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Darf ein guter Moslem es zulassen, dass eine junge Frau unverhüllt auf der Straße läuft? Als die Filmemacherin Leila am Strand von Dschidda aufgefunden wird, scheint ihr Tod die Rache für ein Filmprojekt zu sein, mit dem sie die Doppelmoral der arabischen Gesellschaft anprangern wollte. Doch als man bei Leila Fotos einer verbotenen alten Version des Koran findet, verstehen die junge Pathologin Katya und der strenggläubige Wüstenführer Nayir, dass die Ursachen für den Mord viel weiter reichen. Denn die längst vergessenen Verse stellen die Wurzeln ihres Glaubens infrage … Ein packender Kriminalroman, der intime Einblicke gibt in eine uns weitgehend verschlossene Welt zwischen Wüste, modernem Großstadtleben und den strengen Gesetzen des Islam.
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Veröffentlichungsjahr: 2010
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Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe
1. Auflage 2009
ISBN 978-3-492-95088-6
© Zoë Ferraris, 2009
© der deutschsprachigen Ausgabe:
Pendo Verlag in der Piper Verlag GmbH, München 2009
Die Originalausgabe erscheint 2010 unter dem Titel »City of Veils«
bei Little, Brown & Company, London.
Lektorat: Karen Nölle
Umschlaggestaltung:
Hauptmann & Kompanie Werbeagentur,
München – Zürich, Christian Otto
1
Die tote Frau lag auf dem Strand. »Evas Grab«, dachte er unwillkürlich, aber nicht in Gedanken an das eigentliche Grab Evas in Dschidda, das 1928 eingeebnet wurde, um ihrer Verehrung ein Ende zu machen, und dann noch mal 1975, um ganz auf Nummer sicher zu gehen. Nein, dieses ungewöhnliche Grab war ein schlichter schmaler Streifen Strand nördlich von Dschidda.
An diesem Nachmittag stapfte Abu-Yussuf mit seiner Angel den sanften Hang hinunter zum Wasser. Er war ein erfahrener Angler, und er war dieser Tätigkeit eigentlich immer eher aus sportlichen denn aus praktischen Gründen nachgegangen, doch nach den Entlassungen in der Entsalzungsanlage galt es nun vor allen Dingen, seine Familie zu ernähren. Mit seinen zweiundsechzig Jahren sah er aber, da er mit dem Hauttyp seiner Mutter gesegnet war, noch immer so frisch aus wie ein Mann in den Vierzigern, obwohl er zeit seines Lebens der Sonne ausgesetzt gewesen war. Er erreichte den festen Sand am Wasser mit einem überschwänglichen Gefühl der Vorfreude. Keine Frage, es gab schlechtere Arten, eine Familie zu ernähren. Er blickte den Strand entlang, und da war sie. Die Frau, die er später in Gedanken Eva nannte.
Er stellte seine Angelkiste auf den Sand. Die Frau lag auf dem Rücken, das dunkle Haar ausgebreitet wie die Fangarme einer gefährlichen Anemone. Der Seetang auf ihrem Gewand sah auf den ersten Blick aus wie eine grässliche Wucherung. Ein Arm war unter den Körper gebogen, der andere war nackt. Das Gewand war aufgerissen, und der Arm ruhte fast flehend auf dem Sand, als wollte er nach einem Kissen greifen wie ein Schlafender in einem Albtraum. Die untere Hälfte der Frau war nackt, das schwarze Gewand bis über die Taille hochgeschoben, die Jeans bis zu den Knöcheln runtergezogen und um die Füße gewickelt wie eine Kette. Abu-Yussufs Blick wanderte zu der Gesichtshälfte, die nicht im Sand eingesunken war. Er näherte sich vorsichtig, für den Fall, dass sie schlief, für den Fall, dass sie sich aufsetzte und die Augen rieb und ihn für einen Dschinn hielt. Doch als er fast bei ihr war, sah er, dass etwas Schreckliches mit ihrem Gesicht passiert war. Ein Auge war offen, leer, tot.
»Bismillah, ar-rahman, ar-rahim«, flüsterte er. Sein Mund murmelte das Gebet, während er fassungslos und entsetzt auf die Tote stierte. Er wusste, er sollte lieber nicht hinsehen, damit sich ihm das Bild nicht ins Gedächtnis einbrannte, aber es war schier unmöglich, den Blick abzuwenden. Ihr Gesicht sah aus wie durch den Fleischwolf gedreht. Ihr rechtes Bein war halb im Sand vergraben, doch jetzt, aus der Nähe, sah er, dass das linke an der Innenseite des Oberschenkels zahllose rote Schnitte aufwies, aufgequollen und bogenförmig wie Tamarinden. Die gesamte Hüfte war blutunterlaufen. Er wusste, dass er die Leiche nicht berühren durfte, aber er hatte den Impuls, Sand über ihre Blöße zu schaufeln, um ihr einen letzten Rest Würde zu geben.
Er musste zurück nach oben auf die Straße, wo sein Handy Empfang hatte. Die Polizei kam, dann ein Rechtsmediziner und die Spurensicherung. Abu-Yussuf wartete am Strand, die Angel noch in der Hand, die Angelkiste auf dem Boden zu seinen Füßen. Der junge Beamte, der als Erster eingetroffen war, behandelte ihn rücksichtsvoll und nannte ihn »Onkel«. Möchten Sie etwas trinken, Onkel? Einen Stuhl vielleicht? Ich kann Ihnen einen Stuhl holen. Sie befragten ihn höflich. Ja, Onkel, das ist wichtig. Vielen Dank. Die ganze Zeit war die Frau in seinem Blickfeld. Aus Höflichkeit schaute er nicht hin.
Während die Spurensicherer arbeiteten, beschlich Abu-Yussuf eine furchtbare Müdigkeit. Er spürte, wenn er die Augen schloss, würde ihn ein gefährlicher Schlaf übermannen, daher ließ er die Augen hinaus aufs Meer wandern und seine Gedanken noch weiter in die Ferne. Eva. Ihr echtes Grab war in der Stadt. Er hatte es immer eigenartig gefunden, dass sie in Dschidda beerdigt war und Adam in Mekka. Hatten sie sich zerstritten, nachdem sie aus dem Garten Eden vertrieben worden waren? Oder war Adam, wie so viele Männer heutzutage, einfach zuerst gestorben, und Eva war danach umhergewandert? Seine Großmutter, Friede ihrer Seele, hatte ihm einmal erzählt, Eva sei 180 Meter groß gewesen. Seine Großmutter hatte als Kind das Grab Evas gesehen, ehe der Vizekönig es zerstören ließ. Es war länger gewesen als die gesamte Kamelkarawane ihres Vaters.
Einer der Spurensicherer bückte sich, um unter den Leichnam zu greifen. Abu-Yussuf erwachte ruckartig aus seinen Gedanken und erhaschte einen kurzen Blick auf den nackten Arm der Frau, der unnatürlich gebogen und dann seitlich an den Körper gelegt wurde. Eine letzte Demütigung.
Möge Allah sie zu sich nehmen. Abu-Yussuf bückte sich, um seine Angelkiste hochzuheben, und plötzlich wurde ihm schlecht. Er schluckte schwer, sah zur Straße hinauf und marschierte energisch los, obwohl ihm alles andere als energisch zumute war. Onkel, kann ich Ihnen helfen? Der Beamte, der ihn ansprach, war ein anderer als der erste, größer und mit einem Gesicht wie eine Marmorstatue, glatt und versteinert, und er ließ ihm keine Zeit zum Widerspruch. Er nahm Abu-Yussufs Arm, und gemeinsam stiegen sie ganz langsam den Hang hinauf. Das Gehen fiel ihm leichter, als er sich Eva als Riesin vorstellte, die über Städte hinwegstapfte, als wären sie Fußmatten. Sie hätte diesen Strand mit einem Schritt überwunden. Ein Jammer, dass die Eva unserer Tage nicht ein wenig von ihrer Würde und Kraft bewahrt hatte.
2
In der Ladegarage von Al-Amir Imports herrschte hektischer Lärm, der sogar das Klingeln von Nayirs Handy übertönte. Es wurden Zelte zusammengelegt und Proviantrationen verstaut, Wasser musste abgefüllt werden, und das GPS-Navigationsnetz funktionierte noch immer nicht. Während die jüngeren Brüder Amir sich gerade über die Displays an ihren Palmtops aufregten, kam ein Assistent herbeigeeilt, um Nayir darauf hinzuweisen, dass die Diener vergessen hatten, genügend Salztabletten einzupacken.
Nayir eilte sogleich zu dem entsprechenden Range Rover, ohne sein nach wie vor munter klingelndes Handy zu bemerken, und durchsuchte den Kofferraum nach den fehlenden Tabletten. Er entdeckte Tischdecken, Servietten und Silberbesteck, zwei Kisten Zigarren, einen tragbaren DVD-Player und eine Satellitenschüssel. Nichts davon hatte er für die Fahrt genehmigt. Männer nahmen alles Mögliche mit in die Wüste, aber eine Satellitenschüssel war nun doch des Guten zu viel.
»Nehmen Sie das Zeug da raus«, befahl er. »Sagen Sie es niemandem. Tun Sie’s einfach.«
»Und wohin damit?«, fragte der Assistent.
Schweiß strömte Nayir den Rücken hinunter. »Ist mir egal. Hauptsache, die Amirs merken erst nach der Abfahrt, dass es weg ist.« Er zückte ein Taschentuch und wischte sich übers Gesicht. Wie so viele Garagen der Superreichen war auch diese klimatisiert, aber das nutzte nicht viel. Die Hitze durchdrang alles. »Und schicken Sie einen Diener Salz kaufen!« Diese Männer würden ihre tägliche Dosis Salz schlucken, ob ihnen das nun passte oder nicht. Er wollte sie nicht auf Tragen wieder nach Hause bringen, halb tot vor Dehydration.
