Totenschuhe - Hans-Hermann Beirich - E-Book

Totenschuhe E-Book

Hans-Hermann Beirich

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Beschreibung

Auf dem Schreibtisch lagen drei Fotos. Drei unaufgeklärte Frauenmorde, die niemanden mehr interessierten. Hauptkommissar Akkermann drückte die Ellenbogen in die Schreibtischunterlage und legte das Kinn auf die Fäuste. Die Frauen schauten alle ähnlich. Ein wenig überrascht, bevor die nackte Angst sie für den Rest ihres Lebens packte. Viel Zeit hatte er nicht mehr. Er war jetzt 58 Jahre alt. Drei davon hatte er verbraucht, um den Mann zu fassen, der ihm jährlich eine erdrosselte Frau präsentierte. Jetzt saß die Nächste mit einer Drahtschlinge um den Hals in der Waschküche eines Stuttgarter Mehrfamilienhauses. Als Akkermann zum Tatort fährt, liegt ein schmutzig grauer Himmel wie ein bleierner Deckel auf den umliegenden Weinbergen. Und drei Etagen über der Toten steht eine Frau am Fenster und baut aus den Scherben ihres Lebens ein tödliches Alibi für ihren Mann.

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Es war ein sanfter Abendregen, der den fauligen Atem keimender Erde von den Weinbergen in sommerheiße Straßen trug, über die kein Stern mehr leuchtete.

Martin Straub wartete unter dem Erker eines gesichtslosen Mietshauses und starrte in den glitzernden Lichtbogen, der sich aus den grellen Straßenlaternen ergoss. Leise klopfte er mit dem Hinterkopf gegen die Hauswand. Für eine Zigarette würde er noch Zeit haben. Die letzte für heute.

Knisternd biss die Flamme in den trockenen Tabak. Er lockerte seine Krawatte und blies den Rauch in den Schein der Straßenlaterne. Auf seiner Jacke glitzerten kleine Regentropfen. Er wischte sie mit einer kurzen Bewegung ab.

Er hatte noch nicht aufgeraucht, als auf der anderen Straßenseite die Seitentür des Kinos geöffnet wurde. Die wenigen Besucher gingen nach einem kurzen Blick in den regennassen Abendhimmel eilig weiter. Nur ein Mann in einem grellbunten Hemd blieb neben der Tür stehen. Regina Lindner, die als Letzte das Kino verließ, beachtete ihn nicht. Sie trug ein kurzes, enges Kleid mit schmalen Trägern, von denen einer über die rechte Schulter gerutscht war. In der linken Hand baumelte ein kleiner Rucksack.

Nach einigen Schritten streifte sie hüpfend die Schuhe von den Füßen, hängte sich den Rucksack um und schlenderte zur Bushaltestelle. Straub schnipste im hohen Bogen die Zigarette auf den nassen Asphalt und stieß sich mit dem Fuß von der Wand ab.

Er hatte die Fahrbahn fast erreicht, als hinter einer Reihe parkender Wagen ein schwarzer Kombi mit aufgeblendeten Scheinwerfern in die Straße bog. Straub kniff die Augen zusammen. Der Wagen beschleunigte und hielt mit unverminderter Geschwindigkeit auf eine ölige Pfütze zu, die sich im Rinnstein gebildet hatte. Sekunden später zerfetzte der rechte Vorderreifen den Ölfilm. Straub riss abwehrend die Hände hoch und stolperte einen Schritt zurück. Gierig sprang ihn die Pfütze an. Noch im Fallen streckte er seinen Mittelfinger aus der wütenden Faust.

Der Kombi, ein älterer, kantiger Mercedes, stoppte an der nächsten Ecke. Krachend schob die Gangschaltung die Zahnräder des Getriebes auseinander. Mit einem schrillen Heulen setzte der Wagen zurück.

Über der Bar neben dem Kino flackerte hektisch ein blauer Neonflamingo. Ein Mann mit einem kleinen, stämmigen Hund drückte sich die Hauswand entlang. Er sah kurz herüber und zog das Tier an einem Pärchen vorbei, das eng umschlungen unter einem Regenschirm die Speisekarte des Chinarestaurants studierte. Straub bückte sich und klopfte wütend seine Hose aus. Links von ihm hielt der Lieferwagen eines Pizzaservices. Ein dunkelhäutiger Mann sprang heraus und verschwand mit einigen Pappschachteln im Nachbarhaus.

Der Mercedes stoppte genau vor ihm. Ein zerbissener Zigarettenfilter rollte vor seine Schuhe.

»Probleme?« Ein hagerer Mann in einem ärmellosen T-Shirt lehnte sich aus dem Wagenfenster. Seine abgekauten Nägel strichen nervös um den zerkratzten Hals. Er spuckte ein dünnes Lachen aus und wandte sich an den Fahrer. »Der Typ scheint Probleme zu haben.«

Der glatzköpfige Mann hinter dem Lenkrad starrte auf die Straße. Ein dünnes Bärtchen umrahmte sein fettes Kinn. »Jetzt mach hin!«, raunzte er zurück. Er ließ die Seitenscheibe heruntersurren und schnäuzte sich mit den Fingern die Nase.

Der Mund des Hageren zuckte. Blitzschnell packte er Straubs Krawatte. »Ich mache mir echt Sorgen um dich«, knurrte er.

Straub stützte sich an der Tür ab. »Nicht nötig.«

»Jetzt hör dir den an.« Pfeilschnell schnipste der Hagere gegen Straubs Nase. »Mit dem Zinken wäre ich vorsichtiger. Der kann auch schnell ab sein.«

Straub versuchte, den Kopf wegzudrehen.

»He!«, fauchte der Hagere, »willst was in die Fresse?«

Straub konzentrierte sich auf den Fahrer, dessen Finger ungeduldig einen Radiosender suchten. Grelle Zahlenkolonnen jagten über das Display. In kurzen Abständen drangen Musikfetzen aus dem Lautsprecher. Wütend schlug der Dicke auf die dahinfliegenden Arme der Digitalanzeige.

