Totes Haus - Hans-Jörg Kühne - E-Book

Totes Haus E-Book

Hans-Jörg Kühne

4,6

Beschreibung

Die verwesende Leiche eines ehemaligen Klassenkameraden, von Hauptkommissar Thomas Kuss in einem seltsamen Haus entdeckt, gibt ihm mehr als nur ein Rätsel auf. Warum sind dort alle Fenster zugemauert und die Zimmer nachträglich baulich verändert worden? Nichts deutet zunächst auf eine Gewalttat hin. Und doch führen die Ermittlungen zu ganz absonderlichen Verbrechen, über die sich schon fast der Nebel des Vergessens gelegt hatte. Das tote Haus, in dem immer noch der Leichengeruch alle Sinne stört, wird dennoch zu Hauptkommissar Kuss’ Verbündeten, denn es gibt nach und nach sein düsteres Geheimnis preis.

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Inhalt

Titelseite

Impressum

Widmung

Über den Autor

Süßer Vogel Jugend

Die Zwiebel

Mortui vivos docent

Der Glöckner

Im toten Haus

Das Tagebuch

Samstag

Die Stunden mit Ilanka

Montag

Der Tod am Dienstag

Duell

Jede Hitzewelle hat ein Ende (Mittwoch)

Nachricht aus dem Totenreich

Ein Gespräch

Hans-Jörg Kühne

Totes Haus

Der Roman spielt hauptsächlich in einer allseits bekannten Stadt Westfalens, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de

 

© 2013 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln

www.niemeyer-buch.de

Alle Rechte vorbehalten

eISBN: 978-3-8271-9850-1

EPub Produktion durch ANSENSO Publishing www.ansensopublishing.de

Für Gabi, Claudia und Peter Brötzmann

Über den Autor:

Hans-Jörg Kühne, Dr. phil., lebt, arbeitet und musiziert in Bielefeld. Nach dem Studium der Geschichtswissenschaft, Wirtschaftswissenschaften und Soziologie verfasste er nicht nur zahlreiche Publikationen zur Regionalgeschichte, sondern ist auch als Saxophonist in Deutschland und Europa unterwegs. Zu den neuesten Veröffentlichungen gehören sein Kriminalroman „Der Pfahlmörder“ und Krimi-Storys in diversen Anthologien.

Süßer Vogel Jugend

„This is my church, this is where I heal my hurts. For tonight, God is a DJ“ – DAS Mantra. Faithless. Uralt. Aber genial. Nichts konnte wahrer, richtiger sein, nicht in dieser Nacht. Nichts konnte mehr Geltung und Wahrheit besitzen als diese Worte.

Er wusste nicht mehr, wann er den Laden betreten hatte. Heute, gestern, vorgestern? Egal. Vollkommen egal, scheißegal. Er tanzte. Lange. Stunde um Stunde. Er sang laut mit: „Smack my bitch up . . .“ Auch ’n geniales Stück, immer wieder gut. Zeitlos. Der DJ spielt irgend’ne extended Version. Oder hat sich selbst was zusammengebastelt. Gut, der Mann.

Jetzt hatte er die Bässe völlig rausgenommen, der Rhythmus war fast weg. Nur noch das schnelle, zischelnde Geräusch einer Hi-Hat. Der DJ ließ die Leute hängen, gnadenlos. Das waren seine Spielchen, die er heute Nacht trieb. Hatte irgend’n Filter reingedreht. Kam einem vor, als höre man die Musik unter Wasser. Als habe man Wasser im Ohr. In beiden Ohren. Als wäre man irgendwie krank. Hörsturz, oder so.

Die Leute wollten weitertanzen. Gierig. Schrien den DJ an. Der grinste nur. Die Musik wurde ganz leise, immer leiser. Die Leute wurden fast wahnsinnig. Alles hielt inne. Sie hofften, sie wussten, dass es gleich weitergehen würde.

