Totenschrein - Ellison Cooper - E-Book

Totenschrein E-Book

Ellison Cooper

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Beschreibung

Zwölf vermisste Mädchen, ein grausamer Ritualmörder - Sayer Altairs härtester Fall

Mitten in Washington liegt die Leiche eines Mädchens. Die Tote sieht aus, als würde sie schlafen. Wären da nicht die Axt in ihrer Hand, die geschnitzten Affenfiguren um sie herum und eine blutige Botschaft. Alles deutet auf einen Ritualmord hin.
FBI-Agentin Sayer Altair übernimmt den Fall. Als herauskommt, dass das Opfer zu einer Gruppe vermisster Jugendlicher gehört, ahnt die Agentin, dass der Täter bald wieder zuschlägt. Ein Wettlauf gegen den grausamsten Mörder, mit dem Sayer es je zu tun hatte, beginnt.

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Totenschrein

Die Autorin

ELLISON COOPER promovierte in Anthropologie. Sie spezialisierte sich dabei auf den Bereich kulturelle Neurowissenschaften und Archäologie. Ihre wissenschaftlichen Publikationen erschienen in zahlreichen anerkannten Zeitschriften. Sie studierte außerdem Jura an der Georgetown University und arbeitete als Mordermittlerin beim Public Defender Service in Washington, D.C., wo sie Einblick in das System der Kriminaljustiz erhielt. Mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebt sie in der San Francisco Bay Area.Von Ellison Cooper sind in unserem Hause bisher erschienen:Todeskäfig · Knochengrab

Das Buch

Nach ihrem letzten spektakulären Fall hat FBI Senior Agent Sayer Altair wieder etwas Ruhe gefunden. Sie konzentriert sich auf ihre neurowissenschaftlichen Forschungen über die Gehirne von Psychopathen. Aber dann wird mitten in Washington D. C. am Einstein Memorial ein Polizist im Dienst erschossen. Neben ihm liegt eine weibliche Leiche in einem Kreis aus geschnitzten Tierfiguren. Zusammen mit der kryptischen, mit Blut geschriebenen Nachricht neben ihr, deutet alles auf einen Ritualmord hin. Als herauskommt, dass das tote Mädchen eine von vierundzwanzig vermissten Highschool-Schülern ist, wird für Sayer Altair schnell klar, dass in diesem Fall nichts so ist, wie es scheint. Ehe sie sich’s versieht, wird sie persönlich tief in den Fall hineingezogen. Sayer muss sich ihrer eigenen schmerzhaften Vergangenheit stellen, um den grausamen Ritualmörder aufzuhalten und die vermissten Teenager rechtzeitig zu finden.

Ellison Cooper

Totenschrein

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Sybille Uplegger

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein.de

Deutsche Erstausgabe bei Ullstein Taschenbuch1. Auflage August 2021© für die deutsche Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2021© 2020 by Ellison CooperPublished by Arrangement with Ellison CooperTitel der amerikanischen Originalausgabe: Cut to the Bone(Minotaur Books, St. Martin’s Press, New York)Umschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®, München (Schrabbel);© Vanessa Skotnitsky / arcangel images (Park);© Karina Vegas / arcangel images (Frau)Autorinnenfoto: © Michael SooE-Book-Konvertierung powered by PepyrusISBN 978-3-8437-2424-1

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Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

District of Columbia Police Department, Leitstelle, Washington, D. C.

Vorlesungssaal der Georgetown University, Georgetown, D. C.

Auf dem Weg zur National Academy of Sciences, Washington D. C.

Albert-Einstein-Denkmal, Washington, D. C.

Straße zum FBI-Hauptquartier in Quantico, Virginia

FBI-Kommandozentrum, Quantico, Virginia

FBI-Kommandozentrum, Quantico, Virginia

Sayers Wohnung, Alexandria, Virginia

FBI-Hauptquartier, Quantico, Virginia

Route 1 Richtung Woodbridge, Virginia

Verlassene Tankstelle, Woodbridge, Virginia

Unbekannter Ort

Occoquan Bay National Wildlife Refuge, Woodbridge, Virginia

Verlassene Tankstelle, Woodbridge, Virginia

FBI-Kommandozentrum, Quantico, Virginia

Familien-Begegnungsraum, Quantico, Virginia

Unbekannter Ort

FBI-Kommandozentrum, Quantico, Virginia

Unbekannter Ort

Walters Art Museum, Baltimore, Maryland

Unbekannter Ort

Straße zum mobilen Kommandozentrum, Lorton, Virginia

Unbekannter Ort

Mobiles Kommandozentrum, Lorton, Virginia

Telegraph Road, Lorton, Virginia

FBI-Kommandozentrum, Quantico, Virginia

Fairfax Hospital, Falls Church, Virginia

Unbekannter Ort

FBI-Kommandozentrum, Quantico, Virginia

Washington Monument, National Mall, Washington, D. C.

Unbekannter Ort

FBI-Kommandozentrum, Quantico, Virginia

Straße zu Sayers Wohnung, Alexandria, Virginia

Unbekannter Ort

Sayers Wohnung, Alexandria, Virginia

Jackie Windsors Haus, Falls Church, Virginia

Unbekannter Ort

Sayers Büro, Quantico, Virginia

FBI-Kommandozentrum, Quantico, Virginia

Auf dem Weg zum Hearing Voices Institute, Great Falls, Virginia

Unbekannter Ort

Dr. Lilenhammers Büro, Hearing Voices Institute, Great Falls, Virginia

Unbekannter Ort

Hearing Voices Institute, Great Falls, Virginia

Georgetown Pike, Great Falls, Virginia

Wharf Marina, Southwest Washington, D. C.

Andrew W. Mellon Memorial Fountain, Washington, D. C.

FBI-Kommandozentrum, Quantico, Virginia

Straße nach Alexandria, Virginia

Tinos Wohnung, Alexandria, Virginia

Sayers Wohnung, Alexandria, Virginia

Unbekannter Ort

Fairfax Hospital, Falls Church, Virginia

Tinos Zimmer, Fairfax Hospital, Falls Church, Virginia

Recovery Village, Vienna, Virginia

FBI-Hauptquartier, Quantico, Virginia

Unbekannter Ort

Sayers Wohnung, Alexandria, Virginia

Holts Boot, Wharf Marina, Southwest Washington, D. C.

Holts Boot, Wharf Marina, Southwest Washington, D.C.

Holts Boot, Wharf Marina, Southwest Washington, D. C.

Unbekannter Ort

Straße zum Fairfax Hospital, Falls Church, Virginia

Vor Sayers alter Wohnung, Alexandria, Virginia

Holts Boot, Wharf Marina, Southwest Washington, D. C.

Straße zum Fairfax Hospital, Falls Church, Virginia

Holts Boot, Wharf Marina, Southwest Washington, D. C.

McMillan Sandfiltrieranlage, Washington, D. C.

Grabkammer, McMillan Sandfiltrieranlage, Washington, D. C.

Straße zum Smithsonian National Zoo, Washington, D. C.

McMillan Sandfiltrieranlage, Washington, D. C.

Smithsonian National Zoo, Washington, D. C.

McMillan Sandfiltrieranlage, Washington, D. C.

Smithsonian National Zoo, Washington, D. C.

Justizministerium der Vereinigten Staaten, Washington, D. C.

Tinos neues Haus, Alexandria, Virginia

Sayers Haus, Alexandria, Virginia

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

District of Columbia Police Department, Leitstelle, Washington, D. C.

Widmung

Meinen Eltern Bob und Judy,die immer an mich geglaubt haben.

