Totes Meer - Brian Keene - E-Book

Totes Meer E-Book

Brian Keene

4,5
7,99 €

oder
Beschreibung

Nervenzerreißend und ohne Atempause

Dies ist der Untergang der Welt, und er beginnt in der New Yorker Kanalisation: Ein Killervirus breitet sich rasend schnell aus und rafft Tiere wie Menschen dahin – nur um sie anschließend als bösartige Zombies wiederauferstehen zu lassen. Lamar Reed, einer der wenigen Lebenden, kann sich mit einem Boot aufs Meer retten, in Sicherheit, wie er glaubt. Ein tödlicher Irrtum ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 445

Bewertungen
4,5 (58 Bewertungen)
39
7
12
0
0



Inhaltsverzeichnis
Das Buch
Der Auto
Widmung
ANMERKUNG DES AUTORS
Inschrift
EINS
ZWEI
Copyright
Das Buch
Die Menschheit steht am Abgrund: Ein tückischer Virus, zunächst nur übertragen von Ratten, verwandelt die Menschen in lebende Tote, die nur ein Ziel kennen: frisches Menschenfleisch. Wer von diesen Zombies gebissen wird oder mit ihren Körpersekreten in Berührung kommt, mutiert ebenfalls innerhalb kürzester Zeit zu einem hungrigen Monster.
Auch die Stadt Baltimore gleicht einem Schlachtfeld: Supermärkte werden geplündert, Häuser niedergebrannt, Leichen liegen auf der Straße, der Verwesungsgestank hängt über der ganzen Stadt. Der Fabrikarbeiter Lamar, der vor Kurzem seinen Job verloren hat, und ein kleines Häuflein Überlebender machen sich auf den Weg zur Küste, in der Hoffnung, auf dem offenen Meer in Sicherheit zu sein. Doch schon bald müssen Lamar und seine Freunde feststellen, dass die tödliche Gefahr auch im Ozean lauert...
Der Auto
Brian Keene, geboren 1967, hat bereits zahlreiche Horrorromane veröffentlicht und dafür zweimal den begehrten Bram Stoker Award gewonnen. Zurzeit sind zwei Verfilmungen seiner Romane in Arbeit, außerdem werden für mehrere seiner Bücher und Kurzgeschichten Videospiel- und Comicbuchfassungen entwickelt. Er lebt mit seiner Frau und seinem Hund in Pennsylvania. Weitere Informationen unter: www.briankeene.com
Für die Peace Dogs From Hell:
Lee D. Miller, Dan Blumenthal, Greg Ward, Andy MacFarland, Lou Buige, George Vogel, J. P. Woods, Brian J. O’Brien und Jav Sharpes.
»Keine Norfallos... F.T.N.!«
ANMERKUNG DES AUTORS
Obwohl Baltimore, Virginia Beach und der Atlantische Ozean real existierende Orte sind, habe ich mir mit ihnen gewisse fiktionale Freiheiten genommen. Falls ihr dort lebt, sucht nicht nach eurer Lieblingsstrandbar oder einem sicheren Hafen. Die Flut steigt, und euch wird nicht gefallen, was sie mit sich bringt...
»Die Ernte ist vergangen, der Sommer ist dahin, und uns ist keine Hilfe gekommen.«
Jeremiah Kap. 8, Vers 20
EINS
Ich erschoss die Schlampe erst, als sie anfing, Alans Gesicht zu fressen. Bevor diese ganze Sache anfing, hatte ich noch nie in meinem Leben auf jemanden geschossen. Nicht ein einziges Mal. Bis vor ein paar Wochen, als Hamelns Rache losbrach, hatte ich niemals eine Waffe in der Hand gehabt. Verdammt, ich hatte auch Frauen niemals als Schlampen bezeichnet. Doch sie war eine. Und ich hatte die Pistole in der Hand.
Und ich erschoss sie.
Stichwort »Hev Joe« von Jimi Hendrix.
Diese Sache... diese Pest - sie veränderte die Menschen. Nicht nur die toten. Sie veränderte eden. Veränderte mich. Ich bin jetzt ein anderer Mensch. Folgendes... man weiß nie, wozu man fähig ist, bis man sich in einer unmöglichen Situation wiederfindet, also: Sag niemals nie. Der Überlebensinstinkt ist ein echtes Arschloch, und wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, verändert sich alles. Alles. Ich weiß es. Bei mir war es so. Für mich hat sich alles verändert.
Mein Name ist Lamar Reed, und dies ist das Ende der Welt.
Es fing mit den Ratten an. Vor ungefähr einem Monat brachen sie aus der Kanalisation hervor. Na ja, hervorbrechen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Es klingt nach Tempo, und die Ratten waren alles andere als schnell. Der erste Angriff fand in New York City statt, während der abendlichen Stoßzeit. Malt es euch aus. Überfüllte Bürgersteige, Menschenmassen, die hektisch versuchen, ihre U-Bahnen, Züge und Busse zu erwischen, die Straßen völlig verstopft, Taxis, die sich durch den Verkehr schlängeln, Hupkonzerte, Kanaldeckel, die klappern, wenn Lastwagen darüber fahren. Und dann krochen, mitten in diesem Chaos, langsam die Ratten aus dem Gully in der Einunddreißigsten Straße und griffen die Menschen an - kletterten an Beinen hoch, gruben ihre scharfen kleinen Krallen in Bäuche, versenkten ihre gelben Nagezähne in Wangen und Oberschenkel und Hälse, überall, wo sie einen weichen Happen finden konnten. Die Ratten fraßen.
Und die Ratten waren tot. Das sollte ich erwähnen. Als wäre es nicht schon schräg genug, dass Ratten massenweise Passanten angriffen. Es waren tote Ratten - mit heraushängenden Gedärmen, abfaulenden Pfoten und Schwänzen und großen, wuchernden, von Maden wuselnden Wunden. Verwesendes Fleisch unterwegs.
Oh, zunächst wussten wir das nicht. Ich erinnere mich noch, wie ich es an diesem Abend in den Nachrichten sah. Ich saß auf meiner Couch in East Baltimore, aß Mortadella direkt aus der Packung und ignorierte den Stapel mit den unbezahlten Rechnungen. Schaute die Nachrichten und fragte mich, wann die Kabelgesellschaft mir wegen Zahlungsverzug den Saft abdrehen würde. Fragte mich, wo zur Hölle der Scheck mit meinem Arbeitslosengeld blieb. Die Postbotin hatte ihn noch nicht gebracht, und langsam wurde es eng. Vor ein paar Wochen hatte ich ein bisschen Geld auftreiben können, aber das ging alles für die Hypothek drauf. Es war, als würde man einen Finger in den Damm stecken, während sich gleichzeitig ein Dutzend weiterer Lecks auftat.