Der Hagere hustete trocken. Es roch faulig nach Döner und Bier. »Ich hab dich was gefragt.«

Kleine Speicheltropfen flogen gegen Straubs Mund. Seine Lippen zitterten. Er spürte, wie ihn der Hagere in die Wange kniff, dann jagte der Dicke den Motor hoch. Sein fettes Kinn zitterte: »Da geht Tom!" Drei, vier Schritte stolperte Straub neben dem Wagen her, bis der Hagere den Schlips losließ.

Der Auspuff spuckte rußige Wolken auf den glänzenden Asphalt. »Wir sehen uns noch«, bellte der Hagere. Zwanzig Meter weiter überquerte ein Mann in einem grellbunten Hemd die Straße.

Straub lockerte den Schlips und massierte seinen Nacken. Als er sich umdrehte, stand Regina Lindner vor ihm. Sie war immer noch barfuß.

»Was wollten die denn, Herr Straub?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ihre Jacke ist ganz schmutzig! Machen Sie mal so!« Energisch rieb sie über ein imaginäres Revers.

Straub blickte in die Richtung, in die der Wagen verschwunden war, und säuberte den Aufschlag seines Sakkos. »Sie verpassen ihren Bus«, sagte er beiläufig.

»Der kommt erst in fünf Minuten.« Sie beugte sich vor und zog die Pumps an. »Waren Sie auch im Kino?«

Er nickte und starrte, solange sie mit den Schuhen beschäftigt war, in den Ausschnitt ihres Kleides.

»Ich habe Sie gar nicht gesehen.« Entschlossen wischte sie eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht.

»Ich war in dem anderen Film.«

Der Pizzabote klapperte an ihnen vorbei. Straub zündete sich eine Zigarette an und hielt ihr die Packung hin. Sie schüttelte den Kopf. Aus ihren Haaren flogen kleine Wassertropfen. Lachend stupste sie seinen Arm. »Jetzt kriegen sie auch noch eine Dusche von mir.«

»Das macht nichts.« Er hob den Kopf und ließ den Regen über sein Gesicht rinnen. »Arbeiten Sie morgen?«

Sie nickte.

»Dann werde ich meine Brötchen bei Ihnen kaufen.«

»Zwei Stück, wie immer?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht.« Er starrte auf ihre nackten Schultern. »Sie werden ganz nass.«

»Das bin ich schon.« Sie legte den Kopf auf die Seite und lächelte ihn an. »Der Bus kommt.«

Er drehte sich um und sah den 61er heranfahren.

»Ich gehe jetzt. Wenn Sie mitwollen?« Sie deutete auf sein durchnässtes Sakko. »Sie müssen das wissen.«

Straub klopfte die Asche von der Zigarette, dann warf er sie ungeraucht weg. »Warten Sie!«

»Sehr vernünftig«, lachte sie.

»Ja«, sagte er. Er wusste nicht, wie er ihr Lachen einschätzen sollte.

Der Bus hatte mittlerweile kurz hinter der Haltestelle gehalten. Im Laufen öffnete sie ihren Rucksack und holte eine Mehrfahrtenkarte heraus. »Wir müssen vorne einsteigen.«

Straub suchte geschäftig in seinen Taschen. »Ich fürchte, Sie müssen ohne mich fahren.«

Sie wartete neben dem Fahrer, der sich mehr für ihren Hintern als für ihre Fahrkarte interessierte, und winkte ihm zu. »Kommen Sie, ich stemple für Sie mit.«

Mit vier, fünf Schritten war Straub in der Tür. »Die Fahrkarte kriegen Sie aber wieder«, rief er in den Bus.

Der Fahrer lag halb auf dem Lenkrad, um den Bus aus der Haltebucht zu bugsieren. Straub musste sich mit beiden Händen festhalten. Von der letzten Sitzreihe winkte Regina Lindner. Er hob die Hand und ging nach hinten. Sie nahm den Rucksack und legte ihn auf die andere Seite, sodass er sich neben sie setzen konnte. Erst jetzt merkte er, dass seine Wange schmerzte. Vorsichtig tastete er sie mit den Fingerspitzen ab.

»Aber wirklich, die Karte kriegen Sie zurück«, sagte er.

Sie lächelte. »Okay.«

Sie hatten zwei Haltestellen hinter sich gelassen, ohne dass jemand zugestiegen war. Der Busfahrer hatte den Aufenthalt auf das Nötigste beschränkt. Straub blickte auf die Uhr. »Der ist aber überpünktlich.« Es war kurz vor 22.00 Uhr.

Selbstvergessen ordnete Regina Lindner ihre Haare. Straub stellte fest, dass sie sich die Achselhaare ausrasierte. Er steckte seine Hand in die Jackentasche und spielte mit der Zigarettenschachtel. Ihr Kleid spannte sich über den Schenkeln. Er war sich sicher, dass er nicht länger als zwei Sekunden draufgestarrt hatte, als sie ihre Beine übereinanderlegte, und der Saum dadurch noch höher rutschte.

»Steigt auch wieder keiner zu«, sagte er beim nächsten Halt. Er beugte sich zu ihr rüber und schaute aus dem Fenster. Fast hätte er ihre Haare berührt. Der Duft von Maiglöckchen drang in seine Nase.

Der Bus ruckelte durch die menschenleere Straße, vorbei an einigen parkenden Autos. Auf der linken Seite standen Lagerhallen und dunkle Bürohäuser, rechts hoben sich einige kleine Wohnhäuser schemenhaft von den Weinbergen ab.

Er lehnte sich zurück und starrte auf die Haltestellenanzeige. Plötzlich schlug er mit der flachen Hand gegen seine Stirn. »Jetzt habe ich auch noch mein Kinoprogramm verloren.«

Regina Lindner starrte auf die Regentropfen, die im Fahrtwind von der Scheibe flogen. »Sie können meins haben«, sagte sie.