 

District of Columbia Police Department, Leitstelle, Washington, D. C.

Im Headset der Disponentin Karla Haskell vom D. C. Police Department knisterte es. »Hier Officer 2026 mit einem Lagebericht. Im Süden nichts Neues.«

Als sie Frankie Grahams Stimme hörte, begannen Karlas Wangen zu glühen.

»’n Abend, Frankie. Verstanden.« Sie bemühte sich, möglichst unverkrampft zu klingen, allerdings hatten sie sich in letzter Zeit immer häufiger unterhalten, während Frankie zu Fuß auf Streife gewesen war. Offiziell mussten sich die Streifenpolizisten lediglich einmal zur Hälfte ihrer Schicht in der Zentrale melden, aber Frankie ließ neuerdings deutlich öfter von sich hören. In der Nacht zuvor hatte er die Funkverbindung praktisch die ganze Zeit über aufrechterhalten, und sie hatten stundenlang geredet, sofern Karla nicht gerade auf Meldungen der anderen Kollegen reagieren musste.

Sie hörte das gedämpfte Geräusch seiner Schritte und seinen leicht keuchenden Atem. Ende Dezember abends auf Streife unterwegs zu sein war selbst bei gutem Wetter ein hartes Los, und es hatte den ganzen Tag über immer wieder geschneit. Karla warf einen Blick auf die Uhr. Noch nicht mal halb zehn. Frankie stand eine lange, kalte Nacht bevor.

»Hier draußen friert man sich echt die Eier ab.« Er hielt inne. »Ich meine … Entschuldigung für meine ordinäre Ausdrucksweise.«

Sie lachte atemlos. »Ach, Frankie. Ich arbeite seit neunzehn Jahren hier in der Leitstelle. In meiner Welt gelten ›Eier‹ nicht als ordinär.«

Er lachte. »Na, Gott sei Dank. Warte mal, ich glaube, da drüben ist ein Sprayer.«

»Wo bist du denn gerade?«, fragte Karla, nun wieder ganz auf ihre Arbeit fokussiert.

»Ecke Constitution Avenue und 22nd. Sieht so aus, als wäre er dabei, das Einstein-Denkmal zu verunstalten. Ich verjage ihn schnell. Kannst du kurz dranbleiben? Ich möchte dich nämlich gerne was fragen …«

»Ich gehe nirgendwohin.« Karla war froh, dass er nicht sehen konnte, wie ihr abermals die Röte ins Gesicht gestiegen war. Frankie war kein Patrick Swayze, aber er hatte ein tolles Lächeln und galt auf dem Revier als durch und durch anständiger Kerl. Außerdem hatte Karla seit Jahren kein Date mehr gehabt.

»Hey, Freundchen!«, hörte sie Frankie rufen.

Es folgte eine längere Stille, dann ein scharfes Atemholen. »Was zum …«, stieß Frankie hervor.

Karla nahm die Angst in seiner Stimme wahr. Im nächsten Moment ließ das scharfe Krachen eines Schusses sie zusammenfahren.

Frankie stieß einen derart markerschütternden Schrei aus, dass sich die Härchen an ihren Armen aufstellten.

»Frankie? Frankie?«, schrie sie in ihr Headset.

Ein dumpfer Aufprall, gefolgt von einem rauen Schmerzenslaut. Karla stockte der Atem. Gelähmt vor Entsetzen und mit wild klopfendem Herzen lauschte sie auf das nasse, gequälte Röcheln, das aus der Leitung kam. Nach einigen schier unerträglichen Sekunden des Schweigens hörte sie jemanden weit entfernt ein Lied singen.

Der leise, misstönende Gesang jagte ihr einen Schauer über den Rücken.

»Notfall, brauche sofortige Unterstützung, Officer verletzt!« brüllte sie. Zur selben Zeit wurde es still in Frankies Funkgerät.

 

Vorlesungssaal der Georgetown University, Georgetown, D. C.

FBI Senior Special Agent Sayer Altair warf einen Blick auf die Uhr an der hinteren Wand des Vorlesungssaals. Ihr Vortrag war seit ziemlich genau dreißig Minuten vorbei, und die Studenten stellten immer noch Fragen. Sie deutete auf einen jungen Mann in der ersten Reihe, der ungestüm mit dem Arm in der Luft herumwedelte.

»Agent … Doktor?« Er brach ab und errötete.

»Suchen Sie sich was aus.« Sayer versuchte zu lächeln, doch wahrscheinlich sah es eher so aus, als würde sie die Zähne blecken. Als Gefallen für ihren ehemaligen Mentor hatte sie sich bereiterklärt, an der Fakultät für Neurologie der Georgetown University einen Vortrag zu halten, allerdings hatte sie nicht mit der Flut an Fragen gerechnet. Als Neurowissenschaftlerin, die im Nationalen Zentrum für die Analyse von Gewaltverbrechen des FBI die Gehirnstrukturen von Serienmördern erforschte, war Sayer offenbar wesentlich interessanter als die meisten anderen Gastdozenten.

»Sie meinten vorhin, Sie hätten bei den Gehirnen von Serienmördern zahlreiche Abweichungen festgestellt«, sagte der Student.

»Zahlreiche Defizite, ja.«

Er warf einen Blick in seine Aufzeichnungen. »Sie haben weniger Graue Substanz im limbischen System, unterdurchschnittlich entwickelte Amygdalae und eine verringerte Aktivität des ventromedialen präfrontalen Cortex. Meine Frage ist nun: Finden Sie, wir sollten schon Kinder systematisch auf diese Marker hin untersuchen?«

Sayer blinzelte. Es war eine gute, aber zugleich auch schreckliche Frage. Sie holte tief Luft.

»Und was macht man dann mit einem Kind, das ein ›psychopathisches‹ Gehirn aufweist? Die Antwort lautet … nichts. Obschon die Gehirnstruktur unser Verhalten maßgeblich beeinflusst, kann man durchaus eine psychopathische Veranlagung haben, ohne gleich ein Serienmörder zu sein. Solche Leute werden vermutlich nie einen Preis für Menschenfreundlichkeit gewinnen, aber statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem solchen Kind später mal ein Chirurg oder ein erfolgreicher Politiker wird, deutlich höher, als dass es eine Laufbahn als Serienkiller einschlägt.«

Ein Murmeln ging durch den Saal.

Sayer fuhr fort. »Im Rahmen meines laufenden Projekts interviewe ich Menschen, die ich als ›prosoziale Psychopathen‹ bezeichne – Menschen mit psychopathischen Eigenschaften, denen es jedoch gelingt, ihren Narzissmus, ihren Mangel an Empathie und ihre ungewöhnlich stark ausgeprägte Gemütsruhe im Rahmen von erfolgreichen Karrieren als Firmenchefs, Anwälte, Polizisten oder Ärzte zu kanalisieren. Es gibt Millionen von Menschen, die man im Sinne der Psychopathie-Checkliste als Psychopathen klassifizieren würde und die nie eine Straftat begangen haben.« Sie blickte ins Halbdunkel des Auditoriums. Sie hätte das Thema noch weiter ausführen können, doch sie wusste, dass zu Hause ein Festmahl auf sie wartete. Ihre erwachsene Adoptivtochter Adi wollte am darauffolgenden Tag nach Stanford fliegen, um sich die Uni anzuschauen, und Tino, ihr Nachbar und Mitbesitzer ihres Hundes, hatte gerade zusammen mit besagtem Hund erfolgreich eine Ausbildung zur tiergestützten Therapie absolviert. Sayer freute sich schon auf ein Bier und ein leckeres Essen im Kreis ihrer Familie.