„Gib mir den Bass“, schrie er, „ich will den Bass zurück!“

Die Musik wurde wieder lauter, langsam, aber stetig, lauter, lauter, noch lauter. Grelle, schrille Höhen, blecherne Sounds, kaum auszuhalten, klingt wie Musik durch ’n Telefonhörer. Schrecklich, macht mich irre . . . Wo ist der Bass?

Es dauert. Die Leute tanzen weiter. Als hätten sie sich an eine Musik ohne Bass gewöhnt. Geht doch auch so. Aber sie sind voller Erwartung. Gleich, gleich, ja . . . gleich . . .

Er hält es nicht mehr aus. Und dann, plötzlich, schlagartig, sind die Bässe wieder da. Gewaltiger, lauter, als sie je ein Mensch auf dieser Erde gehört hat. Sie fegen ihn weg, nageln ihn an die gegenüberliegende Wand. „Wir brauchen Bass, Bass, wir brauchen Bass - was geht’n, Alter? Bass, Bass, wir brauchen Bass – seid ihr down? . . . türlich, türlich, sicher Digga, türlich, türlich, alles klar!“

Die Tanzenden kreischen, jubeln dem DJ zu. Der kann’s.

Er tanzt weiter, immer weiter.

„Wippe mit dem Beat und beweg deinen Arsch, wenn das Deichkind am Mike ist, Bon Voyage, bitte gib uns mehr von dem heißen Scheiß, denn wir kriegen nicht genug von diesem Deichkind-Style . . .“

Im Bereich der Nieren hat er ein seltsames Gefühl. Hat fast etwas von den Gliederschmerzen bei Fieber, bei Grippe. Aber viel angenehmer. Das Gefühl treibt ihn an. Große Wärme durchströmt ihn. Eine perfekte Nacht, DIE perfekte Nacht. Sie soll nie aufhören . . . wird nie aufhören.

Er schaut hoch. Die Stahlträger der Halle sind elastisch geworden, sie bewegen sich, verwandeln sich, werden zu riesigen Bestien, zu Drachen, schnappen nach ihm. Er muss kämpfen, greift zum Schwert. Sie spucken Feuer. Er weicht aus, geschickt, rasend schnell. Er ist ein Könner. Kämpft auf Leben und Tod mit den Viechern. Eines hat er erledigt, hat ihm den Kopf abgeschlagen. Es liegt blutend am Boden. Dann jedoch, ein unachtsamer Moment und der zweite Drache schnappt nach ihm, schlägt ihm die Zähne in den Leib, die feurigen Zähne. Es brennt mörderisch. Er verbrennt. Er ist tot.

Das Telefon klingelt. Hauptkommissar Thomas Kuss wacht auf, weiß für einen kurzen Moment nicht, wo oder was er ist. Dann kommt er zu sich und hat das Gefühl, er habe lediglich zehn Minuten geschlafen. Er macht Licht an, schaut auf seinen Wecker. Es ist sechs Uhr morgens. Durch die Ritzen des Rollos scheint die Sonne. Er hat geschlafen wie ein Stein, traumlos.

Auf dem Display des Handys, das auf seinem Nachttisch liegt, leuchtet die Rufnummer der Bereitschaft. Kuss meldet sich.

„Moin, Thomas“, sagt sein Kollege Stephan Osterhaus, „ich weiß, es ist Samstagmorgen und eigentlich Wochenende. Die Toten nehmen mal wieder keine Rücksicht darauf. Lass dich mal im Sam’s in der Mauerstraße sehen. Da gibts den nächsten Toten.“

Kuss braucht noch einen Moment, um munter zu werden.

„Auch wieder einer der Gäste?“, fragt er.

„So ist es, mein Lieber“, sagt Osterhaus. „Der Dritte in zwei Wochen, den es beim Tanzen dahingerafft hat.“

„Und dieses Mal im Sam’s? Dem guten, alten Sam’s?“, fragt Kuss. „Das gibts noch? Da bin ich doch früher immer hingegangen.“

„Du?“, fragt Osterhaus. „Muss aber verdammt lang her sein.“

„Nicht länger als bei dir, Herr Kollege“, sagt Kuss. „Weißt du Näheres? Name, Alter?“

Stephan Osterhaus weiß nichts Näheres.