»Nicht doch.«

»Aber ja.« Sie öffnete ihren Rucksack und gab ihm ein kleines Heft. »Ich habe zu Hause bestimmt noch eins. Ich nehme die immer aus Gewohnheit mit.«

»Ich auch«, beeilte er sich zu sagen. Für einen Moment schien sie zu lächelte.

Sie fuhren unter einer Eisenbahnüberführung durch und kamen in eine breite Straße, die von wuchtigen Mietshäusern gesäumt wurde. Straub rollte das Programmheft zusammen und deutete damit auf die Tür.

»Die Nächste müssen wir raus.«

»Oh ja, da hätte ich fast nicht aufgepasst.«

Sie stand auf und zog mit einer Hand ihr Kleid hinunter. Straub sah noch, dass der Busfahrer sie im Rückspiegel beobachtete. Dann stiegen sie aus.

Regina Lindner lächelte ihn an. »Ich finde es schön, dass man noch einige Schritte zu Fuß gehen muss.«

»Wenn’s nicht regnet.«

»Ist doch egal.« Sie nahm seinen Arm und hängte sich bei ihm ein. Sachte zog er sie an sich. Sie schien es nicht zu bemerken. Rechts, in der hell erleuchteten Tankstelle, sah er das Auto. Ein älterer Mercedes-Kombi.

2

Karin Straub stand gebeugt vor dem Bügelbrett und faltete sorgfältig einige Hemden zusammen, die frisch gebügelte über der Stuhllehne hingen. Sie trug eine weite Leinenhose und ein schlabberiges T-Shirt. Ab und zu schaute sie zum Fernseher rüber. Dann warf sie mit einer kurzen Handbewegung ihre langen, blonden Haare über die Schulter.

Sie hatte den Film schon einmal gesehen, ein amerikanischer Thriller, in dem eigentlich immer nur eine Frau vor einem Serienmörder weglief und in dem viel geschrien wurde. Gleich würde die Szene kommen, wo sie zurück in das Haus ging, in dem der Killer auf sie wartete. Die Frau war etwa so alt wie sie, Mitte dreißig, und stellte sich ausgesprochen dumm an.

Der Film wurde durch einen Werbeblock unterbrochen. Sie ging zum Fenster und schob die Gardine zur Seite. Ihre runde, randlose Brille spiegelte sich in der Glasscheibe. Mechanisch drehte sie eine Haarsträhne zwischen den Fingern und sah hinunter. Es regnete noch. Einige Fußgänger eilten mit aufgespannten Schirmen vorbei. Zwei, drei Autos fuhren die Straße hinunter. Das Kino würde gleich aus sein.

Sie huschte zur Regalwand und rückte eine Reihe englischsprachiger Taschenbücher gerade. Dann schaltete sie den Fernseher aus, klappte das Bügelbrett zusammen und verstaute es in einem Einbauschrank im Flur.

Es war nur ein verhaltenes Knarren. Gerade so laut, dass sie es durch die Wohnungstür hören konnte. Sie sah durch den Spion. Kargers Fußmatte lag schief auf dem abgestoßenen Dielenboden. Sonst konnte sie nichts entdecken. Sie wollte sich gerade abwenden, als in einem der unteren Stockwerke eine Tür ins Schloss fiel. Sie öffnete die Tür und schaute ins Treppenhaus. Sofort bemerkte sie den Miniaturbesen neben ihrer Tür. Er kam von Pezic, wie immer. Eigentlich hätte sie ihn längst holen müssen. Morgen wäre sie mit der Kehrwoche dran. Natürlich hätte sie auch ohne diese lächerliche Gedächtnisstütze gefegt. Man brauchte sie nicht daran erinnern! Sie schloss die Wohnungstür etwas lauter als sonst.

Der Geschirrspüler hatte das Programm beendet. Sie öffnete die Klappe. Heißer Dampf strömte ihr entgegen. Sie konnte das Geschirr auch morgen ausräumen. Sie lehnte sich gegen den Griff. Nach kurzem Widerstand knallte die Tür zu.

Im Radio dudelte Popmusik. Sie achtete nicht darauf. Sie öffnete den Kühlschrank und holte einen mit Frischhaltefolie verpackten Teller heraus, auf dem ein Stück Käse, eine geviertelte Gurke und eine Scheibe Brot lagen. Sie riss die Folie herunter und stellte den Teller zu der Bierflasche auf den Küchentisch. Im Radio wurde der zweite Platz der Hitparade bekannt gegeben. Monotoner Sprechgesang schepperte aus dem Lautsprecher. Sie schaltete das Gerät aus, ging zum Küchenschrank und zog die Besteckschublade heraus. Bedächtig legte sie die Hände auf die Ecken. Ihre Finger wippten wie bei einer Flipperspielerin. Energisch schob sie ihr Becken nach vorne und kickte die Schublade in den Schrank.

Sie bückte sich und öffnete den Geschirrspüler. Mit einer kurzen Handbewegung warf sie ihre Haare über die Schulter und räumte das Geschirr aus.

Sie hatte gerade das Käsemesser auf den Tisch gelegt, als es an der Tür klingelte.

»Sie, entschuldigen Sie, dass ich so spät noch störe, aber ich hätte es jetzt fast vergessen.« Hilde Karger deutete auf einen weißen DIN-A4-Umschlag. »Es ist wohl wichtig für Ihren Mann?«

Karin Straub starrte in das erwartungsvolle Gesicht der 60-Jährigen. »Danke«, sagte sie knapp.

Wie immer trug Hilde Karger eine farblose Kittelschürze und ausgetretene Pantoffeln über den von der Hitze geschwollenen Füßen. Die schlohweißen Haare wurden mit zwei Haarklemmen hinter den Ohren festgehalten.