Nayir schnappte sich eine Wasserflasche und strebte zur Tür. Hinter ihm standen majestätisch aufgereiht zwölf Land Rover, jeder einzelne auf Hochglanz poliert. Sie wurden von Mechanikern gehegt und gepflegt und von den fleißigen Händen eifriger Sklaven (zeitgemäß aus Sri Lanka und den Philippinen importiert) befüllt und beladen, umsorgt wie die Paschas früherer Tage. Und das alles für eine fünftägige Spritztour in die Wüste, nur damit sich die männlichen Vertreter einer großen und unanständig reichen Familie von Textilimporteuren später ihren Freunden und Nachbarn gegenüber damit brüsten konnten, Wildfüchse geschossen, am Lagerfeuer gegessen und überhaupt mal das »einfache Leben« am Rande der Rub al-Khali, des »Leeren Viertels«, gekostet zu haben. Ursprünglich waren zwei Wochen für die Fahrt geplant gewesen, doch ein heilloses Chaos von Terminen und Verpflichtungen – jeder Sohn der Familie Amir hatte ein eigenes Geschäft zu leiten, Geldgeber zu beglücken und Arbeiter herumzukommandieren – hatte das große Wüstenabenteuer nach und nach auf fünf Tage zusammenschmelzen lassen. Fünf. Nayir ging sie im Kopf durch: Tag eins und zwei: Hinfahrt. Tag drei: Pinkeln in der Wüste. Tag vier und fünf: Rückfahrt.
Er erinnerte sich an die Vorbereitungen für Wüstentouren, die lange zurücklagen und mit bedeutenderen Männern in weit abgelegenere Gegenden geführt hatten. Für archäologische Ausgrabungen mit dem alten Dr. Roeghar und Abu-Tareq hatten sie Sandsäcke und lebende Tauben mitgenommen. »Wieso bringen wir Sand in die Wüste?«, hatte der damals erst achtjährige Nayir gefragt. Er hatte das Wort »Ballast« nicht verstanden und musste in dem alten Wörterbuch seines Onkels nachschlagen. Als er schließlich verstand, beschwor das ein so wildes, windgepeitschtes Bild von der Wüste in ihm herauf, dass er seine Aufregung kaum noch dämpfen konnte. Dann hatten sie die Wüste erreicht, und sie war so mörderisch heiß, dass er und die anderen Kinder nicht nur zum ersten Mal das Gesicht bedecken und in regelmäßigen Abständen Wasser wie Arznei zu sich nehmen mussten, sondern auch die peinlichen Auswirkungen von Salztabletten auf den Magen-Darm-Trakt kennenlernten.
In jenem Jahr hatte er seine erste Sonnenbrille getragen und war von Abu-Tareqs Tochter Amira damit geärgert worden, er sähe aus wie ein Amerikaner, also hatte er sie abgenommen und nie wieder eine Sonnenbrille aufgesetzt. Die junge, schöne Amira mit den strahlend grünen Augen. Sie schwor, sie würde ihn eines Tages heiraten, und zu seiner späteren stummen Beschämung glaubte er ihr. Tagsüber schliefen sie nebeneinander im Zelt seines Onkels Samir auf einer alten Strohmatratze, die eigenartig grün war und chemisch roch. Über ihnen ragten auf hölzernen Klapptischen irgendwelche Geräte auf. Er und Amira rollten sich immer zusammen wie Zwillinge, Nase an Nase, mit Staub an den Wangen und Sand in den Haaren. Manchmal verschränkten sie die Beine, und einmal band er ihr mit einem Stück Schnur ein Büschel Haare zusammen, während sie schlief, und machte es dann mit einer längeren Schnur an seinen eigenen Haaren fest. Der Wind weckte sie in der Abenddämmerung, und dann hörten sie, wie das Lager lebendig wurde, und die Kühle der Nacht lockte sie nach draußen. Die verschlungenen Beine waren vergessen, wenn sie losliefen, um zu spielen.
Heute konnte er sich kaum mehr vorstellen, einmal einem Mädchen so nahe gewesen zu sein, so nahe, dass sie auf ein und derselben Matratze geschlafen und sich als »beste Freunde« bezeichnet hatten. Mit elf war Amira zur »Frau« geworden, und ihre Mutter hatte sie verschleiert und zu ihren Schwestern geschickt. Er sah sie nie wieder. Im Winter darauf war Dr. Roeghars Ausgrabung ohne sie weitergegangen, und schon bald war Nayir erwachsen genug, um sich zu schämen, wenn er manchmal noch an ihr Gesicht dachte.
Nayir trank die halbe Flasche Wasser und widerstand dem Drang, sich den Rest über den Kopf zu gießen. Gleich vor der Garage stand Abdullah bin Salim, dem die Hitze nichts ausmachte. Er beobachtete den Verkehr auf dem Boulevard mit derselben Miene, die er aufsetzte, wenn er die Winterlandschaft des Leeren Viertels betrachtete, einem nachdenklichen und herausfordernden Blick, der besagte: Was hast du dieses Jahr für mich in petto?
Als Nayir zu ihm trat, runzelte er die Stirn. »Hältst du das wirklich für richtig?«, fragte Abdullah.
Nayir lag auf der Zunge, dass er das jedes Jahr sagte, ganz gleich, was für Leute sie in die Wüste führten. »Ich muss zugeben«, sagte er, »sie wirken schlecht vorbereitet.«
Abdullah antwortete nicht.
»Hör mal«, sagte Nayir, »ich bin sicher, alles wird gut.«
Abdullahs Augen blieben weiter auf den Boulevard gerichtet. »Woher kennst du sie?«
»Über Samir. Er kennt den Vater seit zwölf Jahren.«
»Diese Leute sind keine Beduinen und waren nie welche. Ein Blick genügt, dann weißt du, dass sie sharwaya waren.« Schafhirten, keine »echten« Beduinen, deren Leben von Kamelen bestimmt wurde. Es war eine Beleidigung, aber auch diese Bemerkung hörte Nayir nicht zum ersten Mal. Die Familien, die sie in die Wüste führten, waren Abdullah nur selten gut genug. Und vielleicht stimmte es ja auch, dass sie niemals in der Landschaft überleben könnten, die ihre Ahnen 6000 Jahre lang bewohnt hatten, aber sie versuchten es, und das war immerhin auch schon was.
Nayir nickte höflich. »Wahrscheinlich hast du recht. Also bringen wir ihnen bei, was echte Beduinen sind.« Sein Handy klingelte erneut, und diesmal ging er ran. Er hörte seinem Onkel geduldig zu, gab ein paar Laute von sich, und kaum hatte er aufgelegt, entschuldigte er sich und eilte auf den Parkplatz zu seinem Jeep.
3
Als Miriam Walker sich in den hinteren Bereich des Flugzeugs schob, schwante ihr bereits, dass der Flug nach Dschidda anstrengend werden würde. Die Maschine war ausgebucht. Die Fächer über den Sitzen reichten nicht für das viele Bordgepäck, nervöse Stewards eilten auf der Suche nach Stauraum durch die Gänge. Weit hinten sah sie ihren Platz, Nummer 59C, ungefähr so weit entfernt wie die Pins auf der Bowlingbahn. Sie verspürte eine vertraute Mischung aus Grauen und Freude. Sie freute sich darauf, Eric wiederzusehen – schließlich war sie einen Monat fort gewesen –, aber schon dieser schlichte Weg den Gang hinunter markierte die Rückkehr in eine Welt, wo sie manchmal mehrere Wochen am Stück das Haus nicht verlassen würde. Auf den letzten Metern in der Schlange, die schleppend vorankam, drängelte sie sich schließlich vor, wollte sich endlich anschnallen, als könnte nur der Sicherheitsgurt sie daran hindern, wieder auszusteigen und alles rückgängig zu machen.
Miriams Sitznachbar war ein Mann. Sie wäre nicht erstaunt gewesen, wenn Saudia Vorschriften gehabt hätte, die es untersagten, Frauen neben fremden Männern zu platzieren, aber anscheinend war dem nicht so. Der Mann starrte sie an, als sie näher kam, einen wissenden Blick im Gesicht. Er hatte die dunklen Augen und die olivbraune Haut eines Arabers, aber auch einen natürlich blonden Haarschopf. Der Kontrast machte ihn bemerkenswert attraktiv. Miriams Wangen röteten sich. Ein Schritt zur Seite brachte sie hinter einen großen Mann mit Turban. Langsam, wie in Gedanken staffte sie die Schultern und fuhr sich mit der Zunge über die Vorderzähne. Ein erneuter kurzer Blick verriet ihr, dass er sie weiter anstarrte. Sie waren noch immer in New York, aber sie spürte, dass Saudi-Arabien sich auf sie legte wie die recycelte Luft in der Maschine. Sie fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. Genieß dein letztes bisschen Freiheit, Lockenköpfchen.
Sie sank in ihren Sitz und bedachte ihren Nachbarn mit einem beiläufigen Lächeln, das geschickt ihren schiefen Schneidezahn verbarg. Er begrüßte sie mit einem zufriedenen Blick. Um zu verhindern, dass er sie ansprach, kramte sie in ihrer Handtasche, um sie dann mit übertriebener Anstrengung unter dem Vordersitz zu verstauen und anschließend etliche Minuten lang den Inhalt der Lehnentasche zu erkunden. Zu ihrer Überraschung entdeckte sie dort etwas Tröstliches – einen seidenen Kordelzugbeutel, den offenbar ihre Sitzvorgängerin vergessen hatte. Darin befand sich eine Zahnbürste, ein Stück Seife, ein Schildpattkamm und ein kleines Fläschchen Parfüm von Calvin Klein. Escape. Sie musste schmunzeln.