Die Nachrichten erregten meine Aufmerksamkeit, weil es einfach so absurd war. Ratten, die Fußgänger angreifen? Abgefahrener Scheiß. Aber als die ersten Berichte durchsickerten, dass es sich um tote Ratten handelte - nicht tot wie vom wütenden Börsenmakler totgetrampelt, sondern tot wie untot? Jenseits von abgefahren. Die Leute spotteten, die Experten im Fernsehen diskutierten und die Behörden verweigerten jeden Kommentar. Die Nachrichtensender brachten Livereportagen. MSNBC nannte es schlicht Aufruhr. CNN spekulierte über mögliche Terrorangriffe. Ich weiß nicht, wie es auf Fox News genannt wurde, weil niemand, den ich kenne, Fox News schaut. Nur eines schien klar zu sein: Niemand wusste, was zur Hölle eigentlich los war. Die Krankenhäuser von New York füllten sich mit verletzten Passanten. Die meisten von ihnen hatten Bisswunden, andere waren in dem Chaos verletzt worden, das im Anschluss ausgebrochen war - niedergetrampelt von flüchtenden Menschen. Ein paar hatten stressbedingte Herzinfarkte erlitten. Die Gebissenen wurden schwer krank. Dann starben sie. Dann kehrten sie zurück. Genau wie die Ratten.
Sie waren tot, aber sie kehrten zurück.
Die Medien nannten es Hamelns Rache. Der Name kam ihnen quasi sofort. Hamelns Rache: die Rückkehr der Ratten, die der Rattenfänger hatte beseitigen sollen. Aber am Ende dieser alten Geschichte, als der Bürgermeister sich weigerte, ihn zu bezahlen, kam Hameln - beziehungsweise der Rattenfänger - mit einem anderen Plan um die Ecke. So drehten sie es edenfalls hin. Anscheinend machte sich niemand die Mühe, den Medien zu sagen, dass Hameln der Name der Stadt war, nicht der des Rattenfängers. Aber das spielte keine Rolle. In ihrer Version war Hamelns Rache die Rache des Rattenfängers. Er nahm alle Kinder und brachte die Ratten zurück ins Dorf. Jetzt war das Märchen wahr geworden. Die Ratten kehrten tatsächlich zurück. Und die Hölle folgte ihnen auf dem Fuße. Wie in der Bibel oder dem Lied. Die Hölle.
Bis Mitternacht verwandelten sich die Krankenhäuser von New York City in Schlachthöfe. Wie gesagt, die Infizierten starben und kehrten zurück. Und zwar hungrig. Zombies. Der Pressesprecher des Weißen Hauses ließ das Wort sogar während einer Pressekonferenz fallen. Bis dahin nannten die Medien die Angreifer noch Kannibalen. Doch nachdem die Regierung es bestätigt hatte, war Zombie das Schlüsselwort. Sie griffen die Lebenden an, ebenso wie die Ratten es getan hatten. Sie bissen und kratzten und fraßen, stopften sich mit dem Fleisch der Lebenden voll. Die Opfer, die entkommen konnten, erkrankten wenige Stunden später an Hamelns Rache, ebenso wie ihre Angreifer. Dann starben sie und kehrten zurück. Und diejenigen, die in Stücke gerissen wurden, die (zum größten Teil) in den Bäuchen der Zombies endeten? Was von ihnen übrig blieb, kam ebenfalls zurück. Sie brauchten keine Arme, Beine oder inneren Organe. Solange noch eine Verbindung zum Gehirn bestand, etwas, womit die motorischen Funktionen und Impulse gesteuert werden konnten, kehrten die Überreste zurück. Nachdem CNN einen Beitrag über eine armlose Leiche gezeigt hatte, die durch die Straßen wanderte und ihre Gedärme wie einen Hund an der Leine hinter sich herzog, verließ die Nachrichtensprecherin ihr Pult. Man konnte hören, wie sie hinter der Kamera weinte und irgendein Produzent oder Techniker sie anflehte, wieder auf Sendung zu gehen. Was sie nie wieder tat.
Das Chaos breitete sich durch die fünf Stadtbezirke aus. Bei Sonnenaufgang riegelte die Nationalgarde New York City ab und stellte alles unter Quarantäne. Sie blockierten die Brücken und Tunnel und ließen die Menschen einfach sterben. Ein paar Soldaten feuerten sogar auf Zivilisten, als diese versuchten zu fliehen. Schossen sie im Licht des frühen Morgens nieder. Die Medien versicherten uns, das geschehe zum Wohl des Landes. New York war nun kontaminiertes Gebiet. Niemand konnte rein oder raus. Doch Hamelns Rache gelang die Flucht. Hamelns Rache sprach ein deutliches »Leckt mich« in Richtung der Barrikaden und bewaffneten Wachen und Quarantäneschilder. Die Seuche breitete sich aus wie ein Waldbrand in Kalifornien. In Newark, Delaware traten Fälle auf, dann in Trenton, New Jersey. Dann ging es weiter nach Philadelphia. Bis zum nächsten Abend war sie hier in Baltimore angekommen. Es wurde bundesweit das Kriegsrecht ausgerufen und die Armee mobilisiert. Das war, als sprühe man ein Schwein mit Parfüm ein. Die Truppen waren zwar gut darin, Zombies zu töten, aber sie konnten keine Seuche erschießen. Ein einziger Biss eines infizierten Mauls genügte. Und weniger. Ein Spritzer Blut aus einer Schusswunde. Mit Eiter aus einer offenen Wunde bekleckert zu werden, wenn ein Zombie angriff. Man musste es nur einatmen oder verschlucken, auf die Lippen oder in die Augen bekommen, und das war’s. Auf Wiedersehen. Man wurde krank. Man starb. Man kehrte zurück. Leute, die an einem Herzinfarkt, Krebs, Stichwunden oder einem Autounfall starben - die blieben tot. Aber jeder, der mit den Zombies in direkten Kontakt kam - jeder, der irgendwie infiziert wurde - schloss sich den Reihen der lebenden Toten an.
Und diese Reihen wuchsen rasant. Erst die Ratten. Dann die Menschen. In der zweiten Woche sprang die Seuche auch auf Hunde und Katzen über. Und andere Tiere. Im Fernsehen berichteten sie, dass bei den Amish in Lancaster, Pennsylvania eine Kuh einen Bauern angriff. Das klingt irgendwie lustig, bis man zu lange darüber nachdenkt. Dann rührt es einem das Hirn um. Zombie-Vieh... diesmal frisst der Hamburger dich - in den Hauptrollen Lou Diamond Phillips und Mr. T. Klingt wie ein sehr schlechter SF-Fernsehfilm.
