, um kleine, unschuldige Vögel abzumurksen«, fügte sie verbittert hinzu. »Ich verstehe das alles nicht!« fuhr sie fort.
Anne war um einen Schein blasser geworden.Sie sah Therri ängstlich an. »Denkst du auch, was ich denke?« Ihre Stimme zitterte. Therri wusste sofort, welch gefährliche Richtung die Gedanken ihrer Freundin nahmen. Auch in ihrem Kopf waren sie kurz aufgeflackert, doch sie hatte sie gleich wieder verworfen.
»Nein Anne. Das ist absurd. Ich glaube nicht, dass es Paul war. Er hat einen Schlüssel.«
Anne hatte sich zur Seite gedreht; Therri zog sie zu sich herum, nahm sie bei den Schultern und schüttelte sie sanft.
»Er hat einen Schlüssel, einen SchIüssel! Überleg' doch mal! Wozu sollte er die Scheibe demolieren, wenn er ohne Mühe durch die Tür hereinspazieren kann! Es steht noch gar nichts fest, alles hängt in der Luft. Also bleib' cool, soweit es dir möglich ist. Ich bin da, wann