Als das Flugzeug vom Gate wegrollte, verkrampfte sich Miriam. Kein Zurück mehr. Sie hatte früher nie Flugangst gehabt, aber Saudi-Arabien hatte sie verändert. Als sie über die Startbahn donnerten, übernahmen ihre Instinkte die Kontrolle. Kalte Hände, nasse Stirn, beengte Brust. Die Maschine würde nie und nimmer schnell genug werden, um abheben zu können. Alle starrten auf die Fenster und Wände, die heftig vibrierten. Ein Gepäckfach sprang auf, und Jacken und eine Kaffeedose ergossen sich auf den Kopf eines Passagiers. Sie fragte sich, warum ein Mensch Folgers-Kaffee mit nach Dschidda nahm.
»Wissen Sie«, sagte der Mann neben ihr, »dass früher auf Saudia-Flügen Mohammeds Gebet für die Reise über die Lautsprecher kam?«
»Ach ja?« Sie lachte nervös.
»Noch so eine verlorene Tradition.« Er wirkte beinahe amüsiert.
Sie spürten den Widerstand ihrer Körper gegen den Steigflug. Ein Mann auf der anderen Seite des Ganges begann zu fluchen. Miriam hätte ihm am liebsten gesagt, er solle den Mund halten, aber sie war gefangen in einer Grauzone aus Beten und Hoffen, dass sie nicht vom Himmel stürzten. Dann ging das Flugzeug jäh in die Horizontale. Es schien mitten in der Luft stehen zu bleiben und wie ein Walross auf einem Ballon zu schweben. Ein mechanisches Wiegenlied summte ihr im Kopf. Es war Mitternacht, und sie hatte Angst, eine Kombination, die sie todmüde machte. Um der Flugangst zu entgehen, blieb ihr nur die Möglichkeit, sich der Leere der Bewusstlosigkeit zu überlassen, aber auf Saudia-Flügen gab es keinen Alkohol, und die dunkle Ruhe des Schlafes würde erst in greifbare Nähe rücken, wenn die Kabinenlichter erloschen. Sie schloss die Augen, hoffte, ihren Nachbarn davon abhalten zu können, ein Gespräch anzuknüpfen, aber er drückte den Rufknopf. Pling. Ein gereizt wirkender Steward kam. Ihr Nachbar beugte sich an ihr vorbei, berührte mit seiner Schulter beinahe ihre Brust. »Verzeihung«, sagte er. Er bat um zwei leere Becher.
»Einen für mich«, erklärte er dem Steward, »und einen für meine Freundin.«
Er fischte zwei kleine Flaschen Wein aus seiner Jacketttasche. Miriams Brust wurde noch enger.
»Sie wissen, dass das –«
»Verboten ist«, sagte er. »Ja. Aber was wollen sie machen, uns aus dem Flugzeug schmeißen?« Er lächelte sie an, füllte die beiden Becher und schob die Flaschen in die Lehnentasche. Er hielt Miriam einen Becher hin. Sie schüttelte den Kopf, aber er ließ nicht locker. »Ich bitte Sie«, sagte er, »schlimmstenfalls zwingen sie uns, das Zeug in die Toilette zu kippen.«
Sie kam sich wie ein Teenager vor und tat genau das, was sie damals auch getan hätte. Sie nahm den Wein. »Danke«, sagte sie und trank einen Schluck. Es war ein willkommenes Beruhigungsmittel. Nein, schlimmstenfalls verhaften sie uns und stecken uns nach der Landung ins Gefängnis.
»Ihr erster Flug nach Dschidda?«, fragte er.
»Nein, der zweite.« Miriam sah den Fernseher flackernd zum Leben erwachen. Ein großer Pfeil zeigte die Richtung nach Mekka an. Eine Stewardess verteilte Amenity Kits, gefolgt von einem Steward, der Kaffee und Datteln servierte. Miriam versteckte den Becher Wein rasch unter ihrem Klapptisch, aber die beiden schienen nichts zu bemerken, oder es war ihnen egal. »Und Sie?«, fragte sie, »Ihr erstes Mal?«
»Nein. Ach übrigens, ich heiße Apollo.« Sein Lächeln war neckisch. »Apollo Mabus.«
»Toller Name«, sie lächelte zurück. »Ich bin Miriam.«
»Südstaaten?«
»North Carolina.«
»Ah.« Er lehnte sich zurück. »Ich bin aus New York.« Er sagte das so, wie andere Leute »schachmatt« sagen. Für ihn gehörte sie wohl nur einer untergeordneten Spezies an, war vermutlich Elvis-Fan, lebte in einem Trailer und ernährte sich von Fast Food und Cola. Die Geringschätzung war so verbreitet, so vorhersehbar, dass sie auch Einbildung gewesen sein könnte, doch ihre Wangen röteten sich trotzdem, und sie überspielte die Kränkung, indem sie einen kräftigen Schluck Wein trank.
»Und was machen Sie beruflich?«, fragte er.
»Ich bin Doktor –« Sie brach ab, als sie seine Reaktion sah. Seine Miene wurde förmlich, und sie entschied, dass sie ihn doch nicht so sympathisch fand, wie sie gedacht hatte. Jedenfalls würde sie nicht klarstellen, dass sie in Musikwissenschaft promoviert hatte. »Und Sie? Sie sehen aus wie der klassische Akademiker.«
Er hob die Augenbrauen. »Inwiefern?«
»Sie blinzeln, was bedeutet, dass Sie vermutlich Ihre Brille irgendwo liegen gelassen haben. Außerdem haben Sie Hornhaut am Mittelfinger und Tintenflecke am Daumen.« Er versuchte, sein Unbehagen mit einem amüsierten Blick zu kaschieren. Der Wein machte sie lockerer. »Aber Sie wirken nicht wie der Tweedjackentyp und Sie haben einen ziemlich kräftigen Bizeps, also verraten Sie mir, was für ein Akademiker stemmt Gewichte?«
»Wenn Sie viel Zeit am Schreibtisch verbringen«, sagte er augenzwinkernd, »müssen Sie irgendwas machen, um das Blut wieder in Wallung zu bringen.« Sie fand die Bemerkung geschmacklos, aber ihr Herzschlag beschleunigte sich trotzdem. Sie trank noch einen Schluck.
»Also, was führt Sie nach Saudi-Arabien?«, fragte sie.
Er stützte die Ellbogen auf die Armlehnen, und sie beobachtete, wie er mit seinem Uhrarmband spielte, es in Viertelkreisen ums Handgelenk drehte. »Ich bin Professor für Nahoststudien. Mein Spezialgebiet sind Koranschriften. Ich mache eine Forschungsreise.«
»Aha.« Der Alkohol stieg ihr zu Kopf, und ihr wurde leicht schwindelig. Irgendetwas im Fernseher zog ihren Blick auf sich, und sie sah, dass der Film, der gezeigt wurde, zensiert worden war. Frauenarme und -haare bewegten sich in verschwommenen grauen Flecken über den Bildschirm.
»Und Sie?«, fragte er. »Was führt Sie nach Dschidda?«
»Mein Mann hat dort einen sehr guten Job angeboten bekommen –«
»Natürlich.« Er unterbrach sie mit einem Grinsen. »Hätte mich auch gewundert, wenn Sie sich allein dort aufhalten würden. Es gibt fast immer einen Ehemann.«
Obwohl sie in den letzten vier Wochen keine Gelegenheit ausgelassen hatte, sich bei ihren Schwestern, ihrem Vater, ihren Nichten und überhaupt jedem, der zuhören wollte, erbittert über das unerträgliche Leben als rechtlose Frau in Saudi-Arabien zu beklagen, ärgerte sie die Bemerkung.
»Ich finde es sehr tapfer von Ihnen«, fuhr er fort, »dass Sie Saudi-Arabien erdulden, damit Ihr Mann Karriere machen kann. Oder geht’s Ihnen nur ums Geld?«
»Sowohl als auch«, sagte sie so schnippisch, wie sie konnte. Es stimmte nicht so ganz. Eric hatte den Job als Bodyguard – genauer gesagt, als »leitender Personenschutzspezialist« – angenommen, obwohl er beim Militär eigentlich eine Ausbildung als Ingenieur absolviert hatte. Er hatte gesagt, er wolle etwas anderes machen, etwas, das praxisbezogener und interessanter war, aber in der Sicherheitsbranche hätte er überall arbeiten können. Es gefiel ihr nicht, dass er sich für Saudi-Arabien entschieden hatte, auch wenn es bloß für ein Jahr war.
»Wie lange sind Sie schon dort?«, fragte Mabus.
»Ein halbes Jahr.«
»Beeindruckend«, sagte er. »Die wenigsten Frauen halten so lange durch. Westliche Frauen, meine ich – und falls doch, dann mithilfe von Drogen. Aber Sie leben ja auch vermutlich im amerikanischen Compound?«
Miriam blickte in ihren Becher. »Nein.«
»Tatsächlich? Das ist ungewöhnlich. Haben Sie einen zuverlässigen Fahrer?«
Sie spitzte die Lippen und schüttelte den Kopf. Sie gerieten auf gefährliches Terrain, und sie suchte angestrengt nach einem eleganten Themenwechsel, aber ihr Gehirn war vom Alkohol benebelt.