In den Hollywood Hills wurden eine Mutter und ihr Baby von einem Rudel toter Kojoten in Stücke gerissen. Grauenvoll. In Montana machte sich eine Herde Zombie-Ziegen über die Landarbeiter her. Auf einer Autobahn in Ohio wütete ein untoter Bär. Wenigstens übertrug sich die Seuche nicht auf die Vögel. Wäre das passiert, tja... jahrelang hatten wir uns über die Vogelgrippe den Kopf zerbrochen. Der Gedanke, dass Hamelns Rache auch durch Vögel übertragen werden könnte, war furchterregend, denn Vögel sind einfach überall. Egal, wohin man geht, dort sind Vögel. Es gibt keinen Ort, an den man sich flüchten könnte, wo die Vögel einen nicht finden. Die Vögel steckten sich nicht an, soweit wir das überblicken konnten, aber viele andere Tiere eben schon. Nicht alle von ihnen, aber genug. Schafe bekamen es, Schweine nicht. Pferde waren immun, Rinder nicht. Affen - Tod gleich Zombie. Rehe - altmodisches Sterben.
Und natürlich gab es auch einige Arten, die anfangs immun zu sein schienen, später aber anfällig wurden. Eichhörnchen schienen zunächst nicht betroffen zu sein, was irgendwie seltsam war, weil sie doch eigentlich nur Ratten mit plüschigen Schwänzen sind. Aber später infizierten sie sich auch. Da sie ständig auf andere Arten übersprang, gab es keinen Weg, die Seuche aufzuhalten. Es geschah sehr schnell. Amerika fiel. Südamerika. Kanada. Dann schaffte es Hamelns Rache nach Übersee und infizierte Europa, Asien und dann den afrikanischen Kontinent. Dann reiste sie weiter nach Australien. Das Letzte, was ich sah, bevor endgültig der Strom ausfiel, waren verschneite Aufnahmen von einer Million Zombie-Ratten, die über eine Million Menschen herfielen. In Mumbai, Indien.
Plötzlich musste ich mir keine Gedanken mehr darüber machen, ob meine Rechnungen bezahlt waren oder die Cops herausfinden könnten, dass ich es gewesen war, der während dieser Probefahrt die Ford-Filiale ausgeraubt hatte. Ich musste nicht darüber nachdenken, ob ich den Mumm hätte, so was nochmal zu machen. Ich musste mich auf Wichtigeres konzentrieren, zum Beispiel, zu überleben und nicht von meinen Nachbarn gefressen oder von irgendeinem dämlichen Idioten erschossen zu werden.
Denn es waren ja nicht nur die Zombies, vor denen man sich in Acht nehmen musste. Wäre es so gewesen, und hätten der Präsident, die Homeland Security, die Seuchenschutzbehörde und der Rest unserer Regierung schnell genug gehandelt, wäre das alles vielleicht nicht passiert. Aber das haben sie nicht. Genau wie bei Pearl Harbor, 9/11, Hurricane Katrina und den ganzen anderen nationalen Katastrophen. Wenn sie mit einer unvorstellbaren Krise konfrontiert wurde, versagte die Regierung, anstatt effizient und rechtzeitig zu reagieren. Vielleicht konnten sie es nicht. Ich meine, vielleicht gibt es im Handbuch der Katastrophenschutzbehörde kein Kapitel darüber, was zu tun ist, wenn Tote anfangen herumzulaufen und Menschen zu fressen. Das ist nichts, wofür die Regierung Pläne entwickelt. Es ist ein unvorstellbares Szenario.
Doch es war nicht Vorstellung oder Einbildung. Es war Wirklichkeit.
In den folgenden Wochen entwickelten sich noch andere Gefahren als die Zombies. Plünderer und bewaffnete Banden zogen durch die Straßen. Durchgedrehte Cops und Typen von der Nationalgarde erschossen wahllos Tote und Lebende. Amerika kehrte zu den guten alten Tagen des Wilden Westens zurück. Dinge wie Schuld und Unschuld spielten keine Rolle mehr. Das einzige Recht, das noch zählte, war das Recht der Waffe. Sie evakuierten Washington, D.C. und schickten den Präsidenten, sein Kabinett und all die wichtigen Schnösel, die im Kongress und im Senat arbeiteten, in gesicherte, unterirdische Bunker in Virginia, Maryland und Pennsylvania. Angeblich sollten sie von dort aus das Land regieren können. Konnten sie nicht. Alles ging in die Brüche.
Unsere Städte und Kleinstädte erinnerten nun an Somalia oder Beirut. Okay, wenn ich ehrlich sein soll, war meine Gegend auch schon vor Hamelns Rache so gewesen. Der einzige Unterschied bestand darin, dass jetzt auch der Rest des Landes eine Ahnung davon bekam, was es bedeutete, im Ghetto zu leben. Anstelle von Drogengangs und durchgeknallten Freaks auf Crystal Meth oder Crack gab es jetzt die Bürgerwehr und die Zombies. Kein großer Unterschied, und in beiden Fällen kamen nie Cops, wenn man sie rief.
Ich erinnere mich noch an eine Pressekonferenz mit dem Außenminister. Er schwitzte wie ein Schwein. Wirkte nervös. Er versicherte den Reportern, dass es Präsident Tyler, dem Vizepräsidenten und den Kabinettsmitgliedern gutginge - und dass die Krise vorübergehen würde. Bald wären die Dinge wieder unter Kontrolle und die Gesellschaft könne zur Normalität zurückkehren. Bis dahin würde als vorsorgliche Maßnahme das Kriegsrecht in Kraft bleiben.
Nur, dass niemand die Schüsse zählte. Am Drücker war immer der mit der dicksten Knarre, und das änderte sich von einem Moment auf den anderen. Den Leuten ging es nicht darum, die Seuche zu heilen oder ihre Ausbreitung zu verhindern. Es ging ihnen nur darum, nicht von einem Zombie gefressen zu werden. Andauernd hatten sie sich Gedanken um ihre Karrieren gemacht, um ihre Häuser, ihre Lieblingsfernsehshows und darüber, was ihr favorisiertes Hollywoodstarlet angestellt hatte. Jetzt machten sie sich nur noch Gedanken ums Überleben. Und das Schlimmste war, dass die Leute, wenn man sie gefragt hätte, wahrscheinlich nicht einmal hätten sagen können, warum sie überhaupt so verzweifelt darum kämpften. Spielte es noch eine Rolle? Welchen Sinn hatte es? Es gab inzwischen mehr Zombies als Lebende. Warum nicht einfach aufgeben oder sich eine Kugel verpassen? Wie ich schon sagte, der Überlebensinstinkt ist ein Arschloch. Man tut, was man tun muss, selbst wenn man nicht weiß, warum.