»Ich beantworte noch eine Frage, dann müssen wir leider zum Ende kommen«, verkündete sie.

Ein Dutzend Hände schnellte in die Luft.

Sayer nahm eine unscheinbar aussehende junge Frau in der hintersten Reihe dran.

»Sie haben ja schon mit Hunderten von Psychopathen gearbeitet. Was war das verstörendste Interview, das Sie jemals geführt haben?«

Ein unwillkürlicher Schauer ließ die Härchen auf Sayers Armen zu Berge stehen. Ihr war sofort Studienteilnehmer 037 in den Sinn gekommen.

»Interessant, dass diese Frage gerade jetzt kommt. Wie es der Zufall will, hatte ich mein ungewöhnlichstes und auch beunruhigendstes Interview mit einem meiner nicht kriminellen Psychopathen …« Sayer machte eine Pause, weil sie erst überlegen musste. Sie wollte mit ihrer Antwort keine Vertraulichkeitsvereinbarungen verletzen. »Es war ein Studienteilnehmer, der auf der Psychopathie-Checkliste die volle Punktzahl erreicht hat. Nicht mal der schlimmste Killer, dem ich jemals begegnet bin, hat dieses zweifelhafte Kunststück fertiggebracht.«

»Ihr unheimlichstes Interview war also nicht mit einem Mörder?«, hakte die junge Frau nach.

»Das ist richtig. Die Mörder, mit denen ich im Rahmen meiner Forschungsarbeit gesprochen habe, waren im Großen und Ganzen nicht übermäßig intelligent und neigten zu überhöhter Selbstwahrnehmung. Damit wir uns ganz klar verstehen: Diese Leute sind Monster, die unzählige Menschenleben auf dem Gewissen haben, und trotzdem erregen sie meistens eher Mitleid als Furcht. Dieser andere Studienteilnehmer hingegen war …« Sayer hatte Mühe, die richtigen Worte zu finden, um ihre Gespräche mit 037 zu beschreiben. »Bei ihm lief es mir kalt den Rücken hinunter.«

»Und Sie wissen nicht mal, wer er ist?«, rief ein Student dazwischen.

»Richtig, ich garantiere all meinen Studienteilnehmern absolute Anonymität. Viele von ihnen wären sonst gar nicht bereit, mit mir zu sprechen«, erklärte Sayer. »Wobei Psychopathen oft eine Tendenz zur Selbstüberhöhung haben, deshalb waren viele von ihnen ganz wild darauf, mir von sich zu erzählen. Dieser spezielle Teilnehmer allerdings legt sehr großen Wert darauf, unerkannt zu bleiben.«

Sayer erwähnte nicht, dass Studienteilnehmer 037 im Laufe ihrer Interviews ein geradezu krankhaftes Interesse an ihrem Leben und ihrer Karriere entwickelt hatte. Es musste sich um jemanden handeln, der in D. C. über ausgezeichnete Kontakte verfügte, womöglich sogar bis in die oberen Ränge der NSA hinein. Und diese Kontakte hatte er genutzt, um sie inmitten eines großen FBI-Skandals vor dem beruflichen Ruin zu bewahren. Dass es ihm sehr wichtig zu sein schien, sie zu beschützen, ohne dass sie die Gründe dafür durchschaute, bereitete ihr großes Unbehagen.

Es war, als hätte sie die Aufmerksamkeit eines gezähmten Tigers auf sich gezogen. Die Gespräche mit 037 boten ihr die Gelegenheit, Einblicke in die Funktionsweise eines wahrhaft faszinierenden Bewusstseins zu bekommen, waren aber zugleich ein Spiel mit dem Feuer. Ein Mann wie 037 konnte sich ohne jede Vorwarnung gegen sie wenden.

»Was war denn so unheimlich an ihm?«, wollte der nächste Student wissen.

Sayer war drauf und dran, ihm zu antworten, als ihr Telefon, das vor ihr auf dem Pult lag, zu summen anfing. Selten war sie so froh über eine Unterbrechung gewesen. Obwohl sie hauptsächlich als Neurowissenschaftlerin arbeitete, war sie auch eine aktive Agentin in der Critical Incident Response Group des FBI, und als solche hatte sie immer Bereitschaft.

»Entschuldigung, da muss ich rangehen.« Sie warf einen Blick auf das Telefon und staunte, als sie Direktor Andersons Namen auf dem Display sah.

Hastig nahm sie ab.

»Agent Altair.« Seine aristokratische Sprechweise tat wenig, seinen brüsken Ton abzumildern.

»Direktor Anderson …« Sayer machte eine entschuldigende Handbewegung in Richtung der Studenten, verließ das Podium und eilte in einen kleinen angrenzenden Raum.

»In der Innenstadt gab es einen Doppelmord«, eröffnete Anderson ihr ohne jede Einleitung. »Eins der Opfer war Polizist. Es besteht Grund zu der Annahme, dass es sich um einen Serientäter handelt, deshalb hat die örtliche Polizeidienststelle darum gebeten, dass das FBI die Ermittlungen übernimmt. Genauer gesagt: Ihre Fans im DCPD haben Sie angefordert.« Unverhohlenes Missfallen hatte sich in seine Stimme geschlichen. »Und da ich die Kollegen der örtlichen Strafverfolgungsbehörden nicht enttäuschen möchte, habe ich beschlossen, Ihnen als Liebling der Medien die Leitung des Falls zu übertragen.«

Sayer ignorierte Andersons beißenden Sarkasmus und überflog stattdessen die Akte, die soeben auf ihrem Handy eingegangen war. Der Polizist hatte den Mörder gestört und war durch einen Schuss in die Brust getötet worden. Eine weibliche Leiche war ebenfalls am Tatort aufgefunden worden. Die Tat wies ritualistische Elemente auf.

»Hier steht, die Tat trug Züge eines Ritualmords. Wissen Sie Näheres darüber?«, fragte sie.

»Bin ich Ihre Sekretärin?«, blaffte Anderson. »Die Tat hat sich auf dem Gelände der National Academy of Sciences ereignet, gegenüber der Mall. Es ist eine Woche nach Weihnachten, und der Bürgermeister fürchtet, dass die Touristen ausbleiben könnten. Beim DCPD glaubt man, das weibliche Opfer sei noch minderjährig, außerdem hat der Täter eine mit Blut geschriebene Botschaft hinterlassen. Sie sind bei der Sache auf sich allein gestellt. Halten Sie mich auf dem Laufenden.« Anderson beendete das Gespräch.

Sayer starrte ihr Telefon an. Die letzte Bemerkung des FBI-Direktors hatte an Klarheit nichts zu wünschen übrig gelassen. Weil sie die meiste Zeit mit ihren Forschungsprojekten beschäftigt war, hatte sie keinen festen Partner, und so wie es aussah, würde man ihr auch für diesen Fall keinen zuteilen. Mit anderen Worten: Sie hatte niemanden, der ihr im Zweifelsfall Rückendeckung geben konnte. Und das bei einem Fall von solcher Brisanz. Ein Polizist war ums Leben gekommen war, deshalb stand von Anfang an viel auf dem Spiel.

Sie spürte diese Bürde wie eine schwere Last auf ihren Schultern.

Nachdem sie sich in aller Eile von ihrem ehemaligen Professor verabschiedet und den Studenten für ihre Aufmerksamkeit gedankt hatte, nahm Sayer ihren Motorradhelm und trat hinaus in die kalte Abendluft. Neben ihrer Maschine blieb sie zunächst einen kurzen Moment stehen. Die Welt wirkte ganz friedlich und still bis auf die Schneeflocken, die um sie herum zu Boden schwebten, an ihren Wimpern hängen blieben und sich auf ihre kurzen, schwarzen Locken legten. Sie genoss die Stille umso mehr, als sie wusste, dass sie auf absehbare Zeit keinen ruhigen Augenblick mehr haben würde.

