Toxic Spirituality - Christopher Wallis - E-Book

Toxic Spirituality E-Book

Christopher Wallis

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Beschreibung

In Sachen Spiritualität die Spreu vom Weizen trennen. Der Religionswissenschaftler und Weisheitslehrer Dr. Christopher Wallis deckt in seinem Inspirationsbuch Toxic Spirituality die am weitesten verbreiteten Verzerrungen in den spirituellen Lehren unserer Zeit auf. Verwurzelt in den asiatischen Weisheitstraditionen zeigt er, warum viele leichthin gesagte Sätze wie »Werde die beste Version deiner selbst« oder »Du erschaffst deine eigene Realität« uns oft vom spirituellen Weg abbringen und sogar unnötiges Leiden verursachen können. Er analysiert jede »Halbwahrheit« aus gesellschaftlicher, psychologischer und spiritueller Perspektive und schält dann jeweils den befreienden Kern der Aussage heraus. Am Ende vieler Kapitel werden praktische Übungen angeboten, welche die Reflexion schließlich zu einer wirklich verkörperten Erfahrung werden lässt. Seinen authentischen Weg in die Freiheit finden Christopher Wallis lädt uns im ersten Teil dazu ein, irreführende Vereinfachungen und Ideale zu hinterfragen. Toxic Spirituality hilft dir dabei: - zwischen Wahrheit und Glauben zu unterscheiden, - authentischer mit geliebten Menschen zu kommunizieren, - in größerer Harmonie mit dem Leben zu sein, - radikale Selbstakzeptanz zu praktizieren, - und praktikable Wege in die Freiheit zu gehen. Im zweiten Teil erklärt Wallis auf verständliche Weise, was sich hinter so komplexen Schlagworten wie Realität, Erleuchtung, Ego, Non-Dualität und Hingabe eigentlich verbirgt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 418

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Christopher Wallis

Toxic Spirituality

Wie man Irrwege erkennt und wirklich frei wird

Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt und bearbeitet von Brigitte Heinz und Hajo Normann

Knaur eBooks

Über dieses Buch

In Sachen Spiritualität die Spreu vom Weizen trennen

Der Religionswissenschaftler und Weisheitslehrer Dr. Christopher Wallis deckt in seinem Inspirationsbuch Toxic Spirituality die am weitesten verbreiteten Verzerrungen in den spirituellen Lehren unserer Zeit auf. Verwurzelt in den asiatischen Weisheitstraditionen zeigt er, warum viele leichthin gesagte Sätze wie »Werde die beste Version deiner selbst« oder »Du erschaffst deine eigene Realität« uns oft vom spirituellen Weg abbringen und sogar unnötiges Leiden verursachen können. Jede »Halbwahrheit« wird von ihm aus mehreren Perspektiven analysiert und deren Essenz herausgeschält. Am Ende eines jeden Kapitels wird eine praktische Übung angeboten, die die Reflexion schließlich zu einer wirklich verkörperten Erfahrung werden lässt.

Reflexionen und Meditationen, die einen wirklich weiterbringen

 

Christopher Wallis lädt uns ein, irreführende Vereinfachungen und Ideale zu hinterfragen und gibt zudem viele leicht umsetzbare Meditationen aus der universellen Tradition von Yoga bzw. Tantra an die Hand. Toxic Spirituality hilft:

zwischen Wahrheit und Glauben zu unterscheiden,

authentischer mit geliebten Menschen zu kommunizieren,

gesündere Grenzen zu setzen,

in größerer Harmonie mit dem Leben zu sein,

radikale Selbstakzeptanz zu praktizieren.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Einleitung

Von allen Aspekten des menschlichen Lebens birgt die Spiritualität das größte Potenzial zu tiefer Erfüllung, und doch kann sie auch sehr problematisch sein. Sie bietet dem Menschen die Möglichkeit für einen weitaus tiefgründigeren Paradigmenwechsel als jedes andere Feld menschlichen Lebens. Gleichzeitig können viele Aussagen, denen wir überall dort begegnen, wo Menschen über Spiritualität reden, in hohem Maße verwirren – oder gar in die Irre führen. Wenn spirituelle Praxis für dich mehr als nur ein Hobby ist, dann steht einiges auf dem Spiel – vielleicht sogar mehr, als dir zunächst bewusst sein mag.

 

Wenn es gelingt, die psychologischen Fallstricke auf dem spirituellen Weg zu umgehen, dann kann das zu unglaublicher Freude und Freiheit führen. Allerdings ist das ein recht großes »Wenn-dann«. Viele Menschen haben nie gelernt, diese Tücken zu erkennen, geschweige denn, sie zu vermeiden. Und so landen sie manchmal in seltsamen Sackgassen und sind dort oftmals lange – manchmal für ihr ganzes Leben – gefangen. Wir kennen Beispiele von Gurus, die einst wahrhaftige Lehrer waren, aber im Laufe der Zeit wahnhaft wurden und ihren Anhängern schließlich großen Schaden zufügten. Dieses Phänomen tritt natürlich ebenso häufig bei spirituell Praktizierenden auf, die keine Gurus sind – hier hingegen sind die negativen Auswirkungen weniger offensichtlich.

 

Sowohl die Verheißungen als auch die Gefahren des spirituellen Lebens sind real. Ich habe beides in meiner eigenen Praxis und im Leben meiner Lehrer*innen und Freund*innen in Hülle und Fülle erfahren. Dieses auf oft schmerzhafte Weise erlangte Wissen aus erster Hand hat mich dazu veranlasst, das vorliegende Buch zu schreiben.

Religion oder Spiritualität?

Noch eine Anmerkung zum Wesen des spirituellen Lebens. Es ist eine besondere Reise, bei der es hilft, zwischen Religion und Spiritualität zu unterscheiden. Religion besteht aus tröstlichen Überzeugungen. Wenn wir ehrlich sind, ist daher vieles von dem, was die Menschen heute Spiritualität nennen, eigentlich Religion. Spiritualität hingegen setzt die Bereitschaft voraus, bestehende Überzeugungen abzustreifen, um selbst zu sehen, was wirklich wahr ist. Dieses Buch soll dich dabei unterstützen.

 

Obwohl ich hier eine Art Leitfaden für die Fallstricke des spirituellen Lebens anbiete, konzentriere ich mich nicht auf das Negative. Ich zeige zunächst in jedem Kapitel auf, wie eine spirituelle Lehre auf unzulängliche oder sogar toxische Weise ausgelegt werden kann – als Halbwahrheit oder sogar als vollkommener Irrglaube. Dann aber konzentriere ich mich auf die tiefere Wahrheit, die hinter der (stark abgespeckten, damit gefälligen) Hochglanz-Fassade der jeweiligen Lehre steckt. Jedes Kapitel enthält unterstützende Einsichten für deinen spirituellen Prozess und dein tägliches Leben sowie Anleitungen zur Vermeidung der potenziellen Fallstricke. Mehrere Kapitel schließen mit einer kontemplativen Übung ab, die dir hilft, das Thema mit all deinen Sinnen tiefer zu erforschen.

Was qualifiziert mich dazu, ein solches Buch zu schreiben?