Einige Leute hatten natürlich höhere Ziele. Wenn auf den Straßen das Blut fließt, gibt es Geld zu verdienen. Im Ghetto ist das ewiggültiges Gesetz, und der Rest der Welt lernte es schnell. Aktien, Anleihen und der ganze Mist - wertlos. Hartes, kaltes Bargeld war die Devise, und Wucherpreise wurden alltäglich. Zwanzig Dollar für einen Liter Benzin oder eine Flasche Wasser. Und als das Bargeld nicht einmal mehr das Papier wert war, auf dem es gedruckt war, übernahm der Tauschhandel. Deine Frau - oder deine Tochter - im Austausch gegen das, was du zum Überleben brauchtest.
Der Wahnsinn ging weiter. Es wurde gesetzlich festgelegt, dass Tote verbrannt werden mussten, aber es gab nicht genug Brandplätze oder Krematorien. Laut den letzten Nachrichten, die ich sah, hatte in Pennsylvania ein Offizier der Nationalgarde den Tod einiger Zivilisten durch den Flammenwerfer angeordnet. Sie wurden der Plünderei bezichtigt. In Miami nahmen Zombies den Flughafen ein. Ein bekannter Fernsehprediger beging Selbstmord, da er glaubte, dass die biblische Entrückung der Auserwählten stattgefunden und er sie verpasst habe. In einem Nuklearreaktor in China kam es zur Kernschmelze. Chicago und Phoenix standen in Flammen. Das Militär zog sich schließlich aus New York City zurück, nachdem es die Kontrolle verloren und seine Niederlage eingestanden hatte.
Jeden Tag starben mehr Menschen. Dann kehrten sie zurück. Und jeden Tag wurden wir weniger. Es war ein grausamer, grausamer Sommer.
Ich blieb zu Hause. Hatte keine Familie. Meine Mama war vor Jahren gestorben. Brustkrebs. Unsere Krankenversicherung war das Letzte. Aber es gab sowieso nicht viel, was sie tun konnten. Während einer Routineuntersuchung wurde ein Knoten entdeckt. Drei Monate später war sie tot. Meinen alten Herrn habe ich nie gekannt. Habe immer nur gehört, dass er nichts taugte. Mehr wusste ich nicht von ihm. »Mama, erzähl mir was über meinen Dad.«
»Er taugte nichts.« Ich hatte einen Bruder, Marcus, der in Kalifornien lebte. Hatte ihn seit Jahren nicht gesehen, und als die Telefonverbindungen zusammenbrachen, konnte ich ihn nicht mehr erreichen. Ich hatte schon lange keine ernsthafte Beziehung mehr gehabt - nicht mehr, seit mein letzter Partner, Louis, nach New Orleans gezogen war. Es gab niemanden, um den ich mir Sorgen machen musste. Also versteckte ich mich. In meinem Heim war ich sicher, und es gab keinen Grund, es zu verlassen.
Das größte Problem, mit dem ich mich auseinandersetzen musste, war, die Zeit totzuschlagen. Den ganzen Tag und die ganze Nacht im Haus eingesperrt, ohne Fernsehen oder X-Box oder ähnlichen Scheiß. Ich musste etwas finden, womit ich mich beschäftigen konnte, sonst würde ich depressiv werden und anfangen, darüber nachzudenken, ob ich nicht rausgehen, den nächsten Zombie suchen und ihn einen Happen nehmen lassen sollte. Die Einsamkeit war das Schlimmste, und deswegen war ich wirklich froh, als ich herausfand, dass Alan noch lebte und er sich mir anschloss (auch wenn er ein hoffnungsloser Hetero war). Alan war mein Nachbar. Netter Kerl. Er hatte auch in der Fabrik gearbeitet und war zur selben Zeit gefeuert worden wie ich. Alan ging zu einer Zeitarbeitsfirma. Machte Gelegenheitsjobs wie Verkehrsregelung und das Beladen von Lkws. An manchen Tagen hatten sie Arbeit für ihn. An anderen nicht. Er kam gerade so über die Runden. Aber er hatte nie aufgegeben. Er war ein witziger, fröhlicher Mensch. Nachdem er eingezogen war (sein Haus war weniger sicher), verschwand meine Einsamkeit.
Doch irgendwann schwanden durch den zusätzlichen Esser die Vorräte schneller, als ich erwartet hatte. Ohne Strom waren die Lebensmittel im Kühlschrank verdorben, und die Küche stank wie die Zombies. Ich hatte immer noch jede Menge Bier, Dosenfutter und Trockennahrung. Und viel Wasser. Wir pinkelten in leere Bierflaschen, damit das Wasser in der Toilette sauber blieb. Ich dachte mir, dass wir, falls nötig, aus der Schüssel trinken konnten.
Als uns das Essen ausging, mussten wir raus. Da beteiligte ich mich auch an der Plünderung. Ich weiß, was ihr denkt. Schwarzer, Ende zwanzig... natürlich hat er den Supermarkt geplündert. Leckt mich. So war ich nicht. Ich hatte eine harte Kindheit. Wuchs in einem alten Reihenhaus mitten in Druid Hill Park auf. Eine verdammte Müllhalde. In die Risse in den Wänden stopften wir alte Lappen, und im Winter hatten wir Plastikfolie über den Fenstern, um die Kälte abzuhalten. Die einzigen Haustiere meiner Kindheit waren die Kakerlaken. Die Gegend war völlig heruntergekommen - Müll auf den Bürgersteigen und totes Gras und Glasscherben auf leeren Grundstücken. Ich musste mit ansehen, wie meine Freunde auf offener Straße niedergeschossen wurden. Sah ihr getrocknetes Blut auf dem Bürgersteig. Sah, wie die Cops und die Priester resigniert mit den Schultern zuckten. Es kümmerte sie nicht. Und auch niemanden sonst. Die Leute kümmerten sich höchstens mal darum, wenn gerade Wahljahr war - oder wenn jemand getötet wurde, der weiß und wichtig war. Ich verbrachte meine Kindheit im Dreck. Jedes Mal, wenn ich zum Spielen nach draußen ging, trat ich auf Crackröhrchen. Überall um mich herum gab es Drogen. Und Verbrechen. Es war eine Art Lebensstil. Aber auf diesen Scheiß ließ ich mich nicht ein. Ich lebte mein Leben anders. Blieb auf der Schule. Hatte einen Job. Nahm nie Drogen. Trank nie. Raubte nie jemanden aus. Wie schon gesagt, bis zu der Nummer bei dem Autohändler hatte ich noch nie eine Waffe in der Hand gehabt. Und auf diesen Vorfall bin ich nicht gerade stolz. Aber schiebt euch eure stereotypen Vorurteile in den Arsch. Ich habe eine Ausbildung. Kein College, aber ich habe die High School abgeschlossen. Nicht dieser Mist von wegen zweiter Bildungsweg. Ich bin wirklich in die Schule gegangen und habe meinen Abschluss auf altmodische Weise gemacht. Ich habe viel gelesen und Discovery Channel geschaut. Ich habe nicht geredet wie ein Proll. Hatte kein Bedürfnis, irgendeinem Rapper nachzueifern. Habe die Zähne zusammengebissen, wenn irgendein wohlmeinender weißer Bekannter sich auf irgendeiner Party an mich wandte, wenn das Gespräch sich um Basketball, Wiedergutmachung für ehemalige Sklaven oder den Präsidentschaftswahlkampf von Colin Powell drehte. Oder um Hip-Hop. Ich habe mich nicht mit Goldketten behängt. Ich respektierte Frauen. Habe sie nie als Huren betrachtet. Hing nicht vor dem Spirituosenladen rum. Hielt P. Diddy für einen Idioten. Geh wählen oder stirb? Vergiss es, du blöder, eingebildeter, scheinheiliger Arsch. Bei Jesse Jackson und Al Sharpton ging es mir genauso. Die sollten nachvollziehen können, was ich durchgemacht hatte? Oh, bitte. Keiner von ihnen konnte für mich sprechen. Ich verspürte keinerlei Drang, sie zu respektieren, nur weil wir die gleiche Hautfarbe hatten. Kein Goldschmuck. Keine Hosen, die mir um die verdammten Knöchel schlabberten. Ich weigerte mich, einer von den Medien beeinflussten Kultur Macht darüber einzuräumen, wie ich mich anzog, redete, ging, dachte oder mich benahm.