Kuss macht sich fertig, zieht sich an, wäscht sich, isst eine Kleinigkeit, putzt sich die Zähne und ruft ein Taxi. Dabei denkt er darüber nach, dass Mord, Totschlag, Suizid und andere Katastrophen immer zu den seltsamsten Tages- und Nachtzeiten stattfinden. Auch die Leichen werden in aller Regel außerhalb der Bürokernzeiten von neun Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags entdeckt. Die Täter und die Toten halten sich meist noch nicht einmal an die Gleitzeit von acht bis achtzehn Uhr. Wenn sie denn überhaupt geruhen, unter der Woche in Erscheinung zu treten. Kuss denkt zurück. Die von ihm aufgeklärten Morde haben meist an Wochenenden und an Feiertagen stattgefunden. Wenn man den Beruf bei der Kripo wählt, muss man wissen, dass er schlecht fürs Familienleben ist. Thomas Kuss kennt einige Kollegen, die das aber partout nicht wahrhaben wollen und Realitätsverweigerung betreiben. Sie kombinieren ihre Kurzurlaube weiterhin munter mit den sogenannten Brückentagen, bestehen eisern auf ihren Bürozeiten bei Tageslicht und sind bei Notfällen nur schwer erreichbar, weil sie irgendwo an der Nordsee rumhängen. Kuss hasst solche Leute. Es sind Menschen, die nicht für den Job brennen. Warum machen sie ihn dann bloß?

Vorm Sam’s stehen zwei Streifenwagen. Eine Traube von Menschen ist zu sehen. Kuss lässt das Taxi halten, zahlt, steigt aus und wird von den Leuten angestarrt, als sei er der Heilsbringer, der nun alles richten würde. Bei den Leuten handelt es sich um die typischen Partypeople, die die ganze Nacht durchgehalten haben, bis jetzt. Einige Männer sind stark alkoholisiert, reden lautes und dummes Zeug. Das geht Kuss mächtig auf den Wecker. Am liebsten würde er solchen Typen eins auf die Fresse hauen, weil das, so glaubt Kuss, die einzige Sprache ist, die sie verstehen. Aber Kuss ist Polizeibeamter, der deeskalierend arbeiten und wirken soll. Was hat er sich als Streifenpolizist für Beleidigungen von Menschen, auf die er deeskalierend wirken sollte, anhören müssen! Na, zum Glück sind diese Zeiten vorbei. Kuss stellt fest, dass seine Laune nicht die allerbeste ist. Wie auch, nach nur vier Stunden Schlaf?

Er begrüßt die Kollegen der Streife. Von der Kripo ist, außer ihm, noch niemand da.

„Wo liegt denn der Kunde?“, fragt Kuss.

„Kommen Sie bitte mit“, sagt ein junger Streifenpolizist. „Ich führe Sie hinein.“