»Verraten Sie mir eins«, fragte er unverdrossen weiter, ohne ihr Unbehagen zur Kenntnis zu nehmen, »was machen Sie den lieben langen Tag, wenn Sie das Haus nicht verlassen dürfen, wenn Sie nicht Auto fahren, ja noch nicht mal auf ein blödes kleines Fahrrad steigen dürfen?« Er sagte das so laut, dass Miriam sich umschaute und mit empörten Blicken rechnete. Niemand schien auf sie zu achten.
Seine Fragen hatten ein vertrautes Gefühl von Selbstmitleid und unterdrückter Wut ausgelöst, und jetzt schwitzte sie. Sie wollte nicht mehr an ihr Eingesperrtsein denken und war genervt, dass er sie darauf ansprach. Wollte er sie jammern hören? Die Genugtuung würde sie ihm nicht geben.
Er durchbrach ihr Schweigen mit einem Lachen, eine Explosion, die ihr das Adrenalin durch die Adern jagte. »Das ist eine wunderbare Antwort«, sagte er, »anschaulicher geht’s ja wohl nicht.« Dann wurde sein Gesicht ernst. »Es ist kein Land für eine Frau.«
Miriam nickte. Alles, was sie hätte sagen können, wäre nur Wasser auf die Mühlen seiner Kritik gewesen.
»Die hassen Frauen«, sagte er und lehnte sich näher zu ihr hin. »Sie fürchten und sie hassen sie, und wissen Sie, warum? Weil Frauen intelligenter und biologisch besser ausgestattet sind und weil sie schon immer Macht über Männer hatten.« Sie konnte den Wein in seinem Atem riechen, vermischt mit dem frischen, holzigen Geruch seines Aftershaves; es erinnerte sie an ein Schlafzimmer, stehende Luft, den Duft eines Mannes.
»Ein altes islamisches Sprichwort sagt«, fuhr er fort, »dass der Himmel voller Bettler ist und die Hölle bis zum Rand gefüllt mit Frauen.« Sie blickte ihn stirnrunzelnd an. »Und Sie haben das Schlimmste noch vor sich, glauben Sie mir.«
»Wie meinen Sie das?«, fragte sie irritiert.
»Wenn Sie an den Punkt kommen, wo Sie zurück in die Staaten wollen, und es kaum noch abwarten können, dann werden Sie feststellen, dass Ihr Mann sich in das Land verliebt hat. Ich hab das schon zigmal beobachtet. Männer lieben Saudi-Arabien ungefähr so sehr, wie ihre Frauen es hassen. Wenn Sie das Herz Ihres Mannes nicht verlieren wollen, dann erinnern Sie ihn daran, dass fromme Saudis an die ›Pflicht der Trennung‹ von Ungläubigen glauben. Danach ist es ihre Pflicht, Sie auf Abstand zu halten. Saudis glauben, der Umgang mit Ungläubigen – also mit Leuten wie Sie und ich – entferne sie tatsächlich vom Reich des Glaubens. Auch wenn sie zu Ihrem Mann gastfreundlich sind, auch wenn sie ihm Tee und Datteln anbieten, werden sie ihn niemals richtig aufnehmen, nicht in diesem Land. Die Ausländerfeindlichkeit ist hier größer als überall sonst auf der Welt. Im Koran steht: O ihr, die ihr glaubt, schließt keine Freundschaft, außer mit euresgleichen. Sie werden nicht zaudern, euch zu verderben.«
»Ich bin sicher –«, das glaubt nicht jeder, wollte sie sagen, aber er unterbrach sie rasch, als ahnte er, dass sie Einwände erheben wollte.
»Der Koran gilt als das Wort Gottes«, sagte er, »und alles, was darin steht, soll genau der Botschaft entsprechen, die dem Propheten Mohammed gesandt wurde. Haargenau. Obwohl er von zig verschiedenen Leuten niedergeschrieben und aus dem Aramäischen übersetzt wurde. Aber das interessiert kein Schwein. Die sind unwahrscheinlich stolz darauf, dass in ihrem heiligen Buch seit seiner Abfassung noch nicht mal ein diakritisches Zeichen geändert wurde. Wussten Sie das?«
»Äh, ja«, log sie.
»Und da wollen Sie ernsthaft behaupten, die sind nicht rückständig? Wenn ich Ihnen erzählen würde, die Bibel ist das Wort Gottes und sie ist noch heute haargenau so, wie Gott sie haben wollte, und es wurde nicht eine Kleinigkeit daran geändert, würden Sie mir dann glauben?«
Miriam fühlte sich in die Enge getrieben. Sie hatte Angst, ihn zu provozieren, wenn sie etwas sagte, und sie fürchtete weitere unangenehme Unterbrechungen und vielleicht auch Zornesausbrüche, weil sie das Gefühl hatte, das ganze Flugzeug höre ihnen zu, auch wenn keiner in ihre Richtung schaute. Verdrossen dachte sie, dass Apollo Mabus, der sich doch so um die Rechte der Frauen sorgte, sie genauso wirkungsvoll zum Verstummen gebracht hatte wie irgendein verächtlicher Saudi.
Die Wirkung des Weins war durch den Adrenalinstoß abgeklungen, und auch der ebbte jetzt ab. Mabus redete ein wenig ruhiger weiter, aber er schien es nach wie vor als seine heilige Pflicht zu betrachten, ihr klarzumachen, wie ungerecht und rückständig das Land war und wie töricht es von ihr war, das zu ertragen, noch dazu eines Mannes wegen. Sie ließ seine Stimme an sich abperlen. Sie dachte an Eric, an seine verbissene Bewunderung für die saudische Kultur, den Islam, und wie sehr diese Bewunderung in den letzten paar Monaten noch gewachsen war. Als sie nach Saudi-Arabien gekommen war, hatte sie erwartet – halb hoffend, halb bangend –, dass das geballte Erleben des Landes ihn letztendlich abstoßen würde, aber stattdessen war seine Wertschätzung nur noch stärker geworden.
»Ich glaube, Sie irren sich«, fiel sie Mabus schließlich ins Wort.
»Ach ja?« Er sah sie verdutzt an.
Innerlich ging sie in die Defensive, spürte die schreckliche Verunsicherung, die man empfindet, wenn man sich in einer Diskussion aufs Glatteis gewagt hat – erst recht, wenn der Verstand vom Alkohol umnebelt ist und die sinnliche Wahrnehmung von männlichen Hormonen überflutet wird.
»Ja«, sagte sie, noch immer unsicher, wie sie weiter argumentieren sollte, doch dann brach es einfach aus ihr heraus. »Ich bin nicht wegen meines Mannes nach Saudi-Arabien gegangen, sondern meinetwegen. Ich wollte wissen, wie andere Menschen leben. Ich wollte es verstehen.«
»Und was haben Sie verstanden?«
Sie sah ihn an, vielleicht zu eindringlich. »Dass ich Fanatiker hasse.« Sie griff nach ihrem Weinbecher, öffnete abrupt ihren Sicherheitsgurt und stand auf, nicht ohne dabei seinen überraschten Gesichtsausdruck zu registrieren.
Die Stewards waren verschwunden. Es stand niemand im Gang, und die Lichter waren gedimmt worden. Miriam stolperte durch den kleinen Gebetsbereich, der für muslimische Reisende abgetrennt worden war, und schob sich in die Toilette, wo sie mit Mühe die Tür hinter sich schloss.
Sie legte den Riegel vor, setzte sich auf den Klodeckel und vergrub das Gesicht in den Händen. Ihr Brustkorb pochte. Sie rieb sich die Stirn, bis das Schlagen nachließ.
Sei nicht albern! Was ist denn bloß los mit dir? Der Typ ist offensichtlich ein Spinner. Als sie aufblickte, sah sie sich selbst in der Aluminiumtür – gedrungen und fade in einem grauen Rock von Penney’s, der lang genug war, um schicklich zu sein, und jetzt vorne einen leberförmigen Fleck hatte, wo sie sich irgendwie mit Wein bekleckert hatte. In ihrem verzerrten Spiegelbild sah ihr Kopf winzig aus, und die Füße wirkten übergroß. Sie sah so aus, wie sie sich fühlte – hässlich und hilflos.
Rasch stand sie auf, ließ das Waschbecken volllaufen, spritzte sich Wasser ins Gesicht und trocknete es mit einem steifen Papierhandtuch ab. Mr Apollo. Sie wünschte, irgendwer würde ihn zum Mond schießen. Sie starrte ihre Hände an, und sosehr sie es auch versuchte, sie konnte Eric nicht fühlen. Sie konnte sich kaum noch an sein Gesicht erinnern, nur an ganz allgemeine Dinge wie seine Haarfarbe und die Form seiner Schultern.
Der Geruch von Mabus’ Atem umschwebte sie noch immer, nur dass es jetzt der unangenehme Geruch von abgestandenem Wein war. Sie beugte sich über das Becken und spülte sich den Mund aus, wusch sich die Hände, glättete ihr Haar. Sie wusch sich wieder und wieder, weil es sie beruhigte und sie einen Grund brauchte, um noch länger zu bleiben.
Von einem schwarzen Schleier behindert, hielt Miriam ihre Handtasche an die Brust gedrückt und trippelte den schmalen Gang zur Passkontrolle entlang, während Männer in Weiß um sie herumwuselten. Zweimal stolperte sie über den Saum ihres Umhangs, und beim zweiten Mal rempelte sie einen nichtsahnenden Mann an, der daraufhin einen leise zischenden Laut ausstieß. Sie blieb stehen. Sollten sie doch ruhig alle an ihr vorbeihasten. Dann würde sie ihren Schleier lüften und das Gefühl genießen, wieder richtig sehen zu können.