Nun, ich studiere und praktiziere seit über dreißig Jahren asiatische Formen der Spiritualität und ich habe vier Universitätsabschlüsse in klassischen indischen Religionen (Buddhismus, Hinduismus und so weiter) erworben. Aber sämtliche akademischen Qualifikationen sind für dieses Buch nicht so wichtig wie meine jahrelange praktische Beschäftigung mit dem spirituellen Weg und die Beobachtung verschiedener spiritueller Gemeinschaften, die zunächst gediehen – und dann aus den Fugen geraten sind. In den letzten Jahren habe ich eine weltweite Gemeinschaft aufgebaut und geleitet, und sie ist wie ein wahr gewordener Traum: gütige, reife und wirklich erwachsene Menschen, die einander gegenseitig auf dem Weg unterstützen. Es bedurfte jahrelanger Lehrerfahrung, intensiver Arbeit an mir selbst und des Coachings von Menschen aus vielen verschiedenen Kulturen, um zu erkennen, was Menschen wirklich dient und sie fördert.

Was sind gefährliche Halbwahrheiten, nahe Feinde oder auch falsche Freunde der Wahrheit?

Der Begriff »nahe Feinde« ist dem modernen Buddhismus entliehen. Dort werden nahe Feinde definiert als »geflügelte Worte, die dem beabsichtigten Sinn und Niveau ähnlich zu sein scheinen, dieses aber tatsächlich untergraben«. Im Gegensatz dazu sind die fernen Feinde einfach das Gegenteil dessen, was wir zu kultivieren oder zu erreichen hoffen.1 Der buddhistische Lehrer Jack Kornfield schreibt: »Die nahen Feinde zeigen, wie Spiritualität missverstanden oder missbraucht werden kann, sodass sie uns sogar von unserer Lebendigkeit trennen kann.« Und die Autorin Brené Brown zeigt zu Recht auf: »Interessant ist, dass die nahen Feinde oft eine größere Bedrohung darstellen als die fernen Feinde, weil sie schwieriger zu erkennen sind.«2 Genau diese Aussage ist der Schlüssel. Es ist ausgesprochen wichtig, die nahen Feinde zu erkennen, und dabei brauchen wir Unterstützung – spirituelle Freunde etwa, aber auch Bücher wie dieses hier. Denn die nahen Feinde sind sehr oft als wünschenswerte Eigenschaften oder stichhaltige spirituelle Lehren getarnt und dabei in ihrer Wahrheitsbehauptung sehr verführerisch und emotional aufgeladen. Sie weichen aber in wirklich wichtigen Punkten gravierend von jenen oft dahinterstehenden Ideen und Konzepten ab, die tatsächlich hilfreich sein könnten.

 

Im modernen Buddhismus sind die nahen Feinde in der Regel einfache Konzepte, wie »Der nahe Feind des Mitgefühls ist das Mitleid« oder »Der nahe Feind der Liebe ist die Anhaftung«. Mit anderen Worten: Mitgefühl wird leicht mit Mitleid verwechselt, oder Liebe mit Anhaftung, aber in beiden Fällen bringt Letzteres nicht die Vorteile der ersteren und wirklichen Tugend mit sich. Die Lehre von den nahen Feinden kann aber noch weitaus wirkungsvoller sein. In diesem Buch stelle ich detaillierte und nuancierte Versionen einiger solcher Halbwahrheiten vor. Ich behaupte, dass fast alle populären Plattitüden, die man in alternativen spirituellen Gemeinschaften (und manchmal auch in der Mainstream-Religion) findet, solche Beinahe-Feinde oder auch falschen Freunde der Wahrheit darstellen.

 

Ich spreche von verzerrten oder stark vereinfachten Versionen einiger der bedeutendsten und zugleich fein nuancierten spirituellen Einsichten, die im Laufe der Jahrhunderte entwickelt wurden. Es sind Aussagen, die einer tiefen und subtilen Wahrheit nahe kommen, aber dennoch so verzerrt sind, dass sie einen auf lange Sicht in die Irre führen und unnötiges Leid verursachen. Wenn es um tiefe und fundamentale Wahrheiten geht, macht es kurzfristig nicht viel aus, wenn man sich ein wenig irrt – aber langfristig sehr wohl. Es ist in etwa so, wie eine winzige Abweichung des Ruders deines Bootes auf kurzer Strecke kaum Auswirkungen hat, aber nach einigen tausend Kilometern landet man auf einem anderen Kontinent.

Was ist wahr oder falsch?

Manche Menschen lehnen die Verwendung des Wortes »falsch« (im Sinne von unwahr) ab. Einige sind der Meinung, das einzige notwendige Kriterium für Wahrheit sei: »Es fühlt sich für mich wahr an.« Diese Art, sich auszurichten, sich leiten zu lassen vom »gefühlt Wahren«, kann in der Spiritualität genauso gefährlich sein wie bei politischen Positionen. Sie kann zu Zuständen der Verblendung führen, die sich anfangs gut und fundamental richtig anfühlen, bestärkt durch die in sie eingebaute emotional abgesicherte Wahrheitsbehauptung. Langfristig beeinträchtigen diese Grundzustände jedoch unsere Fähigkeit, zu gedeihen, ganz wesentlich. Ich möchte dich davon überzeugen, dass das Verständnis der nahen Feinde der Wahrheit und insbesondere der Gründe, warum sie nicht die Wahrheit selbst sind, für jeden spirituellen Aspiranten, der über ein Anfangsstadium hinaus in diese tiefe und zutiefst erfüllende Praxis einsteigen will, von enormer Bedeutung ist.

 

Dennoch ist es gut zu wissen, dass ein naher Feind, wenn er nahe genug ist, auch eine Zeit lang ein Verbündeter sein kann. Manche Idee mag vorübergehend auf deinem Weg hilfreich sein – so lange, bis du ein reiferes Verständnis entwickelt hast. Wenn du die Kapitelüberschriften dieses Buches überfliegst, wie »Hör auf dein Herz«, »Liebe dich selbst« und »Alles geschieht aus einem bestimmten Grund«, wirst du vielleicht feststellen, dass einige dieser Halbwahrheiten vorübergehend Verbündete für dich waren. Solche Aussagen können für eine gewisse Zeit ihren Wert haben. Aber je weiter man auf dem Pfad voranschreitet und je höher der Einsatz in der eigenen spirituellen Praxis wird, desto weniger kann man davon sprechen, dass eine Idee »nah genug« an der Wahrheit sei; und desto mehr müssen solche oberflächlichen und vielleicht auch beruhigenden Aussagen auf dem Altar der Wahrheit geopfert werden – andernfalls kommt der spirituelle Fortschritt ins Stocken.

 

Warum manche Aussagen nicht einfach wahr, sondern nur nahe an der Wahrheit sind, das erörtere ich im Folgenden. Die Bereitschaft, das, was wir zu wissen glauben, infrage zu stellen, ist auf dem spirituellen Weg unverzichtbar, und ich empfehle dir, genau das zu tun.

Anmerkung der Übersetzer

Warum wir im Deutschen den Begriff »nahe Feinde« zumeist durch »Halbwahrheiten« ersetzt haben

Der Titel des englischen Buches lautet Near Enemies of the Truth. Im Deutschen ist der Begriff der »nahen Feinde« wenig geläufig. Daher verwenden wir überwiegend das eingängige Wort »Halbwahrheiten«. Denn wie im letzten Abschnitt eines jeden Kapitels dargelegt, steckt auch immer ein Körnchen Wahrheit hinter den platten Schlagworten. Toxisch sind die hier erläuterten unvollständigen Vorstellungen insofern, als sie uns von den erklärten Zielen des Erwachens und der Freiheit weg und auf Irrwege führen, die nur schwer wieder verlassen werden können, und zwar umso schwerer, je mehr aus dem Irrweg ein ausgetrampelter Pfad wird.