Thomas Kuss betritt seit vielen Jahren zum ersten Mal wieder das Sam’s. Der Laden ist ein Phänomen. Während alle anderen Clubs und Discotheken in den letzten Jahrzehnten ihre Türen für immer dicht machten und woanders ganz neue Tanztempel eröffneten, blieb das Sam’s bis heute immer am selben Ort, ohne größere bauliche Veränderungen und unter demselben Namen. Im Innern steht die Theke noch dort, wo sie vor langer Zeit bei Kuss’ letztem Besuch stand. Inzwischen hat man ihr eine andere Farbe verpasst, sie strahlt jetzt ganz in weiß, aber das ist auch schon alles. Sein letztes Bier im Sam’s bestellte Kuss damals, wie alle anderen Biere zuvor, bei Jochen, dem selbst ernannten Star unter den hiesigen Zapfern. Jochen war ein echtes Original. Wenn er ,im Dienst‘ war, trug er immer einen riesigen Zylinder, um dessen Schaft er, kurz über der Krempe, eine große, altmodische Motorrad-Schutzbrille gespannt hatte. Man ging an die Theke und rief: „Jochen, ein Bier!“ Das riefen meist zehn Leute gleichzeitig. Jochen schaute dann hoch, zeigte mit dem Zeigefinger kurz auf jeden, um klarzumachen, dass er verstanden hatte, wer genau das Bier wollte, und zapfte in atemberaubendem Tempo weiter. Zwanzig Sekunden später stand die Bestellung vor einem, in einem rasend schnell und deshalb schlecht gespülten Glas. Die Schaumkrone war labberig, wässrig, flüssig. Schlecht gezapft. Aber das war egal. Man war sowieso meist blau, wenn man gegen ein Uhr nachts im Sam’s auftauchte.

Vor zwei Jahren stand es in der Zeitung: Jochen war viel zu früh gestorben. Die Insider wussten, dass er an einem mächtigen Leberschaden zugrunde gegangen war.

Das Sam’s war auf Black Music spezialisiert. Thomas Kuss hat hier in den Achtzigern zahllose Nächte durchgetanzt. Kommt ihm vor, als sei es gestern gewesen. Um fünf oder sechs Uhr morgens gings dann noch ins Rolandseck, zu Muttis Bierstuben oder ins Kulmbacher am Kesselbrink zum Runterkommen. Heute heißt das „Chillen“. Ist aber im Grunde dasselbe.

Der Tote liegt mitten auf der Tanzfläche. Er ist so modisch angezogen, dass Kuss den Eindruck hat, es handele sich um eine Schaufensterpuppe von Hennes & Mauritz. Er ist schlank, trägt Sneakers an den Füßen, eine enge braune Hose, weißes ausgeschnittenes T-Shirt, darüber ein blaues Hemd, offen und über dem Gürtel. Sein Alter schätzt Kuss auf etwa 25 Jahre. Wie das der meisten Gäste, die vor der Tür lärmen.

„Was hat sich zugetragen?“, will Kuss wissen.

Ein junger Mann tritt zu Kuss und dem Streifenbeamten.

„Hallo, mein Name ist Dennis. Ich bin hier der Zapfer. Ich habe beobachtet, was sich hier abgespielt hat.“

„Dennis?“, fragt Kuss barsch. „Haben Sie auch einen Nachnamen oder heißen Sie nur Dennis?“

„Ach so, ja, ähem, der Hausname. Ja, also, ich heiße Dennis Schwarze. Aber alle nennen mich nur Dennis.“

Kuss verdreht die Augen. „Sie sind der Zapfer? Haben Sie Jochen noch kennengelernt?“

„Jochen?“, fragt Dennis Schwarze. „Nee, ich kenne keinen Jochen.“

„Der hat hier auch mal gezapft . . . Ach, ist ja auch egal“, sagt Kuss. Dann fällt ihm ein, dass von den jungen Leuten heute keiner mehr Jochen heißt. Ein Name, der völlig aus der Mode gekommen ist. Die Jungs, die in den 50er-Jahren geboren wurden, hießen alle Jochen, Günther, Hermann, Herbert, Joachim, Uwe, Klaus, Volker, Manfred, Wolfgang, Michael, Dirk oder Gerd. Roland gabs auch.

„Also, Dennis, was haben Sie gesehen?“, fragt Kuss.