Ein totes Mädchen und ein erschossener Polizist. Sie musste die Angehörigen benachrichtigen. Das war immer eine herzzerreißende Aufgabe, aber so kurz nach den Feiertagen würde es noch schlimmer werden.

Sie schüttelte die restliche Wärme aus dem Vorlesungssaal ab, setzte den Helm auf, ließ den Motor ihrer Matchless Silver Hawk aufheulen und gab so energisch Gas, dass das Hinterrad kurz zur Seite ausbrach, ehe sie die Maschine wieder unter Kontrolle hatte.

Während sie mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung Tatort fuhr, war Sayer in Gedanken bereits bei dem, was sie dort womöglich erwartete.

 

Auf dem Weg zur National Academy of Sciences, Washington D. C.

Sayer durchquerte den Tunnel aus festlich blinkenden Lichterketten in der 14th Street. Als sie sich dem Tatort näherte, rief sie Datentechniker und Computergenie Ezra Coen an.

»Ez, hast du von den Morden in D. C. gehört? Ich leite die Ermittlungen und möchte gerne, dass du die Koordination übernimmst.«

»Hab mir schon gedacht, dass du mich brauchen wirst. Ich bin auf dem Weg ins Büro, um die reinkommenden Infos zu sammeln. Bis du hier bist, hab ich alles gebündelt und sortiert.«

»Großartig. Als Erstes brauchen wir eine kleine Taskforce. Sorg dafür, dass wir die genehmigt bekommen, und stell ein paar geeignete Leute dafür zusammen. Danach möchte ich, dass du dich vor allem auf die Identifikation der weiblichen Leiche konzentrierst. Es klang so, als wäre sie noch relativ jung.«

»Geht klar. Die Kollegen von der Rechtsmedizin sollen mir die Fingerabdrücke und ein Foto schicken, sobald sie vor Ort sind.«

»Du bist der Beste.«

»Worauf du wetten kannst«, entgegnete Ezra. »Ich hab dafür extra ein Date sausen lassen, du schuldest mir also was. Deine Dankesbezeugungen könnten beispielsweise die Form einer Einladung zum Abendessen bei Tino annehmen.«

Sayer ließ ein kleines Lachen hören. »Du verhandelst hart.«

»Immer. Man sieht sich.«

Er legte auf.

Sayer freute sich, dass Ezras innerer Klugscheißer endlich wieder zum Vorschein kam. Ein Jahr zuvor hatte er bei einer Explosion beide Beine verloren. Sein Weg zur Genesung war lang und hart gewesen.

Auf der anderen Seite der National Mall angekommen, lenkte sie ihr Motorrad die Constitutional Avenue hinunter, vorbei am prächtig erleuchteten National Christmas Tree. Zum ersten Mal seit einer Woche war der Himmel wolkenlos, und in der frischen, klaren Luft strahlten die Sterne heller als sonst. Sogar die Milchstraße war zu sehen, ein höchst seltenes Ereignis. Wie ein Band spannte sie sich über die stille Stadt.

Die Winter in D. C. bestanden oft aus endlos scheinenden Tagen voller Schneeregen und grauer Wolken, doch in diesem Moment, mit den funkelnden Sternen am Himmel, der dünnen Pulverschneedecke, die alles überzog, und der fröhlichen Weihnachtsbeleuchtung hatte die Szenerie beinahe etwas Märchenhaftes.

Die Illusion wurde durch mehrere Streifenwagen zerstört, die entlang der Constitution Avenue parkten und deren kreisende Lichter grelle rotblaue Effekte in den Schnee malten. Der Tatort lag am südwestlichen Ende des Geländes der National Academy of Sciences, genau dort, wo sich Sayers Lieblingsdenkmal befand: das Albert-Einstein-Denkmal.

Sie stellte ihr Motorrad ab und bahnte sich einen Weg durch die kleine Menge an Schaulustigen, in deren Augen sie das allzu vertraute Leuchten sah – eine Mischung aus Abscheu und Faszination. Es war an jedem Tatort das Gleiche: Immer gab es Menschen, die es erregte, den Tod aus nächster Nähe zu sehen.

Als sie unter dem Absperrband hindurchschlüpfen wollte, stellte sich ihr ein breitschultriger Officer des DCPD in den Weg. »Moment mal, Lady. Dies hier ist ein Tatort.«

Sayer wurde klar, wie sie auf ihn wirken musste: eine schwarze Frau, durchnässt und voller Straßendreck. »FBI, Senior Special Agent Altair.« Sie klappte ihre Dienstmarke auf.

»Ach, Agent Altair!« Er lächelte. »Ja, jetzt erkenne ich Sie wieder. Sie haben zusammen mit meinem Cousin an diesem Käfigmörder-Fall gearbeitet. Wilson Tooby. Ich bin Joe Tooby.«

Sayer nickte knapp. »Wie geht es Wilson?«, fragte sie notgedrungen. Eigentlich stand ihr nicht der Sinn nach Small Talk.

»Sehr gut. Seit einem Monat im Ruhestand. Verbringt jetzt erst mal ein bisschen Zeit mit seiner Tochter, bevor sie aufs College geht. Freut mich sehr, dass Sie den Fall übernehmen. Detective Wyatt wartet schon, er kann Ihnen alles Weitere erklären.« Er deutete auf einen stämmigen Mann in schwarzer Daunenjacke mit einer flauschigen roten Wollmütze auf dem Kopf, der sich seelenruhig inmitten des Trubels Notizen machte.

»Willkommen in der Hölle, Agent Altair«, grüßte er sie im Näherkommen.

»Sie müssen Detective Wyatt sein.«

Er blickte von seinen Notizen auf. Die tief betrübte Miene ließ sein rundes, jugendlich frisches Gesicht älter wirken. »Hab schon viel von Ihnen gehört. Schön, Sie endlich auch mal persönlich kennenzulernen.«

»Schade nur, dass es unter solchen Umständen sein muss.«

Beide schauten sie zu dem toten Officer Graham hinüber.

»Also, was haben wir bislang?«, fragte Sayer.

Wyatt führte sie zu der Leiche, die nur wenige Schritte vom Gehsteig entfernt lag. Officer Graham lag auf dem Rücken. Seine Uniformjacke war aufgerissen, weil die Rettungssanitäter versucht hatten, ihn wiederzubeleben. Die Blutlache auf dem gefrorenen Pflaster war an den Rändern bereits eingetrocknet.

»Officer Frank Graham, seit sieben Jahren im Polizeidienst. Er hatte sich gerade über Funk in der Zentrale gemeldet, als er angeblich einen Sprayer am Einstein-Denkmal entdeckte. Die Disponentin meinte, er hätte die betreffende Person angesprochen, woraufhin diese ohne Warnung auf ihn geschossen hätte.« Wyatts Stimme wurde immer leiser. Er kämpfte mit seinen Emotionen. »Er ist verblutet, noch ehe der Krankenwagen hier war.«

Sayer blieb vor dem toten Polizisten stehen. Das Herz pochte schmerzhaft in ihrer Kehle. »Hat er Kinder?«

»Ja, einen Sohn. Lebt bei seiner Ex-Frau.«

»Verdammt.« Sie musste an den Anruf denken, den sie nach dem Tod ihres Verlobten Jake bekommen hatte. Sie wusste genau, wie Grahams Familie sich fühlen würde, wenn heute Nacht das Telefon klingelte.