Der Gang wurde still, und sie hob den Schleier. Draußen verblasste der letzte Hauch des Sonnenuntergangs am Himmel. Der monströse Saudia-Jet, der sie von New York hergebracht hatte, schimmerte grün in der Rollfeldbeleuchtung. Er war drei Stockwerke hoch und verspottete die Schwerkraft genauso, wie die Titanic einst die Weiten des Meeres verspottet hatte.
Sie zog ihr Handy aus der Tasche und warf einen Blick aufs Display: kein Anruf von Eric. Hoffentlich bedeutete das, dass er rechtzeitig von der Arbeit losgefahren war und in der Ankunftshalle auf sie wartete.
Sie zog den Neqab herunter und trottete hinter anderen Nachzüglern durch eine Reihe von mit Teppichboden ausgelegten Gängen, bis sie in die riesige, grell ausgeleuchtete Zollabfertigungshalle kamen, wo die Passagiere vor der Passkontrolle Schlange standen wie Waisenkinder in der Suppenküche. Abgesehen von den religiösen Stätten war das hier einer der wenigen Orte, wo Saudis mit ihren ausländischen Arbeitskräften in Berührung kamen – ihren philippinischen Hausmeistern, ägyptischen Taxifahrern und indonesischen Hausmädchen.
Miriam stellte sich an, machte sich auf eine vermutlich endlos lange Wartezeit gefasst und ordnete ihre Kleidung – ein schwarzer Umhang, ein einfaches Kopftuch und ein Neqab, das ihr Gesicht bedeckte. Manche Frauen trugen ihre Schleier und Umhänge mit einer natürlichen Leichtigkeit. Sie schwebten durch die Straßen, rauschten dahin, entspannt im Einklang mit dem Fadenlauf ihres Stoffes. Unter Fremden bewegten sie sich einfach mit Trippelschritten durch die Menge. Sie wussten, dass Männer vor ihnen zurückweichen würden wie Höflinge vor einer nahenden Königin, ehrfürchtig, achtsam, sie nicht zu berühren. Sie konnten mit Röntgenblick durch schwarzen Stoff sehen, sahen die Bordsteinkante rechtzeitig, sahen den jugendlichen Fahrer, der herangerast kam, sahen jeden einzelnen Artikel im Schaufenster eines Geschenkeladens, ohne je ihren Schleier heben zu müssen.
Und dann gibt es Frauen wie mich, dachte Miriam, Frauen, die in ihren Umhängen stecken wie Plastikpuppen in Frischhaltefolie an einem heißen Sommertag. Frauen, die unaufhörlich an sich herumzupfen, stolpern, ihre Schleier auffangen, ehe sie zu Boden rutschen. Ganz zu schweigen davon, dass ihr Neqab keinen Schlitz für die Augen hatte, bloß eine Stelle mit dünnerem Stoff, durch die sie manchmal große Formen ausmachen konnte. Eric hatte ihr mal geraten, sie sollte sich vorstellen, es wäre eine Sonnenbrille. Arschloch.
Unwillkürlich musste sie bei der Erinnerung daran lächeln.
Eine Stunde später legte sie ihren Pass in die Vertiefung unter der kugelsicheren Scheibe und schlug widerwillig ihren Neqab zurück, damit der Beamte ihr Gesicht sehen konnte. Er verglich es ausgiebig mit ihrem Passfoto. So schwierig konnte das gar nicht sein, aber sie fasste sich in Geduld und sagte sich, dass er durchaus das Recht hatte, seine Aufgabe ernst zu nehmen.
»Wo kommen Sie her?«, fragte er und rieb sich mit dem Finger unter der Nase.
»North Carolina.«
»Wann kehren Sie nach Amerika zurück?«
So bald wie möglich. »Juni.«
»Auf Dauer oder vorübergehend?«
»Auf Dauer.« Sie blinzelte. »So Gott will.«
Der Beamte blickte auf. »So Gott will.«
Er blätterte alle vierundzwanzig Seiten ihres Passes durch, dann rieb er sich die Nase und pustete geräuschvoll Luft durch die Nasenlöcher. »Tja, Mrs Walker –«
»Dr. Walker.«
»Mrs Walker.« Er klappte den Pass zu und schob ihn unter der Scheibe durch. »Sie haben keine Arbeitserlaubnis. Es tut mir leid, aber Sie dürfen ohne Ihren Ehemann nicht einrei–«
»Mein Ehemann ist hier. Ich bin sicher, er wartet schon auf der anderen Seite der Absperrung.«
Der Beamte blickte finster auf sie herab. »Und dieser … Ehemann … wo arbeitet er?«
»SynTech Corporation«, sagte sie und spürte, wie der Mann in der Schlange hinter ihr sie anstarrte. »Er heißt Eric Walker. Er ist in –«
»Wer ist sein Bürge?« Der Beamte wandte sich der Tastatur vor seinen Händen zu.
»Sein Bürge heißt Mohammed al-Said.«
Der Beamte tippte etwas und studierte den Computer endlos lange, bis er schließlich die Stirn runzelte. Er bedeutete ihr mit einem knappen Nicken, dass sie durchgehen konnte.
Sie war nicht in der Stimmung, ihm zu danken.
»Ma’am, bitte Sie Ihr Gepäck hier legen.« Der Zollbeamte deutete auf eine spezielle Stelle des Tisches. »Hier«, wiederholte er. Sie kam sich vor wie in einem Vorschulspiel, mit dem ihre Feinmotorik getestet werden sollte. Er konnte höchstens fünfzehn sein. Er hatte noch keinerlei Bartansatz, und seine Augen glänzten jugendlich. Trotzdem hatte er etwas Lächerliches an sich, eine Arroganz, die nicht zu seinem Alter passte. Seine AK-47 baumelte ihm von der Schulter, und er zog sie hoch, wie eine Frau ihre Handtasche zurechtrückt.
Sie wuchtete ihren Koffer auf den Tisch. Der Beamte öffnete ihn und bat sie nach einer gründlichen Durchsuchung, die Bücher herauszunehmen. Miriam stapelte sie auf dem Tisch, aber er fegte sie in einen Plastikbehälter, den er dann wegstieß.
»Das sind bloß Krimis«, murmelte sie. Sie hatte extra keine Bücher eingepackt, auf deren Einband Menschen abgebildet waren, weil das als zu unschicklich galt. Dieselben Bücher hätte sie auch hier auf dem Schwarzmarkt kaufen können, aber sie wollte nicht gegen das Gesetz verstoßen. Sie klappte den Koffer zu und schloss ihn ab.
Es wurde alles durchsucht außer ihrer Handtasche, einem beigen Lederding mit nachgemachtem Gucci-Aufdruck. Eigentlich war es bloß ein Kulturbeutel, der sich als Handtasche ausgab, ein Blickfang für potenzielle Taschengrapscher. Ihr Geld bewahrte sie in ihrem Schuh auf. Während sie durch die Metalltür ging, überlegte sie, warum die Beamten darauf verzichtet hatten, die Tasche zu inspizieren. Vielleicht hatten sie Angst davor, mit Tampons oder Lippenstiften in Berührung zu kommen. Jetzt war sogar auch ihre Tasche sittenwidrig, aber sie hielt sich an ihr fest, ihrer letzten Schutzzone.
Miriam seufzte. Fast geschafft. Sie suchte die Menschenmenge auf der anderen Seite der Absperrung ab, aber von Eric war nichts zu sehen. Als sie Richtung Eingangshalle ging, wurde ihr klar, dass ihr helles Gesicht für alle Männer sichtbar war. Sie blickten ihr nie in die Augen, aber am Rande ihres Gesichtsfeldes konnte sie sehen, dass sie sie anstarrten. Tja, Pech, meine Herren. Mit ihrem Neqab vorm Gesicht würde Eric sie wohl kaum finden können.
Zwischen ihr und den weißen Trennwänden der Zollabfertigung war nur eine einzige andere Gestalt – ein uniformierter Wachmann, der mit flotten Schritten in ihre Richtung ging. Er trug eine Maschinenpistole über der Schulter, und obwohl er den Blick abgewendet hielt, war unverkennbar, dass er auf sie zusteuerte. Sie erstarrte. Von der anderen Seite der Absperrung gafften die Leute. Es schien fast so, als würde der Wachmann an ihr vorbeiwollen, so schnell war er unterwegs, doch stattdessen packte er grob ihren Arm und zerrte sie unaufhaltsam mit. Sie leistete keinen Widerstand, sondern ließ ihren Koffer fallen und hastete neben ihm her, geschockt von dem brutalen Griff, der sie gepackt hielt.
»Wohin bringen Sie mich?«, stammelte Miriam und erhielt prompt eine nonverbale Antwort, als er eine Tür in der Nähe der Passkontrolle aufstieß. Dahinter tat sich ein düsterer, kahler Raum auf. Ein halbes Dutzend Frauen saß auf Metallstühlen, sie sahen aus, als wären sie in der Hitze verwelkt. Der Wachmann stieß sie hinein, sie geriet ins Stolpern und musste sich fluchend an einer Stuhllehne festhalten. Ihr Gepäck kam hinterher und landete hinter ihr dumpf auf dem Steinboden. Eine Sekunde später schloss sich die Tür.
4
Inspektor Osama Ibrahim beugte sich in den Kofferraum seines Wagens und kramte nach seinen Sportschuhen, während er unauffällig dem alten Angler nachschaute. Er war unsicher, ob es ratsam war, den Mann allein nach Hause fahren zu lassen. Er hatte so erschüttert gewirkt – und wer wäre das nicht nach einem derartigen Leichenfund? Aber irgendetwas an dem Alten hatte sein Mitleid geweckt und ihn daran erinnert, wie sein Vater gewesen wäre, wenn er länger gelebt hätte.