Erzählt mir bloß nichts von Gleichberechtigung. Ich habe beide Seiten erlebt. Den leisen, fast entschuldigenden Rassismus des weißen Amerika und die offensichtlichere Ablehnung durch meine eigene Rasse, einfach, weil ich mich weigerte, dem zu entsprechen, was sie durch Konditionierung für das hielten, was einen Afroamerikaner ausmachte. Meinesgleichen dachten, mit mir stimme etwas nicht, nur weil ich mich weigerte, mich wie ein Gangster aufzuführen.
Und selbst an guten Tagen, wenn ich jedes einzelne Klischee niedergerungen hatte, mit dem man sich als Schwarzer rumschlagen muss - selbst dann begegnete man mir mit einem ganzen Packen weiterer Vorurteile aufgrund meiner sexuellen Orientierung.
Ihr denkt, es sei hart, schwarz zu sein? Versucht es doch mal als schwarzer Schwuler.
Und dann noch Hamelns Rache...
Das größte Vorurteil überhaupt betraf meinen festen Job. Die Leute erwarteten entweder, dass ich Drogen verkaufte, von der Wohlfahrt lebte oder ein tuntiger Friseur sei. Ich weiß nicht, warum. Nichts an mir ist besonders gangsterhaft oder feminin. Vielleicht hatten sie zu oft New Jack City oder Will & Grace gesehen. Ich hatte einen guten Job am Fließband im Fordwerk in White Marsh, und an dem hielt ich fest. Das Problem war nur, dass er nicht an mir festhielt. So kam es, dass ich mit einer Pistole im Hosenbund zu der Ford-Filiale ging. Und bis Hamelns Rache kam, lebte ich mit der Schuld dessen, was ich dort getan hatte.
Genau daran dachte ich, als Alan und ich den Supermarkt plünderten. Wir tauchten mitten in der Nacht auf dem Parkplatz auf und trafen ein Dutzend anderer, gut bewaffneter Leute, die denselben Plan hatten. Also schnappten wir uns zwei Einkaufswagen und machten mit, bevor die Regale völlig ausgeräumt waren. Die Cops waren gerade nicht in der Gegend, ebenso wenig wie die Zombies. Die anderen Plünderer ignorierten uns, zu sehr damit beschäftigt, für sich selbst zu sorgen. Vier von ihnen standen in einer Gruppe zusammen. Die anderen schienen Einzelgänger zu sein.
Die Fleischwarenabteilung und die Gänge mit dem Obst und Gemüse mieften wie ein offener Gully. Der Gestank von fauligem Grünzeug und verdorbenem Fleisch hing in der Luft. Ich hörte ein lautes Summen und entdeckte, dass die Fleischtheke von fetten, schwerfälligen Fliegen bedeckt war. Tausende winziger weißer Würmer bohrten sich durch ranzige Steaks, Hamburger und Schweinekoteletts. Ich weiß noch, dass ich mich bei ihrem Anblick gefragt habe, ob Hamelns Rache sich auch auf Insekten übertragen konnte - Moskitos, Zecken und andere Blutsauger. Hoffentlich nicht. Wenn es sich auf die oder auf die Vögel ausbreiten würde, wären wir wirklich am Arsch.
Andererseits waren wir sowieso schon ziemlich am Arsch.
Obst und Gemüse waren mit Flaum und Schleim und noch mehr Fliegen überzogen. Wir hielten den Atem an, als wir durch diesen Gang gingen, und noch einmal, als wir an den Milchprodukten vorbeikamen. An den aufgeplatzten Milchtüten hing dicker, grünblauer Schimmel, der Gestank war überwältigend. Auf dem Boden saß ein fetter Mann in einem dreckigen T-Shirt mit dem Rücken an einer Kühltheke und aß mit einem Löffel die verdorbene Milch. Er löffelte sie wie Hüttenkäse aus dem Karton.
»Hey«, sagte Alan, »davon werden Sie krank, Mann. Das Zeug wird Sie umbringen.«
Der Mann lächelte traurig. »Das hoffe ich. Ich bin zu feige, um mich zu erschießen oder von einem dieser Dinger beißen zu lassen.«
»Selbstmord?« Ich runzelte die Stirn. »Warum überhaupt sterben?«
Der Mann schob sich einen weiteren Löffel Schleim in den Mund. Er tropfte sein Kinn herab, als er antwortete: »Versteht ihr nicht? Wir haben zwei Optionen. Wir können uns ihnen anschließen, oder wir können ihnen als Nahrung dienen. So oder so, wir sind tot.«
Eine Träne rollte über seine Wange. Ohne etwas zu erwidern, gingen wir weiter.
»Er hat aufgegeben«, meinte Alan, als wir außer Hörweite waren.
»Scheiß drauf«, erwiderte ich. »Ich werde kämpfen.«
»Fragst du dich manchmal, warum?«
»Warum was?«
»Warum wir darum kämpfen, zu überleben? Warum wir in deinem Haus hocken und dabei fast verrückt werden? Ich meine, was ist die Alternative? Der ganze Mist wird nicht besser werden. Nur schlimmer. Warum sich also abmühen?«
Ich hatte darauf keine Antwort.