Sie verdrängte die Trauer, die sie jedes Mal überkam, wenn sie an Jake dachte, und wandte sich ab, um die blutigen Schuhabdrücke in der unmittelbaren Umgebung der Leiche zu inspizieren. Es war unmöglich zu sagen, ob sie vom Mörder oder von den Rettungssanitätern stammten. Darum musste sich die Spurensicherung kümmern.

Mit finsterer Miene führte Detective Wyatt sie weiter zum Einstein-Denkmal.

»Das zweite Opfer ist der Grund, weshalb wir Sie gerufen haben. Scheint noch nicht zwanzig zu sein. Definitiv ritualistische Züge. Schauen Sie es sich erst mal in Ruhe an.«

Dabei beließ er es und blieb stehen. Sayer wusste es zu schätzen, dass er ihr die Möglichkeit gab, sich ihr eigenes Bild von der Lage zu machen.

Sie ging weiter auf das Denkmal zu. Es bestand aus einer knapp vier Meter hohen Statue von Albert Einstein, der auf einer halbrunden steinernen Bank saß und ein Buch in den Händen hielt, in das drei seiner berühmtesten Gleichungen eingraviert waren.

»Freude und Staunen angesichts der Schönheit und Erhabenheit dieser Welt, von der sich der Mensch allenfalls eine vage Vorstellung bilden kann«, murmelte Sayer. Es war ihr Lieblingszitat von Einstein.

Die bronzene Figur des Physikers blickte auf eine große runde Sternenkarte hinab, die zu seinen Füßen ausgebreitet war. Sie maß annähernd zehn Meter, und die verschiedenen Planeten, der Mond und die Sterne waren durch unzählige, in den blank polierten Granit eingelassene Metallnieten dargestellt. Genau in der Mitte der Karte lag eine junge Frau auf dem Rücken. Sie sah so klein und zerbrechlich aus, dass es Sayer das Herz zusammenkrampfte. Bis auf einen kleinen Blutfleck auf ihren Lippen war der Leichnam äußerlich unversehrt.

Im Laufe ihres Berufslebens hatte Sayer schon viele Leichen gesehen. Sie war geübt darin, das Grauen des Todes nicht an sich heranzulassen, doch bei diesem Anblick drehte sich ihr unwillkürlich der Magen um. Bei Mord handelte es sich fast immer um eine brutale, schmutzige Angelegenheit, deshalb wirkten die Reinheit und Unversehrtheit des jungen Mädchens zutiefst verstörend. Trotz ihrer aufsteigenden Übelkeit wandte Sayer den Blick nicht von der verwirrenden Szene ab.

Das Mädchen hielt eine große Axt in der rechten Hand, und entlang der halbkreisförmigen Steinbank waren die Worte Wie oben, so unten in Blut geschrieben.

Doch das Ungewöhnlichste waren die neun kleinen Statuetten, jede nur etwa dreißig Zentimeter groß, die in einem Kreis um die Leiche herum aufgestellt waren. Sayer trat näher, um sie besser sehen zu können. Die kleinen Figuren hatten allesamt spitze Zähne, die aus ihren kurzen Tierschnauzen hervorschauten. Ihr Körperbau glich dem von Primaten, und sie standen wie Menschen in aufrechter, wenngleich leicht gebückter Haltung, die Hände auf den Knien.

Es waren neun Paviane, die wie ein fasziniertes Publikum um das Mädchen herumstanden und sie im Tod beäugten.

 

Albert-Einstein-Denkmal, Washington, D. C.

Sayer stand am Rand der Sternenkarte und nahm alles in sich auf. Es war frustrierend, dass Direktor Anderson sich weigerte, ihr für die Ermittlungen einen Partner zuzuweisen. Er wusste genau, dass dies einer der Fälle war, die kein gutes Ende nahmen. Selbst wenn sie den Mörder noch in dieser Nacht fasste, änderte das nichts daran, dass ein Polizist und ein junges Mädchen gestorben waren, und allein die Umstände ihres Todes würden die Presse zu den wildesten Spekulationen veranlassen. Ganz offensichtlich wollte Anderson, dass Sayer die Hauptlast der öffentlichen Aufmerksamkeit allein trug.

Das FBI hatte immer noch mit den Nachwirkungen des jüngsten Skandals zu kämpfen, der im erzwungenen Rücktritt der stellvertretenden Direktorin Holt, einer von Sayers Mentorinnen beim FBI, gegipfelt hatte. Ursprünglich hatte Direktor Anderson neben Holt auch Sayer loswerden wollen, wobei ihr seine Beweggründe nach wie vor ein Rätsel waren. Mithilfe politischen Intrigenspiels und geschickter Manipulation der Medien war es ihm gelungen, die stellvertretende Direktorin von ihrem Posten zu verdrängen. Sayer war gerade noch einmal davongekommen. Vielleicht war dies hier sein nächster Versuch, sie kaltzustellen. Er gab ihr einen schwierigen, hochbrisanten Mordfall, bei dem Scheitern gewissermaßen vorprogrammiert war.

»Dieser ganze politische Mist spielt jetzt keine Rolle«, ermahnte sie sich, während sie sich ein Tuch um ihre Locken band und Papierüberzieher über ihre Motorradstiefel streifte. Sobald der Fotograf die Leiche von oben abgelichtet hatte, stieg sie vorsichtig über die Paviane hinweg und trat auf das tote Mädchen zu.

Detective Wyatt hielt sich weiterhin zurück und beobachtete Sayer aus respektvoller Entfernung.

»Ihre Handgelenke deuten darauf hin, dass sie gefesselt war«, sagte sie, ehe sie sich ein Paar Einmalhandschuhe anzog und die Finger des Mädchens behutsam auf den mobilen Fingerabdruck­scanner legte.

Nachdem sie sämtliche Abdrücke eingescannt hatte, zeigte sie in Richtung Gehsteig. »Wie kann es sein, dass niemand was bemerkt hat? Wir sind hier direkt gegenüber der Mall, nicht gerade abgelegen. Der Mörder ist ein ziemlich hohes Risiko eingegangen.«

Sie waren weniger als sieben Meter von der Constitution Avenue, einer der zentralen Durchgangsstraßen von Washington, D. C., entfernt. Das Denkmal der Vietnam-Kriegsveteranen, einer der meistbesuchten Orte der Stadt, befand sich unmittelbar gegenüber.

»Vielleicht ist ihm egal, ob er gefasst wird«, meinte Detective Wyatt.

Sayer nickte. Im Kopf versuchte sie sich bereits einen ersten Eindruck vom Täter zu machen. Sie musste wissen, mit wem sie es zu tun hatte, und der Gedanke an einen unerschrockenen Killer schärfte ihren Jagdinstinkt.

»Das Blut da an ihrem Mund, das sieht mir nach Absicht aus.« Der Detective wies auf den kleinen herzförmigen Blutfleck in der Mitte der Lippen des Opfers.

Wieder nickte Sayer, ohne etwas zu erwidern. Sie war immer noch dabei, die Szene zu verarbeiten. Sie trat aus dem Kreis der Paviane heraus und wandte sich stattdessen der Schrift auf der Bank zu.

»Wie oben, so unten«, las sie laut. Die Worte schienen tatsächlich mit Blut geschrieben worden zu sein, das bereits zu einem dunklen Rostbraun getrocknet war. Sie zückte ihr Handy, um im Internet nach dem Ausspruch zu suchen, und erhielt mehrere Hundert Treffer – zu viele, um sie alle an Ort und Stelle durchzugehen. Dafür war es viel zu kalt.