Warum ich dieses Buch geschrieben habe

Im Laufe der Jahre habe ich einige Zeit in verschiedenen spirituellen Gemeinschaften verbracht, von traditionellen hinduistischen und buddhistischen Gemeinschaften bis hin zu sogenannten New-Age-Communities. In dieser Zeit nahmen meine Bedenken angesichts der Plattitüden zu, die zunehmend in solchen Gruppen eine Rolle spielten. Wie oft traten sie an die Stelle der herausfordernden, aber lohnenden Arbeit der tiefen inneren Kontemplation. In den hanebüchensten Beispielen (die meiner Erfahrung nach sogar ganz alltäglich waren) benutzten Menschen solche spirituellen Floskeln (als Weisheit getarnt), um zu vermeiden, sich schwierigen Themen zu stellen oder emotionale Arbeit zu leisten. Wenn zum Beispiel Sprüche wie »Alles geschieht zum Besten« und »Du erschaffst deine eigene Realität« eine reale, unumstößliche Gültigkeit hätten, dann wäre letztlich niemand für das verantwortlich, was er oder sie jemand anderem vermeintlich oder tatsächlich angetan hat. Solch eine Verfälschung nennt man spirituelle Vermeidung (spiritual bypassing), und sie kann für Beziehungen außerordentlich schädlich, also toxisch, sein und den Prozess des echten spirituellen Erwachens behindern.

 

Ich war auch besorgt über die zunehmende Verbreitung dessen, was Philosophen als Relativismus bezeichnen, das heißt die Ansicht, dass jeder Standpunkt gleichermaßen gültig ist. Obwohl dies oberflächlich betrachtet nach einer erfreulich toleranten Idee klingt, kann tatsächlich nur dann jeder Standpunkt die gleiche Gültigkeit haben, wenn es so etwas wie Wahrheit nicht gibt. Hinter dem Relativismus verbirgt sich also immer ein impliziter Nihilismus (die Ansicht, dass es keine grundlegenden Wahrheiten gibt), und Nihilismus birgt die Gefahr, die Menschen zynisch und zutiefst unzufrieden zu machen.

Fakten und Wahrheiten

Meine Bedenken wurden durch die Veränderungen in der US-amerikanischen Gesellschaft in den letzten Jahren noch verstärkt. In dieser Zeit erreichte das Vertrauen der Amerikaner*innen gegenüber Expert*innen und Fachwissen seinen traurigen Tiefpunkt. Das führte zu einer Art Generalverdacht, dass es so etwas wie Fakten gar nicht gibt, geschweige denn die Wahrheit. Zweifel wurden in allen Bereichen jenseits der Naturwissenschaften laut – oder sogar dort! Wenn also die Idee der Wahrheit selbst infrage gestellt wird, dann können natürlich auch die nahen Feinde der Wahrheit gedeihen wie wild wucherndes Unkraut in einem ungepflegten Garten.

 

Ich vertrete den Standpunkt, dass es grundlegende Wahrheiten gibt, die durch sorgfältige Betrachtung der eigenen Erfahrung überprüft werden können. Wahrheiten, die sich auf die menschliche Erfahrung der Realität beziehen; Wahrheiten, die auf uns einwirken, ob wir uns ihrer bewusst sind oder nicht; sie sind so wichtig für effektive Kommunikation und echte authentische Verbindung unter Menschen (siehe auch Halbwahrheit Nr. 2: Sprich deine Wahrheit).

 

Der moderne Markt der Spiritualität und die lukrative Maschinerie der Selbstoptimierungsangebote sind leider voll von gefährlichen Halbwahrheiten. Denn die Menschen neigen dazu, dem Glauben zu schenken, was ihre bereits bestehenden Vorstellungen bestätigt und vertieft. Unser Gesellschaftssystem bietet keine wirtschaftlichen Anreize für die Erkundung der Wahrheit, vor allem dann nicht, wenn der Entdeckungsprozess schwierig oder unbequem ist – selbst wenn er letztendlich zu großer Freude führt.

 

Die sozialen Medien haben die Problematik noch verschärft, da simple und platte Formeln von Selbsthilfegurus und Influencern verbreitet und anhand von Memes endlos geteilt und wiederholt werden. Und je öfter man ein bestimmtes Klischee in seiner Gemeinschaft als vermeintlich gültig, hilfreich und konsensfähig, manchmal sogar als feststehende Doktrin gehört hat, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man es hinterfragt.

 

Hier meine Frage an dich, liebe Leserin, lieber Leser: Wirst du mich ein Stück weit begleiten, wenn ich einige deiner Überzeugungen infrage stelle und vielleicht sogar manch heilige Kuh zur Schlachtbank führe? Ich versichere dir, das Ergebnis wird ein lebendigeres und viel feiner differenziertes spirituelles Leben sein!

Wo ich herkomme

Mein Bildungshintergrund liegt auf dem Gebiet der vergleichenden Religionswissenschaft. Dabei umfasst mein Spezialgebiet die südasiatische Philosophie, Religion und Spiritualität. Der geografische Begriff Südasien bezieht sich auf den gesamten indischen Subkontinent, dessen religiöse Kultur den Rest Asiens bis in die Neuzeit hinein stark beeinflusst hat. Mein besonderes Interesse gilt der spirituellen Tradition des tantrischen Shaivismus, auch bekannt als Shaiva-Tantra3, die vor etwa tausend Jahren in allen Teilen des indischen Subkontinents und in vielen Teilen Südostasiens blühte. Der Bereich des tantrischen Shaivismus überschneidet sich in erheblichem Maße mit dem des tantrischen Buddhismus. Er ist heute am besten in seiner tibetischen Form bekannt, da er von tibetischen buddhistischen Lehrern wie dem Dalai Lama bekannt gemacht wurde.

 

Sowohl Shaiva-Tantra als auch buddhistisches Tantra versuchen in ihren am weitesten entwickelten und ausgefeilten Ausprägungen, ihren jeweiligen religiösen Hintergrund (Hinduismus bzw. Buddhismus) zu transzendieren. Daher lehren sie entsprechende Methoden, um in die nicht begriffliche, direkte Erfahrung der Realität als solche einzutauchen. Seit vielen Jahren studiere und praktiziere ich solche Methoden mit großer Leidenschaft. Hier, in diesem Buch, versuche ich, verschiedene Elemente meines Bildungs- und Praxis-Hintergrunds zusammenzufassen und so ein Verständnis jener Prinzipien spiritueller Einsicht, die in verschiedenen Kulturkreisen mehr oder weniger universell sind, mit den spezifischen Einsichten des klassischen Tantra in seiner am höchsten kultivierten Ausprägung zu verbinden.4

 

Die großen spirituellen Traditionen haben im Laufe der Jahrhunderte daran gearbeitet, ihre Wegweiser auf die Wahrheit hin zu verfeinern und sie so auf dem Pfad hin zu echter Befreiung immer wirksamer zu machen. Wenn uns ein solcher Schatz an Wissen und Weisheit zur Verfügung steht, warum sollten wir uns dann mit Halbwahrheiten oder auch nur zeitweiligen Verbündeten zufriedengeben, statt mit den echten, fein geschliffenen Juwelen der Weisheit? Je weiter wir auf dem spirituellen Weg voranschreiten, desto größer und präziser müssen unsere Unterscheidungskraft und unser Verständnis sein. Denn die spirituelle Praxis erzeugt eine Kraft und Energie, die die Fähigkeit erfordert, Entscheidungen weise treffen zu können, damit wir eben diese Kraft zusammen mit der Macht, die damit einhergehen kann, nicht auf toxische Weise einsetzen. Der Prozess der spirituellen Entwicklung bringt die Befreiung von unseren kulturellen Programmierungen mit sich. Das heißt auch, dass eine unzureichende oder fehlende Differenzierung auf dem spirituellen Pfad für manche Menschen problematisch werden kann.