Ein grüner Lichtschein, der goldene Schimmer im Inneren der Moschee überall um sie herum. Medina, das Grab des Propheten, Friede sei mit ihm. Plötzlich meinte er, wieder die leise Stimme seines Vaters zu hören: Du darfst es nicht berühren, es ist verboten, das Grab anzubeten, denn so wollte es Mohammed, sallallahu alaihi wa sallam.
Eine Erinnerung an seinen Vater mit einem grauenhaften Mord in Zusammenhang zu bringen, kam ihm frevelhaft vor, und er hätte es gern als die Fehlleistung eines unter Hochdruck arbeitenden Verstandes abgetan, aber dafür kam es zu oft vor. Er war nun seit fünf Jahren für Mordfälle zuständig, und natürlich hatte er Leichen gesehen, aber sein Vater war der einzige Mensch, bei dem er tatsächlich Zeuge des Übergangs vom Leben zum Tod geworden war. Genau genommen kam als Erstes barzakh, der Zustand kalten Schlafes nach dem physischen Tod, noch ehe der Geist vom Körper aufsteigt, die Zeit, in der die Engel Munkar und Nakir die Toten befragen. Natürlich war das Unsinn, aber die Vorstellung gefiel ihm.
Er ging über den Sand und fühlte sich fast nackt ohne Rafiq. Sein Partner war noch immer in Urlaub. Er hätte furchtbar gern Faiza hier gehabt, aber es gab keine Veranlassung, eine Frau mitzunehmen, und es hätte bei den Kollegen nur für hochgezogene Augenbrauen gesorgt.
Der Strand war weiträumig mit Flatterband abgesperrt, und außerdem hatte das Forensikteam eine improvisierte Dienststelle an der Rückseite eines Vans eingerichtet. Männer liefen laut redend zwischen den Streifenwagen und Zivilfahrzeugen umher, die wahllos kreuz und quer auf der Straße parkten. So früh am Nachmittag herrschte hier kaum Verkehr, aber sie hatten die Straße trotzdem blockiert, um Neugierige fernzuhalten.
Der alte Mann, der die Tote gefunden hatte, hatte sie Eva genannt, und jetzt bekam Osama den Namen nicht mehr aus dem Kopf. Die Stelle, wo Eva lag, wirkte seltsam friedlich, obgleich sie von Polizeikräften umringt war. Osama ging behutsam näher. Bitte nicht schon wieder ein Hausmädchen, dachte er. Nur das Gesicht des Spurensicherers verriet, was er empfand: gewaltiges, überströmendes Mitleid, als läge dort seine eigene Schwester. Osama war früher mal stolz auf die Mordrate des Landes gewesen, denn sie zählte zu den weltweit niedrigsten. Er hatte stets geglaubt, die Härte der Strafen hätte die gewünschte abschreckende Wirkung. Aber dann war er zur Mordkommission gekommen.
Die Anzahl der Morde stieg, viele von ihnen waren grässlich, und er hatte mehr und mehr das Gefühl, dass das Land vor die Hunde ging. Letztes Jahr hatte ein Mann seinem einjährigen Neffen im Supermarkt vor den Augen der Mutter und einiger Kunden den Kopf abgehackt. Ihn komplett vom Rumpf getrennt. In der Obst- und Gemüseabteilung. Er hatte Streit mit den Eltern des Jungen gehabt. Sie hatten seinen Zorn erregt, und das war seine Rache.
Osama zwang sich, die Leiche anzusehen. Er hatte kein Rauschen in den Ohren, aber der Anblick war so grausam, dass ihm die Haut prickelte. Hände und Gesicht der Toten waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, vermutlich in heißes Öl getaucht. Die Haut war eitrig, blasig und rot. Im Jahr zuvor hatte die Polizei im Aziziya-Distrikt genau vor dem Amt für Frauenförderung die verbrannte Leiche einer Frau gefunden. Sie steckte in einem ausrangierten Kühlschrank. Er hatte die Leiche nicht gesehen, weil das nicht sein Zuständigkeitsbereich war, aber angeblich qualmte sie noch, als sie gefunden wurde.
Das hier war eine andere Art Grauen. Osama ging vorsichtig neben ihr in die Hocke, sorgsam darauf bedacht, nichts anzufassen. Die Wellen erreichten bereits ihre Füße und hatten die Jeans durchtränkt, die noch immer um ihre Knöchel geschlungen war. Die Sandwälle, die man aufgehäuft hatte, um das Wasser abzuhalten, solange gearbeitet wurde, bewirkten längst nichts mehr. Falls es an ihren Füßen Spuren gegeben hatte, waren sie vermutlich weggespült worden.
Eva lag auf dem Rücken, ein Arm entblößt, die Hand geöffnet wie zu einem flehenden Gebet. Ihr Gesicht war nur noch verstümmelte Haut, aber das Auge war offen, klar und streng. Es schien zu sagen: Ich sehe dich, der du diese Schandtat begangen hast. Selbst im Tode sehe ich dich. Ihr schwarzer Umhang war bis zur Taille hochgeschoben. Ein Ärmel aufgerissen. Und das Tuch, das ihr Haar bedeckt hatte, war um ihren Hals gewickelt. Er stutzte, fragte sich, ob das Tuch nicht vor ihrem Gesicht gewesen war, als es verbrannt wurde. Der Stoff sah unversehrt aus.
»Ablageort«, sagte Ibrahim knapp. Der Rechtsmediziner hatte zwar denselben Namen wie Osamas Vater, doch Osama fiel oft auf, dass es ansonsten kaum Ähnlichkeiten zwischen den beiden Männern gab. Diesem Ibrahim fehlte ein Ohr, er war fleischig, mit rundlichem Gesicht, und er hatte in den Achtzigerjahren als einer von Osama bin Ladens Mudschaheddin in Afghanistan gekämpft. Die Kollegen zollten ihm dafür Respekt, aber er konnte schroff und unhöflich und manchmal regelrecht bedrohlich sein.
»Schon abzuschätzen, wann sie gestorben ist?«, fragte Osama.
Ibrahim warf ihm einen finsteren Blick zu. »Erst, wenn ich sie aufgeschnitten hab.«
»Sind diese Verbrennungen vor Eintritt des Todes …?«
Ibrahim schnaubte. »Ja.« Dann fügte er fast beiläufig hinzu. »Ich hab schon Schlimmeres gesehen.«
Osama wusste, dass alles, was er jetzt erfragte, ohnehin später wahrscheinlich revidiert werden würde. Ibrahim war an Tat- und Fundorten immer angespannt, vor allem, wenn eine Frau das Opfer war.
»Und ich vermute mal, ihre Hände wurden in irgendwas eingetaucht«, sagte Osama. »Heißes Speiseöl vielleicht?«
Ibrahim wandte sich wortlos ab.
Drei Schritte entfernt war eine Fläche mit Fähnchen abgesteckt worden, ein verkohlter, rechteckiger Bereich, umringt von halb verbrannten Holzkohlestückchen. Vielleicht hatte dort jemand ein Picknick gemacht, mit Lagerfeuer. Osama stand auf und ging zu Majdi.
»Was hat die Spurensicherung für mich?«, fragte Osama.
»Bei den Verbrennungen an Gesicht und Händen dachte ich – na ja, da hat schließlich jemand ein Feuer gemacht.« Majdi lag auf den Knien und durchkämmte einen Sandabschnitt mit behandschuhten Händen. Seine Brille war ihm auf der verschwitzten Nase nach unten gerutscht. Er blickte kurz auf, wandte sich dann aber wieder dem Sand zu und suchte weiter, wie ein Kind, das nicht aufhören will zu spielen. »Wir haben den üblichen Strandabfall – Zigaretten, Flaschen, Schaumstoffstücke –, aber ansonsten bislang nichts, ehrlich gesagt.«
»Denken Sie, die Täter haben ein Picknick gemacht?«
Majdi zuckte die Achseln. »Ich kann Ihnen später mehr sagen. Wir wissen ja auch noch nicht, wer die Tote ist. Sie hatte kein Handy dabei, keinen Ausweis, nichts. Vielleicht, aber nur vielleicht, finden wir verwertbare Fingerabdrücke.« Er räusperte sich rau und schüttelte den Kopf.
Osama graute davor, wieder mal die Vermisstenakten durchforsten zu müssen. Fast immer handelte es sich um Frauen – hauptsächlich Hausmädchen –, die ihre Arbeitgeber wegen schlechter Bezahlung verlassen hatten, wegen unwürdiger Arbeitsbedingungen. Die Sklaverei war 1967 im Königreich verboten worden, was aber nichts an der Tatsache änderte, dass sie mancherorts unter dem beschönigenden Namen Haushaltshilfe nach wie vor existierte. Es gab landesweit ungefähr 20 000 weggelaufene Hausmädchen, viele in Dschidda, und nicht mal die Hälfte von ihnen war gemeldet. Aber selbst wenn es nur zwei wären, so wären das noch immer zu viele alleinstehende Frauen, die sich ohne Geld, Nahrung, Unterkunft oder gültige Aufenthaltserlaubnis durchschlugen. Und überhaupt, falls Eva von ihren Arbeitgebern ermordet worden war, würden die sie wohl kaum als vermisst melden. Bitte nicht schon wieder ein Hausmädchen. Rational war ihm klar, dass es nicht schlimmer wäre als jeder andere Mord, aber bei einem Hausmädchen kam noch manch andere Abscheulichkeit hinzu: Das Opfer war weit von seiner Familie und seiner Heimat entfernt, es war in den meisten Fällen körperlich, sexuell oder emotional missbraucht worden und hatte immer unter dem Joch von Fremden gelebt, die sich für überlegen hielten.