„Ja“, sagt Dennis, „das war vor etwa einer Stunde. So gegen halb sechs. Da haben wir hier immer Hochbetrieb. Dann kommen meist noch viele Gäste aus anderen Clubs zu uns rüber. Ich schaue kurz von meiner Arbeit hoch und sehe einen der Tänzer, also den jetzt Toten, wie er tierisch abgeht. Tanzt wie ein Verrückter. Das ist im Prinzip nichts völlig Ungewöhnliches in einem Laden, in dem man tanzen soll. Aber, was der da vollführte, das ging so nicht. Der schlug fast um sich, behinderte die übrigen Gäste. Einige beschwerten sich auch schon bei mir. Ich hab dann unserem Türsteher Bescheid gesagt. Das ist der Herr hinter Ihnen, Miefi.“

Kuss dreht sich um. Hinter ihm steht ein typisches Produkt der zahlreichen Fitnessstudios in der Stadt. Miefi ist so breit wie hoch, ein Meter achtzig zum Quadrat, trägt Glatze, schwarze Klamotten und sieht hinterhältig aus. Das liegt daran, dass seine Augenlider auf Halbmast stehen. Er hat das, was der Volksmund früher einen „Schlafzimmerblick“ nannte.

„Okay, Sie sind also Miefi“, sagt Kuss, „und weiter?“

„Gerry Miefke“, sagt das Quadrat weder freundlich noch unfreundlich.

„Also, Sie wurden von Dennis gerufen und haben dann was gemacht?“, will Kuss wissen.

„Ich hab den Vogel da rausgezogen und ihn darauf hingewiesen, dass er den anderen Gästen auf den Wecker geht. Und dass, wenn er nicht rausfliegen will, er sich ’n bisschen besser benehmen müsse.“

„Und?“

„Das hat er eingesehen. War ’n ganz umgänglicher Typ. Der suchte keinen Streit. Aber er hatte sich natürlich was eingepfiffen. Irgend’n Schnellmacher“, sagt Miefi. „Ich bin danach wieder nach vorn, zur Tür. Denn da war gerade richtig Sportfest.“

„Sportfest?“, fragt Kuss.

„Na ja, gab ’n bisschen Ärger mit ein paar Kollegen vom Hannoveraner Chapter an der Tür.“

„Was für ’n Chapter?“, will Kuss wissen, obwohl er ahnt, um was es sich handelt.

„Na, vom Luzifer’s Mob“, sagt Miefi. „Ich bin da Mitglied – zum Glück! Sonst hätten die Kleinholz aus dem Laden hier gemacht. So war es nur ein bisschen Qualm. Die Jungs sind dann abgezogen. Ins Sam’s soll ja keiner mit Kutte rein.“

„Warum nicht?“, fragt Kuss.

Dennis mischt sich ein: „Anweisung vom Chef. Der will nicht, dass das hier ’ne Bikerbude wird.“

„Okay, weiter im Text“, sagt Kuss und wendet sich an Dennis. „Was passierte dann?“

„Erst hielt der Gast sich an die Anweisungen von Miefi“, sagt Dennis. „Dann aber, ganz plötzlich, tanzte der nicht mehr, sondern vollführte ganz seltsame, ausladende Bewegungen. Schlug wild um sich, sprang hoch, drehte sich – vollkommen irre – um die eigene Achse und fiel dann hin, auf die Tanzfläche. Blieb regungslos liegen.“

„Und, was haben Sie dann getan?“, will Kuss wissen.

„Ich gab dem DJ ein Signal, dass er die Musik stoppen sollte. Dann lief ich zur Tanzfläche. Die Gäste waren sauer, weil ich das Licht angemacht hatte, und weil wir sie dann rausgeschmissen haben. Hab ich heute zum ersten Mal erlebt, sowas. Also, dass die auch noch weitergetanzt haben, obwohl ein Toter zu ihren Füßen lag.“

„Na, dann haben Sie ja heute richtig was fürs Leben gelernt“, sagt Kuss.

„Wie bitte?“, fragt Dennis verwirrt.

„Na, ich meine, wie die Menschen so sind. Dass die sich manchmal ’n Dreck darum scheren, was um sie herum vorgeht. Hauptsache, sie haben ihren Spaß.“

„Ach so, verstehe, ja, ja“, sagt Dennis.