 

Nach dieser Einführung in das Thema wenden wir uns nun den nahen Feinden zu und betrachten die verborgenen Wahrheiten, an die man sich oftmals nur schwer mit Worten annähern kann. Wir beginnen im ersten Teil mit jenen Irrtümern, die eher harmlos und relativ leicht zu begreifen sind, und gehen dann zu solchen über, die heimtückischer und aufgrund ihrer Subtilität schwieriger zu erkennen (und zu erklären) sind. Im zweiten Teil erforschen wir spirituelle Schlüsselkonzepte, die, oberflächlich verstanden, zu falschen Freunden werden können. Wenn man sich aber auf einer tieferen Ebene mit ihnen beschäftigt, sind sie für das spirituelle Erwachen entscheidend.

Teil 1

Wie wir die Stromschnellen umschiffen

Halbwahrheit Nr. 1

Tu, was dich glücklich macht

Die 1960er-Jahre schenkten uns neue Ideale von Freiheit und Selbstbestimmung, die sich dem vorherrschenden Gesellschaftssystem grundlegend widersetzten, wie beispielsweise: »Tu das, was du liebst«, »Folge dem Ruf deines Herzens«, »Geh deinen eigenen Weg«, »Werde aus eigener Kraft nach deinen Vorstellungen glücklich und erfolgreich.« Aber die 60er-Jahre haben uns auch ein Vermächtnis tiefer Desillusionierung, Enttäuschung und weit verbreiteter Drogenabhängigkeit hinterlassen. Woher kommen diese Widersprüche?

 

Eine der grundlegenden Maximen jenes Jahrzehnts, »Tu, was du liebst, und das Geld wird folgen«, funktionierte augenscheinlich. Allerdings wird gerne übersehen, dass das nur auf Grundlage einer boomenden Wirtschaft, der Gunst der Stunde und weiterer Privilegien gelang. Das Hippie-Ethos der 60er-Jahre wich den New-Age-Bewegungen der 70er- und 80er-Jahre und dem, was danach folgte. Nun war zunehmend die Rede von dem »Gesetz der Anziehung«. Demnach können wir das Leben unserer Träume manifestieren, indem wir einfach positive Gedanken denken und uns unseren Erfolg lebhaft vorstellen. Doch auch diese Denkart hat eine verheerende Kehrseite: Wenn es stimmt, dass dein Erfolg nur von dir und der Kraft deiner Gedanken abhängt, dann wäre fehlender Erfolg ein Beweis dafür, dass du einfach nicht gut genug bist – und genau das ist in der Vorstellung vieler der tiefste Abgrund ihrer größten Ängste. Doch auch wenn du an diese Idee glaubst und dann tatsächlich erfolgreich bist (nach den Maßstäben des modernen Kapitalismus), kann das dein Ego enorm aufplustern – was oftmals für deine Beziehungen eher von Nachteil ist und toxisch insofern, als es nun kaum einen Grund mehr gibt, tiefer zu forschen und nach Erwachen und Freiheit zu streben. Viele der hyperkapitalistischen Boomer von heute sind die langhaarigen Idealisten von damals. Und viele ihrer Kinder und Enkel glauben immer noch daran, dass Erfolg aus Ruhm und Geld besteht – und dass sie Anspruch auf diese Dinge haben –, während sie einfach nur genau das machen, was sie am liebsten tun.

Wie viel Wert haben unsere Werte und Normen?

Obwohl viele von uns gerne darauf vertrauen, dass wir uns als Spezies und als Gesellschaft weiterentwickeln, gibt es keinen Beweis dafür, dass die Menschen heute im Durchschnitt glücklicher sind als vor fünfzig Jahren. Könnte das daran liegen, dass unsere Normen und Werte recht oberflächlich geblieben sind und nie wirklich infrage gestellt wurden? Ich prüfe hier ganz grundlegend einige der Maxime und Plattitüden, nach denen einige Menschen sowohl in konventionellen als auch spirituellen Gemeinschaften zu leben versuchen. Ich hoffe, dadurch aufzeigen zu können, dass ein tieferes und feiner nuanciertes Verständnis unserer Grundsätze und Wertvorstellungen unser Wohlbefinden enorm steigern kann, unabhängig von den eigenen Lebensumständen.

 

Bekanntlich lehren die spirituellen Traditionen des Ostens, dass das Glück im Innern zu finden ist und nicht in quantifizierbaren äußeren Attributen wie finanziellem Erfolg oder der Anzahl von Followern etc. Aber diese Idee bleibt hohl, solange dir niemand genau zeigen kann, wie du das Glück in dir selbst finden kannst. Du musst einige deiner tief sitzenden Annahmen und subtilen Missverständnisse überdenken und vielleicht auch ändern, wenn du den Weg zur Quelle des inneren Wohlbefindens freilegen willst. Mit diesem Buch möchte ich dir dabei helfen.

Woher kommen die blumigen Ideen der Flower-Power-Zeit?

Ideen wie »Tu, was du liebst, und das Geld wird folgen« oder auch »Folge deinem Glück und der Lohn ist dir sicher« sind unglückliche Verzerrungen der Lehren des einflussreichen Psychologen und Mythologen Joseph Campbell, der unter anderem die Bücher Der Heros in tausend Gestalten und Die Kraft der Mythen geschrieben hat. Ich bin mit seinen Lehren aufgewachsen, denn in den 1980er-Jahren konzipierte und leitete mein Vater einzigartige interaktive Veranstaltungen für Kinder im Alter von zehn bis zwölf Jahren auf der Grundlage von Campbells Werk. Sein Konzept der Heldenreise als kulturübergreifende Landkarte des spirituellen Weges hat mein junges Gehirn immens geformt.

 

Campbell trat in die Fußstapfen seines Indologieprofessors, des großen Heinrich Zimmer. Wie dieser studierte er die spirituellen Traditionen Indiens (obwohl er nicht wie Zimmer Sanskrit beherrschte). In kontemplativer Meditation über das Sanskrit-Mantra saccidānanda, (eine vedantische5 Beschreibung der Natur der letztendlichen Realität in Form von sat [Sein], cit [Bewusstsein] und ānanda [Glückseligkeit oder Verzückung]), erkannte Campbell, dass er die wahre Natur seines Seins oder seines Bewusstseins nicht kannte. Aber er wusste, was spirituelle Verzückung (engl. rapture) war, und beschloss, dieser Idee zu folgen. In diesem Moment der Erkenntnis ahnte er (ich finde, richtigerweise), dass die erfolgreiche kontemplative Erforschung eines der drei Elemente zu einem Verständnis der beiden anderen führen würde.6

 

Infolgedessen prägte er den Satz »Folge deiner Glückseligkeit«, der in seinem sprachlichen Ausdruck bereits von der ursprünglichen vedantischen Kontemplation abwich. Die Bedeutung wandelte sich dann noch weiter vom ursprünglichen Verständnis von »Glückseligkeit« (ānanda) zu so etwas wie »Tu, was du liebst«; ein Spruch, der wahrscheinlich von zeitgenössischen Strömungen beeinflusst war. Die Hippie-Bewegung eignete sich Campbells Satz an und wandelte ihn weiter ab, sodass er nun so etwas beinhaltete wie »Tu, was immer sich gut anfühlt«.