»Von der Allianz. Hat sich Ihr Mann dort beworben?« Sie tastete den Umschlag ab; ihre schwabbeligen Oberarme zitterten. »Er hat nicht in den Briefkasten gepasst. Das Mädel wollte ihn gerade knicken. Sie, das ist doch schade, man kann doch die Sachen noch gebrauchen. Ihr Mann hat mir erzählt, wie teuer die Bewerbungsmappen sind. Aber natürlich, es soll ja auch alles schön aussehen. Ist Ihr Mann nicht da? Na, ich kann ihn auch Ihnen geben.«

Karin Straub zog ihr den Umschlag aus den Händen. »Danke für die Mühe.«

Er kam tatsächlich von der Allianz. Eine Blindbewerbung. Für meinen Alibi-Aktivitäten-Nachweis-Ordner, hatte Martin gesagt. Das war vor acht Wochen gewesen.

»Das wird schon werden, Frau Straub. Ich habe neulich noch zu meinem Mann gesagt, der Herr Straub, der läuft immer so korrekt gekleidet herum, dem würde ich auch eine Versicherung abkaufen.«

»Mein Mann ist Mathematiker.«

»Sehen Sie? Dann muss es doch was werden.« Sie beugte sich vor und flüsterte: »Und weitergehen kann es so ja nicht.«

»Wie meinen Sie das?«

»Na, die haben wir ja nun auch im Haus. Die weiß aber ganz genau Bescheid. Wann sie ein neues Sofa kriegen kann, zum Beispiel. Das gibt es nämlich nach fünf oder sieben Jahren. Nach fünf Jahren eine neue Couch, ich bitte Sie.« Sie schaute sie streng an. »Haben Sie alle fünf Jahre eine neue Couch? Ich nicht! Couch! Da kommt man aus dem Osten und sagt Couch. Als wenn Sofa nicht langen tät! Da war aber jemand da und hat gesagt, sie hätte ja immer im Wohnzimmer auf der Couch geschlafen, dann ist die natürlich durchgesessen und dass sie im Bett schlafen könnte und es keine neue Couch geben würde.« Sie ging einen Schritt auf Karin zu. »Und das zweite Kind kam natürlich passend. Nicht wahr? Darum ist doch kein Geld da, für jemand, wo immer gearbeitet hat.«

Karin Straub bemerkte, dass sie zustimmend nickte. Wie diese junge Verkäuferin in der Bäckerei, wenn sie die Bestellung wiederholt.

»Zwei Tafelbrötchen, bitte.«

»Zwei Tafelbrötchen, gerne.«

»Und ein Laugenbrötchen noch.«

»Ein Laugenbrötchen, gerne.«

Sie hasste das.

Hilde Karger sah sie eindringlich an. »Frau Straub, jetzt passen Sie mal auf.« Ihr Atem ging stoßweise. »Ist Ihr Mann denn handwerklich begabt? Mein Mann hat doch den Garten in Gablenberg. Jetzt sagt er zu mir, kannst du nicht mal zum Großmarkt fahren und einen Polen holen, der mir die Beete umgräbt? Jetzt kommen Sie. Da denkt doch jeder, wenn ich da hingehe, was will die Frau von mir? Und da fiel mir ein, wenn Ihr Mann sich was dazu verdienen will, das wäre doch eine Gelegenheit. Oder was sagen Sie?«

Karin Straub tippte auf den Briefumschlag. »Also, dann noch mal vielen Dank, Frau Karger. Ich werde es ihm einfach mal sagen.«

»Sie, Frau Straub, also das war doch das Mindeste.« Sie versuchte, in die Wohnung zu schauen. »Ihr Mann ist gar nicht da?«

»Er ist im Kino.«

»Na, das ist Recht. Gönnen Sie sich ruhig was. Und Sie haben gar keine Lust ins Kino?«

»Nein. Und dann ist es auch teuer.«

»Versteh’ ich schon, Frau Straub. Sie, da brauchen Sie gar nicht weiter zu reden. Also dann hoffen wir mal. Dass Ihr Mann nicht so nass wird. Herrje! Wer hätte das gedacht. Dabei war gar kein Regen angesagt.«

»Er fährt mit dem Bus.«

Die Treppenhausbeleuchtung erlosch.

»Mein Gott, jetzt ist es schon wieder aus. Ich muss morgen unbedingt den Verwalter anrufen. Man kommt kaum mehr im Hellen in die Wohnung.«

Hilde Karger wollte gerade auf den Schaltknopf drücken, als das Licht wieder anging. Der Türöffner summte im Parterre. Dann knallte die Haustür ins Schloss. Sie beugte sich über das Treppengeländer. Jemand sprang leichtfüßig die Treppe herauf. Im ersten Stock ging eine Tür auf.

»Besuch für Kaluza. Konnte jetzt nicht sehen, wer. Mir soll’s egal sein.« Sie trat einen Schritt zurück. »Aber ich rede und rede. Gleich kommt ihr Mann, ich wollte auch nur wegen dem Brief. Hätte ja was Wichtiges sein können.«

»Ja, das ist auch sehr nett, Frau Karger. Gute Nacht.«

Sie wartete nicht auf eine Antwort und schloss die Tür. Martin würde gleich hier sein. Sie legte den Umschlag auf den Küchentisch und öffnete den Kühlschrank. Es war kein Bier mehr oben. Sie musste noch in den Keller.

Als sie die erste Etage erreicht hatte, erlosch das Licht. Aus Jutta Strehlows Wohnung drangen dumpfe Bassrhythmen herauf. Wahrscheinlich war Maik mal wieder zu Hause. Es war ihr egal, sie hörte den Krach oben nicht. Energisch drückte sie auf den Lichtschalter. Kurz darauf knallte Maik Strehlow die Tür zu. Sie hatte ihn zuletzt vor einem halben Jahr gesehen, da war er gerade von der Schule geflogen und jobbte in einem Getränkeshop. Jetzt trug er Springerstiefel und hatte sich eine Glatze rasiert. Sie erwartete, dass er seine Wut an der Hautür ausließ. Er tat es nicht. Vielleicht hatte er etwas Besseres vor.

Im Keller brannte Licht. Abwartend stieg sie die Treppe hinunter.