Alan und ich füllten unsere Wagen mit Mineralwasser, Obst, Gemüse und Fleisch in Dosen, Trockenzeug wie Müsli und Haferflocken, Batterien, Aspirin, Wasserstoffperoxyd, antibakterieller Salbe, Verbandszeug, Vitamintabletten, Feuerzeugen, Streichhölzern und anderen Sachen, die wir brauchten. Er griff nach ein paar Propangaszylindern für meinen Grill, doch ich ließ sie ihn zurücklegen. Selbst wenn wir frisches Fleisch oder Gemüse zum Grillen gehabt hätten, würden die Kochgerüche Raubtiere anlocken - lebende und andere.
Als er nach einer Schachtel mit Müsliriegeln griff, landete eine Fliege auf Alans Unterarm. Er stieß einen angewiderten leisen Schrei aus und schlug nach ihr. Als er die Hand wegzog, war das zerquetschte Insekt über seinen halben Arm verschmiert. Er schüttelte es ab und wischte sich den Arm am Hemd ab. Ich fragte mich, ob er sich wegen der Viecher dieselbe Frage gestellt hatte wie ich.
»Fertig, Lamar?« Er schob seinen Wagen weiter.
»Ja«, erwiderte ich. »Lass uns nach Hause gehen.«
»Nach Hause?« Er schnaubte. »Ist es das inzwischen noch?«
Ich antwortete nicht.
Wir hatten genug Proviant in unseren zwei Wagen, um einen Monat damit auszukommen. Vielleicht länger, wenn wir rationierten. Mein Plan war, zurückzugehen, uns im Haus zu verbarrikadieren und abzuwarten, was passieren würde. Auf dem Weg zum Ausgang nahm ich noch einen Karton warmes Bier mit. Wir gingen an den Kassen vorbei. Es war ein komisches Gefühl, nicht zu bezahlen. Dann verschwanden wir so schnell wie möglich. Unsere Mit-Plünderer stritten sich zwar nicht, aber eine unterschwellige Angst lag in der Luft. Es fühlte sich an, als könnte der ganze Laden jeden Moment in die Luft fliegen.
Oder als könnten die Zombies auftauchen.
Wir waren auf dem Rückweg, als es passierte. Die Straßen waren wie leergefegt, bis auf ein paar verlassene Autos. Die meisten von ihnen waren entweder kaputt oder zerschossen. Ein paar waren angezündet worden. Das feuchte Pflaster glänzte. Früher am Tag hatte es geregnet. Ohne Strom gab es keine Straßenlaternen, die uns den Weg gewiesen hätten, aber es war Vollmond. Der gedämpfte Schein hatte etwas Beruhigendes. Unter unseren Füßen knirschten Glasscherben. Ein Rad an Alans Einkaufswagen quietschte. Irgendwo bellte ein Hund. In der Ferne fiel ein Schuss, das Echo wurde von den Gebäuden zurückgeworfen. Über uns zog ein Flugzeug vorbei, seine blauen Lichter blinkten in der Dunkelheit. Ich fragte mich, wer an Bord war und wohin sie flogen. Der Wind drehte und brachte den Geruch von Verwesung. Es war Ende August und der Sommer würde bald vorbei sein, aber die Tage waren immer noch mörderisch heiß und die Nächte gerade mal erträglich. Die Hitze verschlimmerte den Gestank der Toten, aber das war gut. Man konnte riechen, dass sie kamen, bevor man sie sah. Wir beschleunigten unsere Schritte.
Auf der Straße lag eine untote Katze und zuckte, unfähig, sich zu bewegen. Ihr Rückgrat war gebrochen, auf ihrem aufgeplatzten Bauch war eine frische Reifenspur zu erkennen. Auf dem Bürgersteig hatte sich etwas, das einmal eine tote Krähe gewesen sein könnte, in einen Fleischbatzen verwandelt. Mit gerümpfter Nase manövrierte Alan seinen Wagen um die Schweinerei herum. Ich sah auf die Würmer, die sich in den Überresten des Vogels wanden, und fragte mich wieder, ob sie wohl tot oder lebendig waren.
Die kurze Brise ließ nach, und die Hitze kehrte zurück - zusammen mit dem Gestank. Wir blieben wachsam, schauten immer wieder über die Schulter. Ein Rad an meinem Einkaufswagen stellte sich wiederholt quer und machte es anstrengend, die ganze Ladung zu schieben. Jedes Mal, wenn ich auf einen Stein oder eine Glasscherbe traf, musste ich dem Wagen einen harten Stoß versetzen. Als wir eine Stelle erreichten, an der der Bürgersteig aufgesprungen und holprig war, schob ich meinen Wagen auf die Straße. Kurz darauf kamen wir an einem Abfluss im Rinnstein vorbei, und ich bemerkte einen abgetrennten Kopf, der genau über dem Gitter am Bordstein lag. Unter dem Kinn hingen noch ein paar Fleischfetzen, aber das war alles. Wasser lief an dem Kopf vorbei und versickerte im Abfluss. Als wir hinsahen, kroch eine schwarze Zunge wie eine Schnecke aus seinem Mund. Die blauen Augen rollten nach oben und beobachteten, wie wir vorbeigingen.
»Sollen wir ihn töten?«, fragte Alan.
»Er ist bereits tot.«
»Du weißt, was ich meine.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Warum die Mühe? Er kann niemanden verletzen. Es ist nur ein Kopf.«
»Verdammt unheimlich.«
»Schon.«
»Was meinst du, wie lange kann er so überleben?«
»Bis er verwest ist, schätze ich. Er hat keinen Magen oder so was. Aber sieh ihn dir an. Ich wette, wenn wir ihm unseren Finger hinhalten, würde er nach uns schnappen. Was auch immer diese Seuche mit ihnen macht, diese Dinger handeln rein instinktiv. Ungefähr wie ein Hai. Ein Hai macht nichts anderes als schwimmen und fressen. Alles, was diese Dinger machen, ist laufen und fressen. Er kann nicht mehr laufen. Aber er ist immer noch hungrig. Ich wette, er wird so lange hungrig bleiben, bis sich sein Gehirn auflöst.«
Alan starrte den Kopf an. »Ich frage mich, ob sie denken können.«
Ich antwortete nicht, da ich es nicht wusste. Alan zog den Fuß zurück und trat nach dem Kopf wie nach einem Fußball. Er segelte in die Nacht davon. Es gab ein feuchtes Platschen, als er auf der Motorhaube eines verlassenen Autos aufschlug.