Sie trat mehrere Schritte zurück, um die Szene noch einmal in ihrer Gesamtheit zu betrachten. Währenddessen setzten Kriminaltechnik und Rechtsmedizin ihre mühsame Arbeit fort, auch die kleinsten Spuren zu sichern, die möglicherweise zum Täter führen konnten.

Sayer ließ ihren Gedanken freien Lauf und stellte im Kopf eine Liste mit all den bizarren Elementen des Tatorts zusammen. Pavianstatuetten. Eine Axt. Die mit Blut geschriebene Botschaft. Warum ausgerechnet hier, am Fuße des Einstein-Denkmals? Hatte der Physiker für den Täter eine bestimmte Bedeutung? Oder vielleicht die National Academy of Sciences? Die Tat wies eindeutig ritualistische Elemente auf – aber was bedeuteten sie? Sayer überlegte, ob es eine Religion gab, in der Äxte und Paviane eine Rolle spielten, doch ihr fiel keine ein. Nicht einmal Satanismus schien zu passen.

Da sich ihr noch keine klaren Antworten aufdrängten, sah sie den Teams des FBI dabei zu, wie sie fachmännisch und mit ruhiger Effizienz ihrer Arbeit nachgingen.

»Kommt schon«, murmelte sie halblaut. Hoffentlich würden sie etwas finden, was ihr dabei half, dem Monster, das für diese Taten verantwortlich war, auf die Spur zu kommen.

 

Straße zum FBI-Hauptquartier in Quantico, Virginia

Als Sayer fast eine Stunde später zum FBI-Hauptquartier in Quantico fuhr, war der Himmel noch immer wolkenlos. Die eisige Luft drang durch die Ritzen ihrer Motorradjacke. Überfrierende Nässe hatte den Highway in einen tödlichen Hindernisparcours verwandelt und zwang sie, weit unter dem Tempolimit zu fahren.

Als sie ihre Silver Hawk auf dem nahezu leeren Parkplatz abstellte, schlotterte sie vor Kälte. Auf Wärme hoffend, stapfte sie ins Gebäude, wo sie aus Gewohnheit als Erstes den Weg zu Holts Büro einschlug. Sie fand es dunkel und verlassen vor. Für einen kurzen Moment hatte sie allen Ernstes vergessen, dass die stellvertretende Direktorin nicht mehr da war.

Sayer war unsicher, ob sie bei Direktor Anderson vorbeischauen sollte, beschloss dann aber, ihn bis nach der ersten Besprechung der Taskforce warten zu lassen.

Bestimmt braucht der Direktor des FBI keine Updates im Stundentakt, dachte sie, als sie sich auf den Weg zu ihrem eigenen Büro machte.

Ezra wartete bereits an ihrem Schreibtisch, die Thermosflasche in der Hand. Mit seinen blauen Haaren und dem halben Dutzend Piercings im Gesicht sah er eher aus wie ein Hipster aus D. C. als ein Mitarbeiter des FBI. Passend zu seiner Haarfarbe waren seine Beinprothesen mit neonblauen Zebrastreifen verziert.

Sayer nahm die Thermosflasche mit heißem Kaffee dankend entgegen. »Dafür bekommst du mein Erstgeborenes.«

Ezra schnaubte.

»Also. Wie ist die Lage?«

»Ich hab ein Team zusammengestellt, das trudelt gerade ein. Die Leichen sind auf dem Weg hierher, die Autopsie des Mädchens müsste also bald losgehen. Zwei Leute wurden von mir auf die Blutschrift und all das andere seltsame Zeug am Tatort angesetzt. Wir haben auch ein Täterprofil angefragt, aber bisher gab es noch keine Rückmeldung von den Kollegen aus der Verhaltensanalyse.« Seine blauen Haare fielen nach vorn, und er pustete sie sich aus den Augen.

»Wurde das Mädchen schon identifiziert?«

»Nein, noch nicht. Ich hab ihre Fingerabdrücke durchs System gejagt, kein Treffer. DNA-Analyse läuft, die Ergebnisse müssten bald da sein. Ich hab auch schon ein bisschen was zum Tatort recherchiert und ein paar Fotos rausgesucht, die du dem Team gleich zeigen kannst. Wir können loslegen, wann immer du so weit bist.«

»Danke, Ezra. Setzen wir die Besprechung für …«, sie sah auf die Uhr, »eins an. Dann habe ich noch zwanzig Minuten Zeit, um alles durchzugehen.«

»Wie Sie wünschen.« Ezra lüftete einen imaginären Hut. Als er sich unter Zuhilfenahme seiner Krücke vom Stuhl erhob, stießen seine Prothesen mit einem metallischen Geräusch gegeneinander. Er hatte sich immer noch nicht ganz an seine neuen Beine gewöhnt und ging mit hölzernen, aber entschlossenen Schritten den Gang hinunter.

Sayer betrachtete ihren leeren Schreibtisch und musste feststellen, dass keine neuen Informationen vorlagen, mit denen sie sich hätte befassen können. Ihr Telefon klingelte, und sie nahm ab. Vielleicht gab es bereits eine Spur.

Stattdessen hörte sie die tiefe Stimme von Studienteilnehmer 037 aus der Leitung.

»Hallo, Sayer.«

»Was ist?«, fragte sie barsch. Sie war nicht in der Stimmung für sein Geplänkel.

»Oje. Ein wenig verstimmt, wie ich höre. Ich wollte nur anrufen, um Ihnen viel Glück bei Ihrem neuen Fall zu wünschen …«

Sayer atmete tief durch. Sie hatte mit dem Gedanken gespielt, Fördergelder zu beantragen, damit sie eine tiefergehende Studie von 037 durchführen konnte. Er war eine gefährliche, aber faszinierende Persönlichkeit, und sie wollte sich die Chance auf eine weitere Zusammenarbeit nach Möglichkeit bewahren. Besser also, sie sagte ihm nicht, dass er sich verpissen solle. »Ich bin gerade auf dem Weg in eine Besprechung«, brachte sie schließlich hervor.

»Natürlich. Ich habe Sie im Auge behalten, und mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie die Ermittlungen in den grauenhaften Mordfällen an der Mall übernommen haben. Tragisch.« Seine Stimme troff nur so vor Mitgefühl, von dem Sayer wusste, dass es zu hundert Prozent geheuchelt war. Als eingefleischter Psychopath war 037 nicht zu normalen menschlichen Regungen fähig.

Um ein Haar hätte sie ihn gefragt, was er damit meinte, er habe sie »im Auge behalten«, doch dann kam sie zu dem Schluss, dass sie das lieber gar nicht wissen wollte. Nicht zum ersten Mal kam ihr die Idee, seine Anrufe orten zu lassen. Mit den Ressourcen, die ihr beim FBI zur Verfügung standen, konnte es nicht allzu schwierig sein, seine wahre Identität herauszufinden. Doch als er sich bereit erklärt hatte, an ihrer Studie über nicht straffällig gewordene Psychopathen teilzunehmen, hatten sie beide eine Erklärung unterzeichnet, die ihm absolute Anonymität zusicherte. Diese Vereinbarung zu missachten, wäre ein krasser Verstoß gegen die Ethikrichtlinien, und alles in ihr sträubte sich dagegen.

»Dann werde ich Sie nicht weiter aufhalten«, fuhr er fort. »Ich wollte den Familien der Opfer lediglich meine aufrichtige Anteilnahme ausdrücken.« Er lachte leise, dann legte er auf.