Wahrheit zu Nr. 1

Was macht dich wirklich glücklich?

Aber Campbell meinte etwas anderes. Er schlug vor, dass wir dem Sog unserer Leidenschaft folgen sollten, wohin auch immer er uns führt, ungeachtet der Widerstände und Unannehmlichkeiten auf dem Weg. Es kursiert die Geschichte, dass Campbell in fortgeschrittenem Alter scherzte: »Ich hätte sagen sollen: ›Folge den Blasen [zum Beispiel an deinen Füßen]!‹« [Anm.: Wortspiel aus dem Englischen: follow your blisters statt follow your bliss] Dieses Zitat mag ihm zwar angedichtet sein, aber es hat seinen guten Grund: Campbells berühmter Satz wäre weniger missverstanden worden, wenn er gesagt hätte: »Folge deiner Leidenschaft«, da das Wort Leidenschaft im Englischen ebenso wie im Deutschen sowohl Liebe als auch Leid umfasst. Und Campbell hat ganz sicher verstanden, dass das, was man am meisten liebt, nicht immer einfach zu handeln ist und vielleicht auch kein Geld einbringt, wie das folgende sinngemäße Zitat zeigt:

»Das [spirituelle] Abenteuer ist sich selbst Belohnung [genug] – aber es ist notwendigerweise gefährlich, da es sowohl negative als auch positive Möglichkeiten gibt, die alle außerhalb unserer Kontrolle liegen. Wir gehen unseren eigenen Weg […] Etwas in dir weiß, wann du in deiner Mitte bist, ob du deiner eigenen Spur folgst, oder vom Pfad abgekommen bist. […]

Wenn du deiner Leidenschaft folgst, begibst du dich auf eine Art Spur, die schon die ganze Zeit da war und auf dich gewartet hat, und [dann] lebst du das Leben, das du leben solltest. Wenn du das erkennst, wirst du Wegbegleiter treffen, und sie öffnen dir Türen. […].«7

Die Lehre hier ist klar – sie lautet eben nicht: »Tu, was sich gut anfühlt, und du wirst im Leben glücklich sein.« Campbell sagt uns vielmehr, dass es potenziell gefährlich ist, unserem Glücksverlangen (bliss) zu folgen, weil wir uns auf unbekanntes Terrain begeben könnten. Aber zugleich ist genau das von Natur aus lohnend. Das Abenteuer, von dem er spricht, ist das, was sich entfaltet, wenn wir uns an der tiefsten Sehnsucht unseres Herzens orientieren, unabhängig davon, ob wir sie verstehen oder nicht; wenn wir das tun, was sich in unserem Leben zutiefst richtig und wahr anfühlt, egal was es kostet. Aber wir können unser tiefstes Verlangen nur dann wahrnehmen, wenn wir lernen, der Gesamtheit unserer Erfahrungen wahrhaftig aufmerksam zu begegnen – und dabei gerade nicht irgendeiner vorgegebenen Agenda folgen.

Meditation ist Wahrnehmen mit allen Sinnen

Wahre Meditation ist nichts anderes als die Kultivierung unserer Fähigkeit, tief zuzuhören – auf die gleiche Weise, auf die auch Campbell hinzeigt.8 Durch Lauschen – nicht nur mit den Ohren, sondern mit unserem ganzen Wesen – gelangen wir zu einem stillen inneren Wissen darüber, was für uns richtig ist. Das kann nicht durch noch so viel Nachdenken oder Diskutieren mit anderen erreicht werden – auch wenn diese Aktivitäten wertvoll sein können, besonders wenn du weise Wesen in deinem Leben hast, die dir eine fundierte Reflexion anbieten können. Wenn wir dieses stille innere Wissen erfahren, können wir beginnen, unsere Gedanken, Worte und Handlungen danach auszurichten. Je mehr wir diese Ausrichtung herbeiführen, desto vollständiger und freier können wir auf unsere natürliche Fähigkeit zur Freude zugreifen. Das ist es, was gemeint ist, wenn es darum geht, der eigenen Glückseligkeit zu folgen.

 

Campbell wählte das Wort bliss (Glückseligkeit) anstelle von passion (Leidenschaft), weil er ursprünglich von dem Sanskrit-Wort ānanda inspiriert wurde, was ersterem Begriff etwas näher ist als letzterem. Aber ānanda ist nicht wirklich übersetzbar, da es sich nicht auf ein überschwängliches Glücksgefühl bezieht, sondern auf eine Art von stiller Freude an der Lebendigkeit selbst, die ganz unabhängig von den jeweiligen Umständen ist. Diese selige Freude, ānanda, entsteht auch nicht unbedingt dadurch, dass man bekommt, was man will. Sie ist eine inhärente Fähigkeit des Bewusstseins und nur durch volle Präsenz im Sein erreichbar, nicht durch irgendein Tun (auch wenn das Tun angenehm ist). In der tantrischen Tradition werden sogar mehrere Stufen von ānanda gelehrt, denn die Erfahrung von ānanda kann sich mehr und mehr vertiefen und in jeden Aspekt des täglichen Lebens einfließen. Das gelingt dann, wenn man Jahre damit verbracht hat, die Handlungen von Körper, Sprache und Geist mit dem in Einklang zu bringen, was die eigene Intuition als zutiefst richtig und wahr empfindet. Dazu gehört in letzter Konsequenz auch, dass du dein Lebensumfeld entsprechend ausrichtest.

 

Wenn wir die innere Bedeutung von »Folge deiner Glückseligkeit« genau verstehen, sehen wir, dass es sich um dieselbe Lehre handelt, wie Coleman Barks sie in folgendem Satz von Rumi übersetzt: »Lass dich still von der seltsamen [mysteriösen] Anziehungskraft dessen leiten, was du wirklich liebst.«9 Dieser Satz ist wunderschön und löst bei vielen Menschen eine tiefe Resonanz aus, aber da das Wort Liebe genauso leicht fehlinterpretiert werden kann wie Glückseligkeit, ziehe ich eine andere Metapher vor: »Folge deinem goldenen Faden.«

Der goldene Faden

Zur Erklärung: Es geht dabei keinesfalls um eine Meditationspraxis, bei der man versucht, sich von seinem Leben zu distanzieren – das wäre so etwas wie spiritueller Eskapismus. Ich meine damit vielmehr eine Meditationspraxis, die als Gelegenheit wahrgenommen wird, sich zunehmend mehr im Realen zu verankern. Wenn man mit offenen Augen aus diesem geerdeten, klaren, ruhigen, Zustand heraus lernt, der Gesamtheit seiner Erfahrung Aufmerksamkeit zu schenken, dann nimmt man bildlich gesprochen so etwas wie einen Wandteppich aus unzähligen Fäden wahr. Sie alle sind wunderschön und unentwirrbar miteinander verwoben, einschließlich der Fäden des Schmerzes und der Freude und jedes Paares scheinbarer Gegensätze. Wenn du weiter aufmerksam bist, bemerkst du, dass irgendwo aus dem Wandteppich deiner Erfahrung ein winziger goldener Faden herausragt, der unmerklich fein schimmert. Deine Intuition weist dir den Weg dorthin. Dieser goldene Faden könnte zu der einfachen Absicht führen, ein bestimmtes Buch zu lesen, bei diesem oder jenem Lehrer zu sitzen, eine Einladung anzunehmen, eine*n Freund/Freundin anzurufen oder einen bestimmten Ort zu besuchen – was immer gerade sein will. Der Faden der Intuition leuchtet ganz sachte. Er taucht leise auf, ohne Forderungen; er fühlt sich einfach richtig an. Du kannst ihn ignorieren oder sanft an diesem goldenen Fädchen ziehen. Tust du dies, führt er dich irgendwohin, was dich wiederum an einen anderen Ort führt, und so weiter. Und wenn du ihm an all die Orte folgst, an die er dich führt (sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne), dann erkennst du genau, wohin der Weg die ganze Zeit über gezeigt hat.