»Könnte sie hier an Land gespült worden sein?«, fragte er die beiden Männer.
Majdi schaute rasch zu Ibrahim hinüber, der seinen eigenen düsteren Gedanken nachhing, und schüttelte dann stumm den Kopf in Osamas Richtung. Es war ein offenes Geheimnis unter den Kollegen, dass Majdi ohne Weiteres Ibrahims Arbeit erledigen könnte, vielleicht sogar besser, aber Ibrahim ärgerte es, wenn Majdi in sein Revier eindrang. Wenn er einen guten Tag hatte, ignorierte er es einfach, und anscheinend war heute so ein Tag.
Osama blickte auf Evas Jeans hinunter, die sich sand- und salzverkrustet um ihre Knöchel bauschte. »Irgendwer hat ihr die runtergerissen. Habt ihr Haare oder Fasern daran gefunden?«
»Noch nicht«, sagte Majdi. Er stand mit hochrotem Gesicht auf und wischte sich die Hände ab. »Ich fürchte, das Meerwasser hat alles weggespült, aber das kann ich erst im Labor feststellen.« Er lächelte schwach. »Sie trägt außerdem ein T-Shirt mit Metallica-Aufdruck.«
Osama betrachtete den Leichnam erneut. Das T-Shirt wurde von dem Umhang verdeckt. »Hausmädchen tragen normalerweise keine Metallica-T-Shirts«, sagte er mit einem Anflug von Hoffnung.
5
Nayir wusste, dass er keinen Bissen herunterbekommen würde, aber er bot trotzdem an, das Abendessen zu machen. Sein Onkel Samir sah blass aus, und er hatte das Gefühl, dass der alte Mann Gesellschaft brauchte. Er hatte früher am Tag vom plötzlichen Tod seines Freundes Qadhi erfahren.
»Die verraten einem gar nichts«, sagte er, nachdem er eine halbe Stunde mit der Polizei telefoniert hatte.
Nayir stand an der Küchentheke und zerdrückte mit einer Gabel Auberginen, um eines der zwei Kaltgerichte zuzubereiten, die er kannte. Es schien von Woche zu Woche heißer zu werden, kaum vorstellbar in einer Welt von ohnehin schon ungeheuerlichen Temperaturen. Nayirs ansonsten unverwüstlicher Appetit war zunehmend geschwunden, und inzwischen aß er nur etwas, wenn er sich schwach fühlte und Samir irgendwelche Bemerkungen über sein Aussehen machte.
»Vielleicht erfährst du ja morgen mehr.«
»Mmmmff. Können wir essen?«, fragte Samir ungeduldig.
»Noch nicht, ich muss erst beten.«
»Ach so.« Sein Onkel machte ein langes Gesicht. »Warte doch bis nach dem Essen, ja? Dann ist es sowieso überzeugender.«
»Die Gebetszeit ist jetzt«, sagte Nayir mit Blick auf die Uhr. Er ging aus dem Zimmer, ehe sein Onkel ihm einen weiteren Vortrag über die Gefahren zu großer Frömmigkeit halten konnte.
»Essen sollte für dich wie ein Gebet sein«, sagte Samir ernst, als Nayir endlich an den Tisch kam. »Du brauchst was auf die Rippen.«
Nayir setzte sich. Vor wenigen Monaten wäre er vielleicht noch bereit gewesen, einen kräftigen Appetit vorzutäuschen, um seinen Onkel zu beruhigen. Aber er hatte die Verstellung satt, und außerdem schwitzte er auf dem alten Vinylstuhl wie ein Tier. Er wusste nicht mehr, ob seine Lethargie auf die Hitze zurückzuführen war oder auf ein tieferes Unbehagen, das offenbar immer schlimmer wurde, wie Samir ganz richtig bemerkt hatte.
In der lastenden Stille nahm Samir ein Stück Brot von dem Stapel auf dem Tisch und aß. »Weißt du was?«, sagte er schließlich. »Vielleicht hättest du bessere Chancen als ich, etwas über Qadhis Tod rauszufinden. Du könntest mit jemandem in der Rechtsmedizin sprechen.«
Nayir war sich einigermaßen sicher, dass er sich nichts anmerken ließ, aber die Bemerkung hatte in ihm schlagartig die Erinnerung an Katya geweckt.
»Es ist doch erst einen Tag her«, erwiderte er. »Vielleicht braucht die Polizei noch ein bisschen Zeit für den ganzen Papierkram.«
Samir schnaubte. »Nach dem Tod deiner Eltern haben die sechs Monate gebraucht, um die Ursache für den Unfall zu klären.« Er betrachtete Nayir mitfühlend, da er wusste, wie schwierig dieses Thema immer für ihn war. Nayir wollte ihm sagen, er solle sich keine Gedanken machen. Die Unterhaltung beschwor einen deutlich jüngeren Schmerz herauf.
Er hatte seit acht Monaten nicht mehr mit Katya gesprochen. Sie hatte ihn noch eine Zeit lang etwa einmal die Woche angerufen, aber jede Nachricht, die sie hinterließ, schien ihn nur noch weiter in eine Verbindung zu drängen, die für ihn nicht zu rechtfertigen war – eine Beziehung zu einer Frau, mit der er weder verwandt noch verheiratet war. Die Ermittlungen im Mordfall Nouf ash-Shrawi waren abgeschlossen. Dabei war Katyas Verlobung in die Brüche gegangen. Und wie er aus Erfahrung wusste, stand die Freude, die er empfand, wenn er Katya persönlich sah, in einem furchtbaren Gegensatz zu den Ängsten, die ihn jedes Mal überschwemmten, wenn er mit ihr allein war. Ohne die Zustimmung ihres Vaters konnte Nayir sich nicht weiter mit ihr treffen, und die konnte er sich ein für alle Mal abschminken. Nayir würde niemals zugeben können, dass er und Katya sich allein getroffen hatten, aber es nicht zuzugeben war eine noch schlimmere Lüge. So oder so wäre er in den Augen des Vaters ein Schuft, sollte die Wahrheit herauskommen. Und inzwischen musste sie herausgekommen sein. Ihr Begleiter wusste, dass sie beide sich getroffen hatten. Er hatte es bestimmt ihrem Vater erzählt.
Aufgrund dessen, was zwischen ihm und Katya gewesen war, würde jeder anständige, fürsorgliche Vater Nayir auf der Stelle ablehnen. Das gehörte sich so, dessen war er sich sicher, und er war sich ebenso sicher, dass er die Zurückweisung nicht ertragen könnte. Damit wäre die Trennung endgültig, die sich Nayir in der vagen Hoffnung, dass sie nicht ewig währen würde, selbst auferlegt hatte.
Aber nach einigen Wochen hatte Katya nicht mehr angerufen. Wahrscheinlich war ihr seine Lage klar geworden. Immerhin kannte sie ihn, und vor allen Dingen kannte sie ihren Vater.
Oder vielleicht hatte sie einfach nicht mehr den Wunsch gehabt, ihn zu sehen.
»… fragst du also mal nach?« Samirs Worte rissen Nayir zurück in die Gegenwart.
»Was?«, fragte er leicht bestürzt. »Wo soll ich nachfragen?«
Samir verdrehte die Augen. »Bei der Rechtsmedizin. Ich hab gesagt, ich fände es nett, wenn du dich ein bisschen umhörst. Du kennst doch Leute da.«
»Gar nicht wahr.«
»Willst du mir weismachen, du kannst im Alleingang einen Mord aufklären, aber bist nicht in der Lage, dich mir zuliebe nach einem alten Freund der Familie zu erkundigen?«
Nayir war entgeistert. Er hatte den Mord an Nouf nicht allein aufgeklärt, sondern mit Katyas Hilfe. Und eigentlich hatte er sich zuerst gar nicht auf die Sache einlassen wollen. Er war ein einfacher Wüstenführer und hatte nur ein paar Nachforschungen angestellt, weil sein Freund Othman ihn darum gebeten hatte.
»Das mit den Shrawis«, versuchte er seinem Onkel begreiflich zu machen, »war etwas völlig anderes.«
»Aber es liegt dir am Herzen, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird, das weiß ich. Und wie du bewiesen hast, bist du bereit, dich dafür einzusetzen, sogar dafür zu kämpfen. So was ist wahrhaftig selten. Und jetzt führst du dich auf, als –«
»Das ist nicht selten«, blaffte er mühsam beherrscht. »Es gibt Menschen, die tun das tagtäglich.«
Samir biss würdevoll von seinem Brot ab. Er kaute bedächtig, während er Nayir beobachtete, und sagte dann: »Ich bin sehr stolz auf das, was du getan hast.«
Nayir, der aus einem ganzen Wust von Gründen, über die er lieber nicht nachdachte, kurz davor war, aus der Haut zu fahren, verschlug es prompt die Sprache. So etwas hatte sein Onkel noch nie zu ihm gesagt, zumindest nicht so direkt, und obwohl seine Worte auf wütende Ohren gestoßen waren, minderte das nicht ihre Bedeutung.
Nayir stand abrupt auf, um den Wasserkrug zu füllen, und ließ sich Zeit, ehe er an den Tisch zurückkehrte. Er hatte seinen Teller kaum angerührt, und jetzt sah der Klumpen Essen darauf widerlich aus.
»Also gut, ich tu dir den Gefallen«, sagte Nayir barsch. »Ich werde mal in der Rechtsmedizin nachfragen.«
Samir nickte zufrieden. Nayir fing an, den Tisch abzuräumen, nahm die Teller, auch den von Samir, und spülte sie ab. Er packte die Essensreste ein und stellte sie in den Kühlschrank, ehe sie verdarben. Bei 45 Grad Hitze wäre das schnell geschehen.