Zoran Pezic drehte sich abrupt zu ihr um. »Bitte, haben Sie das Licht im Treppenhaus angemacht?« Er war Mitte sechzig und hatte eine kurze Turnhose und ein enges Unterhemd an, das seiner Brustbehaarung kaum Herr wurde. Dazu trug er Badelatschen.

Ihr fiel dazu nur ein knappes »Ja« ein.

Pezic wandte sich wieder dem Schaltkasten zu. »Ich weiß nicht, wer das immer verstellt. Das zahlen wir alle, verstehen Sie das?«

Sie wusste, dass er keine Antwort hören wollte. »Es sollte so lange brennen, dass man unversehrt in den Keller kommt«, sagte sie und fügte hinzu, "und wieder hinauf."

Pezic sprach quälend langsam: »Genau. Und was weiß man, wie lange ist in Keller?« Er hob die Stimme um mindestens eine Oktave. »Fünf Minuten? Zehn Minuten?« Leise fuhr er fort: »Und immer brennt Licht in Treppenhaus, wo keiner ist.«

»Das sollte natürlich nicht passieren, Herr Pezic.«

»Vielleicht Wäsche aufhängen?«

»Ich will nur was zu trinken holen.«

»Sie haben Kehrwoche!«

Sie schloss ihren Kellerraum auf. »Ich weiß!«

»Schauen Sie, niemand wischt den Keller, verstehen Sie?«

»Wissen Sie, Herr Pezic, ich fege draußen, fege und wische die Treppe, fege und wische den Keller und die Waschküche. Mich interessiert nicht, was die anderen machen.«

Pezic musterte sie. »Ist zweieinhalb Minuten okay?«

»Das wissen Sie am Besten, Herr Pezic.« Sie ging in ihren Keller und fischte eine Flasche aus einem mit schmutzigen Preisschildern beklebten Bierkasten. Unwillkürlich zählte sie die Kronkorken. Später würde sie sich daran erinnern, dass einige Verschlüsse verbogen waren.

»Ich habe auf zwei Minuten gestellt«, rief Pezic. »Es ist natürlich nur ungefähr. Dazu müsste man haben digitale Uhr. Hat dieses Gerät nicht. Mechanisch. Darum ungenau.«

Karin Straub schloss ab. »Dann einen schönen Abend noch, Herr Pezic.«

»Gleiches Ihnen.«

Er beschäftigte sich wieder mit dem Schaltkasten. Sie ging die Treppe hinauf.

»Bitte schalten Sie Licht nicht ein. Muss probieren.«

»Ich lass die Tür auf«, sagte sie, oben angekommen.

»Danke verbindlichst«, schallte es aus dem Keller. »Zwei Minuten? Ist das in Ordnung?«

Sie antwortete nicht. Durch das geöffnete Fenster über der Haustür hörte sie den Regen. Sie öffnet die Tür. Dicke Tropfen prasselten auf die Straße. Martin würde jetzt im Bus sitzen oder sich schauern. Viele Möglichkeiten gab es nicht. Bei der Tankstelle konnte er sich nicht unterstellen, dann waren da der Supermarkt und einige Hauseingänge. Sie überlegte, ob sie ihm mit einem Schirm entgegengehen sollte, aber im Moment hätte das nicht viel Sinn.

Sie war gerade an der Treppe angekommen, als es dunkel wurde. Der Lichtschein aus dem Keller taugte nur zur Orientierung. Die Schalter waren nicht beleuchtet, was sie schon immer gestört hatte. Außerdem waren sie im Parterre anders angeordnet als auf den Etagen. Sie nahm die Hand vom Geländer. Rechts, wo der pensionierte Lehrer Werner Grünner wohnte, war ein Schalter. Egal, was Pezic jetzt dachte, sie würde nicht im Dunkeln hier warten. Es dauerte ein wenig, bis es klackte und hell wurde. Aus dem Keller kam kein Laut. Dafür ging neben ihr die Tür auf. Vor ihr stand ein von Altersflecken gezeichneter Mann. Die spärlichen Haare waren sorgfältig über den Hinterkopf gekämmt. Er trug einen schwarzen Anzug.

»Oh, Frau Straub.« Werner Grünner schien überrascht zu sein. »Wollen Sie zu mir?«

»Das Licht war plötzlich ausgegangen.«

»So, das Licht war ausgegangen. Plötzlich, sagen Sie?« Er spitzte die blassrosa Lippen.

»Ja, Herr Pezic ist unten am Basteln.«

»Ah ja, Herr Pezic, selbstverständlich.«

Sie sah ihn missbilligend an. »Neben Ihrer Tür ist der Lichtschalter.«

»Da ist der Lichtschalter, in der Tat.« Er starrte auf ihre Haare, die in dicken Strähnen über ihrem Busen hingen. »Möchten Sie hereinkommen? Ich meine, bis Herr Pezic seine Arbeit beendet hat?«

»Nicht nötig.«

»Darf ich Ihnen eine Taschenlampe anbieten?«

»Es ist ja kein Notfall, Herr Grünner. Ungeduldig drehte sie eine Haarsträhne zwischen den Fingern.

»Dann bleibt mir nur, Ihnen einen guten Heimweg zu wünschen.« Reflexartig zog er seine rechte Hand aus der Jackentasche. Die krebsrote Haut glänzte feucht.

»Danke!«, sagte sie und ging zurück zur Treppe.

»Frau Straub? Ich bleibe hier, falls das Licht wieder ausgehen sollte.«

»Nicht nötig, Herr Grünner.«

»Gehen Sie nur hoch. Gehen Sie nur.«

Als sie die Treppe hinaufstieg, achtete nicht mehr darauf, ob er noch unten stand. Sie vermutete es auch nicht.