»Tor.« Alan grinste. »Ich sollte für die Ravens spielen.«
»Komm schon«, meinte ich. »Lass uns das Zeug nach Hause schaffen, solange die Luft rein ist.«
Wir waren zwei Blocks weiter gekommen, als es passierte. Alan war mit einem Schwert bewaffnet. Er hatte es aus einem Urlaub in Tijuana mitgebracht. Es war billiger Ramsch, doch er hatte die Klinge geschliffen und in meiner Küche trainiert. Bevor sie alle verfault waren, war er ziemlich gut darin geworden, Melonen zu halbieren, aber hatte noch keine Gelegenheit gehabt, es an einem Zombie auszuprobieren. Ich hatte eine Schusswaffe bei mir. Ich weiß nicht, was für eine. Wie ich bereits erwähnte, war ich nie ein sonderlicher Waffenliebhaber. Beim Überfall auf den Autohändler hatte ich eine Ruger-Pistole Kaliber 22 benutzt, die ich in der Stadt unter dem Ladentisch gekauft hatte. Zusammen mit einer Schachtel Munition. Danach hatte ich beides ins Hafenbecken geschmissen. Als ein paar Wochen später alles zusammenbrach, wünschte ich mir, ich hätte sie noch gehabt. Diese neue Waffe war ein Revolver. So viel wusste ich. Ansonsten wusste ich nichts, außer, dass ich, wenn ich den Abzug drückte, auf etwas schießen würde. Ich hatte das Ding als Pistole bezeichnet, und Alan hatte mich zu verbessern versucht und gesagt, es sei ein Revolver. Ich sah da keinen Unterschied. Interessierte mich auch nicht, solange das Ding funktionierte. Ich hatte sie einem toten Kerl abgenommen, der mitten auf einer Kreuzung lag. Wir hatten ihn auf dem Weg zum Supermarkt gefunden. Nachdem ich ein wenig herumexperimentiert hatte, fand ich heraus, wie man die Trommel öffnete. Es waren vier Kugeln darin.
Ich hatte sie noch nicht benutzen müssen, ebenso wenig wie Alan sein Schwert.
Bis diese Zombieschlampe aus den Büschen geschlurft kam...
Mit den Zombies ist das so. Es ist ganz einfach, vor ihnen davonzulaufen. Normalerweise sind sie sehr leise, aber auch langsam und dumm. Man sieht sie kommen, also ist es einfach, wegzurennen. Und wie ich bereits sagte - selbst wenn man sie nicht sieht, riecht man die Mistviecher normalerweise. Wisst ihr, wie plattgefahrene Tiere riechen? Genau dasselbe, nur mobiler. Aber in dieser Nacht drehte der Wind immer wieder. Zuerst wehte er von der Chesapeake Bay herein und von uns weg. Dann drehte er, aber das war auch nicht besser, denn der Verwesungsgestank wurde so schlimm, dass man nicht mehr unterscheiden konnte, ob es ein sich nähernder Zombie war oder nur die Stadt an sich - ein gigantischer Friedhof voller verwesender Leichen.
Wir kamen an einem schmalen Reihenhaus mit einer vertrockneten braunen Hecke vorbei. Die Fenster waren zerbrochen. Die Aluminiumverkleidung der Wand war mit Schleim bespritzt. Der Zombie musste hinter der Hecke hervorgekommen sein, denn das war der einzige Platz, an dem man sich verstecken konnte. Wir sahen sie nicht, rochen sie nicht, bis sie sich auf Alan stürzte.
Er ging hinter mir und sprach gerade flüsternd davon, wie es wäre, aus der Stadt zu verschwinden und sich irgendwo in die Wildnis durchzuschlagen - in die Wälder von Pennsylvania oder ins südliche Maryland. Vielleicht sogar bis runter in die Vororte von Ocean City, irgendwo an die verlassenen Strände. Ich war dagegen. War der Meinung, wir sollten einfach in meinem Haus bleiben. Wir hatten keine Ahnung davon, wie die Lage woanders war. Was, wenn es in den Wäldern nur so wimmelte vor infizierten Tieren? Ich wartete auf Alans Antwort. Sein Einkaufswagen rollte an mir vorbei auf die Straße. Gleichzeitig fing er an zu schreien.
Ich ließ meinen Wagen los und wirbelte herum. Der Zombie klammerte sich an Alan und kratzte und biss. In dieser Nähe ließ mich ihr Gestank würgen. Sie wickelte ihre geschwollenen, verwesenden Arme um Alan wie eine stürmische Liebende und kletterte auf seinen Rücken. Sie krallte sich fest. Er schwankte unter ihrem Gewicht, schaffte es aber, stehen zu bleiben. Ihre Füße hingen in der Luft. Sie trug weder Schuhe noch Socken, und ihre Zehen waren dreckverkrustet.
Alan ließ sein Schwert fallen. Es schlug klappernd auf den Boden. In Panik erstarrt, konnte ich nur zusehen, wie er sich vorbeugte und auf die Harpyie einschlug, die an seinem Rücken hing. Die Kreatur stöhnte, er schrie. Ihre rissigen Fingernägel kratzten über seine Arme und seinen Hals und rissen seine Haut auf. Dann lehnte sie sich vor, und ihre Zähne schlossen sich über seiner Wange. Die tote Frau riss den Kopf zurück, und Alans Fleisch dehnte sich wie weiches Karamell. Alan schrie erneut, und selbst in der Dunkelheit konnte ich sehen, wie sich das Blut in seinem Mund sammelte. Seine Haut dehnte sich weiter, spannte sich und riss. Seine Wange hing flatternd zwischen den zusammengebissenen Zähnen des Zombies. Seine Schreie verwandelten sich in Gurgeln. Bis auf ein kurzes Stöhnen gab die Leiche keinen Ton von sich.
Da fiel mir die Waffe ein. Ich hatte sie die ganze Zeit umklammert gehalten, aber war derart von Angst und Schock gepackt worden, dass ich sie vergessen hatte. Der Zombie hielt den Kopf noch immer zurückgelegt, hinter Alans linker Schulter. Sie kaute auf dem Fleischfetzen herum, während er sich wie wild drehte und um sich schlug. Blut lief an seinem Hals hinab und tränkte seine Kleidung. Seine Haut war erschreckend blass, und ich konnte in dem klaffenden Loch seine Zähne und seine herumrollende Zunge sehen. Erstaunlicherweise brach er nicht zusammen. Er schlug immer weiter auf sie ein und gab ein kehliges Gurgeln von sich. Als er sich das nächste Mal drehte, hob ich die Pistole. Der Kopf des Zombies schoss nach vorne, um ein weiteres Mal zuzubeißen.
Ich trat nahe an die beiden heran, presste ihr den Lauf an die Stirn und drückte ab. Gleichzeitig wandte ich das Gesicht ab, schloss die Augen und presste die Lippen fest aufeinander, damit keine Blutspritzer in meinen Mund gelangen konnten. Die Pistole ruckte in meiner Hand. Es gab einen Knall. Über dem Gestank des Zombies roch ich verbranntes Haar und Pulverrauch.