»Du wirst immer dünner«, bemerkte Samir arglos hinter ihm. »Ehrlich, du bist bald nicht mehr wiederzuerkennen.«
Nayir antwortete nicht, und das ließ Samir verstummen. Doch kurz darauf begleiteten Nayir diese Worte zur Tür hinaus bis in sein Auto, wo sie ihm unangenehm in den Ohren klangen.
Die Corniche war ungewöhnlich leer. Man sah keine Familien am Strand picknicken oder die lange Promenade entlangschlendern. Es dämmerte zwar schon, aber es war noch immer gefährlich heiß, und die Luft war so dick, dass Nayir sogar das Gefühl hatte, sie würde seinen Jeep bremsen. Es hätte ihn kaum gewundert, wenn er beim Blick aus dem Fenster den Ozean vor Hitze hätte brodeln sehen.
In seinem letzten Telefonat mit Katya hatte sie ihm erzählt, dass sie in ein anderes Ressort versetzt worden war, wo sie einen verantwortungsvolleren Aufgabenbereich haben würde. Sie würde fortan nicht mehr im Keller der Rechtsmedizin arbeiten, sondern in der kriminaltechnischen Abteilung des neuen Polizeigebäudes im Stadtzentrum. Dort war alles neu – die Geräte, die Büros, die gesamte technische Ausrüstung auf dem modernsten Stand. Nayir hatte es auf der Zunge gelegen zu fragen, ob auch die Einstellungen der dortigen Mitarbeiter neu waren, doch stattdessen kam er gleich zur Sache: »Wirst du da auch direkt mit Männern zusammenarbeiten?«
Die Frage wurde mit Schweigen quittiert. »Ja«, sagte sie schließlich. »Ganz bestimmt.« Danach hatte sie unterkühlt geklungen, und der Rest des Gesprächs war hölzern verlaufen. Er hatte ein schlechtes Gewissen, aber es störte ihn wirklich, dass sie mit fremden Männern zusammenarbeitete. Andererseits, was maßte er sich an? Er war nicht ihr Ehemann oder Verlobter.
Seitdem hatte sie nicht mehr angerufen. Er verstand, warum. Sie hatte sich damit abgefunden, dass er konservativ war, dass seine religiösen Überzeugungen ihn daran hinderten, sie so zu behandeln, wie sie behandelt werden wollte. Sie hatte ihn endlich aufgegeben. Zuerst hatte er es einfach hingenommen. Er war mit seinem Boot rausgefahren und hatte sich aufs Deck gelegt, um in den herrlichen Sternenhimmel zu starren. Er hätte Tage so verbringen können, übermannt von einer Trägheit ohne Reue, weit weg von den Menschen und ihren Problemen. Kein Ruf zum Gebet durchbrach seine Gedanken, und er war endlich mal glücklich. Damals hatte er erkannt, dass er die Einsamkeit über alles liebte und er vielleicht gar nicht zu der Sorte Männer gehörte, die heiraten sollten. Doch als er zum Jachthafen zurücksegelte, wusste er, dass ein Leben allein ihn nie zufriedenstellen würde. Und die Worte des Propheten gingen ihm durch den Kopf: Verheiratet die Ledigen unter euch.
Ein Auto scherte vor ihm ein, und er hupte wütend, gab Gas, um ganz dicht aufzufahren. Dann wurde ihm bewusst, was er da tat, und er drosselte sein Tempo. Allah, betete er, führe mich fort von diesem Zorn. Ich weiß nicht, wo er herkommt. Ich weiß nicht, wie ich ihn heilen soll.
Doch eine andere Stimme in seinem Kopf versuchte, sich Gehör zu verschaffen. Sie sagte: Du weißt ganz genau, wie du ihn heilen kannst. Der Zorn ist die Strafe für deine Kälte Katya gegenüber. Du hast ihr genau das Gleiche angetan, was Fatima dir angetan hat!
Das stimmte natürlich nicht. So einfach war die Sache nun doch nicht. Fatima und er waren von einem gemeinsamen Freund mit dem erklärten Ziel einer möglichen Heirat zusammengebracht worden. Dann stellte sich heraus, dass Fatima sich auch von anderen Männern hatte umwerben lassen und ihren zukünftigen Ehemann ausgewählt hatte, ohne Nayir gegenüber je offen zu sein. Aber Katya war anders. Bei ihnen war nie der Gedanke an Heirat aufgekommen; sie hatten gemeinsam ein Verbrechen aufgeklärt. Sie hatten zusammenarbeiten müssen, und die Nähe, die sie empfanden, war aus Unachtsamkeit und ihrer beider Sündhaftigkeit erwachsen.
Aber warum schmerzte die Trennung dann so sehr?
Weil ich eine Ehefrau haben möchte, sagte er sich.
Wie er es auch drehte und wendete, es änderte nichts an der Tatsache, dass das Zusammensein mit Katya ein Zina-Verbrechen war. Der Prophet Mohammed hatte gesagt: Niemand unter euch sollte einer Frau allein begegnen, so sie nicht von einem Verwandten begleitet wird. Klarer konnte ein Verbot ja wohl nicht sein. Und für den Fall, dass doch noch irgendwelche Zweifel blieben, hatte der Prophet außerdem erklärt: Wann immer ein Mann mit einer Frau allein ist, so ist Satan der Dritte im Bunde. Bei diesem Gedanken musste Nayir unwillkürlich an Katyas armen Begleiter Ahmad denken, der auf dem Riesenrad in der Gondel hinter ihnen gesessen hatte, als sie sich im Vergnügungspark zu ihrem einzigen echten Rendezvous getroffen hatten.
Auf seinem Boot angekommen, setzte er einen Topf Wasser auf und merkte dann, dass ihm gar nicht nach heißem Tee zumute war. Er ging ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen, starrte dann aber doch nur dumpf die Wand an. Er hätte Samir nicht sagen sollen, dass er zur Rechtsmedizin gehen würde. Er hätte dort auch einfach nur anrufen können. Es gab keine Not, persönlich dort zu erscheinen.
Die letzten Wochen waren eine einzige ununterbrochene Abfolge von warmen, ruhelosen Nächten gewesen, schwül vor Sehnsucht. Die schlimmsten Qualen kamen, wenn Katya in seine Träume drang. Die Tage waren auch nicht besser, sie zogen sich endlos und leer dahin wie die Wüste. Und keiner wollte in die Wüste. Die Saudis waren vor dem Sommer in Deckung gegangen, hatten sich in ihre klimatisierten Räume geflüchtet, in ihre privaten Swimmingpools und die kühlen Einkaufszentren.
Ehe er ins Bett ging, verrichtete er die Istikhara, eine Reihe von bestimmten Gebeten vor dem Einschlafen, um eine Antwort im Traum zu erhalten. Er hatte das noch nie zuvor versucht, aber Imam Hadi hatte es ihm einmal empfohlen: »Manchmal ist die Suche nach den Antworten, die man benötigt, sehr schwer. Dann will Allah es einem nicht leicht machen.« Die Istikhara war kein von Angst diktiertes Nachtgebet, sondern eine reinigende, bewusstseinserweiternde Methode vor dem Bewusstseinsverlust, durch die man zu ungemein klaren Antworten gelangen konnte. Laut Imam Hadi hatte sie Niels Bohr bei der Entwicklung seines Atommodells und René Descartes bei der Formulierung seiner wissenschaftlichen Methode geholfen. Ein derart leistungsstarkes Werkzeug, so schätzte Nayir, müsste dann doch für die eher bescheidene Frage, ob er am nächsten Tag zum Büro der Rechtsmedizin gehen sollte, erst recht von Nutzen sein.
Kurz vor Tagesanbruch träumte er von einem riesigen Raum voller Süßigkeiten. Er bestaunte Teller mit Baklava, Zuckermandeln und türkischem Lokum. Je länger er sich umschaute, desto mehr entdeckte er: Datteln und Nüsse, in Zucker gewälzt und in Honig getaucht, glasierte Beignets, geduldig aufgereiht, Sorbetts, die niemals schmolzen. Nayir saß völlig ausgehungert auf dem Steinboden und schlang all die Süßigkeiten in sich hinein, während Puderzucker über ihn hinwegwehte wie Schnee. Er aß und aß und aß, bis ihm schlecht wurde, und dann ging er in eine Ecke und erbrach sich.
Man musste nicht so intelligent sein wie Niels Bohr, um die Bedeutung dieses seltsamen Traums zu ergründen: Er war in ernster Gefahr, seinen Gelüsten zu erliegen. Die Antwort war Nein.
6
Miriam saß an die Wand gelehnt auf einer Bank, die Füße hochgezogen, die Arme um die Knie geschlungen. Die Luft im Flughafen war kalt, und jetzt zitterte sie und hatte Angst und hasste sich selbst dafür. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. Eine Stunde, zwei Stunden? Sie hatte zigmal versucht, Eric auf seinem Handy zu erreichen, aber vergeblich. Sie konnte keine Nachbarn oder Freunde anrufen. Eric war der Einzige, der ihr die Erlaubnis verschaffen konnte, ins Land einzureisen.
Die anderen Frauen hatten den Raum mittlerweile verlassen, und danach war nur noch ein Flughafenarbeiter hereingekommen. Er hatte ihr eine Flasche Wasser gebracht und gefragt, ob sie irgendwas brauche. Tampons, hätte sie am liebsten geantwortet. Eine Schweinehälfte und eine Flasche Wein. Aber sie hatte Nein gesagt und erneut die Wände angestarrt.