„Also, Sie sind zu dem Typen hin, der hier auf dem Boden liegt“, sagt Kuss. „Wie weiter?“

„Ich hab versucht, Erste Hilfe zu leisten“, sagt Dennis, „obwohl ich mich an die Maßnahmen aus dem Kurs für den Führerschein kaum noch erinnere. Miefi hat einen Rettungswagen gerufen. Die waren nach ein paar Minuten da. Der Notarzt hat nur noch den Tod festgestellt. Dann sind die wieder abgezogen. Tote dürften sie nicht transportieren, hieß es. Und dann traf die Polizei ein. Na, und jetzt Sie.“

Kuss geht neben dem Toten auf die Knie, streift sich seine weißen Chirurgenhandschuhe über und durchsucht dessen Taschen. Er findet nur eine zerknautschte Geldbörse mit etwa achtzig Euro darin. Dann noch einen Studentenausweis und eine EC-Karte, die auf den Namen Felix Wintrup ausgestellt sind.

Andi, der Polizeifotograf, ist eingetroffen. Er grüßt kurz und verschlafen und macht sich dann an die Arbeit. Dann taucht Mirco Haase von der Spurensicherung auf. Im Schlepptau hat er Dr. Heinrich Skrzybinski, Gerichtsmediziner, Pathologe und alter Kumpel von Thomas Kuss. Die drei machen sich jetzt an der Leiche und um sie herum zu schaffen.

„Meine Güte“, sagt Skrzybinski, „die jungen Leute sterben wie die Fliegen. Das ist schon unser dritter Toter.“

„Ich weiß, Heinrich, ich weiß“, sagt Kuss, „und ich wette darauf, dass wieder irgendein Aufputschzeugs mit im Spiel war. Der Bericht vom Zapfer lässt zumindest darauf schließen.“

Heinrich Skrzybinski sieht sich die Leiche an, prüft, tastet, schaut in die leblosen Augen, riecht.

„Der hat sich totgetanzt“, sagt er dann. „Herzversagen, so wie’s aussieht. Werde ’ne Obduktion machen. Mit Sicherheit ist wieder irgend ’ne Droge mit im Spiel. Wie bei den anderen Toten.“

„Na, sag ich doch“, muffelt Kuss.

Er denkt darüber nach, die Partypeople vor der Tür zu interviewen. Ob irgendwer irgendwas gesehen, gehört hat. Als er vor die Tür tritt, haben die sich aber alle schon verzogen. Auch egal. Erfahrungsgemäß kriegt man aus den Leuten ohnehin so gut wie gar nichts heraus. So ist es zumindest bei den beiden anderen Fällen gewesen. Vor genau zwei Wochen haben sie in einer Brackweder und dann, ein paar Tage später, in einer Gütersloher Discothek jeweils einen Toten abgeholt. Von den Gästen wollte niemand mit denen je etwas zu tun gehabt haben.

In beiden Leichen hat Skrzybinski extrem kleine Mengen sehr giftiger Substanzen gefunden, die möglicherweise Bestandteile einer neuen Designerdroge waren. In den einschlägigen Dealerkreisen wusste man von nichts. Eine neue Droge sei angeblich nicht im Angebot.

Später, im Präsidium, sucht Thomas Kuss nach den Meldeunterlagen von Felix Wintrup. Er stammte aus Minden, 24 Jahre alt, war Student der Betriebswirtschaftslehre an der hiesigen Universität und wohnte in einem Bielefelder Studentenwohnheim.

Die Angehörigen sind zu benachrichtigen. Das würde ein schwerer Gang werden. Aber es gehört zum Job. Thomas Kuss muss da durch.