Sayer schüttelte den Kopf, ehe sie sich wieder dem Fall widmete. Sie betrachtete die Fotos, die sukzessive vom Tatort eintrafen, und obwohl ihr davor graute, hörte sie auch die schrecklichen Aufnahmen von Officer Grahams Tod ab. Die Geräusche seines Todeskampfes und der seltsame Singsang des Täters ließen ihr die Haare zu Berge stehen.

Die Ergebnisse der ballistischen Untersuchung vom Projektil, das Officer Graham getötet hatte, lagen noch nicht vor, ebenso wenig der Autopsiebericht des Mädchens oder eine Identifizierung. Sayer hasste diesen Zeitpunkt in einer Ermittlung, wenn es noch nicht genug Informationen gab, sie aber trotzdem den überwältigenden Drang zum Handeln verspürte.

Ihr Handy gab einen Summton von sich, der den Eingang einer weiteren Nachricht signalisierte. Sie ging davon aus, dass es sich um neue Tatortbilder handelte, deshalb erschrak sie kurz, als sie ein Foto von ihrer Familie sah, die sich um Tinos riesigen Esstisch versammelt hatte. Ihrer achtzehnjährigen Adoptivtochter Adi fielen die pinkfarbenen Haare unordentlich ins Gesicht, sodass man nur die Hälfte ihres strahlenden Lächelns sehen konnte. Adi hatte vor wenigen Wochen erfahren, dass sie in Stanford angenommen worden war, und lief seitdem praktisch mit einem Dauergrinsen herum. Morgen wollte sie nach Kalifornien aufbrechen, um sich den Campus anzusehen.

Sayers Großmutter hatte den Arm schützend um Adis Schultern gelegt und lächelte auf ihre stille, wissende Art vor sich hin. Ihre kleinen Ohrringe aus Gold und Perlen passten perfekt zu der schlichten Halskette, die sie über ihrem schwarzen Kaschmirpullover trug. Obwohl bereits über siebzig, sah Nana immer so aus, als sei sie einer Werbeanzeige für Chanel entstiegen.

Ihr Nachbar Tino mit seinem buschigen Schnauzbart und der Drahtbrille sah aus wie ein argentinischer Philosoph, nicht wie ein Spitzenkoch, der früher sogar als Verhörspezialist beim Militär gearbeitet hatte. Auch er strahlte über das ganze Gesicht und hatte Vesper, dem silbergrauen dreibeinigen Hund, liebevoll eine Hand auf den Kopf gelegt. Vespers albernes Grinsen war gerade eben oberhalb der Tischkante zu sehen. Tino und Vesper waren jetzt offiziell ein Hundetherapie-Team, und Sayer hätte schwören können, dass das Tier darauf genauso stolz war wie sein Herrchen.

Adis Textnachricht zu dem Bild lautete: Wir haben schon mal ohne dich angefangen. Aber du fehlst! Hoffentlich sehe ich dich noch, bevor ich morgen aufbreche. Xoxo.

Die Andeutung eines Lächelns huschte über Sayers Lippen, ehe sie sich zwang, wieder an das tote Mädchen auf dem kalten Stein zu denken.

Sie war erleichtert, als eine Nachricht von Ezra kam.

Der Rechtsmediziner hat an Jane Does Wange einen Fingerabdruck gefunden! Bin im Besprechungsraum und überprüfe ihn gerade!

Sayer machte sich umgehend auf den Weg in das kleine Kommandozentrum. Sie hoffte auf einen schnellen Durchbruch in dem Fall.

 

FBI-Kommandozentrum, Quantico, Virginia

Sobald sie den Einsatzraum betrat, wusste Sayer, dass keine guten Neuigkeiten auf sie warteten.

»Kein Treffer in AFIS.« Ezra runzelte die Stirn. Das automatisierte Fingerabdruck-Identifikationssystem erlaubte es, landesweit in Millionen von Fingerabdrücken zu suchen. »Ich hab ein Programm, das alle anderen öffentlich zugänglichen Datenbanken durchsucht, aber das dauert noch ein, zwei Stunden.«

»Mist. Ein schneller Treffer wäre schön gewesen«, sagte Sayer, ehe sie ihren Platz am Kopf des großen Konferenztischs einnahm. »Sind wir denn überhaupt sicher, dass es der Abdruck des Täters ist?«

»Na ja, er wurde auf ihrer Wange gefunden, die ansonsten blitzsauber war. So sauber, dass er sie abgewischt haben muss.«

Sayer gab einen zustimmenden Laut von sich. Die nächsten paar Minuten verbrachte sie damit, den deprimierend dünnen Stapel Notizen zum Fall noch einmal durchzugehen.

Nach einem weiteren Stirnrunzeln wandte Ezra sich wieder seinem Computer zu. Langsam begannen die ersten Leute für das Ein-Uhr-Briefing einzutrudeln.

Sobald alle versammelt und startklar waren, erhob sich Sayer von ihrem Platz ganz vorn, um für Ruhe zu sorgen. Ihr gegenüber saßen Ezra, drei Kollegen von der Datenauswertung, vier Agenten sowie zwei Officer des DCPD.

Sie bedeutete Ezra mit einem Nicken, das erste Foto aufzurufen. Sie arbeitete schon lange mit ihm zusammen und wusste, dass sie ihm problemlos die Führung überlassen konnte.

Das gedämpfte Murmeln im Raum erstarb, als das Foto des toten Frank Graham vorn auf dem großen Bildschirm erschien. Im Dienst erschossen zu werden, war die größte Angst eines jeden Polizisten, und der Anblick der Leiche ließ sie unwillkürlich schaudern.

»Okay. Also, wir haben es hier mit einem Doppelmord zu tun. Um einundzwanzig Uhr sechsundzwanzig traf Officer Frank Graham auf dem Gelände der National Academy of Sciences einen mutmaßlichen Sprayer an. Er war per Funk mit der Leitstelle verbunden, als er die Person zur Rede stellte und ohne Warnung niedergeschossen wurde. Es gibt keine Hinweise darauf, dass der Täter ihn gezielt als Opfer ausgewählt hat. Die Disponentin, die zur fraglichen Zeit mit ihm in Kontakt stand, berichtet, sie hätte unmittelbar nach den Schüssen einen ›Singsang‹ gehört. Wir haben eine Audioaufzeichnung der Tat. Ezra?«

Aus den Lautsprechern im Raum drang ein Knistern, gleich darauf setzte das Gespräch zwischen Officer und Disponentin ein. Der kokette Unterton darin war nicht zu überhören. Der gedämpfte Knall des Schusses hatte beinahe etwas Komödiantisches, doch Officer Grahams rauer Schmerzensschrei ließ alle Anwesenden erblassen.

Als am Ende der unverständliche Gesang ertönte, lief es Sayer auch diesmal wieder kalt den Rücken hinunter.

Mit einem scharfen »Klick« brach die Aufzeichnung ab. Sayer gab den anderen einen Moment Zeit, sich zu sammeln.

»Hat irgendwer das Lied am Ende erkannt?«, fragte sie in die Runde.

Niemand antwortete.