Sie stellte die Bierflasche auf den Küchentisch. Regentropfen schlugen gegen die Fensterscheiben. Sie ging auf die andere Seite der Wohnung und schaute aus dem Wohnzimmerfenster. Unten spannte Werner Grünner umständlich seinen Schirm auf und ging rechts die Straße hinauf. Er trug einen grauen Regenmantel. Nach wenigen Schritten kehrte er um und wechselte die Straßenseite. Er hielt den Schirm dicht vor das Gesicht. Die rechte Hand hatte er tief in der Manteltasche vergraben.

3

Dampfige Neonleuchten tauchten die Tankstelle in ein trübes Gelb. Zwischen den Zapfsäulen parkte der Mercedes-Kombi, ein älteres Modell, schwarz. Aus dem Shop kam ein schlanker Mann, etwa Ende zwanzig. Unter seinem Arm klemmten einige Bierdosen. Martin Straub bemerkte nicht, dass er zu ihm und Regina Lindner rübersah. Er hatte nur das grellbunte Hemd im Blick. Der Kombi beschleunigte und blieb nach drei, vier Metern abrupt stehen. Der Mann im bunten Hemd rannte hinterher. Er stellte zwei Dosen aufs Dach und stieg ein. Wieder fuhr der Wagen kurz an. Die Beifahrertür wurde geöffnet und ein hagerer Mann in einem ärmellosen T-Shirt pflückte die Dosen vom Dach.

Straub löste sich aus Regina Lindners Arm und bückte sich. Im gleichen Moment hatte er seinen Schnürsenkel aufgerissen. »Moment, mein Schuh ist aufgegangen«, rief er. Regina Lindner hörte ihn nicht. Vor ihr preschte der Mercedes auf die Straße.

»War das nicht der Wagen, der Sie nass gespritzt hat?«

Straub zuckte mit den Schultern. Bedächtig band er seinen Schuh zu. »Ich hab nicht drauf geachtet.«

Er wollte gerade weitergehen, als er zehn Meter hinter Regina Lindner den Mann mit dem bunten Hemd stehen sah. Daneben parkte der Mercedes. Über der geöffneten Beifahrertür hing der Hagere.

»Warten Sie, ich muss noch was aus der Tankstelle holen!« Ohne sich weiter umzusehen, lief Straub auf die Zapfsäulen zu. Er sprang um einen roten Golf herum und ging direkt auf die breite Eingangstür des Shops zu. Die Glasscheiben wurden lautlos zur Seite geschoben. Eiskalte Luft klatschte gegen sein Gesicht. Er schüttelte die Regentropfen von seiner Jacke und mit ihnen die Welt draußen. Es kam ihm vor, wie eine Ewigkeit, bis die Tür sich wieder schloss.

An der Kasse zahlte gerade die Golffahrerin. Sie trug eine Jeans und ein kurzes, rotes T-Shirt. Beides schien wie eine zweite Haut auf ihr zu kleben. Straub ging zum Zeitschriftenständer und zog wahllos einige Hefte heraus. Seine Wange schmerzte. Vorsichtig tastete er sie mit den Fingerspitzen ab. Als die Frau an ihm vorbei ging, deutete er kopfschüttelnd auf die Titelblätter der Sexmagazine. Ohne ihn zu beachten, ging sie hinaus.

Hinter dem Tresen regierte ein muskulöser Türke. Er war hier sicher. Zudem konnte man überall lesen, dass die Tankstelle videoüberwacht war. Außerdem wurden die Bänder immer wieder überspielt. Er wäre also praktisch gar nicht hier gewesen.

Er nickte dem Türken freundlich zu und ging zur Kühltheke. Vor dem Regal mit dem italienischen Wein schaute er hinaus. Ein dicker Mann in einem engen Short stützte sich auf seinen Opel und beobachtete skeptisch, wie die Anzeige an der Zapfsäule einen immer höheren Preis forderte. Daneben hing ein japanischer Geländewagen am Tankschlauch. Der Fahrer, sportlich-elegant, betrachtete die Blumensträuße, die in Folie verpackt in Plastikeimern steckten. Ein weißer Ford mit einem Firmenaufkleber an den Türen raste vorbei und auf der anderen Straßenseite ging ein Mann hinter einem Regenschirm versteckt. Regina Lindner konnte er nirgends entdecken.

Er nahm eine eiskalte Bierdose aus dem Kühlregal und trug sie mit drei Fingern zur Kasse.

Der Türke scannte grußlos die Dose.

Straub starrte auf die Straße; der Regen fiel in kurzen, dünnen Strichen senkrecht auf den Boden. Er konnte nichts Außergewöhnliches entdecken.

Das Bier war so kalt, dass er es nur in kleinen Schlucken trinken konnte. Als er zum zweiten Mal ansetzte, kroch der schwarze Mercedes die Auffahrt herauf. Er bückte sich blitzartig.

Die Scheinwerfer tasteten den Zeitschriftenständer ab. Der Wagen hielt kurz an und fuhr im Schritttempo weiter. Er stoppte noch einmal auf der Höhe einer grauen Mülltonne und rollte die Ausfahrt hinunter, bog scharf nach rechts und blieb mit zwei Rädern auf dem Gehweg stehen. Die Scheinwerfer wurden aufgeblendet.

Regina Lindner hielt die Hand vor ihre Augen. Der Mann im grellbunten Hemd fasste in ihre Haare. Langsam rutschten seine Finger an einer dicken Strähne herunter. »Ich glaub, dein Typ hat sich verpisst.«

Seine Hand berührte ihre Wange. Sie wendete den Kopf ab und ging einen Schritt zurück. Ihre Stimme überschlug sich: »Lassen Sie mich sofort los!«

Im gleißenden Licht der Scheinwerfer konnte sie ein breites Grinsen ausmachen. Als er nach ihr griff, riss sie das rechte Knie hoch. Ihr Schuh flog in hohem Bogen auf die Straße. Er packte mit einer Hand ihren Oberschenkel, bog ihn zur Seite und drückte sie, unterstützt von einem kehligen Schnauben, mit der anderen Hand an sich. Abwehrend hob sie die Hände.

Die Scheinwerfer des schwarzen Kombis erloschen. Der Mann im bunten Hemd grinste nicht mehr.