Der Zombie erschlaffte, kippte nach vorne und rutschte wie ein Sack Zement auf den Asphalt. Alan fiel auf die Knie. Er versuchte noch einmal zu schreien, doch der Laut war kaum mehr menschlich. Er klang wie ein wildes Tier. Seine Augen richteten sich auf mich, weit aufgerissen und voller Entsetzen. Schweiß und Blut bedeckten die Überreste seines Gesichts. Er versuchte zu sprechen, doch ich konnte ihn kaum verstehen.
»Äääschiiee miiii...«
»Oh, Scheiße.« Ich wich vor ihm zurück. Alan war tot. Selbst wenn ich es schaffte, die Blutung zu stoppen und irgendwie sein Gesicht zu verbinden - er war gebissen worden. Hamelns Rache raste bereits durch seine Adern. Er war in dem Moment gestorben, als sie seine Haut aufgerissen hatte.
Ich hörte in einer nahe gelegenen Gasse das Geräusch von klirrendem Glas. Die Zombies waren unterwegs, durch den Schuss angelockt.
»Laaar«, nuschelte Alan. »Ääschiie mii.«
Lamar, erschieß mich...
Ich hob die Waffe. Meine Hände zitterten.
»Es tut mir leid, Mann. Es tut mir so verdammt leid.«
Ich tat, was er wollte. Ich erschoss ihn.
Wie ich sagte, die Dinge haben sich geändert. Die Menschen haben sich geändert. Mich eingeschlossen. Ich sah nicht einmal weg. Der Schuss hallte durch die Nacht. Irgendwo bellte wieder ein Hund. Ein weiterer verwesender Leichnam kam schlurfend in Sicht. Als er mich entdeckte, grinste er und gab ein leises Stöhnen von sich. Während ich mir Tränen wegblinzelte, hob ich die Waffe, senkte sie aber wieder. Der Zombie war zu weit weg, um einen sicheren Schuss abgeben zu können, und ich wollte keine Munition verschwenden.
Ich vergaß die Einkaufswagen und rannte nach Hause. Ich sah mehr Zombies, blieb aber außerhalb ihrer Reichweite. Sie schlurften aus den Gassen und stolperten aus Häusern und Wohnblöcken. Ich entdeckte keinen anderen Lebenden, hörte aber eine Frau schreien. Konnte nicht sagen, wo sie war, und eigentlich wollte ich auch gar nicht nach ihr suchen. Als eine Ratte an mir vorbeiwieselte und hinter einem geparkten Auto verschwand, hätte ich fast geschrien. Ich wusste nicht, ob sie tot oder lebendig war. Ich fragte mich, ob ich Glück hatte, weil ich noch lebte, oder verflucht war, weil ich noch nicht tot war. Wenn ich tot wäre, wäre ich natürlich ein Zombie. Ich fragte mich, ob sie wussten - sich daran erinnerten -, wer sie einmal gewesen waren. Falls es so etwas gab wie eine Seele, war sie noch in ihnen, voller Bewusstsein, und starrte aus diesen toten Augen, unfähig zu handeln, weil ihr Körper gekidnappt war?
Dann beschloss ich, dass ich noch nicht bereit war, es herauszufinden.
ZWEI
Sobald ich wohlbehalten in meinem Haus war, überprüfte ich alles, um sicherzugehen, dass während meiner Abwesenheit nichts hereingekommen war. Ich nagelte die Balken wieder an die Vordertür. Es war nicht völlig sicher, würde aber für eine Nacht reichen, solange ich mich ruhig verhielt und niemanden auf meine Anwesenheit aufmerksam machte. Zu viel Gehämmere würde Zombies und Plünderern meinen Aufenthaltsort verraten. Ehrlich gesagt hätte ich mich nicht länger mit meinen Barrikaden beschäftigen können, selbst wenn ich es gewollt hätte. Ich war erschöpft, sowohl körperlich als auch emotional, und weinte, während ich die billigen Nägel in die schweren Holzbalken schlug. Verzögerte Schockreaktion. Mentaler Breakdown. Vielleicht ein bisschen von beidem. Aber tief in mir wusste ich, dass ich nicht um Alan oder sonst jemanden weinte. Ich weinte um mich. Ich war nie besonders selbstmitleidig gewesen, aber diesmal fühlte ich es.
Ich war wieder allein.
Ich beschloss, es sicher genug zu haben und den Rest am Morgen zu erledigen. Ich fühlte mich ausgelaugt, schwach und schmutzig. Ich versuchte mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal geduscht hatte, und konnte es nicht. Katzenwäsche mit Schwamm und Regenwasser ist einfach nicht dasselbe.
In der Dunkelheit aß ich eine Dose eingelegtes Obst. Ich hatte nicht viel Appetit, zwang mich aber zu essen, sogar die Ananasstücke, die ich nicht ausstehen konnte. Wie kommt es nur, dass sich in jeder Dose Fruchtcocktail, egal, welche Marke, immer zu viel Ananas finden, aber nie genug Kirschen? Wobei es mit Dosenobst wohl sowieso auf absehbare Zeit vorbei sein wird. Falls die Menschheit je wieder auf die Beine kommt, wird es wichtigere Dinge geben, um die wir uns kümmern müssen. Während ich den Saft aus der Dose trank, dachte ich an all die Lebensmittel, die ich auf der Straße zurückgelassen hatte. Früher oder später würde ich wieder rausgehen müssen. Entweder verhungern oder plündern. Tag oder Nacht - es war egal, wann ich ging. Die Gefahr wäre dieselbe. Heute Nacht war es Alan gewesen. Beim nächsten Mal konnte es mich treffen. Doch darüber wollte ich im Moment nicht nachdenken.
Nackt und durch die Spätsommerhitze völlig verschwitzt schmiss ich mich auf mein feuchtes, dreckiges Laken. Das Kopfkissen stank, sogar gegenüber dem Mief, der von außen ins Haus drang. Das Kissen roch wie ich - nach Schmutz und Schweiß, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Ich hatte keine Möglichkeit, Wäsche zu waschen, und das Wasser war zu kostbar, um es dafür zu verwenden. Also lag ich da und wälzte mich herum. Im Dunkeln konnte
Titel der amerikanischen Originalausgabe DEAD SEA Aus dem Amerikanischen von Charlotte Langstrass
Deutsche Erstausgabe 05/2010 Redaktion: Sven-Eric Wehmeyer
Copyright © 2007 by Brian Keene Copyright © 2010 der deutschen Ausgabe und der Übersetzung by
Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
eISBN : 978-3-641-03872-4
www.heyne-magische-bestseller.de.
Leseprobe

www.randomhouse.de