 

Dem goldenen Faden zu folgen bedeutet in der Tat, der eigenen Glückseligkeit zu folgen, denn dieser Pfad führt unweigerlich zu einem Zustand, in dem man einen besseren Zugang zu der angeborenen Freude des Seins hat. Aber die Reise dahin ist manchmal alles andere als glückselig. Wie der Dichter Khalil Gibran in Der Prophet schrieb: »Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr, sind ihre Wege auch schwer und steil.« Wenn du jedoch erkennst, dass die spirituelle Reise unweigerlich nichts Geringeres enthüllt als den eigentlichen Grund des Seins, die Wahrheit der Existenz, die unendliche Majestät deiner eigenen angeborenen Göttlichkeit, die sich zugleich in der gesamten Realität ausdrückt, dann zögere nicht, den Weg zu gehen, der sich dir in jedem einzelnen Augenblick anbietet. Deiner Glückseligkeit wahrhaftig zu folgen bedeutet, dass du bereit bist, ihr vollständig zugewandt zu begegnen, jede Wahrheit zu unterstützen und jede Falschheit zu verwerfen, koste es, was es wolle, um deine wahre Natur zu erkennen, in ihr zu bleiben und alles in deinem Leben danach auszurichten, auch wenn dadurch eine schmerzhafte Phase in deinem Leben folgen sollte.

Mein ganz persönlicher goldener Faden

Ich hatte das Glück, mein Leben nach dieser Lehre auszurichten, und folgte vor mehr als vierundzwanzig Jahren meiner Leidenschaft. Ich hörte auf den inneren Ruf, die südasiatischen Religionen in Vollzeit zu studieren. Meine Absicht war es, die spirituellen Traditionen eingehend zu studieren, um ihre Weisheit an andere weiterzugeben. Seitdem ich diese Entscheidung getroffen habe, wurde ich auf meinem Lebensweg auf Schritt und Tritt unterstützt – solange ich auf dem Weg blieb. Alles in meinem Leben entfaltete sich mit scheinbar unfehlbarer Perfektion – solange ich mich daran erinnerte, auf die Gesamtheit meiner Erfahrung zu hören und offen zu bleiben, um die intuitiven Hinweise auf das zu erkennen, was als Nächstes kam. Oft allerdings vergaß ich zuzuhören und verfing mich in meinen eigenen Gedankenspielereien. Aber als mein Gefühl für ein separates, kontrahiertes Selbst durch die spirituelle Praxis langsam zu schwinden begann, fiel mir das Zuhören immer leichter, und meine Angst davor, dem Leben völlig zu vertrauen, ließ immer mehr nach. Meine Erfahrung bestätigt absolut Campbells Aussage: »Wenn du deiner Glückseligkeit folgst, stellst du dich selbst auf eine Art Spur, die schon die ganze Zeit da war und auf dich gewartet hat … Wo immer du bist – wenn du deiner Glückseligkeit folgst, genießt du diese Frische, diese Lebendigkeit in dir, die ganze Zeit.« Wenn du (wie ich) wirklich deiner Glückseligkeit folgen kannst, wird der Ausdruck »die Bestimmung deiner Seele finden« irrelevant (dieses Prinzip wird in Kapitel  9 behandelt). Du wirst jeden Tag im Tanz des Daseins Erfüllung erfahren, und du weißt in deinem Innersten, dass es keinen höheren Zweck zu finden gibt und auch keinen braucht.

Halbwahrheit Nr. 2

Sprich deine Wahrheit

Heutzutage ist die Wahrheit zu einer heiklen Angelegenheit geworden. Viele Menschen sind stolz darauf, »ihre eigene Wahrheit zu sagen«. Das wird dann zum Problem, wenn man nicht zunächst einmal feststellt, was Wahrheit eigentlich ist. Es scheint, als hätten viele Menschen den Eindruck, dass Wahrheit relativ sei: »Was für mich wahr ist, muss für dich nicht wahr sein und umgekehrt«. Aus meiner Sicht wird hier Wahrheit mit Glauben verwechselt. Jede*r Beteiligte an einem Ereignis bildet seine eigene Überzeugung oder Erzählung darüber aus, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass die jeweiligen Erzählungen zu hundert Prozent übereinstimmen. Da die unterschiedlichen Erzählungen jeweils auch Behauptungen über die gemeinsam erlebte Realität aufstellen, können sie nicht alle in gleichem Maße absolut wahr sein – denn die Wahrheit hat die Eigenschaft, mit den Fakten bzw. der Realität übereinzustimmen.

 

Mein Argument lautet, dass Wahrheit im Gegensatz zum Glauben von Natur aus unbestreitbar ist. Wir können zwar über die Gültigkeit einer Methode zur Wahrheitsfindung streiten, aber wenn zwei verschiedene, aber gleichwertige Methoden verwendet werden, kommen sie zum gleichen Ergebnis. Wenn zum Beispiel eine Person den Eiffelturm in Metern und eine andere Person ihn in Yards misst, wird die erste Person feststellen, dass der Turm 324 Meter hoch ist, und die zweite, dass er 354,33 Yards misst – aber diese beiden Zahlen beschreiben genau dieselbe Länge, nur nach zwei verschiedenen Maß-Systemen.

 

Objektive Wahrheiten sind solche, über die wir uns alle einig sind, wenn wir uns die Mühe machen, sie nachzuprüfen, zum Beispiel die Höhe des Eiffelturms, die Anzahl der Minuten zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort oder auch die Frage, ob die Zahl der gemeldeten Gewaltverbrechen in den letzten zehn Jahren zu- oder abgenommen hat.

 

Subjektive Wahrheiten sind nur demjenigen bekannt, der sie erlebt (zum Beispiel was du letzte Nacht geträumt hast oder ob du jetzt gerade Schmerzen im Knie hast), so gesehen sind sie unanfechtbar.

Wahrheit oder Interpretation?

Obwohl der Unterschied zwischen Wahrheit und Interpretation bei genauerem Nachdenken jedem sehr klar sein sollte, wird beides überraschenderweise immer wieder verwechselt. Noch mehr Verwirrung stiftet die Tatsache, dass viele Menschen nicht erkennen, dass ein Glaube keine Wahrheit ist, sondern bestenfalls eine Interpretation subjektiver und/oder objektiver Wahrheiten. Eine Interpretation kann einer Prüfung unterzogen werden und aufgrund dieser kann gezeigt werden, dass sie den Tatsachen mehr oder weniger genau entspricht. Aber selbst wenn eine Interpretation die Tatsachen sehr gut wiedergibt, kann sie nicht als Wahrheit an sich angesehen werden – sie ist nur eine effektivere Art, Tatsachen zu reflektieren.