Ein ramponierter Kleinlaster mit der lückenhaften Aufschrift eines türkischen Obst- und Gemüsehandels holperte heran. Die Wischerblätter hasteten ruckartig über die Windschutzscheibe. Aus dem halb geöffneten Seitenfenster quollen Zigarettenqualm und schwülstige Klagelieder.

Als der Wagen vorbeigefahren war, stand Werner Grünner mitten auf der Straße. Mit der linken Hand umklammerte er einen Regenschirm, die rechte steckte in der Manteltasche. Er kam langsam näher.

»Lassen Sie die Frau zufrieden! Hören Sie nicht? Sie sollen die Frau zufriedenlassen!«

Der Mann im bunten Hemd drehte sich um. »Verpiss dich, Alter!«

Grünner beachtete ihn nicht weiter. »Du kannst jetzt gehen, Regina.« Er nickte ihr aufmunternd zu. »Geh jetzt! Geh nach Hause, hörst du?« Bedächtig zog er eine kleine, silberne Pistole aus der Manteltasche und richtete sie auf das bunte Hemd.

Der schwarze Kombi hielt am Straßenrand. Das Beifahrerfenster surrte herunter und der Hagere grinste heraus.

Der Mann im Hemd lachte schrill. »Der Typ hat ’ne Knarre!« Er wandte sich zu Grünner: »Ist gut, ja? Ganz ruhig, ja? War ein Scherz, ja? Kleiner Scherz, ja?«

Grünner sah sich nach Regina Lindner um. Warum lief sie nicht weg?

Gebannt starrte sie ihn an. Sie trippelte einige Schritte rückwärts und streifte den linken Schuh ab. Dann rannte sie davon.

Der Mann im bunten Hemd bewegte sich nicht. Grünner zielte auf seinen Bauch. »Steigen Sie jetzt ein!« Der Kerl sollte jetzt fahren. Regina würde weit genug sein. Und er wollte die drei endlich loswerden. »Machen Sie schon!«

Der Mann öffnete die hintere Tür. »Der ist total abgedreht. Der schießt, sag’ ich euch.« Er saß kaum, da raste der Wagen davon.

Grünner steckte die Pistole ein. Sie fuhren geradeaus, Regina war rechts herum gelaufen. Er sammelte ihre Schuhe auf und folgte ihr.

4

Durch das eingekippte Fenster über der Haustür fiel kaltes Licht auf den grau gesprenkelten Steinboden des Treppenhauses. Regina Lindner lehnte mit dem Rücken an der Tür und versuchte, gleichmäßig zu atmen. Ihre Haare lagen in dicken Strähnen vollgesogen auf den Schultern. Wassertropfen rannen in den Ausschnitt ihres Kleides. In der rechten Hand umklammerte sie ihre Schlüssel. Ihr Rucksack lag zwei Meter von ihr entfernt auf dem Boden.

Inzwischen waren zwei Autos vorbeigefahren. Eines schnell und ein anderes, das ziemlich langsam fuhr. Wahrscheinlich musste der Fahrer auf Fußgänger Rücksicht nehmen, die über die Straße liefen. Bei dem Wetter wartete keiner gerne. Sie wischte mit dem Handrücken die Wassertropfen von der Stirn. Dann tastete sie die Wangen ab. Ihr Kopf glühte.

Ein plötzlicher Luftzug ließ den weißen Keramikbolzen, der an einer Metallkette von dem Fenster über der Haustür herunterhing, gegen den Türrahmen schlagen. Mit einem kurzen Ruck riss sie die Kette herunter. Das Fenster fiel knallend zu. Die Schritte auf dem Trottoir verstummten. Zittrig rutschte ihre Hand über die Fliesen, bis sich der Schalter für die Treppenhausbeleuchtung zwischen die Finger drängte. Der grelle Lichtschein goss einen dünnen Schatten über die Wand.

Der Mann war ungefähr sechzig. Knöcherne Schultern stachen durch das verschwitzte Hemd. Hinter dicken Brillengläsern suchten wässrige Augen angestrengt die nächste Treppenstufe. Sie hob den Rucksack auf und ging zur Treppe. Kurt Kaluza stand jetzt direkt vor ihr. Er schien zu lächeln.

Dass er Kaluza hieß und im ersten Stock wohnte, war alles, was sie von ihm wusste. Als sie an ihm vorbeiging, drang ein säuerlicher Geruch in ihre Nase.

Mit großen Schritten stieg sie die Treppe empor. Jeweils zwei Türen teilten sich eine Etage. Die rechte Tür im ersten Stock war nur angelehnt. Die linke wurde geöffnet, als sie schon fast vorbei war.

Die Frau, die sich neugierig umblickte, war Anfang sechzig, fast quadratisch und hatte einen kleinen, runden Kopf mit kurzen, roten Haaren. Sie trug Flipflops und ein grünes, bis knapp zu den Knien reichendes T-Shirt, unter dem ein üppiger Busen wogte.

»Ich muss die Wäsche raufholen, sonst wird über Nacht alles wieder feucht«, sagte sie und zog eine Klappbox hinter der Wohnungstür hervor. »Regen, Regen, Regen. Ist das fürchterlich? Na, Sie haben ja auch gehörig was abbekommen.« Sie schloss die Tür ab.

»Es reicht.«

»Ja, man weiß nie mit dem Wetterbericht. Mal sagen sie so, mal sagen sie so.«

»Ja, das stimmt, Frau Pezic.«

»Sehen Sie, es ist Sommer. Was glauben die Leute, dass es nie regnet?« Sie klemmte die Klappbox unter den Arm. »Sie waren ausgegangen?«

»Ich war im Kino.«

»Im Kino. Wann war ich im Kino? Ist gar nicht mehr wahr. War schön, das Kino?« Sie war fast am Ende der Treppe angelangt. Beiläufig fügte sie noch ein »Schönen Abend« hinzu.