Kuss erhebt sich, geht auf die Toilette. Es ist halb zehn Uhr morgens, samstags, im Polizeipräsidium und es ist nichts los. Die Gänge sind menschenleer. Auf der Toilette betrachtet Kuss sich im Spiegel,sucht nach den verräterischen Spuren des Älterwerdens. Mit seinem Spiegelbild ist er im Grunde zufrieden. Obwohl, seinen Bierkonsum sieht man ihm an. Er hat, alles in allem, deutlich mehr drauf als früher. Wirkt fast schon etwas dicklich. Aber nur fast. Die dunklen Haare werden zusehends weniger, die Falten im Gesicht halten sich in Grenzen. Kuss prüft seinen Bizeps, spannt an. Okay, geht auch noch. War natürlich schon mal ausgeprägter, härter. Seine Größe wird wohl vorerst so bleiben, wie sie ist. Sie liegt irgendwo bei ein Meter achtzig. Das ist in Ordnung so. Im Alter wächst man dann ja in die Erde, wie es heißt.

Im Büro hat sich mittlerweile Kuss’ Assistent Oberkommissar Oliver Kirchner eingefunden. Die Chefs haben die beiden vor drei Jahren in ein gemeinsames Büro gesteckt und damit zur Zusammenarbeit geradezu gezwungen. Obwohl Kuss Einzelgänger ist, läuft es mit Kirchner mittlerweile recht gut. Anfangs hat es allerdings riesige Probleme gegeben, an denen in erster Linie Kuss die Schuld trug. Er wollte sich einfach nicht mit einem direkten Mitarbeiter befassen müssen, der mit seinen 35 Jahren auch noch sehr viel jünger ist als er selbst.

„Morgen, Thomas“, sagt Kirchner, als Kuss den Raum betritt. „Wir müssen los. Gerade hat die Bereitschaft angerufen. Noch ein Toter. Aber kein Discobesucher. Die Leiche liegt in einem Haus in der Schlesischen Straße. Die Trachtengruppe ist schon da. Von Nachbarn gerufen worden. Die Kollegen haben die Tür öffnen lassen und eine Leiche gefunden, die schon ein paar Tage dort liegt. Ich hab die Spurensicherung schon hingeschickt. Und natürlich Andi.“

„Ist ja nicht zu fassen“, sagt Kuss. „Erst passiert monatelang gar nix und jetzt haben wir einen Toten nach dem andern.“

Die Zwiebel

Es ist ein mörderisch heißer Sommer. Als Kuss aus dem klimagekühlten Polizeipräsidium ins Freie tritt, trifft ihn die Hitze wie ein Hammer. Oliver Kirchner scheint nichts zu bemerken. Der ist in dieser Hinsicht härter im Nehmen.

Wenig später sitzen die beiden im großen, schwarzen Dienst-VW. Oliver Kirchner hat Blaulicht und Martinshorn eingeschaltet. Er brettert wie ein Wahnsinniger durch den Verkehr.

„Immer schön ruhig bleiben, alter Junge“, sagt Kuss zu ihm. „Wir haben’s im Prinzip eigentlich gar nicht so eilig. Unser Kunde ist definitiv schon tot. Da können wir gar nicht zu spät kommen.“

Kirchner hört nicht richtig zu, da er sich voll undganz auf den Verkehr konzentriert. Äußerlich erkennbar ist dieser Zustand an seiner Zungenspitze, die im rechten Mundwinkel zwischen den Lippen hervorlugt, und an der vorgebeugten Sitzposition.

Rasch sind sie im Osten der Stadt, im Stadtteil Stieghorst.

Ein Haus sieht hier wie das andere aus, in dieser blitzsauberen, baumlosen Gegend mit ihren abgezirkelten Vorgärten, die vollkommen schutzlos der brutalen Sonne ausgesetzt sind. Thomas Kuss läuft es trotz der Hitze kalt über den Rücken. Die Straße erinnert ihn an jene, in der er seine Kindheit verlebte. Daran hat er nicht viele gute Erinnerungen. Das waren schlimme Zeiten. Das Sagen hatten damals jene Männer, die mit ihren unbehandelten Stalingrad-Traumata das Wirtschaftswunder ermöglichten. Hart, ordnungsliebend, spießig bis über die Schmerzgrenze hinaus.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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