»Okay, mir sagt es auch nichts. Ezra?«

»Ich hab eine Kopie der Aufzeichnung in die Sprachenabteilung und zum Audioteam geschickt, vielleicht fällt denen irgendwas auf, was wir übersehen haben.«

Sayer nickte, ehe sie ihn bat, das nächste Foto zu zeigen. Es war eine Nahaufnahme des toten Mädchens. Im Blitzlicht der Kamera erschien das Rot der Blutspur auf ihren Lippen unnatürlich grell. »Das zweite Opfer ist diese bislang nicht identifizierte junge Frau«, fuhr Sayer fort. »Sie wurde tot am Einstein-Denkmal aufgefunden. Was wissen wir bis jetzt über sie?«

Ezra hielt ein Blatt Papier hoch. »Hier sind die vorläufigen Informationen aus der Rechtsmedizin. Das Opfer war schätzungsweise siebzehn Jahre alt, eine wohlgenährte, körperlich gesunde junge Frau mit Zugang zu ausgezeichneter Gesundheits- und Zahngesundheitsvorsorge. Ihre Handgelenke wiesen kleine Abschürfungen auf, was nahelegt, dass sie eine Zeit lang gefesselt war.«

»Kann man sagen, wie lange?«

»Nicht wirklich«, antwortete Ezra. »Die Hautspuren unter ihren Fingernägeln wurden ins DNA-Labor geschickt, aber in CODIS gab es keinen Treffer. Die Suche in den anderen DNA-Datenbanken läuft noch.« Obwohl CODIS, kurz für »Combined DNA Index System«, die umfassendste DNA-Datenbank der Welt war, gab es daneben noch Hunderte kleinerer Datenbanken in privater Hand oder mit beschränkten Zugriffsrechten, die gesondert durchforstet werden mussten.

»Sie hat ihn gekratzt?«, fragte Sayer nach.

»Sieht ganz danach aus.« Ezra kniff die Augen zusammen und schaute noch einmal auf sein Blatt.

»Gut gemacht«, sagte Sayer leise, an das Mädchen auf dem Foto gewandt. Sie wünschte, sie könnte in das Bild hineingreifen und die papierzarte Hand des Mädchens drücken.

»Es wurden Proben von dem Blut auf ihren Lippen und der Schrift genommen. Das Blut stammt von derselben Person, einem Mann. Ein Profil, basierend auf der DNA, ist schon in Arbeit, aber man weiß ja, wie unzuverlässig so was sein kann«, sagte Ezra.

»Im Moment deutet also alles darauf hin, dass wir es mit einem Einzeltäter zu tun haben. Interessant, dass er absichtlich sein Blut am Tatort zurückgelassen hat. Vielleicht wusste er, dass wir ihn im System nicht finden würden. Ist die Todesursache schon bekannt?«, wollte Sayer wissen.

Wieder las Ezra von seinem Blatt Papier ab. »Sie ist gestern Abend gegen neunzehn Uhr gestorben. Durch Ertrinken.«

Sayer erschrak unwillkürlich. »Ertrinken?«, stieß sie mühsam hervor. Im ursprünglichen Autopsiebericht über ihren Verlobten Jake hatte es geheißen, dass er erschossen worden sei, aber dann hatte sie herausgefunden, dass er in Wahrheit ertrunken war. Ertrinken war eine relativ seltene Todesursache. Sie schluckte die saure Galle hinunter, die ihre Kehle hochstieg, und versuchte sich wieder auf Ezras Ausführungen zu konzentrieren.

»Ja, genau. In Süßwasser. Man hat einige kleinere Hämatome in ihrem Nacken gefunden, die darauf hindeuten könnten, dass jemand ihren Kopf unter Wasser gedrückt hat.« Ezra sortierte mit angespannter Miene seine Unterlagen. »Ansonsten war sie körperlich unversehrt. Es gab auch keine Anzeichen von sexueller Gewalt. Das wär’s. Sie soll gleich geöffnet werden, falls sie dabei noch was Wichtiges finden, geben sie uns sofort Bescheid.«

»Okay.« Sayer bedeutete Ezra, mit dem nächsten Bild weiterzumachen.

Das nächste Foto der Leiche war aus größerer Entfernung aufgenommen worden, sodass man sowohl die Axt in der Hand des Mädchens als auch den Kreis der hockenden Paviane sehen konnte. Der Anblick war so befremdlich, dass ein leises Raunen durch den Raum ging.

»Wie man sieht, wurde die Leiche mit großer Sorgfalt als Zentrum einer ritualistisch anmutenden Inszenierung abgelegt. Dazu gehören auch diese neun Pavianfiguren. Der Täter hat dem Mädchen eine Axt in die Hand gegeben und auf die Bank hinter ihr – scheinbar mit seinem eigenen Blut – die Worte Wie oben, so unten geschrieben. Schauplatz des Ganzen war das Einstein-Denkmal. Was wissen wir über den Ort? Zunächst mal gibt es kein Wasser in der Nähe, er muss sie also woanders getötet haben. Warum hat er die Leiche dann gerade dort abgelegt? Ezra, kannst du uns kurz was darüber erzählen?«

Ezra rief ein Stockfoto des Denkmals auf. »Das Einstein-Denkmal wurde am 22. April 1979 auf dem Gelände der National Academy of Sciences enthüllt.« Er klickte weiter zum nächsten Bild. Diesmal war es eine Aufnahme von oben, auf der man auch die Sternenkarte erkennen konnte, auf der das tote Mädchen lag. Der Effekt war erstaunlich: Es sah so aus, als schwebe sie inmitten eines grünlichen Himmels, umgeben von einem Kosmos aus funkelnden Sternen.

»Die Leiche wurde zu Einsteins Füßen auf die Sternenkarte gelegt«, berichtete Ezra. »Die Karte besteht aus einer runden Granitplatte der Sorte Emerald Pearl. Die in die Platte eingelassenen Metallnieten repräsentieren die Sterne und Planeten in der Position, in der sie an dem Tag, an dem das Denkmal eingeweiht wurde, zur Mittagszeit am Himmel zu sehen waren.«

Sayer starrte auf das Foto. Wie gerne hätte sie geglaubt, dass das Mädchen jetzt wirklich irgendwo zwischen den Sternen schwebte.

Das nächste Bild zeigte eine Nahaufnahme der Botschaft Wie oben, so unten auf der steinernen Bank.

»Das kommt mir irgendwie bekannt vor«, meinte Sayer. »Ich habe mehrere Links gefunden, die darauf hinweisen, dass es da eine okkulte Verbindung gibt.«

Ezra nickte. »›Wie oben, so unten‹ klingt wahrscheinlich deshalb so vertraut, weil das Prinzip praktisch omnipräsent ist. Der genaue Ursprung des Satzes ist unbekannt, aber der erste schriftliche Nachweis führt auf einen alten hermetischen Text aus dem siebten Jahrhundert mit dem Namen Tabula Smaragdina zurück.«

»Hermetisch?«

»Eine okkulte Tradition, die unter anderem mit Alchemie und Astrologie assoziiert wird. Folgendes ist ein Zitat aus den ersten Zeilen der Tabula Smaragdina«, Ezra las mit zusammengekniffenen Augen von seinem Computerbildschirm ab: »›Es ist ohne Lüge wahr, gewiss und absolut wahrhaftig. Das, was unten ist, ist wie das, was oben ist, und das, was oben ist, ist wie das, was unten ist, ein ewig dauerndes Wunder des Einen.‹ Diese Formulierung stammt aus einer ganz bestimmten Schrift, aber der zugrundeliegende Gedanke war von den frühen Christen bis hin zu den Freimaurern weit verbreitet. Jeder mit christlichem Hintergrund kennt doch wahrscheinlich den Satz ›wie im Himmel, so auf Erden‹. Das ist im Grunde dasselbe.«

»Das allgemeine Konzept dahinter ist klar. Der Makrokosmos spiegelt sich im Mikrokosmos wider. Aber hat es auch noch eine konkretere Bedeutung?«, frage Sayer.