Regina Lindner konzentrierte sich darauf, unter ihren Schlüsseln den für ihre Wohnung zu finden. Sie hörte, wie die Haustür aufgeschlossen wurde und kurz darauf Frau Pezic’ Stimme.

»Nein, Herr Straub, was haben Sie gemacht? Der schöne Anzug, ganz nass und dreckig. Sie müssen Ihrer Frau sagen, sie muss Hose gleich aufbügeln.«

Straub öffnete mit beiden Händen das Sakko und lenkte ihren Blick auf das Innenfutter. »Geht schon, Frau Pezic, ist ja nur Wasser.«

»Ist aber auch Fleck auf Kragen.«

Er schloss die Tür wieder ab. »Ich war im Kino. Irgendwann muss es angefangen haben zu regnen.«

»Oh, ganz allein, ohne Frau?«

»Meine Frau macht sich nichts draus.«

»Frau Lindner von dritte Etage war auch im Kino. Ist gerade gekommen. Ganz nass.«

»Ach ja?« Seine Stimme zitterte.

»Sie haben Frau Lindner nicht gesehen?«

»Es gibt viele Kinos in Stuttgart, Frau Pezic.«

»Und ich muss Wäsche holen. Wird doch nicht trocken bei diesem Wetter. Regnet noch?« Sie schaute in den erleuchteten Keller. »Hat wieder jemand Licht angelassen. Als wenn kein Geld kostet.« Er hörte sie die Stufen hinunterächzen: »Oh, Herr Kaluza, und ich dachte, hat jemand vergessen Licht zu löschen.«

Straub war gerade drei Schritte gegangen, als es dunkel wurde. Angespannt suchte er nach dem Treppengeländer. Er sah hinunter. Das Kellerlicht brannte noch. Als er überlegte, ob er sich in die erste Etage vortasten sollte, klackte ein Lichtschalter. Unwillkürlich hob er den Kopf, dann ging die Treppenhausbeleuchtung wieder an.

Kaluza stand mitten auf dem grauen Steinboden. Genau unter der Deckenlampe. Er hielt eine Weinflasche in der Hand. Die spärlichen Haare waren sorgfältig von einem tief sitzenden Seitenscheitel aus über den Kopf gekämmt. Er starrte herauf und Straub konnte sich nicht entscheiden, ob er ein freundliches Lächeln oder ein spöttisches Grinsen zu sehen bekam. Er glaubte, es läge an den Augen. Angeblich war Kaluza zuckerkrank. Sicher war nur, dass er einen großen Vorrat an Diabetikerwein im Keller hatte.

Straub deutete auf seinen Anzug. »Da hat es mich gut erwischt.«

Kaluza nickte. Er zog sich am Handlauf die Treppe hinauf. Es schien nicht die erste Flasche gewesen zu sein, die er heute getrunken hatte.

Straub hob die Stimme: »Sauwetter!«

Kaluza sah ihn erwartungsvoll an. Er lächelte. Die dicken Brillengläser vergrößerten seine Augen ins Groteske.

Kaluza war vielleicht dreißig Jahre älter als er. Aber wenn er, Martin Straub, 42, Versicherungsmathematiker, verheiratet, kein Kind, und wenn es nach ihm ginge, auch nie ein Kind, nicht bald einen Job bekäme, würde er nach zehn Jahren Hartz IV so aussehen, wie Kaluza jetzt.

Schweigend gingen die beiden die Treppe hinauf. Im ersten Stock steuerte Kaluza auf die angelehnte Tür zu. Er wartete, bis Straub an ihm vorbeigegangen war, murmelte »Guten Abend« und schloss die Tür hinter sich zu.

Straub wünschte, er könnte rauchen. Einfach hier, jetzt. Dazu eine Dose Bier, aber die hatte er ja schon gehabt. Außerdem wurde oben gerade das Treppenhausfenster geöffnet. Er war also nicht allein. Vielleicht hatte es aufgehört zu regnen. Er lauschte auf Schritte. Regina Lindner wohnte oben. Dann wurde eine Tür geschlossen.

Er war im zweiten Stock angelangt. Vor der rechten Tür blieb er stehen und holte seinen Schlüsselbund aus der Hosentasche. Die einzelnen Schlüssel waren farblich markiert. Eine Idee von Karin. Der grüne war der Wohnungsschlüssel. Er hatte die Tür fast erreicht, als er die Schlüssel wieder in die Tasche gleiten ließ und ins Dachgeschoss schlich.

Über Regina Lindners Klingel klebte ein blaues, aus Salzteig geknetetes Namensschild. Er drückte vorsichtig auf den Klingelknopf, der mit einem heiseren Schnarren antwortete. Es dauerte etwas, dann bemerkte er, dass ihn jemand durch den Türspion beobachtete. Im gleichen Moment öffnete Regina Lindner die Tür. Ihre Haare waren in ein Handtuch gewickelt.

»Was wollen Sie?«

Straub lächelte sie unbeholfen an. »Ich wollte nur wissen, ob sie gut nach Hause gekommen sind.«

»Ich sage mal so: Meine Schuhe sind weg.«

»Tatsächlich?«

»Ja! Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich muss meine Haare trocknen.«

»Ich gehe gleich. Es ist nur, weil wir uns doch nicht mehr gesehen haben.«

Sie antwortete nicht. Er konnte jetzt unmöglich so stehen bleiben. Wenn das Licht gleich ausginge, würde er hineingehen. Er versuchte zu lächeln. »Sie waren auf einmal weg.«

»Das war ja wohl eher umgekehrt.«

Mit einem Klacken erlosch die Treppenhausbeleuchtung.

In seinem Kopf ratterte es. Er musste wissen, was geschehen war, und wie sie die Typen losgeworden war. Vor allem, ob sein Verschwinden glaubwürdig war. Morgen könnte sie jemanden aus dem Haus treffen. Es könnten Gerüchte entstehen. Letztlich könnte er ihr auch alles erklären, wenn sie ihn nur ließe. Er schaltete das Licht wieder ein.