 

Wenn Menschen diese drei Kategorien verwechseln: subjektive Wahrheit, objektive Wahrheit und Interpretation, dann ist das sehr belastend für jede Form von zwischenmenschlichen Beziehungen. Die ersten beiden sind unbestreitbar; über die dritte kann man nicht nur endlos debattieren, sondern auch trefflich streiten. Ich bin sicher, dass ein klares Verständnis der Unterschiede zwischen diesen drei Kategorien menschliche Beziehungen auf eine sehr harmonische Ebene bringen kann. Ich lade dich ein, diese Hypothese auf die Probe zu stellen.

 

Menschen, die ihren Gedanken Glauben schenken (die meisten von uns), neigen dazu, ihre Gedanken so auszusprechen, als wären es objektive Wahrheiten, etwas, das sie beobachtet haben. Zum Beispiel könnte jemand seinem Gegenüber sagen: »Du willst mich nicht hier haben.« Die weit weniger angreifbare Wahrheit in dieser Situation könnte jedoch lauten: »Du schenkst mir nicht so viel Aufmerksamkeit, wie ich es gerne hätte, und deshalb denke ich, dass du mich nicht hier haben willst, und ich neige dazu, diesen Gedanken zu glauben, weshalb ich mich im Moment ziemlich traurig fühle.« Siehst du den Unterschied? Die zweite Aussage ist unbestreitbar, die erste ist es nicht. Die zweite Aussage ist genau deshalb unbestreitbar, weil sie die Erfahrung des Sprechers charakterisiert und nicht das vermutete Innere der anderen Person. Wir haben hier also Wahrheit (2. Aussage) versus Interpretation (1. Aussage).

 

Unsere Sprache ist so beschaffen, dass in einer Aussage wie »Ich fühle mich nicht beachtet/respektiert/gesehen« unterschwellig eine Bewertung des Gegenübers mitschwingt. Im Grunde wird behauptet, die oder der andere hätte mich nicht beachtet, was sowohl Interpretation als auch Anschuldigung beinhaltet und daher leicht zu Streit führen kann. Hingegen könnte man seine persönliche Wahrheit wie folgt formulieren: »Ich bin traurig und wütend, weil ich möchte, dass du meinen Bedürfnissen/Gefühlen/Taten mehr Beachtung und Bedeutung beimisst, als du es meiner Wahrnehmung nach derzeit tust«.

Es bedarf sehr großer Genauigkeit, um wahrhaft widerspruchsfreie Aussagen zu machen

Um wirklich unumstößliche Aussagen zu machen, hilft es, wenn man sehr differenziert vorgeht. In dem Beispielsatz gibt es den wichtigen Zusatz »… als du es meiner Wahrnehmung nach derzeit tust«. Gäbe es ihn nicht, so könnte dein Gesprächspartner antworten: »Aber deine Gefühle sind mir doch wichtig!«, und damit das Thema verfehlen. Durch den Zusatz wird betont, dass in dem Moment nicht spürbar ist, dass die andere Person deinen Gefühlen, Bedürfnissen und Werten Bedeutung beimisst – es kommt nicht bei dir an. 

 

Urteile, Interpretationen und Bewertungen helfen uns nicht, einander zu verstehen, unumstößliche Wahrheitsaussagen schon. Um wirklich unumstößliche Aussagen zu machen, muss man sehr differenziert vorgehen.

 

Wenn du effektiv kommunizieren, Kontakte knüpfen und Verbindung zu jemandem schaffen willst, solltest du sicherstellen, dass du ein tatsächliches Gefühl benennst, wenn du sagst: »Ich fühle …« Es sollte nicht um eine verdeckte Bewertung der Handlungen einer anderen Person gehen. »Ich fühle mich verraten« ist kein Gefühl – »ich fühle maßlose Wut/Enttäuschung« schon. Das Wort fühlen wird heutzutage leider häufig dazu verwendet, um das zu bezeichnen, was man für eine gültige Beschreibung der Handlungen eines anderen hält.

 

Aber die Sache ist die: Jede*r von uns kann die Wahrheit nur aus einer Ich-Perspektive artikulieren, nicht aus einer Du-Perspektive. Eine Aussage, die mit dem Wort »du« beginnt (das heißt die Bewertung einer Situation mit einem Subjekt der zweiten Person), ob explizit oder verschleiert, setzt zumeist voraus, dass wir die Handlungen, Erfahrungen oder die Perspektive einer anderen Person charakterisieren, etikettieren oder bewerten, wozu wir nicht legitimiert sind. Es ist unmöglich, eine wahrheitsgemäße Aussage zu treffen, wenn man die subjektive Erfahrung oder Perspektive einer anderen Person charakterisiert, es sei denn, man kennzeichnet sie eindeutig als Spekulation (zum Beispiel »Ich vermute, dass du dich über das, was ich gesagt habe, aufregst« oder »Ich grüble darüber, dass du mich vielleicht betrogen hast«).

Unbestreitbare Wahrheiten

Betrachten wir also einige weitere Beispiele, in denen wir strittige Urteile in persönliche Wahrheitsaussagen umwandeln:

»Du bist sehr respektlos« könnte bedeuten: »Ich finde es frustrierend, wenn du mich unterbrichst, und es fällt mir schwer zu glauben, dass du meine Meinung überhaupt respektierst.«

»Immigranten kann man nicht trauen« könnte bedeuten: »Ich habe schlechte Erfahrungen mit einigen Leuten gemacht, die meine Sprache nicht sehr gut sprechen, deshalb fühle ich mich in der Nähe von Leuten nervös, die so aussehen oder klingen wie sie.«

»Trump-Wähler sind dumm« könnte bedeuten: »Wenn ich mir die Begründungen der Leute anhöre, warum sie für Trump gestimmt haben, finde ich sie weder ansprechend noch überzeugend.« [Ähnlich könnte die Aussage in DACH-Ländern in Bezug auf Wähler*innen bestimmter Parteien verwendet werden.]

»Ich bin dir egal!« könnte bedeuten: »Aufgrund der Verhaltensweisen X und Y (objektiv unbestreitbar) erzählt mir mein Verstand die Geschichte, dass ich dir egal bin, und im Moment fällt es mir schwer, das nicht zu glauben.«

»Ich bin so ein Idiot, ich werde nie gut genug sein« könnte bedeuten: »Wenn die Leute wütend auf mich sind und sagen, ich hätte mich anders verhalten sollen, schäme ich mich und bin entmutigt, weil ich nicht weiß, ob ich ihren Erwartungen gerecht werden kann.«

Vielleicht gehörst du zu den Leuten, die bei den zweiten Aussagen in den genannten Aufzählungspunkten mit den Augen rollen. Aber es ist genau dieses Vorurteil, das wir gegen offene, ehrliche und peinlich genaue Aussagen haben, das zu Konflikten und Leid in unseren Beziehungen führt. Wenn wir lernen können, wahre und unumstößliche Aussagen in der ersten Person zu machen, anstatt anfechtbare Interpretationen zu verwenden, die sich auf die zweite oder dritte Person (du und die da) konzentrieren, kann das unsere Beziehungen radikal zum Besseren verändern.

Wahrheitsgehalt hat nichts mit Sympathie zu tun

Wenn beispielsweise jemand, der sonst eher zurückhaltend ist, seine Meinung mit Nachdruck äußert (»Sie sind sehr respektlos!«) gegenüber jemandem, den er als aggressiv empfindet, sind wir versucht, ihm zu applaudieren, und das in gewisser Weise zu Recht. Es ist wunderbar, wenn jemand lernt, sich zu behaupten. Aber in diesem Beispiel wird nicht wirklich die Wahrheit gesprochen, denn respektlos ist eine Interpretation der Tatsache, nicht die Tatsache selbst – egal wie gut begründet man die Interpretation findet. Das, was als respektvolles Verhalten gilt, ist übrigens von Kultur zu Kultur unterschiedlich. So gilt beispielsweise das Unterbrechen eines Sprechenden in Italien nicht als unhöflich, in Japan aber sehr wohl. Wir können den Wahrheitsgehalt einer Aussage nicht danach beurteilen, wie viel Sympathie oder Empathie wir für den Sprecher oder die Sprecherin empfinden, sonst verlieren wir aus den Augen, was Wahrheit bedeutet.

 

Wenn unsere nun endlich auch einmal durchsetzungsfähige hypothetische Person einfach nur die Genugtuung verspüren möchte, die andere Person zurechtzuweisen, dann wäre es aus ihrer Sicht ein Schritt in Richtung Selbstschutz oder Selbstbehauptung, wenn sie ihre Bewertung ausspricht. Wenn sie jedoch auf eine dauerhafte Verbesserung der Beziehungen zu ihrem Gesprächspartner hofft, muss sie sich geschickter ausdrücken und unbestreitbare Aussagen in der ersten Person verwenden, wie oben beschrieben. Wenn eine Person sich kritisiert fühlt, ist die häufigste Reaktion eine sofortige Verteidigung: »Ich habe nur einen Scherz gemacht!« Oder eine Ablehnung: »Sei nicht so empfindlich.« Solange die Person sich verteidigt oder abwiegelt, hört sie dir nicht zu und geht nicht auf deine Erfahrungen ein.

 

Meiner Meinung nach gibt es nichts Wichtigeres für erfolgreiche zwischenmenschliche Beziehungen als subjektiv wahre Ich-Aussagen. Wenn wir in tatsächlich unbestreitbaren, authentischen Wahrheiten sprechen können, kommen wir schnell zum Kern der Sache und können ein produktives Gespräch führen, anstatt geistige und emotionale Energie mit endlosem Streit über strittige Interpretationen zu verschwenden.10

Effektive Kommunikation

Hier ein Beispiel für eine Aussage voller unbestreitbarer Wahrheiten, die wahrscheinlich zu einer effektiven Kommunikation und menschlichen Verbindung führt:

»Als ich heute Morgen in die Küche kam und den Stapel schmutzigen Geschirrs in der Spüle sah [objektiv unbestreitbar], fühlte ich mich frustriert [subjektiv unbestreitbar]. Es ist mir so wichtig, morgens in eine saubere Küche zu kommen [subjektive Wertaussage, ebenfalls unbestreitbar], und ich mache mir Sorgen, dass dieses Bedürfnis wahrscheinlich nicht erfüllt werden wird [subjektiv unbestreitbar]. Wärest du bereit, dich zu verpflichten, dass wir uns jeden Abend vor dem Schlafengehen mit dem Abwasch abwechseln [konkrete, umsetzbare Bitte]?«

Es ist wirklich wichtig, dass du unmissverständliche Aussagen in der ersten Person verwendest, auch wenn du natürlich die Worte so wählst, dass sie dir entsprechen. Vergleichen wir nun den obigen Absatz damit, wie solche Gespräche bedauerlicherweise allzu oft ablaufen.

A: Was ist los, was stört dich?

 

B: Ich bin es leid, mit jemandem zusammenzuleben, der sich nicht um meine Bedürfnisse kümmert, das ist alles.

 

A: Wovon redest du?

 

B: Du hinterlässt in der Küche immer ein Chaos! Warum bist du so ein Schlamper? Kannst du vielleicht auch mal an andere Menschen denken und etwas Rücksicht nehmen?

 

A: Das musst du gerade sagen! Du gräbst immer nur nach meinen Fehlern! Warum hörst du nicht auf, so ein pingeliger Sauberkeitsfanatiker zu sein? Ich möchte auch mal in Ruhe gelassen werden.

Die Verwendung unbestreitbarer Aussagen entspricht nicht nur eher der Wahrheit, sondern führt auch zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, dass die eigenen Bedürfnisse erfüllt werden. Das liegt am Satya-Prinzip (das sowohl im Yoga als auch im Buddhismus gilt). Es besagt, dass im wirklichen Leben (nicht im Kino oder in der virtuellen Welt) die Wahrheit immer die effektivste langfristige Strategie ist, um die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen – wenn man nur erkennen kann, was die Wahrheit tatsächlich ist.

»Ich«-Aussagen

Ich empfehle dir, dich eine Zeit lang darin zu schulen, objektive und subjektive Wahrheiten klar zu unterscheiden und dafür zu sorgen, dass beide in unanfechtbaren Aussagen zum Ausdruck gebracht werden. Das kann dir viel Herzschmerz und Kopfzerbrechen ersparen. Teste deine Aussagen mit einem Freund, der das Spiel mitspielt, bevor du sie bei der Person anwendest, um die es geht. Denke daran, dass objektive Wahrheiten Dinge sind, auf die sich alle einigen können, die mit den Tatsachen vertraut sind – abgesehen von denen, die in böser Absicht argumentieren, ein Phänomen, das leider immer mehr zunimmt. Subjektive Wahrheiten, die für das menschliche Wohlergehen oft wichtiger sind als objektive, sind individuelle Wahrheiten, die in »Ich«-Aussagen dargestellt werden, und sie fallen in die folgenden Kategorien:

Empfindungen

Gefühle

Bedürfnisse

Sehnsüchte

Werte

Je mehr du dich mit solchen Kategorien auseinandersetzt, desto größer wird dein Wortschatz und desto treffender wirst du deine Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken können, ohne ein Urteil oder eine Bewertung abzugeben.

Wahrheit zu Nr. 2

Wahrheit versus Meinung

Das Beurteilen, Diagnostizieren, Etikettieren oder Pathologisieren einer anderen Person hat überhaupt nichts damit zu tun, dass du »deine Wahrheit sprichst«. Deine subjektive Wahrheit ist per definitionem genau der Bereich, den andere gar nicht kennen können: deine Empfindungen, Gefühle, Bedürfnisse, Wünsche und Werte. Und es sollte verständlich sein, dass »deine Meinung« über etwas Verifizierbares oder Falsifizierbares im Bereich der gemeinsamen Realität nicht dasselbe ist, wie »deine Wahrheit«. Es ist eine gute Angewohnheit, jedes Mal, wenn du Gedanken und Meinungen, die sich auf unsere gemeinsame Erfahrung beziehen und diese gegebenenfalls beeinträchtigen, so formulierst, dass sie eben nicht unumstößlich wirken, sondern immer auch zur Debatte stehen können. Dabei sind manche Meinungen nachweislich stichhaltiger als andere, weil sie besser durch Beweise untermauert sind.

 

Das Recht auf eine eigene Meinung schließt nicht das Recht ein, diese in jedem Fall auch zu äußern. Jeder Mensch hat das gleiche Recht auf seine Meinung, und jede*r hat das gleiche Recht, zu denken, was sie oder er will. Mach dir jedoch immer bewusst: Sobald du eine Meinung laut äußerst, ist sie nicht mehr privat, nicht mehr »deine Wahrheit«, vielmehr stellst du sie gleichsam in die Arena des gemeinsamen Diskurses, und sie wird Teil unseres gemeinsamen Ringens um »unsere Wahrheit«, um gemeinsames Verständnis von Bedeutungen der verwendeten Wörter, um intersubjektive Wahrheiten11.

 

Wahrscheinlich kennst du die Aufforderung, bis 10